Drabble-Dienstag, 260324

100 Wörter, drei müssen mit rein, der Torsten hat`s gerichtet – Danke dafür
Heute mit: Qualität – träge – Irritation

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Wo ist deine Contenance, denke ich. Gesagt habe ich doch gar nichts, beim Kaizen-Meeting an der Tafel, nur träge den Kopf geschüttelt angesichts deiner Ausführungen, was umgehend für Irritation deinerseits sorgte. Ok, vielleicht habe ich ne Fresse gezogen, das tut mir leid, ich hatte wohl das falsche Gesicht dabei auf, das war mein privates Gesicht, sorry, das Meetinggesicht war gerade aus. Brauchst mich nicht gleich so anzufahren, da sind doch noch all die anderen, die jubeln und lächeln, komm mal klar mit dem einen Arsch, der mit dem Ungesicht. Wenn es dein Ego zulässt, können wir gerne wieder sachlich reden.

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PS: Dem Beitrag fehlt die Qualität. Also das Wort. Das lass ich jetzt so, dann isses halt Kacke 🙂

Sonntag, 260308

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Wir treffen uns mit Menschen aus der Gruppe zum futtern. Große Runde mit Angehörigen. Mein soziales Umfeld eben. Manche kenne ich schon Jahrzehnte, wir wissen mehr voneinander als die meisten Menschen. Vertrautheit und Dankbarkeit.

Die Liebste ist mit dabei, ebenso das große Weitwegkind, das gerade bei uns weilt. Im Anschluss gehen wir unserer Lieblingsbeschäftigung nach, ziellos umherstreunen. Eh wir uns versehen, stehen wir auf dem Weg zum Bahnhof in einer Demo. Laut isses, und friedlich.

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Am Bahnhof steigen wir in den Bus nach Remscheid, die Stadt mit dem kurzen „e“ trotz einem „m“. Man möchte hinten sitzen, ich warne. Gelenkbus, Steigungen, Serpentinen, volle Mägen, das Kind sogar rückwärts. Voraussehbar nicht lange. Aber gut, nächtliches Sightseeing bergisches Land mit Gleichgewichtstraining ohne unkontrolliertes Essen-wegbringen. Bleichnäsig erreichen wir den frisch hergerichteten Friedrich-Ebert-Platz. Ich staune, endlich fertig geworden.

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Wir laufen zum Bahnhof, kehren ein in die Saxo-Bar, Pipi und Käffchen. Hier war ich letztmalig vor ca. 40 Jahren, die Zeit steht still,  so scheint es. 9 Uhr, nix los, paar Jungs kickern. Echte Herren, gerade 18, trinkfreudig und laut, 3 von ihnen machen aus Gründen auf den uralten Kneipendielen Liegestütze um die Wette. Geballte Ladung jüngeres Ich, das sich gerade merkwürdig alt fühlt, aber zufrieden mit der Gesamtsituation. Als wir aufbrechen, wird es voll. Viel Jugend und einige von Vorgestern, die Landkartengesichtsfraktion. Ob ich will oder nicht, bin ich ein Teil davon.

Bevor es rührend und schüttelnd wieder heimwärts geht, halte ich am Busbahnhof beim Hbf., der jetzt Willy-Brandt-Platz heißt, noch ein Zitat fest.

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Zeitlos wie die Kneipe  …

Neujahr, 260101

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Es ist vollbracht, die lärmenden Idioten haben sich ausgetobt und auch die Jungkatze hat sich dank intensiver Kuscheleinheit wieder beruhigt. Der alte Mann scheint ballhörig geworden zu sein, ihm macht die Knallerei nicht mehr so viel.

Mitgehört – WDR, Aktuelle Stunde, Umfrage zum Thema gute Vorsätze. In einer lokalen Fußgängerzone meint ein Kerl im Vorbeilaufen ins Mikrofon:

Will 10 Kg abnehmen, fehlen noch 12 …

Mein Humor und geilstes Matheverständnis ever.

