Tante Isas kleine Deutschstunde: schmelzen
Es heißt *schmelzen*. Es gibt kein „schmilzen“, das I gehört nur in die flektierten Formen: der Schnee schmilzt. Mit I. Aber was tut der Schnee? Schmelzen. Mit E! Und dann ist er geschmolzen, mit O.
Es heißt *schmelzen*. Es gibt kein „schmilzen“, das I gehört nur in die flektierten Formen: der Schnee schmilzt. Mit I. Aber was tut der Schnee? Schmelzen. Mit E! Und dann ist er geschmolzen, mit O.
Die blaue Olga ist eine Schmuckkollektion mit Kettenanhängern und inzwischen auch Ringen von der großartigen Kat Menschik. Aus Porzellan und wunderschön. Zuerst trug Kat die Anhänger selbst, um den Praxistest zu machen. Ob die Fassung hält, ob die Farbe bleibt, sowas. Auf den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig quiekten natürlich alle Frauen (allen voran ich): Wie toll, kann ich kaufen?
Im Herbst 2019 war die Testphase abgeschlossen, und Kat ging mit dem Schmuck online. Zwanzig verschiedene Motive in einer Auflage von jeweils fünfundzwanzig Exemplaren. Wenn die verkauft sind, ist Schluss, dann gibt es ein neues Motiv. Ich ging sofort auf die Webseite, sah den Preis und schluckte erstmal. Es ist Kunst, es ist Handarbeit, es ist eine limitierte Auflage – der Preis ist total in Ordnung, aber sowas kaufe ich doch nicht mal eben im Vorbeiklicken.
Kurz vor Weihnachten fragte das Hamburger Abendblatt ein paar Kulturschaffende: Was wünschen Sie sich für sich persönlich? Und wenn Geld keine Rolle spielt? Was wünschen Sie sich für das Hamburger Kulturleben? Und wenn Geld keine Rolle spielt? Wem würden Sie gern etwas schenken? Von wem hätten Sie gern ein Geschenk? … und so weiter. Ich antwortete dies und das, und für mich persönlich, wenn Geld keine Rolle spielt, vielleicht eine blaue Olga von Kat Menschik. Der Fragebogen erschien, und ich schickte Kat ein Foto davon.
Kat reagierte auf zwei Weisen: sie postete das Foto auf Facebook, und sie bot mir einen Freundschaftspreis für eine blaue Olga an. Und irgendwie fand ich dann doch, dass ich eine haben müsste, „Laufen“ war im Herbst erschienen und lief gut, und ich dachte, ich schenke mir einfach selbst eine. Es wurde Weihnachten und Neujahr, ich brauchte ein bisschen, um mich zu entscheiden und mir ein Motiv auszusuchen. Anfang Januar war ich soweit, ich schrieb Kat an einem Nachmittag eine Nachricht, welchen Kettenanhänger ich gern hätte.
Am nächsten Morgen lag er im Briefkasten. Ich staunte kurz, wie schnell das ging, öffnete das Päckchen, und: es war der falsche Anhänger. Dabei lag eine kleine Karte von einer mir völlig unbekannten gemeinsamen Facebookfreundin, die meinen Wunsch gesehen hatte und mir die blaue Olga mit dem Motiv der Charlotte Ritter geschenkt hat. Einfach so. Aus Nettigkeit.
Nachdem ich meine Kinnlade wieder hochgeklappt hatte, schrieb ich zuerst Kat: wer ist das, spinnt die, warum tut sie das, kennst du sie? Kat antwortete, dass sie die Dame auch nicht kenne, aber das Gefühl habe, sie spinne nicht, und ich könne es annehmen. Wenn es mir aber zu viel sei, könne ich den Anhänger natürlich auch einfach zurückschicken, gar kein Problem.
Ich versuchte natürlich zu googeln, ob man herausbekommen kann, ob die Dame sehr reich ist, ist es aber nicht. Dann schrieb ich sie an. Bedankte mich und fragte, ob sie vielleicht spinne. Oder ob sie ein bis zwei Nullen übersehen habe. Nein, schrieb sie, sie habe mir einfach eine Freude machen wollen. Einfach nur so. Sie freut sich, wenn ich mich freue. (Und nein, sie ist nicht sehr reich.)
Wir plauderten ein bisschen, irgendwann kam: „Ich habe nur zwei Bitten.“ Aaaaah, dachte ich, jetzt kommt’s. Jetzt kommt „ich habe einen Roman geschrieben, kannst du den mal lesen / mich bei deinem Verlag / deiner Agentur empfehlen“ oder sowas. Das kam aber nicht, die zwei Bitten waren: Erstens, dass ich ihren Namen nicht an die große Glocke hänge, und zweitens, dass ich den Anhänger ganz oft trage, damit möglichst viele Menschen diese schöne Arbeit sehen.
