Schräg nur, wenn man den Kopf dreht

Image„Umarmen Sie einen Baum“, empfiehlt der US-Grafik-Designer Jim Krause in seinem inspirierenden Buch „Funkenflug.“ Das tat ich, lange vor einem Mann namens Söder. Von positiven Effekten seiner Baumumarmungen ist mir nichts bekannt. Doch ich kann hier von Effekten meiner Baumumarmungen berichten. Ich hatte im Jahr 2005 das Bloggen für mich entdeckt und veröffentlichte im „Teppichhaus Trithemius“ auf der noch jungen Plattform Blog.de. Nach einer gescheiterten Beziehung war ich ein wenig labil, schrieb meistens im bekifften Zustand, und das spiegelte sich in meinem Leserinnenkreis, in dem es faszinierende, aber leicht zu beeinflussende Menschen gab.

Ich hatte mich gegen heftigen Liebeskummer homöopathisch behandeln lassen, nicht weil ich an Homöopathie glaubte, sondern weil ich loskommen wollte vom Grund meines Kummers. Diese Frau nämlich glaubte an Homöopathie. Die Idee, gleiches mit ähnlichem zu bekämpfen, begründete meine Hoffnung, von der Frau geheilt zu werden. Ich erhielt nur fünf Globuli, ging aber danach durch die Decke, schrieb ziemlich heftige Texte, und am heftigsten gerieten sie mir, wenn ich einen Baum umarmt hatte. Darum sah man mich auf dem Aachener Lousberg immer sorgfältig auswählen, wobei ich zu mächtige Bäume mied. Trotzdem schrammte ich hart am Wahnsinn, konnte nachts nicht schlafen, sondern ersann einen Text nach dem anderen. Nach einigen Wochen suchte ich meine homöopathische Ärztin auf und sagte: „Sie müssen mich bremsen! Ich mache alle Leute verrückt.“ Fünf andere Globuli erdeten mich wieder. Ein halbes Jahr später sagte sie rückblickend auf meinen damaligen Zustand: „Ich hatte ein bisschen Schiss.“

Jim Krause schreibt, man könne statt eines Baumes auch eine Topfpflanze umarmen. Das tat ich mit meiner Zimmerpalme. Sie war ein Geburtstagsgeschenk der besagten Frau zu meinem 50. Ich taufte die Zimmerpalme Josie. Unter Josies Einfluss entstanden viele meiner schrägen Geschichten, veröffentlicht in vier Büchern, dem Quartett des Schrägen:

    Alleweil wird irgendwas gesagt (2023);
    Das Ächzen der Dinge (2022);
    Goethes bunter Elefant (2019);
    Die schönsten Augen nördlich der Alpen (2017),

zu finden im Teestübchen Büchermarkt. Wie alt Zimmerpalmen werden, weiß ich nicht. Josie scheint mir ein bisschen müde zu sein, ließ einige Wedel vertrocknen, und scheint überhaupt mit mir zu fremdeln, weshalb meinen Texten seit einem halben Jahr etwa das Schräge fehlt. Ich bedauere das sehr.

dEUS; How To Replace It

Obstipation und Harnverhaltung im Kinofilm

ImageNach dem Besuch des viel gelobten Films „Perfect Days“ von Wim Wenders möchte ich auf einen kuriosen Regiefehler hinweisen, den es in vielen Filmen zu sehen gibt, der aber besonders bei „Perfect Days“ auffällt. Der Film zeigt den Alltag eines Mannes in Tokio. Als Angestellter von „Tokyo Toilet“ reinigt er die öffentlichen Toiletten eines Stadtviertels. Es beginnt mit minutiös gefilmten Alltagsroutinen vom Aufwachen übers Zusammenfalten des Futons, dem Wegräumen des Bettzeugs, dem Zähneputzen und Ankleiden, dem Einstecken von Utensilien wie Geldbörse und Schlüssel bis zum morgendlichen Ziehen des Kaffees aus einem Automaten. Fehlt hier was?

