Die letzte Bibliothek (5) – Frau Burmester

Folge 1, Folge 2, Folge 3, Folge 4
ImageMit klopfendem Herzen horchte John auf den Rufton. Es wurde prompt abgenommen.
„Naturhistorische Gesellschaft, Guten Tag! Sie sprechen mit Frau Burmester.“
„Guten Tag, Frau Burmester! Ich habe Sie gestern getroffen und Sie gaben mir Ihre Nummer“, sagte John.
„Sie haben mich gestern getroffen? Wo soll das gewesen sein?“
„Auf dem Hof der Naturhistorischen Gesellschaft. Sie kamen mir mit dem Auto entgegen, hielten an und sprachen mit mir.“
„Warum hätte ich das tun sollen?“
„Ich hatte Ihnen gewinkt. Sie bremsten und gaben mir ein Visitenkärtchen. Oder waren Sie das etwa nicht?“
„Glauben Sie, man muss mir nur winken und schon rücke ich mit meinen Daten heraus? Für wen oder was halten Sie mich?“
„Entschuldigen Sie bitte. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Mein Interesse gilt ja auch nicht Ihnen persönlich. Ich würde nur zu gern die Bibliothek in der Fössestraße besuchen.“
„Ich bin aber nicht in der Fössestraße.“
„Dann sind Sie nicht die Bibliothekarin, wie ich annahm?“
Sie schwieg einen Moment. Dann sagte sie: „Ich bin wohl gestern ein wenig zu vertrauensselig gewesen. Ich kenne Sie nicht. Man muss heutzutage vorsichtig sein, angesichts der Bücherverbrennungen in Portugal.“
„Sie glauben doch nicht, dass brave Hannoveraner ihre Bibliothek stürmen und verwüsten würden.“
„Sie klingen nicht nach einem Hannoveraner.“
„Sondern?“
„Eher wie ein Kölner.“
„Kölner toben sich Rosenmontag aus. Sonst sind sie brav.“
Frau Burmester lachte: „Das Heißblütige geht Ihnen also ab.“
„Was denken Sie, wenn sich einer für Bücher und Bibliotheken interessiert.“
„Na gut. Ich werde Sie einlassen. Wie schnell können Sie hier sein?“
„In fünfzehn Minuten.“
„Dann kommen Sie zur Sicherheitstür und klingeln Sie an, wenn Sie da sind.“
„Ich habe dort keine Klingel gesehen.“
„Sie haben doch ein Smartphone?“

In der Fortsetzung führt Herr Godefrot ein Fachgespräch mit der Bibliothekarin.

Die letzte Bibliothek (3) – Nicht öffentlich

ImageJohn hob die Hand. Die Frau bremste. Sie blickte ihn prüfend durchs Seitenfenster an und fuhr es dann hinab. John sah in ein gutes Gesicht.
„Guten Tag“, sagte er, „ich bin fasziniert von dem Turm hinter uns. Wozu ist er gut?“
Einen Augenblick zögerte die Frau. Sie schien mit sich zu ringen. Doch dann sagte sie: „Ich kenne Sie nicht. Soll ich Ihnen trotzdem ein Geheimnis anvertrauen?“
„Warum nicht? Mir haben schon Leute vertraut“, entgegnete John. Sie lächelte dezent: „Also gut. Der Gebäudekomplex beherbergt unsere Bibliothek. Doch sie ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“
„Eine Bibliothek!?“

John war überrascht. In dieser sozialen Brache sollte sich ein Hort des Wissens befinden? Das hatte er nicht erwartet. Es durchfuhr ihn heiß und kalt. Er spürte, dass sein Herzschlag sich beschleunigte. Die neue Information weckte Begehrlichkeiten. Bislang war er nur bestrebt gewesen, im Turm hinauf zu steigen, um in den geheimnisvollen Raum mit den Fensterreihen zu gelangen. In seiner Vorstellung war der Raum leer. Doch jetzt drängte es ihn, die Bibliothek zu sehen. John sah die Frau an. Ihr offenes Gesicht irritierte ihn. Vor Aufregung fiel sein Mund ihm trocken. Er suchte nach Worten.

„Die Bibliothek ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich?“, wiederholte er und setzte nach: „Ich bin ja nicht die Öffentlichkeit. Es muss doch für eine Einzelperson wie mich die Möglichkeit geben, die Bibliothek zu besuchen und eventuell zu nutzen.“
„Die gäbe es vielleicht“, sagte die Frau. „Rufen Sie die Bibliothekarin an!“ Sie kramte in ihrer Handtasche ein Kärtchen hervor und reichte es heraus. „Aber derzeit ist die Bibliothekarin nicht an ihrem Platz.“
„Wo ist sie denn?“
„Sie befindet sich auf dem Heimweg“, sprachs und rauschte davon.
„Dann sind Sie die Bibliothekarin!“, rief John ihr hinterher. Aus dem Seitenfenster kam ihr schlanker, wohlgeformter Arm und winkte.

John sah ihr nach, bis sie die Einfahrt passiert hatte und auf die Straße eingebogen war. Dass die Frau ihm vertraut hatte, freute ihn, wunderte ihn aber nicht. Schon oft hatte er vermeintlich anlasslose Zuneigung erlebt. Ihm schien, dass die Gehirnpest das logische Denken störte, doch den Sinn der Intuition geschärft hatte. Nix is esu schläch, dat et net och för jet joot wör. (Nichts ist so schlecht, dass es nicht auch für etwas gut wäre), sagt der optimistische Rheinländer.
John ging hinüber zum Turm. Das alte Gebäude hatte eine neue Tür aus Sicherheitsglas. John beschattete seine Augen und versuchte ins Innere zu schauen, konnte aber nichts erkennen. Er wandte sich ab. Gleich morgen würde er die Bibliothekarin anrufen.

In der nächsten Folge fährt Herr Godefrot mit der Bahn.