Irgendwo im Blogland geht es um Vergangenheit und schräge Familienangehörige. Einmal mehr dachte ich an meine Uromma. Die war ein gläubiger Mensch und hatte ihre eigene Dreifaltigkeit:

Die deutsche Bank, den Endsieg, und ihren Wacholder.

Von letzteren bekam ich bei jedem Pflichtbesuch immer genau Einen, auf dass aus mir, blond und blauäugig, sonstwas werden sollte. Was dann auch geschah.

Geblieben sind die Erinnerungen an das Geräusch, das sie beim schlurfen durch ihre Bude machte, an einen Tausendmarkschein, der stets rituell zur Besichtigung freigegeben wurde (mehr nicht, hier, riecht mal …), an eine geheimnisvolle, große, dunkle Porzellaneule, die von innen trübe leuchtete, an weiße Schokolade sowie nicht zuletzt an ihre geballte Boshaftigkeit.

So. Dank KI darf ich an dieser Stelle von Friedrich Merz für Arme Grüße sowie die besten Wünsche für das neue Jahr ausrichten.

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Im Fanshop auch als Stofftier erhältlich.

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Ein gutes neues Jahr uns allen 🙏

Wienerwald

Erstveröffentlichung vor ziemlich genau 12 Jahren, damals auf dem Wassertiger (wer sich noch erinnert). Eine Geschichte, heute all jenen gewidmet, die auch noch etwas mit alten Märchen anfangen können. Die erwähnte Nordstadt ist unweit von hier, schon als Kind faszinierten mich die beseelten alten Häuser. Und weil ich öfter bei der Springerin feine Bilder aus dem realen Wienerwald schaue, fällt mir der alte Kram wieder ein.

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Es gibt Bilder und Eindrücke aus der frühen Kindheit, die vergisst man nicht. Ein Besuch bei meinen Eltern neulich hat solch eine kleine Episode kurz wieder aufleben lassen. So genau weiß ich es nicht mehr, aber es muss so um 1966 herum gewesen sein, jedenfalls weit vor meiner Schulzeit. Damals fuhren noch doppelstöckige Busse von den Südhöhen nach Elberfeld hinunter und ich liebte es, mit meiner Mutter oben zu sitzen, wo es auf den alten Kopfsteinpaster-Serpentinen talwärts besonders schön schaukelte. Wir waren auf dem Weg zu der besten Freundin meiner Mutter, die damals mit Mann und Kindern in der Nordstadt wohnte.

Meine Mutter und ihre beste Freundin verband die gemeinsame Jugend ebenso wie die Neigung, das Leben so zu nehmen, wie es sich gerade darbot, bestrebt, das Beste daraus zu machen. Ein starkes Bindeglied war auch der gemeinsame hintergründige Humor, der vieles leichter ertragen lässt. Humor tat auch not, damals, gerade die Freundin brauchte ihn dringend. Ihr Mann war ein sehr spezieller. Fernfahrer, trinkfest, guten (nicht zwingend legalen) Geschäften nie abgeneigt und mit einem Hang zu extremen Gefühlsausbrüchen.

Besagter Mann lag also damals auf dem Sofa, wie wir die Wohnung betraten. Geschwächt von einer langen Tour oder einem herben Kater, ich weiß es nicht, jedenfalls hungrig, denn er forderte lautstark ein Grillhähnchen, eben vom Wienerwald (einer hier längst untergegangenen Imbisskette), ein paar Straßen weiter. So ging es also umgehend wieder zurück auf die Straße, gemeinsam mit der Freundin. Dann, ich weiß es nicht sicher – wollte die Freundin vielleicht 50 Pfennig sparen oder war den beiden schlicht der Weg zu lang, wie auch immer, jedenfalls kehrte man in einem näher gelegenen Imbiss ein, orderte dort ein Hähnchen, verbunden mit der Hoffung, das der Alte den Unterschied schon nicht merken würde.

Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich kurze Zeit später herausstellte. Kaum war der Flieger ausgepackt, leckerer Grill-Geruch zog durch die Wohnung, da ging das Geschrei auch schon los. Wortwörtlich kann ich das natürlich nicht mehr rezitieren, wäre wohl auch nicht unbedingt jugendfrei, aber laut war der Auftritt, das weiß ich noch. Ein Wort gab jedenfalls das andere, kurz wurde weit ausgeholt und mit einem satten KLATSCH landete das Tier an der gegenüberliegenden Wand der Werfers, direkt neben meinem Kopf.

Mein gesamtes Weltbild muss in dem Augenblick durcheinander geraten sein. Gebratene Hähnchen, die fliegen können. Das war ja wie in dem Märchen, wie hieß es noch gleich. Unfassbar sozusagen, für einen vielleicht Vierjährigen wie mich damals. Was meinerseits jedenfalls einen totalen Lachanfall auslöste, der auch noch lange draußen auf der Straße anhielt, die wir dann fluchtartig aufsuchten. Meiner Mutter nebst Freundin war wohl eher nicht zum Lachen zumute, damals.

Nun, die Geschichte ging wohl noch vergleichsweise gut aus. Die Ehe der beiden hat verständlicherweise nicht all zu lange gehalten, der Protagonist der Tragikomödie von damals ist heute ein friedlicher, alter Mann und meine Mutter war noch lange dicke mit ihrer mittlerweile verstorbenen Jugendfreundin. Und ich: Muss heute noch manchmal beim Anblick eines Grillhähnchen an den unbeschreiblichen Auftritt damals denken, was mir mindestens ein kleines Lächeln in`s Gesicht zaubert. Auch, wenn sich die Hoffnung auf das Land, in dem fein gebratenes Geflügel in offene Münder fliegt, nicht erfüllt hat.

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Wassersport 1982

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Flügelschlagen, Empörung, große Gesten, große Fressen, blanke Nerven. Das ist die Gegenwart, so scheint`s. Na und? Alter Wein in neuen Schläuchen, auch wenn es F.M. zunehmend scheißegal zu werden scheint, wer sonst noch so seine Haltung teilt oder ihn gesetzgeberisch unterstützen möchte. Man darf gespannt sein, aber neu ist der ganze Zirkus nicht wirklich.

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Gerade 20 Jahre jung war ich, seit gut einem halben Jahr von unserem Betriebsleiter nach bestandener Gesellenprüfung mit „Sie“ angesprochen und arbeitete so eben noch in meinem Lehrbetrieb auf unterster Ebene. Kurz darauf sollte gefühlt die Welt untergehen.

„Neue Besen kehren gut“, meinte der Betriebselektriker nach vollendeten Misstrauensvotum Helmut Kohls, volkstümlich wegen seiner Kopfform mitsamt vermuteten Inhalt genannt „Birne“. Der Kommunistenfresser und Sozihasser Nr. 1, alle Welt sah alle möglichen Rechte entschwinden und die Figuren rund um Birne schienen die Befürchtungen in linken Kreisen noch zu bestätigen. Die Älteren unter uns werden ich noch an so Namen wie Friedrich Zimmerman, Phillip Jenniger oder Richard Stücklen (Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch – J.Fischer) erinnern, alles stramm rechte Demokraten teils mit NS-Vergangenheit, die sich heute ausnahmslos in der AfD tummeln würden. Dazu regierte in den USA frisch ein ehemaliger Cowboy namens Ronald Reagan, der schon mal spaßeshalber bei versehentlich nicht ausgeschaltetem Mikro die Bombardierung der Sowjets befahl.

