Gekritzelt – Diebskniffe

Image Falscher Freund
Im Abspann von US-Spielfilmen ist mir der Gaffer aufgefallen, der gewiss nicht identisch sein kann mit unserem Gaffer. Es wird sich um einen falschen Freund handeln. So bezeichnet die Linguistik ein Wortpaar, das in zwei Sprachen ähnlich klingt oder geschrieben wird, aber unterschiedliche Bedeutungen hat. Im Deutschen ist der Gaffer ein sensationslüsterner Zuschauer bei Unfällen oder Katastrophen. Oft behindert der Gaffer sogar Rettungsarbeiten. Deshalb ging durch die Presse: «Feuerwehrverband fordert Führerscheinentzug für Gaffer« „Eine Überschrift wie ein Autounfall – man kann einfach nicht weggucken.“ (Titanic)

Im Englischen meint der Gaffer den Oberbeleuchter bei Filmproduktionen. Der Gaffer arbeitet eng mit den Kameraleuten zusammen, die für die Lichtgestaltung die künstlerische Verantwortung tragen.

Tarararara


Oft ist das Gute einfach.

Manchmal helfen Diebskniffe
Ein Kölner Architekturbüro plant eine Schule für den Berliner Stadtteil Wedding. Mein Kölner Sohn ist als Architekt beteiligt. Er berichtet, dass für Elternsprechzimmer behördlich 10 Quadratmeter vorgesehen sind. Weil die Elternschaft im Wedding so aggressiv ist, erweitert man auf 20 Quadratmeter, damit die Lehrer mehr Abstand halten können. Als Lehrer brauchte ich keinen Sicherheitsabstand, obwohl nicht alle Eltern wohlmeinend und manierlich waren. Ich regelte das über die Sitzordnung, habe ich mich stets vors Fenster gesetzt, dass die Eltern gegens Licht sahen, wenn sie mich anschauen wollten. Auch habe ich die Plätze grundsätzlich so gewählt, dass wir über Eck saßen, was eine bessere Gesprächsatmosphäre schafft. Sitzt man sich gegenüber, wirkt sich das meist konfrontativ aus. Über Eck saß ich so, dass ich dem Elternvertreter meine rechte starke Seite zuwandte, so dass er oder sie mir die schwache linke Seite zuwenden musste. Derlei Taktiken gehören zur Rhetorik, die ja nach Schopenhauers Meinung nur eine Ansammlung von Diebskniffen ist.

Stigma

ImageAuf der anderen Straßenseite geht nach Feierabend die Kellnerin vom nahen Café vorbei. Als ich einmal dort zum Frühstücken war, kam ein Oberstufenschüler vom nahen Gymnasium herein und versuchte, sich unbeholfen schüchtern mit ihr zu verabreden. Dass auf ihren kräftigen Oberschenkeln je ein schwarzes Tattoo prangt, hatte den jungen Mann offenbar nicht abgeschreckt. Diesmal trug sie eine noch kürzere Hose und entblößte je ein breites bandartiges Flechtwerkornament rund um. Welche Überraschung noch weiter oben wartet, möchte man lieber nicht wissen. Das ist nichts für ein behütetes Bübchen aus einer Akademikerfamilie. So eine kann man doch gar nicht den Eltern vorstellen.

Eine reich an den Armen tätowierte Frau im ärmellosen Kleid sitzt mir in der Bahn gegenüber, zieht ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und lässt mich sinnieren, ob die schlechte Laune eine unerwünschte Nebenwirkung der giftigen Tattoo-Tinte ist. Vielleicht hat sie aber unter einem elenden Leben geächzt und erhofft, dass wenigstens die Tattoos sie glücklich machen. Und weils nichts gebracht hat, ist sie wieder zum Tätowierer gelaufen und hat ihre Tattoos erweitern lassen. Jetzt sitzt sie überreich tätowiert und immer noch unglücklich in der Bahn, und ihre freizügig gezeigten Schandmale sind wenigstens noch gut, um neues Unglück herbeizupfeifen. Prompt kommt ein wirklich dicker Mann, zeigt seinen Kontrolleursausweis und will ihren Fahrschein sehen. Natürlich hat sie keinen. Verantwortliche Selbstsorge ist nicht ihr Ding, und selbst der dicke Mann hätte sie lieber nicht erwischt. Aber wie der Arzt nicht davonlaufen darf, wenn ein Patient ein abstoßendes Gebrechen offenbart, muss auch der Fahrscheinkontrolleur aushalten, wenn sich ihm das soziale Elend seiner Klientel offenbart.

