
Quote of the Day



Die USA im Jahr 2025: Wer Arbeit hat, kann von Glück reden. Für das Heer der Arbeitslosen gibt’s billiges Rauschgift und kostenloses Fernsehen – Free-Vee. Die Regierung und die öffentlichen Fernsehanstalten arbeiten in großen Allianzen zusammen, die Großstädte sind infolge der jahrelangen Misswirtschaft vollkommen verseucht. Ben Richards, Vater einer totkranken Tochter, lebt mit seiner Familie in der verkommenen Wohnsiedlung Co-Op-City. Um Geld für die Medizin seiner Tochter zu bekommen, bewirbt er sich bei Network Games und wird der beliebtesten Game-Show zugeteilt: „Menschenjagd“.
Ben Richards will diese Chance nutzen, um seine Tochter zu retten, doch er weiß genau: Diese Show läuft bereits seit sechs Jahren und bisher hat kein Mensch sie überlebt. Ben Richards will der erste sein …
Stephen King (*1947 in Portland, Maine) ist einer der meistgelesenen und erfolgreichsten Autoren unserer Zeit. Mit seinem beeindruckenden Gesamtwerk, das zahlreiche Bestseller und Verfilmungen (z. B. Es, The Shining, Carrie, Cujo, The Stand) umfasst, prägt er seit vielen Jahren die Literaturwelt und zieht bis heute Millionen von Lesern weltweit in seinen Bann. Neben seinem bekannten Namen nutzte King das Pseudonym „Richard Bachman“, um eine weitere Facette seines schriftstellerischen Könnens zu zeigen und, wie er selbst sagte, „die Leser zu testen“. Er wollte herausfinden, ob seine Werke auch ohne seinen bekannten Namen Erfolg haben würden. Außerdem ging man damals in den Siebzigern davon aus, dass der Buchmarkt nur ein Buch pro Jahr von einem Autor „verkraften“ würde. Das Pseudonym ermöglichte es ihm daher, mehr Bücher in kürzerer Zeit zu veröffentlichen. Menschenjagd erschien 1982 als Teil der sogenannten „Bachman-Bücher“. Dem Buch ist eine fiktive Entstehungsgeschichte vorangestellt, um es noch authentischer zu machen: Die Witwe eines Autors habe im Keller unveröffentlichte Romanentwürfe ihres Mannes gefunden. Menschenjagd sei das Buch gewesen, das am weitesten gediehen war.
Der Roman steht exemplarisch für Kings Fähigkeit, gesellschaftliche Missstände in einer fiktiven, aber erschreckend realistischen Welt zu thematisieren. Die düstere Atmosphäre und die kritischen Untertöne machen das Werk zu einem Klassiker der dystopischen Literatur.
„Die Regeln sind denkbar einfach. Sie gewinnen für jede Stunde, die Sie in Freiheit verbringen, hundert Neudollar. Wir statten Sie zu Beginn der Jagd mit 4800 Dollar aus, da wir davon ausgehen, dass Sie es schaffen werden, die Jäger 48 Stunden an der Nase herumzuführen. Wenn Sie dreißig Tage durchhalten, gewinnen Sie den Großen Preis. Eine Milliarde Neudollar.“
Ben Richards ist ein vom Schicksal hart getroffener Mann. In einer Welt, die von einer dystopischen Diktatur und extremen sozialen Ungleichheiten geprägt ist, lebt er mit seiner Frau Sheila und seiner kleinen Tochter Cathy in bedrückender Armut. Cathy leidet an einer schweren Krankheit, für die sich Ben eine Behandlung wünscht – ein Ziel, das für einen Mann in seiner finanziellen Situation unerreichbar ist. Arbeitslos und ausgegrenzt kämpft er nicht nur gegen die äußeren Umstände, sondern auch gegen die innere Verzweiflung, die ihn zu verschlingen droht.
Doch Richards ist kein Mann, der so einfach aufgibt. Ihn treibt die Wut über die Ungerechtigkeit der Gesellschaft an, aber auch die bedingungslose Liebe zu seiner Familie. Als sich ihm die Chance bietet, an der brutalen Reality-Show „Menschenjagd“ teilzunehmen, greift er trotz der offensichtlichen Gefahr zu. Die Aussicht, Millionen zu gewinnen und damit das Leben seiner Familie zu verbessern, siegt über die Angst vor dem Tod.
Der Charakter von Ben Richards ist komplex und vielschichtig. Er vereint in sich Mut, Hartnäckigkeit und eine gehörige Portion Zynismus. Seine Teilnahme an der Show ist nicht nur ein Kampf ums Überleben, sondern auch ein Akt des Trotzes gegen das System, das ihn und viele andere unterdrückt. Er ist das Sinnbild des kleinen Mannes, der sich gegen eine übermächtige und unbarmherzige Maschinerie auflehnt, und seine Reise ist inspirierend und herzzerreißend zugleich.
Stephen Kings Schreibstil als Bachman ist düster, temporeich und fesselnd. Die Verwendung eines klaren, fast nüchternen Tons unterstreicht die Brutalität der dargestellten Welt. King verzichtet bewusst auf ausschweifende Beschreibungen und konzentriert sich stattdessen auf die Handlung und die inneren Konflikte seiner Figuren, allen voran natürlich des Protagonisten.
