Wir sind es – die Glasmenschen

Image„Wenn ich am Küchentisch sitze, schaue ich genau auf die Rückfront des gegenüberliegenden Nachbarhauses, etwa 30 Meter Luftlinie entfernt.“

„Na und?“, warf Coster ungeduldig ein.

„Das Haus ist nach Osten ausgerichtet, weshalb die Sonne in die Zimmer scheint und sie erhellt. Da kann ich ziemlich gut in die drei übereinanderliegenden Zimmer sehen.“

„Weiß immer noch nicht, worauf du hinauswillst, Trithemius.“
.

„Also in diesen drei Zimmern untereinander sah ich eines Morgens je eine Frau hin- und hereilen und dachte, drei Hausbewohnerinnen räumen ihr Schlafzimmer auf, absolut gleichzeitig. Doch wussten sie nichts voneinander, weil sie meine Draufsicht nicht hatten. Jedenfalls musste ich an Samjatins dystopischen Roman Wir denken, in dem die Menschen in gläsernen Wohnungen leben und sehen können, wie sie sich morgens mit ihren Nachbarn gleichzeitig aus dem Bett erheben, Gymnastik treiben – nach einer Musik, die simultan aus den Lautsprechern kommt, sich gleichzeitig entleeren, waschen, ankleiden und an den Frühstückstisch setzen …“

„Hör auf, hör auf! Das ist ja gruselig!“

„Sie meinen, das wäre nichts für Sie, Coster?“

„Das ist für keinen Menschen was, höchstens was für Ameisen oder andere Kollektivwesen.“

„Aber der Mensch will durchaus mit den Mitmenschen im Einklang leben. Denken Sie nur an das ansteckende Gähnen oder Lachen. Oder denken Sie an Fußballfans und ihre Schlachtrufe. Den ‚Toor!‘-Schrei, das kollektive Aufstöhnen, wenn der Ball es verfehlt – es ist den Fans offenbar eine Lust, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Die geballte Energie von Gleichgesinnten, wie sie ins Stadion donnert und wieder heraus, das ist doch die Idee hinter Samjatins Dystopie oder nicht?“

„Was du vorbringst, sind doch alles Lebensäußerungen auf niedrigem Niveau.“

„Ach ja, Coster? Und was ist mit Chorgesängen in der Oper?“

„Ebenfalls primitiver Herkunft, nur kulturell überformtes Geschrei. Das müsste man auch vom Formationstanz sagen, falls du das noch anführen willst. Da ist es rhythmisches Stampfen. Letztlich ist auch das Palavern, das Miteinander-Reden primitiv, denn das wissen wir doch seit Watzlawick: Die inhaltliche Bedeutung ist sekundär. Es geht um den Beziehungsaspekt der Kommunikation.“

„Genau da kommen wir zum Heute, Professor. Wir brauchen ja gar keine gläsernen Häuser, die Menschen tragen ihr kollektives Schaufenster ständig bei sich – das Smartphone. Sie schauen hinein, um zu sehen, worüber alle reden, was sie anschauen, worauf sie reagieren, sie präsentieren sich selbst. Darin steckt die eigentliche Dystopie: Wir stimmen uns freiwillig ab, synchronisieren uns an Trends, Nachrichten, Videos. Alles gleichzeitig, überall zugleich – und primitiv sowieso.“

„Das heißt,“ sagte Coster düster, „wir sind längst im kollektiven Schlafzimmer angekommen, also mittendrin in Samjatins Dystopie – nur dass wir uns blindlings unterwerfen, weil wir die Draufsicht nicht haben.“

„Draufsicht ist göttliche Sicht. Der Mensch reicht nur durch Witz und durch Kunst an sie heran.“

Die letzte Bibliothek (9) – Die Konferenz, zweiter Teil

ImageWagner meldete sich erneut zu Wort:
„Zurück ins Gegenwärtige. Wir müssen verstehen, was unsere Gesellschaft gerade so massiv verändert und sollten die Mechanismen kennen, die diese Entwicklung vorantreiben. Viele heben das Verdummungspotential des Smartphones hervor. Doch monokausale Erklärungen reichen nicht hin. Auch das Fernsehen ist beteiligt. Letztlich hat jede mediale Vermittlung ein enormes Verblödungspotential. Es ist den Medien inhärent. Welche Instrumente die Medienwissenschaft bereithält, um Verblödungsprozesse zu enttarnen, weiß ich leider nicht, Frau Kollegin Altwasser. Ich kann nur exemplarisch betrachten und analysieren:

