Das Einhorn als jahrtausendealtes Motiv der Kunst

„Gott muss alles erschaffen haben – auch das Einhorn“: Dieser Satz ziert einen um 1500 entstandenen gewebten Teppich mit dem Titel ‘Allegorische Tiere’ und steht beispielhaft für die jahrtausendealte Faszination, die das Fabelwesen auslöst. Entgegen seines heutigen, oft bunten und glitzernden Images blickt das Einhorn auf eine rund 4000-jährige Geschichte in Mythen, Religion und Kunst zurück. Dieser Vielschichtigkeit widmete das Museum- Barberini in Potsdam die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“. Ende Januar hatten elf Wikimedia-Aktive im Rahmen einer KulTour die Gelegenheit, sich dem Phänomen Einhorn exklusiv und aus wikipedianischer Perspektive zu nähern.

Zwischen Glücksbringer und Todesallegorie

Ob als japanischer Glücksbringer, als Darstellung für den Tod zum Beispiel bei der Enthauptung des Johannes oder als Apothekenzeichen mit Narwalzahn im niederösterreichischen Zwettl: Seine Zuschreibungen reichen von sanftmütig über eigenwillig bis kampfstark. Ein Wundertier, das bis heute nicht einzufangen ist – so beschreibt es das Museum-Barberini.

Einer der Teilnehmenden an der Wikipedianischen KulTour ist Schlesinger. Während der KulTour erhielten er und die anderen Freiwilligen eine kunsthistorische Führung durch die Ausstellung – Fotografieren ausdrücklich erlaubt. Dabei ließ sich Schlesinger ganz in den Bann des Fabeltiers ziehen: „[..] fast neigte man sogar dazu, an dieses fantastische Wesen zu glauben und sich wie viele Kinder neben das Wärme ausstrahlende präparierte pferdeähnliche Einhornexponat mit echtem Fell zu legen, schließlich werden ihm alle möglichen Wunderkräfte zugeschrieben“, so der langjährige Wikipedianer in seinem Bericht.

Nach der Führung erhielten die Ehrenamtlichen Einblicke in die organisatorische Arbeit, die für die Ausstellung gestemmt werden musste: denn die Ausstellung versammelt rund 150 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, illuminierte Manuskripte, Plastiken und Tapisserien, die von 80 Leihgebern aus 16 Ländern ausgeliehen wurden.

Einhorn-Wissen für alle

Die rund um den Besuch entstandenen Fotos und das neu erworbene Wissen rund um den Mythos Einhorn werden in die Wikipedia, Wikimedia Commons und Wikidata eingearbeitet. Dies ist das Konzept der Wikipedianischen KulTour, von der Wiki-Aktive wie Museen gleichermaßen profitieren: Ehrenamtliche erhalten exklusive Einblicke in die Museen. Indem sie diese in den Wiki-Projekten verarbeiten, helfen sie den Museen, ihre Inhalte zu öffnen, also zu digitalisieren und frei verfügbar zu machen. Mit dem Barberini arbeitet die Wikipedia-Community schon seit 2021 zusammen, zuletzt bei der GLAM on Tour 2023. GLAM on Tour ist ein mehrtägiges und erweitertes Austauschformat, das auch eine Einführung in die Wikimedia-Projekte für Museumsmitarbeitende beinhaltet.

Die Ergebnisse der jüngsten KulTour können sich schon sehen lassen: Bis jetzt wurden bereits 356 Bilder in Wikimedia Commons und 159 Einträge in Wikidata eingefügt – und die Ehrenamtlichen sind noch lange nicht fertig.

Wir freuen uns, die Zusammenarbeit mit dem Museum-Barberini in den letzten Jahren verstetigt zu haben. Langfristige Kooperationen wie diese sind besonders lohnend. Sie ermöglichen es den GLAM-Institutionen, sich als wegweisende Akteur*innen in der digitalen Wissensgesellschaft zu positionieren.
Holger Plickert Referent für Kultur- und Gedächtnisinstitutionen und GLAM-Organisator bei Wikimedia Deutschland

GLAM on Tour: So geht’s weiter

Für die Zukunft ist noch viel geplant. So sollen Kooperationen mit Gedenk- und Erinnerungsstätten in den Fokus rücken. Bei GLAM können Ehrenamtliche und Institutionen gemeinsam die Qualität und Reichweite des Geschichtswissens in der Wikipedia steigern. Damit leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Erweiterung des kollektiven Gedächtnisses und zum Schutz vor Geschichtsmythen und Desinformation.

