„Ich verstehe nur El Barraco“ – Vom Schreiben

ImageEinst musste ich lange im Internet recherchieren, wie das spanische Dorf El Barraco geschrieben wird. Es ist nämlich so klein, dass Google es kaum fand und stattdessen „Barack Obama“ anbot. Barack Obama hat aber nichts mit El Barraco zu tun. Aus El Barraco stammte der spanische Ex-Radprofi Carlo Sastre, wie ein Sportreporter während der Tour de France 2008 erzählte, die Sastre gewann. Der Reporter behauptete, El Barraco sei ein winziges Nest, in dem sich, o Wunder, Sastre trotz seiner sportlichen Erfolge zu Hause fühlt. Vermutlich war der Reporter dem Klang des Namens aufgesessen, der irgendwie nahe legt, dass Sastre in einer grob zusammen gehauenen Hütte auf dem Lehmboden hockt.

Fein, dachte ich, wenn ich beim Schreiben eine Ersatz-Metapher brauche für „spanische Dörfer“, nehme ich „El Barraco“. Es passt auch als Ersatz für „Buxtehude“, wenn man einen unbekannten Ort im Nirgendwo meint. Angenommen du schreibst den Satz: „Ein Kerl aus El Barraco spie durch eine Zahnlücke vor meine Füße“, dann könnte man sich den Kerl ziemlich gut vorstellen und denken: Der Mann ist anschaulich beschrieben. Dabei ist die Figur nicht beschrieben, sondern nur durch ihre Zahnlücke, ihre Handlung und durch eine Namen-Metapher charakterisiert.

Eine Weile besuchte ich ein Autorentreffen in Aachen, das 14-tägig im Hinterzimmer des Cafés Schnabeltasse abgehalten wurde. In der Schnabeltasse waren dann die Tische und Stühle beiseite geräumt, denn am gleichen Abend probte ein Tangoverein. Man hatte einen Argentinier als Lehrer, mitsamt Stirnglatze und Zopf. Er schob seine jeweilige Partnerin in Zeitlupe über die Dielen, damit die drumherum stehenden Tangoschüler seine Figuren studieren konnten. Als Deutscher hat man ja keinen Tango im Blut, sondern muss ihn sich durch analytische Nachahmung draufschaffen. Bevor die Tangotänzer sich ums Tangotanzen bemühten und die Autoren nebenan ihre Texte ablasen, standen alle eine Weile vor der Theke. Natürlich konnte man Tangotänzer und Autoren deutlich unterscheiden, die Tangotänzer und Tänzerinnen sahen irgendwie besser aus. Offenbar muss man sich entscheiden, will man als Schriftsteller mit inneren Werten glänzen oder ein Tangotänzer sein mit Schmalzfrisur.

Beinahe vom Thema abgekommen. Wie schafft man es, vor dem geistigen Auge der Leserinnen anschauliche Bilder zu erzeugen? Man muss es einfach ihnen überlassen. Ein Text braucht gut kalkulierte Leerstellen, die die Leser mit eigenen Bildern füllen können. Beim Autorentreff las eine eifrige Schreiberin, der es gefiel, das Szenario ihres Textes bis ins Kleinste zu beschreiben. Die Handlung kam nicht voran. Stattdessen nahm sie uns bei den Ohren und führte uns im Raum herum, stieß uns mit der Nase hierhin und dahin und dann auch noch tief in die schmuck restaurierte, wunderbare, alte Vitrine, die sie von der Oma geerbt hat mitsamt einem süßen Service von altem Meißner Porzellan. Dass sie mich in der Vitrine nicht die Zentimeter zwischen Tassen- und Untertassenstapel per Nase ausmessen ließ, danke ich ihr noch heute. Vorne an fast allen Substantiven hingen schildernde Adjektivattribute wie Kletten, doch die überladenen Beschreibungen setzten sich nicht zu einem anschaulichen Bild zusammen. Man hatte als Leser keine Möglichkeit, sich den Raum aus der eigenen Vorstellung zu erschaffen, sondern trottete durch die geistige Karrenspur der Autorin wie ein hinterm Wagen angebundener Esel, der sich fragt: „Wann sind wir endlich da?“