Es konnte einem schon seltsam werden. Wurde es mitunter auch. 1982 war ich seit gut einem Jahr vom Wehrdienst freigestellt, weil ich mich für 10 Jahre beim technischen Hilfswerk verpflichtet hatte. Nicht, weil ich so ein friedlicher Mensch war – obgleich ich das damals dachte und auch öffentlich machte (In Wahrheit hatte ich keinen Bock auf Drill und Kasernenhofbrüllerei). „Ausgestorben, zu viel Panzer und zu wenig Hirn„, ein Dino-Aufkleber auf meinem Schrottkäfer. Auch fand ich mich mit Zigtausenden im Bonner Hofgarten wieder, glaubte damals noch an echten Wandel und hörte fasziniert Heinrich Böll, dessen Bücher ich verschlang.

Fuhr man mit der Schwebebahn gen Westen, prangte noch 30 Jahre später ein Sponti-Spruch an den Wupperfabriken aus dieser Zeit: „Wenn der Reagan zur Sintflut wird, wird Widerstand zum Wassersport„.

Mein damaliger Widerstand bestand aus respektablen Alkohol- und Drogenkonsum, aber eben noch in solchen Grenzen, die eine Arbeit möglich machen ließ (irgendwie musste das Zeug ja bezahlt werden und zum klauen war ich zu feige). Darüber hinaus beschäftigten linke Liedermacher meinen benebelten Geist, Hannes Wader und Degenhardt vorneweg, unter einigen anderen. Ansonsten war mir Politik scheißegal, solange man mir meine kleine Existenz nicht wegnehmen wollte. Ach ja, Grün gewählt habe ich selbstverständlich damals auch, mit Verlaub und so. Ich war schwer beeindruckt.

Was hat der ganze Schnee von vorgestern mit der Gegenwart zu tun?

Viel, die Gesinnungen sind verdammt ähnlich. Allein die Möglichkeiten der Verbreitung sind andere, viel schneller, viel effizienter. Und – aus meiner Sicht ein entscheidender Unterschied – Deutschland war damals ein besetztes Land. Die Alliierten ließen den Alt- und Neu-Nazis freien Lauf, solange sie sich nicht zu offen zeigten und den Status Quo nicht in Frage stellten. Das ist heute anders. Niemand nimmt weder braunbrülliges Fußvolk noch heilhitlernde Milliardäre an die Kandare, Deutschland ist ein eigenverantwortliches, freies Land. Allerdings mit tausend Abhängigkeiten, was die Freiheit wieder relativiert. Und, was mir Unbehagen macht, diese wenn auch unvollkommene Freiheit braucht, so scheint`s, Übung, davon hat es noch nicht so viel. Lässt sich aber lernen, warten wir es ab. Wird schon weiter gehen, mindestens so emotional wie vor gut 40 Jahren. Und wenn es daneben geht, treffen wir uns weiter oben zum gemeinsamen Kopfschüttelkaffee.

Versprochen.

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Mittwoch, 241218

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Irgendwas mit Pferden

Im Songtitel sollte „Horse“ vorkommen, so las ich eben. Wenn ich an Musik und Pferde denke, fallen mir als erstes The Four Horseman von Aphrodite`s Child ein. Released 1972, weit vor den Anfängen meines damals 10-jährigen musikalischen Interesses, das sich auf die Anfänge des Glamrock beschränkte. Nein die vier Reiter kamen knapp 10 Jahre später, so mit 19 oder 20 zu mir. Genauer gesagt nur einer der Vier, der auf dem weißen Pferd (nicht umsonst der Erstgenannte in der Bibel, der für Kriegsausbruch steht). The white Horse, so nannte sich ein damaliger Coffee-Shop mitten in Eindhoven, Anfang der 80er regelmäßiges Ziel planloser Wochenendausflüge.

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Raus aus dem westdeutschen Muff, rein ins gelobte flache Land mit den großen Fenstern und dem für mich unfassbaren Umgang mit Haschisch & Co. Damals war ich weit davon entfernt, mir vorstellen zu können, dass mich keine 20 Jahre später eben jener Lebensstil an der Rand einer handfesten Psychose bringen sollte. Wenn ich der Erinnerung nachspüre, dann ist da gerüttelte Gedankenlosigkeit – ich tat dafür ja auch mein Bestes. Gepaart mit einer gewissen Leichtigkeit, den den jungen Jahren geschuldet war. So ein Lebensgefühl in dieser Art habe ich später oft vergebens gesucht, erst in den letzten Jahren beim Streunen durch fremde Städte kam ein Hauch davon zurück.