Wim Wenders zeigt seinen Protagonisten beim Aufstehen, bei der Arbeit, bei der abendlichen Körperpflege im öffentlichen Badehaus und gelegentlich beim Essen. In der Pause im Park verzehrt der Toilettenmann Sandwiches aus stopfendem Weißbrot, doch nie wird auch nur angedeutet, dass er selbst eine Toilette benutzt. Was er isst, scheint er tapfer zu bunkern. Nach drei Tagen gilt das als Verstopfung. Ich erwarte ja keine gefilmte Notdurft. Aber dass er zu Hause das Örtchen aufsucht, müsste doch anzudeuten sein, wenn sonst Tag für Tag jede Einzelheit gezeigt wird. Diese gschamige Aussparung eines natürlichen Vorgangs lässt sich in vielen Filmen beobachten. Die Protagonisten wachen am Morgen auf und springen ohne sanitären Stopp ins Leben. Halt, ihr bösenbösen Regisseure! Lasst sie einmal auf’s Häuschen oder in die Büsche! Und nachher Händewaschen nicht vergessen!

Musiktipp
Lou Reed – Perfect Day

Zurück in die Gedankenfreiheit

ImageDurch günstige oder weniger günstige Umstände konnte ich einen Blick in die Zukunft werfen. Ich saß in einem futuristischen Verkehrsmittel, das fast geräuschlos durch den Untergrund glitt. Von meinem Platz konnte ich 15 Personen verschiedenen Alters sehen. Sie alle hatten nach ihrem Eintreffen sofort ein Gerät hervorgezogen und starrten wie gebannt darauf. Meine Neugier offenbarte, dass diese Geräte Bildschirme waren, auf denen offenbar Botschaften erschienen. Da keines der unglücklichen Wesen noch einen Blick für die Umgebung hatte, deutete ich das Gerät als eines der Gedankenkontrolle. Es war nicht auszumachen, ob die Personen freiwillig handelten oder ob es Bürgerpflicht war, nach dem Betreten des Verkehrsmittels auf den Bildschirm zu starren. Aushänge warnten vor Kameraüberwachung. Demgemäß, ich spekuliere nur, könnten die Lichtschranken an den Türen auch Bestrafungseinrichtungen sein, könnten durch unangenehme Impulse mahnen, aber auch töten, wenn sich jemand dauerhaft der Gedankenkontrolle zu entziehen versucht.

In meiner gewöhnlichen Welt kann ich frei und selbstbestimmt denken. Man stelle sich den menschlichen Denkapparat meiner Zeit modellhaft als Fläche vor, auf dem sich der Aufmerksamkeitsfluss des Denkens frei in alle Richtungen bewegen kann. Die Fläche ist wie eine Schicht Gelantine, auf der der Aufmerksamkeitsfluss Spuren hinterlässt. Durch innere und äußere Impulse kommt ein Gedanke auf, fließt mal hierhin, mal dorthin, kreist oder springt. Eine vertraute Person nähert sich. Schon sucht und findet der Gedanke die Bahn, auf er sich wegen dieser Person bereits früher entlang bewegt hat. Da kreuzt ein anderes Flussbett, das durch ein gemeinsames Erlebnis gezogen wurde, der Gedanke wendet sich in diese Richtung, biegt ab, wieder und wieder. Es bildet sich ein Netzwerk. Aus diesen Netzwerken gibt es ein Entrinnen durch neue innere und vor allem äußere Impulse. Obwohl im Modell die Fläche von Netzwerken überzogen ist, kann sich jeder neu auflebende Gedanke frei entscheiden, wohin er sich wendet.

Mir scheint, dass die von mir beobachteten Geräte genau die gegenteilige Absicht bedienen. Ich weiß nicht, wer sie an die Bevölkerung verteilt hat, eine despotische Regierung oder ein gewissenloser Konzern? Offenbar findet man es nützlich, im Kopf der Menschen tiefe Spuren zu graben, so dass alles Denken immer wieder hineinrutscht wie in ausgefahrende schlammige Karrenspuren. Sich darin zu bewegen, sich in den Schlämmen zu suhlen, muss lustvoll sein. Sonst würden die Menschen sich weigern, ein Smartphone zu nutzen.

