Nachdem ich Farewell, my Lovely (1940), den zweiten Roman um den einsamen, trinkfesten und zynischen Privatdetektiv Philip Marlowe von Raymond Chandler (1888 – 1959) gelesen hatte, war klar, dass ich in den nĂ€chsten Wochen auch die anderen Marlowe-Krimis wiederlesen muss. Doch heute soll es um Tom Hineys Biografie zu diesem groĂen Kriminalschriftsteller gehen.Â
Hiney liefert mit den ca. 300 Seiten seiner Chandler-Biografie einen knackigen und informativen Abriss, bei dem sich der Biograph nicht in den Vordergrund drĂ€ngelt, bietet doch schon das Leben Chandlers genĂŒgend Stoff fĂŒr mehrere Romane:
Chandler wird 1888 in Amerika geboren, sein Vater ist Alkoholiker, der die Familie frĂŒh verlĂ€sst. Als SiebenjĂ€hriger kehrt er mit seiner mittellosen Mutter zurĂŒck in deren Heimat nach Ireland. Verwandte unterstĂŒtzen sie und ein Onkel finanziert, wenn auch nur mĂ€Ăig begeistert, schlieĂlich den Besuch der Privatschule Dulwich College in London, deren Direktor A. H. Gilkes einen unauslöschlichen Eindruck auf seine SchĂŒler hinterlĂ€sst.
Gilkesâ relentless sense of integrity could at times be excessive. P. G. Wodehouse, who left Dulwich in the year of Chandlerâs arrival, remembered the Master as the sort of man who would approach him after a good cricket performance and say âFine innings, Wodehouse, but remember we all die in the end.â (S. 14)
Ein Studium mag der Onkel dem begabten Neffen dann doch nicht finanzieren. Allerdings unterstĂŒtzt er lĂ€ngere Auslandsaufenthalte in Deutschland und Frankreich, sodass Raymond beide Sprachen lernt. Das wiederum hilft ihm, neben der Tatsache, dass er die britische Staatsangehörigkeit angenommen hat, 1907 den Einstellungstest fĂŒr den öffentlichen Dienst als Drittbester von mehreren hundert Kandidaten zu bestehen. Doch in seiner ersten Stelle im Marineministerium hĂ€lt Chandler es nur ein paar Monate aus; statt solider TĂ€tigkeit im Staatsdienst folgt eine Phase verschiedenster Jobs, z. B. als Journalist, er mag sich nicht unterordnen und langweilt sich schnell. Vergeblich hofft er, als Dichter Anerkennung zu finden.Â
Chandlerâs early poetry, with few exceptions, is most remarkable for the fact that he managed to have it published – for payment – in reputable magazines. (S. 25)
Sein Onkel, der ihm unmissverstĂ€ndlich klargemacht hat, dass es nun Chandlers Aufgabe sei, sich auch finanziell um seine Mutter Florence zu kĂŒmmern, borgt ihm ein letztes Mal Geld und so reist der 24-jĂ€hrige Chandler 1912 nach Amerika. WĂ€hrend der Schiffsreise lernt er eine der reichsten Familien Los Angeles kennen, was ihm zu weiteren Kontakten und einer kulturellen Anlaufstelle fĂŒr seine Freizeit verhelfen sollte. SchlieĂlich lĂ€sst er seine Mutter nach San Francisco nachkommen, jobbt in allen möglichen Bereichen, belegt erfolgreich einen Kurs in Buchhaltung und arbeitet lĂ€ngere Zeit in der Buchhaltung einer Molkerei. 1913 dann der Umzug nach Los Angeles.
