Freitag, 240531

Image

Gestern – wir schaffen es, gegen halb vier das Haus zu verlassen um kurz nach vier in der S-Bahn nach Mönchengladbach zu sitzen. Ohne Sinn, wir waren dort noch nicht. Selbst habe ich eine schwache Erinnerung an einem Besuch vor zig Jahren. Nachkriegsinnenstadt, öde wie so viele deutsche Städte.

Der Zug hält an jeder Milchkanne, es dauert. Wir sitzen vor dem Erste-Klasse-Abteil, wohin sich die beiden Zugbegleiter zurückgezogen haben. Ein anderer Fahrgast in blauer Ballonseide kommt ziemlich verlässlich alle 7-10 Minuten lang und sucht einen der beiden Zugbegleiter auf, wie er wohl orientalischer Herkunft. Der Blaue redet ohne Punkt und Komma auf den anderen ein, der total lieb und geduldig zuhört.

Wir erfahren so von den nahen Zeichen drohender Katastrophen. Von den beiden Sonnen (Beweisfoto auf Handydisplay) und der Heuschreckenplage in Dubai. Davon, das er, der Blaue stets von allen möglichen Regierungen behelligt wird, mit Fragen, die Zukunft betreffend. Er weiß es, wie die Menschheit gerettet werden kann, die Kuppeln über den zu besiedelnden Planeten müssen aus Diamant sein, alles andere sei zu zerbrechlich. Und so weiter, wir bewundern die Engelsgeduld des einen Zugbegleiters. Der andere guckt nur grimmig aus seinem vernarbten Türstehergesicht, sagt aber nichts.

Wir erreichen Mönchengladbach heil, die Welt ist zumindest im Augenblick stabil. Es regnet, der Bahnhofsvorplatz ist Großbaustelle und in der gruseligen City ist ein Bierfest, ausgerechnet.

Wahlwerbung inbegriffen, ewiges Leben und kein Arschloch, das klingt beides vielversprechend, ok, überredet.

Wir laufen ziellos umher, Hauptsache raus aus dem Bierfest. Instinkt, Hunger und göttliche Führung leiten uns zielsicher ins Cafe Belli, sehr leckere orientalische Küche und ein auf Bierblöcken zeichnender Wirt. Wir fühlen uns erstmals gut angekommen und lassen es uns gut gehen.

Auf der Suche nach einem botanischen Garten landen wir zunächst einem anderen Park, ich lerne wen Neues kennen.

Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten  menschlichen Lebens auf Erden.

Hans Jonas, 1903 – 1993

Weiter vom Zentrum entfernt sehen wir tatsächlich alte Häuser.

Am Ende erreichen wir doch noch den gesuchten Park und selbst die Sonne scheint (nur die eine 🌞 🙏). Viel Grün und komische Vögel inbegriffen.

Die Heimfahrt ist unspektakulär, eine mehrstöckige Regiobahn. Wir sitzen ganz oben, es schaukelt arg und und riecht nach Menschen samt ihrer bevorzugten Reiseverköstigung. Ein Trupp ohne Punkt und Komma schwatzender Mädels unterhält uns, ebenso der türkische Kurde, der leise vor sich hin telefoniert und nichts ahnend von der Liebsten verstanden wird (was nach dessen Ausstieg zu Heiterkeit führt). Die indische Familie nebenan lädt zu Mutmaßungen ein, derweil Mädchen wie Junge den gleichen Ring tragen. Wir werden es nicht erfahren.

Jedenfalls ein kurzweiliger Ausflug nach unserem Geschmack.

Mittwoch, 240529

Image

Schweigen lernen

Der krawallige Schwabe schreibt über eine eskalierte Polit-Show am Montag. Ich habe sie nicht gesehen, kenne aber vergleichbare Sendungen, wo am Ende alle durcheinanderbölken, die pure Testosteron- und Egoshow. Niemand versteht jemanden, akustisch nicht und inhaltlich schon gar nicht.

Mir gefällt das Tempo und die Erwartungshaltung in mancherlei Diskussion nicht, ebenso wenig die latente Aggression. Als Antipol zum Gelärme denke ich an das Schweigen und was ich in dem Zusammenhang über die Quäker gelesen habe, über die Auseinandersetzung mit dem Pfarrer Heinz Kappes, seinerzeit nicht nur religiöser Sozialist, evangelischer Pfarrer und fleißiger Übersetzer, sondern eben auch den Quäkern zugehörig, worum er selbst nie Aufheben gemacht hat.