Auftritt prominent im Abendprogramm der ARD der rechte Satiriker Dieter Nuhr. Er schickt voraus, dass er den Klimawandel keinesfalls leugne. Dann thematisiert er die Austrocknung des Bodensees. Dabei sagt er, gespielt erstaunt, an verschiedenen Stellen seien sogar unterschiedliche Wasserstände gemessen worden und strickt daraus den naheliegenden Gag, demnach sei der Wasserspiegel des Bodensees schräg. Vermutlich sei aber nur der Beauftragte für die Wasserwaage am Tag der Messung krank gewesen. Schnitt auf Zuschauer. Die Regie blendete einen Mann ein, der sich über diesen Witz kaum noch halten konnte vor Lachen. Ich dachte, aber so witzig ist das gar nicht. Doch dann wurde mir klar, es gab keinen Beweis, dass die Einblendung sich konkret auf diesen dummen Witz bezog. Der exemplarische Lacher könnte auch eine filmische Konserve sein, den die Regie zur Erzeugung von Zustimmung in die Sendung geschnitten hatte.“ Wagner wandte sich an die Medienwissenschaftlerin: „Sie werden bestätigen, Frau Dr. Altwasser, dass derlei Praktiken im Fernsehen üblich sind.“

„In der Tat. Der österreichische Rundfunk holt Busladungen von Slowaken als preiswertes ‚Schwenkfutter‘ in die TV-Studios, um sie beim Klatschen und bei jubelnder Zustimmung zu filmen. Vor dem Kameraschwenk werden sie vom sogenannten Warm-upper in Stimmung gebracht. Ein Insider berichtete, dass das slowakische Publikum mangels Sprachkenntnis den Inhalt der Show gar nicht verstehen konnte. Die von der Regie erwünschten Reaktionen wurden über sogenannte Publikumsampeln erzeugt, wo Appelle erschienen wie „Lachen“ oder „Klatschen“, Klatschen und mit den Füßen stampfen“, auf Slowakisch, versteht sich, also tlieskanie, smiech, potlesk a dupanie nohou!“

Wagner schmunzelte: „Dankeschön für diese Anekdote, Frau Kollegin. Zurück zu meiner Humorkritik: Nuhr baut zum Klimaphänomen Austrocknung des Bodensees mit dem Beauftragten für die Wasserwaage einen fiktiven Popanz auf, um sich auf dessen Kosten lustig zu machen. Satire soll gemeinhin nicht nach unten treten, aber das umgeht er geschickt, indem er eine von ihm erfundene Person lächerlich macht. Der Effekt ist, dass die Vermessung des niedrigen Bodensee-Wasserspiegels generell ins Lächerliche gezogen wird, was im TV-Bild mit dem haltlos lachenden Mann unterstrichen wird.

Aufklärerisch wäre der Hinweis gewesen, dass derlei unterschiedliche Messungen bei den Festlegungen von Normalnull auftreten. Es könnte sein, dass die österreichische Seite sich bei NN auf eine andere Messung festlegt als die deutsche, wie es bei den unterschiedlichen Bestimmungen des Meeresspiegels der Niederlande (Amsterdamer Pegel) und Belgien (Antwerpener Pegel) gegeben ist. Aus der Perspektive eines Hamburgers kann ich eingedenk ständig wechselnder Wasserstände im Hafen sagen, die Festlegung von Normalnull ist ein rein willkürlicher Mittelwert. Aber die Aufklärung wäre nicht witzig, wie differenzierte Betrachtungsweisen nicht erwünscht sind. So funktioniert die Verdummung durch Dieter Nuhr und die federführende ARD.“

Godefrot ergänzt: „Man kann Nuhr keinen Vorwurf machen. Entweder versteht er selbst nicht, wodurch die schräge Messung zustande kommt, oder er bedient sich einfach der immer gleichen Witztechnik, einen Popanz aufzubauen, auf dem er herumtrampeln kann, weil er damit bereits erfolgreich gewesen ist. Diesen Freibrief möchte ich aber nicht den Zynikern in der ARD-Redaktion ausstellen, die ihn einfach machen lassen. Jedenfalls ist mir die Vorstellung ein Trost, dass Nuhrs jubelndes Fernsehpublikum eigentlich überhaupt nichts versteht, weils aus Polen oder der Slowakei herangekarrt wurde. Und wenns nicht so ist, so möchte ich das hiermit einfach behaupten, zur geflissentlichen Weiterverbreitung. Das ist nur ausgleichende Gerechtigkeit, hehe! Verbindlichen Dank für die Idee, Kollegin Altwasser! Ďakujeme za nápad.“
Fortsetzung