1917 meldet er sich zur Armee und kĂ€mpft wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges auf kanadischer Seite in Europa. Er erlebt, wie er als einziger aus seiner Einheit einen Angriff der Deutschen ĂŒberlebt. SpĂ€ter wird er sich nur ganz selten zu seinen Kriegserinnerungen Ă€uĂern. Nach Kriegsende beginnt er eine AffĂ€re mit der 18 Jahre Ă€lteren Pearl Eugenie Pascal, die er immer nur Cissy nannte und die sich ihm gegenĂŒber lange 10 Jahre jĂŒnger ausgegeben hat, als sie tatsĂ€chlich war. Cissy lĂ€sst sich fĂŒr ihn von ihrem zweiten Ehemann scheiden, doch erst als Chandlers Mutter gestorben ist, ist der Weg fĂŒr die EheschlieĂung 1924 frei. Die beiden bleiben bis zu Cissys Tod zusammen, sie war sein Halt, sein Idol, selbst seine AffĂ€ren und sein Alkoholismus, dem Chandler immer nur phasenweise abschwor, Ă€nderten daran nichts.Â
Ab 1922 arbeitet er sich in der rasch florierenden Ălfirma Dabney Oil Syndicate hoch und fĂ€ngt an, richtig viel Geld zu verdienen. Ab den spĂ€ten zwanziger Jahren lĂ€uft seine Trinkerei völlig aus dem Ruder. Er zieht in ein Hotel, da Cissy seine AffĂ€ren und seine Sauferei nicht mehr ertrĂ€gt. Wiederholt droht er mit Selbstmord oder verschwindet mit einer der SekretĂ€rinnen von Dabneyâs ĂŒbers Wochenende. Danach sind die beiden so durch den Wind, dass schlieĂlich keiner von ihnen vor Mittwoch an der Arbeit erscheint. Er hat die ersten Blackouts und GedĂ€chtnisausfĂ€lle.
Though Chandler made scant direct record of, or reference to, these lost years, it was a period in his life on which, in his later books, he would draw more heavily than any other. The age and circumstances of his fictional character, Philip Marlowe, would be very similar to those of Chandler during the last four years of his oil career. Both men were lonely drinkers working in Los Angeles. Both were good at jobs which they found distasteful and both, to some extent, were addicted to physical danger. The unique atmosphere of early 1930s Los Angeles would also figure more strongly in Chandlerâs fiction than that of any other period, for his own instability around 1930 was mirrored by the situation in which LA found itself following the Wall Street Crash of 1929. (S. 64)
SchlieĂlich machen ihn sein stĂ€ndiges Betrunkensein am Arbeitsplatz und seine daraus entstehenden Fehlzeiten fĂŒr Dabney untragbar. 1932 wird er gefeuert. Mit seinen Ersparnissen kann er sich und Cissy eine Weile finanziell ĂŒber Wasser halten, was hilfreich ist, denn ehemalige Freunde hat er mit seinem Verhalten lĂ€ngst vergrault und weder Verwandte noch eine RĂŒckkehr nach Irland sind eine Option.
Nun kommt er – er ist inzwischen grĂŒndlich ausgenĂŒchtert – auf die ja nicht unbedingt naheliegende Idee, sein Geld mit kurzen Geschichten verdienen zu wollen, die in preiswerten, auf raschen Konsum ausgerichteten sogenannten Pulp Magazinen veröffentlicht wurden. Das konnten Horror- und Abenteuergeschichten sein, Western oder eben auch Kriminalgeschichten. Diese erschienen ihm – trotz mancher Plumpheiten – ehrlicher, aufrichtiger und besser zur Gegenwart passend als die traditionellen britischen Krimis.Â
Chandler [âŠ] was also genuinely intrigued by detective fiction and the likes of Dashiell Hammett and Gardner. American crime fiction had, since the 1920s, been throwing off the polite shackles of the genreâs English originators. The result was a tough, âhard-boiledâ and instantly popular new sub-genre. It was also a sub-genre that had found, in Black Mask, both a new platform and a mass market. (S. 75)
Sein neues berufliches Ziel geht Chandler methodisch an; er besucht einen Kurs zum Schreiben von Kurzgeschichten, kauft BĂŒcher dazu und analysiert die Geschichten, die in Pulp Magazinen veröffentlicht wurden, z. B. von Dashiell Hammett und Erle Stanley Gardner, dem Erfinder von Perry Mason.
âAnalysieren und imitieren; eine andere Schule ist nicht nötig.â (Frank MacShane: Raymond Chandler – eine Biographie, Diogenes Verlag 1984, S. 81)
Doch Chandler feilt von Anfang an lĂ€nger an seinen Texten, achtet mehr auf die Sprache als seine Kollegen, dafĂŒr weniger auf den Plot. 1933 wird seine erste Geschichte Blackmailers donât shoot in Black Mask veröffentlicht, an der er fĂŒnf Monate gearbeitet hat.