Sie sind wie alle menschliche Gemeinschaften nicht immer einer Meinung, die so genannten Quäker. Wenn sich das herauskristallisiert, schweigen sie eine Weile gemeinsam, möge derweil ein jeder in sich gehen und nachspüren. Nach einer Zeit redet wieder einer nach dem anderen. Wird immer noch kein Kontext gefunden, wird weiter gemeinsam geschwiegen – bis Einstimmigkeit herrscht. Für mich eine ebenso unfassbare wie faszinierende Herausforderung an das eigene Ego, das mit der heutigen Lebensrealität herzlich wenig zu tun haben mag, auf dem ersten Blick. Andererseits ist diese Welt von heute genau so getrieben und nervös wie eh und je, im Zeitalter der Industriealisierung und Digitalisierung, die als Fluch und Segen noch hinzu kam.

Mir, dem um Worte bis zu einem gewissen Grad nicht verlegen ist, erscheint diese Vorgehensweise einen Versuch wert, gerade mit Blick auf dem, was hinter den Worten liegt. Manchmal bekomme ich eine Ahnung davon, beim schreiben, oder besser beim still sitzen vor dem schreiben. Diese Zeit, in der sich während guter Stunden diese Brücke baut und am Ende Texte produziert, die nahe gehen und berühren können.

Ist auch im Alltag ab und an einen Versuch wert, glaube ich.

240528 – Drabble Dienstag

Image

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Die Vorgabe lautet heute: Straßenrand – tauchen – experimentierwütig

Während er gemach am Straßenrand entlang schlappt, scheppern aus einem Ü-60-Klub gegenüber altvertraute Volksweisen von damals und von jener Zeit: Ätzend, ich bin so ätzend, alles zersetzend: Ich bin der Hass. Tauchen – Prokopetz, denkt er, so einen bescheuerten experimentierwütigen Bandnamen vergißt man eben nie. Und die Zeilen sind genauso aktuell wie vor 40 Jahren. Nur das mit dem Außerirdischen, der dann doch noch die Liebe mitbringt, das war irgendwie nichts. Genau genommen war sie ja auch schon immer da, die Liebe. Heute mehr als damals, zumindest gilt das für ihn, der lange als ungesund an sich und für andere angesehen wurde.

Für alle, die es sich damals immer noch nicht leid gehört haben:

Montag, 240527

Image

Und da war da noch – Der Typ, dem irgendwann zahlenverliebt klar wurde, dass er in etwa ein Drittel seines Lebens damit verbracht hatte, herauszufinden, wer er denn eigentlich sei, und die Antwort dennoch irgendwie fragmentiert schien. Zugleich musste er zu seinem Bedauern feststellen, dass nunmehr schon angenommene Dreiviertel dessen vorüber sein mögen. Um sich zu erheitern, dachte er sogleich an die alte mathematische Weisheit, nämlich dass ein Viertel draussen immer noch besser sei als ein Viertel drin. Spätpubertätes Kichern ist halt immer noch besser als krudes Selbstmitleid.

Samstag, 240525

Image

Stadtauswärts

Friedhof, wärmende Sonnenstrahlen, ein Eichhörnchen. Im Hintergrund produziert die nahe A46 den unvermeidlichen Dauerschallteppich, aber die Vögel halten fein dagegen.

Grabsteine, freundliche Blumen, keine Menschen und ganz viel Endlichkeit. Besser als gerade eben im Bus herauf aus der lärmenden Stadt. Ich fühle mich gleich besser.

Die eine speichert ungesundes Wasser, der anderen schießt der Blutdruck in schwindelige Höhen. Greise Verwandtschaft lässt Worte wie Kaliumchlorid zu mir kommen. Tun, was ich kann, das werde ich, in gewohnter Weise. Derweil wärmen Gevögel und Hörnchen zusammen mit der Abendsonne die Seele.

Stadteinwärts

240521 – Drabble-Dienstag

Image

Dieser Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Danke dafür!

