In den 1970-er Jahre lief im Deutschen Fernsehen die erfolgreiche Samstagabend-Unterhaltungsshow „Am laufenden Band.“ Acht Kandidaten spielten gegeneinander. Zuletzt mussten drei Fragen aus der Tagesschau beantwortet werden. Alle Kandidaten hatten vor der Sendung gemeinsam die Tagesschau gesehen. Trotzdem scheiterten viele an dieser Aufgabe. Ich erinnere mich an eine Frau, die gefragt wurde, in welcher Stadt sich der deutsche und der französische Außenminister getroffen hatten. Sie antwortete „Moskau?“ Natürlich verwies die Antwort auf einen niedrigen Bildungsstand, denn ein derartiges Treffen in Moskau zur Zeit des kalten Kriegs war unmöglich.
Warum aber war die Information einer Nachrichtensendung schon nach kurzer Zeit vergessen? Im Studium begegnete mir eine Arbeitsmappe zur visuellen Kommunikation, worin dieser Frage nachgegangen war. Die Kommunikationswissenschaftler hatten die Antwort in der Art der Bebilderung gefunden. Wurde in den Nachrichten beispielsweise von einer Konferenz berichtet, zu der Außenstehende keinen Zugang hatten, zeigte man das Gebäude, und die Kamera zoomte auf dessen Fensterfront, allein um ein Bewegtbild zu vermitteln. Derlei sachfremde Signale konkurrierten mit dem im Off gesprochenen Text, und weil der Mensch ein Augentier ist, bleibt die Aufmerksamkeit bei der Kamerafahrt auf die Fensterfront. Visuelle Eindrücke müssen aber flüchtig sein, damit sich die verschiedenen Bildeindrücke nicht überlagern. Das heißt, bei einem flüchtigen Bewegtbild werden keine Begriffe gebildet. Folglich würde nur eine sprachliche Verarbeitung helfen. Menschen müssen über das Gesehene sprechen, um es zu verstehen.
Bei einem geselligen Zusammensein am gestrigen Abend klagte jemand über den Medienkonsum seiner Neffen, die wohl die meiste Zeit des Tages zu Unterhaltungszwecken vor dem Smartphone verbringen. Sie nähmen sich offenbar ein Beispiel an den Eltern, würden aber nicht sehen, dass die Eltern das Smartphone ganz anders nutzen, um sich zu informieren, beispielsweise Nachrichten zu lesen. Für mein Empfinden haben Eltern wie Kinder bereits verloren.
Die Bedeutung des Wortes NACHRICHT ist: Wonach man sich zu richten hat. Gewisse Menschen lassen sich quasi den ganzen Tag über Push-Up-Nachrichten von ihren Alltagsgeschäften ablenken. Diese Nachrichten sind nur selten tatsächliche Verhaltensaufforderungen, wenn etwa gemeldet wird, dass Bahnen und Busse nicht fahren werden, weil die Angehörigen des öffentlichen Dienstes streiken. Oder wenn absehbar ist, dass es wegen der Wetterverhältnisse zu Verkehrsbehinderungen kommen wird. Allein der Wetterbericht ist eine täglich vorkommende Nachricht im etymologischen Wortsinne. Meistens betreffen Nachrichten Geschehnisse an fernen Orten, erlauben also kein Handeln, außer vielleicht an der Flut dieser Nachrichten irre zu werden, Demgemäß macht es keinen Unterschied, ob Kinder sich am Smartphone unterhalten lassen oder ihre Eltern Nachrichten als Entertainment konsumieren und ihr Denken pulverisieren lassen. Hilfreich wäre nur, wenn Eltern die Geräte ausschalten und sich ihren Kindern widmen würden, statt als Familie auf dem Smartphone in die Dämmerung der kollektiven Verblödung zu surfen.