Dennoch ist das Ergebnis zunĂ€chst ernĂŒchternd.Â
It is possible to read the story half a dozen times without understanding what has taken place. This was partly arrogance on Chandlerâs part – his refusal to map out plots was largely because he considered them to be superfluous to the new realistic spirit of detective fiction. [âŠ] The plot proved to be a mess, and he was not yet sufficiently good a writer to create characters convincing enough to compensate for this. (S. 81)
RĂŒckblickend sagt er ĂŒber sein Schreiben, dass er am Anfang kaum in der Lage gewesen sei, einem Protagonisten glaubwĂŒrdig den Hut abzusetzen, ja, es habe zwei drei Jahre gedauert, bis er jemanden vernĂŒnftig einen Raum habe verlassen lassen können, und noch viel lĂ€nger, bis er es geschafft habe, eine Szene mit mehreren Figuren im Griff zu behalten.
Writing was, none the less, a form of discipline that the reforming alcoholic enjoyed. Chandler grew fascinated by the mechanics of fiction, and even experimented with the physical process of typing⊠(S. 72)
Sein Leben lang wird er schmale, gelbe Papierstreifen in seine Schreibmaschine einsetzen, auf denen er nur 12 bis 15 Zeilen tippen kann.Â
It was a trick, he discovered, which forced him to put âa bit of magicâ on to each small sheet; be it an image, description or wisecrack. (S. 72)
Irgendwann ist er das Zugpferd des Black Mask Magazine, das sich immer stĂ€rker auf Detektiv- und Kriminalgeschichten konzentriert. Doch richtig viel Geld lĂ€Ăt sich fĂŒr Chandler nicht damit verdienen. Seine finanziellen UmstĂ€nde sind lange ausgesprochen drĂŒckend, weil er einfach nicht schnell genug Geschichten nachliefert. Er schreibt mehrere Monate an einem Text, wĂ€hrend andere ihre Geschichten zum Teil in nur wenigen Tagen runterschreiben. Auch als er fĂŒr mehrere Magazine schreibt, die zum Teil wesentlich besser als Black Mask bezahlen, verdient er nicht wirklich gut. Und die Konkurrenz ist riesig: Allein in New York gab es um die 300 Autoren, die fĂŒr die Pulp Magazine schrieben, dazu kamen noch einmal ca 1000, die woanders lebten.
Doch 1938 wendet sich das Blatt. Ein New Yorker Literaturagent zeigt dem Verlagshaus Alfred Knopf einige Geschichten von Chandler. (Hier wird Àrgerlicherweise die Rolle von Blanche Knopf wieder völlig ignoriert). Jedenfalls teilt Knopf mit, dass er Interesse daran habe, einen Roman von Chandler zu lesen.
Und so erscheint 1939 sein erster Roman The Big Sleep. Wie bei fast allen seinen Kriminalromanen hat er darin mehrere seiner alten Geschichten aus dem Black Mask Magazine recycelt. Doch der Erfolg, auf den Knopf und Chandler gehofft hatten, stellt sich nicht ein. Erst kurz vor der Veröffentlichung des vierten Marlowe-Romans Lady in the Lake 1943 erlaubt Knopf eher resigniert auch Abdrucke in Pulp Magazinen und eine Taschenbuchausgabe. Doch nun passiert, womit keiner mehr gerechnet hat. Alle Marlowe-BĂŒcher verkaufen sich wie geschnitten Brot, selbst die Hardcover-Ausgaben sind auf einmal erfolgreich. Das Problem dabei, Chandler fĂ€ngt wieder an sich zu langweilen und weiĂ nicht recht, was er in Zukunft tun will.Â
Da kommt im Mai 1943 ein Anruf der Paramount Studios. Sie bieten ihm an, zusammen mit Billy Wilder das Drehbuch fĂŒr die Verfilmung von Double Indemnity nach der Romanvorlage von James M. Cain zu schreiben. Chandler sagt zu.
