Wir sind es – die Glasmenschen

Image„Wenn ich am Küchentisch sitze, schaue ich genau auf die Rückfront des gegenüberliegenden Nachbarhauses, etwa 30 Meter Luftlinie entfernt.“

„Na und?“, warf Coster ungeduldig ein.

„Das Haus ist nach Osten ausgerichtet, weshalb die Sonne in die Zimmer scheint und sie erhellt. Da kann ich ziemlich gut in die drei übereinanderliegenden Zimmer sehen.“

„Weiß immer noch nicht, worauf du hinauswillst, Trithemius.“
.

„Also in diesen drei Zimmern untereinander sah ich eines Morgens je eine Frau hin- und hereilen und dachte, drei Hausbewohnerinnen räumen ihr Schlafzimmer auf, absolut gleichzeitig. Doch wussten sie nichts voneinander, weil sie meine Draufsicht nicht hatten. Jedenfalls musste ich an Samjatins dystopischen Roman Wir denken, in dem die Menschen in gläsernen Wohnungen leben und sehen können, wie sie sich morgens mit ihren Nachbarn gleichzeitig aus dem Bett erheben, Gymnastik treiben – nach einer Musik, die simultan aus den Lautsprechern kommt, sich gleichzeitig entleeren, waschen, ankleiden und an den Frühstückstisch setzen …“

„Hör auf, hör auf! Das ist ja gruselig!“

„Sie meinen, das wäre nichts für Sie, Coster?“

„Das ist für keinen Menschen was, höchstens was für Ameisen oder andere Kollektivwesen.“

„Aber der Mensch will durchaus mit den Mitmenschen im Einklang leben. Denken Sie nur an das ansteckende Gähnen oder Lachen. Oder denken Sie an Fußballfans und ihre Schlachtrufe. Den ‚Toor!‘-Schrei, das kollektive Aufstöhnen, wenn der Ball es verfehlt – es ist den Fans offenbar eine Lust, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Die geballte Energie von Gleichgesinnten, wie sie ins Stadion donnert und wieder heraus, das ist doch die Idee hinter Samjatins Dystopie oder nicht?“

„Was du vorbringst, sind doch alles Lebensäußerungen auf niedrigem Niveau.“

„Ach ja, Coster? Und was ist mit Chorgesängen in der Oper?“

„Ebenfalls primitiver Herkunft, nur kulturell überformtes Geschrei. Das müsste man auch vom Formationstanz sagen, falls du das noch anführen willst. Da ist es rhythmisches Stampfen. Letztlich ist auch das Palavern, das Miteinander-Reden primitiv, denn das wissen wir doch seit Watzlawick: Die inhaltliche Bedeutung ist sekundär. Es geht um den Beziehungsaspekt der Kommunikation.“

„Genau da kommen wir zum Heute, Professor. Wir brauchen ja gar keine gläsernen Häuser, die Menschen tragen ihr kollektives Schaufenster ständig bei sich – das Smartphone. Sie schauen hinein, um zu sehen, worüber alle reden, was sie anschauen, worauf sie reagieren, sie präsentieren sich selbst. Darin steckt die eigentliche Dystopie: Wir stimmen uns freiwillig ab, synchronisieren uns an Trends, Nachrichten, Videos. Alles gleichzeitig, überall zugleich – und primitiv sowieso.“

„Das heißt,“ sagte Coster düster, „wir sind längst im kollektiven Schlafzimmer angekommen, also mittendrin in Samjatins Dystopie – nur dass wir uns blindlings unterwerfen, weil wir die Draufsicht nicht haben.“

„Draufsicht ist göttliche Sicht. Der Mensch reicht nur durch Witz und durch Kunst an sie heran.“

Die letzte Bibliothek – eine Dystopie

ImageHerr Godefrot keuchte auf der Treppe. Die letzten Etagen fielen ihm immer schwerer. Seine hageren beiden Hände hatten das Treppengeländer umkrallt. Die schwache Arm- und Beinmuskulatur musste zusammenwirken, wenn er sich Stufe um Stufe hochquälte. Leider hatte das Direktorium seinen Antrag abgelehnt, in den Turm einen Aufzug einzubauen. Es sei ein Privileg, die Fensterreihen der obersten Etage abzuschreiten und hinauszuschauen auf die Stadt, um nach dieser Begutachtung seinen Sitz im Rund der Kollegen einzunehmen. Wer die vielen Treppen hinauf nicht mehr bewältige, habe seinen Platz im hohen Bibliotheksrat verwirkt. Das verhindere im Zuge der natürlichen Selektion die Vergreisung des Rats.

