Die letzte Bibliothek – Editorische Notiz

ImageMeine lieben Damen und Herren. Wenn ich in der kalten Jahreszeit, als die Bäume noch kahl waren, aus dem Fenster bei der Bücherwand schaute, fiel mein Blick oft auf ein Gebäude, das etwa einen Kilometer Luftlinie entfernt aufragte. Ich sah einen quadratischen Turm, der unter seinem Flachdach von einer umlaufenden Fensterreihe gekrönt war. Das rätselhafte Gebäude musste im Gewerbegebiet um den Lindener Hafen stehen. Doch ich konnte mir kein Gewerbe vorstellen, das so einen seltsamen Turm benötigt. Vor etwa einem Monat schulterte ich meinen Rucksack und machte mich auf eine Wanderung durch die von mir so getaufte „soziale Brache“, um mir das Gebäude aus der Nähe anzusehen.

Ich fand in der Fössestraße 99 eine offene Einfahrt und den Turm als zentrales Element eines Gebäudeensembles entlang eines ausgedehnten Hofes. Zwei Autos parkten in der Ferne. Doch es gab keinerlei Hinweis auf die Bestimmung der Gebäude.

KI sei gepriesen. Nachdem ich die Frage: „Was ist im Gebäude Fössestraße 99?“ in die Suche eingegeben hatte, bekam ich den Hinweis auf die mir bis dato unbekannte Naturhistorische Gesellschaft Hannover (NGH), gegründet 1797 als Lesegesellschaft, eine frühe Form der Erwachsenenbildung. Die NGH ist heute dem Landesmuseum Hannover angegliedert. Das Gebäude Fössestraße 99 beherbergt die Bibliothek. Ich habe dem Landesmuseum geschrieben und darf am kommenden Freitag die Bibliothek besuchen.

Wer hier schon länger liest, weiß, dass ich ein assoziativ schreibender Autor bin. Oft brauche ich nur einen Traumfetzen oder einen Satz, und der Rest schreibt sich wie von selbst. Hier reichte der Anblick des Gebäudes und der Hinweis auf die NGH mit ihrer Bibliothek, um die Geschichte in Gang zu setzen. Ursprünglich als Kurzgeschichte gedacht, entwickelten sich bereits 10 Folgen einer längeren Erzählung. Der in Folge 5 auftretende Protagonist John ist der in Folge 7 angekündigte Besucher, weitgehend identisch mit mir. Diesen Erzählstrang kann ich erst wieder aufnehmen, wenn mich die beiden Bibliothekarinnen des Landesmuseums am Freitag eingelassen haben. Bis dahin muss die Dystopie „Die letzte Bibliothek“ pausieren.

Die letzte Bibliothek (10) – Welt ohne Plan

ImageAls sie gemeinsam zum Bibliothekstrakt abstiegen, sagte Godefrot: „Du hast eben behauptet, Frank, das Verdummungspotential wäre allen Medien inhärent.“
„Da bin ich mir sicher.“
„Aber dann gilt es auch für das Buch und das Lesen.“
„Der Verdummungsgefahr durch Lesen hat schon Schopenhauer treffend auf den Punkt gebracht.“
Sie betraten die Bibliothek. Frau Burmester saß an ihrem Arbeitsplatz bei der Tür und arbeitete an ihrem Computer. Wagner grüßte: „Hallo Frau Burmester, wir benötigen mal Ihre Hilfe. Bitte suchen Sie mir doch das Schopenhauer-Zitat zu den Nachteilen des Lesens heraus!“

Godefrot nahm ihn zur Seite und rügte: „Du kannst meine Freundin Johanna doch nicht wie eine Sekretärin behandeln, Frank.“
„Tue ich ja gar nicht. Literatur ist ihr Job, und im Auffinden von Belegstellen ist sie einfach besser als ich.“
Johanna Burmester hatte rasch ihren Computer befragt, wurde fündig und sagte. „Vermutlich meinen Sie dieses Zitat.“ Sie las vor:

    „Wann wir lesen, denkt ein Anderer für uns: wir wiederholen bloß seinen mentalen Proceß. Es ist damit, wie wenn beim Schreibenlernen der Schüler die vom Lehrer mit Bleistift geschriebenen Züge mit der Feder nachzieht. Demnach ist beim Lesen die Arbeit des Denkens uns zum größten Theile abgenommen. Daher die fühlbare Erleichterung, wenn wir von der Beschäftigung mit unsren eigenen Gedanken zum Lesen übergehn. Eben daher kommt es auch, daß wer sehr viel und fast den ganzen Tag liest, dazwischen aber sich in gedankenlosem Zeitvertreibe erholt, die Fähigkeit, selbst zu denken, allmälig verliert, – wie Einer, der immer reitet, zuletzt das Gehn verlernt. Solches aber ist der Fall sehr vieler Gelehrten: sie haben sich dumm gelesen.“

„Dankeschön für Ihre professonelle Hilfe, Johanna“, sagte Godefrot. Er war auf einen Stuhl gesunken und überlegte: „Wenn Schopenhauers Befund richtig ist, wie viel verheerender muss der permanente Umgang mit professionell Vorgedachtem, mit Zerstreuungs- und Bevormundungsmedien, Entmündigungssoftware und Bequemlichkeitsapps wirken? Hat sich unsere komplette Gesellschaft einfach dumm gelesen, geglotzt und gewischt? Ist deshalb die sprachliche Wendung „keine Ahnung“ immer öfter zu hören?“

„Auf der anderen Seite gibt es die Spezialisten“, sagte Wagner, „die Leute, die sich alles ausdenken und in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen, die Techniken, die Apps, die ganze Hard- und Software. Das sind überwiegend Pragmatiker, also Leute ohne geistigen Überbau, ohne diesen von Verschwörungstheoretikern vermuteten Plan. Wir sind medial umzingelt von Leuten, die von irgendwas eine Ahnung haben und das professionell einzubringen verstehen. Indem sie unsere Welt mit ihren Updates ständig verändern, zwingen sie uns zum lebenslangen Lernen auf einer ganz niedrigen Ebene. Eine Gesellschaft, die sich geistig derart kolonisieren lässt, ist auf dem Weg zu werden wie die kindlichen Eloi aus „Die Zeitmaschine“ von H.G.Wells. Weil ihnen alle Arbeit abgenommen wird, lebt die Menschenrasse der Eloi völlig unreflektiert und gleichgültig. Es ist schon ein bisschen gruselig sich vorzustellen, dass eine Gesellschaft „Keine Ahnung“ das eigene Denken verlernt und überhaupt die Orientierung verliert, was nicht nur meint, dass einer unfähig wird, von der Dönerbude nach Hause zu finden, wenn Google maps mal ausfällt.“

Wagner hielt inne. „Was ist das da zwischen der Burmester und dir?“
„Weiß auch nicht“, sagte Godefrot, „wir mögen uns einfach.“
Fortsetzung

Die letzte Bibliothek (7) – Jemand wartet an der Tür

ImageDie Bibliothekarin warf einen Blick auf ihr Smartphone und sagte: „Ich muss wieder hinunter. Draußen wartet ein Besucher.“
„Welcher Besucher?“, wollte Frank Wagner wissen. Er war kurz nach den beiden vor dem Versammlungssaal angelangt und hatte Frau Burmesters Worte gehört.
„Ach, nicht wichtig“, wiegelte Godefrot ab. Obwohl Wagner an der Hamburger Bundeswehrhochschule Wirtschaftsgeografie lehrte und Godefrot sich als Pazifist verstand, verband die beiden eine innige Freundschaft. Sie betraten gemeinsam den Raum. Erneut war Godefrot überwältigt von seiner Architektur, vielmehr von der Idee, die ihm zugrunde lag.

Die weiträumige Bibliothek weiter unten war die Basis. Sie wurde vom Turm überragt. Der wiederum war gekrönt von diesem lichtdurchfluteten Versammlungssaal, wie eben der menschliche Geist das in Büchern versammelte Wissen der Menschheit überragen sollte. Ohne eine verständige Nutzung der aufgeschriebenen Worte war all das Buchwissen nichts wert. Dazu war der Austausch kritischer Geister nötig. Dem diente der Hohe Bibliotheksrat. Anwesend waren bereits der stellvertretende Direktor Ernst Siepenaken, die Wiener Medienwissenschaftlerin Dr. Trudi Altwasser, Protokollführer Dr. Tom Agneskirchner, der Historiker Professor Friedemann Hand.