Dokumente schreiben, Präsentationen vorbereiten, Zahlen auswerten – Office-Software ist eine zentrale Säule für digitale Arbeit und digitales Lernen. Die meisten nutzen dabei Microsoft Office oder die Google Suite, weil diese Programme am Arbeitsplatz vorinstalliert sind oder sich nahtlos in E-Mail- und Cloud-Dienste einfügen. Doch diese Dominanz hat ihren Preis: hohe Lizenzkosten, dauerhafte Abonnements und – im Falle von Cloud-Tools – die Weitergabe sensibler Daten an große Unternehmen.

Deshalb stellen wir uns heute die Frage: Gibt es starke, kostenlose Alternativen, die wirklich mithalten können?

Genau darüber sprechen wir mit Masin Wiedner, IT-Systemadministrator bei Wikimedia Deutschland.

Takeaways

  • Gute Alternativen gibt es: Besonders LibreOffice, OnlyOffice und Collabora Online stechen hervor. Einzelanwendungen wie AbiWord oder Gnumeric können ebenfalls gezielt eingesetzt werden.
  • Keine Bindung: Offene Formate wie ODF schützen davor, dass persönliche Dateien an einen einzelnen Anbieter gebunden werden.
  • Mehr Kontrolle über Daten: Selbst gehostete oder offline nutzbare Tools erhöhen Datenschutz und Datensouveränität.
  • Einarbeitungszeit einplanen: Manche Menüs und Funktionen sind anders angeordnet als bei Microsoft Office oder Google Docs – ein bisschen Geduld lohnt sich.
  • Kombinierbar: Man kann z. B. LibreOffice lokal nutzen und OnlyOffice oder Collabora Online für Teamarbeit im Browser einsetzen.

Hi Masin, was machst du bei Wikimedia Deutschland?

Ich bin einer der Systemadministratoren im IT-Team von Wikimedia Deutschland. Zu unseren Aufgaben gehört die Ausstattung des Kollegiums mit Arbeitsrechnern und den dazugehörigen Programmen. Dabei spielt für uns auch die Sicherheit unserer persönlichen und Arbeitsdaten eine große Rolle.

Was genau ist „Office-Software” und warum ist sie so wichtig?

Unter „Office-Software“ fasst man Programme zusammen, die typische Büroarbeiten unterstützen – vor allem das Schreiben von Texten und das Arbeiten mit Tabellen. Textverarbeitung deckt das Erstellen von Briefen oder längeren Dokumenten ab, während Tabellenkalkulationen zum Erfassen und Analysieren von Daten dienen. Gerade Letztere sind wahre Allzweckwaffen: Sie mussten schon für alles Mögliche herhalten – und tun es bis heute –, oft auch für Dinge, für die es eigentlich geeignetere und stabilere Lösungen gäbe.

Der Begriff „Office-Software“ ist allerdings nicht eindeutig definiert. Viele zählen auch Präsentationsprogramme dazu – ursprünglich gedacht für Folien, die man auf Tageslichtprojektoren geworfen hat. Daher kommt übrigens der Begriff „Folie“ beziehungsweise „Slide“ in Programmen wie PowerPoint. „PowerPoint“ ist dabei längst zum Gattungsbegriff geworden, egal welches Programm man tatsächlich benutzt.

Die großen Programmpakete enthalten oft auch Anwendungen zum Definieren und Bearbeiten von Datenbanken. Das sind jedoch schon eher Spezialwerkzeuge. Für die meisten Menschen reichen Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramme völlig aus.
Microsoft Office bringt zusätzlich noch Outlook mit, also ein Programm für E-Mails und persönliches Informationsmanagement. In den letzten Jahren hat Microsoft außerdem versucht, seine Marktmacht zu nutzen und Teams – ein Werkzeug für Kommunikation und Zusammenarbeit mit Chat, Videokonferenzen und gemeinsamen Dateien – über die Office-Bündelung zum Pflichtprogramm zu machen. Die Wettbewerbsbehörden waren von dieser Zwangskombination weniger begeistert und haben sie untersagt. Google bietet zwar vergleichbare Anwendungen an, hat aber im Gegensatz zu Microsoft nicht dieselbe marktbeherrschende Stellung im Bereich Office-Software.