Die Regeln: 100 Worte, die drei Vorgegebenen müssen mit rein, dürfen nach Herzenslust gebeugt, aber nicht durch Synonyme ersetzt werden. Überschriften, Triggerwarnungen, Fußnoten und dergleichen zählen nicht mit.

Die Vorgabe lautet heute: Fischhändler + hätscheln + kostenlos

Nein, verhätschelt worden ist er wirklich nicht, noch nicht einmal auskömmlich gehätschelt. Zuhause gab es bei jeder Gelegenheit Senge, der Alte war da freigiebig. Bei dem hatte alles seinen Preis, nichts wurde auch nur wenig unter Wert abgegeben, außer eben jede Menge Schläge, die gab es kostenlos.

Gustav Gans, denkt er viele Jahre später. Aus dem Fischhändler, Vaters Sohn eben, wurde ein erfolgreicher Kaufmann, der gut rechnen konnte, aber auch nie die Straße vergessen hatte, seine Herkunft. Nannte man den Alten noch spöttisch Verleihnix, zollt man ihm Respekt und Anerkennung für seine Arbeit im Quartier, die Stiftung ist ein Segen.

240519 – Pfingstsonntag

Image

Dieser Eintrag ist Teil von Christianes Schreibeinladung, die drei vorgegebenen Worte lauten: Geist – herb – unterstellen. Danke für das Ausrichten und für die Inspiration!

*

Pfingsten früher, bis vor 30 Jahren oder so – das hieß verlängertes Wochenende in einem Moselnebental-Steinbruch. Zelten, Zecken, Lagerfeuer, Saufen & Kiffen, Rock N Roll, herbe Rede und jede Menge unflätiges Drumherum. Alljährlich einleitende Neuauflage war die flache Aufforderung – Sach mal n Satz mit vier „f“ – Frohe Fingsten fonne Firma. Schenkelklopfer. Mein erstes Leben in absoluter Tiefkultur. Wehe, wenn sie losgelassen, mir kommt das heute so fremd vor, dass ich es kaum glauben kann.

Das Kirchenjahr ist mir dito fremd geblieben. Was meinem Glauben heute keinen Abbruch tut. Ritualisierte Handlungen und Zeremonien können Halt und Orientierung geben, aber auch in Erstarrung, Bigotterie und Pharisäertum münden, wenn der gelebte Alltag im krassen Widerspruch zu alledem steht.

Heute ist Pfingstsonntag, und wenn ich das richtig verstanden habe, versinnbildlicht dieses Fest die Erkenntnis der dauerhaften Anwesenheit des heiligen Geistes. Kann ich so annehmen, weil – vermisse ich diese so genannte Kraft – Gott, wie ich ihn verstehe – dann macht der nicht gerade Pause, sondern ich habe mich entfernt. Kein Ding, wenn ich es merke, rücke ich wieder näher dran und gut ist. Lasse ich dagegen mein Ego frei drehen, ohne mitzubekommen, was ich da gerade veranstalte, dann darf ich auch mit den Folgen klar kommen. Da ich verbal recht gut aufgestellt bin und zu übertreibender Bildhaftigkeit, Ironie, Sarkasmus und in ganz dunklen Stimmungen auch zu Zynismus neige, gibt es ordentlich Potential für Konflikte. Also innehalten, still werden und wieder näherkommen, an diese alles verbindende Kraft, der ich unterstelle, dass sie es gut mit mir meint.

In dem Sinne – frohe Pfingsten uns allen!

Mittwoch, 240515

Wenn mir fad ist, neige ich zu Albernheiten. So las ich heute früh bei der Wildgans das Wort des Tages – heute „Minnesänger“. Sofort waren meine Gedanken beim Troubadix, man kennt ihn, den ebenso talentlosen wie bedauernswerten Sänger des kleinen gallischen Dorfes. Also begab ich mich auf Bildersuche – Du wirst nicht – singen, heißt es natürlich in den bunten Büchern. Weiter als bis zum „nicht“ komme ich erst mal nicht, derweil ich zunächst angezeigt bekomme, was die anderen Suchmaschinennutzer so alles suchen, die Maschine möchte es ja leicht machen und kaum eine Suche ist so dusselig, dass nicht schon irgendwer anders sich damit beschäftigt hat. Also:

Image

Ist das nicht Klasse, diese Vielfalt an Assoziationen, was Du alles nicht wirst sein, können, tun oder lassen. Wieviel archaische Tiefe verbirgt sich hinter den einzelnen Suchen!