Die Häufung von schildernden Adjektivattributen erzeugt Kitsch und ist müßig wie die gewollten Hüftschwünge der Tangoschüler. Man erkennt die schildernden Adjektivattribute daran, dass man sie ohne weiters streichen kann, anders als die unterscheidenden Adjektive wie groß, klein oder schwarz. Manchmal sind selbst unterscheidende Adjektive überflüssig. Eine Halle musss man nicht „eine große Halle“ nennen, denn es hallt ja in ihr, also ist sie kein Schuppen. Und wenn man die Ausdehnung der Halle zeigen will, dann ist es besser, jemanden etwas darin tun zu lassen. Der Verleger und spätere Ministerpräsident Georges Clemenceau soll in seine Redaktionen ein Schild gehängt haben, auf dem es hieß: „Wenn Sie ein Adjektiv benutzen wollen, kommen Sie in die dritte Etage und fragen mich, ob es nötig ist.“ (zitiert nach Wolf Schneider) Er war aber nichts für die Vitrinen-Frau. Sie war so verliebt in ihre Schilderung, dass man fürchten musste, jede Kritik würde sie ins Unglück stoßen. Aber im Stillen habe ich sie mitsamt Oma und dem wunderbaren Vitrinenschrank nach El Barraco geblasen. Da ist bestimmt die reine Freude ausgebrochen.

Sonnenhunger

ImageMeine Sonnenbrille muss an einem ganz dummen Platz liegen, wo ich nicht darüber stolpere und auch nicht nach ihr suchen würde. Also blieb mir heute nichts anderes als „Schattenslalom in der Stadt“ (Myriade), damit ich von der Sonne nicht geblendet würde. Ich kannte einen Mann, der das Gegenteil von Schattenslalom praktizierte. Er wollte immer in der Sonne laufen und wechselte dazu eigens die Straßenseite. Er war in jungen Jahren Bergmann gewesen. Die Finsternis untertage, nur durchdrungen von seiner Grubenlampe, hatte ihm ein gewaltiges Defizit an Licht bereitet, das mit herkömmlicher Sonneneinstrahlung nicht ausgeglichen werden konnte.

*
Als ich am Manuskript der „Jünger der Schwarzen Kunst“ arbeitete, besonders als ich über die Zeit des 3. Lehrjahrs und danach schrieb, war es hilfreich, auf die Musik der Zeit zugreifen zu können. Dabei ist mir aufgefallen, dass Streamingdienste wie YouTube, Apple music und dergleichen die gesuchten Titel oft remastert anbieten, wobei also stereo werden kann, was einst mono war, Störgeräusche herausgefiltert sind und dergleichen. Dabei sind das Unfertige der Tontechnik, das jeweilige Abspielmedium mit seinen Qualitätsmängeln längst Bestandteil der Musik geworden. Manche Titel hörte ich einst mit dem Kofferradio auf Mittelwelle, wo nur mono gesendet wurde. Die Übertragungen auf Mittelwelle waren atmosphärisch gestört. Kurz, ich wollte Popmusik genau so, weil nur das mir eine Ahnung des zeittypischen Lebensgefühls vermittelte. Remastering ist in den meisten Fällen kein Gewinn. Man ersetzt ja auch kein realistisches Gemälde durch eine Fotografie, weil die genauer ist.

Lovin‘ Spoonful – Summer In The City

Sonntagskuchen

ImageEichen sollst du weichen,
Kuchen sollst du suchen,

lernte ich als Kind. Hier wird mancher stutzen und denken, das Kind hätte sich wohl verhört. Es könnte aber auch ein Scherz sein, um dem Mythos das Gefährliche zu nehmen. Denn wer K durch B ersetzt und sich nach dieser Empfehlung richtet, könnte unter der vermeintlich sicheren Buche vom Blitz erschlagen werden. Wer stattdessen Kuchen sucht, begibt sich nach drinnen, in eine Bäckerei oder nach Hause, vorausgesetzt, dort gibt es Kuchen. Andere Mythen sind weniger gefährlich als der Rat, sich bei Gewitter unter eine Buche zu stellen.