In Menschenjagd präsentiert King das Porträt einer Gesellschaft, die von Ungerechtigkeit, Sensationsgier und Kapitalismus geprägt ist. King stellt den Leser vor die Frage, wie weit Menschen in ihrer Verzweiflung gehen und wie unmenschlich eine Gesellschaft werden muss, um aus Leid Profit zu schlagen. Das macht den Roman nicht nur zu einem spannenden Thriller, sondern auch zu einer kritischen Gesellschaftsstudie. Und in Anbetracht der Tatsache, dass der Roman in unserer Gegenwart – 2025 – spielt, liegt es natürlich auch nah, dass der Leser anfängt, nach Parallelen zum tatsächlichen Geschehen bzw. zu den tatsächlichen gesellschaftlichen oder politischen Gegebenheiten Ausschau zu halten.
Gelesen wird das Hörbuch zu Menschenjagd von David Nathan. Nathan (*1971) ist als Synchronsprecher z. B. die deutsche Stimme von Johnny Depp (Jack Sparrow), Nathan Fillion (Firefly), Paul Walker (The Fast and the Furious) oder Christian Bale. Darüber hinaus fungiert er aber auch als Sprecher vieler Hörbücher diverser Romane von Stephen King, Guillermo del Toros Saat-Trilogie oder Ernest Clines Bestseller Ready Player One – und er ist m. E. einer der besten Sprecher, die wir in Deutschland haben!
Nathan gelingt es von Beginn an, den Zuhörer in die düstere Dystopie hineinzuziehen. Er vermittelt auf glaubwürdige Weise sowohl die Wut des Protagonisten als auch seine zunehmende Verzweiflung. Aber auch die Nebenfiguren werden durch eine Variation von Stimmhöhe oder anderen Charakteristika glaubwürdig zum Leben erweckt.
„Menschenjagd“ ist ein packender dystopischer Roman, der den Leser bis zum letzten Atemzug mitfiebern lässt. Wer schon mehrere Dystopien gelesen hat, ahnt, dass die Geschichte vermutlich kein glückliches Ende nehmen wird, aber dennoch hält die Spannung bis zur letzten Seite an. Stephen King gelingt es meisterhaft, eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die gleichermaßen schockiert und zum Nachdenken anregt.
Autor: Stephen King aka Richard Bachmann
Buchtitel: Menschenjagd (ungekürzte Lesung)
Sprecher: David Nathan
Verlag: Audible Studios
ASIN: B0083JBSLK
Dauer: 8 h 47 min
Erscheinungsdatum: 23. Februar 2012
Genre: Dystopie


Lira ist eine Sirene und Tochter der Meereskönigin. Einmal im Jahr raubt sie einem Prinzen das Herz. Im wahrsten Sinne des Wortes. Als Lira gemeinsam mit ihrer Cousine Kahlie verfrüht auf die Jagd geht, verwandelt ihre Mutter sie zur Strafe in die Kreatur, die sie am meisten verabscheut – einen Menschen. Und sie stellt ihr ein Ultimatum: Bring mir das Herz von Prinz Elian oder bleibe für immer ein Mensch.
Elian ist der Thronerbe eines mächtigen Königreichs, und das Meer ist der einzige Ort, an dem er sich wirklich zu Hause fühlt. Er jagt Sirenen, vor allem die eine, die bereits so vielen Prinzen das Leben genommen hat. Als er eine junge Frau aus dem Ozean fischt, ahnt er nicht, wen er da an Bord geholt hat. Das Unerwartete geschieht: Die beiden verlieben sich ineinander – doch hat ihre Liebe eine Zukunft?
Die britische Autorin Alexandra Christo (Jahrgang 1992) sorgte mit ihrem Debütroman To Kill a Kingdom 2018 international für Furore. Der Roman, der lose auf Hans Christian Andersens „Die kleine Meerjungfrau“ basiert, erschien im selben Jahr bei dtv auch auf Deutsch unter dem Titel Elian und Lira – Das wilde Herz der See. Inzwischen hat Christo weitere Fantasyromane veröffentlicht, darunter Into the Crooked Place und Princess of Souls – immer mit der gleichen Mischung aus düsteren Welten, starken Figuren und bissigen Dialogen.
Ich habe ein Herz für jedes Jahr meines Lebens. Siebzehn liegen im Sand meines Schlafzimmers vergraben.
Zwei Welten prallen in diesem Buch im wahrsten Sinne des Wortes aufeinander: das Meer und das Land – oder Lira, die Sirenenprinzessin, und Elian, Kronprinz des goldenen Reiches Midas, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Lira ist der „Fluch der See“, berüchtigt dafür, Prinzen das Herz zu rauben – buchstäblich. Dass sie grausam ist, liegt nicht an ihr allein, sondern daran, dass sie in einer Welt lebt, die Liebe verachtet und Mitgefühl bestraft. Zuneigung gilt unter den Sirenen als Schwäche, und das aus gutem Grund: Die Unterwasserwelt wird von einer gnadenlosen Meereskönigin regiert – Liras Mutter –, die jede Form von Mitgefühl als Bedrohung ihrer Macht betrachtet. Dass Lira eine enge Bindung zu ihrer Cousine Kahlie hat, ist der Königin ein Dorn im Auge. Um ihre Herrschaft zu festigen, zwingt sie Lira schließlich, ihre eigene Tante – Kahlies Mutter – zu ermorden. Spätestens ab diesem Moment erkennt Lira: Ihre Mutter ist kalt, grausam – und wird ihr niemals den Thron überlassen!
