Wienerwald

Erstveröffentlichung vor ziemlich genau 12 Jahren, damals auf dem Wassertiger (wer sich noch erinnert). Eine Geschichte, heute all jenen gewidmet, die auch noch etwas mit alten Märchen anfangen können. Die erwähnte Nordstadt ist unweit von hier, schon als Kind faszinierten mich die beseelten alten Häuser. Und weil ich öfter bei der Springerin feine Bilder aus dem realen Wienerwald schaue, fällt mir der alte Kram wieder ein.

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Es gibt Bilder und Eindrücke aus der frühen Kindheit, die vergisst man nicht. Ein Besuch bei meinen Eltern neulich hat solch eine kleine Episode kurz wieder aufleben lassen. So genau weiß ich es nicht mehr, aber es muss so um 1966 herum gewesen sein, jedenfalls weit vor meiner Schulzeit. Damals fuhren noch doppelstöckige Busse von den Südhöhen nach Elberfeld hinunter und ich liebte es, mit meiner Mutter oben zu sitzen, wo es auf den alten Kopfsteinpaster-Serpentinen talwärts besonders schön schaukelte. Wir waren auf dem Weg zu der besten Freundin meiner Mutter, die damals mit Mann und Kindern in der Nordstadt wohnte.

Meine Mutter und ihre beste Freundin verband die gemeinsame Jugend ebenso wie die Neigung, das Leben so zu nehmen, wie es sich gerade darbot, bestrebt, das Beste daraus zu machen. Ein starkes Bindeglied war auch der gemeinsame hintergründige Humor, der vieles leichter ertragen lässt. Humor tat auch not, damals, gerade die Freundin brauchte ihn dringend. Ihr Mann war ein sehr spezieller. Fernfahrer, trinkfest, guten (nicht zwingend legalen) Geschäften nie abgeneigt und mit einem Hang zu extremen Gefühlsausbrüchen.

Besagter Mann lag also damals auf dem Sofa, wie wir die Wohnung betraten. Geschwächt von einer langen Tour oder einem herben Kater, ich weiß es nicht, jedenfalls hungrig, denn er forderte lautstark ein Grillhähnchen, eben vom Wienerwald (einer hier längst untergegangenen Imbisskette), ein paar Straßen weiter. So ging es also umgehend wieder zurück auf die Straße, gemeinsam mit der Freundin. Dann, ich weiß es nicht sicher – wollte die Freundin vielleicht 50 Pfennig sparen oder war den beiden schlicht der Weg zu lang, wie auch immer, jedenfalls kehrte man in einem näher gelegenen Imbiss ein, orderte dort ein Hähnchen, verbunden mit der Hoffung, das der Alte den Unterschied schon nicht merken würde.

Eine fatale Fehleinschätzung, wie sich kurze Zeit später herausstellte. Kaum war der Flieger ausgepackt, leckerer Grill-Geruch zog durch die Wohnung, da ging das Geschrei auch schon los. Wortwörtlich kann ich das natürlich nicht mehr rezitieren, wäre wohl auch nicht unbedingt jugendfrei, aber laut war der Auftritt, das weiß ich noch. Ein Wort gab jedenfalls das andere, kurz wurde weit ausgeholt und mit einem satten KLATSCH landete das Tier an der gegenüberliegenden Wand der Werfers, direkt neben meinem Kopf.

Mein gesamtes Weltbild muss in dem Augenblick durcheinander geraten sein. Gebratene Hähnchen, die fliegen können. Das war ja wie in dem Märchen, wie hieß es noch gleich. Unfassbar sozusagen, für einen vielleicht Vierjährigen wie mich damals. Was meinerseits jedenfalls einen totalen Lachanfall auslöste, der auch noch lange draußen auf der Straße anhielt, die wir dann fluchtartig aufsuchten. Meiner Mutter nebst Freundin war wohl eher nicht zum Lachen zumute, damals.

Nun, die Geschichte ging wohl noch vergleichsweise gut aus. Die Ehe der beiden hat verständlicherweise nicht all zu lange gehalten, der Protagonist der Tragikomödie von damals ist heute ein friedlicher, alter Mann und meine Mutter war noch lange dicke mit ihrer mittlerweile verstorbenen Jugendfreundin. Und ich: Muss heute noch manchmal beim Anblick eines Grillhähnchen an den unbeschreiblichen Auftritt damals denken, was mir mindestens ein kleines Lächeln in`s Gesicht zaubert. Auch, wenn sich die Hoffnung auf das Land, in dem fein gebratenes Geflügel in offene Münder fliegt, nicht erfüllt hat.

