„Wenn ich am Küchentisch sitze, schaue ich genau auf die Rückfront des gegenüberliegenden Nachbarhauses, etwa 30 Meter Luftlinie entfernt.“
„Na und?“, warf Coster ungeduldig ein.
„Das Haus ist nach Osten ausgerichtet, weshalb die Sonne in die Zimmer scheint und sie erhellt. Da kann ich ziemlich gut in die drei übereinanderliegenden Zimmer sehen.“
„Weiß immer noch nicht, worauf du hinauswillst, Trithemius.“
.
„Also in diesen drei Zimmern untereinander sah ich eines Morgens je eine Frau hin- und hereilen und dachte, drei Hausbewohnerinnen räumen ihr Schlafzimmer auf, absolut gleichzeitig. Doch wussten sie nichts voneinander, weil sie meine Draufsicht nicht hatten. Jedenfalls musste ich an Samjatins dystopischen Roman Wir denken, in dem die Menschen in gläsernen Wohnungen leben und sehen können, wie sie sich morgens mit ihren Nachbarn gleichzeitig aus dem Bett erheben, Gymnastik treiben – nach einer Musik, die simultan aus den Lautsprechern kommt, sich gleichzeitig entleeren, waschen, ankleiden und an den Frühstückstisch setzen …“
„Hör auf, hör auf! Das ist ja gruselig!“
„Sie meinen, das wäre nichts für Sie, Coster?“
„Das ist für keinen Menschen was, höchstens was für Ameisen oder andere Kollektivwesen.“
„Aber der Mensch will durchaus mit den Mitmenschen im Einklang leben. Denken Sie nur an das ansteckende Gähnen oder Lachen. Oder denken Sie an Fußballfans und ihre Schlachtrufe. Den ‚Toor!‘-Schrei, das kollektive Aufstöhnen, wenn der Ball es verfehlt – es ist den Fans offenbar eine Lust, das Maul aufzureißen, und es kommt der gleiche Laut heraus wie aus dem Nachbarmaul, links und rechts, oben und unten, zehntausendfach. Die geballte Energie von Gleichgesinnten, wie sie ins Stadion donnert und wieder heraus, das ist doch die Idee hinter Samjatins Dystopie oder nicht?“
„Was du vorbringst, sind doch alles Lebensäußerungen auf niedrigem Niveau.“
„Ach ja, Coster? Und was ist mit Chorgesängen in der Oper?“
„Ebenfalls primitiver Herkunft, nur kulturell überformtes Geschrei. Das müsste man auch vom Formationstanz sagen, falls du das noch anführen willst. Da ist es rhythmisches Stampfen. Letztlich ist auch das Palavern, das Miteinander-Reden primitiv, denn das wissen wir doch seit Watzlawick: Die inhaltliche Bedeutung ist sekundär. Es geht um den Beziehungsaspekt der Kommunikation.“
„Genau da kommen wir zum Heute, Professor. Wir brauchen ja gar keine gläsernen Häuser, die Menschen tragen ihr kollektives Schaufenster ständig bei sich – das Smartphone. Sie schauen hinein, um zu sehen, worüber alle reden, was sie anschauen, worauf sie reagieren, sie präsentieren sich selbst. Darin steckt die eigentliche Dystopie: Wir stimmen uns freiwillig ab, synchronisieren uns an Trends, Nachrichten, Videos. Alles gleichzeitig, überall zugleich – und primitiv sowieso.“
„Das heißt,“ sagte Coster düster, „wir sind längst im kollektiven Schlafzimmer angekommen, also mittendrin in Samjatins Dystopie – nur dass wir uns blindlings unterwerfen, weil wir die Draufsicht nicht haben.“
„Draufsicht ist göttliche Sicht. Der Mensch reicht nur durch Witz und durch Kunst an sie heran.“