🦧

Der Kerl hinter dem Tresen säbelt mit einem riesigen Messer den bestellten Dope von einem Klotz Haschisch ab, wir staunen und sofort regt sich gewissenhafte Bautätigkeit. Alkohol lassen wir außen vor, der Cafe ist lecker und irgendwie wollen wir noch heim in der Nacht. Aber das kommt später, erst einmal ist Zeit für das große Abschalten im Oberstübchen. In der Kneipe steht ein Kicker, ein Schwarzer grinst mich an, so breit wie ich selbst. Was folgt, ist ein Lehrstück von Selbstvergessenheit und Hingabe an den Augenblick.

Gelingt mir heute in der Meditation sowie mit Kindern und Katzen, manchmal auch in der Natur. Ohne Stimulanzien. Aber damals ging es nicht anders als eben mit. Dem weißen Reiter folgen mit den Jahren meine ganz persönlichen weiteren drei, der letzte drehte kurz vor mir ab. Fürs erste davongekommen, so war das.

Montag, 240729

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Gutes Wetter und noch ein paar Stunden Sonntag, also fahren wir Bus, irgendwohin. Der Remscheider steht am Hauptbahnhof, wir steigen kurzentschlossen ein. Während ich den Linienverlauf im Kopf Revue passieren lasse, fällt mir eine Fahrradtrasse ein, die ich noch nicht kenne, die so genannte Werkzeugtrasse zu Remscheid. Die beginnt in RS-Hasten und schlängelt sich durch Honsberg und Kremenholl vorbei an alten Fabriken über ca. 5 Km hin zum Remscheider Hauptbahnhof. Der Bus tangiert Hasten und so steigen wir dort aus und laufen.

Die kleine Runde erinnert mich an meine beruflichen Wurzeln in den 80ern. Heute liegt unglaublich viel brach, anderes ist neu genutzt und wenig produziert noch wie eh und je. Damals hatte gerade in RS-Hasten gefühlt jedes zweite Haus irgendwo im Hinterhof eine Mini-Werkstelle, kaum größer als eine Garage. Die Berufsgenossenschaft hatte noch nicht die zerstörerische Macht von heute und unglaublich viele meiner Gilde werkelten in solchen Hinterhofbuden, so wie ich ab Mitte der 80er ebenso, für ca 8 Jahre.

Feilenhauer

Du siehst aus wie n alter bergischer Feilenhauer, meinte mein Kumpel damals mal. Ich bin eine alter bergischer Feilenhauer, gab ich schief grinsend zurück. War ich natürlich nicht, hätte ich aber können sein. Mein Äußeres ging ein wenig in die Richtung. Eine alte schwarze Dreiviertellederjacke mit aufgesetzten Taschen, schwarze Lederschiebermütze und eine bis ins Rabenschwarze selbsttönende kreisrunde Nickelbrille vom Trödelmarkt. Abgerundet wurde das Ganze von Flickenjeans und Wildlederfransenboots, die Marke Eigenbau mit irgendwelchen Schnüren an den Füßen gehalten wurden. Gibt keine Bilder aus jener Zeit (was vermutlich auch gut so ist). Remscheid war damals so etwas wie Zuhause.

Ich kam aus dem gefühlten Nichts, feierte meine ersten bescheidenen beruflichen Erfolge und identifizierte mich mit dieser geschichtsträchtigen Gegend. Reste davon sind in mir tatsächlich bis heute erhalten, das wurde mir gestern noch mal bewusst.

Die Bilder sprechen für sich.

Samstag, 240217

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Damit nicht vergessen wird, was Kriege und Größenwahn mit Kindern und Heranwachsenden anrichten. Aber auch, weil es für mich einem Wunder gleichkommt, dass dieser Mensch sich heute in seinem 89sten Lebensjahr befindet.

