Der Islam übte auf viele jüdische Wissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts eine grosse Faszination aus. In ihrem bemerkenswerten Buch «Jüdischer Islam» (Matthes & Seitz, 2018) fragt die Religionswissenschaftlerin Susanna Heschel, inwiefern es einen spezifisch deutsch-jüdischen Orientalismus gibt, und schildert Gelehrtenbiografien, die schillernder nicht sein könnten. So reiste etwa der 1850 in Ungarn geborene Ignaz Goldziher nach seiner Promotion in Leipzig mehrere Monate durch den Nahen Osten und besuchte Beirut, Damaskus, Palästina und Kairo. In sein Tagebuch schrieb er, dass es sein Ideal sei, «das Judenthum zu ähnlich rationaler Stufe [wie den Islam] zu erheben».
Das Jüdische Museum in Hohenems beschäftigt sich in einer Sonderausstellung mit jüdischen Orientreisenden, die «auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden» waren, wie es im Untertitel der von Dinah Ehrenfreund und Felicitas Heimann-Jelinek kuratierten Schau heisst. Erneut gelingt es dem Museum, verfestigte Meinungen aufzubrechen, auch weil der scheidende Direktor Hanno Loewy ein Meister des kritischen Denkens ist. In unzähligen Ausstellungen und Texten hat er bewiesen, dass das Verständnis von jüdischer Kultur und Tradition einem ständigen Wandel unterworfen ist. Seine Neugierde und seine Gabe, erstaunliche Zusammenhängen herzustellen, machen seine Ausführungen zu einem geistigen Genuss.
Der Komponist Yehoshua Lakner ist heute beinahe vergessen, doch Ende der 60er-Jahre war in der Zürcher Presse viel Lobendes über seine Bühnenmusik für das Theater an der Winkelwiese und das Schauspielhaus zu lesen. 1969 erhielt er zudem vom Zürcher Stadtrateinen Preis in Form eines Kompositionsauftrags, was angesichts seiner Vorliebe für «auf dem Tonband komponierte Musik» als fortschrittlicher Entscheid gewertet werden muss. Es gab immer wieder Bestrebungen, dem Werk des 2003 verstorbenen Komponisten ein Forum zu bieten. So wurde ihm 2015 im Zürcher Walcheturm ein abendfüllendes Programm gewidmet, in dessen Mittelpunkt das Werk Segante (1999) für zwei Computer, zwei Bildschirme, Sprecherin und Sprecher stand. Die Einleitung übernahm damals der Musiker Alfred Zimmerlin. Zehn Jahre nach diesem eindrücklichen Anlass wird er erneut das Schaffen des 1924 in Bratislava geborenen Yehoshua Lakner vorstellen. Dieses Mal gemeinsam mit Bruno Spoerri, der bei verschiedenen Gelegenheiten mit Lakner zusammenarbeitete. Neben Filmausschnitten der Aufführung von Segante gibt es ein Live-Konzert mit Bruno Spoerri, der wie Lakner mit seiner frühen Leidenschaft für elektronischeMusik die Schweizer Musiklandschaft bereichert hat.
Ungehorsam ist das Gebot der Stunde. In diesem Sinne trifft das KunstmuseumSt.Gallen mit «Jacqueline de Jong. Disobedience», der ersten Retrospektive der Künstlerin in der Schweiz, einen Nerv der Zeit. Die von Melanie Bühler kenntnisreich eingerichtete Ausstellung zeigt eine Künstlerin, die als Autodidaktin genauso beharrlich wie intuitiv ein eindrückliches und vielseitiges Werk erschaffen hat.
Kurz nach ihrer Geburt 1939 im niederländischen Hengelo musste die jüdische Familie de Jong untertauchen. Nur dank der Hilfe der französischen Résistance gelang Mutter und Tochter die Flucht in die Schweiz. Die Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges scheinen Jacqueline de Jongs Liebe zu Frankreich geweckt sowie ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg geprägt zuhaben. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, doch kam sie über ihre Arbeit für den einflussreichen Direktor des Amsterdamer Stedelijk Museums, Willem Sandberg,in Kontakt mit wichtigen Figuren der Avantgarde-Bewegungen der 60er Jahre. Mit dem CoBrA-Mitglied Asger Jorn lebte sie in einer fruchtbaren Künstlerbeziehung und wandte sich neben der Malerei auch dem Mittel der Collage zu. Als Mitglied der Situationistischen Internationalen brachte sie von 1962 bis 1967 die mehrsprachige Zeitschrift «Situationist Times» heraus und experimentierte dabei mit ungewöhnlicherTypographie und Buchgestaltung.