„Aha, die Kollegen Godefrot und Wagner sind eingetroffen“, sagte Siepenaken. „Dann kann ich die heutige Versammlung eröffnen. Wenn wir die bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung, den Rechtsruck in unserem Land verstehen wollen, müssen wir über die drastische Zunahme der funktionalen Analphabeten sprechen. Jahrzehnte lang hat die Zahl in Deutschland etwa bei sechs Prozent der Erwachsenen gelegen. Der Anteil veränderte sich nicht, trotz aller Bildungsbemühungen.“

„Na, Bemühungen ist ein zu großes Wort“, warf Wagner ein. „Man hat sich darauf beschränkt, die Schuld bestimmten Bevölkerungsgruppen in die Schuhe zu schieben. Die Schulabbrecher, die Migranten, die Zigeuner … “
„Hört, hört!“, rief der Direktor dazwischen.
„Nein, ihr Einwand ist unangemessen, Herr Kollege. Es geht um diskriminierende Aussagen. Die will ich nicht beschönigen durch politisch korrekte Bezeichnungen. Die Zigeuner, die Fahrenden, wir Jenischen, wir würden uns der Bildung verweigern. Daran hätte es gelegen. Nun, ich bin einer der Jenischen und trotzdem Mitglied im Hohen Bibliotheksrat der Naturhistorischen Gesellschaft, die bekanntlich im 18. Jahrhundert als Lesegesellschaft begonnen hat. Welchen Beweis braucht es noch, diese diskriminierenden Aussagen als falsch zu entlarven?“

„Klassischer Fall von anekdotischer Beweisführung!“, sagte die kluge Wiener Abgesandte, stand auf, ging zum Nebentisch und goss sich noch einen Kaffee ein.

Fortsetzung

Die letzte Bibliothek (5) – Frau Burmester

Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4
ImageMit klopfendem Herzen horchte John auf den Rufton. Es wurde prompt abgenommen.
„Naturhistorische Gesellschaft, Guten Tag! Sie sprechen mit Frau Burmester.“
„Guten Tag, Frau Burmester! Ich habe Sie gestern getroffen und Sie gaben mir Ihre Nummer“, sagte John.
„Sie haben mich gestern getroffen? Wo soll das gewesen sein?“
„Auf dem Hof der Naturhistorischen Gesellschaft. Sie kamen mir mit dem Auto entgegen, hielten an und sprachen mit mir.“
„Warum hätte ich das tun sollen?“
„Ich hatte Ihnen gewinkt. Sie bremsten und gaben mir ein Visitenkärtchen. Oder waren Sie das etwa nicht?“
„Glauben Sie, man muss mir nur winken und schon rücke ich mit meinen Daten heraus? Für wen oder was halten Sie mich?“
„Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Mein Interesse gilt ja auch nicht Ihnen persönlich. Ich würde nur zu gern die Bibliothek in der Fössestraße besuchen.“
„Ich bin aber nicht in der Fössestraße.“
„Dann sind Sie nicht die Bibliothekarin, wie ich annahm?“
Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Ich bin wohl gestern ein wenig zu vertrauensselig gewesen. Ich kenne Sie nicht. Man muss heutzutage vorsichtig sein, angesichts der Bücherverbrennungen in Portugal.“
„Sie glauben doch nicht, dass brave Hannoveraner ihre Bibliothek stürmen und verwüsten würden.“
„Sie klingen nicht nach einem Hannoveraner.“
„Sondern?“
„Eher wie ein Kölner.“
„Kölner toben sich Rosenmontag aus. Sonst sind sie brav.“
Frau Burmester lachte: „Das Heißblütige geht Ihnen also ab.“
„Was denken Sie, wenn sich einer für Bücher und Bibliotheken interessiert.“
„Na gut. Ich werde Sie einlassen. Wie schnell können Sie hier sein?“
„In fünfzehn Minuten.“
„Dann kommen Sie zur Sicherheitstür und klingeln Sie an, wenn Sie da sind.“
„Ich habe dort keine Klingel gesehen.“
„Sie haben doch ein Smartphone?“

In der Fortsetzung führt Herr Godefrot ein Fachgespräch mit der Bibliothekarin.

