Bürokratieabbau
Februar 20, 2026 § 7 Kommentare
Wer wie ich eher viel als lange an einem Bild malt ist ständig auf der Suche nach neuen Malgründen. Ausrangierte Bucheinbände gehen immer, und neuerdings entdecke ich Aktenordner. In einer Zeit der eher zaghaft beginnenden, teilweisen Rückbesinnung auf Materielles, und vor dem Hintergrund dampfwalzenartig vorangetriebener, angeblich unaufhaltsamer Digitalisierung werden sie haufenweise ausrangiert. Sie sind stabil, weisen eine griffige Oberfläche auf und eignen sich, auch aufgrund des Formats, hervorragend zum Bemalen mit Acrylfarbe. Im Akt der Entbürokratisierung werden sie der kulturellen Sphäre zugeführt. das sieht dann zum Beispiel so aus:


- Die Klavierspielerin (nach Pavlina Gusheva)
- Winterlandschaft (nach einem Foto aus einem ICE)
Da brennt schon Licht
Dezember 2, 2025 § Hinterlasse einen Kommentar

Die verblüffendste Definition des Unterschiedes zwischen Klassik und Jazz, die mir je zu Ohren kam. Im Jazz aktzeptieren wir, dass das Licht an ist. In der Klassik hingegen versucht man, das Licht einzuschalten. (Keith Jarrett im Interview mit Down Beat, in meiner Übersetzung) Per aspera ad astra. Durch Nacht zum Licht. Das ist Klassik prototypisch. Der Titan alias Beethoven ringt mit dem Schicksal, seine Symphonien künden davon, die Menschheit ist erleuchtet. Kommt leider wenig später Adorno um die Ecke und knipst das Licht wieder aus. Das letzte Wort hat die Dialektik, derzufolge jede Wendung zum Guten die nächste zum noch Schlimmeren einleutet (Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang…und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören – wusste schon Rilke). Kein Wunder, dass Adorno den Jazz hasste. Da brennt ja Licht, es ist helllichter Tag, die Vögel singen und Menschen grooven nur so um die Wette dass die Geburtenraten in den Himmel schießen. Aus seinen Briefen lernen wir heute, dass Adorno der Sinneslust gegenüber keineswegs abgeneigt war. Vielleicht sogar ein verkappter Erotomane. Und womöglich sind ja These und Antithese nichts anderes als Männlein und Weiblein, die sich unentwegt gegenseitig ins Paradies der Lüste schaukeln.
Das Bild ist übrigens eine Spontanimprovisation in Acryl auf dunkelgrünem Buchdeckel. In der Art wie jetzt viele gegen Ende einer Malsession entstehen, wenn noch etwas überschüssige Farbe auf eine frische Leinwand oder vielmehr auf den nächsten bereit liegenden Buchdeckel gebracht werden will.
Momentaufnahmen
November 21, 2025 § 7 Kommentare
… in der U-Bahn, im Wartezimmer, in der Kantine…



























Mir wird immer klarer, dass das Wichtigste beim Zeichnen das Weglassen ist. Sich schnell und knapp auf das Wesentliche konzentrieren. Die Vollständigkeit stellt nachher der Betrachter her. Gehirne in Menschen wollen denken, mitdenken, und sich nicht alles vorschreiben lassen. Je mehr Luft da ist, desto angenehmer das Betrachten. Scheint mir. Dabei gibt es andererseits den horror vacui. Die Angst vor der Leere, dem Nichts. Dem unausweichlichen Aufhörens alles Seins. Da hängt man sich gerne an etwas. Tröstet sich mit Vollmundigem, Prallem. Mit ausdifferenzierten Dingwelten und opulent Stofflichem. Bei mir fängts ja damit an, dass ich gerne auf etwas zeichne. Anderen den Vortritt lasse. Bedruckten Kalenderblättern, Schmierpapier, makulierten Büchern. Wie einstmals Kapellmeister Kreisler, dessen Biografie sich nur auf versehentlich in einen Roman hineingelangten Makulaturblättern überlieferte. So jedenfalls E. T. A. Hoffmanns Überlieferung. In sich versunkene Menschen, auf abgelaufene Taschenkalenderseiten gepinnt und der Zeit entrissen. Und jetzt ins Netz geworfen, das nichts vergisst. Alles dreht sich.
Zaucher Land
November 6, 2025 § 2 Kommentare
Ich legte im Besitz wünschenswertester Elastitizät mit gleichsam spielender Leichtigkeit vierzig Kilometer zu Fuß zurück und langte hier an.
Einer dieser Robert-Walser-Sätze. Man könnte nun die Lektüre des Prosastücks Der Herbst nach diesem Auftakt fortsetzen. Eigentlich ist aber schon alles gesagt. Wie in Clint-Eastwood-Western, die mal jemand auf die Formel brachte, ich reite ein in eine Stadt, und der Rest ergibt sich. Ein gutes Bild erzählt auch eine Geschichte. Das heißt, eigentlich nicht, denn die Geschichte ist zwar angelegt, aber nicht auserzählt. Das zeichnet ein gutes Bild aus. Und so zierte einmal ein saftig grüner Kunstleineneinband eine alte schwere Bibliografie. Bis ihre Tage gezählt waren und sie einer neuen Zeit weichen musste. Das in ihr gespeicherte Wissen zog sich zurück in verbliebene Exemplare, der Einband aber überlebte und wurde be- und übermalt.

