John hob die Hand. Die Frau bremste. Sie blickte ihn prüfend durchs Seitenfenster an und fuhr es dann hinab. John sah in ein gutes Gesicht.
„Guten Tag“, sagte er, „ich bin fasziniert von dem Turm hinter uns. Wozu ist er gut?“
Einen Augenblick zögerte die Frau. Sie schien mit sich zu ringen. Doch dann sagte sie: „Ich kenne Sie nicht. Soll ich Ihnen trotzdem ein Geheimnis anvertrauen?“
„Warum nicht? Mir haben schon Leute vertraut“, entgegnete John. Sie lächelte dezent: „Also gut. Der Gebäudekomplex beherbergt unsere Bibliothek. Doch sie ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“
„Eine Bibliothek!?“
John war überrascht. In dieser sozialen Brache sollte sich ein Hort des Wissens befinden? Das hatte er nicht erwartet. Es durchfuhr ihn heiß und kalt. Er spürte, dass sein Herzschlag sich beschleunigte. Die neue Information weckte Begehrlichkeiten. Bislang war er nur bestrebt gewesen, im Turm hinauf zu steigen, um in den geheimnisvollen Raum mit den Fensterreihen zu gelangen. In seiner Vorstellung war der Raum leer. Doch jetzt drängte es ihn, die Bibliothek zu sehen. John sah die Frau an. Ihr offenes Gesicht irritierte ihn. Vor Aufregung fiel sein Mund ihm trocken. Er suchte nach Worten.
„Die Bibliothek ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich?“, wiederholte er und setzte nach: „Ich bin ja nicht die Öffentlichkeit. Es muss doch für eine Einzelperson wie mich die Möglichkeit geben, die Bibliothek zu besuchen und eventuell zu nutzen.“
„Die gäbe es vielleicht“, sagte die Frau. „Rufen Sie die Bibliothekarin an!“ Sie kramte in ihrer Handtasche ein Kärtchen hervor und reichte es heraus. „Aber derzeit ist die Bibliothekarin nicht an ihrem Platz.“
„Wo ist sie denn?“
„Sie befindet sich auf dem Heimweg“, sprachs und rauschte davon.
„Dann sind Sie die Bibliothekarin!“, rief John ihr hinterher. Aus dem Seitenfenster kam ihr schlanker, wohlgeformter Arm und winkte.
John sah ihr nach, bis sie die Einfahrt passiert hatte und auf die Straße eingebogen war. Dass die Frau ihm vertraut hatte, freute ihn, wunderte ihn aber nicht. Schon oft hatte er vermeintlich anlasslose Zuneigung erlebt. Ihm schien, dass die Gehirnpest das logische Denken störte, doch den Sinn der Intuition geschärft hatte. Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Rheinländer.
John ging hinüber zum Turm. Das alte Gebäude hatte eine neue Tür aus Sicherheitsglas. John beschattete seine Augen und versuchte ins Innere zu schauen, konnte aber nichts erkennen. Er wandte sich ab. Gleich morgen würde er die Bibliothekarin anrufen.