Die letzte Bibliothek (7) – Jemand wartet an der Tür

ImageDie Bibliothekarin warf einen Blick auf ihr Smartphone und sagte: „Ich muss wieder hinunter. Draußen wartet ein Besucher.“
„Welcher Besucher?“, wollte Frank Wagner wissen. Er war kurz nach den beiden vor dem Versammlungssaal angelangt und hatte Frau Burmesters Worte gehört.
„Ach, nicht wichtig“, wiegelte Godefrot ab. Obwohl Wagner an der Hamburger Bundeswehrhochschule Wirtschaftsgeografie lehrte und Godefrot sich als Pazifist verstand, verband die beiden eine innige Freundschaft. Sie betraten gemeinsam den Raum. Erneut war Godefrot überwältigt von seiner Architektur, vielmehr von der Idee, die ihm zugrunde lag.

Die weiträumige Bibliothek weiter unten war die Basis. Sie wurde vom Turm überragt. Der wiederum war gekrönt von diesem lichtdurchfluteten Versammlungssaal, wie eben der menschliche Geist das in Büchern versammelte Wissen der Menschheit überragen sollte. Ohne eine verständige Nutzung der aufgeschriebenen Worte war all das Buchwissen nichts wert. Dazu war der Austausch kritischer Geister nötig. Dem diente der Hohe Bibliotheksrat. Anwesend waren bereits der stellvertretende Direktor Ernst Siepenaken, die Wiener Medienwissenschaftlerin Dr. Trudi Altwasser, Protokollführer Dr. Tom Agneskirchner, der Historiker Professor Friedemann Hand.

„Aha, die Kollegen Godefrot und Wagner sind eingetroffen“, sagte Siepenaken. „Dann kann ich die heutige Versammlung eröffnen. Wenn wir die bedenkliche gesellschaftliche Entwicklung, den Rechtsruck in unserem Land verstehen wollen, müssen wir über die drastische Zunahme der funktionalen Analphabeten sprechen. Jahrzehnte lang hat die Zahl in Deutschland etwa bei sechs Prozent der Erwachsenen gelegen. Der Anteil veränderte sich nicht, trotz aller Bildungsbemühungen.“

„Na, Bemühungen ist ein zu großes Wort“, warf Wagner ein. „Man hat sich darauf beschränkt, die Schuld bestimmten Bevölkerungsgruppen in die Schuhe zu schieben. Die Schulabbrecher, die Migranten, die Zigeuner … “
„Hört, hört!“, rief der Direktor dazwischen.
„Nein, ihr Einwand ist unangemessen, Herr Kollege. Es geht um diskriminierende Aussagen. Die will ich nicht beschönigen durch politisch korrekte Bezeichnungen. Die Zigeuner, die Fahrenden, wir Jenischen, wir würden uns der Bildung verweigern. Daran hätte es gelegen. Nun, ich bin einer der Jenischen und trotzdem Mitglied im Hohen Bibliotheksrat der Naturhistorischen Gesellschaft, die bekanntlich im 18. Jahrhundert als Lesegesellschaft begonnen hat. Welchen Beweis braucht es noch, diese diskriminierenden Aussagen als falsch zu entlarven?“

„Klassischer Fall von anekdotischer Beweisführung!“, sagte die kluge Wiener Abgesandte, stand auf, ging zum Nebentisch und goss sich noch einen Kaffee ein.

