Es gibt solche Bücher, die stehen über die Jahre in einer Bibliothek, genauer geschrieben in meiner, ungelesen, unberührt. Man weiß irgendwie von ihnen, daß sie da harren, sie sind vorhanden, sie könnten gelesen werden, aber sie werden am Ende doch nicht gelesen. Sie stehen, sie stauben, sie warten, sie sind sicherlich bedeutsam, weil das Feuilleton diese Werke beim Erscheinen euphorisch lobte. Und hier mache ich jetzt einen kleinen Umweg, bevor ich auf jenes Buch weiter eingehe und ich schreibe an dieser Stelle vielmehr, weshalb ich von meiner Meinung ablasse, daß Flixbusfahren schlecht und von übel sei. Es ist nicht grundsätzlich schlecht, wenn auch in vielen Hinsichten dann doch. Freilich reist es sich nicht sonderlich bequem in solchen Überlandbussen. Die Sitze sind eng, die Gänge schmal, mit Pech ißt einer Tilsiterstullen. Aber wenn man mit den richtigen Leuten reist, dann macht es doch Spaß. Es war dies eine Rückreise aus Südtirol, ein Meisterklassen-Seminar über Umberto Ecos „Der Name der Rose“, hoch in der Berglandschaft über Leifers bei Bozen, interdisziplinär: Literaturwissenschaft (postmoderner Roman), Theologie (Apokalypse, Hohelied Salomon, Armutsstreit), Kunstgeschichte und vor allem natürlich Philosophie, mithin im Blick auf Ecos Roman, der im Jahre 1327 im November in einem mittelalterlichen Kloster irgendwo in Norditalien spielt: Antike samt Aristotelesʼ Poetik samt Mittelalter mit dem Universalienstreit: „Est ubi gloria nunc Babylonia?“ [Wo ist nun Babylons Ruhm?] „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus. [Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.] (Bernhard von Cluny, De contemptu mundi)
Sieben wunderbare wie arbeitsreiche Tage auf einem architektonisch modernen und vor allem ästhetisch ansprechenden Berghof mit Lektüren, Vorträgen, Debatten wie auch den herrlichen wein- wie bierseligen Abenden mit Blick auf Bozen by night und bei köstlichem Essen, das uns zubereitet wurde, dazu abends mit Lesungen, Filmen und einem kleinen Theaterspiel.
Die Rückreise ging – gezwungenermaßen freilich – mit dem Bus, da die Trenitalia für den Abreisetag streikte. Deus vult! So standen wir am Samstag frühmorgens nach Abstieg vom Berg und Linienbusfahrt von Leifers aus samt gehörigem Fußmarsch mit Gepäck dann in Bozen in einem unwirtlichen Gewerbegebiet zu zwölft wie die Jünger Jesu in wunderbarem Südtiroler Sonnenschein und warteten auf den Flix-Bus, plaudernd und voll von Euphorie noch und zugleich melancholischem Abschied: So wird es niemals mehr sein: nach jenen so schönen Tagen hoch über dem Etschtal unter blauem Italien- und Ideenhimmel jeden Tag, in der Ferne und besonders nachts ansprechend: die Lichter des Tals. Der Flix-Bus kam, wir stiegen ein. Wir fuhren, machten nach gerade einmal zwanzig Minuten die erste lange Pause an einer dieser Tankstellen, wo noch der schlechteste italienische Kaffee besser schmeckt als alles, was man in Deutschland serviert bekommt.
Ich war relativ weit hinten im Bus plaziert, vorletzte Reihe, hinter mir die Fünferbank, auf der zwei unserer Studenten saßen, eine junge Frau und ein junger Mann, neben mir ein gemütlich-freundlicher Mitdozent, und hinten links in der Ecke auf der Rückbank eine uns unbekannte Italienerin, der wir mit unserem Gequassel vermutlich gehörig auf die Nerven gegangen sind: Deutsche, die sich wie Italiener benehmen. Denn wenn die Bamberger Philosophencrew versammelt ist, dann ist es so als ob Italien Länderspiel hat. In Brixen dann, am Autobahnhaltepunkt, stieg eine junge Italienerin zu, die sich in die Hinterbank auf ihren Platz in der Mitte setze.
Für Südtirol – um dieser Geschichte eine weitere Volte zu geben – muß man wissen, daß es sich um eine dreisprachige autonome Region in Italien handelt. Einen Exkurs in die Geschichte von Südtirol und was dies im Blick auf das Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs für diese einst zu Habsburg gehörende Region bedeutete, spare ich aus. Kurz nur: Flucht, Vertreibung der Österreicher 1918, da Italien sich wetterwendisch, bauernschlau und geschickt auf die Seite der Entente schlug und damit zu den Siegern des Krieges gehörte, und so hatte diese Niederlage ethnische Umsiedlungen, genauer gesagt Vertreibungen zur Folge – in der Geschichte nichts Neues, nur nebenbei – und in den 1960ern gab es harte Kämpfe in Südtirol bis hin zu Gewalt, damit die deutschsprachige Minderheit anerkannt würde. Was dann auch geschah. Nur soviel: die katholischen Gottesdienste in Südtirol dauern sehr lange, weil sie dreisprachig abgehalten werden. Dieses Recht hat sich die deutschsprachige Minderheit tapfer erkämpft und das ist gut so.