Als Strafe für einen Ungehorsam verwandelt die Königin ihre Tochter in einen Menschen. Ohne ihre Sirenenkräfte und ausgesetzt in einer ihr fremden Welt. Gerettet wird Lira von der Saad, dem Schiff des Prinzen Elian – ausgerechnet ihres größten Feindes, der sich der Jagd auf Sirenen verschrieben hat. An Bord lernt Lira etwas kennen, das sie ihr völlig fremd war: Vertrauen, Loyalität und ein Gefühl von Zugehörigkeit. Die Crew ist für Elian Familie; sie sind keine Untergebenen. Und während Lira lernt, dass Nähe nicht automatisch bedrohlich sein muss, beginnt auch Elian, der fremden Frau zu vertrauen. Er weiß jedoch nicht, dass vor ihm die Kreatur steht, die er vernichten will.
Im Grunde genommen bin ich ein Mörder. Aber in meinen Augen ist das eine meiner besseren Eigenschaften.
Christo erzählt ihre Geschichte mit Energie und sprachlicher Klarheit. Ihr Ton bleibt direkt, nie kitschig, aber emotional. Zwischen Lira und Elian knistert es – nicht im körperlichen Sinne, sondern in den Blicken, den stillen Momenten, den Wortgefechten, in denen sie sich gegenseitig herausfordern. Das Enemies-to-Lovers-Motiv funktioniert wirklich, weil die Figuren über weite Strecken Gegner sind, sich aber dennoch auf Augenhöhe begegnen und so näherkommen. Lira braucht auch keinen Retter; sie rettet sich selbst. Und Elian, der stets so starke, kontrollierte Prinz, entdeckt in ihr einen Menschen, der ihn zwingt, sich selbst und seine Ziele zu hinterfragen.
Die Nebenfiguren – z. B. Bodyguard und Steuermann Kye, erster Maat Torik, Madrid , der zweite Maat, sowie Kahlie – bilden das Rückgrat der Handlung, auch wenn sie im Vergleich zu den beiden Hauptfiguren blasser bleiben. Besonders Madrid, der zweite Maat, sorgt mit ihrer pragmatischen Stärke für eine Balance zwischen den beiden meinungsstarken Protagonisten und entwickelt sich im Laufe der Geschichte zu einer guten Freundin für Lira. Die Dynamik an Bord der Saad transportiert das Motiv der „Found Family“, das in vielen Fantasygeschichten thematisiert wird, hier aber durch Christos schöne zwischenmenschliche Beschreibungen an Glaubwürdigkeit gewinnt.
Christo bedient bekannte Tropes – Enemies-to-Lovers, Found Family, Morally Grey Characters –, präsentiert sie aber frisch und glaubwürdig. Vor allem die scharfzüngigen Wortwechsel zwischen Lira und Elian sind ein echtes Vergnügen. Die einzelnen Szenen besitzen einen klaren Aufbau und lassen sich regelrecht „wegsuchten“. Die Gewalt in der Geschichte wird relativ explizit geschildert, dient aber nie der Effekthascherei; sie spiegelt schlicht die innere Brutalität der Figuren wider. Und während Hans Christian Andersens Meerjungfrau sich am Ende in Meeresschaum verwandelt, bleibt Lira greifbar 😉 – mit Ecken, Kanten und einer Geschichte, die spürbar unter die Haut geht.
Apropos Ecken und Kanten: Vielleicht können Autorin oder Übersetzerin mir ja mal erklären, wie das hier zu verstehen ist: „Sein Wangenknochen ist so scharf, dass ich mich daran schneiden könnte.“ WTF?!
Das deutsche Hörbuch wird von Constanze Buttmann (Jahrgang 1994) und János Jung gesprochen. Beide sind ausgebildete Schauspieler, die bereits in diversen Hörspiel- und Synchronproduktionen tätig waren. Buttmann verleiht Lira eine glaubhafte Mischung aus Trotz und Verwundbarkeit; ihre Stimme trägt die innere Zerrissenheit der Figur mühelos.
Jung interpretiert Elian mit ruhiger Stärke und emotionaler Tiefe, was der Dynamik zwischen beiden Figuren zugutekommt.
Die Produktion verzichtet auf übertriebene Soundeffekte; die musikalischen Einspielungen am Anfang und Ende hätten für mich nicht sein müssen.
„To Kill a Kingdom – Das wilde Herz der See“ist kein romantisch verklärtes Märchen, sondern eine kraftvolle Geschichte über Freiheit, Vertrauen und Selbstbestimmung. Christo zeigt, dass Liebe nicht immer Sanftmut bedeutet, sondern auch Mut zur Verletzlichkeit. Die Stärke ihrer Figuren, die klug aufgebaute Welt und der Spagat zwischen Härte und Zärtlichkeit machen das Buch – und das Hörbuch – zu einem echten Erlebnis. Kleine Schwächen im Hinblick auf die Ausgestaltung der Nebenfiguren sind da meines Erachtens verzeihlich.