Warum interessierst du dich besonders für Freie Office-Suiten?

Für mich ist das vor allem eine Frage der Teilhabe am digitalen Leben. Freie Office-Suiten ermöglichen es allen Menschen, auch ohne die nötigen finanziellen Ressourcen, an und mit der digitalen Welt zu arbeiten und teilzuhaben.

Office-Anwendungen sind für viele die ersten „richtigen“ Programme, mit denen sie überhaupt in Berührung kommen. Der sogenannte Informatikunterricht an Schulen war lange Zeit praktisch ein Kurs in Microsofts Text- und Tabellenprogrammen. Für einen großen Teil der Bevölkerung ist „Office“ deshalb bis heute gleichbedeutend mit „Microsoft Office“.

Wenn alle Menschen diese Programme nur für sich allein und zuhause verwenden würden, könnte die Geschichte hier enden. Doch sehr oft markiert ein erstelltes Dokument erst den Beginn einer längeren digitalen Reise: Es wird verschickt, geöffnet, weiterverarbeitet und wieder verschickt. Und jedes Mal wird vorausgesetzt, dass die Empfänger*innen wissen, wie sie diese Dokumente öffnen, anzeigen und bearbeiten können.

Das führt dazu, dass viele Menschen faktisch gezwungen sind, Produkte eines einzigen Herstellers zu nutzen, wenn sie reibungslos mit anderen zusammenarbeiten wollen. Das Problem: Diese Produkte waren noch nie kostenlos. Früher musste man mehrere Hundert Euro für eine Lizenz bezahlen, heute sind es laufende Abos – mit dem Risiko, den Zugriff auf wichtige Anwendungen zu verlieren, sobald es finanziell mal enger wird. Gleichzeitig bestimmt der Hersteller allein, was zur Office-Suite gehört und was nicht. Jüngstes Beispiel sind Preiserhöhungen mit dem Hinweis, dass nun „KI“ integriert sei. Viele möchten diese Form von „KI“ aber aus ethischen oder ökologischen Gründen gar nicht nutzen – geschweige denn dafür bezahlen.

Eine Möglichkeit, dem Zwang bestimmter Office-Systemen zu entgehen, ist das Schaffen von Interoperabilität: Die verschiedenen Programme „verstehen“ sich gegenseitig, können also mit den Dateiformaten der anderen umgehen – oder alle verwenden dasselbe Format, dessen Aufbau standardisiert und dessen Dokumentation frei verfügbar ist.

Und ja, die Entscheidung zwischen freier und proprietärer Software ist auch politisch und marktpolitisch relevant. Es geht um Wahlfreiheit, Unabhängigkeit, gesunden Wettbewerb und echte Innovation. Letztere entsteht im Markt vor allem dann, wenn man sich damit gegenüber Mitbewerbern einen Vorteil verschaffen kann – ein Umstand, der bei Monopolisierung fast nicht mehr gegeben ist.

Welche Nachteile entstehen, wenn man sich auf Microsoft Office oder die Google Suite verlässt?

Es gibt den Begriff des „Vendor Lock-Ins”, der eine Abhängigkeit von einem einzelnen Anbieter beschreibt und damit einhergeht, dass ein Wechsel des Anbieters mit unvertretbar hohen Kosten verbunden ist – entweder finanzieller, organisatorischer oder technischer Natur. Ist man erst einmal in dieser Position, kann der Anbieter die Bedingungen für die Nutzung der Produkte immer weiter zu seinen Gunsten verändern. So können die Abo-Preise erhöht werden, wichtige Funktionen hinter teuren Lizenzen versteckt werden, die Kontrolle über die Dokumente kann verloren gehen. Oben hatte ich dazu den Fall mit der integrierten „KI“ erwähnt. Microsoft hat sich da übrigens auch einiges bei Google abgeschaut.