So habe ich hier im Blog behauptet, dass Fingernägel und Barthaare nach dem Tod des Menschen weiterwüchsen, was man von Graböffnungen wisse. Dabei wusste ich nur von einer. Als nämlich in der Klosterkirche Knechtsteden eine Fußbodenheizung eingebaut wurde, öffnete man eine vergessene Gruft, worin ein mumifizierter Abt lag mit langen roten Haaren, einem wild gewachsenen Bart und langen Fingernägeln. Doch wären weder Haare noch Nägel nach dessen Tod weitergewachsen, ließ ich mich bei einer Recherche belehren. Bei der Mumifizierung schrumpele der Mensch zusammen, wodurch die nicht schrumpelnden Haare und Nägel stärker hervorträten. Man entschuldige die Distanzform, aber selbst weiß ich das nicht. Diese Erklärung entnahm ich der Zeitschrift Geo, und man hat dort gewiss nicht die Knechstedener Mumie untersucht. Könnte ja auch ein Wunder sein. Derlei tritt im Dunstkreis der katholischen Kirche gelegentlich auf.

Es könnte aber auch sein, dass ich die Knechtstedener Mumie komplett halluziniert habe, dass sie ein Traumbild ist, das jetzt als Erinnerung hervortritt. Das alles gebe ich zu bedenken, denn im Teestübchen Trithemius soll nichts Falsches stehen. Was aber nach wie vor gilt, derweil es draußen gewittert: Kuchen sollst du suchen!

Reklame … Reklame!

Image

Der geschätzte Kollege Manfred Voita hat eine lesenswerte Rezension meines Romans „Jünger der Schwarzen Kunst“ geschrieben, die ich hier bewerben möchte. Letztlich möchte ich also zum Erwerb des ebenfalls lesenswerten Buches ermuntern. Es ist ein Bildungsroman, der eine versunkene Zeit erlebbar macht. Vor gut 50 Jahren versank im grafischen Gewerbe die Technologie des Bleisatzes und wurde über Nacht durch Fotosatz und später Computersatz ersetzt. Wie eine Journalistin mir schrieb, weiß man selbst bei der Zeitung kaum noch etwas über die verschwundene Technologie, aus der die Macht des gedruckten Wortes kam, mit der die Presse groß geworden ist.

Wir Bloggerinnen/Blogger nutzen die technische Schrift, landläufig Druckschrift genannt, profitieren also von der Macht des gedruckten Wortes. Das Buch lässt ahnen, wo sie herkam.

Taschenbuch‏ : ‎ 216 Seiten, 11,99 Euro, ISBN : ‎ 9783759831675

Updates

ImageSelbst wenn ich krank und geschwächt bin, besonders wenn ich krank und geschwächt bin, zeigt mir der Blick in den Spiegel, dass sie es schon wieder getan haben. Und besonders wild haben sie es letztens getrieben, als ein grippaler Infekt mir alle Kraft abgezogen hatte. Getrieben ist hier das passende Partizip. Trotz körperlicher Schwäche haben die in der Gesichtshaut verborgenen Haarwurzeln mal wieder den Bart hervorgetrieben. Barthaare und Fingernägel verfügen offenbar über eigene Ressourcen. Selbst wenn einer tot ist, wachsen sie einfach weiter, wie man von Graböffnungen weiß. Der morgendliche Blick in den Spiegel offenbart das menschliche Update, wobei das nur ein punktueller Eindruck ist, denn lebende Körper werden ununterbrochen aktualisiert, freilich meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Ein Wunder, dass die Idee der eigenen Identität nicht ständig übern Haufen geworfen wird und man nicht denkt, man ist heute ein bärtiger Fliesenleger, nachdem man gestern ein Pferdemädchen mit glatter Pfirsichhaut gewesen ist, das Sie zu sich selber sagt. Man kann sich die Gewissheit der eigenen Identität aus in der Vergangenheit aufgenommenen Fotografien holen und weiß, ich bin’s selbst und war mal so und so.