Herr Godefrot hatte schriftlich eingewandt, in allen früheren Kulturen seien Rat und Weisheit der Alten geschätzt gewesen. Es wäre an der Zeit, sich wieder auf diese Tradition zu besinnen. Das Direktorium erwiderte, da der Turm mit seinen Bibliotheksetagen fast das gesamte Wissen der Menschheit beherberge, sei es unnötig, sich wieder auf die Alten zu berufen. Zudem zeige Godefrots zunehmende Vergesslichkeit, wie unsicher seine wissenschaftlichen Aussagen im Ernstfall seien. Beim Lesen der Ablehnung erkannte Godefrot förmlich die spöttische Miene des Direktors.

Natürlich war Godefrot bewusst, dass er unvorbereitet, quasi freihändig, keine seiner eigenen Ausführungen mehr referieren konnte. Das war ihm erst letztens im Gespräch mit einem Kollegen aufgefallen. Der Kollege hatte sich beeindruckt gezeigt, Godefrots Ausführungen über den emotionalen Gehalt von Schrifttypen habe er so noch nirgendwo gelesen. Godefrot war von dem überraschenden Lob so überwältigt, dass er nur einige Phrasen hervorbrachte. Als er später zu Hause in seinem Buch nachschlug, hatten ihn Gehalt und Überzeugungskraft seiner Zeilen beschämt. Schriftlich 1 +, mündlich 6, aber mit einem dicken Minus. Wie konnte er dann hoffen, Maschine oder Mensch werde ihn auf die oberste Etage tragen.

Da regte sich sein Trotz. „Vier stämmige Männer sollen mich in einer Sänfte hochhieven. Das wäre angemessen“, keuchte er. „Nötigenfalls sollte man vier weitere Träger dazurufen.“ Und der Direktor müsse als neunter unter die Sänfte kriechen und sie auf dem gebeugten Rücken Stufe für Stufe hochheben. „Hehe! So muss es gehen!“

Fortsetzung

700 Meter über Normalnull

ImageDie dystopische SF-Serie Arcadia, eine belgisch-niederländische Co-Produktion, ließ mich zurückdenken an die 1990-er Jahre. Ich erkannte nämlich einige Kulissen, unter anderem die Staumauer von La Gileppe, einer Talsperre oberhalb von Eupen. Die Mauer wird gekrönt von einem etwa 14 Meter hohen Sandsteinlöwen. Er besteht aus 180 Blöcken und ist, wie zu lesen, 300 Tonnen schwer, also etwa so schwer wie das Saarland ein Fußballstadion. Wer im belgischen Dolhain von der Nationalstraße 61 abbiegt und südwärts fährt, gelangt ins Hohe Venn, eine moorige Hochebene. Auf Höhe der Talsperre sieht man in der Ferne den martialischen Löwen aufragen.

Unweit der Staumauer erhebt sich ein über 70 Meter hoher Aussichtsturm. Er wurde zwischen 1979 und 1982 errichtet. Ich bin einmal mit der Familie dort gewesen, hatte auf seinem hoch gelegenen Parkplatz geparkt. Wir fanden den Aussichtsturm aber geschlossen; der Zugang zum Aufzug war mit Bretter vernagelt, typisch für die Verhältnisse in der Wallonie, wo man sich futuristische Bauwerke zutraut, sie aber dann vergammeln lässt. Wegen finanzieller Schwierigkeiten wurde der Turm erst 1996 eröffnet. Inzwischen ist er ein architektonisches Beispiel für Retrofuturismus.