Einmal hatte ich so eine Unterleibsgeschichte, mit 16 oder so. Der Arzt verschrieb mir Zäpfchen zum einführen. Die konnte ich nicht nehmen, weil in dem winzigen Zimmer kein Platz für mich allein war, neben den 4 anderen Bewohnern. Bin zurück zum Arzt und habe ihm das erzählt, hatte Glück, der verstand mich und wies mich für eine Woche in ein Krankenhaus ein.

1951, Zeitzeugin, Jg. 1935

Nein, aus Liebe habe ich ihn nicht geheiratet. Ich wollte da heraus, in ein eigenes Leben. Der hatte, nachdem seine Mutter fort war, zwei Zimmer in einer zerbombten Baracke, durch die der Wind blies. Eines davon drohte ihm das Amt wegzunehmen. Als wir endlich heiraten und ich zu ihm ziehen durfte, konnten wir die beiden Zimmer behalten.

1954, Zeitzeugin, Jg. 1935

Mit 15 hatte ich mein erstes Zwölffingerdarmgeschwür. Kein Wunder, bei dem Essen und dem drumherum. Erst gab es, wenn überhaupt, Kohl, Sauerkraut und Brennnesseln, ohne alles. Faule Kartoffeln und schimmeliges Brot. Später dann alles fett, keiner hatte gesund kochen gelernt. Ich sah aus wie aus dem KZ, so Ärmchen. Ständig am kotzen, konnte nix bei mir behalten.

1952, Zeitzeugin, Jg. 1935

Jeden Morgen nach dem wachwerden freue ich mich auf den kommenden Tag

2024, Zeitzeugin, Jg. 1935

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Mittwoch, 231101

Nun ist also November. Vater hat frisch bestromtes Licht auf seinem Grab und ich sinniere öfter, als vielleicht manchmal gut tut, über unsere Endlichkeit. Irgendwie war das schon immer so, nur liegt es mir heute nicht mehr wie Blei auf meiner Seele. Wäre übertrieben zu sagen, ich hätte Freundschaft geschlossen mit den uralten Prinzipien Binden und Lösen, aber man kommt sich mit den Jahren näher.

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Wo das Wort gerade fiel, es beschäftigt mich derzeit auch andernorts.
Prinzipien über Personen (aus der 12ten Tradition der anonymen Alkoholiker)

Klingt irgendwie distanziert, etwas abgehoben, hört sich nach Prinzipienreiterei an – könnte man meinen. Die, die uns vorangegangen sind, haben das allerdings anders gemeint. Sie wussten nur zu gut um die Gefahren, die bei aller Sympathie und Anziehung daraus entstehen können, wenn ein suchtkranker Mensch sein Wohlbefinden, seine tägliche abstinente Basis an anderen Menschen festmacht. Ich habe es in den Gruppen selbst erlebt, dass vereinzelt wieder getrunken wurde, als ein auch von mir hochverehrter alter Mann starb. Wobei der Tod die stärkste Form des Abwendens darstellt, so drastisch muss es nicht gleich sein. Menschen können sich abwenden, dafür gibt es unendlich viele Gründe. Und dann? Daran dachten die Freunde, die vor Jahrzehnten diese Zeilen verfassten. Um in der neuen Zeit zu bleiben – Podcasts können von jetzt auf gleich abgeschaltet werden, Stars am Himmel der Szene können bessere Geschäftsmodelle finden oder das Leben manch Hochverehrter offenbart plötzlich ungeahnte Abgründe, die dem bisherigen Bild widersprechen. Sich an Prinzipien zu orientieren bietet hier ein wenig Halt – Orientierung eben, die zugewandtes und liebevolles Miteinander mit einschließt.