Aber man treibt es nicht allein so wild, die ganze Welt ringsum wird ständig upgedatet (man verzeihe mir die Flexion eines Fremdworts nach deutschen Flexionsregeln), und am schnellsten updatet sich das digitale Universum. Kaum glaubst du, dich in einem seiner Winkel auszukennen, ist er tags drauf neu tapeziert, einen halben Meter tiefergelegt, und du musst, um ihn zu besuchen, eine komplizierte Abfolge von Mausklicks lernen. Konkret wundere ich mich über das derzeitige Update von WordPress und vermute, dass für die Veröffentlichung im eigenen Blog jetzt mehr Klicks nötig sind als zuvor. Während man sich damit zu arrangieren versucht, werkeln im Off bereits gelangweilte Programmierer an der nächsten Ausbaustufe, nach der niemand gefragt hat. Alles geschieht mit dem einzigen Ziel, den/die Nutzerin so lange wie möglich auf der eigenen Seite zu beschäftigen.

Meine Sparkasse hat derlei Zeitvertilger auch in ihren Reihen. Man könnte denken, die ständigen Veränderungen werden vom neoliberalen Konzept des „lebenslangen Lernens“ angetrieben. Doch wenn ich beim Internetauftritt meiner Sparkasse zuerst die Gauner-Visagen von stolz sich präsentierenden Vorständen beiseite räumen muss, bevor ich den Klickweg zum Onlinebanking finde, wird aus „lebenslangem Lernen“ der Zwang zu lebenslanger Beschäftigung mit Schwachsinn.

Ferner Donner

ImageBei Komposita kann passieren, dass drei gleiche Konsonanten zusammentreffen, beispielsweise SCHIFF + FAHRT, also zusammen SCHIFFFAHRT. Nach alter Rechtschreibung wurde dann aus eugrafischen Gründen und im Sinne der Sparschreibung der dritte Konsonant weggelassen und wir schrieben SCHIFFAHRT. Diese Regel geht auf Jacob Grimm zurück, und der hatte sie wohl bei seiner Beschäftigung mit Runen gefunden. Da Runen geritzt wurden und Ritzen eine mühselige Schreibhandlung ist, ritzten die Runenmeister nichts Überflüssiges. Heute saß ich im Café einer Bäckerei und hatte das Wort GESCHIRRRÜCKGABE in seiner ganzen Hässlichkeit vor Augen.

Die Schreibung ist korrekt, erinnert aber an einen Rachenkatarrh. Nach neuer Rechtschreibung gilt die Sparschreibungsregel nicht mehr, vermutlich weil sie zu kompliziert war, denn der Tripelkonsonant durfte nur wegfallen, wenn ihm ein Vokal folgte, bei BALLETTTRUPPE durfte nichts gekürzt werden. Ich habe noch nie eine Balletttruppe gesehen. Aber die „GESCHIRRRÜCKGABE“ sehe ich oft. Und jedes Mal mache ich mir Gedanken.

Ich musste an einen Mann in einer Soester Kneipe denken, wohin mich mal der Leichtsinn verschlagen hatte. Hinter der Theke stand eine Blondine. Auf der Rückseite ihrer hellen Jeansjacke war mit silbernen Pailletten ihr Name aufgestickt. Wir nennen sie Erika, was aber nicht ihr richtiger Name war. Erika pendelte die wenigen Schritte zwischen Zapfhahn und Stirnseite der Theke. Dort saß ein Mann, der unaufhörlich auf sie einbrabbelt.

Angenommen, du machst eine Zeitreise in das Mesozoikum und zertrittst da unachtsam einen Schmetterling wie in Ray Bradburys Kurzgeschichte „Ferner Donner.“ Dann kehrst du zurück in unsere Gegenwart, zurück in die Soester Kneipe, alles scheint wie gehabt, aber die Sprache der Menschen ist befremdlich. Sie scheint irgendwie zurückgedreht. Man schreibt wieder „GESCHIRRRÜCKGABE.“ Ach, hättest du doch nur nicht den Schmätting zertreten.

Vom Mittelmaß

ImageMan kann sich mal vertun. Gestern behauptete ich, viele Flamen würde glauben, der Erde sei eine Scheibe. Das war aber schlecht erinnert. In Wahrheit, ich habs nachgelesen, staunte man vor einigen Jahren bei der belgischen astronomischen Gesellschaft über das Ergebnis einer Umfrage unter Besuchern ihrer Sternwarte: Jeder 10. Flame glaubt, die Sonne drehe sich um die Erde, hegt also ein geozentrisches Weltbild. Es war ganz schön schlau von Galileo Galilei, vor der Inquisition nicht darauf bestanden zu haben, die Erde drehe sich um die Sonne. Warum sollte er sich auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen, wenn den Leuten noch 400 Jahre später egal ist, wer sich jetzt um wen dreht.