Retrofuturismus prägt auch den Stil der SF-Serie Arcadia. Als die Schauspielerinnen der Töchter der Protagonistenfamilie noch nicht geboren oder kleine Mädchen waren, bin ich am Ortseingang von Dolhain/Limbourg mit dem Rennrad von der Nationalstraße 61 in die Nationalstraße 629 eingebogen. Der Anstieg ins Hohe Venn ist recht mühsam. Obwohl die N629 anfangs durch ein ausgedehntes Waldgebiet führt, fährt man durch sengende Sonne, weil überwiegend südwärts. Die Fahrbahn bestand damals aus mit Teer verfugten Betonplatten, auf denen es „nicht rollt“, wie die Radsportler sagen. Weil die Straße so breit ist, hat man kein rechtes Gefühl für die kontinuierliche Steigung, spürt sie aber in den allmählich übersäuernden Muskeln.

Immerhin ist ein Höhenunterschied von fast 500 Metern zu bewältigen, bis Botrange, Belgiens höchster Punkt, erreicht ist. Er misst 694,24 Meter. Aus reiner Zahlenmagie hat man einen kleinen Hügel aufgeschüttet, um auf 700 Meter zu kommen. Diese Höhe ist aber am Pegel von Ostende orientiert. Der liegt um 2,33 Meter niedriger als der Amsterdamer Pegel, der unser Normalnull markiert. Wir stehen also auf 691,91 Metern, falls wir angehalten hätten und abgestiegen wären. Man braucht noch keine Sauerstoffflasche. Wie kommt es überhaupt zu solchen Differenzen? Das Wasser der Nordsee steht doch an allen Küsten gleich hoch, oder? Der Pegel ist eine willkürliche Festlegung, ausgehend vom mittleren Hochwasser. Was wir als Normalnull annehmen, ist genauso vage wie der Verlauf der Küstenlinien. Je genauer man hinschaut, desto unklarer wird alles. Das könnte man auf alle Bereiche ausdehnen, ist quasi ein Lebensprinzip.

Ganz gleich, auf welcher Höhe wir uns genau befinden, hier oben kann es auch an Sommertagen recht kalt werden. Einst überredete ich einen Freund, einen weiten Bogen über Botrange und den deutschen Grenzort Kalterherberg zu fahren. Ich trug ein Kurzarmtrikot, darunter aber einen dünnen weißen Hoodie. Ich weiß es noch so genau, weil einer über mein Outfit sagte: „Du siehst aus wie ein Bäcker.“ Auf halber Höhe begann es zu nieseln. Die Temperatur fiel auf unter 10 Grad. Der Nieselregen verdichtete sich. Botrange war im Nebel versunken. Im Nu waren wir durchnässt und froren erbärmlich. Wir mochten beide den Lenker kaum noch halten. Da half auch mein Bäckeroutfit nicht. Zwischen Kalterherberg und Aachen taucht die Straße in tiefe Täler. Hinab zur Perlbachtalsperre klapperten mir bereits die Zähne. Es regnete nun in Strömen. Zuerst schmeckte der Regen salzig, später sehr bitter, so dass ich mehrmals ausspucken musste. Inzwischen hatten wir derart kalte und steife Finger, dass ich dachte: Wenn einer von uns platt fährt, kriegen wir den Reifen nicht von der Felge. Noch nie hatte ich derart gefroren. Mit zischenden Reifen sausten wir die Himmelsleiter hinunter nach Roetgen. Meine Arme zitterten derart, dass ich kaum noch geradeaus fahren konnte.

Als wir in Kornelimünster auf die Vennbahntrasse eingebogen waren, rief mein Freund: „Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kommen soll!“, klagte über Hände, mit denen er den Lenker nicht mehr greifen könne, erfrorene Fußspitzen und so weiter. Ich sagte, und die Zähne klapperten mir dabei: „Alles, was du über dich sagst, kann ich genauso über mich sagen!“ Dieser starke und durchtrainierte Mann murrte noch, klammsteife Finger seien ja eine Spezialität seiner Familie, sah dann aber wohl ein, dass es mir nicht besser ging als ihm, ohne dass ich auf eine besondere familienererbte Disposition verweisen konnte.

Wir haben es überlebt. Steigen wir in ein heißes Bad und hüllen uns danach in einen flauschigen Bademantel.