Die letzte Bibliothek (3) – Nicht öffentlich

ImageJohn hob die Hand. Die Frau bremste. Sie blickte ihn prüfend durchs Seitenfenster an und fuhr es dann hinab. John sah in ein gutes Gesicht.
„Guten Tag“, sagte er, „ich bin fasziniert von dem Turm hinter uns. Wozu ist er gut?“
Einen Augenblick zögerte die Frau. Sie schien mit sich zu ringen. Doch dann sagte sie: „Ich kenne Sie nicht. Soll ich Ihnen trotzdem ein Geheimnis anvertrauen?“
„Warum nicht? Mir haben schon Leute vertraut“, entgegnete John. Sie lächelte dezent: „Also gut. Der Gebäudekomplex beherbergt unsere Bibliothek. Doch sie ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“
„Eine Bibliothek!?“

John war überrascht. In dieser sozialen Brache sollte sich ein Hort des Wissens befinden? Das hatte er nicht erwartet. Es durchfuhr ihn heiß und kalt. Er spürte, dass sein Herzschlag sich beschleunigte. Die neue Information weckte Begehrlichkeiten. Bislang war er nur bestrebt gewesen, im Turm hinauf zu steigen, um in den geheimnisvollen Raum mit den Fensterreihen zu gelangen. In seiner Vorstellung war der Raum leer. Doch jetzt drängte es ihn, die Bibliothek zu sehen. John sah die Frau an. Ihr offenes Gesicht irritierte ihn. Vor Aufregung fiel sein Mund ihm trocken. Er suchte nach Worten.

„Die Bibliothek ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich?“, wiederholte er und setzte nach: „Ich bin ja nicht die Öffentlichkeit. Es muss doch für eine Einzelperson wie mich die Möglichkeit geben, die Bibliothek zu besuchen und eventuell zu nutzen.“
„Die gäbe es vielleicht“, sagte die Frau. „Rufen Sie die Bibliothekarin an!“ Sie kramte in ihrer Handtasche ein Kärtchen hervor und reichte es heraus. „Aber derzeit ist die Bibliothekarin nicht an ihrem Platz.“
„Wo ist sie denn?“
„Sie befindet sich auf dem Heimweg“, sprachs und rauschte davon.
„Dann sind Sie die Bibliothekarin!“, rief John ihr hinterher. Aus dem Seitenfenster kam ihr schlanker, wohlgeformter Arm und winkte.

John sah ihr nach, bis sie die Einfahrt passiert hatte und auf die Straße eingebogen war. Dass die Frau ihm vertraut hatte, freute ihn, wunderte ihn aber nicht. Schon oft hatte er vermeintlich anlasslose Zuneigung erlebt. Ihm schien, dass die Gehirnpest das logische Denken störte, doch den Sinn der Intuition geschärft hatte. Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Rheinländer.
John ging hinüber zum Turm. Das alte Gebäude hatte eine neue Tür aus Sicherheitsglas. John beschattete seine Augen und versuchte ins Innere zu schauen, konnte aber nichts erkennen. Er wandte sich ab. Gleich morgen würde er die Bibliothekarin anrufen.

In der nächsten Folge fährt Herr Godefrot mit der Bahn.

Die letzte Bibliothek – eine Dystopie

ImageHerr Godefrot keuchte auf der Treppe. Die letzten Etagen fielen ihm immer schwerer. Seine hageren beiden Hände hatten das Treppengeländer umkrallt. Die schwache Arm- und Beinmuskulatur musste zusammenwirken, wenn er sich Stufe um Stufe hochquälte. Leider hatte das Direktorium seinen Antrag abgelehnt, in den Turm einen Aufzug einzubauen. Es sei ein Privileg, die Fensterreihen der obersten Etage abzuschreiten und hinauszuschauen auf die Stadt, um nach dieser Begutachtung seinen Sitz im Rund der Kollegen einzunehmen. Wer die vielen Treppen hinauf nicht mehr bewältige, habe seinen Platz im hohen Bibliotheksrat verwirkt. Das verhindere im Zuge der natürlichen Selektion die Vergreisung des Rats.

