O, du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen?

ImageIch habe mich gründlich getäuscht. Als ich im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckte, war ich begeistert von diesem neuen, wechselseitigen Medium. Ich glaubte, mit der Demokratisierung der Publikation habe eine neue Epoche begonnen – eine Befreiung des Denkens von der Fremdherrschaft durch die klassischen Medien. Im Internet sah ich die Chance für einen öffentlichen Diskurs in einer basisdemokratischen „Universität“, die keiner Zensur unterliegt und allen offensteht. Rückblickend wird mir jedoch klar, dass ich etwas Entscheidendes übersehen habe. Die Gesellschaft war auf diese neue Form der Öffentlichkeit nur unzureichend bis gar nicht vorbereitet.

Klassische Medien hatten über Jahrzehnte hinweg weder eigenständiges noch gemeinschaftliches Denken in der Breite gefördert; sie ermöglichten lediglich eine begrenzte Teilhabe am Diskurs, etwa in stark redigierten Leserbriefspalten. In diese von Einwegkommunikation geprägte Landschaft – hier der Sender, dort der weitgehend passive Empfänger – brachen zunächst Blogs und später Formen des Mikrobloggings ein. Plattformen wie Facebook oder Twitter machten es möglich, Gedanken ungefiltert und unmittelbar zu veröffentlichen – oft solche, die zuvor nur im privaten oder informellen Rahmen geäußert worden wären. Viele dieser Äußerungen tragen daher den Charakter des Unausgereiften: Sie entstehen schnell, ohne sorgfältige Prüfung, ohne das Durchdenken von Konsequenzen oder das Abwägen von Gegenpositionen. Die traditionellen „Filter“ des Schriftlichen – Reflexion, Struktur und Selbstkritik – werden dabei häufig umgangen.

Was die erweiterte Teilhabe am öffentlichen Diskurs betrifft, habe ich zudem unterschätzt, welche Wirkung Anonymität und digitale Distanz entfalten können. Nicht wenige Menschen scheinen damit emotional überfordert zu sein. Es entstehen Kommunikationsformen, die von Aggression, Enthemmung und Verantwortungsdiffusion geprägt sind. Aus dieser Dynamik heraus entwickeln sich Phänomene wie gezielte Diffamierung, Hassrede, sogar Drohungen oder spätpubertäre digitale Vergewaltigungen, wie jetzt am Fall Collien Monica Fernandes bekannt wurde, die im analogen Raum so kaum artikuliert werden würden oder wie im genannten Fall nur durch neue KI-Werkzeuge möglich wurden.

Meine anfängliche Zuversicht war von der Annahme getragen, dass ein offenes Kommunikationsmedium automatisch zu mehr Aufklärung, Verantwortungsbewusstsein und selbstständigem Denken führen würde. Im Einzelfall mag sich diese Hoffnung erfüllen. Insgesamt jedoch zeigt sich ein ambivalenteres Bild: Die neuen Möglichkeiten verstärken nicht nur reflektierten Austausch, sondern ebenso vorschnelle Urteile und destruktive Tendenzen.

Es bleibt daher eine offene Frage, ob es künftigen Generationen gelingen wird, die notwendigen Kompetenzen im Umgang mit diesen Medien zu entwickeln. Ebenso denkbar ist, dass die Gesellschaft noch lange mit den Nebenfolgen dieser technologischen Entwicklung ringen wird. Das Internet ist kein per se emanzipatorisches Werkzeug – sein Nutzen hängt entscheidend davon ab, wie verantwortungsvoll wir mit ihm umzugehen lernen oder ob wir es wie einen verhexten Besen gewähren lassen, der sich unserer Kontrolle entzieht und dem wir mit unseren Mitteln nicht mehr beikommen können.
(Aus: Buchkultur im Abendrot)

Haushaltsware, Welthölzer, ein Mädchen und ich

ImageNachdem ich für das Kinderbett im Schlafzimmer meiner Eltern zu groß geworden war, musste ich mit meinem fünf Jahre älteren Bruder ein Dachzimmerchen teilen. Er wird nicht allzu traurig über seinen neuen Mitbewohner gewesen sein, denn rückblickend glaube ich, dass er dort Angst hatte. Das Zimmer bot einen tröstlichen Luxus: einen Lichtschalter direkt neben dem Bett. Mein Vater hatte ihn dorthin verlegt, damit mein Bruder jederzeit Licht machen konnte, wenn nächtliches Knistern, Knacken oder Huschen ihn erschreckt hatte. Nun war er nicht mehr allein, und wir vertrugen uns im gemeinsamen Bett, obwohl er mir sonst keinen weiteren Platz im Zimmer zugestand.