Wenn es nur noch Hoffnung gibt

ImageEgal, welche Pläne man beim Anlegen des Parks und seiner Wege verfolgt hatte; den Winter über hatte es eine Abstimmung mit den Füßen gegeben, und Parkbesucher hatten einen Trampelpfad quer über die ausgedehnte Wiese geschlagen. Ob das Gras noch mal nachwachsen wird, fragte ich mich. Inmitten der Wiese erhob sich eine stattliche Buche. Sie war im weiten Rund von einer Gruppe junger Leute umstanden, die in den Händen große reflektierende Folien hielten. Ein älterer Mann gab Anweisungen, wie die Reflektoren auszurichten wären, so dass sie den glatten Stamm der Buche etwa auf halber Höhe ins Licht tauchten, als wäre geplant, den Baum abzulichten.

„Was geschieht denn hier gerade?“, fragte ich eine junge Frau, die dem Trampelpfad am nächsten stand.

„Wir geben der Buche einen Wachstumsimpuls“, sagte sie. „Unser Professor hat die Idee, dass die gebündelte Sonnenstrahlung auf den Stamm die Buche aufwecken könnte.“

„Dann müssten Sie der Buche aber auch Zeit lassen zu reagieren. Alles Große ist schwer zu bewegen. “

„Zeit lassen!“, sagte sie mit leiser Panik in der Stimme. „Haben Sie mal auf den Kalender geschaut? Wir haben jetzt Ende April, aber nicht ein Baum hat bislang Kospen getrieben, von Blättern ganz zu schweigen.“ Sie deutete hinauf ins dürre Gewirr von Ästen und Zweigen. „Die Vogelwelt hat sich schon verabschiedet – bis auf die da.“ Ich schaute hoch und sah zwei Elstern kopfüber in den Ästen schaukeln.

„Wenn die Natur sich verweigert, dürfte sie genug Gründe haben“, sagte ich. „Da können Sie den Buchenstamm bestrahlen, bis die Rinde Blasen schlägt. Selbst wenn die Buche wie gewünscht reagiert, wollen Sie etwa allen Bäumen des Waldes, allen Pflanzen, jedem Grashalm einen Wachstumsimpuls geben? Da hätten Sie viel zu tun.“

„Wir wollen zunächst testen, ob es grundsätzlich geht. Wie die Methode flächendeckend anzuwenden sei, wäre im Nachgang zu überlegen.“

„Ich sehe schwarz. Wenn gestiegene Temperaturen und zunehmende Sonneneinstrahlung die Natur nicht erwecken können, dann kann es ein Häuflein Studierende der Biologie nebst Professor erst recht nicht.“

„Gibt es denn keine Hoffnung?“, fragte sie und ließ die Spiegelfolie sinken.

„Hoffnung gibt es immer“, sagte ich.

„Sie glauben, dass die Natur sich erholen wird?“

„Das habe ich nicht gesagt, nur dass es Hoffnung gibt. Beispielsweise haben Sie, Ihre Kommilitonen und der Professor Hoffnung. Sonst stünden Sie nicht mit Spiegelfolien hier.“

Unter Gemüseschnitzern (3) – Kein Glück ohne Schatten

Image„Warum noch darüber reden? Das alles macht mir Weltschmerz. All den Lug und Betrug aus den Reihen der machtgeilen Politik, das Leid, dass diese Leute im Dienste eines angeblichen Infektionsschutz bei Alten, Kranken, Familien und Kinder angerichtet haben, die Ignoranz unserer Medien, die inquisitorische Weise, in der man Kritiker mundtot machen will, kann ich kaum ertragen. Und mich schmerzt, dass Freunde und Freundinnen, deren Intelligenz und Urteil ich geschätzt habe, der Panikmache und Angstmacherei zum Opfer gefallen sind.“

„Ich heule gleich“, sagte der Schriftsteller.

„Na na, der Lockdown war nötig, stand in meiner geliebten FAZ“, sagte Frau Spangenberg.

„Aber unser Gesundheitssystem war zu keiner Zeit überlastet. Und die alberne Maskenpflicht wurde erst eingeführt, als der magische „R-Wert“ weit unter 1 war und die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern leer standen.“

Der Weg führte nun steil bergab. Inzwischen sahen wir unter uns in die Mauereinfassung der Grabanlage mit der zentralen Pyramide, die der Graf von Münster sich hatte erbauen lassen.