Kleine Geschichten – Elternhuhn K 127

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Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

„Wie können Sie auch in Ihr zweites Auge beißen?“, fragte ich ungläubig. „Niemand hat zwei Glasaugen.“
„Ganz einfach, indem ich mein Gebiss herausnehme“, lachte Kampen.
„Im Leben haben Sie noch kein Gebiss. Sie sind jünger als ich.“
„Aber Sie sind darauf reingefallen.“
Mein Gott, dachte ich, ich bin doch nicht aus dem fernen Aachen angereist, um schlechte Witze zu hören. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich bin ein ernsthafter Mann. Kampen hatte wohl schon einen Clown gefrühstückt, bevor ich kam. Und danach er hat nach einem Opfer gesucht und mich gefunden.
„Mögen Sie ein Spiegelei, schön kross angebraten?“, fragte Kampen. „Ich kann Ihnen auch einen Strammen Max machen“, bot er an.
„Vielen Dank, aber leider vertrage ich keine Eier mehr.“
„Das kommt vom Vegetarismus. Strammen Max gibt es mindestens zwei mal die Woche bei mir zum Frühstück. Nachdem es im Schloss Merode gebrannt hat, erneuern wir den Dachstuhl. Das ist Knochenarbeit. Da brauche ich viel Kraft.“
„Apropos Eier“, unterbrach ich. „Ich vermute, Ihr Garten grenzt an die Hallen, in denen früher mal eine Hühnerfarm war.“
„Eine Hühnerzuchtanstalt. Ein Auswärtiger hat da das berühmte Elternhuhn K 127 gezüchtet. Aber er ist damit bankrott gegangen. Muss irgendwann in den 1960-er Jahren gewesen sein.“
„Meine Freundin schwört darauf, sie habe die Hühnerzuchtanstalt mal mit ihrer Kindergartengruppe besichtigt.“ Sie habe sogar versucht, eins von den flauschigen Küken zu klauen, wäre aber erwischt worden, als sie es in ihr Kindergartentäschchen zwängen wollte.“
Kampen grinste. „Das ist wohl die Fotografin, mit der Sie letztens unterwegs waren?“
Ich ignorierte seine Frage. „Was ist heute in den Hallen?“
„Sie stehen leer, nachdem die mal von der Polizei geräumt wurden.“
„Warum das?“
„Einer aus Düsseldorf hatte die größte der drei Hallen gemietet. Stromzähler und Wasseruhr waren im Nachbarhaus. Eines Tages drehte die Wasseruhr durch. Man vermutete einen Wasserrohrbruch und versuchte den Mieter zu erreichen. Als das nicht gelang, brachen sie die Halle auf und fanden eine vollautomatisierte Haschischplantage. Das THW hatte Tage damit zu tun, die ganzen Pflanzen zu entsorgen und die Installationen zu demontieren.“
„O Schande!“, entfuhr es mir. Ich hätte das gerne geraucht.

Fundstück: Notizzettel „Strammer Max“ (1990)

ImageDie Notiz besagt Folgendes: Mein Onkel Heinz, der jüngste Bruder meiner Mutter, galt in der Familie als etwas Besonderes. Er war der erste seiner Geschwister, der Abitur hatte und studierte. Onkel Heinz studierte Jura in Bonn. Das räumte ihm in der Familie eine Vormachtstellung ein. Wenn Onkel Heinz etwas sagte, hatte es Gewicht. Daher sprach er mit großem Selbstbewusstsein. Er nahm sich Zeit und pflegte seine Rede schön auszuschmücken, so dass man ihm einfach gerne zuhörte, auch bei völlig banalen Berichten. Heinz hatte in Bonn eine Studentenbude. Manchmal nahm er wohl in Bonner Lokalen seine Mahlzeiten ein und probierte Gerichte aus, die der Küche seiner Mutter fremd waren.