Das war alles.
Sofort ein Foto gemacht, um es der Schenkerin und Kat zu schicken.
Das ist jetzt sechs Jahre her, und ich staune eigentlich immer noch. Einmal haben wir uns getroffen, als ich gerade in ihrer Stadt war. Wir haben in einer Bäckereikettenfiliale einen Kaffee getrunken, es war total nett. Ein andermal trafen wir uns zufällig auf der Buchmesse, und fünf Minuten später auch noch Kat, das war schön. Es ist nicht so, dass sie mir seitdem auf die Pelle rückt oder sich für meine beste Freundin hält. Ich habe mich auch an beide Wünsche der Schenkerin gehalten: ich nenne ihren Namen nicht, obwohl ich diese Geschichte sehr oft erzähle. Und ich trage die Kette praktisch nonstop. Ich bin noch nie so oft auf ein Kleidungsstück oder Accessoire angesprochen worden wie auf die blaue Olga, allerdings habe ich auch noch nie eins so ausdauernd getragen. Wenn ich sie gelegentlich mal nicht umhabe, werde ich gefragt, wo denn meine schöne Kette sei. Dieses Geschenk rührt mich bis heute, es war einfach ein random act of kindness.

Man kann mich bildergoogeln, auf den meisten Fotos der letztes sechs Jahre werde ich die Kette tragen. Auch auf den offiziellen. (Foto: Heike Blenk)
PS: Ein Gedanke, der mir erst später kam: Wenn es ein Mann gewesen wäre, hätte ich es wahrscheinlich nicht annehmen können. Was natürlich auch blöd ist.
PPS: Charlotte Ritter, die auf meiner blauen Olga zu sehen ist, ist eine Figur von Volker Kutscher aus der Reihe um Gereon Rath. Ich habe weder die Romane gelesen, noch die Serie Babylon Berlin gesehen. Charly Ritter ist die Coverillustration von Volker Kutschers / Kat Menschiks Moabit aus derselben Reihe. Irgendwann werde ich das nachholen.
(Hier ist Teil 1, hier Teil 2, und hier Teil 3.)
Nach ein paar Nachrichten und Telefonaten in verschiedene Richtungen und etwas Hin und Her wird das Klavier schließlich abgeholt. Ich kann nicht mal zum Abschied ein paar Töne drauf klimpern, denn die Mechanik ist ja schon ausgebaut. Es kommen also zwei vergnügte starke Männer und nehmen mein Klavier einfach mit. Mit so einem Spezial-Rollwagen die Treppe runter, ich gucke vorsichtshalber nicht hin, weil ich Angst habe, es rutscht ihnen weg. Als sie unten angekommen sind, gehe ich mit dem Klavierhocker und den Glasuntersetzern, auf denen es gestanden hat, hinterher, denn das sollen sie natürlich alles mitnehmen.
Und dann wird es auf dem LKW festgezurrt, und ich verdrücke ein kleines Tränchen, denn natürlich schmerzt es jetzt doch ein bisschen, dieses wirklich sehr schöne Stück herzugeben. Aber es ist einfach zu schade, wenn es nur herumsteht und nichts weiter tut als gut auszusehen. Und jetzt habe ich kein Klavier mehr.
Ich schicke K. die Fotos von der Abholaktion, und nicht viel später kommen Fotos von ihr zurück, von meinem Klavier in ihrem Wohnzimmer.
Die Mechanik war längst fertig überarbeitet und wurde drei Tage später bei K. wieder eingebaut. Inzwischen weiß sie auch, dass ich mir wünsche, es mal zu besuchen, es zu hören und zu sehen, und sie sagt, das ist natürlich überhaupt kein Problem, klar können wir mal gucken kommen. Einmal muss es noch nachgestimmt werden. Ich hoffe, es macht sie glücklich.
Statt des Klaviers ist in unserem Wohnzimmer jetzt irgendwie ein Loch. Und immer, wenn ich die leere Wand sehe, kommt mir Element of Crime in den Sinn:
Das Klavier, auf dem du nicht spielen kannst,
Der Abwasch, den du immer verschiebst,
Und die Schokolade, die du in Krankenhausmengen verbrauchst,
Das alles kommt mit
Und ich auch.
(Hier ist Teil 1, hier Teil 2.)