Just as he had done with the oil business in the 1920s, Chandler was about to enter a booming American industry at the optimum moment. The post-Depression, pre-television 1940s would turn out to be one of Hollywoodâs greatest (and richest) decades. This had much to do with the continuing war, which was providing the American movie industry with a captive market, both at home and abroad. (S. 134)
Die enge Zusammenarbeit mit Wilder findet Chandler – nach den langen Jahren der sozialen Isolation – ausgesprochen schwierig. Er fĂ€ngt wieder an zu trinken und glaubt, dass niemand das bemerkt. Dazu kommen die Probleme mit der Filmzensur, die sich die bekannteren Drehbuchschreiber bei der Romanvorlage von Cain nicht hatten antun wollen. Dennoch wird Double Indemnity ein Riesenerfolg. Chandler wird nun als fester Drehbuchschreiber engagiert und schwimmt in Geld.
Doch spĂ€testens bei der Arbeit am Drehbuch zu The Blue Dahlia wird Chandler wieder zu einem alkoholischen Wrack. Er will die Arbeit zwischenzeitlich nicht mehr fortfĂŒhren und erpresst von seinen Auftraggebern, die Angst hatten, dass ansonsten das ganze Projekt scheitern wĂŒrde, schlieĂlich Bedingungen, die noch keinem anderen Schreiber eingerĂ€umt worden waren. Er setzt durch, dass er von zu Hause aus arbeiten kann, stĂ€ndig zwei Cadillacs vor der TĂŒr stehen, um Manuskripte zum Studio oder ihn oder Cissy zum Arzt zu bringen. Sechs SekretĂ€rinnen wĂŒrden sich jeweils in Zweierschichten bei der Arbeit ablösen. Auch ein Arzt solle bereitstehen, um ihm Vitaminspritzen zu verabreichen, da Chandler wĂ€hrend seiner Trinkexzesse nichts aĂ. Chandler sĂ€uft also, schlĂ€ft und schreibt. Das Drehbuch wird beendet und The Blue Dahlia wird 1946 zu einem der erfolgreichsten Kinofilme in GroĂbritannien. Chandler strickt dann eifrig an der Legende, dass er nur das Trinken wieder begonnen habe, um das Projekt zu einem rechtzeitigen Abschluss zu bringen. Die Zensoren bemĂ€ngeln dann auch die ĂŒbermĂ€Ăige ErwĂ€hnung alkoholischer GetrĂ€nke im Drehbuch.Â
1946 wird er von Paramount gefeuert. Wieder wegen seines Alkoholmissbrauchs und der Tatsache, dass er schlicht nicht mehr zur Arbeit erscheint. Chandler und Cissy ziehen um nach La Jolla, wo sie die nÀchsten neun Jahre leben werden.
Ab Mitte der vierziger Jahre beginnen Kritiker zunehmend, sich ernsthaft mit den Kriminalromanen um Marlowe zu beschĂ€ftigen. WĂ€hrend einige befĂŒrchten, dass Chandler der Hochkultur erheblichen Schaden zufĂŒge, weil er nun auch von intelligenten Leuten gelesen werde, sehen besonders britische Kritiker und Schriftstellerkollegen wie Stephen Spender, J. B. Priestley, William Somerset Maugham und W. H. Auden Chandler nicht lĂ€nger als Vertreter billiger Unterhaltungsliteratur, sondern als ernstzunehmenden Schriftsteller an, dessen Romane als Kunstwerke gelesen werden mĂŒssten. Chandler interessiert das nur mĂ€Ăig, er hĂ€lt ohnehin die meisten Kritiker fĂŒr Menschen, die nicht schreiben können, keinen Kontakt zum Leben der Normalsterblichen hĂ€tten und sowieso schon halb tot seien. Und um ihre eigene Daseinsberechtigung nachzuweisen, wĂŒrden sie stĂ€ndig Interpretationen liefern, auf die auĂer ihnen kein vernĂŒnftiger Mensch komme. Aber es freut ihn natĂŒrlich, dass er anscheinend sein Ziel erreicht hat: aus einem heruntergewirtschafteten Genre etwas Neues geschaffen zu haben, ĂŒber das sich die Intellektuellen in die Haare kriegen. Seine eigenen Ansichten zur Literatur veröffentlicht er ab Mitte der Vierziger immer wieder auch in AufsĂ€tzen, die beispielsweise in The Atlantic erscheinen.
1949 erscheint Little Sister, sein fĂŒnfter Marlowe-Roman.Â
1950 beginnt die Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock. Sie wollen Strangers on a Train nach dem Roman von Patricia Highsmith verfilmen. Doch Chandler ĂŒberwirft sich mit Hitchcock, beschimpft ihn als âfetten Bastardâ und wird mal wieder gefeuert.