Autorin: Alexandra Christo
Buchtitel: To Kill a Kingdom – Das wilde Herz der See (ungekürzte Fassung)
Sprecher: Constanze Buttmann, János Jung
Verlag: Wunderkind Audiobooks
ASIN: B0CLLNR7BZ
Dauer: 11 h 39 min
Erscheinungsdatum: 9. November 2023
Genre: Fantasy, Liebesroman


Das zehnjährige Klassentreffen des Elite-Internats Rosenberg findet im Luxuszug Mireille statt, doch Lara Thomas nimmt nur sehr ungern daran teil: Nicht nur, weil sie den Schlafwagen ausgerechnet mit ihrem ehemaligen Schulrivalen Aarón Juez teilen muss, sondern auch, weil auf der Fahrt alte Streitereien hochkochen. Und Erinnerungen. Und Gefühle. Doch dann wird das Event durch eine schockierende anonyme Beichte unterbrochen: „Ich habe getötet.“ Im Zug befindet sich ein Mörder!
Lara und Aarón tun sich zusammen, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Doch sie wissen nicht einmal, ob sie einander trauen können …
Bestsellerautorin Stefanie Hasse (*1980) hat sich im deutschsprachigen Raum eine große Fangemeinde für ihre emotionalen, oft genreübergreifenden Romances aufgebaut. Sie lebt in Süddeutschland mit Mann, Kindern und Chihuahua Loki und verbindet in ihren Büchern romantische Spannung mit Elementen von Thriller oder Fantasy. In Remember, Remember – Denn keine Tat ist je vergessen vereint sie genau diese Stärken: knisternde Gefühle, nervenaufreibende Situationen und facettenreichen Protagonisten, denen es schwerfällt, sich von ihrer Vergangenheit zu lösen.
Die Prämisse der Geschichte ist definitiv genial: Zehn Jahre nach dem Abschluss kommt eine Gruppe ehemaliger Internatsschüler in einem luxuriösen hochmodernen Zug zusammen. Dieser fährt einhundert Stunden lang durch mehrere europäische Länder, ohne aber irgendwo anzuhalten. Lara Thomas nimmt nur sehr ungern an diesem Treffen teil, wurde sie doch als Lehrerkind während ihrer Zeit im Internet von den aus wohlhabenden Familien stammenden Schülern gemobbt. Und man schiebt noch heute ihrer alkoholkranken Mutter die Schuld am Tod eines Schülers zu. Doch ihr bleibt keine andere Wahl: Ihr kleines Influencer-Unternehmen braucht dringend neue Kunden, und da sind die reichen Adligen und Unternehmer natürlich willkommen. Doch am Abfahrtsbahnhof muss sie feststellen, dass sie keinen eigenen Schlafwagen hat, sondern diesen mit ihrem früheren Schulrivalen Aarón Juez teilen muss. Und eines haben die beiden bei diesem Event gemeinsam: Auch der Spanier Aarón nimmt nur widerwillig an der Veranstaltung teil. Doch wenn der Bad Boy den Familienkonzern übernehmen will, muss es ihm gelingen, eine Woche lang nicht für einen Skandal zu sorgen. Und wo kann man das besser als in einem Zug, der vier Tage lang nicht hält? Doch von Beginn an kochen die alten Spannungen, unliebsame Erinnerungen und ungeklärte Gefühle wieder hoch. Die Stimmung der etwa zwanzig Reisenden kippt, als auf einem der unzähligen Bildschirme nicht nur die Bilder eines toten Schulfreundes erscheinen, sondern auch eine anonyme Botschaft: „Ich habe getötet.“ War Mika damals etwa nicht das Opfer eines Unglücks? Wurde er von einem der anderen Schüler ermordet? Und befindet sich nun sein Mörder an Bord des Luxuszuges?
„Wir unterbrechen die laufende Radiosendung für eine Eilmeldung. Der vergangene Woche als vermisst gemeldete Schüler des privaten Luxus-Internats Rosenberg wurde heute von einer Gruppe Wanderern tot aufgefunden. Wie ein Polizeisprecher mitteilte, weist die Leiche starke Verletzungen und zahlreiche Prellungen auf, die mutmaßlich zum Tod des Siebzehnjährigen führten.“
Eine Gruppe von Verdächtigen, die vier Tage lang in einem hochmodernen Zug eingeschlossen sind, der scheinbar von jemandem gehackt und sabotiert wird – einem Mörder. Doch warum zeigt dieser sich jetzt, wo doch alle davon ausgehen, dass der Todesfall damals nur ein Unglück war? Ich frage euch Thrillerfans: Geht es noch genialer?
Auch die im Zentrum der Geschichte stehenden beiden Protagonisten sind gut ausgearbeitet: Lara und Aarón. Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive von einem von beiden erzählt bzw. Szenen werden auch aus beiden Perspektiven erzählt, sodass dem Leser schnell deutlich wird: Es ist vielleicht nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint und man kann Ereignisse auch unterschiedlich deuten. Eines eint die beiden in dieser Situation jedoch: Beide haben von den damaligen Ereignissen ein Trauma davongetragen, das sie bis heute nicht überwunden haben: Lara wurde nach dem Tod von Mika, der eigentlich mit einer anderen Schülerin zusammen war, sich aber an die Außenstehende herangemacht hatte, aufs Übelste gemobbt. Aarón war ein Konkurrent der Einserschülerin und insgeheim in diese verliebt und hat am Tatabend seinem Frust in einem brutalen Anfall von Wut Luft gemacht. Noch heute verfolgen ihn die Bilder des schlimm zugerichteten Opfers und von Beginn an fragt sich der Leser: Aarón ist der Mörder?! So einfach kann es doch nicht sein?! Ist es auch nicht.