Fortsetzung

Die letzte Bibliothek (5) – Frau Burmester

Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4
ImageMit klopfendem Herzen horchte John auf den Rufton. Es wurde prompt abgenommen.
„Naturhistorische Gesellschaft, Guten Tag! Sie sprechen mit Frau Burmester.“
„Guten Tag, Frau Burmester! Ich habe Sie gestern getroffen und Sie gaben mir Ihre Nummer“, sagte John.
„Sie haben mich gestern getroffen? Wo soll das gewesen sein?“
„Auf dem Hof der Naturhistorischen Gesellschaft. Sie kamen mir mit dem Auto entgegen, hielten an und sprachen mit mir.“
„Warum hätte ich das tun sollen?“
„Ich hatte Ihnen gewinkt. Sie bremsten und gaben mir ein Visitenkärtchen. Oder waren Sie das etwa nicht?“
„Glauben Sie, man muss mir nur winken und schon rücke ich mit meinen Daten heraus? Für wen oder was halten Sie mich?“
„Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Mein Interesse gilt ja auch nicht Ihnen persönlich. Ich würde nur zu gern die Bibliothek in der Fössestraße besuchen.“
„Ich bin aber nicht in der Fössestraße.“
„Dann sind Sie nicht die Bibliothekarin, wie ich annahm?“
Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Ich bin wohl gestern ein wenig zu vertrauensselig gewesen. Ich kenne Sie nicht. Man muss heutzutage vorsichtig sein, angesichts der Bücherverbrennungen in Portugal.“
„Sie glauben doch nicht, dass brave Hannoveraner ihre Bibliothek stürmen und verwüsten würden.“
„Sie klingen nicht nach einem Hannoveraner.“
„Sondern?“
„Eher wie ein Kölner.“
„Kölner toben sich Rosenmontag aus. Sonst sind sie brav.“
Frau Burmester lachte: „Das Heißblütige geht Ihnen also ab.“
„Was denken Sie, wenn sich einer für Bücher und Bibliotheken interessiert.“
„Na gut. Ich werde Sie einlassen. Wie schnell können Sie hier sein?“
„In fünfzehn Minuten.“
„Dann kommen Sie zur Sicherheitstür und klingeln Sie an, wenn Sie da sind.“
„Ich habe dort keine Klingel gesehen.“
„Sie haben doch ein Smartphone?“

In der Fortsetzung führt Herr Godefrot ein Fachgespräch mit der Bibliothekarin.

Ein guter Geist hilft mit einem Gespräch

Image„Von einem Historiker las ich mal die Befürchtung, unter dem Übergewicht des Gegenwärtigen könnte die Verbindung zur Vergangenheit abreißen. Daran musste ich denken, als du von dem dekorativen Poster einer Zeitung lesenden Person in dem stylischen Café geschrieben hast, Trithemius.“

„Ich verstehe, was Sie meinen, Coster. Dass niemand mehr im Café Zeitung liest, kam quasi über Nacht. Inzwischen fummelt fast jeder mit seinem Smartphone herum. Aber ist es nicht eine natürliche Entwicklung, dass alte Technologien durch neue abgelöst werden? Und gab es nicht schon immer das nostalgische Festhalten an Attributen der alten Technologie? Indem beispielsweise hochrangige Personen aus Politik und Wirtschaft ihre Unterschriften mit teuren Füllfederhaltern leisten? ImageOder nehmen Sie das Beharren auf alten Darstellungen im Piktogramm. Da hält sich noch immer der klassische Telefonhörer. Auch die Dampflok auf alten Verkehrsschildern wird noch verstanden.“

„Es geht um das, was als Wirklichkeit angesehen wird. Zeitungen gehörten nicht nur zur Wirklichkeit, sondern mit ihnen wurde Wirklichkeit konstruiert. Erinnere dich an das, was dein Freund Merzmensch, … du lieber Himmel“, unterbrach sich Coster, „sein Pseudonym hat einen unangenehmen Beiklang bekommen.“

„Durch Friedrich Kommerz, den Bundeskanzler in Hoffnung?“

„Ja, Merz, das war mal Kurt Schwitters heitere Spielart von Dada und wird jetzt von der …“, Coster suchte nach Worten und fand: „von der selbstgefälligen Engstirnigkeit eines sauerländischen Hinterwäldlers überfremdet. Der im Gegensatz kluge und weltoffene Merzmensch schrieb (in: Buchkultur im Abendrot):

    ‚Meinerseits gibt es eine Merkwürdigkeit. Seit neulich bin ich Abonnent der digitalen FAZ. Was mir aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass in diesem digitalen Format die Zeitung, an Haptik verlierend, auch ihre Benjaminsche Auratik verliert. Man liest die Texte ’nackt‘, befreit vom Rauschen der großen Papierformate und fragt sich oft zu den Inhalten: ‚Muss das sein? Wie rückständig und reaktionär.‘ Das Digitale scheint die Wahrheitsillusion des Prints zunichtezumachen.“

„Wahrheitsillusion. Jeder weiß, dass in den Zeitungen die Wahrheit des jeweiligen Verlegers steht.“