Wenn ihm etwas geschmeckt hatte, ließ sich Onkel Heinz vom jeweiligen Koch das Rezept geben. Schon das hätte ich mich nie getraut, und auch die anderen bewunderten ihn dafür. Eines Tages war Heinz zu Hause bei meiner Oma. Sie hatte ihm zum Abendessen zubereitet, was in Bonner Lokalen „Strammer Max“ heißt, getreu einem Rezept, das Onkel Heinz sich erfragt hatte. Der Stramme Max ist eine in Butter geröstete Scheibe Graubrot, darauf eine Scheibe gekochter Schinken, eine Scheibe Alter Gouda, Gewürzgurkenscheiben und obendrauf ein Spiegelei. Man isst ihn mit Messer und Gabel. Ich durfte probieren. Es schmeckte köstlich. Damals in den 1950-er Jahren war der Stramme Max etwas Besonderes. Sein Geschmack lässt sich nicht in die Gegenwart holen.

Kleine Geschichten – Ins Auge beißen

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Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

Kampen war bestens informiert, obwohl er kein Einheimischer war. „Sie haben Glück, dass die Chefs Sie akzeptieren“, sagte er.
„Die Chefs?“
„Lemmen und Gödderts vom Göddertzhof und der Schmitz von der Mühle. Weil die drei fanden: ‚Der Mann ist in Ordnung!‘, haben Sie überall leichtes Spiel. Schmitz sitzt ja für die CDU im Landtag, und Göddertz, das ist ganz altes Geld. Das ragt tief in die Erde hinein. Dem Göddertz gehört in Köln die halbe Hohe Straße.“
„Ich hatte mich schon gewundert, dass der Göddertzhof dem Dorf den Rücken zudreht und sein Portal den Feldern zuwendet.“
„Das ist der alte Hochmut. Haben Sie das Gestühl der Familie in der Kirche gesehen? Die haben da seit Generationen eine eigene Bank. Aber jetzt wird die nicht mehr genutzt.“
„Vom Glauben abgefallen?“
Kampen warf mir einen strafenden Blick zu. „Das kam so: Der Göddertz hat seinen Knecht entlassen. Da ist der zum Pastor gelaufen und hat dem sein Leid geklagt. Beim nächsten Hochamt hat der Pastor über die Fürsorge gepredigt, die der Herr dem Knecht schuldet. Alle wussten, dass der Göddertz gemeint war. Seither geht der Göddertz sonntags in die Kirche von Ameln.“
Kampens Blick hatte mich erschreckt. Ich sagte: „Entschuldigen Sie meine flapsige Bemerkung von vorhin. Aber ich musste mir erst klarmachen, welche Bedeutung der Kirchgang im dörflichen Leben hat.“
„Schon in Ordnung. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“
„Aber Sie haben so geguckt.“
„Das lag wohl daran“, sagte Kampen und tickte mit der Messerspitze an sein linkes Auge. „Andere Zimmerleute bestellen so fünf Bier.“
Er hob die Linke und reckte zwei Finger, indem er die mittleren Finger und den Daumen nach innen klappte, „und ich kann mir ins Auge beißen.“
„Wie das?“
„Wenn ich mein Glasauge herausnehme, hehe.“
„Was ist passiert?“
„Ach, ein Bolzen saß auf Spannung und ist herausgeflogen.“ Er wollte das wohl nicht näher erklären. „Wir waren beim alten Göddertz“, fuhr Kampen fort. „Einmal trafen sich der Göddertz und der Meier Meerhof. Der fragt den Göddertz: ‚Warum kommst du nicht mehr in die Kirch?‘
‚Ich geh‘ jetzt nach Ameln‘, sagt der Göddertz, ‚im Jahr 1411 gehörten wir sowieso zu Ameln.‘
‚Mag sein, aber ich habe eine Urkunde von 1238. Da gehörtet ihr zu Spiel!‘
Kampen machte eine bedeutungsschwere Pause. „Verstehen Sie jetzt, Herr van der Ley, mit welchen Traditionen Sie hier zu tun haben?“
„Verstehe“, nickte ich.
„Ach übrigens“, rief Kampen munter, „Ich kann auch in mein anderes Auge beißen.“
„Das geht nicht. Niemand hat zwei Glasaugen.“
„Doch. Ich kanns beweisen.“
„Sollte mich wundern wie.“

Wird fortgesetzt

Kleine Geschichten – Frühstück bei Holzbau Kampen

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Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