Herr Godefrot hatte schriftlich eingewandt, in allen früheren Kulturen seien Rat und Weisheit der Alten geschätzt gewesen. Es wäre an der Zeit, sich wieder auf diese Tradition zu besinnen. Das Direktorium erwiderte, da der Turm mit seinen Bibliotheksetagen fast das gesamte Wissen der Menschheit beherberge, sei es unnötig, sich wieder auf die Alten zu berufen. Zudem zeige Godefrots zunehmende Vergesslichkeit, wie unsicher seine wissenschaftlichen Aussagen im Ernstfall seien. Beim Lesen der Ablehnung erkannte Godefrot förmlich die spöttische Miene des Direktors.

Natürlich war Godefrot bewusst, dass er unvorbereitet, quasi freihändig, keine seiner eigenen Ausführungen mehr referieren konnte. Das war ihm erst letztens im Gespräch mit einem Kollegen aufgefallen. Der Kollege hatte sich beeindruckt gezeigt, Godefrots Ausführungen über den emotionalen Gehalt von Schrifttypen habe er so noch nirgendwo gelesen. Godefrot war von dem überraschenden Lob so überwältigt, dass er nur einige Phrasen hervorbrachte. Als er später zu Hause in seinem Buch nachschlug, hatten ihn Gehalt und Überzeugungskraft seiner Zeilen beschämt. Schriftlich 1 +, mündlich 6, aber mit einem dicken Minus. Wie konnte er dann hoffen, Maschine oder Mensch werde ihn auf die oberste Etage tragen.

Da regte sich sein Trotz. „Vier stämmige Männer sollen mich in einer Sänfte hochhieven. Das wäre angemessen“, keuchte er. „Nötigenfalls sollte man vier weitere Träger dazurufen.“ Und der Direktor müsse als neunter unter die Sänfte kriechen und sie auf dem gebeugten Rücken Stufe für Stufe hochheben. „Hehe! So muss es gehen!“

Fortsetzung

Technikmuseum – Die Karteikarte

ImageDas deutsche Verb „verzetteln“ ist vorwiegend negativ konnotiert und bedeutet den Überblick / die Übersicht verlieren; mehrere Sachen anfangen und dabei durcheinander geraten. Verzetteln ist aber auch ein Verfahren, Wissen zusammenzutragen und zu ordnen. Der deutsche Schriftsteller Jean Paul gilt als Vater der Zettelkastentechnik, hat in seinem Leben 12.000 Seiten an Exzerpten zusammengetragen. Allein sein Register dazu hat 2000 Seiten mit Schlagworten.

ImageBitte festhalten! Wir machen einen Zeitsprung ins Jahr 1979. Ich will einen Ritter zeichnen (Bild rechts) und brauche Anschauungs- material. Nachdem ich erfolglos meine Büchersammlung inspiziert habe, suchen wir die alte Aachener Stadtbibliothek auf. Wir dürfen auf der ersten Etage nur einen Katalograum betreten. In der Kartei suche ich nach Büchern, von denen ich hoffe, dass sie Abbildungen von Rittern enthalten und fülle fünf Bestellzettel aus. Ein städtischer Angestellter in Livree nimmt die Bestellzettel an und bescheidet, dass die Bücher in zwei Stunden bereitliegen werden.