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Sonntag, 251102

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Emma & Emil

Burg auf  Fehmarn hat eine Menge Bäckereien und Cafés. In einer saß ich gestern friedlich vor mich hin sinnierend. Die Liebste ist sonstwo, Sachen einkaufen. Die Tür geht auf und da sind sie wieder, lassen sich prompt am Nachbartisch nieder. Zwei nicht mehr ganz so junge Frauen. Eine der beiden ist mir schon im Geschäft nebenan auf die Nerven gegangen, mit ihren beiden blödsinnig nebeneinander gekoppelten Kinderwagen, die gemeinsam Ausmaße eines Kleinwagens haben und sämtlichen Durchgang versperren. Damit schranzt sie draußen schon durch die Gegend, als gehöre ihr die Stadt, und auch mein Rucksack verfängt sich kurz in der Karre.

Kann man denken, na ja, hat es nicht leicht. So Ansätze von Mitgefühl habe ich durchaus, wäre da nicht der Rest der Person. Schmal, ein grundunzufriedener Mund und eine Stimme, mannomann. Laut, durchdringend, sie benutzt reichlich Anglizismen, offensichtlich Lehrerin, wie sich aus ihren schrillen Monologen in Richtung Freundin ergibt.

Emma läuft schon, Emil kann noch nicht flüchten, ist seiner Mama auf dem Arm ausgesetzt und schaut ansonsten freundlich in meine Richtung, der ich freundlich zurück schaue und ihn übergriffig anzwinkere. Bestimmt wird der Junge schwul, denke ich. Und Emma ein Punk, mindestens.

Ich. Kann. So. Weiber. Nicht. Ab.

Sie erinnert mich an einige Lehrerinnen meiner insgesamt 17 Schuljahre (nein, ich bin nicht so oft sitzen geblieben…). Zwei davon verdarben mir jede Lust am lernen. Schnee von vorgestern, immerhin ist aus mir sonstwas geworden, entgegen mancher Erwartung.

Aber diese Stimme. Kitzelt, wenn auch nur kurz.

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Halloween verbringen wir im örtlichen Plüschkino. Die Rocky Horror Picture Show in Originalfassung  und so sah die Bude anschließend auch aus. Musste mir den Reis noch Stunden später sonstwo heraus pulen. Tim Curry hätte übrigens mit der Lehrerin viel Spaß gehabt, und ja, ich hör ja schon auf 😎.

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Darüber hinaus genießen wir die Gegend, die Zeit ist eh kurz genug.

Mit der Holsteiner Treppe gönne ich mir wieder eine Pause, bevor es mit dem vorletzten Absatz zum Thema Einsicht weiter geht.

Montag, 230213

Muttertags-Samstag, Nachlese vom Besuch in meinem Heimatdorf. Eigentlich isses gar kein Dorf, schon lange nicht mehr. Geblieben sind die engen Sträßchen, die mir als Kind so gewaltig vorkamen sowie seltsame Familienverhältnisse, die sich in den zwei dominierenden Familiennamen wiederspiegeln. Vom Gründer des Dorfes mal ganz zu schweigen, eure selbsternannte Heiligkeit Elias Eller. Der floh einst aus dem sündigen Elberfeld, um es auf den Südhöhen dann so richtig zu treiben und nebenbei die Sekte der Zioniten zu gründen. Der mündlichen Überlieferung zufolge gab es keine Eheschließung ohne seinen Segen, dem eine praktische Tauglichkeitsprüfung der Braut vorausging. Was selbst seinem alten Kumpel Daniel irgendwann zu bunt wurde, der daraufhin nach Arnheim floh.Zwar blieb man dem in seinem Dorf gewogen, aber die Macht der Coffee-Shops war einfach stärker und der gute Daniel irgendwann verschollen, vermutlich im dichten Rauch einer gewaltigen Tüte das Weite suchend.

Tja. So Sachen gehen mir durch den Kopf, wenn ich zuvorkommend fluchend mit meinem kleinen Auto die engen Gassen erkämpfe. So richtig authentisch wird das mit der passenden Musik. So lief letzten Samstag „Cowboys“ von Portishead. Dieses Lied passt so sehr in das Dorf, die Stimme der Sängerin lässt vor meinem geistigen Auge binnen Sekundenbruchteilen hinter jeder Hecke, hinter jedem Gemäuer fiese kleine, leise flüsternde Geister und Kobolde vermuten, mit spitzen Zähnen und boshaften Augen.