Bei der Google Suite, die viele noch als Google Apps, Google Docs, G Suite oder heute Google Workspace kennen, findet praktisch alles im Browser statt, und die Dokumente liegen ausnahmslos auf den Servern von Google. Google „kennt“ also im Zweifel einen sehr großen Teil der Gedanken und Arbeitsinhalte seiner Kund*innen. Die einzigen Zusicherungen, dass diese Daten nicht zu ihrem Schaden verwendet werden, sind am Ende die Nutzungsbedingungen (denen man meist zustimmen muss) und die Gesetze, die am Unternehmenssitz gelten. Und genau da wird es heikel: Die weitreichenden Befugnisse , die die USA – Sitz sowohl von Google als auch Microsoft – ihren Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten eingeräumt haben, sollten jeden zum Nachdenken bringen. Der Patriot Act von 2001 erlaubt US-Behörden wie dem FBI, der NSA oder der CIA weitreichenden Zugriff auf Server von US-Unternehmen ohne richterliche Anordnung. Der Cloud Act von 2018 verschärft die Situation noch weiter, weil er den Zugriff sogar dann ermöglicht, wenn die Daten physisch im Ausland gespeichert sind. Dass die USA mit ihren Geheimdiensten aktiv Wirtschaftsspionage betrieben haben, ist ebenfalls dokumentiert, etwa durch das Überwachungssystem Echelon.

Und da reiht sich Microsoft neuerdings mit ein: Dokumente, die man lokal erstellt oder bearbeitet, werden ungefragt in OneDrive, Microsofts hauseigenen Cloud-Speicher hochgeladen.

All das hat Folgen für Datenschutz, Datensouveränität und auch für einen gesunden wirtschaftlichen Wettbewerb. Dazu kommt noch ein weiterer Effekt: Die Dominanz von Microsoft Office wirkt weit über Office-Anwendungen hinaus. Wer Office nutzen will, braucht ein Betriebssystem, das Microsoft unterstützt – effektiv also Windows oder macOS. Alternative Betriebssysteme stehen damit schon an dieser Stelle vor ganz unnötigen Hürden.

Warum dominieren Microsoft und Google den Office-Bereich so stark?

Microsofts heutige Dominanz stammt noch aus der Zeit vor dem Internet. Damals gab es im Office-Bereich tatsächlich noch einen halbwegs lebendigen Wettbewerb. Microsoft konnte jedoch mit der Bündelung von Word, Excel, PowerPoint und Outlook ein Gesamtpaket anbieten, dem viele Firmen kaum widerstehen konnten. Einzelne Konkurrenten hatten teilweise bessere Einzelprogramme – aber eben keine komplette Suite. Und sobald genug Unternehmen auf Microsoft Office gesetzt hatten, kippte das Ganze: Wer beim Dokumentenaustausch mitmachen wollte, musste praktisch ebenfalls auf Microsoft umsteigen. Offene, standardisierte Formate gab es kaum, und PDFs spielten im Büroalltag noch keine nennenswerte Rolle.

Privat wollten die Menschen dann natürlich das nutzen, was sie aus dem Büro kannten: erst unter MS-DOS, dann unter Windows 3.11, Windows 95 – und immer begleitet von der vertrauten Office-Umgebung. So setzte sich Microsoft Schritt für Schritt auch im Alltag der Leute fest.

Google landete seinen großen Durchbruch 2005 mit dem E-Mail-Dienst Gmail, hierzulande auch vielen als Google Mail bekannt. Gmail bot etwas, das damals tatsächlich revolutionär war: 1 Gigabyte Speicher – kostenlos. Während andere Anbieter auf 10 oder 20 Megabyte begrenzten oder die Zahl der E-Mails deckelten, traf Google damit einen echten Schmerzpunkt. Die Nutzerzahlen explodierten.

Auf dieser breiten Basis konnte Google nach und nach das ausbauen, was Microsoft lange für sich beansprucht hatte: E-Mail und persönliches Informationsmanagement, also Kalender, Kontakte und Aufgaben. Parallel reiften auch die Office-Anwendungen selbst, wenn auch langsam. Ich erinnere mich noch daran, dass Google Docs vor gut zehn Jahren nicht einmal Kopf- und Fußzeilen konnte – für offizielle Schreiben war das damals schlicht unbrauchbar.