Hasse zwingt die beiden immer wieder Situationen, in denen Nähe und Misstrauen dicht beieinanderliegen: Sie müssen kooperieren, um dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, und gleichzeitig erkennen sie, dass sie einander nie vollständig vertrauen können. Gerade diese Rivals-to-Lovers-Dynamik funktioniert unglaublich gut. Auf diese Weise entsteht Spannung nicht nur durch den äußeren Kriminalfall, sondern durch das ständige Zueinander-und-Auseinander von Gefühlen und Erinnerungen.
Anders als in typischen Thriller-Erzählungen baut Hasse überwiegend weniger auf rasante Action als auf psychologischen Druck und zwischenmenschliche Dynamiken. Der Luxuszug wird zur Bühne, auf der alte Konflikte wiederaufflammen – es gibt vertraute Blicke, verletzte Eitelkeiten, unerwartete Loyalitäten, aber auch lange fällige Versöhnungen. Der Zug selbst ist fast ein eigener Charakter: eng, nicht immer ganz funktionistüchtig, ein Entrinnen ist nicht möglich. Diese Atmosphäre der Forced Proximity verstärkt nicht nur den Krimi-Aspekt, sondern verleiht auch dem sich anbahnenden emotionalen Plot Gewicht.
Was Remember, Remember besonders auszeichnet, ist die Mischung aus New-Adult-Romance und Thrill. Die von Hasse genutzten Tropes – Forced Proximity, Only One Bed, Rivals to Lovers – sind klug gewählt und werden nicht bloß abgearbeitet, sondern organisch in die Handlung integriert. Das sorgt dafür, dass sich der romantische und der spannungsgeladene Teil gegenseitig aufladen, ohne dass einer den anderen völlig überlagert.
Überzeugt hat mich auch die wirklich actionreiche Auflösung der Geschichte, wenn man dieser auch nicht unbedingt durch eigene Überlegungen auf die Spur kommen kann, öffnet sich doch am Ende noch einmal ein völlig unvorhergesehener Handlungsstrang. Die Spannung wird überwiegend von den handelnden Figuren getragen und hier und da hätte man den äußeren Thrill – geschlossener Handlungsraum, technische Probleme oder Sabotage – noch stärker ausbauen können. Das ist kein prinzipieller Makel, aber als Thrillerfan weiß man, dass Überraschungsmomente oft mehr „liefern“ als Gespräche und reine Verdächtigungen.
Sprachlich ist der Roman eingängig und flüssig – typisch für Hasses erzählerische Handschrift. Sie schreibt klar, zugänglich, ohne unnötige Abschweifungen. Das Buch lässt sich gut lesen und noch besser hören. Gerade wenn die Handlung zwischen Konfrontation und zögerlicher Annäherung wechselt, profitieren diese Szenen von den unterschiedlichen Sprechern und ihrer jeweiligen Interpretation.
Die deutsche Hörbuchfassung wird von vier Sprecherinnen und Sprechern getragen: Primär von Dagmar Bittner und Louis Friedemann Thiele; Abschnitte im Anhang werden von Anke Reitzenstein und Tim Gössler gesprochen. Dagmar Bittner ist als erfahrene Hörbuch- und Synchronsprecherin bekannt, Louis Friedemann Thiele sorgt für eine klare, charakteristisch männliche Stimme. Gemeinsam machen sie die wechselhaften Stimmungen im Zug hörbar: Nervosität, Misstrauen und Höhepunkte genauso wie die spicy „Annäherungen“.
„Remember, Remember – Denn keine Tat ist je vergessen“ ist ein spannender New-Adult-Roman mit Thriller-Einschlag, der romantische Tropes clever mit einem Mystery-Plot verwebt. Die Atmosphäre des Luxuszugs als geschlossener Raum funktioniert gut als Katalysator für Konflikte und emotionale Entwicklungen. Hasse schafft es, die Beziehung zwischen Lara und Aarón nicht nur als klassisches „Rivals to Lovers“-Motiv zu erzählen, sondern als eine emotional komplexe Reise, in der alte Verletzungen, Vertrauen und Unsicherheit eine Rolle spielen.
Ein paar erzählerische Schwächen im Thriller-Teil mindern den Gesamteindruck nur geringfügig. Die Stärken liegen eindeutig in den Figuren, ihren Konflikten und der Frage: Wem kann man trauen, wenn die Vergangenheit wieder ihr böses Haupt erhebt? Die Hörbuchfassung ist ein unterhaltsames, atmosphärisch dichtes Erlebnis – spannend, romantisch und überraschend psychologisch durchdacht. Für alle, die Romance mit Spannungsmomenten mögen, ist das ein hörenswertes Stück New Adult.