Eine kleine, schon lange zurückliegende Episode

Mitte 2000 war es, ich war ein paar Monate trocken, frisch aus Gründen in eine Nachbarstadt migriert. 14tägiger Teilzeitvater im Dauerclinch mit der Mutter und hatte eines Tages straßenwandernd meinen damals noch vierjährigen Sohn an der Hand, der recht unvermittelt zu mir sagte, ich könne froh sein, dass er überhaupt noch käme – Worte, die natürlich nicht die seinen waren.

Ein Stich in ´s Herz folgte, zeitgleich mit der Warnung meiner neuen Freunde. Mach dein Befinden nie ganz und gar an andere Menschen fest, die können sich abwenden – so oft schon hörte man, wenn jemand für die Frau, den Mann, die Kinder trocken wurde, laut eigener Bekundung. Und so bückte ich mich mit flatternden Herzen auf Augenhöhe zu meinem Sohn herab und sagte ihm folgenden Satz, sinngemäß: Ich freue mich doll, wenn du hier bei mir bist, aber ich kann meine Tage hervorragend ohne dich verbringen – ich hab dich sehr lieb, vergiss das nie. Niemals mehr mussten wir solche Gespräche führen und ich bin heute noch dankbar für die geteilten Weisheiten der Alten, die sich als erstaunlich zeitlos erwiesen haben.

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Etüdengeschichtchen

Mir ist gerade fad, drum schreibe ich mal mit. Dieser Eintrag ist Teil der so genannten abc-etüden, die Schreibeinladung mit Regelwerk und so steht nebenan bei der Christiane. Maximal 300 Wörter dürfen es sein, die ich frech ausreize, und drin sein sollen Lehrer – grob – hauchen. Nun denn.

Kaffeeduft und Kuchenkrümel

Viel los ist nicht, in dem Café. Stadtrand, schon beinahe im Wald – nach einem fast dreistündigen Spaziergang freue ich mich auf Kaffee und Kuchen. Still ist es, und so höre ich unfreiwillig selbst das leise Gespräch der beiden Frauen vom Nachbartisch. Offensichtlich arbeitet die eine in der nahegelegenen Grundschule, die andere dito als Lehrerin an unbekannter Wirkstätte. Die Luft flirrt vor leiser Erregung, Kuchenkrümel üben sich in Flugkünste. Diese Schüler ließen verzweifeln, höre ich. Das große Gejammer über den Geist der Zeit, über die Eltern, die Erziehungsaufgaben an die Schulen delegieren und zugleich maßlos aufträten. Empörtes Geflüster, dennoch für mich verständlich, gekrönt von dieser beinahe gehauchter Feststellung, ja, dort, in jener Schule mit diesem Ausländeranteil, da wolle man schon gar nicht arbeiten.

Mir ist wieder warm, gut taten Kaffee und Kuchen. Zahlen, sage ich und gehe, nicht ohne den beiden Grazien noch freundlich einen guten Tag zu wünschen. Draußen rumort es nicht nur im Bauch, auch die dunkle Wolke ist nicht zu übersehen, die ob des Gehörten meinen Geist überschattet. Geht doch was anderes machen, denkt es grob in mir, und wenn schon irgendwas mit Menschen, dann vielleicht auf dem Friedhof – dankbar schweigende Klientel ist gesichert.

1000 Schritte weiter ist die Luft wieder klarer. Sicher haben sie es nicht leicht und mal muss auch ordentlich vom Leder gezogen werden. Es bleibt diese Empörung über das große Abschreiben von Kindern. Aus dem wird nix, hieß es auch über mich einst, nicht dumm, aber stinkend faul, Muttertränen inbegriffen. In der Summe 17 Schuljahre lassen grüßen, Regel-, Beruf- und Abendschule, gekrönt von einer temporären Schwiegermutter, die ebenso lehrend tätig war. Lange her, das, aber so ein krümelsprühendes Geschwätz piekt doch wenn auch nur kurz an. Besser machen möchte ich es, fort vom werten und urteilen, dem ich auch ohne akademische Laufbahn gerne unterliege.

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