Ich bekomme über 20 Zuschriften von Leuten, die sich für das Klavier interessieren. Für ihr Ferienhaus in Portugal. Für die Enkelin (und ich habe den Verdacht, dass es mit den Eltern der Enkelin nicht abgesprochen ist). Kurze Mails mit einem einzigen Satz. Lange Mails mit den eigenen Klavier-Geschichten. Wahnsinnig nette Mails. Mails aus Köln oder Bayern oder Sachsen. Mails aus Hamburg.
Einige kann ich schnell aussortieren. Beispielsweise finde ich, dass man ein Klavier nicht bis nach Portugal transportieren muss. Erstens gibt es dort ja auch welche, zweitens lebt meins seit 100 Jahren in Norddeutschland, es war noch nie weiter südlich als Köln. In Portugal sind es im Sommer 40°C, und im Winter in einem ungeheizten Ferienhaus wahrscheinlich 4°C. Das würde es wohl nicht lange mitmachen.
Die lustigste Mail kommt vom Kulissenbauer eines großen Hamburger Theaters, sie bauen gerade an einem Bühnenbild mit mehreren Klavieren. Kurz erscheint mir eine Zweitkarriere als Theaterklavier sehr glamourös, allerdings müsse ich wissen, heißt es dann in der Mail, dass der Theaterbetrieb bisweilen ein wenig ruppig sei und sie das Klavier möglicherweise zersägen würden. „Wenn das für Sie in Ordnung ist.“ Öhm, nee. Ist es nicht nicht. Doch nicht so glam.
Ich schreibe eine Mutter an, die es für ihren elfjährigen Sohn möchte, wir machen einen Termin aus. Ihre Mail ist furchtbar nett, das Klavier würde bei ihnen „zwischen Feuerwehrautos, Legosteinen und Englischvokabeln“ stehen, das kommt mir vor wie genau der richtige Ort. Der Klavierbauer Herr Becker kommt auch noch mal dazu und gibt seine Expertise ab, was wirklich nett ist. Ich bin beeindruckt, wie gut der Sohn schon spielt, und am nächsten Abend sagen sie ab. Der Mutter kommt die Reparatur irgendwie doch zu aufwändig vor, auch wenn sich an den Kosten nichts ändert, und der Sohn kann sich nicht gut vorstellen, wie das Klavier klingen würde, wenn es gestimmt wäre. Was auch vielleicht ein bisschen viel verlangt ist, wenn man elf Jahre alt ist.
Die nächste, bei der ich mich melde, heißt K. und freut sich sehr. Sie braucht Herrn Becker nicht nochmal dabei, es genügt, wenn ich ihr sage, was er gesagt hat. Sie kann auch gar nicht spielen, möchte es aber lernen. Sie findet das Klavier wunderschön. (Zu Recht.) Ich bitte einen kompetenten Nachbarn, ihr ein bisschen was auf dem verstimmten Ding vorzuspielen, damit sie es mal hört. Ich finde immer noch: für 20 Jahre ungestimmt gar nicht mal so schlimm. Der Nachbar sagt, man kann eine ganz einfache Mechanik einbauen, die das Klavier stumm schaltet und den Ton auf Kopfhörer überträgt, sodass die Nachbarn nichts hören.
Mir blutet jetzt doch ein bisschen das Herz, es wegzugeben. Kurz überlege ich, ob ich nicht lieber so etwas einbauen lasse und es doch noch mal selbst versuche … ach, who am I kidding. Mache ich ja doch nicht.
K. und ich trinken Kaffee und mögen uns und plaudern über Wohnungseinrichtungen. Und darüber, wie es jetzt weitergeht, wer wann was wo abholt, bzw. abholen lässt. Herr Becker heißt inzwischen Michael.
Die Reihenfolge ist (das weiß ich, weil es schon mit Michael und Mutter-und-Sohn besprochen war):
1. Michael holt die Mechanik ab und repariert sie in seiner Werkstatt.
2. Die Klaviertransporteure holen den Rest des Klaviers ab und bringen ihn zu K.
3. Der Klavierbauer baut die Mechanik bei ihr wieder ein und stimmt das Klavier.
4. Wir überlegen uns, was wir an die Stelle stellen, wo bisher das Klavier stand. Und ob da wirklich kein Bücherregal hin soll. Weil, warum denn nicht? Dummerweise wäre es schon vom ersten Tag an voll.
5. Ich frage K., ob ich mal zu ihr kommen und es hören darf, aber das weiß sie noch nicht.
Punkt 1 ist erledigt. Die Mechanik ist in der Werkstatt, es kommt kein Ton mehr aus dem Klavier. Der Transporteur, den Michael empfohlen hat, hat gerade keine Manpower, ein anderer macht nach ein paar Tagen ein Angebot, das uns allen sehr teuer vorkommt, der erste sagt dann aber doch, das sei normal – es muss hier aus dem zweiten Stock runter und bei K. in den vierten hoch. Wir bleiben dran. Also, K. bleibt dran, ich warte ab.