Innerhalb der alten Dorfgrenzen gab es nur einen Neubau, den stattlichen Bungalow von Holzbau Kampen. Er stand etwas erhöht hinter einem Vorgarten. Seitlich lugte über ein stählernes Tor noch das überdachte Holzlager. Herr Kampen stand auf seiner Freitreppe und rief mir über die Straße hinweg zu: „Haben Sie schon gefrühstückt?“
„Nicht wirklich“, gab ich zurück. Tatsächlich hatte ich an diesem Samstagmorgen mein Frühstück verbaselt, weil ich mich in der Küche des Pfarrhauses nicht zurechtfand. Eigentlich sollte alles da sein, denn das Sälchen gegenüber der Bücherei wurde bei diversen Veranstaltungen aus der Küche versorgt. Ich suchte eine Weile vergeblich in den Schränken nach einer Kaffeemaschine, bis ich sie endlich auf der Fensterbank entdeckte. Sie stand da, als würde sie mich belächeln: „Ich bin schon die ganze Zeit hier gewesen, du Blinder!“, schien sie zu rufen. Aber ich wusste, sie hatte sich gerade erst auf der Fensterbank materialisiert.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sich Dinge vor mir verbargen. Und vermutlich zeigen katholische Kaffeemaschinen eine gewisse Heimtücke, besonders gegenüber einem, der längst aus der Kirche ausgetreten ist. Andererseits glaube ich nicht, dass diese Kaffeemaschine dem Pastor gehört hat. Er war vermutlich zu knauserig, sich eine zu leisten. Lemm hatte erzählt, dass er im Winter zu geizig war zu heizen, so dass ihm an Frosttagen immer das Klo eingefroren ist. „Dann kam der zu mir gekrochen und sagte: ‚Herr Lemm, es ist mal wieder so weit.‘ Und ich musste ihn auf mein Klo lassen.“ Lemm zeigte parodistisches Talent. Er hatte die Sprechweise des Pastors nachgeahmt, mit geneigtem Kopf sein „Herr Lemm, es ist mal wieder so weit“ tief in seine Brust hinein gesprochen. Darin lag die ganze Verachtung für die geistliche Klosettschnorrerei.

„Ich lade Sie ein“, rief Kampen, und als ich näher trat, ergänzte er, „meine Frau ist nämlich übers Wochenende zu ihrer Mutter gefahren, und ich frühstücke nicht gern allein.“ Er trat zurück in die offene Haustür und sagte: „Kommen Sie herein!“
Als wir bei Kaffeeduft in der Küche saßen, fragte ich erstaunt: „Wo haben Sie denn die frischen Brötchen her, Herr Kampen?“
„Die kriege ich exklusiv beim Metzger.“
„Sie vielleicht“, sagte ich. „Mich schneidet er.“
„Das verdanken Sie Ihrem Kollegen. Der hat in der Metzgerei erzählt, Sie wären Vegetarier.“
„Diese Tratschtante! Und ich wundere mich, dass der Metzger mir vor der Nase die Jalousie runterfährt.“
„Mittagspause! Da ist er eisern“
„Vielleicht kommt die Sache zwischen dem Metzger und mir doch noch in Ordnung“, sagte ich.
„Sie müssen halt hingehen, wenn die Jalousie offen ist und ein Stück seiner weithin berühmten Wurst kaufen. Dann glaubt er, Ihr Kollege hätte sich vertan oder Sie wären wieder vernünftig geworden“, meinte Kampen.

Freund und Kollege Wolfgang hatte mich bei einem der ersten Besuche hergefahren und in seinem großen Auto mein Klappbett zum Pfarrhaus transportiert. Zuerst hatte ich ganz naiv gedacht, ich könnte mich in Spiel im Gasthof einquartieren. Aber es gab keinen Gasthof mehr, seit im 2. Weltkrieg eine Fliegerbombe hineingegangen war. Als einziges Geschäft harrte noch der Metzger aus. Und bei dem hatte ich es ohne eigenes Zutun verdorben. Doch Ortsvorsteher Lemm gab mir den Schlüssel zum ehemaligen Pfarrhaus, wo ich in der alten Bücherei mein Nachtlager aufschlagen und mein Büro einrichten durfte. Ich hatte sogar ein Telefon mit Wählscheibe und einer dreistelligen Nummer. Wenn ich auf Erkundungstour durchs Dorf bummelte, fühlte ich mich in eine Filmkulisse versetzt. Die Welt hier war den Zeitläuften enthoben. In Bächen gibt es diese kleinen Buchten, in denen das Wasser kreist. Und alles, was hineingerät, kreist mit und ist der Strömung enthoben. In so einer Endlosschleife wähnte ich mich. Hier kreiste das Leben um ein imaginäres Zentrum. Um was es kreiste, sollte ich von Kampen erfahren.