„Wie glücklich die Zeiten, als die Eliten sich mit derlei Quatsch begnügt haben“, sagte ich.

„Das werden die Dienstboten anders gesehen haben, als sie dem Fürsten zu Lebzeiten die Genüsse den Berg hinaufschaffen und servieren mussten, nur damit er Tee schlürfend den Blick auf sein Anwesen und die Ländereien genießen konnte“, wandte der Schriftsteller ein,

„Da sind sie wenigstens fit geblieben“, sagte Frau Spangenberg,

„Inzwischen ist auch der die Fitteste von ihnen längst tot“, sagte der Schriftsteller düster und ließ sich auf eine Bank sinken. „Fitness wird total überschätzt. Ich gehe keinen Schritt mehr weiter.“

„Ob sich aber ein Dummer findet und Ihnen das Abendessen bringt?, lachte Frau Spangenberg.

„Der Hunger treibt ihn schon rein“, sagte ich und ging weiter. Die Aussicht, mit Sibylle Spangenberg alleine weiter zu bummeln, war höchst erfreulich. Zum Glück blieb der Dicke sitzen.

„Sie hätten ihn ruhig ermuntern können“, rügte sie.

„Warum sollte ich? Ihre aparte Gesellschaft reicht mir.“

„Mich beunruhigt, dass Sie so düstere Gedanken denken. Können Sie auch anders?“, fragte Sibylle Spangenberg.

„Oja. Es gibt auch bei mir seltene Minuten, da ich von innerer Zufriedenheit durchdrungen bin, dass mir nichts zu fehlen scheint.“

Der Weg folgte nun den Windungen eines Baches. Im dichten Buschwerk der Uferböschung erhob sich ein Kirschbaum mit leuchtend roten Früchten.

„Die hängen leider zu hoch“, sagte ich.

„Wieso?“ Frau Spangenberg stieg in die Böschung, reckte sich zu einem Zweig hin, der voller Kirschen hing und pflückte sie.

„Mein Bruder hat gesagt: ‚Mit einer großen Frau ist nicht gut Kirschen essen‘.“

„Ihr Bruder hatte wohl keine Ahnung“; sagte sie lachend und gab mir ihre Handvoll Kirschen. Sie schmeckten köstlich. Aber ich biss mir auf die Zunge und schmeckte Kirschsaft mit einer Ahnung von Blut. Kein Glück ohne Schatten.

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Links: Die gesponserte Pandemie

Die Ballerman-Hysterie

Covid19-Entscheidungen und -Debatte sind wie der Offenbarungseid einer beschränkten Politik und abnickender Medien


Unter Gemüseschnitzern (2) – Weltschmerz

ImageWie warteten, bis Frau Spangenberg heran gekommen war, nahmen sie in die Mitte und stiegen gemeinsam hinan. Im Wald hatte man im großen Stil Bäume gefällt, die Stämme seitlich des Wegs aufgestapelt, das Knüppelholz aber achtlos im Wald und sogar über den Weg verstreut. Stellenweise mussten wir hintereinander gehen. Ich hatte Mühe, nicht zu straucheln, während die Spangenberg hurtig bergan eilte und scheinbar mühelos wie das göttliche Kind über alle Hindernisse hinweg schritt.

„Ich möchte nicht wissen, wie es bei dem Förster zu Hause aussieht, der das Chaos hier zu verantworten hat“, sagte ich.

Frau Spangenberg lachte. Bringst du eine Frau zum Lachen, hast du schon gewonnen, freute ich mich. Der korpulente Schriftsteller blieb schnaufend zurück und schien aufgeben zu wollen. Frau Spangenberg wusste ihn zu motivieren. „Oben am Teehaus gibt es eine Bank. Da können Sie verschnaufen und uns erzählen, was sie schreiben.“

„Meistens schreibe ich Dystopien“, sagte der SF-Schriftsteller düster.

„Gibt es nicht genug? Das Genre ist doch schon voll von Dystopien“, wandte ich ein.