An etwas anderes erinnere ich mich zuverlässig. Ich kannte nämlich eine Frau, die glaubte, die Sonne käme zweimal am Tag vorbei. Dem lag dann wohl auch ein geozentrisches Weltbild zugrunde. Aber geschadet hat’s nicht.

*
Einen Spruch meiner Schwiegermutter habe ich nie richtig verstanden: „Mädchen vom Mittelmaß ziert die ganze Oberstraß.“ Man müsste, um die Bedeutungstiefe zu bestimmen, das Wort „Mittelmaß“ erhellen. Mein denkfauler Kopf will das gerade nicht. Leichter habe ich es mit „Oberstraß.“ Damit ist eine Geschäftsstraße gemeint, die sich durch das Stadtzentrum von Neuß zieht. Ich erinnerte mich schwach, dass an der Neußer Oberstraße in den 1960-er Jahren das Verlagsgebäude der Neuß-Grevenbroicher Zeitung (NGZ) stand. Denn ich habe dort bei der Gehilfenprüfung als Schriftsetzer mein Gesellenstück gesetzt. Um das zu verifizieren suchte ich letztens vergeblich im Netz, weil die NGZ in der Düsseldorfer Rheinischen Post aufgegangen ist. Inzwischen weiß ich, dass mich die Erinnerung nicht trog, mit einer Einschränkung. Die Oberstraße wird im weiteren Verlauf zu Niederstraße. Dort stand das Verlagsgebäude. Ich habe mehr als vier Jahre in Neuß gearbeitet (lies hier), aber nicht mitbekommen, dass die Oberstraße ohne erkennbaren Grund zur Niederstraße verkommt.

Ein bisschen blöd als Sonntagsstaat

ImageAuf dem Dorf meiner Kindheit wurde samstags gebadet. Sonntagmorgen legten dann die Dorfbewohner zum Kirchgang ihren Sonntagsstaat an. Die Männer standen während der Messe hinten im Kirchenschiff, von wo sie sich nach der Wandlung stiekum entfernen konnten. Auf diese Weise dehnten sie ihren Frühschoppen aus, denn zum Mittag war die Zeit durch den Sonntagsbraten begrenzt. Ich vermisse den Anblick von Leuten im Sonntagsstaat. Mag sein, dass es Zeiten gibt, zu denen man sich in Schale wirft, aber die sind individuell abweichend. Der Sonntagmorgen sieht eher Leute, die gerade aus dem Bett gekrochen sind und sich etwas angetruschelt haben, was entfernt den mitteleuropäischen Kleidernormen entspricht.

Heute morgen aber, ich hatte meinen Bart gestutzt, mich rundrum rasiert, war frischgeduscht, hatte die Haare geföhnt, mich sorgfältig bekleidet, da wurde ich schon in der Bäckerei höchst aufmerksam bedient. Ein junge schlanke Frau im engen langen Kleid sah sich von der anderen Straßenseite nach mir um. Da kam mir auch noch ein älterer Türke im Sonntagsstaat entgegen, schwarze Hose, weißes Hemd, und grüßte: „Guten Morgen, Chef!“

Donnerwetter, dachte ich. Dabei war ich heute Morgen ein bisschen blöd im Kopf. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Aber vielleicht garantiert ein bisschen blöd gesellschaftliche Anerkennung und ist so gut wie eine schwarze Hose mit Kniff und ein weiß gestärktes Hemd.

Teestübchen Humorkritik – „Nach Haus“

ImageAn der Litfaßsäule der Stadtbahnhaltestelle in meiner Nachbarschaft erschreckt mich das Werbeplakat für Reinhard Meys neues Studioalbum. Ich konnte mich leider nicht überreden, das zu fotografieren, also muss die Beschreibung reichen. Reinhard Mey trägt eine schwarze Lederjacke, um den Hals einen weinroten grob gestrickten Schal, ein Kettchen, an dem etwas wie eine goldene Münze hängt. Er steht vor einem Weg im Grünen und schaut mit ernster Miene stoisch geradeaus. Rechts unten ist der Titel „Nach Haus“ in einer mageren Helvetica invers eingeblendet, so dass ein flüchtiger Betrachter wie ich beispielsweise denken könnte, es wäre die wörtliche Rede des 81 Jahre alten Mannes.