„Man hat es gewusst und hat es in Kauf genommen. Wichtiger war das einheitliche Weltbild, das die Leib- und Magenzeitung vermittelte. Wer den gewaltigen Materialaufwand beim Druck einer Zeitung kannte, wer eine mehrstöckige Rotationsmaschine erlebt hat und dabei war, wenn im laufenden Druck eine der gigantischen Papierrollen ausgetauscht wurde. Wer gesehen hat, wie die Papierbahn über Druck und Gegendruckwalzen raste und am Ende die gefalzten und geschnittenen Exemplare per Förderband in luftiger Höhe spazieren fuhren, wer sich vergegenwärtigt, wie viele Fachleute dazu nötig waren, und am Ende gesehen hat, wie ein Redakteur sich eine Zeitung krallte, um seinen Artikel anzuschauen, bevor die Exemplare gestapelt und eingeschweißt für den Transport in alle Welt ausgespuckt wurden, der hat doch nicht daran gezweifelt, dass hier Wahrheit erzeugt wurde, egal ob durch FAZ, FR, SZ oder NZZ.“

„Die beruhigende Klarheit der medial erzeugten Wirklichkeit ist dahin, und hinterm Karren bängelt nur noch der abgerissene Strick.“

„Die jungen Menschen, für die das Poster einer Zeitung lesenden Person nur eine nostalgische Dekoration ist, werden derlei nie erleben“, sagte Coster.

„Sie dürfen jetzt ausspülen“, sagte meine Zahnärztin.

Ich spülte und sagte bei mir: „Danke für die Ablenkung, mein lieber Coster!“

Gemeinsam in den Blödsinn

ImageIn den 1970-er Jahre lief im Deutschen Fernsehen die erfolgreiche Samstagabend-Unterhaltungsshow „Am laufenden Band.“ Acht Kandidaten spielten gegeneinander. Zuletzt mussten drei Fragen aus der Tagesschau beantwortet werden. Alle Kandidaten hatten vor der Sendung gemeinsam die Tagesschau gesehen. Trotzdem scheiterten viele an dieser Aufgabe. Ich erinnere mich an eine Frau, die gefragt wurde, in welcher Stadt sich der deutsche und der französische Außenminister getroffen hatten. Sie antwortete „Moskau?“ Natürlich verwies die Antwort auf einen niedrigen Bildungsstand, denn ein derartiges Treffen in Moskau zur Zeit des kalten Kriegs war unmöglich.

Warum aber war die Information einer Nachrichtensendung schon nach kurzer Zeit vergessen? Im Studium begegnete mir eine Arbeitsmappe zur visuellen Kommunikation, worin dieser Frage nachgegangen war. Die Kommunikationswissenschaftler hatten die Antwort in der Art der Bebilderung gefunden. Wurde in den Nachrichten beispielsweise von einer Konferenz berichtet, zu der Außenstehende keinen Zugang hatten, zeigte man das Gebäude, und die Kamera zoomte auf dessen Fensterfront, allein um ein Bewegtbild zu vermitteln. Derlei sachfremde Signale konkurrierten mit dem im Off gesprochenen Text, und weil der Mensch ein Augentier ist, bleibt die Aufmerksamkeit bei der Kamerafahrt auf die Fensterfront. Visuelle Eindrücke müssen aber flüchtig sein, damit sich die verschiedenen Bildeindrücke nicht überlagern. Das heißt, bei einem flüchtigen Bewegtbild werden keine Begriffe gebildet. Folglich würde nur eine sprachliche Verarbeitung helfen. Menschen müssen über das Gesehene sprechen, um es zu verstehen.

Bei einem geselligen Zusammensein am gestrigen Abend klagte jemand über den Medienkonsum seiner Neffen, die wohl die meiste Zeit des Tages zu Unterhaltungszwecken vor dem Smartphone verbringen. Sie nähmen sich offenbar ein Beispiel an den Eltern, würden aber nicht sehen, dass die Eltern das Smartphone ganz anders nutzen, um sich zu informieren, beispielsweise Nachrichten zu lesen. Für mein Empfinden haben Eltern wie Kinder bereits verloren.

Die Bedeutung des Wortes NACHRICHT ist: Wonach man sich zu richten hat. Gewisse Menschen lassen sich quasi den ganzen Tag über Push-Up-Nachrichten von ihren Alltagsgeschäften ablenken. Diese Nachrichten sind nur selten tatsächliche Verhaltensaufforderungen, wenn etwa gemeldet wird, dass Bahnen und Busse nicht fahren werden, weil die Angehörigen des öffentlichen Dienstes streiken. Oder wenn absehbar ist, dass es wegen der Wetterverhältnisse zu Verkehrsbehinderungen kommen wird. Allein der Wetterbericht ist eine täglich vorkommende Nachricht im etymologischen Wortsinne. Meistens betreffen Nachrichten Geschehnisse an fernen Orten, erlauben also kein Handeln, außer vielleicht an der Flut dieser Nachrichten irre zu werden, Demgemäß macht es keinen Unterschied, ob Kinder sich am Smartphone unterhalten lassen oder ihre Eltern Nachrichten als Entertainment konsumieren und ihr Denken pulverisieren lassen. Hilfreich wäre nur, wenn Eltern die Geräte ausschalten und sich ihren Kindern widmen würden, statt als Familie auf dem Smartphone in die Dämmerung der kollektiven Verblödung zu surfen.