Nichts mehr besitzen und Käfer essen, genau, darauf läuft es hinaus. Nicht immer 17 sein zu müssen dagegen eher Segen denn Fluch, auch wenn mir mein Antlitz etwas anderes suggerieren möchte. Das alles, um am Ende nicht mehr gebraucht zu werden, für manch einen ist das bestimmt schwer erträglich. Nicht älter zu werden dagegen bedeutet im Klartext den nahen Tod, ob dem Sucher das so bewusst war? Nicht älter, sondern besser zu werden könnte der Logik nach dann heißen, jung und besser (als zuvor?) zu sterben (ok, jetzt wird`s schwarz, sorry).

Das mit dem nicht bereuen kenne ich aus dem nächsten Umfeld. Alles richtig gemacht, Gratulation! Im Regen stehen und nicht nass werden – ok, im einfachsten Fall trägt Mensch hier Hut oder Schirm, auf der Metaebene dagegen perlt an dem so Gesegneten alles ab wie Wasser an ner Ente. Auch schön.

Nichts zu erwarten, um nicht enttäuscht zu werden ist dagegen gleich doppelt Kacke. Wer nichts erwartet, bekommt auch nichts, was denn sonst – ein fades Leben irgendwie. Dazu muss der arme Mensch noch mit mindestens einer lebenslangen Täuschung herumlaufen, weil er ja nicht enttäuscht wird. Achte deine Wünsche …

Du wirst anstelle von Du sollst dagegen hat etwas Bestimmendes und Wahrsagendes, nicht nur im Kontext mit den 10 Geboten. Keine Drohung, sondern ein Versprechen anstelle von Nötigung, klingt doch gleich viel besser, finde ich.

*

240514 – Drabble-Dienstag

Folgender Eintrag ist Teil vom Drabble-Dienstag, der momentan von der Puzzleblume ausgerichtet wird. Die drei Wörter. die mit drin sein müssen, lauten: Sonnenlicht – klappern – geschmuggelt. Beugen geht, Synonyme nicht, Überschriften und dergleichen zählen nicht mit.

*

Sie lieben karge Weiden und das Sonnenlicht, die kleinen Türöffner nach nebenan. Bewusstseinserweiterung für Eilige, reisen auf eigene Gefahr – man weiß nie, wieviel Sonne sie abbekommen haben und welche Kuh in ihrer Nähe geschissen haben mag.Ihr großer Vorteil ist, sie müssen nicht geschmuggelt werden, man kann sie ganz unauffällig pflücken, wie Rotkäppchen, schön mit Körbchen und rotem Gebinde um den Schädel.

Vorteilhaft ist, wenn ein Vertrauter in der Nähe ist, wenn die Türen solcherart aufgetreten werden. Märchenland hat viele Gesichter, ebenso das weite Land der Ahnen. Klappernden Nerven empfehlen sich eher sanftere Reiserouten, Meditation und Trance führen auch zum Ziel.

*

Samstag, 240511

Beim Italiener  – wir lassen es uns gut gehen und plaudern. Ein großes Kind residiert gerade beruflich in einem Schweizer Wohnwagen. Mir fällt eine Doku über Mietwohnwagen ein, inklusive Berichte über komische Bettmitbewohner. Während wir uns noch angeregt über Bett- Stink- und andere Wanzen unterhalten, kommt mein Nachtisch, ein großer Eiskaffee.

Gedankenverloren greife ich mir das obenauf liegende Waffelröllchen, um erstmal herzhaft ein Ende abzubeißen. Irgendetwas stimmt mit dem Ding nicht, melden meine Zähne zurück, wie alt sind denn deren ihre Scheißwaffeln eigentlich? Nur langsam realisierte ich die Fehleinschätzung  – mein Kopf ist noch bei den Wanzen  – das Fakewaffelröllchen ist ein Papptrinkhalm, schön umweltfreundlich, aber eben kaum essbar.

Erst mal diskret checken, ob das jemand mitbekommen hat  – offensichtlich nicht – und im Anschluss nimmt der Jäger des Spottes eine Funktionsprüfung des solcherart ramponierten Teils vor  – der angefressene Halm tut noch, wozu er gedacht war.

Immerhin.

Image