Dafür boten Googles Office-Produkte etwas, das perfekt in den Zeitgeist passte: Zusammenarbeit in Echtzeit über das Internet. Menschen waren ständig online und wollten gemeinsam an Dokumenten arbeiten – und genau das lieferte die Google-Suite.

Der Funktionsumfang war lange „gut genug“ und wurde kontinuierlich besser. Und weil die Nutzung zunächst kostenlos war, konnten sehr viele Menschen früh damit Erfahrungen sammeln. Was im Privaten und im semi-professionellen Umfeld funktionierte, wanderte dann schnell in Unternehmen – besonders in jüngere Firmen und weniger konservative Branchen.

Hinzu kamen später die Chromebooks als günstiges Angebot für Schulen und Bildungseinrichtungen. Spätestens in der COVID-19-Pandemie von 2020 bis 2023 hat das dem Google Workspace noch einmal einen kräftigen Schub gegeben.

Welche freien Office-Alternativen würdest Du unseren Leser*innen empfehlen?

Ganz klar an erster Stelle: LibreOffice. Die Suite ist funktionsreich, gepflegt und für fast alle gängigen Betriebssysteme verfügbar – die sichere Wahl für alle, die eine vollwertige, lokal installierbare Office-Suite wollen.

Danach wird’s dünner, denn echte freie Office-Suiten gibt es kaum. Einzelanwendungen funktionieren aber sehr gut: AbiWord für Textverarbeitung, Gnumeric für Tabellenkalkulation – schlank, schnell und überraschend leistungsfähig.

Besondere Vertreter sind Collabora Online und OnlyOffice: Die laufen nämlich nicht einfach auf dem eigenen Rechner, sondern werden auf einem Server installiert und dann im Browser genutzt. Sie eignen sich super für gemeinsame Arbeit an Dokumenten – ähnlich wie Google Docs, nur eben ohne das große Datensammeln im Hintergrund. Für Privatleute ist das vielleicht etwas viel Aufwand, aber für Vereine, Schulen oder kleine Unternehmen kann das eine spannende Lösung sein.

Was sind die größten Vorteile dieser Alternativen?

All den Alternativen ist gemein, dass sie unabhängig von den großen Anbietern betrieben werden können: entweder komplett lokal im Falle von LibreOffice oder auf eigenen Servern betrieben im Falle von Collabora Online und Only Office. Selbst wenn der Betrieb der beiden Letzteren als Service eingekauft wird, sind es eher kleinere Anbieter, und bei denen gehört die Auswertung von Daten ihrer Kundschaft nicht zum Kerngeschäft. Für den Datenschutz ist das in jedem Fall eine gute Sache.

Als Underdogs haben diese Alternativen zudem Interoperabilität immer großgeschrieben. Besonders das einst von OpenOffice.org initiierte Open Document Format (ODF) hat sich als Standard etabliert. Darüber hinaus glänzen diese Office-Programme auch damit, dass sie nicht nur ihre eigenen Formate, sondern teilweise auch mittlerweile sehr exotische Dateien wie uralte WordPerfect-Dokumente aus den 80er-Jahren öffnen könnten.

Ein Tipp, den ich oft gegeben habe, wenn jemand Probleme mit einem Microsoft-Office-Dokument hatte: Datei in LibreOffice öffnen, neu abspeichern im aktuellen Microsoft-Format – und schon klappt’s meistens. Über Jahre hinweg war es fast schon ein Running Gag, dass Microsoft Office die eigenen älteren Dateien nicht fehlerfrei öffnen konnte.

Collabora Online und OnlyOffice ermöglichen sogar eine Online-Zusammenarbeit, ganz ähnlich wie man es vom Google Workspace kennt – für Teams und Gruppen also eine echte Alternative.

Was könnte sich beim Wechsel von Microsoft Office oder Google Docs anders anfühlen?

Man kann es sich nicht schönreden: Microsoft und Google investieren riesige Summen in ihre Benutzeroberflächen. Die freien Alternativen wirken dagegen manchmal etwas spröde oder wie aus einer anderen Zeit – auch wenn der Open-Source-Charakter es erlaubt, alternative Oberflächen auszuprobieren. LibreOffice kommt vielen, die es noch kennen, eher wie ein Microsoft Office 2003 vor, also wie die letzte Version vor den „Ribbons“, die Symbole und Aktionen in Reitern gruppieren.