Fortsetzung folgt

Kleine Geschichten – Wie der Ochse pflügt

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Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

In Dohmens Scheune lernte ich noch etwas ganz anderes. Mir ging sozusagen ein Licht auf, nämlich als er davon erzählte, dass im Krieg bis auf eins alle seine Pferde eingezogen waren. „Da musste ich zum Pferd einen Ochsen vor den Pflug spannen.“

Als ich mir noch vorstellte, das wird blöd ausgesehen haben, also ganz naiv nur an ein ästhetisches Problem gedacht hatte, ergänzte Dohmen um das Praktische: „Gleichzeitig mit Pferd und Ochse zu pflügen, geht nur mühsam und mit viel Geduld. Denn das Pferd geht im Halfter, zieht also mit den Schultern. Der Ochse aber geht im Joch. Der zieht mit der Stirn. Wenn ich am Ende der Furche am Zügel ziehe, will das Pferd auf der Stelle herum. Der Ochse stampft einfach weiter, dreht nur gleichmütig den Kopf, und es dauert ein paar Schritte, bevor der sich bequemt. Darum bringen Pferd und Ochse dauernd die Zügel durcheinander.“

„Da wäre es einfacher, allein mit dem Ochsen zu pflügen?“

„Eigentlich braucht man ein Gespann. Dann aber geht das nur in weiten Schleifen. Ein Ochsengespann wendet nie auf der Stelle.“

„Mein Gott, Herr Dohmen“, rief ich. „Jetzt verstehe ich endlich, was Bustrophedon bedeutet.“

Er sah mich zweifelnd an.

„In den Anfängen der griechischen Schrift gibt es eine Weise zu schreiben, die Bustrophedon heißt, was meint ‚wie der Ochse pflügt.‘ Das bezeichnet die Schreibtechnik abwechselnd rechtsläufig und linksläufig, wie es in der Frühzeit der griechischen Schrift üblich war. Es gab keinen Zeilenumbruch, sondern gegen Ende der Zeile wird im großen Bogen furchenwendig weiter geschrieben, also wie der Ochse pflügt. Sobald die Gegenrichtung erreicht ist, schlagen die Buchstaben um, diese Zeile weist also Spiegelschrift auf. So mäandert der Text wie ein einziges Band über die Schreibfläche, getreu der Vorstellung, mit der Schrift das gesprochene Wort wiederzugeben. Denn in den Anfängen der Lautschrift dachten sich die Menschen auch die aufgeschriebene Rede als ununterbrochenen Fluss.“

„Aber irgendwann haben die Griechen die Rede doch in Zeilen aufgeteilt, wie ich ja auch nicht übers Kriegsende hinaus wie ein Ochse gepflügt habe. Die Nachbarn hätten mich schön ausgelacht“, sagte Dohmen.

„Ja, aber die aufgeschriebene Rede in Zeilen zu zerhacken, ist schon eine bahnbrechende Idee. Erst etwa im 5. Jahrhundert vor Christus verläuft die griechische Schrift konsequent von links nach rechts, und gleichzeitig ist die Idee der Zeile verwirklicht. Man musste akzeptieren, dass der Zeilenumbruch keine inhaltliche Bedeutung hat. Der Zeilenumbruch richtet sich nur nach dem Rand, wie Sie ja auch Ihre Ackerfurche an den Feldgrenzen ausrichten, sonst bedeutet das Zeilenende gar nichts. Uns heutigen Menschen ist das klar, obwohl beim Schreiben mit der Schreibmaschine, an jedem Zeilende sogar ein Glöckchen bimmelte. Aber dem damaligen Menschen war es eine revolutionäre Idee, den Redefluss zu unterbrechen.“

„Und die Unterbrechung beim Lesen einfach zu ignorieren“, sagte Dohmen versonnen und schien mir in Gedanken noch bei den verworrenen Zügeln beim Pflügen mit Pferd und Ochse zu sein.