So hatte ich keinen Zugriff auf die Kommode am Fußende unseres Bettes. Ich hätte ohnehin nichts mit ihr anfangen können, denn ihre drei Schubladen musste man an den Messinggriffen mühsam herausruckeln – zu schwer für meine Ärmchen. Den Inhalt der unteren Schubladen kannte ich nicht. Doch die obere sah ich einmal offen. Darin stapelte sich eine stattliche Bierdeckelsammlung und – ich wage kaum, meiner Erinnerung zu trauen – eine Sammlung von Streichholzschachteln mit bunten Bildchen. Dass es so etwas einmal gegeben hat, erscheint mir heute fast unwirklich. So lange ich mich erinnern kann, wirkten Streichholzschachteln eintönig: gelbe Zettel mit der Aufschrift „Haushaltsware 5 Pfennig“ oder blaue mit „Welthölzer“. Erst viel später begriff ich, warum die phantastischen Bildchen verschwunden und der Monotonie gewichen waren.

Im Jahr 1930 lieh sich das Deutsche Reich etwa 500 Millionen Reichsmark von einem schwedischen Unternehmer – und tilgte mit etwas so Alltäglichem wie Streichhölzern. Als Sicherheit erhielt er die Kontrolle über Vertrieb und Verkauf, das Zündwarenmonopol. Es endete erst am 15. Januar 1983, als das Bonner Finanzministerium die letzte Rate von 275.724,44 Dollar zurückzahlte. So kam es, dass der Steuerzahler der Bundesrepublik bis 1983 noch an den Kosten des Ersten Weltkriegs beteiligt war. Und kaum einer wusste das.

Die Wucht dieser Erkenntnis hätte den kleinen Jungen vor der Schublade umgeworfen, zumal 1983 noch in seiner nebulösen Zukunft lag. Einstweilen erfreute er sich ganz naiv an den bunten Bildchen auf den historischen Streichholzschachteln. Wem sie gehörten, blieb unklar. Sein Bruder konnte sie unmöglich gesammelt haben; da musste ein Vorbewohner fleißig gewesen sein. Dass der Erste Weltkrieg jene Haushaltsware-Welthölzer-Eintönigkeit hervorgebracht hatte, wusste der Junge glücklicherweise nicht.

Im Supermarkt sprach einer ins oberste Regal. Er stand wohl auf den Zehenspitzen; obwohl ich ihn nur verdeckt sehen konnte, wirkte er irgendwie gereckt. Offenbar antwortete das Regal, denn es entspann sich ein leises Frage- und Antwortspiel. Ich hörte ihn fragen: „Haben die das geändert?“ Gute Frage. Das hätte mich nun auch interessiert – die Änderung. Und was überhaupt. Immerhin konnte ich messerscharf schließen, dass mit „die“ wohl die Hersteller gemeint waren. Der Mann nahm eine Tüte aus dem Regal, betrachtete sie eingehend und schien dem Regal Bericht zu erstatten. Dann legte er sie zurück und wandte sich ab, sodass ich ihn genauer sehen konnte. Er trug Brille und Kopfhörer. Im Mund hatte er ein Streichholz oder einen hölzernen Zahnstocher. Falls es ein Streichholz war, musste es sehr alt sein – durchgekaut, ein wenig aus der Zeit gefallen. Man sieht so etwas kaum noch.

