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In die Welt hinaus.
Letzten Samstag klingelte der Wecker trotz Ferien um kurz nach fünf. Die Nacht war kurz und wenig erholsam gewesen, weil wir abends noch lange zusammengesessen und dann vor Aufregung alle nicht so richtig gut geschlafen hatten. Um sechs sassen wir im Auto, um das Fräulein Maus nach Helsinki zum Flughafen zu begleiten.

Sie flog nach Zypern, wo sie die nächsten sieben Monate im Rahmen eines EU-Freiwilligenprojektes in einem Kindergarten arbeiten wird.
Als wir uns genügend geherzt und umarmt und zugewinkt hatten und sie hinter der Sicherheitskontrolle verschwunden war, fuhren wir – und ihr Anorak und ihre Mütze und ihre Handschuhe – weiter nach Tallinn, denn wenn man sowieso schon einmal in Helsinki ist, muss man das ja schliesslich nutzen, und ausserdem hatte ich geahnt, dass es sich ein paar Tage später nicht mehr ganz so komisch anfühlen würde, ohne das Fräulein Maus wieder zu Hause anzukommen.
Am Hafen sammelten wir den grossen Herrn Maus und seine Freundin ein, die mit dem Zug nachgekommen waren, weil wir ja kein Auto mit sieben Sitzen mehr haben. Das Flugzeug des Fräulein Maus‘ hob ab Richtung Kopenhagen.
Auf der diesmal nur mässig belegten Fähre stand eine 527 – ein Porsche! – hinter uns. (Das passte irgendwie gut, denn eine 527 hatte ich schon in den Herbstferien in Estland gesehen, aber da fehlte mir ja noch die 526.)
Wir kamen in Tallinn an, und das Fräulein Maus bestieg in Kopenhagen ein Flugzeug nach Larnaca. Wir gingen für Abendbrot und Frühstück einkaufen, und das Fräulein Maus sass auf dem Kopenhagener Flughafen im Flugzeug. Wir sondierten mit dem kleinen Herrn Maus das Winterschuhangebot in Tallinns grösstem Einkaufszentrum, und das Fräulein Maus sass auf dem Kopenhagener Flughafen im Flugzeug. Wir fuhren zu unserer Ferienwohnung, hielten ein Schwätzchen mit unserer Lieblingsferienwohnungsvermieterin, schleppten unsere Taschen und Beutel in den ersten Stock und verstauten die Lebensmitteleinkäufe, und das Fräulein Maus sass immer noch auf dem Kopenhagener Flughafen im Flugzeug. Es schneite wie verrückt, und sie kamen mit dem Enteisen nicht hinterher. (Man sollte eigentlich meinen, dass so ein nordischer Flughafen besser vorbereitet ist, aber was weiss ich schon.)
Nachdem das arme Fräulein Maus fast drei Stunden im Flugzeug am Boden verbracht hatte, ging es endlich los.

Dreieinhalb Stunden später landete sie in Larnaca. Kurz vor Mitternacht war sie endlich in Nikosia. Wir alle sanken todmüde in die Betten.
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Wintermärchen.
So viel Schnee haben wir in Tallinn noch nie erlebt. Es war ganz und gar märchenhaft.










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Holzhausliebe.
Am Montag war es klirrend kalt. Dafür schien die Sonne, und es war noch schöner als am Tag zuvor. Über knirschenden Schnee liefen wir nach Kalamaja, dem Tallinner Stadtviertel mit den Holzhäusern.









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Sozialistischer Grössenwahn.
Von Kalamaja liefen wir weiter Richtung Hafen und stiegen mal wieder hinauf auf die vor sich hin gammelnde Linnahall.


Ich habe mich jahrelang gefragt, was für Allmachtsphantasien mit diesem Inkatempel aus Beton ausgedrückt werden sollten, aber seit ich weiss, dass die Architekt*innen alles getan haben, um die Halle so bombastisch wie gewünscht zu entwerfen, aber gleichzeitig zu verhindern, dass mit ihr der Blick vom Meer auf die Tallinner Altstadt verstellt wird, bin ich dem Bauwerk gegenüber gnädiger eingestellt.