Bete, arbeite, fall nicht auf, machs jeden recht und halt ansonsten deine Fresse…

Did you feed us tales of deceit?
Conceal the tongues who need to speak?
Subtle lies and a soiled coin
The truth is sold, the deal is done

Freitag, 220408

Der vorläufig letzte Werktag, die Freuden der Pflicht machen zumindest hier ein wenig Pause. Auch ich möchte ab nun meine Augen schonen, Nachrichten nur noch auditiv vernehmen. Bilder habe ich auch so mehr als genug. Wer wie ich schon als Dreijähriger jede zweite Nacht von Feuer geträumt hat, wird das verstehen. Exakt jede zweite Nacht, eine Nacht durchschlafen, eine Nacht Alpträume, mit Horror aller Art, vorzugsweise Feuer. Ich hatte das Gefühl, meine Eltern die Bilder. Die kamen später dann zu mir. Meine Therapie bestand zunächst aus 22 Jahren Suchtgeschichte in verschiedenen Ausprägungen, natürlich am Ende erfolglos. Das ist alles lange her und doch noch nah.

Von wegen Feuer – Lesestoff, ohne Paywall:
Allgemeinwissen
Vom Gleichgewicht
Schmerzen
Was wäre wenn

Und nein, niemand muss aus Höflichkeit „Gefällt mir“ drücken.

Zeitsprung

Die freien Tage neigen sich allmählich dem Ende zu. Heute früh nutze ich die Gunst der Stunde und bin mit meinem Vater, dem es heute so einigermaßen geht, los, Rollator in`s Auto und in Richtung Wuppertaler Osten. Ziel ist der Beyenburger Stausee,  mit seinen flachen Wegen am Ufer. Auf dem Weg dorthin machen wir einen kleinen Abstecher in die Berge, hin zu seinem alten Garten, den er vor 11 Jahren aufgegeben hat. Der liegt am Rande einer Hofschaft, so nennt man hier eine Ansiedlung von mindestens zwei Bauernhöfen. Das Stück Weide war gemietet und mein Vater war damals froh, alles so stehen lassen zu können, wie es war, als Unterstand für Maschinen und Werkzeug war die Hütte, in der zuvor 40 Jahre lang seine Wohnwagen standen, noch gut zu gebrauchen. Meine Erleichterung damals war auch groß. Mein Vater hat die Hütte selbst gebaut, mit allem, was er günstig auftreiben konnte und so wusste ich, dass es so gut wie keine zwei gleichen Schrauben dort gibt, was eine halbwegs geordnete Demontage zu einer echten Herausforderung gemacht hätte. Blieb uns erspart…

Selbst bin ich viele Jahre nicht mehr dort gewesen, hätte nicht gedacht, das dort noch irgend etwas steht. Als mein Vater sich dort einquartierte, war ich gerade 7 Jahre jung, und so kam es, dass ich nicht nur in der Stadt, sondern zu einem guten Teil auch auf dem Land aufwuchs, derweil meine Eltern jede freie Zeit nutzten, um dort zu sein, Besuch zu empfangen, zu grillen, trinken, feste Feste zu feiern. Ein auch für mich sehr Erinnerungs-geschwängerter Ort also. Der Verfall ist heute offensichtlich, trocken sei es drinnen meist immer noch, wie uns der jetzige Hofbetreiber, einer der Söhne des Altbauern, mit dem ich damals Teile meiner Zeit verbracht habe, versicherte. Hat jemand gebaut, der da Ahnung von hatte, meint er Augen zwinkend.

Wir halten uns nicht lange auf, nach einem kurzen Schwatz machen wir uns auf dem Weg zum Stausee, solange mein Vater noch ein paar fitte Stunden hat. Dort gehen wir eine kleine Runde, um dann in einem Lokal in den angrenzenden Bergen Mittag zu machen. Hier setzt sich die surreale Stimmung fort, es ist 12 Uhr, wir sind die einzigen Gäste in dem totenstillen, leicht nach kalten Essen riechenden 60er-Jahre-Ambiente. Noch eine sterbende Welt, denke ich, als die alte Wirtin kommt. Sie kennen sich, Vater und sie, vom campen und vom unzähligen einkehren dort. Mir fröstelt, in dem Lokal ist es frisch, das ist es aber nicht allein. Sie erzählt vom Mann, der ein Stockwerk höher liegt, dem es noch weniger gut geht als meinem Vater. Während sie die Bestellung weiter gibt, sitzen wir schweigend dort und lassen die Lokalität auf uns wirken. Das Essen ist in Ordnung, langsam kommen noch ein paar Gäste. Großeltern mit Enkelkinder offensichtlich, was mir gut bekommt, nach dem geballten Verfall. Gehört beides zusammen, denke ich.

Und so fahre ich den Alten wieder heim, spüre dem Erlebten nach. Könnte ein Buch schreiben über diesen Ort, mit der Hütte. Was ich nicht tun werde, wer will`s wissen, eine Kindheit hatte schließlich jeder mal. Wie auch immer…

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