„Man kann sich schlechte Welten einfach besser vorstellen, wenn man derzeitige negative Entwicklungen weiter in die Zukunft denkt.“

Wir erreichten die Bank und setzten uns. Vor uns erhob sich auf einem Sockel das unförmige Teehaus, einem dorischen Tempel nachempfunden, den der Hannoveraner Architekt Georg Ludwig Friedrich Laves im Jahr 1827 dem Grafen auf den Berg baute. Sagt man so, obwohl Laves keine Steine geschleppt haben wird.

„Hauptsache plausibel. Die Menschen mögen es, wenn die Entwicklungen so dargestellt sind, dass jeder mitkommt“, sagte ich.

„Ich weiß nicht“, widersprach Frau Sprangenberg. „Die menschliche Erfahrung lehrt etwas anderes. Schon der Blick in die Vergangenheit zeigt genau das Gegenteil von Plausibilität: “ Sie deutete mit ihrer schönen Hand in die Runde: „Der griechische Tempel hier, die Grabpyramide im Tal und die Fischerhäuser an der Straße. Das architektonische Ensemble mit dem Schloss und den weitläufigen Gebäuden der Meierei. Plausibel ist doch nur das umgebende Idyll. Wenn wir nicht wüssten, dass die Anlage einst ein Zisterzienserkloster gewesen ist und ein Fürst es im 19. Jahrhundert der Kirche entrissen hat, um das Haupthaus im Tudorstil zum Schloss umzubauen, stünden wir vor einem Rätsel und würden nichts mit unserer Gegenwart zusammenbringen können.“

„Das deprimiert mich ja so“, sagte der Schriftsteller. „Wenn man die derzeitige Entwicklung unserer Gesellschaft zur Gesundheitsdiktatur betrachtet, so ist auch nichts plausibel. Schon die handelnden Figuren sind es nicht. Die Charaktere sind so schlecht entwickelt, einfach dumm. Kein Verlag würde mir ein Manuskript abnehmen mit Figuren wie Frau Merkel, Jens Spahn, Karl Lauterbach und so weiter. Dass derlei banale Menschen die Akteure sind, hätte ich nie erwartet. Und dass es kaum gesellschaftlichen Widerstand gibt, das völlige Versagen der Leitmedien als kontrollierende Vierte Gewalt, ihr arrogantes Ignorieren der Fakten, das alles ist nicht plausibel. Einzig wie sie Abweichler, Zweifler und Kritiker dämonisieren, das erinnert an längst bekannten religiösen Eifer.“

„Plausibel ist die Entwicklung schon“, sagte ich. „Ich muss immer denken an Warren Buffetts Befund, dass die Klasse der Superreichen einen Klassenkampf begonnen hätten.’There’s class warfare, all right, but it’s my class, the rich class, that’s making war, and we’re winning.‘ Waren das nur Worte des zweitreichsten Mannes der Welt oder gab es konkrete Kriegshandlungen?“

Müde bestätigte der Schriftsteller: „Er hat das anlässlich der Finanzkrise gesagt. Banken wurden mit Steuergeldern gerettet, und am Ende waren die Superreichen noch reicher geworden. Das Geld wurde also von unten nach oben geschaufelt.“

„Hinsichtlich der Kriegsmetapher war die Finanzkrise ein Scharmützel“, warf Frau Spangenberg ein.

„Ja, die nächste Kampfhandlung, der nächste Angriff muss heftiger sein. Wie könnte es weitergehen? Entwickeln Sie ihre Dystopie, Herr Schriftsteller!“, sagte ich.

„Zuerst bringt die Pharmaindustrie die WHO dazu, die Definition der Pandemie zu ändern, damit man eine ausrufen kann trotz geringer Todesfälle wie damals bei der Schweinegrippe. Dann versetzt man die Leute durch geschicktes Marketing in Todesangst, so dass sie nicht mehr geradeaus denken können. Dann macht man mit Shotdowns und Lockdowns den Mittelstand kaputt, so dass die großen Wirtschaftsplayer sich deren Marktanteile unter den Nagel reißen können.“

„Nicht besonders originell“, sagte ich. Genau das ist doch passiert oder passiert derzeit. Die Auswirkungen können wir jetzt schon sehen an Amazon und dem Bankrott von Karstadt/Galeria Kaufhof.“

