Gestern – wir schaffen es, gegen halb vier das Haus zu verlassen um kurz nach vier in der S-Bahn nach Mönchengladbach zu sitzen. Ohne Sinn, wir waren dort noch nicht. Selbst habe ich eine schwache Erinnerung an einem Besuch vor zig Jahren. Nachkriegsinnenstadt, öde wie so viele deutsche Städte.
Der Zug hält an jeder Milchkanne, es dauert. Wir sitzen vor dem Erste-Klasse-Abteil, wohin sich die beiden Zugbegleiter zurückgezogen haben. Ein anderer Fahrgast in blauer Ballonseide kommt ziemlich verlässlich alle 7-10 Minuten lang und sucht einen der beiden Zugbegleiter auf, wie er wohl orientalischer Herkunft. Der Blaue redet ohne Punkt und Komma auf den anderen ein, der total lieb und geduldig zuhört.
Wir erfahren so von den nahen Zeichen drohender Katastrophen. Von den beiden Sonnen (Beweisfoto auf Handydisplay) und der Heuschreckenplage in Dubai. Davon, das er, der Blaue stets von allen möglichen Regierungen behelligt wird, mit Fragen, die Zukunft betreffend. Er weiß es, wie die Menschheit gerettet werden kann, die Kuppeln über den zu besiedelnden Planeten müssen aus Diamant sein, alles andere sei zu zerbrechlich. Und so weiter, wir bewundern die Engelsgeduld des einen Zugbegleiters. Der andere guckt nur grimmig aus seinem vernarbten Türstehergesicht, sagt aber nichts.
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Wir erreichen Mönchengladbach heil, die Welt ist zumindest im Augenblick stabil. Es regnet, der Bahnhofsvorplatz ist Großbaustelle und in der gruseligen City ist ein Bierfest, ausgerechnet.

Wahlwerbung inbegriffen, ewiges Leben und kein Arschloch, das klingt beides vielversprechend, ok, überredet.

Wir laufen ziellos umher, Hauptsache raus aus dem Bierfest. Instinkt, Hunger und göttliche Führung leiten uns zielsicher ins Cafe Belli, sehr leckere orientalische Küche und ein auf Bierblöcken zeichnender Wirt. Wir fühlen uns erstmals gut angekommen und lassen es uns gut gehen.

Auf der Suche nach einem botanischen Garten landen wir zunächst einem anderen Park, ich lerne wen Neues kennen.

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.
Hans Jonas, 1903 – 1993
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Weiter vom Zentrum entfernt sehen wir tatsächlich alte Häuser.

Am Ende erreichen wir doch noch den gesuchten Park und selbst die Sonne scheint (nur die eine 🌞 🙏). Viel Grün und komische Vögel inbegriffen.







Die Heimfahrt ist unspektakulär, eine mehrstöckige Regiobahn. Wir sitzen ganz oben, es schaukelt arg und und riecht nach Menschen samt ihrer bevorzugten Reiseverköstigung. Ein Trupp ohne Punkt und Komma schwatzender Mädels unterhält uns, ebenso der türkische Kurde, der leise vor sich hin telefoniert und nichts ahnend von der Liebsten verstanden wird (was nach dessen Ausstieg zu Heiterkeit führt). Die indische Familie nebenan lädt zu Mutmaßungen ein, derweil Mädchen wie Junge den gleichen Ring tragen. Wir werden es nicht erfahren.
Jedenfalls ein kurzweiliger Ausflug nach unserem Geschmack.
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