Zurück in die Gedankenfreiheit

ImageDurch günstige oder weniger günstige Umstände konnte ich einen Blick in die Zukunft werfen. Ich saß in einem futuristischen Verkehrsmittel, das fast geräuschlos durch den Untergrund glitt. Von meinem Platz konnte ich 15 Personen verschiedenen Alters sehen. Sie alle hatten nach ihrem Eintreffen sofort ein Gerät hervorgezogen und starrten wie gebannt darauf. Meine Neugier offenbarte, dass diese Geräte Bildschirme waren, auf denen offenbar Botschaften erschienen. Da keines der unglücklichen Wesen noch einen Blick für die Umgebung hatte, deutete ich das Gerät als eines der Gedankenkontrolle. Es war nicht auszumachen, ob die Personen freiwillig handelten oder ob es Bürgerpflicht war, nach dem Betreten des Verkehrsmittels auf den Bildschirm zu starren. Aushänge warnten vor Kameraüberwachung. Demgemäß, ich spekuliere nur, könnten die Lichtschranken an den Türen auch Bestrafungseinrichtungen sein, könnten durch unangenehme Impulse mahnen, aber auch töten, wenn sich jemand dauerhaft der Gedankenkontrolle zu entziehen versucht.

In meiner gewöhnlichen Welt kann ich frei und selbstbestimmt denken. Man stelle sich den menschlichen Denkapparat meiner Zeit modellhaft als Fläche vor, auf dem sich der Aufmerksamkeitsfluss des Denkens frei in alle Richtungen bewegen kann. Die Fläche ist wie eine Schicht Gelantine, auf der der Aufmerksamkeitsfluss Spuren hinterlässt. Durch innere und äußere Impulse kommt ein Gedanke auf, fließt mal hierhin, mal dorthin, kreist oder springt. Eine vertraute Person nähert sich. Schon sucht und findet der Gedanke die Bahn, auf er sich wegen dieser Person bereits früher entlang bewegt hat. Da kreuzt ein anderes Flussbett, das durch ein gemeinsames Erlebnis gezogen wurde, der Gedanke wendet sich in diese Richtung, biegt ab, wieder und wieder. Es bildet sich ein Netzwerk. Aus diesen Netzwerken gibt es ein Entrinnen durch neue innere und vor allem äußere Impulse. Obwohl im Modell die Fläche von Netzwerken überzogen ist, kann sich jeder neu auflebende Gedanke frei entscheiden, wohin er sich wendet.

Mir scheint, dass die von mir beobachteten Geräte genau die gegenteilige Absicht bedienen. Ich weiß nicht, wer sie an die Bevölkerung verteilt hat, eine despotische Regierung oder ein gewissenloser Konzern? Offenbar findet man es nützlich, im Kopf der Menschen tiefe Spuren zu graben, so dass alles Denken immer wieder hineinrutscht wie in ausgefahrende schlammige Karrenspuren. Sich darin zu bewegen, sich in den Schlämmen zu suhlen, muss lustvoll sein. Sonst würden die Menschen sich weigern, ein Smartphone zu nutzen.

Musiktipp
dEUS; How To Replace It

Fuhrwerksbesitzer

ImageBeim Bummel über den ergrünenden Lindener Bergfriedhof fiel mir eine Grabsteininschrift auf: „Heinrich Klemme Fuhrwerksbesitzer“ Da ich nichts zu Schreiben bei mir hatte, versuchte ich mir die Inschrift zu merken und erfand im Weiterbummeln eine Eselsbrücke: „Heinrich, der Wagen bricht“, singt Staatsanwältin Klemm aus dem Münster-Tatort. Das sollte gehen, aber es war nicht sichergestellt, dass ich mich überhaupt an den Grabstein erinnern würde. Da dachte es in mir: Geh einfach zurück und fotografiere ihn! Wie einfach ist das und wie wenig naheliegend für mich, der ich immer noch mit dem Smartphone fremdele.