(Weiter mit Teil 4)
Teil 1 steht hier.
Im November 2024 werde ich auf Facebook innerhalb einer Stunde zwei Stühle und einen Couchtisch los. Nachdem das so flott ging, stelle ich kurzentschlossen auch das Klavier rein. Zu verschenken. Ich schreibe dazu, dass es wunderschön aussieht, aber möglicherweise kein so gutes Instrument mehr ist. Ich verstehe nichts davon, aber alle sagen, mit einem so alten Klavier könne man normalerweise nicht mehr viel anfangen. Aber für ein Ferienhaus, einen Kindergarten, eine Kneipe muss es doch gut sein, denke ich, und viel zu schade zum Wegwerfen! Ich wüsste auch gar nicht, wie „Wegwerfen“ geht – von professionellen Klaviertransporteuren für viel Geld zum Wertstoffhof bringen lassen, oder wie macht man das? Eine Freundin sagt, ich soll es einem Schrotthändler anbieten, der ist nämlich scharf auf den gusseisernen Rahmen, und dafür muss er dann halt den Rest auch mitnehmen.
Auf Facebook kommen jede Menge Antworten. „Viel zu schade, sowas gibt man doch nicht weg!“ – „So ein schönes Stück!“ – „So ein altes Ding kannste nur noch wegwerfen.“ – „Hoffentlich findet es ein wertschätzendes Zuhause.“ –„Frag doch mal bei Stilbruch.“ – „Das kann man gar nicht mehr stimmen.“ – „Ich hätte Interesse.“ – „Hundert Jahre? Vergiss es, das ist Müll.“ – „Ich werde meins auch nicht los.“
Vier Leute haben Interesse. Der erste schreibt dann, es sei doch zu groß, er hat nicht so viel Platz. Die drei anderen antworten gar nicht mehr. Die interessanteste Reaktion kommt von der ZEIT, die anfragt, ob ich einen Artikel darüber schreiben möchte. Natürlich möchte ich das, denn dann kann ich ihn mit der Frage beenden, ob vielleicht jemand ein Klavier haben möchte. Es ist sehr schön! Aber erstmal muss ich etwas darüber in Erfahrung bringen, ob es überhaupt noch was taugt. Man will doch keinen Schrott verschenken, auch wenn er gut aussieht.
Ich rufe einen Klavierbauer an. Er sagt gleich am Telefon, dass so alte Klaviere meistens nicht mehr gut sind. Und dass man sie kaum loswird. Wir könnten ja am Nachmittag nochmal telefonieren und einen Termin ausmachen.
Zwei Stunden später ruft er wieder an, er sei sowieso gerade in der Nähe und könne gleich mal vorbeikommen. Hurra! Und dann kommt die Überraschung: Als erstes ist Herr Becker ganz begeistert von den Kerzenhaltern. Die gebe es an fast keinem Klavier aus dieser Zeit mehr, denn Hitler habe alles Metall für seinen Krieg gebraucht, also haben die Leute diese Kerzenhalter abgeschraubt. Allein dafür könne ich auf dem Flohmarkt 300,- € bekommen. Als nächstes stellt er fest, dass die Nupsis, um die die Saiten gewickelt sind, nicht wie sonst in einer hölzernen Rückwand stecken – was dazu führt, dass sie nach 100 Jahren durch den Zug krumm und schief sind und sich das Klavier nicht mehr gut stimmen lässt –, sondern in einer Rückwand aus Metall. Dadurch stehen sie alle eins A und lassen sich prima stimmen. Nichts ist verzogen, es sieht von innen quasi aus wie ein heutiges Klavier, damals muss das ein total modernes Instrument gewesen sein. State of the art. Man müsste natürlich ein bisschen was daran machen – Filze abziehen, Pedalgeräusche beheben, die Mechanik überarbeiten, es gründlich stimmen – aber das ist alles kein Hexenwerk. Für unter tausend Euro, sagt er, hätte man ein richtig schönes Instrument. Gestimmt und einrichtet. Als ich etwas von „man muss ja nicht gleich Konzerte drauf spielen“ murmele, sagt er: „Klar kann man da Konzerte drauf spielen.“
Dieser Text erschien, leicht gekürzt, in der ZEIT. Der Artikel endete mit der Frage, ob jemand ein Klavier haben möchte.
(Weiter mit Teil 3.)