Wenn ich wüsste, ob das Regal mir auch zuhören und vielleicht sogar antworten würde, blieben Streichhölzer und Streichholzschachteln wohl noch länger mein Thema. Es war nicht das erste Mal, dass sie mir halfen, ein Gespräch zu beginnen. Wie ich als junger Mann mit einer Streichholzschachtel ein Mädchen mit grünem Rock betörte … das war in einem Weinkeller an der Ahr, und ich war schon leicht betrunken. Ich setzte mich einfach zu ihr. Sie schaute mich überrascht an, lächelte amüsiert, und ich zeigte ihr meine kleine Erfindung: eine funktional verbesserte Streichholzschachtel. Ich nahm alle Streichhölzer heraus, entzündete eines und brannte ein etwa fingergroßes Loch in die Seite der Schachtel. Dann füllte ich sie wieder und demonstrierte, wie leicht sich ein einzelnes Streichholz seitlich herausfingern ließ. Sie rundete überrascht die Augen und lachte. Wir stießen mit Weißwein an, und ich spürte, dass ich ihr Herz gewonnen hatte. Wäre ich geschäftstüchtiger gewesen, hätte ich diese Erfindung patentieren lassen. Dann hätte ich auch ein Streichholz-Monopol gehabt, nämlich mich auf diese Weise bei Mädchen interessant zu machen.

In den 1970-ern wollte ich meinen neuen Rapidographen ausprobieren und habe meine Erfindung noch gezeichnet. Aber ob es für die Patentanmeldung gereicht hätte?

Rund um den Kirchturm

Image„Wenn du so durch die Felder wanderst, siehst du hinter einem Hügel plötzlich die Spitze eines Kirchturms.“ Jeremias Coster, dubioser Professor für Pataphysik an der RWTH Aachen, räusperte sich. „Dann weißt du ohne nachzudenken…“

„… dass die Spitze nicht allein dort steht, sondern dass sich darunter eine Kirche befindet und sich ringsum ein Dorf schart. Vorausgesetzt, es ist nicht gerade in den Feldern versunken.“

„Donnerwetter! Du beendest meinen Satz, als würdest du Sekundenbruchteile in der Zukunft leben.“

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„Entschuldigen Sie mein Vorpreschen, Professor. Aber ich hatte schon mal darüber nachgedacht. Die Kirchturmspitze genügt, und mein Kopf ergänzt den Rest – Kirche, Dorf und Pipapo.“

„Genau darauf will ich hinaus. Ein Großteil unserer Wahrnehmung funktioniert so: Ein Bruchstück reicht, und wir reagieren, als hätten wir das Ganze gesehen.“

„Manchmal genügt ein Hauch, und das Urteil steht längst.“

„Und die Geschwindigkeit ist unterschiedlich. Die Bedächtigen warten ab, die Voreiligen reagieren sofort – schnell, aber nicht immer genau. Was uns einst half, Gefahren früh zu erkennen, wirkt auch anderswo. Etwa bei der Partnerwahl: Ein Blick, ein Detail …“

„… und schon steht das Urteil. Allerdings kann man sich täuschen. Zum Beispiel, wenn sie eine Kirchturmspitze als Hut trägt. Sie erwarten ein Dorf, Professor – und finden nur die Frau.“

„Tuppes! Ich mag keine Hüte. Wenn sie mir trotzdem gefällt, arrangiere ich mich eine Weile. Aber auf Dauer wünschte ich mir eine ohne Kirchturm auf dem Kopf – eine, bei der schon der Anblick ihrer Armbeuge genügt.“

„Haben Sie das erlebt, Coster?“

„Manchmal. Aber meistens war’s eine mit einem täuschenden Hut.“

Besenwagen

ImageIn dem fremden Dorf in der Ebene hätte ich niemals so einen steilen Anstieg vermutet. Er tat sich auf, als wir den Dorfplatz überquert hatten und nach rechts in eine Gasse einbogen. Urplötzlich stieß die Gasse bolzengerade himmelwärts, gepflastert mit groben Kopfsteinen, und zwar mit einer starken Wölbung in der Mitte und zu den Seiten abfallend.
„Pardauz! Ein Kuriosum, das ich hier nicht erwartet hätte!“, rief Coster, unser Wanderführer. Das Kopfsteinpflaster schien wie der Panzer einer uralten Schildkröte. In ihrer Wölbung taten sich mörderisch breite Fugen auf, und ich bedauerte jeden Radfahrer, der diese Gasse würde befahren wollen.

