Vom Armenviertel zum selbst verwaltetem Leben
Als Gängeviertel wurden in Hamburg die besonders eng bebauten Wohnquartiere in einigen Teilen der Altstadt und Neustadt bezeichnet.
Die Gängeviertel waren größtenteils mit Fachwerkhäusern bebaut, deren Wohnungen zumeist nur durch schmale Straßen, zum Teil verwinkelte oder labyrinthartige Hinterhöfe, Torwege und die namensgebenden Gänge zwischen den Häusern zu erreichen waren.
Die innerhalb der Wallanlagen in ihren Grundzügen noch mittelalterlich kleinteilig strukturierte Stadt war aufgrund der wachsenden Bevölkerung zunehmend stark verdichtet worden, so dass die Gängeviertel bei hoher Einwohnerdichte im 19. Jahrhundert ihre größte Ausdehnung erreichten.
In den Vierteln wohnten meist mittlere und ärmere Bevölkerungsschichten, ebenso war kleinteiliges Gewerbe ansässig. Aufgrund der schlechten hygienischen Zustände, aber auch aus sozialen und politischen Bestrebungen begannen bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts die ersten Sanierungsmaßnahmen durch Abriss.
Das letzte größere Gängeviertel wurde in den 1960er Jahren abgerissen. Wenige vereinzelte Bauten dieser Viertel sind bis heute erhalten.
Minimale Reste des einst ausgedehnten Viertels sind mit den Fachwerk-Traufenhäusern auf der Westseite des Bäckerbreitengangs und dem Eckhaus Dragonerstall (Zweite Hälfte des 18./Anfang des 19. Jahrhunderts) noch erhalten. Diese sowie die in unmittelbarer Nähe gelegenen Gebäude zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße stehen seit 1953 unter Denkmalschutz.
Eine letzte geschlossene Hofbebauung mit Fachwerkbauten aus dem 17. Jahrhundert ist mit den Krameramtsstuben in der Nähe der Hauptkirche Sankt Michaelis erhalten geblieben, siehe Fotos und Blogbeitrag: hier!
Zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße
Den Gebäudekomplex zwischen Valentinskamp, Caffamacherreihe und Speckstraße wollte im Jahre 2008 der niederländische Investor Hanzevast Capital n.v. von der Stadt Hamburg erwerben. Etwa zwölf Häuser mit wertvoller, weitgehend originaler Altbausubstanz sollten laut Planungen (2009) zu 80 % abgerissen; der Rest sollte saniert und aufgestockt werden.
Zu dem Gebäudekomplex zählen auch folgende zwischen 1987 und 2001 unter Denkmalschutz gestellte Gebäude: Valentinskamp 34 und 34a, als Fachwerkgebäude vermutlich aus dem 18. Jahrhundert, und ein spätgründerzeitliches Fabrikgebäude, Schier’s Passage (Valentinskamp 35, 36, 37, 38, 38 a–f, 39) als Gesamtanlage aus Vorderhaus mit Hofbebauung und Gewerbebau aus der Zeit von 1846 bis 1865 und die spätgründerzeitlichen Etagenhäuser Caffamacherreihe 37–39/43–49 des Architekten Carl Feindt.
Eine Volksinitiative setzt sich für den Erhalt und eine sinnvolle Nutzung, unter anderem durch künstlerische und kreative Aktivitäten, ein.
Seit dem 22. August 2009 besetzen unter der Schirmherrschaft von Daniel Richter etwa 200 Künstler das Gängeviertel und fordern sowohl Raum für Kreative als auch den kompletten Erhalt der historischen Gebäude.
Im November 2009 wurde das Manifest „Not In Our Name, Marke Hamburg“ ausgerufen. Die Initiative namens „Komm in die Gänge“ will „ein selbstverwaltetes, öffentliches und lebendiges Quartier mit kulturellen und sozialen Nutzungen“ schaffen.
Am 15. Dezember 2009 teilte der Hamburger Senat mit, dass der Verkauf an Hanzevast einvernehmlich rückabgewickelt werde, um „eine Projektkonzeption mit breiterem öffentlichen Konsens“ zu ermöglichen. Die bereits geleisteten Zahlungen von knapp 2,8 Millionen Euro wurden dem niederländischen Investor zurückerstattet.
Nicht in den Besitz von Hanzevast gelangte hingegen das denkmalgeschützte Gebäude Valentinskamp 40–42, bestehend aus Vorderhaus, Zwischenbau und Saaltrakt.
In dem Gebäude wurde seit 1809 ein Theater betrieben, das später als „Tütge’s Etablissement“ auch über Hamburg hinaus bekannt wurde. Nach Nutzungen als Festsaal wurde es in den 1920er Jahren Druckerei für die Hamburger Volkszeitung und 2005 als Theater Hamburger Engelsaal wiederbelebt.
Bis 2011 hat sich das Gängeviertel und dessen Umgebung bis hin zum Großneumarkt durch den Zuzug verschiedener Galerien, wie Feinkunst Krüger oder der Galerie Heliumcowboy und der Nutzung vormals leerstehender Ladenräume als Ateliers durch Hamburger Künstler, u. a. Pittjes Hitschfeld (ehem. Galerie Abriss), zu einem lebendigen Kultur- und Kunstzentrum Hamburgs entwickelt.
Im Herbst 2013 wurde eine umfangreiche Grundsanierung des Gängeviertels eingeleitet, beginnend mit dem Ensemble in der Caffamacherreihe 43–49. Die Sanierungsarbeiten sollen acht Jahre andauern und rund 20 Millionen Euro kosten.
Geplant ist die Errichtung von 80 preisgünstigen Wohnungen, Künstlerateliers und Gewerberäumen. Eine von den örtlichen Künstlern gegründete Genossenschaft soll die Häuser nach der Sanierung verwalten.
Alle Fotos sind in 2011 und 2012 entstanden.