Image

Schlagwortkatalog einer Universitätsbibliothek – Foto: Dr. Marcus Gossler (Wikipedia) (Größer klicken)

Bis Mitte der 1980-Jahre war die Literaturrecherche in der Aachener Universitätsbibliothek noch genauso zeitraubend organisiert. Man füllte Bestellzettel aus und wartete, dass die Bücher aus dem Depot per Aufzug nach oben kamen. Meist bekam man nur einen Teil der gewünschten Bücher. Manche Bücher waren vorhanden, konnten aber nicht gefunden werden, weil sie verstellt waren. Dann gabs Nullzettel. Ein Jahr versuchte ich Wilhelm Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter auszuleihen. Aus den Nullzetteln hätte ich mir ein Büchlein binden können: „Das Bibliothekswesen Ende des 20. Jahrhunderts.“

Weil er die Karteikarten versehentlich vor- und rückseitig beschrieben hatte, habe er ein geplantes Buch nie geschrieben, berichtet der Linguist Harald Weinrich – leider zu spät. Da war mir schon derselbe Fehler unterlaufen. Es ist mühsam, die Übersicht über ausgelegte Karteikarten zu behalten, wenn auch Wichtiges auf Rückseiten steht.

Image

Ausgelagertes Gedächtnis – Kartei zum Thema Schrift – Foto: JvdL (zum Vergrößern klicken)

Die Karteikarte, meist im Format 105 * 148 mm, etwa 180 Gramm/qm Karton, liniert oder blanko – Das obige Foto zeigt meine Kartei zum Thema „Schrift und Verwandtes.“ Ich habe sie von Mitte der 1980-er Jahre bis in die 1990-er Jahre hinein angelegt. Zu diesem Zweck habe ich jede freie Minute in den großen Aachener Bibliotheken, der TH-Bibliothek, der Diozösanbibliothek und der Stadtbibliothek, verbracht. Mein Ziel war, ein interdisziplinäres Werk über Schrift zu verfassen, weil ich festgestellt hatte, dass die verschiedenen Fachdisziplinen, die sich mit Schrift beschäftigen, wenig voneinander wissen. Viele Jahre ruhte die Arbeit, weil ich anderweitig zu eingespannt war. Ab 2005 habe ich angefangen, einiges niederzuschreiben, unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen. Erste Ergebnisse sind Blogbeiträge in der Rubrik Sprache, Schrift Medien und mein Werk „Buchkultur im Abendrot“, übrigens ein lohnendes Weihnachtsgeschenk.

Unterstützt von meinen Söhnen bin ich jetzt dabei, die Kartei zu digitalisieren, zuerst jede Karte zu scannen, dann zu verschlagworten und in einen digitalen Zettelkasten einzuordnen. Ich bin sicher, noch manches zu finden, worüber sich zu schreiben lohnt. Ob Vor- oder Rückseite ist dabei unerheblich, und die zeitraubende Suche entfällt. Die Karteikarte hat dann ausgedient.

Merseburger

ImageGegen Morgen träumte ich von Peter Merseburger. Ich wusste, dass er ein bekannter Journalist ist, doch als ich im Traum Wikipedia aufrief, stand da, Merseburger sei Musikkabarettist. Ich mochte das nicht glauben, war sicher, dass Merseburger etwas mit dem NDR zu tun hatte, sah sogar sein TV-Gesicht frontal vor mir. Deshalb schaute ich mehrmals bei Wikipedia nach, vergeblich. „Merseburger ist Musikkabarettist.“ Warum ich ausgerechnet das träumte? Von allen Kabarettisten finde ich Musikkabarettisten am langweiligsten, kenne überhaupt nur einen, den Niederländer Hans Liberg.

Seltsam ist jedenfalls, dass ich vom Aufruf eines Wikipedia-Eintrags träumt. Das hat nicht mal der Mühlhiasl gekonnt. Noch seltsamer ist, dass der Artikel zu Merseburger in Wirklichkeit genau so lang ist wie ich ihn träumte, ohne ihn je vorher gesehen zu haben. Wirklich unheimlich wäre freilich, wenn der Merseburger-Eintrag in meinem Traum den Tatsachen entsprochen hätte.

Wie ich hörte, arbeitet Google an einem Mensch-Maschine-Interface. Die Vision ist, dass ich nur an einen Inhalt denken muss, schon spiegelt mir Google entsprechende Informationen in die Datenbrille und zwar als dreidimensional dargestellte Texte, die ich beliebig verschieben und in den Fokus rücken kann, indem ich hinschaue. Das ist etwas anderes als aus der Provinz mit Bahn oder Bus in die Stadt zu fahren, um in der Bibliothek ein Buch zu suchen, in dem ich eine gewünschte Information vermute. Der Weg und die Handlungen der Suche nach Versuch und Irrtum entfallen schon jetzt. Digitale Suchfunktionen machen sie überflüssig. Schon heute ist manche Information im Netz mir näher als mein Bücherregal.