1953 erscheint The Long Goodbye, sein sechster Roman um Marlowe.
Dann, 1954, die groĂe Katastrophe, von der sich Raymond Chandler nicht mehr erholen sollte. Nach jahrelangem Leiden an einer Lungenfibrose stirbt seine geliebte Cissy im Alter von 84 Jahren, um die er sich in ihren letzten Monaten aufopfernd gekĂŒmmert hat.
For thirty years, ten months and four days, she was the light of my life, my whole ambition. Anything I did was just the fire for her to warm her hands at. That is all there is to say. (S. 214)
Mit Cissys Tod geht ihm der letzte Halt verloren. Er schafft es nicht einmal, ihre Asche zu bestatten. Er verkauft sein Haus. Es folgen AlkoholabstĂŒrze, Sanatoriumsaufenthalte, Selbstmordversuche, diverse UmzĂŒge, lange Englandaufenthalte und zweifelhafte Versuche, sich mit anderen Frauen und HeiratsantrĂ€gen zu trösten. Seine Freunde versuchen alles, um ihn zu stĂŒtzen, abzulenken und unternehmen sogar Reisen mit ihm. Â
Chandlerâs self-control continued to fall away in the loneliness into which he had plunged after Cissyâs death. He made desperate midnight phone calls to people he had only ever known by letter. He was drinking constantly. (S. 217)Â
Dennoch schafft es Chandler irgendwie, Playback, seinen letzten Marlowe-Roman fertigzustellen, der 1958, ein Jahr vor seinem Tod erscheint. 1959 stimmt Helga Greene, seine fast 30 Jahre jĂŒngere britische Literaturagentin, seinem Heiratsantrag zu. Chandler besteht darauf, bei ihrem Vater formell um ihre Hand anzuhalten, was dieser ausgesprochen ungnĂ€dig aufnimmt. Beleidigt reist er nicht mit Helga zurĂŒck nach London, sondern verkriecht sich in La Jolla und trinkt und vernachlĂ€ssigt sich so lange, bis er mit einer LungenentzĂŒndung ins Krankenhaus eingeliefert wird, an der er drei Tage spĂ€ter stirbt. Greene wird damit – nach einem vor einem Gericht ausgetragenen Erbschaftskrieg – seine alleinige Erbin und Nachlassverwalterin.
Es war ein trister, anonymer Tod fĂŒr einen Mann, der mit seinem Witz und seiner Klarsicht die Literatur so bereichert hatte. Die Zeitungen brachten lange, anerkennende Nachrufe. Die Londoner Times stellte fest: âEr gehört mit Sicherheit zu dem knappen Dutzend Kriminalschriftsteller, die zugleich auch Neuerer und Stilisten waren; die, in den gewöhnlichen Erzminen der Kriminalschriftstellererei arbeitend, das Gold der Literatur zutage förderten.â (MacShane in seiner Biografie von 1976, S. 428)Â
Was die Biografie Hineys neben der Lebensgeschichte Chandlers so ansprechend vermittelt, ist der zeitgeschichtliche Hintergrund, der einen die Romane um Philip Marlowe noch einmal anders lesen lĂ€sst. Die Zeit der Prohibition (1920 – 1933), in der laut Chandler mehr getrunken wurde als je zuvor (siehe dazu auch die Seiten 66 ff), der Ălboom in Kalifornien, dann 1927 der groĂe Korruptionsskandal um die Julian Petroleum Corporation, bei dem Tausende von Anlegern um ihre Ersparnisse gebracht wurden.Â
Man versteht nach der LektĂŒre dieser Biografie besser, warum es in den Marlowe-Krimis von korrupten Polizisten wimmelt. Nicht nur das viel zu rasche Bevölkerungswachstum ist fĂŒr die steigende KriminalitĂ€tsrate in Los Angeles verantwortlich. Die Polizei ist fĂŒr ihre GewalttĂ€tigkeit berĂŒchtigt und bei den rassistischen Ausschreitungen der Zoot Suit Riots von 1943 werden die Opfer bestraft, nicht aber die TĂ€ter. Das organisierte Verbrechen wird wohlwollend geduldet und gedeiht unter den Augen der Polizei ganz prĂ€chtig.Â
In 1937, a federal grand jury investigation discovered that no less than 600 brothels and 18,000 unlicensed bars were operating under the noses of LAPD officers. It also confirmed in its report that âa portion of the underworld profits have been used in financing campaigns of city and county officials in important positions ⊠The District Attorneyâs office, Sheriffâs office, and the Los Angeles Police Department work in complete harmony and never interfere with ⊠important figures in the underworldâ. (S. 89)
Selbst der oberste Polizeichef von Los Angeles, James Edgar Davis, steckte in der Tasche der einflussreichen Wirtschafts- und Unterweltbosse.