Oft habe ich es nicht bei mir. Diesmal hatte ich es absichtsvoll mitgenommen, weil ich auf der Davenstedter Straße einen Briefkasten fotografieren wollte, vielmehr ging es um die handschriftliche Nachricht an dem neu aufgestellten Briefkasten. Sie war mir vor Tagen schon aufgefallen, aber natürlich hatte ich mein Smartphone nicht bei mir. Diesmal war ich präpariert. Die Frühlingssonne schien aber so grell, dass sie mein Smartphonedisplay überstrahlte. Ich musste auf Verdacht knipsen. Zu diesem Thema in einem späteren Text.

ImageEin Fuhrwerk ist ein von Zugtieren gezogener Wagen. In unserer Region waren die Zugtiere meistens Pferde. Ein Wagengespann mit Pferden besaßen um die Jahrhundertwende vermutlich nicht viele. Heinrich Klemme ist laut Inschrift im Jahr 1868 geboren und 1937 im Alter von 69 Jahren gestorben. Er wurde demnach sozialisiert zu einer Zeit, als größere Lasten mit Fuhrwerken befördert wurden. Die meist fünfstöckigen Bauten des Stadtteils Linden Mitte, in dem ich lebe, sind um die Jahrhundertwende errichtet worden.

Die immensen Massen an Baumaterial haben Leute wie Fuhrwerksbesitzer Klemme herangeschafft. Darin gründet der soziale Rang, auf den hinzuweisen die Nachfahren wichtig fanden. Als der Grabstein errichtet wurde, war der Rang bereits im Sinken. Fuhrwerke wurden zunehmend von Lastkraftwagen verdrängt. Die Erwähnung „Fuhrwerksbesitzer“ ist wie ein trotziges Aufbegehren gegen die sich verändernde Beförderungstechnik. Mit Heinrich Klemme sanken die Fuhrwerke ins Grab, und mit ihnen Wörter wie „Fuhre“, „Fuhrmann“ (pl. „Fuhrleute“), „Fuhrknecht“ Bei den Wörtern „fuhrwerken“ und „Abfuhr“ kam es zu einer Bedeutungsverschiebung. Aus „Fuhrzeug“ wurde „Fahrzeug“ – das alles musste Heinrich Klemme nicht mehr erleben. Selten sind historische Umbrüche so deutlich, aber auch so schwerfällig.

ImageDie Umbrüche in heutiger Zeit geschehen rasch und geschmeidig. Soeben ist einer mit Block und Bleistift sozialisiert worden, hat noch Inschriften mit Papier und Bleistift abfrottiert [Im Bild: Das A einer Inschrift auf dem Kalvarienberg im Klauser Wäldchen, Aachen-Kornelimünster], schon stehen ihm bessere Dokumentationstechniken zur Verfügung. Er muss sie freilich nutzen. Trotzdem wäre es hübsch, auf seinem Grabstein stünde dereinst: „Notizbuchbesitzer.“

Sich überstürzende Meldungen

ImageIm Raum saß ein Mann. Neue Sneakers an den Füßen, eine Jogginghose mit Nadelstreifen, die noch ein rotes Nahtband hatte, wie es bei Offiziersuniformen üblich ist. Er trug eine schwarze Kapuzenjacke, deren Kapuze am vorderen Rand einen Fellbesatz hatte. Auf dem Kopf saß eine schwarze Baseball-Kappe. Er war also eine durchaus durchschnittliche Erscheinung, – aber ein überaus wichtiger Mann, wie sich bald zeigen sollte. Plötzlich preschte auf der Straße draußen ein Meldereiter heran. Ich sah durchs Fenster, wie er von seinem Gaul sprang. Da stürzte er auch schon herein, sah den Mann, riss eine Depesche aus seiner ledernen Umhängetasche und reichte sie dem Mann.

Der las ungerührt und wischte den Boten wortlos fort. Die Situation hatte sich gerade erst beruhigt, als auf dem Asphalt schon wieder Hufgetrappel erscholl. Ein Reiter sprang ab, sein armes Pferd schäumte. In Flocken troff es von seinem zitternden Leib. Der wird doch wohl nicht …, konnte ich gerade noch denken, da stürzte der Reiter schwer atmend herein. Schon wedelte er mit einem Sendschreiben, salutierte vor dem Mann und mit den Worten: „23 Stunden ohne Pause, den Gaul zuschanden geritten, der Wichtigkeit wegen, Exzellenz!“, übergab er ihm die Botschaft.
„Jaja, schon gut!“, sagte der Mann. „Und halt‘ den Verkehr nicht auf. Ich habe keine Zeit zu antworten.“