Schnell kamen die beiden Studenten neben ihr, da die junge Italienerin zur deutschsprachigen Minderheit gehörte, ins Gespräch. So auch ich dann irgendwann, zumal es um Kunst, Film, Philosophie und Ästhetik ging und auch etwas ums Skifahren – teils waren am Brenner die Pisten noch weiß und so fabulierte und schwärmte ich von meinen einstigen Ski-Abfahrtskünsten in Österreich in Kaprun. Wir gelangten vom Hölzchen aufs Stöckchen, es ging auch um Literatur und Intensitäten in Kunst. Und da kam diese Romanempfehlung plötzlich von ihr: ob ich John Williams mit seinem Roman „Stoner“ kenne? Nein, das tat ich nicht. Es stünde der Roman aber bei mir in der Regalreihe. Begeistert erzählte sie. In München trennten sich unsere Weg und auch die Wege der Reisegruppe, der Bamberger Gefährten. Denn für mich ging es von München weiter nach Berlin, für die anderen nach Bamberg und für die junge Frau ins Schwäbische. Als ich dann am Ende einer zwölfstündigen Reise zurück in Berlin eintraf, nahm ich nach einer kleinen Stärkung mit Pasta und Wein das Buch aus dem Regal und begann die ersten Seiten zu lesen. Erschöpft von der Reise zwar, aber es zog mich diese Prosa sofort in einen Bann. Diese ersten Sätze, welche über die Güte einer Dichtung entscheiden:
„WILLIAM STONER BEGANN 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ihm zu Ehren ein mittelalterliches Manuskript, das man dort vermutlich noch heute in der Abteilung für seltene Bücher findet. Es enthält die Widmung: ›Der Bibliothek der Universität Missouri überreicht zur Erinnerung an William Stoner, Fachbereich Englisch. Von seinen Kollegen.‹
Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.“
Was für ein Anfang! Am Sonntag und Montag las ich nach diesem Auftakt wie in einem Rausch weiter. Eine Romanfigur, die den Leser in ihrer behäbigen wie passiven und doch zugleich so weisen Art am Ende doch das richtige zu tun, nicht mehr losläßt.
Dieser Stoner ist eine der seltsamsten und zugleich sympathischsten Menschen seiner Zeit. Einer dieser heldischen Antihelden, die man niemals mehr vergißt, nachdem der Leser mit ihm zusammen durch dessen bewegtes, armes und doch reichhaltiges Leben geschritten ist, das sich, bis auf eine Hochzeitsreise nach St. Louis und eine Liebesreise in winterliche Einsamkeit vor der Stadt mit einer wunderbaren Geliebten, lediglich an der Universität von Missouri in der Stadt Columbia abspielte.
Ein Campus-Roman, so könnte man denken, aber das ist falsch. Es ist ein Roman von existentieller Wucht, der jeden Leser, der nicht tumb ist, rührt. Denn es geht darin um die Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu ergreifen (oder eben auch nicht zu ergreifen) und es trotz widrigster Umstände zu gestalten. Selbst noch durch Fatalismus und Passivität und Duldsamkeit hindurch: sehenden Auges in ein Unglück zu schlittern: das einer Ehe, darin keine Liebe herrscht. Da wird uns einer dieser seltsamen Lebenswege erzählt. Eine Art von Bartleby, ein Josef K., einer, dem Geschehnisse widerfahren, die er hinnimmt, immer wieder und der sein Dasein in einer stoischen Gelassenheit dennoch trägt. Die existentiale Wucht eines Lebens, das auch den Leser erfaßt. Dabei aber bleibt dieser Stoner, nomen est omen, doch beharrlich und in einigen wenigen Fällen sogar auch stur, wenn er sich gegen alle Widerstände der Fakultät und zu seinem eigenen Nachteil vehement weigert, beim Rigorosum einen unfähigen Doktoranden bestehen zu lassen, weil eine solche Person niemals als Hochschullehrer auf Studenten losgelassen werden dürfe. Nicht aus Prinzip, sondern um des Ethos willen opponiert Stoner, mithin eine grundsätzlich sittliche Haltung, was den akademischen Betrieb betrifft und die man sich auch für die Gegenwart vielfach wünschen würde.
Der Rezensent möchte seitenlang aus diesem Roman zitieren, um den Drive und den Sog dieser Dichtung erfahrbar zu machen, doch es ist nun einmal die Aufgabe einer Rezension, daß solches in der Sprache des Rezensenten geleistet werden muß. Ich will dies im zweiten Teil dieses Berichts tun, wenngleich ich es nicht versprechen mag. Um aber der werten Leserin und dem geneigten Leser die Zeit bis dahin ein wenig zu versüßen, gebe ich einige Bilder aus dem schönen Südtirol. (Bei Riesling o’clock in the evening extrapoliert. Time of your life. Golden Years.)































































































Nachtrag zu den Photographien: Das erste Photo ist in Berlin-Südkreuz aufgenommen, die nächsten acht auf der Fahrt von Berlin nach Bamberg, von Bamberg nach München und dann von München nach Bozen. Die Kirchenbilder sind aus Bozen, nämlich derdortige Dom die Dominikanerkirche sowie die Johannes- und die Katharinenkapelle, die Bilder mit dem Blick in die Berge sind oberhalb von Leifers vom Buchnerhof her aufgenommen.