Besonders interessant fand ich die AusfĂŒhrungen zur Rolle der Filmzensur in Hollywood.
DrehbĂŒcher mussten nĂ€mlich vorab eingereicht und genehmigt werden, um allen möglichen und unmöglichen Bedingungen zu genĂŒgen. StĂ€ndig mussten Szenen umgeschrieben und Details verĂ€ndert werden. Unter dem Einfluss der katholischen Kirche und weiterer sittenstrenger VerbĂ€nde war 1934 Schluss mit der kĂŒnstlerischen Freiheit, was Gewaltszenen, nackte Haut und bestimmte Themenstellungen anging. Diese Periode in der amerikanischen Filmgeschichte bezeichnet man als Pre-Code.
Doch ab 1934 wurde der Production Code fĂŒr alle amerikanischen Filmunternehmen verbindlich. Dessen Regelungen zielten darauf ab, auch KriminalitĂ€t, SexualitĂ€t und politische Inhalte moralisch einwandfrei darzustellen. Eine treibende Kraft bei der Durchsetzung des Production Code war die katholische Kirche, die andernfalls mit Boykottaufrufen drohte, was jeden Film zu einem wirtschaftlichen Reinfall gemacht hĂ€tte. So mussten die Studios nicht nur die DrehbĂŒcher vor Drehbeginn einreichen, sondern auch Fotos beilegen, die zeigen sollten, wie lang die KostĂŒme der Schauspielerinnen waren. Am liebsten wurde es gesehen, wenn die Filme die Möglichkeiten des Mediums nutzen, um der charakterlichen Erbauung des Zuschauers zu dienen. Auch die Wortwahl wurde ĂŒberwacht, möglichst keine FlĂŒche und so wenig Slang wie möglich. Helden durften nicht zu feminin wirken und es durfte nichts Kriminelles gezeigt werden, was man als Zuschauer vielleicht hĂ€tte nachahmen können. So wurde beispielsweise beanstandet, dass ein Verbrecher, um keine FingerabdrĂŒcke zu hinterlassen, im Film Handschuhe tragen sollte. Kein Wunder, dass sich da Chandlers Filme kaum werkgetreu verfilmen lieĂen⊠Erst 1967 wurde der Production Code abgeschafft. Â
Das letzte Kapitel setzt sich mit Chandlers Rezeption nach seinem Tod und mit seinem angeblichen Antisemitismus und seinem Rassismus auseinander.Â
Zum Abschluss meiner wieder völlig ausgeuferten Buchvorstellung ein Zitat des groĂen Kriminalschriftstellers:
I wish to God that Hollywood would stop trying to be significant [âŠ] because when art is significant, it is always a by-product and more or less unintentional on the part of the creator. (S. 166)
Als musikalischen Abschluss empfehle ich fĂŒr diejenigen, die bis hierhin durchgehalten haben, Raymond Chandler Evening von Robyn Hitchcock and the Egyptians.
Anmerkung: Wer noch tiefer in die Materie einsteigen möchte, dem lege ich die ĂŒber 400-seitige Biografie von Frank MacShane ans Herz, die im Original erstmals 1976 und in der deutschen Ăbersetzung 1984 im Diogenes Verlag erschienen ist. MacShane geht stĂ€rker als Hiney auf die literarische Entwicklung Chandlers ein und beschĂ€ftigt sich mit den AnsprĂŒchen des Autors, die dieser grundsĂ€tzlich an Literatur, an sein eigenes Schreiben und seinen Stil gestellt hat. Auch die Beziehungen zu seinen Verlegern, die ganze geschĂ€ftliche Seite seines Schreibens wird genauer referiert. Dazu zitiert MacShane ausfĂŒhrlich aus den Briefen Chandlers.