Musiktipp
dEUS; How To Replace It

Verriegelt und vernagelt

ImageEs sollte doch zu schaffen sein, ein Auto sicher abzuschließen. Es ist kein Hexenwerk, für das der ADAC Kurse abhält. Doch als ich kürzlich die Haustür aufstemmte und schon den Vorderreifen meines Fahrrads in den Türspalt geschoben hatte, sah ich eine Frau, die ihr Auto nach dem Abstellen umrundete und mit den Fingern die Oberkanten der Autoscheiben abtastete, nicht einmal, sondern mehrmals, so dass ich staunend zuschauen musste. Ja, gibt’s das noch? Vor vielen Jahren musste ich schon Ähnliches beobachteten, und zwar bei einem jungen dicklichen Nachbarn, Typ Maschinenbaustudent, der noch bei seiner Mutter wohnt.

Meine durchaus lebensfrohe Referendarin Marion sagte einmal: „Statt mit einem Maschinenbauer auszugehen, lackiere ich mir lieber in Ruhe die Fußnägel.“ Ich wurde ungewollt Zeuge, wie dieser von den Marions seiner Tage ungeküsste Mann aus dem Verschließen seines Fahrzeugs ein Drama machte. Mein Schreibtisch stand am Fenster. Wenn ich aufschaute, hatte ich die gegenüberliegende Straßenseite im Blick. Zuerst schaute ich nur beiläufig hin, wenn der Nachbar dort einparkte. Doch nachdem ich auf ihn aufmerksam geworden war, konnte ich nicht umhin, ihn zu beobachten. Gibt es ein Wort für das selbstquälerische Mitleiden ähnlich dem Wort Fremdschämen? Und kann sich eine Manie aufschaukeln, wenn es einen Beobachter gibt? Greifen da die Gesetze der Quantenmechanik auf den Makrokosmos über?

Mir schien die affektive Störung des jungen Mannes immer schlimmere Ausmaße anzunehmen, je öfter ich ihn  beobachtete: Nach dem Aussteigen schloss er zuerst die Fahrertür ab, dann die drei anderen und den Kofferraum, zerrte an allen Türklinken, ging darauf um sein Fahrzeug herum und prüfte abtastend den Sitz der Fensterscheiben. Anschließend musste er sein Auto noch einmal umkreisen, weil er zweifelte, ob er schon an allen Türen geruckelt hatte. „Alles zu!“, rief ich bei mir. Als hätte er mich gehört und dächte, da will mich ein lauernder Autodieb in Sicherheit wiegen, aber nicht mit mir, Halunke! wiederholte er die komplizierte Prozedur. Dann endlich bewegte er sich zögernd fort, schaute dabei immer wieder zurück. Mir unterlief der Fehler, dass ich dachte: Ja, geh nach Hause. Mutti wartet mit dem Abendessen! Da drehte er sich um und umrundete sein Auto nochmals im Prüfmodus.

Dieses Straßentheater liegt Jahrzehnte zurück. Der Mann wurde ein begnadeter Ingenieur und hat vermutlich die Zentralverriegelung erfunden. Nimm das, Marion!

Musiktipp
dEUS; 1989

Verstörende Unterwegsgeschichten

ImageGerade als die Linie 9 die Haltestelle Noltemeyerbrücke passiert hatte, weht mich ein fast vergessener Geruch der Vergangenheit an. Ein Mann war zugestiegen und setzte sich in meiner Nähe hin. Er war wohl ein starker Raucher. Während die Bahn den Mittellandkanal überquerte, fühlte ich mich für einen Moment zurückversetzt in die Zeit meiner Schriftsetzerlehre. Da fuhr ich täglich mit dem Bus nach Neuss, das damals noch Neuß geschrieben wurde. Wenn ich früh um 6:40 Uhr einstieg, war der Bus noch leer. Bald wand er sich wie ein Lumpensammler über die Dörfer und wurde voll. Wenn es das Pech wollte, setzte sich ein Mann neben mich, den eine Wolke Gestank umgab. Der war mir unangenehm für die Nase, wie das Kreischen einer Kreissäge fürs Ohr. Es war die Mischung aus kaltem Zigarettenrauch, der aus ungelüfteter Kleidung aufsteigt, und Körpergeruch von Männern, die nur einmal in der Woche baden, sonst aber das Wasser meiden. Es war ein Gestank, an den ich mich nicht gewöhnen konnte. Er verdarb mir die ganze Fahrt. Ich hatte nicht gewusst, dass er noch in der Welt ist. Aber wenn Politiker den Leuten das Duschen ausreden und auf den Waschlappen verweisen …