Ich sagte: „Herr Dohmen, ich danke Ihnen für den Erkenntnisgewinn. Ich hätte nie gedacht, dass Ihre Zugtiere und ihr Pflug mir eine Erleuchtung bei meinem Thema Schrift bringen.“

„Also ist mein Museum schon für was gut gewesen.“

Kleine Geschichten – Fimpenkästchen und Fidibus

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Pfarrhaus in Spiel mit Kirchhof – Foto: Gudrun Petersen

Es hatte keiner Überredungskünste bedurft, Hans Lemm, den Ortsvorsteher von Spiel, für mein Vorhaben zu gewinnen. Bei Kaffee und Kuchen auf seinem alten Hof verstand er rasch, dass meine Idee, die Alltagsgeschichten der Leute dieses kleinen Dorfes zu sammeln, eine Aufwertung aller und seiner eigenen Geschichten sein würde.

Nachdem er den Hof seinem Sohn vermacht und sich auf sein Altenteil, einen hübschen Neubau am Ortsrand, zurückgezogen hatte, drängte es ihn zu neuen Aufgaben. Er und die beiden anderen Honoratioren des Dorfes holten hinter meinem Rücken Erkundigungen ein und kamen zum Beschluss, dass mir zu vertrauen wäre und mein Ansinnen unterstützt werden sollte. So betätigte sich Hans Lemm als Türöffner, führte mich in Häuser ein oder wies mir zumindest den Weg.
„Zum Dohmen müssen Sie mal gehen. Das ist ein stiller Knüser!“, sagte er. Ich übersetzte mir „Knüser“ in „Frickler“, dachte mir Dohmen also als einen Mann, der ganz für sich kleinteilige, aber komplexe Aufgaben angeht, ohne dabei auf öffentlichen Beifall zu schielen. Ich hatte die Familie längst schon aufsuchen wollen, weil ich im Dorf gehört hatte, dass Familie Dohmen einst zu Fronleichnam eine hölzerne Kapelle vor ihrem Haus errichtet hatte, die zwischen zwei Zierkirschbäumchen links und rechts des Hauseingangs gebunden wurde.
„Nein, das Kapellchen haben wir nicht mehr. Wir haben es vor Jahren an das Freilichtmuseum Kommern verkauft“, sagte Frau Dohmen. „Wir haben noch irgendwo ein Foto davon, doch ich kann es Ihnen jetzt nicht heraussuchen, ich habe nämlich einen Hexenschuss. Am besten kommen Sie in zwei Stunden wieder. Dann ist mein Mann vom Getränkemarkt zurück.“

Als ich später wieder an der Haustür des Bauernhofs klingelte, öffnete mir der Mann. Seine Frau lag auf den Knien vor dem Wohnzimmerschrank und hatte einen Stapel Fotoalben auf den Boden geschichtet. Und trotz ihres Hexenschusses tauchte sie gerade tief ins untere Schrankfach ein. Als sie sich aufrichtete, hielt sie ein kleines Foto in der Hand. Es war grünstichig und aus gebührender Entfernung aufgenommen. Das Kapellchen sah jedenfalls ziemlich mickrig aus. Dann jedoch kam ihr Mann mit einem selbst getischlerten Modell des Kapellchens vom Dachboden. Es hatte etwa die Größe gängiger Vogelhäuschen und sah auch so ähnlich aus. Die beiden vermuteten, ihr Kapellchen würde zu Fronleichnam im Freiluftmuseum aufgebaut, und ich versprach, nach ihrem Kapellchen zu recherchieren.

Herr Dohmen, ein Landwirt im Ruhestand, führte mich auf seinen Hof. In der restaurierten offenen Scheune hatte er ein privates Museum für Ackergeräte. Da glänzte ein blankgeputzter Pflug, da lag auf ihren geschwungenen Dornen eine Egge wie neu. An den Wänden hingen diverse Gerätschaften, auch ein Behälter aus Sperrholz etwa in der Form eines Kaffeefilters, nur eben tiefer. Darin staken spiralig verdrehte Papierstreifen.
„Wissen Sie, was das ist?“, fragte er.
„Ich habe keine Ahnung.“
„Das ist ein Fimpenkästchen. Es hing früher in der Küche neben dem Herd.“
Eine „Fimp“ ist ein verdrehter Papierstreifen zum Anzünden des Feuers, Hochdeutsch „Fidibus.“ Die Wortherkunft ist leider ungeklärt. Das Deutsche Wörterbuch vermutet: „fr. fil de bois, zündholz (…)“ Demnach kann ein Fidibus auch aus Holz sein. Durch die Verbreitung der Streichhölzer kam der Fidibus aus dem Gebrauch. Auch ein versinkendes Wort ist „Zündholz.“