Nachdem wir ein wenig himmelan gestiegen waren, wich die Bebauung zurück und es taten sich Felder auf. An einem hölzernen Masten am Wegesrand klebte ein Plakat, worauf in Frakturschrift stand, dass just an diesem Abend um 19 Uhr die Tour de France vorbeikommen würde. Ich geriet in Verzückung, stellte mir vor, wie das Peloton über dieses Kopfsteinpflaster hinwegfliegen würde, dachte an die verzerrten Gesichter ausgemergelter Männer, konnte aber bei meinen Weggefährten keine Begeisterung wecken. Einer von ihnen klagte über Unwohlsein; ihm sei schwindlig, sagte er, und das Steigen mache ihm zu schaffen. Je mehr die anderen auf ihn einredeten, desto mehr bestand er darauf, umzukehren. Schließlich entschied Coster, den Rückweg anzutreten.

Während ich noch unschlüssig erwog, mit den anderen zurückzugehen und den langen Weg zum Dorf gegen Abend nochmals zu unternehmen, mahnte Coster zum Aufbruch. Unvermittelt fand ich mich zurückgelassen in der Fremde. Unschlüssig stieg ich hinab zum Dorfplatz und sah keine Seele. Das Dorf wirkte wie ausgestorben. War ich etwa in eine Wüstung geraten, und niemand außer mir würde um 19 Uhr den Anstieg säumen, wenn die Tour über das Kopfsteinpflaster hoch stürmte? Auch fiel mir auf, dass 19 Uhr um diese Jahreszeit schon spät für ein Radrennen wäre. Man müsste in der Dämmerung fahren, was in beleuchteten Städten kein Problem ist, aber hier in dieser Einöde über eine Kopfsteinpflasterpassage? Und überhaupt, wurde die Tour nicht im Sommer ausgetragen? Wo war ich nur leichtfertig hineingeraten? War ich vorgesehen als einziger Zuschauer eines Geisterradrennens?

Ich sah mich in der Dämmerung einsam an der Strecke stehen und warten. Oben am Mast direkt über dem Plakat hing ein altertümlicher Lautsprecher. Aus dessen Trichter erscholl aus weiter Ferne die hohle Stimme eines Speakers und kündigte das sich nähernde Rennen an, dann zerriss ein Knattern die Abendstille, und drei, vier, fünf Gestalten auf Motorrädern wischten vorbei, eine Trillerpfeife schrillte, ein Auto kam hupend den Berg hinauf, ein zweites, dann wieder erwartungsvolle Stille. Urplötzlich quälte sich ein einsamer Ausreißer über das Kopfsteinpflaster hinan, und was ich als schmerzverzerrtes Gesicht wähnte zu erkennen, waren das nicht die gebleckten Zähne eines Totenschädels? Mir blieb kaum Zeit mich abzuwenden, da rauschte das Peleton heran. Ich spürte es mehr als ich sah. Ein eisiger Luftzug strich vorbei, zauste meine Haare und brachte meine Beinkleider zum Flattern. Ich hörte Schneuzen, unterdrückte Rufe, sausende Fahrradketten, sah nicht hin, denn hunderte Totenschädel wären zuviel für meine angespannten Nerven gewesen. Es hätte mich umgerissen, und dann wäre ich erwacht, wie sich blanke Schädel über mich beugten, um mich in den Besenwagen zu schleppen, der am Schluss jedes Rennens fährt.

Mal wieder im Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim

ImageFrau Nettesheim
Schreiben Sie mal wieder Neues, Trithemius?

Trithemius
Bald. Es war notwendig, eine Weile Sachen aus dem Archiv ins Fenster zu stellen, weil ich sonst mit meiner aktuellen Arbeit nicht vorangekommen wäre.

Frau Nettesheim
Sonst?

Trithemius
Es galt ja, das Blog trotzdem lebendig zu halten.

Frau Nettesheim
Was hat Sie derart beschäftig?

Trithemius
Die Neubearbeitung der Buchkultur im Abendrot. Die war dringend nötig, und ich hatte die Arbeit lange vor mir her geschoben.

Frau Nettesheim
Das Dringende war mir gar nicht präsent.

