Meine lieben Damen und Herren. Wenn ich in der kalten Jahreszeit, als die Bäume noch kahl waren, aus dem Fenster bei der Bücherwand schaute, fiel mein Blick oft auf ein Gebäude, das etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt aufragte. Ich sah einen quadratischen Turm, der unter seinem Flachdach von einer umlaufenden Fensterreihe gekrönt war. Das rätselhafte Gebäude musste im Gewerbegebiet um den Lindener Hafen stehen. Doch ich konnte mir kein Gewerbe vorstellen, das so einen seltsamen Turm benötigt. Vor etwa einem Monat schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf eine Wanderung durch die von mir so getaufte „soziale Brache“, um mir das Gebäude aus der Nähe anzusehen.
Ich fand in der Fössestraße 99 eine offene Einfahrt und den Turm als zentrales Element eines Gebäudeensembles entlang eines ausgedehnten Hofes. Zwei Autos parkten in der Ferne. Doch es gab keinerlei Hinweis auf die Bestimmung der Gebäude.
KI sei gepriesen. Nachdem ich die Frage: „Was ist im Gebäude Fössestraße 99?“ in die Suche eingegeben hatte, bekam ich den Hinweis auf die mir bis dato unbekannte Naturhistorische Gesellschaft Hannover (NGH), gegründet 1797 als Lesegesellschaft, eine frühe Form der Erwachsenenbildung. Die NGH ist heute dem Landesmuseum Hannover angegliedert. Das Gebäude Fössestraße 99 beherbergt die Bibliothek. Ich habe dem Landesmuseum geschrieben und darf am kommenden Freitag die Bibliothek besuchen.
Wer hier schon länger liest, weiß, dass ich ein assoziativ schreibender Autor bin. Oft brauche ich nur einen Traumfetzen oder einen Satz, und der Rest schreibt sich wie von selbst. Hier reichte der Anblick des Gebäudes und der Hinweis auf die NGH mit ihrer Bibliothek, um die Geschichte in Gang zu setzen. Ursprünglich als Kurzgeschichte gedacht, entwickelten sich bereits 10 Folgen einer längeren Erzählung. Der in Folge 5 auftretende Protagonist John ist der in Folge 7 angekündigte Besucher, weitgehend identisch mit mir. Diesen Erzählstrang kann ich erst wieder aufnehmen, wenn mich die beiden Bibliothekarinnen des Landesmuseums am Freitag eingelassen haben. Bis dahin muss die Dystopie „Die letzte Bibliothek“ pausieren.










