Aus dem Off – Das Abenteuer meiner Schwiegermutter

ImageAuf dem Land hielt sich noch lange die Vorstellung, dass die Leute im übernächsten Dorf nichts zu essen hätten, also Not leiden müssten. Dem liegt vielleicht eine uralte Vorstellung zugrunde, dass über dem Ausland kein Segen liegt. Das Wort Elend stammt vom althochdeutschen „elilenti“ ab, was ursprünglich fremdes Land, Ausland meinte.

Meine Schwiegermutter lebte auf dem Dorf und besuchte uns in den 1970-er Jahren erstmals in Aachen. Nach allem, was sie sagte, bewahrte sie treulich die uralte Vorstellung, dass die Menschen im Ausland im Elend leben. Sie war nicht vom Gegenteil zu überzeugen gewesen, bis ich sie einmal in den falschen Zug gesetzt und versehentlich ins Ausland verschickt habe. Der D-Zug fuhr statt nach Köln nach Brüssel. Es war keine böse Absicht gewesen. Wir waren zu spät am Bahnhof angekommen, und ich war froh gewesen, dass der Zug noch dastand. Freilich entpuppte der sich nach dem Anrollen als der Zug in Gegenrichtung und riss zu meinem Entsetzen die gute Schwiegermutter nach Belgien davon.

Um sie vor einer langen, schrecklichen Fahrt ins tiefe Elend zu bewahren, rief ich von der Aachener Bahnhofsmission im wallonischen Bahnhof Welkenraedt an, dem ersten Bahnhof hinter der Grenze. Man verstand das Problem, denn in Welkenraedt wurde einst Deutsch gesprochen. In Welkenraedt wurde der Zug eigens für meine Schwiegermutter angehalten, und Beamte der königlich belgischen Eisenbahnen holten sie aus dem Waggon. Meine Schwiegermutter sollte sich noch Jahre tief beeindruckt zeigen: erstens von den prächtigen Uniformen belgischer Bahnbeamter, dann von der sprachlichen Eleganz und ausgesuchten Höflichkeit. Sie redeten meine Schwiegermutter nämlich an mit: „Madame in Schwarz“ (sie trug damals Trauerkleidung).

Madame in Schwarz wollte natürlich ein Andenken an ihre Irrfahrt. In der Bahnhofshalle von Welkenraedt hing ein verstaubter Schaukasten mit belgischen Biergläsern. „Madame“ gab nicht eher Ruhe, bis einer der Bahnbeamten den Schlüssel für den Schaukasten besorgte und ihr ein Bierglas übergab, wofür er sich selbstverständlich weigerte, Geld anzunehmen. Diese generöse Tat war allerdings mit langer Wartezeit auf den Vitrinenschlüssel verbunden gewesen. Es handelte sich bei der Vitrinenöffnung schließlich um einen Verwaltungsakt der staatlichen belgischen Eisenbahngesellschaft. Da müssen Formulare in allen drei belgischen Amtssprachen ausgefüllt werden, und es ist die Genehmigung von höherer Stelle erforderlich, dass der belgische König die Dokumente zur Übergabe eines verstaubten Bierglases aus dem Bahnhof Welkenraedt an eine deutsche Madame in Schwarz nicht siegeln muss.

Dank der beherzten Entscheidung des Bahnvorstands, den belgischen König außen vor zu lassen, konnten die Welkenraedter Bahnbeamten meine Schwiegermutter und ihr Andenken rechtzeitig und würdevoll zum Gegenzug nach Köln geleiten. Das war wiederum ein D-Zug, der eigentlich bis Aachen hätte durchrauschen müssen. Man hat ihn eigens für meine Schwiegermutter in Welkenraedt angehalten und sie stilvoll hineinkomplimentiert.

Das alles war für meine Schwiegermutter der Beweis, dass Ausland nicht gleich Elend sein muss. Es geht doch nichts über eigene Anschauung. Sie erst erweitert den Horizont.