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Der Islam übte auf viele jüdische Wissenschaftler des 19. und 20. Jahrhunderts eine grosse Faszination aus. In ihrem bemerkenswerten Buch «Jüdischer Islam» (Matthes & Seitz, 2018) fragt die Religionswissenschaftlerin Susanna Heschel, inwiefern es einen spezifisch deutsch-jüdischen Orientalismus gibt, und schildert Gelehrtenbiografien, die schillernder nicht sein könnten. So reiste etwa der 1850 in Ungarn geborene Ignaz Goldziher nach seiner Promotion in Leipzig mehrere Monate durch den Nahen Osten und besuchte Beirut, Damaskus, Palästina und Kairo. In sein Tagebuch schrieb er, dass es sein Ideal sei, «das Judenthum zu ähnlich rationaler Stufe [wie den Islam] zu erheben».
Das Jüdische Museum in Hohenems beschäftigt sich in einer Sonderausstellung mit jüdischen Orientreisenden, die «auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden» waren, wie es im Untertitel der von Dinah Ehrenfreund und Felicitas Heimann-Jelinek kuratierten Schau heisst. Erneut gelingt es dem Museum, verfestigte Meinungen aufzubrechen, auch weil der scheidende Direktor Hanno Loewy ein Meister des kritischen Denkens ist. In unzähligen Ausstellungen und Texten hat er bewiesen, dass das Verständnis von jüdischer Kultur und Tradition einem ständigen Wandel unterworfen ist. Seine Neugierde und seine Gabe, erstaunliche Zusammenhängen herzustellen, machen seine Ausführungen zu einem geistigen Genuss.
Der Komponist Yehoshua Lakner ist heute beinahe vergessen, doch Ende der 60er-Jahre war in der Zürcher Presse viel Lobendes über seine Bühnenmusik für das Theater an der Winkelwiese und das Schauspielhaus zu lesen. 1969 erhielt er zudem vom Zürcher Stadtrateinen Preis in Form eines Kompositionsauftrags, was angesichts seiner Vorliebe für «auf dem Tonband komponierte Musik» als fortschrittlicher Entscheid gewertet werden muss. Es gab immer wieder Bestrebungen, dem Werk des 2003 verstorbenen Komponisten ein Forum zu bieten. So wurde ihm 2015 im Zürcher Walcheturm ein abendfüllendes Programm gewidmet, in dessen Mittelpunkt das Werk Segante (1999) für zwei Computer, zwei Bildschirme, Sprecherin und Sprecher stand. Die Einleitung übernahm damals der Musiker Alfred Zimmerlin. Zehn Jahre nach diesem eindrücklichen Anlass wird er erneut das Schaffen des 1924 in Bratislava geborenen Yehoshua Lakner vorstellen. Dieses Mal gemeinsam mit Bruno Spoerri, der bei verschiedenen Gelegenheiten mit Lakner zusammenarbeitete. Neben Filmausschnitten der Aufführung von Segante gibt es ein Live-Konzert mit Bruno Spoerri, der wie Lakner mit seiner frühen Leidenschaft für elektronischeMusik die Schweizer Musiklandschaft bereichert hat.
Ungehorsam ist das Gebot der Stunde. In diesem Sinne trifft das KunstmuseumSt.Gallen mit «Jacqueline de Jong. Disobedience», der ersten Retrospektive der Künstlerin in der Schweiz, einen Nerv der Zeit. Die von Melanie Bühler kenntnisreich eingerichtete Ausstellung zeigt eine Künstlerin, die als Autodidaktin genauso beharrlich wie intuitiv ein eindrückliches und vielseitiges Werk erschaffen hat.
Kurz nach ihrer Geburt 1939 im niederländischen Hengelo musste die jüdische Familie de Jong untertauchen. Nur dank der Hilfe der französischen Résistance gelang Mutter und Tochter die Flucht in die Schweiz. Die Erfahrungen während des Zweiten Weltkrieges scheinen Jacqueline de Jongs Liebe zu Frankreich geweckt sowie ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Gewalt und Krieg geprägt zuhaben. Eigentlich wollte sie Schauspielerin werden, doch kam sie über ihre Arbeit für den einflussreichen Direktor des Amsterdamer Stedelijk Museums, Willem Sandberg,in Kontakt mit wichtigen Figuren der Avantgarde-Bewegungen der 60er Jahre. Mit dem CoBrA-Mitglied Asger Jorn lebte sie in einer fruchtbaren Künstlerbeziehung und wandte sich neben der Malerei auch dem Mittel der Collage zu. Als Mitglied der Situationistischen Internationalen brachte sie von 1962 bis 1967 die mehrsprachige Zeitschrift «Situationist Times» heraus und experimentierte dabei mit ungewöhnlicherTypographie und Buchgestaltung.
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