Ja, aber warum nicht, dachte ich. Wenn derart wichtige Botschaften hereinkommen, sich Meldereiter sogar überstürzen, würde man doch eine angemessene Reaktion erwarten.
„Bitte, mein Herr!“, sagte ich, „es geht mich ja vielleicht nichts an. Doch ich bin beunruhigt ob der allgemeinen Weltlage. Vermutlich, nein, ganz gewiss, ist ihrerseits eine Veranlassung erforderlich. Würde man sonst einen derartigen Aufwand treiben, Sie zu informieren, wenn es mit wortloser Ungerührtheit getan wäre?“
„Sie haben recht“, sagte er, „die allgemeine Weltlage geht Sie gar nichts an. Und ob wirklich eine Veranlassung meinerseits nötig ist, wenn meine Alte mir schreibt, ich solle auf dem Rückweg vom Arzt zwei Avocados einkaufen, wage ich zu bezweifeln.“
Sein Mobiltelefon gab wieder Laut. Man hörte Hufgetrappel und Rösser schnaufen. Er warf einen Blick aufs Display. Las laut: „Und Knoblauch.“

Deppen der Surrogate

ImageIn der vollen Stadtbahn hat fast jeder Dritte den Nacken gebeugt und wischt oder tippt auf seinem Smartphone. Ich bin sicher, dass mit der Wischbarkeit von Informationen auch eine Entwertung der Inhalte einhergeht. Digitale Schrift- und Bildinhalte werden zwar auf Bildschirmen sichtbar, sind aber ortlose, nirgendwo festgeschriebene Simulationen. Wo sie aufscheinen, können sie weg -gescrollt oder -gewischt werden, sogar spurlos getilgt oder verändert werden. Entwertet wird ein Text-, Ton- oder Bildinhalt auch, indem er so leicht aufgerufen, also herbeizitiert werden kann. „Alexa! Spiel: Conny Froboess, Pack die Badehose ein!“ Den Aufruf erlebte ich jüngst bei Freunden. Der Algorithmus namens Alexa tat wie ihm geheißen, hatte also, um das zu können, die ganze Zeit unser Gespräch belauscht. Eine der Stimme nach blutjunge Cornelia Froboess musste darauf von der Badehose singen. „Alexa, aus!“, brachte sie zum Schweigen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als ich Musik über das Radioprogramm hörte. Wie freute ich mich über lange vergessene und nicht gehörte Musik. Niemals hätte ich sie überdrüssig ausgeknipst, abgesehen vom Badehosenlied vielleicht.

Jüngst berichtet eine Freundin, bei einem aufwändigen Frühstücksbuffet habe es unter anderem gefüllte Avocados gegeben. Eine Weile später wurden ihr auf dem Smartphone Rezepte für gefüllt Avocados angezeigt. Derlei Informationen, die nicht einmal herbeizitiert wurden, sind noch stärker dem Entwertungsprozess unterworfen. Sie sind wie lästige Fremde, die sich in ein Gespräch einmischen und ungefragt Auskunft geben.

Der Konsum ortloser Informationen entwertet auch die Anwesenheit an Orten. Ein Tagestourist in Steinhude war letzten Sonntag nicht am Steinhuder Meer, sondern erzählte amüsiert vom „einzigen offenen Bäcker auf Zypern“, womit wohl kein aufgeschnittener Bäcker, sondern eine geöffnete Bäckerei gemeint war. Ich hörte nur den Satzfetzen. Er musste der Höhepunkt eines launigen Erlebnisberichts gewesen sein. Er und seine Gesellschaft hatte dem Steinhuder Meer bereits den Rücken gekehrt, was angesichts der stürmischen Kälte verständlich war, auch dass er sich lieber an eine Episode auf einer wärmeren Insel erinnerte. Sich bei Kälte warme Gedanken zu machen, ist ein oft empfohlenes Verfahren. Trotzdem habe ich dem Mann das hier schon beschriebene „Touristische Gemüt“ unterstellt.

Zurück in der Stadtbahn. Manche der Smartphone-Nutzer sind aus-, andere eingestiegen. Sofort verneigen sich einige der neuen Fahrgäste wieder vor ihrem Smartphone. Sie entwerten den Ort ihrer Anwesenheit und richten ihre Aufmerksamkeit auf entwertete Informationen. In einer fatalen Wechselwirkung entwerten sie auch sich. Wir sehen Deppen der Surrogate.