Trithemius
Weil nicht Ihr Herzblut im Buch steckt, Verehrteste. Als ich das Buch 2015 schrieb, war noch keine Rede von ChatGPT. Also musste ich den Abschnitt „Der digitale Poet“ um diesen Aspekt ergänzen. Dann hatte ich ja einen neuen Hinweis zum Frakturverbot durch die Nazis. Der musste eingepflegt werden. Ein Abschnitt über Hieroglyphik und Rebus ist hinzugekommen; ein weiterer über die Entmaterialisierung der Schrift. Das Kapitel „Der frei schwebende Autor knüpft dort an. Das letzte Kapitel ist Schreiben mit dem Smartphone gewidmet. Die umfangreiche kommentierte Bibliographie im vorletzten Abschnitt fehlte auch in der ersten Ausgabe. Sie weist auf, was ich mir bei der Sichtung des jeweiligen Werks notiert habe. Alle Texte wurden sorgfältig durchgesehen und im Hinblick auf aktuelle Entwicklungen überarbeitet. Zudem findet sich neues oder neu zugeschnittenes Bildmaterial. Das Cover habe ich auch neu gestaltet.

Frau Nettesheim
Klingt nach viel Arbeit. Und das bei Ihrem Hang zur Prokrastination.

Trithemius
Was soll ich machen. Es läuft halt nicht jeden Tag gleich gut. Manchmal geht mir alles leicht von der Hand, und ziele ich auf meinen Papierkorb, gelingen mir Korbleger, manchmal bin ich so unfähig, da muss ich sogar Wörter wie Aufschieberitis nachschlagen.

Frau Nettesheim
Und? Trotzdem fündig geworden?

Trithemius
Sehen Sie doch, Sie Spötterin! Bin eigentlich schon im Februar fertig gewesen, aber musste noch Kleinigkeiten korrigieren und jeweils den Probedruck abwarten. Jetzt habe ich die Neubearbeitung veröffentlicht. Weil sie etwa 20 Seiten mehr hat als die Erstausgabe, habe ich mich zum Hardcover entschieden. Das ist zwar teurer, aber dafür lässt sich ein gebundenes Buch besser aufblättern und sieht wertiger aus. Einheit von Form, Inhalt und Preis.

ImageJules van der Ley
Buchkultur im Abendrot,
erweiterte Neuausgabe
Hardcover, 312 Seiten,
Hannover/Berlin 2026
29,95 Euro
ISBN: 978-3-565324-31-6

(Präsentation durch Handmodell via ChatGPT,
größer: Klicken!)

„Wer zwei paar Hosen hat, mache eine zu Geld und kaufe dieses Buch!“
(Georg Christoph Lichtenberg)

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Fragment des Entlegenen| 2026 | No. 65/365

D A S . K O N Z E P T . D E R . S O Z I A L E N . E N E R G I E
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Herr Eins lebt in A, Herr Zwei lebt in C, beide arbeiten in B.

Beide fahren mit dem Fahrrad zur Arbeit. Treffen wir Eins und Zwei an ihrem Arbeitsplatz in B, dann unterscheiden sie sich in einem wesentlichen Punkt, den wir ihnen nicht ansehen:
Eins hat am Morgen eine Steigung bewältigt. Er hat also ein Energieguthaben. während Zwei eine Abfahrt gefahren ist und Somit eine Energieschuld hat. Am Abend profitiert Eins von seinem Energie-Guthaben und fährt ohne Kraftaufwand nach Hause, Zwei löst auf dem Heimweg seine Energiesehuld ein und fährt bergauf. Sollten sie sich eines Tages entscheiden, auf immer am Ort B zu bleiben, verlieren sich Guthaben und Schuld scheinbar, woran wir erkennen, dass Schuld und Guthaben zwar physikalisch begründet sind, jedoch nur durch die soziale Komponente wirksam wenden.
Energieschuld und Energieguthaben sind vererbbar. Wenn unsere Vorfahren z.B. in C leben, erben wir von ihnen das Guthaben, das uns per Fahrrad z.B. ohne eigenen Kraftaufwand von C nach A bringen kann. Wollen wir nach C zurück, müssen wir durch eigene Leistung das ererbte soziale Potential wieder auffüllen. Hieraus ergibt sich, dass Menschen um so mehr ererbte soziale Energie haben, je höher sie wohnen. Wenn eine Mutter ihr Kind auf der Spitze eines Berges zur Welt bringt, so gibt sie ihm ein hohes Energiepotential mit, das Resultat der Arbeitsleistung aller Vorfahren ist, die sich vom Ufer des Meeres bis zum Gipfel des Berges hochgearbeitet haben.