Zaucher Land.
Acryl auf grünem Buchdeckel.
Klavierzelebrieren
Oktober 30, 2025 § 2 Kommentare
Reden wir über Musik…, könnte man das Gespräch beginnen. Malen wir Musik… wäre auch denkbar, kommt aber eher nicht vor. Hier schon. Bereits an anderer Stelle erwähnte ich die wunderbare Pavlina Gusheva, eine aufstrebende junge Pianistin. Für das ein oder andere Bild nutzte ich ihren instagram-Kanal bereits als Vorlage. Hier nun geht’s weiter. Für das erste Bild, Acryl auf Buchdeckel, verwendete ich die Ritz-Technik. Mit dem Stiel des Pinsels Linien gekratzt in das frisch aufgetragene und noch nicht gehärtete Acryl (genuscheltes Weiß). Nach und nach behutsam Farbe dazu:



Ähnlich beim zweiten Bild:

Pavlina spielt nicht Klavier – im Sinne dessen, was uns allen, die mal Klavierunterricht hatten, beigegebracht wurde – sie zelebriert Klavier. Ein Gesamterlebnis also für alle Sinne, ganz im Sinne Goethes, der, den Vortrag einer jungen hübschen polnischen Pianistin genießend, anschließend seinem Freund Zelter brieflich beichtete, in der Zwickmühle gesteckt zu haben, ob er sich mehr freuen soll, wenn die Pianistin weiterspielt, oder wenn sie aufsteht und auf ihn zukommt.
In meiner Blockhütte an der Aue spiele ich jetzt die Mondscheinsonate – komponiert von Beethoven übrigens gleichfalls naturnah in einer Gartenlaube -, und in das unendlich langsame Verebben der Klänge mischen sich zunehmend Stimmen der umliegenden Vögel. Es sind in der Kunst immer die Übergänge, an denen alles hängt…
Da draußen summt der Wald
September 30, 2025 § 4 Kommentare
An der Aue
September 26, 2025 § 2 Kommentare

Die raue Struktur des Buchdeckelkartons legt sich gitterförmig über das Bild, rote Stellen des originalen Buchdeckels drängen sich in den Vordergrund, sind jedenfalls kaum tot zu kriegen, die Aue wirkt angegriffen, kaum schützt der Wald dahinter. Wir haben einen Rückzugsort im Brandenburgischen erklommen, fernab der großen Stadt und so naturnah wie es nur geht. Morgens um halb sechs ist die Hölle los. Es grunzt, fiept, schnurrt, quackt, tiriliert, röchelt, schnarrt, heult, gurrt, plätschert, zwitschert, uhut und baldowert, dass sich die Balken biegen in der kleinen Blockhütte, ganz in die Ecke des Grundstücks als vorgezogener Horch- und Guckposten zur Aue hin platziert und von der Terrasse kaum sichtbar. Dort zieht nächstens ein Klavier ein, 1920 in Berlin-Schöneberg gebaut und noch so gut in Schuss, dass ich demnächst einstimmen werde in den wundersamen frühmorgendlichen Chor an diesem traumverlorenen Stückchen Erde.
Am Großen Zschirnstein
August 15, 2025 § 2 Kommentare