„Ich bin halt müde. Wie kann ich mir eine eigenständige Dystopie ausdenken, wenn die Welt erkennbar auf eine zustrebt?“, fragte der Schriftsteller. „Wenn der Krieg bereits im Gange ist und in so großem Stil geführt wird, wie Sie sagen, ist eh alles verloren. Dann bleibt uns nur Gemüseschnitzen und sonstiger Eskapismus. Warum sollten wir noch über die derzeitige Entwicklung reden?“

Fortsetzung: Kein Glück ohne Schatten

Gekritzelt – Immerzu Gerappel und Geklingel

ImageTata-Taataataaaaa
Eine Unterkategorie der Science Fiction ist die Dystopie. Dystopien zeigen pessimistische Gegenbilder der Utopie, totalitäre Gesellschaften wie etwa in Georges Orwells Roman „1984“, Ray Bradburys „Fahrenheit 451“, in Terry Gilliams bedrückendem Film „Brazil“ oder in der verfilmten Romantrilogie „Hunger Games“ von Suzanne Collins. Was hat es zu bedeuten, dass die Tagesschau-Titelmelodie neuerdings exakt klingt wie aus einer der filmischen Dystopien? Ist das Versehen oder schreckliche Drohung?

Tee von gestern
Ich achte handwerkliche Leistung bis zur Selbstaufgabe. Wenn beispielsweise mein Friseur mir mehr von den Haupthaaren abschneidet als vereinbart, verkneife ich mir Protest. Daher ging ich letztens mit einer Halbseitenglatze nach Hause – und gab sogar Trinkgeld. Darum würde ich nie machen, was einer bei Fräulein Schlicht tat. Er trat an die Theke und sagte schwäbelnd ungefähr das: „Erkläre bitte deiner Mitarbeiterin von gestern, wie Früchtetee gemacht wird. Sie schaufelte Löffel um Löffel hinein, und mir war klar: „Das wird Schwarztee, aber kein Früchtetee.“ ZOUNDS! Das ist ja noch schlimmer als eine Halbseitenglatze. Aber warum beschwert er sich erst tagsdrauf? Hat er heute Morgen Korinthen kacken mussen?

Die Wahrheit über Dada
In seinem wunderbaren Buch „Agar agar zaurzurim – Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ verrät Peter Rühmkorf, dass Dada im Malaysischen die weibliche Brust meint.

Die Glasknochen der Erinnerung
Manche Erinnerungen sind so fragil, wenn man nach ihnen greift, um sie aufzuschreiben, zerbröseln sie.

Wütend vor Angst
Im Haushalt meiner Patentante Liesl lebte ihr alter Vater, der Opa Happ. Als ich mal bei ihr in Ferien war, hatte er herausgefunden, dass er mich abends ärgern konnte, wenn er befahl: „Husch husch ins Körbchen!“ Das machte mich wütend, und darüber freute sich Opa Happ, aber es lag gar nicht an den Worten. Ich mochte nie gern zu Bett gehen, weil im Schlafzimmer oben auf dem Kleiderschrank meiner Tante alte Puppe Gundula saß. Vor Gundula hatte ich im Dunkeln eine Scheißangst. Opa Happ und Gundula, das Alptraumpaar.

Homunculi
Als ich Sonntag aus dem Fenster schaute, habe ich erblickt, wie zwei Männer im Pitbullsmoking von Addidas auf dem Spielplatz unten einen Grill aufgebaut und mächtigen Qualm produziert haben. Schaue ich zum zweiten Mal hinaus, sitzt hinter der Qualmwolke ganz schemenhaft ein weiterer Mann im Pitbullsmoking. Und klar, 15 Minuten später lungert ein Vierter um die Feuerstelle herum. Die Alchemisten haben geglaubt, wenn sie eine Phiole mit Sperma für eine Weile im dampfenden Kuhmist vergraben, dass in der Phiole ein Homunculus, also ein Menschlein heranwachsen würde. So glaube ich, dass im Qualmen und Rauchen eines Tankstellengrills Männer mit Pitbullsmoking erzeugt werden.