Autorin: Stefanie Hasse
Buchtitel: Remember, Remember – Denn keine Tat ist je vergessen (ungekürzte Ausgabe)
Sprecher: Dagmar Bittner, Louis Friedemann Thiele, Anke Reitzenstein, Tim Gössler
Verlag: Random House Audio
ISBN: 9783759901439
Dauer: 15 h 38 min
Erscheinungsdatum: 19. Januar 2026
Genre: New Adult, Thriller
* Dieses Hörbuch und das dazugehörige Coverfoto wurden mir freundlicherweise vom Bloggerportal als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich gebe hier – trotz kostenlosem Exemplar – meine ehrliche Meinung wieder …


Studentin Katherine Campbell hasst Vampire. Doch beim Versuch, ein Zauberbuch aus der geheimen Universitätsbibliothek zu stehlen, befreit sie einen Fluch. Gerettet wird sie ausgerechnet von ihm: Ethan Hawthorn, seines Zeichens Chef-Bibliothekar, mächtiger Vampir, unnatürlich attraktiv und ihr größter Feind an der Darkthorn University. Um den Fluch in Schach zu halten, muss ihr chronisch miesgelaunter Retter sie regelmäßig beißen – absolut illegal seit 1899. Das Schlupfloch? Eine Heirat. Von jetzt an muss Ethan alles mit Kat teilen. Auch sein Bett. Egal, wie sehr Kat an seiner Selbstbeherrschung zerrt. Egal, wer noch Interesse an ihr und dem Fluch zeigt. Fest steht, er wird seine Frau um jeden Preis beschützen. Auch, wenn ihre Ehe nur eine Täuschung ist. Oder etwa nicht?
Penny Juniper schreibt Romantasy mit – im wahrsten Sinne des Wortes – ordentlich „Biss“. Ihre Geschichten verbinden Humor, Magie und Beziehungschaos. Bite the Bride, Auftakt der neuen Reihe Darkthorn Archives, liefert genau das, was Fans lieben: eine zündende Prämisse, freche Dialoge und zwei Protagonisten, die sich nicht ausstehen können – oder eben doch.
Ich bin tot. Diesmal wirklich.
Der Vampir hat seine Hand an meiner Kehle und drückt zu.
Ein alternatives England, 1925: Protagonistin Katherine „Kat“ Campbell führt mit drei Freundinnen ein freies, teilweise chaotisches Leben. Sie studiert als eine der ganz wenigen nicht Magischen an einer Universität, die sonst nur von übernatürlichen Wesen wie Vampiren, Hexen, Werwölfen oder Fae besucht wird. Nebenbei schreibt sie Artikel für die Universitätszeitung, in denen sie Missstände anprangert – sehr zum Ärger mancher Fakultätsmitglieder. In ihrer Jugend haben sie und ihre damals beste Freundin, die Hexe Lilly, versucht, ihr mithilfe von dunkler Magie auch magische Fähigkeiten zu verleihen. Was entsetzlich schiefging: Lilly hat ihre Kräfte verloren und trägt seither eine große Narbe im Gesicht. Und genau das treibt Kat in dieser Geschichte an.
Als sie erfährt, dass sich in der Universitätsbibliothek ein Grimoire mit magischen Sprüchen befindet, mit denen sie Lilly heilen und ihr ihre Kräfte zurückgeben kann, beschließt sie, dort einzubrechen. Doch als sie das magische Buch öffnet, geschieht, was sie nicht erwartet hat – aber wir natürlich schon. 😉 : Einer der dunklen Sprüche befreit sich daraus und nistet sich gewissermaßen in ihr ein.
Erwischt wird sie dabei von Bibliothekar Ethan Hawthorn, einem Vampir, der auch einer der engsten Vertrauten der Vampirkönigin seines Hive ist. Diese erkennt, dass es nur einen Weg gibt, um Kat am Leben zu erhalten und den mächtigen Fluch wieder einzufangen: Ethan muss die „schwache Menschenfrau“ täglich beißen und so den Fluch gewissermaßen im Zaum halten. Und das ist im alternativen England des 20. Jahrhunderts nur dann erlaubt, wenn die beiden Parteien verheiratet sind. Und genau das passiert …
Was folgt, ist eine humorvolle, sexy Enemies-to-Lovers- bzw. Found-Family-Geschichte, die der Leserin auf unterhaltsame Weise sowohl Romantik als auch Verschwörungen und übernatürliche Gefahren liefert. Katherine ist in diesem Buch in jedem Kapitel die treibende Kraft. Sie ist laut, unangepasst, clever und oft zu voreilig – genau das macht sie aber auch so sympathisch. Juniper schreibt Frauenfiguren, die sich nicht retten lassen müssen. Kat setzt ihren Kopf durch, stolpert, flucht, steht wieder auf – und bleibt dabei sympathisch menschlich.
Ethan ist das genaue Gegenteil von ihr: Er muss immer alles unter Kontrolle haben und weil er schon so lange existiert und erleben musste, dass geliebte Menschen sterben, zögert er sehr, jemandem seine Zuneigung zu schenken. Die Chemie zwischen den beiden funktioniert vor allem deshalb, weil die Autorin beiden Raum lässt und nicht urteilt: Kat darf laut sein; Ethan darf still grübeln.