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Hafenwanderung.
Tallinn hat nicht nur eine sehr schön gestaltete Hafenpromenade zur Stadt hin. Seit ein paar Jahren – aber wir waren noch nie da – kann man auf einem eigens dafür errichteten, knapp einen Kilometer langen Weg mit Bänken und sogar einem Spielplatz zwischen Hafenbecken und Kreuzfahrtschiffanlegeplätzen über die Hafenmole sapzieren. Sehr toll.
(Da müssen wir im Sommer nochmal hin, wenn man sich mit einem Buch auf eine der Bänke setzen und warten kann, bis das nächste grosse Schiff zum Greifen nah vorbeigefahren kommt.)





Dann verschwand die Sonne hinter der Silhouette der Altstadt, wir lenkten unsere Schritte zurück nach Kalamaja, um in einem ukrainischen Restaurant ein spätes Mittagessen einzunehmen, und als wir danach wieder in der Ferienwohnung angekommen waren, zeigte der Schrittzähler 15 km an.
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Weltlage.
Der Tallinner Freiheitsplatz.

Ich gehöre nicht zu den tatsächlich ziemlich zahlreichen unserer Landsleute, die sich schon seit 2022 nicht mehr ins Baltikum trauen. Aber. Ja. Seufz. Bitte lass es nicht das letzte Mal gewesen sein, denke ich seitdem immer.
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Verbotener Wintersport.
Die Estland-Einkaufsliste war lang wie immer. (Diesmal stand auch „2 oder 3 kleine Wäschekörbe“ drauf. Man kann es sich nicht ausdenken.) Wir verbrachten deshalb wie immer einige Zeit in Supermärkten und Einkaufszentren.
Auf den Parkplätzen rissen wir uns weisungsgemäss zusammen.

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Begeistertes Quietschen.
Überhaupt. Niedlichste Sprache der Welt.

(Wenn man Finnisch und Deutsch kann, jedenfalls.)
Der grosse Herr Maus und seine Freundin gingen an einem Abend ins Kino. Ein Hoch auf Länder, in denen Filme grundsätzlich in der Originalsprache gezeigt werden! Statt mit finnischen und schwedischen Untertiteln lief der Film mit estnischen und russischen. Ich hätte gar nicht gewusst, wo ich hingucken soll.
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Erschwerte Bedingungen.
Die letzten 150 Kilometer am Dienstagabend hatten zwar an dem Tag schon mehrere kräftige Schneeschauer gesehen, aber noch keinen Schneepflug.

Zum Glück ist auf finnischen Autobahnen nicht viel los, und alle beherrschen ihr Fahrzeug auch unter solchen Bedingungen einigermassen. Mit maximal 80 km/h rollten wir akkuschonend nach Hause und waren trotzdem noch vor Mitternacht zu Hause.
Anstrengend waren nur die 70 km, die wir hinter einem LKW festhingen, weil die linke Spur quasi unbenutzbar war, und während denen wir ununterbrochen durch von ihm aufgewirbelten Schnee fahren mussten. Erst in den Tunneln kurz vor Muurla ergab sich eine Gelegenheit zum Überholen.
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Ferienende.
Am Mittwoch fing die Schule wieder an. Das Aufstehen war hart. Aber immerhin im obersten Kühlschrankfach sah es noch wie Urlaub aus.

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Familiendynamik.
Der kleine Herr Maus vermisst von uns allen das Fräulein Maus am meisten.
Gleich am Sonntag führte er ein Videotelefonat mit ihr. Er hat ein paar Tage getrauert, getrotzt und gewütet, und jetzt ist er so anhänglich wie das letzte Mal vor schätzungsweise fünf Jahren.
Warum eigentlich redet alle Welt immer davon, wie schwierig es für die Geschwister ist, wenn ein neues Baby in die Familie kommt, aber nie jemand davon, was es für die Geschwister bedeutet, wenn eins von ihnen auszieht?!
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