Als wir in die Station Bahnhof einfuhren, sah ich aus dem Augenwinkel zwei blonde Frauen, die einander ähnlich waren. Sie stiegen hinter meinem Rücken ein. Die eine setzte sich zu mir, die andere auf die Bank der anderen Gangseite. Beide wandten einander zu und unterhielten sich. Da sie quasi vor mir saßen, konnte ich nicht umhin, sie zu betrachten. Die Schwestern trugen die Haare zum Pferdeschwanz gebunden und waren fast gleich gekleidet, anthrazitfarbene Bolerojäckchen über weißen T-Shirts, hautenge schwarze Jeans, weiße Sneakers. Die vor mir war etwas schlanker und offenbar die jüngere. Beide Frauen waren wüst tätowiert bis unters Kinn und zu den Fingerknöcheln. Ich wagte mir nicht auszumalen, wie es an den Körpern der beiden aussehen mochte. Aus dem Halsausschnitt der vor mir lugte zwischen anderem Gekritzel eine tätowierte „94“ , vermutlich ihr Geburtsjahr.

Der Jugendliche in mir überschlug ihr Alter und dachte entsetzt: So jung und schon so verschandelt. Da es mir kaum gelang, ins neutrale Leere zu starren, gewahrte ich, dass sie vorne durch die Scheidewand einen Nasenring trug. Ihre Ohrläppchen waren Hülsen aus Messing, gerade noch von ein bisschen gespannter Haut gehalten, die Ränder ihrer Ohren waren durchbohrt und mit kleinen Ringen besetzt. Und schaute ich nach schräg gegenüber, fand ich bei der anderen alles gleich, in verstörender Eintracht der Selbstverstümmelung. Tätowierung und Beringung ist Sklavenart, fand der sensible junge Mann vom Dorf und ich konnte ihm kaum widersprechen. Mode! Ist Mode, sagte der abgeklärte Städter. Und oft sind es die aus der Provinz, die jedes Maß verlieren, weil sie in der Stadt reüssieren wollen. Stell dir vor, du hast zwei durchgeknallte Töchter, die sich derart im Wahn überbieten.

In Linden stieg ich aus und überließ die beiden ihrem Schicksal. Die Stadtbahn der Linie 9 riss sie davon. Nur verantwortliche Selbstsorge berechtigt den Anspruch auf ein schönes Leben, weiß ein antikes Lebensprinzip.

Teestübchen Musiktipp
Two Door Cinema Club; Undercover Martyn

Lob der ungezügelten Natur außer Mücken

ImageMan dürfe durchaus mal aus einer Mücke einen Elefanten machen, meinte Chefredakteur Julius Trittenheim in der Redaktionskonferenz. Nur solle jetzt keiner auf die Idee kommen, das auf die redaktionelle Arbeit zu beziehen. „Ich will hier nichts von Elefanten lesen. Wir verstehen uns, Herr Schmock!“, mahnte er den Teestübchen-Volontär.
„Ja, wieso denn nicht?“, fragte der irritiert.
„Letztlich will ich nur darüber berichten, was mir letzten Sonntag bei einem kleinen Picknick am Maschsee widerfahren ist. Wir saßen da schön auf einer Bank am Ufer, freuten uns über eine Entenmutter mit einer Schar kleiner Küken …“

„Entschuldigung, Herr Trittenheim“, unterbrach ihn Redakteurin Andrea Kirchheim-Unterstadt, kleine Küken, ja, muss das denn sein?“
„Es gibt auch große Küken, verteidigte sich Trittenheim.
„Große Küken sind einfach Enten“, versetzte die Kirchheim-Unterstadt unversöhnlich.
„Kleine Enten also, hehe. Also gut, wir saßen da schön am Ufer und freuten uns über eine Entenmutter mit einer Schar Küken. Ich sann arglos darüber nach, dass doch in so einer domestizierten Parklandschaft wie rund um den Maschsee durchaus wilde Natur ihren Platz hat, wenn auch bedauerlich eingeschränkt. Während ich also innerlich Partei ergriff für die wilde Natur, muss doch so ein dreistes Mückenvieh mich durch den Socken in die Fußbeuge gestochen haben. Und hatte wohl nicht genug, versenkte das elende Biest den Saugrüssel auch noch in den Knöchel meines Zeigefingers.“
„Es könnte eine andere Mücke gewesen sein“, warf Redaktionsassistentin Marion von Erlenberg ein.
„Ihr Gerechtigkeitssinn in Ehren, aber Mücke hie, Mücke da, das kümmert doch keine Sau“, moserte der Trittenheim. „Zu Hause jedenfalls blieb es sich gleich. Also die Stiche juckten gleich höllisch, so sehr, dass ich um drei Uhr nachts noch nicht in den Schlaf kam.“
„Drauf pinkeln, Chef!“, schlug Hanno P. Schmock vor.
„In Ihren Kreisen vielleicht“, wehrte Trittenheim ab. „Erst am nächsten Morgen raffte
ich mich übernächtigt auf und recherchierte im Internet nach Hausmitteln. Am besten gefiel mir die Information, man solle die Eiweißmoleküle der Mücke mit Hitze zerstören. Ja, wunderbar, zerstören!, dachte ich rachelustig. Und mir fiel ein Mückendrama ein, das ich mal in Aachen erlebt habe“:

    Ein heißer Nachmittag im Juli 1994. Vor dem ehemaligen Bahnhof von Aachen-Kornelimünster, wo der Radweg der Vennbahntrasse aus dem überwucherten Hohlweg tritt, klatschte mir eine Mücke auf den rechten Unterarm, die sich wohl auf der angrenzenden Kuhwiese mit Blut vollgesoffen hatte. Klatschte mir besinnungslos auf den Arm und zerplatzte, so dass ein dicker Blutflatsch mir über die Haut rann. Ja, weiß denn so eine Mücke nicht, wann genug ist? Muss die sich den Wanst derart vollschlagen, dass die leiseste Berührung sie zerreißt?

    Bei der Imkerei am Ortsausgang, wo die Straße sich steil aus dem Tal der Inde windet, springt ein Bächlein in einen steinernen Trog. Hier im Schatten einer Kastanie kniete ich hin und tauchte einen Arm tief ins Becken. Wer kann schon von sich sagen, dass er das getan hätte? Und die Mücke, deren Reste davonschwammen, wird glücklich vergangen sein, in ihrem Blutrausch. So hatten wir beide was davon.“

„Ein versöhnliches Ende“, seufzte Marion von Erlenberg zufrieden.

Teestübchen Musiktipp
(ausgesucht von Hanno P. Schmock)
Damon Albarn; Mr. Tembo

Ein Traum wird wahr

ImageEinmal in meinem ganzen Leben habe ich einen Wahrtraum geträumt, also träumerisch vorweggenommen, was noch gar nicht geschehen war. Wie so etwas möglich ist, weiß ich nicht. Denn gemeinhin folgen Ereignisse chronologisch aufeinander und es tritt nicht eines vom Kopf der Reihe ab und mogelt sich irgendwo nach hinten. Aber die Erinnerung ist über die Jahre frisch geblieben, denn ein Wahrtraum ist eine derart erstaunliche Erfahrung, dass man sie nicht mehr vergisst. Ich war noch ein kleines Kind. Damals lebten wir zur Miete auf einem alten Gehöft, das der ältlichen Jungfrau Cäcilia Küttelwäsch gehörte. Wir hatten dort nur zweieinhalb Zimmer.

Das halbe Zimmer war ein kleines Gelass unter der Dachschräge, in dem gerade Platz für ein Bett und eine Kommode war. An der rückwärtigen Seite hatte es eine verschlossene Türluke, durch die man in den Raum über der Toreinfahrt gelangen konnte. Die Tür war wie der Rest des Zimmers tapeziert und hatte ein Schlüsselloch, in dem ein Schlüssel stak. Ich habe die Luke aber nie offen gesehen. Trotzdem gab sie dem Zimmerchen die Aura eines Durchgangs. Man konnte sich darin nicht wirklich wohlfühlen.

Mein fünf Jahre älterer Bruder war einst der alleinige Bewohner gewesen. Nachdem ich aus dem Kinderbettchen im Elternschlafzimmer verbannt worden war, musste mein Bruder Bett und Gelass mit mir teilen. Er wird nicht ganz traurig über seinen neuen Mitbewohner gewesen sein, denn rückblickend glaube ich, dass er dort Angst hatte. Das Zimmer bot nur einen tröstlichen Luxus, einen Lichtschalter direkt an der Wand neben dem Bett. Mein Vater hatte ihn dorthin verlegt, damit mein Bruder jederzeit Licht machen konnte, wenn ein nächtliches Knistern, Knacken und Huschen ihn geweckt und erschreckt hatte. Daher vertrugen wir uns gut im gemeinsamen Bett, obwohl er mir sonst keinen weiteren Platz im Zimmer zugestand.