Übrigens wusste man im Freilichtmuseum Kommern nichts mehr von der Fronleichnamskapelle. Sie gaben mir die Telefonnummer des inzwischen pensionierten Museumsleiters, der den Bauern damals das Kapellchen abgeschwatzt hatte. Ich rief ihn an, doch auch er konnte sich nicht daran erinnern. Wie schade. Die Bauern hatten das Kapellchen im guten Glauben gestiftet, es werde im Freilichtmuseum aufgestellt und somit der Bildung und Erbauung dienen. Doch man hatte es angekauft und dann in einem Depot vergammeln lassen, bis niemand mehr wusste, was es war, geschweige denn, wie man es aufbauen musste.

Gekritzelt – Alle wollen Pünktchen

ImageKulturelle Aneignung
Letztens kam mir unvermittelt die US-Rockband Blue Öystercult in den Sinn. Ich wusste zunächst nichts damit anzufangen. Wikipedia belehrte mich unter anderem: „Die Band gilt als Erfinder des Heavy-Metal-Umlauts.“
Die Punkte sollen ein fremdartiges Aussehen vermitteln, beispielsweise germanische Härte bei Heavy-Metal-Bands. Auch die Amsterdamer Rockband Tröckener Kecks verwendete den Umlaut, um einen fremdländisch ausehenden Namen zu haben. Die US-amerikanische Speise-Eismarke Häagen-Dazs nutzt den Umlaut wegen der positiven Assoziationen bei skandinavischer Herkunft. Wenn das keine kulturelle Aneignung ist.

ohne Denken
Mir fällt öfter die mangelnde Einsicht in die ungewollten Nebenbedeutungen im Sprachgebrauch auf, etwa die harmlose Komik im Werbeclaim:
„Die Rosenheimcops werden Ihnen präsentiert von Dr. Theiss Melanthonin Einschlafspray.“ Ungeheuerlich und fast selbstentlarvend dagegen: „Missbrauchsbeauftragter der deutschen Bischofskonferenz.“ Weniger brisant „Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung:“

Weiter gewandert
Bis vor kurzem dachte ich, dass ich nur an eine bestimmte Stelle meiner Bücherwand herantreten müsste, um den Schauerroman „Melmoth der Wanderer“ von Charles Robert Maturin aus dem Regal nehmen zu können. In Wahrheit ist das Taschenbuch verschwunden. Die Wiederbeschaffung wird mit etwa 50 Euro teuer.

Schreibblockade
Die Brigg dümpelte in der ruhigen See, die platt lag wie ein Tümpel. Heute Morgen weinte Hauptmann Juan de Álvarez bittere Tränen, als er sein stolzes Ross verendet auf den Planken sah. Wir alle hatten mit dem Tier gelitten. Es war ein schrecklicher Anblick, wie dem immer leiser röchelnden Gaul die vom Durst aufgequollene Zunge aus dem Maul hing. Álvarez hatte nichts unternommen, hatte seinen Qualen kein Ende setzen können, und mit seiner Untätigkeit hatte er die Männer gegen sich aufgebracht. Jetzt war geschehen, was wir befürchtet hatten. Das Tier war verdurstet. Um keinerlei Begehrlichkeiten aufkommen zu lassen, wachte der Hauptmann mit gezücktem Degen neben dem Kadaver und stand kreidebleich mit dem Rücken zur Reling, bis ein Platschen und tiefes Plumpsen davon kündete, dass das geliebte Ross sein nasses Grab gefunden hatte.

Wie zum Hohn erhob sich am Abend eine Brise, die sich bald zum Gewittersturm auswuchs. Plötzlich gab es Wind und Wasser genug. Obwohl es ringsum krachte und Blitze in großer Zahl vom Himmel zuckten, frohlockten wir, dass wir nach nunmehr 49 Tagen die Rossbreiten verlassen konnten. Während dieser Zeit war ich unfähig gewesen, das Logbuch weiterzuführen. Die unbewegte See wie geschmolzenes Blei, die schlaff herabhängenden Srgel, die starr auf uns lastende Luft, von der ich nicht dachte, sie könnte sich je wieder bewegen, die langsam ersterbenden Gespräche an Bord, das alles hatte mich gelähmt und nach und nach hatte ich das Schreiben, mithin mein Denken eingestellt.