Egal wie das Mensch-Maschine-Interface funktionieren wird, es wird den Abstand zwischen mir und den Informationen noch stärker verringern, vorausgesetzt, das derzeit noch in Bibliotheken gespeicherte Wissen der Menschheit ist völlig digitalisiert.
Aber dann, wird Google der verlässliche Bibliothekar sein oder mir nur die Informationen zuspielen, die gerade opportun sind? Dann will ich wissen, wer Leon Battista Alberti war und was kommt heraus? Er war Musikkabarettist. Ist nur Spaß. Wenn Google weiß, nach welchen Informationen Menschen suchen, wird es einen Mainstream des Denkens feststellen. Das funktioniert als Rückkopplung. Dem Sog des Mainstreams wird man sich kaum enziehen können. Wer nicht aufpasst, wird hineingesaugt und bekommt: Fotos von schönen Blumen und Katzenvideos.

Plausch mit Frau Nettesheim – Instrumentelles Husten

frau-nettesheimichTrithemius – Sie sollten nicht denken, ich wäre untätig, wenn ich nichts Neues veröffentliche, Frau Nettesheim. Manchmal sitze ich stundenlang an einer Gif-Animation oder an einem Text, lade sie sogar hoch ins Blog, um sie am Ende als nicht gut genug zu verwerfen.

Frau Nettesheim – „Nicht gut genug“ für wen?

Trithemius – Für mich. Wenn ich mich nicht selbst an einer Veröffentlichung erfreuen kann, wie kann ich erwarten, dass es andere tun.

Frau Nettesheim – Was missfällt Ihnen?

Trithemius – Ach, hohe Frau, Schreiben und Gestalten geht viel zu leicht. Einst hat man die Tinte selbst anreiben und sich Gänsefedern zurechtschneiden müssen. Und? Konnte man dann loslegen? Nein, da fehlte noch der Beschreibstoff. Zur Not schnitt man sich eben die Ränder aus Büchern aus, um drauf schreiben zu können. Wenn ich keinen Beschreibstoff hätte und ich müsste in öffentlichen Bibliotheken heimlich leere Seiten aus Büchern reißen, dann wüsste ich das Schreiben wieder zu würdigen.

Frau Nettesheim – Wieso reißen Sie die Seiten nicht aus eigenen Büchern? Das wäre weniger kriminell. Stehen doch genug im Regal?

Trithemius – Aber das wäre ja keine Schwierigkeit. Es muss schwierig sein, damit es etwas wert ist. Man wählt ein Buch, schlägt den Schmutztitel auf, schaut sich um, ob keiner in der Nähe ist, hustet und reißt gleichzeitig. Instrumentelles Husten, Sie verstehen, hihi!

Frau Nettesheim – Ich glaube nicht, dass Sie das fertigbringen. Dazu sind Sie doch viel zu brav, Trithemius.

Trithemius – Jetzt bremsen Sie mich nicht aus, Frau Nettesheim. Sonst gibt es bald keine Texte mehr. Übrigens war ich kürzlich nach Jahren wieder mal in einer Bibliothek. Ein Freund, mit dem ich am Lindener Markt essen war, wollte in der Stadtteilbibliothek im Lindener Rathaus ein bestelltes Buch abholen. Also begleitete ich ihn. Im Eingangsbereich saßen drei Damen. Ich dachte, sie wären für die Verbuchung der Ausleihe zuständig. Aber das wars gar nicht. Verbuchung und Rückgabe sind automatisiert. Wie der Freund mir demonstrierte, erledigt der Kunde alles selbst. Im Prinzip bräuchte man keine Bibliotheksangestellten mehr. Vermutlich werden die nur weiter beschäftigt, damit einer wie ich sich nicht traut, Schmutztitel aus Büchern zu reißen.

Frau Nettesheim – Sehen Sie sich vor! Für Typen wie Sie hat man gewiss Überwachungskameras.