Im wesentlich größeren Dachzimmer nebenan wohnte das Ehepaar Köhn, er ein sehniger, schweigsamer Mann, auf dessen rechten Unterarm ein Indianer mit prächtigem Kopfschmuck tätowiert war. Von Beruf war er Eisenbieger. Wenn Herr Köhn seine Unterarmmuskeln spielen ließ, zog der Indianer Grimassen. Frau Köhn war eine lebensfrohe, attraktive, mollige Dresdnerin und arbeitete als Sekretärin bei der Genossenschaft. Beide waren sogenannte Flüchtlinge.

Eines Abends schenkte mir Frau Köhn eine Aprikose. Ich hatte noch nie eine Aprikose gesehen und hielt sie für eine unbekannte Sorte Pfirsich. Meine Mutter schlug vor, die Aprikose für den nächsten Morgen zu verwahren. Sie legte sie auf die Kommode, wo ich sie ansah, bis es dunkel geworden war. In der Nacht räumte ich von der Aprikose, biss hinein und war enttäuscht, dass sie nicht die erwartete Süße eines Pfirsichs hatte, sondern säuerlich schmeckte, mit einem bitteren Unterton. Diese Geschmackserfahrung im Traum war ziemlich deutlich. Als ich am Morgen in die Aprikose biss, schmeckte sie genau wie erträumt.

Es muss ein Wahrtraum gewesen sein. Wie konnte ich den Geschmack träumen, obwohl ich zuvor noch nie eine Aprikose gegessen hatte? War in der Nacht das Raum-Zeit-Kontinuum durcheinander geraten? Eine Störung der Kausalität? Oder hatte ich im Traum Anteil am kollektiven Weltwissen der Menschheit? In jedem Fall glaube ich, dass man derlei Erfahrungen nur in Dachstuben machen kann. Weiterlesen

Ach, die unbedachten Worte

kategorie surrealer-AlltagAuf der obersten Etage wohnt eine dunkelhaarige Schönheit. Einmal, schon was länger her, kam ich spätabends zurück aus dem Vogelfrei, wo ich mit den Herren Leisetöne, Putzig und D’accord beim Bier gesessen hatte. Gerade wollte ich die Haustür aufschließen, als zwei junge Frauen herantraten und vertraut grüßten. Ich sagte erstaunt: „Ach, Hallo, Sie wollen auch ins Haus? Ich hatte Sie leider nicht sofort erkannt.“ „Ja“, sagte die eine, „man kennt sich ja gar nicht hier im Haus.“ Darauf antwortete ich, was mir augenblicklich Leid tat: „Doch Sie kenne ich. Sie kommen immer wie ein Gewitter die Treppe runter.“

Es hatte wie Kritik geklungen, war mir klar. Doch tatsächlich habe ich mich immer gefreut, ihre geschwinden Schritte auf den Treppen zu hören, die auf den Holzstufen wie ein anschwellender Trommelwirbel klangen und mich, der ich in derlei Rhythmik verliebt bin, für sie eingenommen hatten. Ich liebe das rasche Trapptrapptrapp, dieses Ungestüme junger Weiber, denn es gehören Bewegungsgeschick und ein flinker Geist zu derart raschen Schritten. Als junger Mann war ich auch schnell treppab, aber es war mehr ein geländergestütztes Überspringen von mehreren Stufen, nicht diese rasche Abfolge von links, rechts schöner Füße.

Leider hat sie sich meine unbedachte Bemerkung zu Herzen genommen und hinfort ihre Schritte gezähmt, und ich fürchte, sie hat ihr ganzes Wesen dazu zähmen müssen. Das habe ich nicht gewollt. Ich will nicht Schuld sein an einem Geschäft, das Angelegenheit des Lebens und der Zeit ist. Dieses Pärchen besorgt ihr das langsame Treppab früh genug und braucht meine Hilfe nicht. Wie gern würde ich meine unbedachten Worte zurückholen.

Stattdessen die passenden Rhythmen:
White Rabbits
Percussion Gun