Auch die Nebenfiguren sind facettenreich und interessant – allen voran Kats Studienfreundinnen, ihr „Circle of Trust“ –, und es gelingt Juniper, auch sie in ein glaubwürdiges Umfeld zu versetzen. Will sagen: Auch sie haben ein Leben jenseits der Geschichte um Kat und Ethan.
Stilistisch setzt Juniper auf Tempo und Dialogwitz. Mit ellenlangen Beschreibungen gibt sie sich nicht ab. Auch die Historie unserer Protagonisten fließt organisch und alles andere als langweilig in die Story ein. Junipers Sätze sind knapp und pointiert; ihre Figuren neigen zu trockenen, bissigen Bemerkungen. Das trägt die Geschichte und macht das Lesen (bzw. Anhören) zu einem echten Vergnügen. Zugleich bleibt zwischen all den sarkastischen Dialogen Raum für echte Gefühle: Wenn die Figuren gezwungen sind, ihre schützenden Mauern fallen zu lassen und sich ehrlich ihren Gefühlen zu stellen, fühlt man als Leserin/Hörerin wirklich mit. Wer auf unterhaltsame Urban Fantasy oder charmante Romantasy mit einem Schuss Spice steht, wird hier bestens bedient.
Gelesen wird das Hörbuch zu Bite the Bride von Yeşim Meisheit (die Kapitel aus Kats Sicht) und Vincent Fallow (die Ethan-Kapitel). Beide sind professionelle Sprecher mit viel Erfahrung in Hörbuch- und Synchronproduktionen. Und ich muss sagen: Es war ein riesiges Vergnügen, ihren Lesungen zu folgen! Ohne diese beiden genialen Sprecher wäre die Geschichte vielleicht sogar nur halb so gut.
Sie bringen Tempo ins Geschehen und schaffen es, die Tonalität der Figuren gut zu treffen. Meisheit verleiht Katherine die richtige Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit, während Fallow Ethans düstere Ruhe glaubhaft vermittelt. Die Sprecher ergänzen sich sehr gut – die Spannungen zwischen den Charakteren kommen so unmittelbar und lebendig rüber. Das funktioniert auch deshalb so gut, weil die Geschichte ohnehin von Dialogen und der Action lebt.
„Bite the Bride“ist kurzweilige Romantasy mit ordentlich Biss – frech, temporeich und mit Figuren, die mehr sind als bloße Klischees. Penny Juniper setzt auf Witz, Dynamik und Emotion statt auf große Überraschungen oder Tiefgang, und genau das funktionierte für mich. Die Geschichte trägt durch ihre Dialoge und die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren und nicht durch irgendwelche Plottwists.
Wer Fantasy-Romance mit Humor, ein paar Verwicklungen und einem Hauch Spice mag, wird hier auf angenehme Weise gut unterhalten. Ich jedenfalls hatte beim Hören deutlich mehr Spaß, als ich erwartet hatte.
Autorin: Penny Juniper
Buchtitel: Bite the Bride (ungekürzte Lesung)
Reihe: Darkthorn Archives, Band 1
Sprecher: Yeşim Meisheit, Vincent Fallow
Verlag: Silberfisch
EAN: 9783844943962
Dauer: 14 Stunden 36 Minuten
Erscheinungsdatum: 29. September 2025
Genre: Fantasy


Seit Jahrhunderten werden Frauen unterdrückt. Frauen, die in irgendeiner Weise Stärke ausgestrahlt, sich selbst ermächtigt und zur Wehr gesetzt haben, werden belächelt, verurteilt und dämonisiert. Und all diese Frauen leben in uns weiter – ihre Angst, ihre Freude, ihre Liebe. Und ihre Wut. All diese Mütter, Großmütter und Urgroßmütter. Alle Frauen der Geschichte, die große Opfer auf dem steinigen Weg zur Gleichberechtigung bringen mussten.
Auf der Suche nach den Ursprüngen von Female Rage taucht Tara-Louise Wittwer in die europäische Geschichte ein und erzählt die ungehörten Geschichten der Frauen, die sich gegen das männliche Narrativ der Schwäche und Passivität gestemmt haben. Von den Sagen der Antike bis zur Realität des 21. Jahrhunderts, von Giulia Tofana, der legendären Giftmischerin, bis zu den namenlosen Heldinnen des Alltags.
Tara-Louise Wittwer (*9. September 1990, Elmshorn) ist eine deutsche Autorin, Kolumnistin und erstellt Videos für Instagram und Co. Sie studierte Kulturwissenschaften und lebt in Berlin, wo sie u. a. über die sozialen Medien als @wastarasagt zu feministischen Themen, Misogynie und Genderdiskursen arbeitet. Mit Veröffentlichungen wie Dramaqueen und Sorry, aber … hat sie sich in der feministischen Sachbuchszene etabliert.
Ich bin ganz genauso wie andere Frauen. Ich bin kein Chill Girl mehr, ich bin ein Girls Girl. Frauen zuerst. Immer.
So wie sich Männer wählen, wähle ich Frauen.
So wie ich von Männer gewählt werden wollte, will ich jetzt von Frauen gewählt werden.
So wie ich auf der Jagd nach Komplimenten von Männern war, bedeuten mir Komplimente von Frauen jetzt alles.