Immerzu Gerappel und Geklingel …
… ist die Überschrift und hier die Unterschrift:
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Retro total – Über die bald mögliche Simultanität der Zeiten und wie sie das Ende der Menschheit bringt

ImageWie derzeit das Akustische und Visuelle vergangener Zeiten sehr genau reproduziert und konserviert werden kann, zeigen Schallplatte und Film aus den 1960-er Jahren. Wie heute sogar dreidimensionale Klänge und Bildwelten sich digital speichern lassen und jederzeit reproduzierbar sind, so könnte es eines Tages gelingen, auch den haptischen Erfahrungsbereich sowie Gefühle perfekt zu konservieren und für spätere Zeiten reproduzierbar zu machen. Zusammen mit Bild und Ton ergäbe das die Simultanität der Zeiten ohne Zeitparadoxon, denn unabhängig von der Konservierung verschiedener Zeitläufte schritte der Mensch weiter in der Zeit voran.

Angenommen also, man könnte alle individuellen Erfahrungen digital speichern und über Einspeisung ins Gehirn beliebig reproduzieren. Dann sehe ich den Menschen an irgendeinem Punkt seines Lebens innehalten und zurückgehen in die eigenen vergangenen Erfahrungen. Wenn nämlich die Träume und Hoffnungen der Jugend ausgeträumt sind, wenn das Leben fest gefügt ist und in Alltagroutine verflacht, wendet der Mensch sich gern der Vergangenheit zu. Wäre sie verfügbar, könnte der Mensch aufhören, in seinem Leben gegenwärtig zu sein und völlig in seine Vergangenheit eintauchen, als er noch jung, kräftig, dynamisch und begehrenswert war, während sein alternder Körper in einer Nährlösung liegt.

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Zu Besuch im Gestern – Fotomontage JvdL

Welche Konsequenzen hätte das für die Gesellschaft und für die sozialen Prozesse? Weil die Ereignisse, an denen man selbst beteiligt ist, bevorzugt werden gegenüber jenen, bei denen man nur Zuschauer ist, würde jeder danach trachten, sich in kurzer Zeit möglichst viel von den Freuden und Genüssen der Welt anzueignen, um eine große Bibliothek schöner, lustvoller, ja, wunderbarer Erfahrungen anzulegen. In früher Jugend mag der Mensch noch glauben, dass sich die Genüsse von selbst einstellen werden, denn er ist noch voller Hoffnung. Wenn jedoch die Illusionen zu schwinden beginnen, würde der Mensch in Lebensgier verfallen, was natürlich einem planvollen zukunftsgerichteten Leben widerspräche. So ist anzunehmen, dass sich bei vielen Menschen die Erfahrungen des gegenwärtigen Lebens bald zum Negativen verschieben würden. Daher sähen sie sich gezwungen, die Flucht in die Vergangenheit schon recht früh anzutreten.

Diejenigen aber, deren persönliche Erfahrungen reizarm sind, werden auf konservierte Fremderfahrungen zurückgreifen. Deshalb würde sich ein Wirtschaftszweig entwickeln, der reizvolle Erfahrungen produziert und den Armen zur Verfügung stellt. Indem nun diese Konserven ständig aufregender und variantenreicher werden, koppeln sie sich zunehmend von real erlebbaren Vorgängen ab. So werden sie zu Schablonen von idealen Gegenwelten. Von ihnen wird eine derartige Verführung ausgehen, dass viele Menschen auf eigene Erfahrungen in der realen Welt ganz verzichten werden.

Die reale Welt zu gestalten, würde zunehmend unnötig werden, was es aber schwerer machen würde, noch Erfahrungen zu machen, die sich zu erinnern lohnen. Folglich würden die vorproduzierten Fremderfahrungen immer wichtiger werden. Es gäbe paradiesische Musterleben und jeder könnte nach Belieben in die Rolle der Akteure dieser Musterleben eintauchen. Die eigene Identität würde als letztes unnötig. Indem dann die Menschheit nichts mehr hervorbringt, sondern sich nur noch in imaginären Welten aufhält, erlischt ihre Bedeutung. Zum Schluss würde alles um die Aufbewahrungszentren herum verfallen, die wilden Tiere, sich selbst überlassene und wieder verwilderte Hunde würden sich ungehemmt vermehren und die tatenlos herumliegenden Menschen fressen.
ende