Den Grafik-Designer dieses Plakats möchte ich gern fragen, was er sich dabei gedacht hat. Wollte er ganz boshaft die Assoziation eines verwirrten alten Mannes befeuern, der für sommerliche Temperaturen unpassend angezogen im Wald rumsteht und unter Verschluckung des auslautenden „e“ nur noch stammeln kann „nach Haus“, auf dass sich jemand erbarmt und fragt, wo das ist und ob er ihn hinbringen soll? Man darf über eine Gestaltungs-Idee auch zweimal nachdenken. Oft erweist sich dann eine auf den ersten Blick zündende Idee als gar nicht mal so zündend, sondern als veritable Scheißidee.

Segnungen der Fernkommunikation

ImageDer Briefträger muss klingeln, um ins Haus und an die Briefkästen zu gelangen. Meistens klingelt er bei mir. Doch gelegentlich ist er anderweitig ins Haus gelangt. Dann finde ich in meinem Briefkasten Post, wie sie in ihrem Blechgehäuse ruht und geduldig wartet, herausgenommen zu werden. Es passiert nie, dass etwa ein reitender Telegrammbote Alarm schlägt. Und öffne ich mit vor Aufregung zitternden Fingern den Umschlag, steht dort: „Post im Briefkasten STOP Bitte lesen!“ Meine Sparkasse hält das so. Gelegentlich legt sie Kontoauszüge oder sonst rasend interessante Nachrichten in mein digitales Postfach und schreibt mir dann eine E-Mail, dass in meinem digitalen Postfach eine Nachricht liegt.

Ich weiß nicht, ob für derlei Nonsensinformation ein Kommunikationssatellit um den Erdball kreist. Aber ein bisschen Informationsökologie könnte man hier anmahnen.

Mit der Minijobzentrale, habe ich gelesen, kann die Bürgerin/der Bürger noch per Fax kommunizieren. O rücksichtsvolle Verwaltung. Überwiegend ältere Herrschaften melden ja eine Putzhilfe an. Als Meldereiter sieht man sie eher selten, denn sie kommen nicht mehr so leicht auf einen Pferderücken. Rauchzeichen sind aus Gründen des Klimaschutzes nicht mehr opportun. Mit dem Fax ist man in puncto Fernkommunikation auf der Höhe der Zeit. Was allerdings keinerlei Aufschub duldet, sollte besser nicht gefaxt werden, wie folgende wahre Geschichte zeigt:

Am Wochenende des 7. und 8. August 2010 wurden das Städtchen Ostritz und das Kloster St. Marienthal vom „größten Hochwasser aller Zeiten“ heimgesucht. (Kloster St. Marienthal) Weiter im O-Ton: „Die gewaltigen Wassermassen haben Türen und Fenster eingedrückt, Tore und Mauern stark beschädigt, Wege und Anlagen schwer zerstört, Inneneinrichtungen und Geräte / Maschinen komplett vernichtet. Die Flut hinterließ einen Schaden in Millionenhöhe im und am vor kurzem fertig sanierten Klosterensemble.“ Teestübchen berichtete.

Was war geschehen? Nach starken Regenfällen war am Witka-See in Niedow im südwestpolnischen Grenzgebiet zu Deutschland ein Staudamm gebrochen. Eine sieben Meter hohe Flutwelle raste die Neiße herunter. Die polnischen Behörden warnten ihre deutschen Nachbarn. Sie sandten ein Fax an die Bundesregierung. Das lag übers Wochenende still und ungelesen im Faxgerät. In Ostritz ahnte man derweil nichts. Man wunderte sich nur, wurde kolportiert, dass auf polnischer Seite der Neiße die Feuerwehrautos hin und herfuhren, verstand aber erst, als die Wassermassen eintrafen. Beim unbeachtet herumliegenden Fax hätte ein polnischer Meldereiter auch nicht helfen können. Denn er hätte ja nicht gewusst, wo das Faxgerät aufgestellt war, in dem das Fax lag. Am Ende auf dem Flur der Minijobzentrale.