Und endlich fühle ich mich gesehen und verstanden …
In Nemesis’ Töchter begibt sich Wittwer auf eine Reise durch rund 3000 Jahre Geschichte und untersucht das Phänomen der weiblichen Wut – oder eher: Female Rage – in all seinen Facetten. Sie erzählt von historischen Frauen, die sich gegen patriarchale Narrative zur Wehr gesetzt haben oder ihm zum Opfer fielen; beleuchtet ererbte und internalisierte Formen weiblichen Schweigens und „Kleinmachens“; zeigt, wie gerade die Solidarität und der Zusammenhalt unter Frauen tragen können. Themen wie Dämonisierung von weiblicher Stärke, Umgang mit Wut, Übergang von Scham zu Selbstermächtigung und die Rolle von Erzählungen und Mythen ziehen sich durch das Buch. Wittwer arbeitet mit historischen Beispielen (Antike, Mythen, europäische Geschichte, auch weniger bekannte Frauenfiguren) sowie Reflexionen bis in die Gegenwart hinein – wobei sie stets versucht, Theorie mit lebensnaher Perspektive zu verbinden. Wittwer blickt zurück in die (europäische) Historie, nimmt aber auch aktuelle Entwicklungen unter die Lupe. Die britannische Heerführerin Boudicca, die nach der Vergewaltigung ihrer Töchter einen Aufstand gegen die Römer anzettelte, findet im Buch ebenso Erwähnung wie Marianne Bachmeier, die in den Achtzigerjahren den Mörder ihrer Tochter im Gerichtssaal erschoss. Auch die Französin Gisèle Pelicot mit ihrem Zitat „La honte doit changer de camp“ („Die Scham muss die Seite wechseln“) wird angeführt, um deutlich zu machen: Wir müssen damit aufhören, Opfern (sexueller Gewalt) die Verantwortung für ihr Erlebnis zu geben („Dein Rock war zu kurz … du warst angetrunken … nachts am falschen Ort … hast nicht Nein gesagt …“); die Täter müssen die Konsequenzen ihrer Taten zu spüren bekommen.
Sprachlich hält das Buch eine angenehme Balance: klar, gut lesbar, gelegentlich pointiert und immer wieder mit dem für sie so bekannten Biss. Wittwer nutzt eine zugängliche Sprache, verweilt nicht zu lang in akademischem Jargon, sondern versucht, ihre Gedanken mit Beispielen und manchmal einer Prise Ironie zu unterlegen. An manchen Stellen kann man ihre Stimme, wie man sie aus ihren Videos kennt, durchklingen hören. Gelegentlich hätte ich mir mehr Tiefe bei manchen Passagen gewünscht (zum Beispiel da, wo Dinge gefühlt als bekannt vorausgesetzt werden). Insgesamt gelingt ihr aber etwas, was nicht selbstverständlich ist: ein feministisches Sachbuch zu schreiben, das nicht nur informiert, sondern unterhält.
Gelesen wird Nemesis’ Töchter von der Autorin selbst, was ich zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig fand. Ich folge Tara schon längere Zeit bei Instagram und kenne ihre erfrischende, direkte Art zu sprechen, ihre bissigen Kommentare. Da sie nun aber einem „festen“ Text folgt, kam diese Frische anfangs etwas zu kurz. Entweder habe ich mich aber nach und nach daran gewöhnt oder sie gewann mehr Sicherheit und las den Text mit einer größeren inneren Freiheit ein.
Dem Hörbuch spürt man ihre Persönlichkeit ab: den für sie so typischen bissigen Tonfall, die Pausen, den feinen Humor – nicht dramatisch überzogen, aber spürbar. Ihre Lesart verleiht dem Text eine besondere Authentizität.
Ich hätte nie gedacht, dass ein feministisches Sachbuch nicht nur ungemein informativ und zum Nachdenken anregend sein kann, sondern auch sehr unterhaltsam und kurzweilig! „Nemesis’ Töchter“ gelingt genau das: Es lädt dazu ein, alte Denkmuster zu hinterfragen, die eigene Wut zu verstehen und sich mit der langen Geschichte feministischer Kämpfe einszumachen. Der einzige Kritikpunkt an dieser Stelle wäre vielleicht, dass sie ihren Blick primär auf den westlichen Raum richtet und andere Gesellschaften ausblendet. Aber das hätte sicherlich den Rahmen ihres Buches und ihr Ansinnen gesprengt.
Wittwer spricht mit Biss, Klarheit und Engagement. Wenn man bereit ist, sich auf dieses Buch einzulassen, wird man belohnt – mit Erkenntnissen, mit Mut, aber vor allem mit dem Gefühl, nicht allein zu sein. Denn der hoffnungsvolle Grundton ihres Buch und der zentrale Gedanke des weiblichen Zusammenhalts ziehen sich wie ein roter Faden durch das Buch. Für alle, die feministische Literatur lebendig und pointiert mögen, ist dieses Buch eine starke Empfehlung.
Autorin: Tara-Louise Wittwer
Buchtitel: Nemesis’ Töchter (ungekürzte Fassung)
Sprecherin: Tara-Louise Wittwer
Verlag: Argon Sachhörbuch
EAN: 9783732484485
Dauer: 5 h 52min
Erscheinungsdatum: 1. Oktober 2025
Genre: Sachbuch, Feminismus