Nachdenken im Gras

ImageEinst kam zu Konrad Adenauer
ein bitterarmer Eifelbauer.
Sank auf den Rasen, fraß das Gras.
Der Kanzler staunend fraget: „Was?
Sag‘ an, was hat das zu bedeuten?
Er war stets freundlich zu den Leuten.
Da sprach der Mann: „So arm, ich bin,
da reicht mein wenig Geld nicht hin.
Drum muss ich essen hier das Gras.“
Der Kanzler sprach, „da weiß ich was:
Komm einmal mit zur Kanzlerwiese!
Die ist viel saftiger als diese.“
(Adenauer-Witz, gereimt von mir)

Als ich beim verunglückten Pfingstausflug im hohen Gras lag, habe ich zwar den Gedanken vor Augen gehabt, nicht aber den Begriff Neolithische Revolution gekannt. Einer unserer Vorfahren muss vor etwa 10000 Jahren auf die Idee gekommen sein, nicht etwa Gras zu fressen wie die Witzfigur, sondern die Samen der Gräser abzusammeln und sie als Nahrung zu benutzen. Das dürfte kaum für ein Butterbrot gereicht haben. Nötig war die Idee, vom wilden Gras die kräftigsten Samen zu nehmen und sie im Folgejahr wieder auszusäen. Eventuell waren mehrere Fruchtfolgen nötig, um das Gras auf diese Weise zu domestizieren. Irgendwann hatte der geduldige Vorfahr, vielleicht war es auch eine Vorfahrin, ein Gras gezüchtet, das größere Erträge brachte und somit den Namen Getreide (Mittelhochdeutsch getregede, eigentlich „das [von der Erde] Getragene“) verdiente.

In dieser naiven Entwicklungsvorstellung wird deutlich, welch gewaltige Kulturleistung im Übergang von wilden Süßgräsern zu Getreide steckt. Denn die Veredelung wilder Pflanzen durch Zucht, wie es nie zuvor gemacht worden ist, erfordert ein auf die Zukunft gerichtetes innovatives Denken, und zwar in Jahreszyklen. Wie war das den nomadischen Jägern und Sammlern möglich? Es muss zu jener Zeit ein großes Nahrungsangebot gegeben haben, dass sich ein Mensch die Zeit für das zunächst fruchtlose Experimentieren nehmen konnte. Indem er sich aus dem Kreis der Jäger ausnimmt, müssen ihn die anderen gewähren lassen, müssen ihn von der Jagd freistellen, damit er seiner Idee nachhängen kann. Obwohl man inzwischen davon ausgeht, dass auch Frauen mit auf die Jagd gegangen sind, wird dieser erste Ackerbauer eine Frau gewesen sein. Das planvolle Denken über Monatszyklen hinaus bringt die Neolithische Revolution, den Übergang des Menschen vom nomadischen Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern.

Jäger und Sammler haben sich nach dem überschaubaren Zyklus des Mondes gerichtet. Denn in hellen Vollmondnächten war die Jagd möglich. Der Mond ist das Gestirn der Frau, und in diesem Sinne soll auch das Denken und Fühlen der Menschen stärker von weiblichen Aspekten geprägt gewesen sein. Das änderte sich, als der Mensch sesshaft wurde. Für den Ackerbau ist der Jahreslauf wichtiger. Also wurde die Sonne zum prägenden Gestirn. Unter dem Einfluss der Sonne wurden die menschlichen Kulturen nüchtern und planvoll. Dieser Wandel in der Geisteshaltung ist leicht nachzuvollziehen. Man braucht nur zu bedenken, wie hell und manchmal grell die Sonne das Land bescheint und bis in den letzten Winkel ausleuchtet. Das Mondlicht dagegen taucht die Welt in ein Meer von Geheimnissen. Unter der Herrschaft des sanften Mondlichtes soll das Miteinander des Menschen glücklicher gewesen sein, habe ich mal gelesen oder gehört. Oder ich habe es mir ausgedacht 😉 Das Leben war von der Wärme der Frau geprägt. Erst mit dem Übergewicht der Sonne soll die Vorherrschaft des Mannes und ein Mehr an Unglück in die Welt gekommen sein.