Von den Funktionen her muss LibreOffice sich aber keineswegs verstecken: Alles Wichtige ist da, auch wenn manche Dinge an Stellen zu finden sind, an denen man sie nicht sofort erwartet. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass dort manches sehr praktisch gelöst ist und anderes wiederum weniger logisch platziert wirkt.

Unterm Strich braucht es vor allem ein bisschen Geduld und guten Willen, um sich umzugewöhnen. Persönlich mag ich die Arbeit mit LibreOffice sehr – auch, weil es dazu ermutigt, Dokumente wirklich sauber zu formatieren.

Next Steps

  1. Dokumente sichern und sortieren
    Überprüfen Sie alle aktuellen Office-Dateien auf Ihrem Rechner oder in der Cloud. Sortieren Sie sie nach Wichtigkeit und laden Sie eine Kopie herunter – am besten im neutralen ODF-Format. So haben Sie volle Kontrolle über Ihre Daten.
  2. LibreOffice installieren und erstes Projekt starten
    Laden Sie LibreOffice oder eines der anderen hier vorgestellten Programme herunter und erstellen Sie ein Testdokument oder eine Tabelle. Konvertieren Sie eine alte Datei aus Microsoft Office oder Google Docs, um die Kompatibilität zu prüfen.
  3. Alternative Formate ausprobieren
    Speicheren Sie neue Dokumente nicht automatisch in Microsoft- oder Google-Formaten, sondern testen Sie mal ODF oder PDF/A. So stellen Sie sicher, dass Ihre Dateien zukunftssicher sind.
  4. Online-Zusammenarbeit auf freier Basis testen
    Richten Sie ein kleines Projekt in OnlyOffice oder Collabora Online ein – z. B. ein gemeinsames Dokument mit Freunden, Kolleg*innen oder Vereinsmitgliedern. So bekommen Sie ein Gefühl für die Zusammenarbeit ohne große Abhängigkeit. Hilfe zum Einrichten finden sich für Collabora Online hier und für OnlyOffice hier.
  5. Schrittweise umstellen Statt alles auf einmal zu wechseln, nutzen Sie zunächst beide Welten parallel: LibreOffice lokal, OnlyOffice oder Collabora Online für Teamarbeit. Mit kleinen, realistischen Projekten gewöhnen Sie sich an die neuen Tools, ohne dass der Alltag stockt.

Freie Software: Reisen ohne Datenabdruck

Wednesday, 21 January 2026 13:50 UTC

Ob Städtereise, Geschäftsreise oder der lang ersehnte Urlaub – digitale Reiseplaner sind heute aus der Reisevorbereitung kaum wegzudenken. Sie helfen dabei, Routen zu optimieren, Sehenswürdigkeiten zu entdecken oder Buchungen zu koordinieren. Doch viele der gängigen Tools kommen von großen Tech-Konzernen, die vor allem eines tun: Daten sammeln und daraus Profit schlagen.

Deshalb lohnt sich der Blick auf freie, offene Software-Alternativen. Sie versprechen: volle Kontrolle, mehr Privatsphäre und Unabhängigkeit. Was es dabei zu beachten gibt und wie jedem der Umstieg gelingt, darüber sprechen wir dieses Mal mit Volker Krause, einem langjährigen Wikimedia- und KDE-Community-Mitglied.

Begriffe, die Sie vor dem Lesen dieses Artikels kennen sollten:

KDE e.V. ist der gemeinnützige Verein, der die Entwicklung freier, offener Software aus der KDE-Community unterstützt – damit Menschen überall verlässliche, transparente und gemeinschaftlich entwickelte Anwendungen nutzen können.

Wikidata ist eine frei zugängliche Wissensdatenbank, die strukturierte Informationen über Personen, Orte, Organisationen und vieles mehr speichert. Anders als ein klassischer Artikel liefert sie die Daten in maschinenlesbarer Form, sodass Programme und Apps sie automatisch nutzen können. So können beispielsweise Reise- oder Karten-Apps aktuelle Informationen aus Wikidata abrufen, ohne alles selbst recherchieren zu müssen.

OpenStreetMap (OSM) ist eine freie, von der Community erstellte Weltkarte. Jede*r kann Orte, Straßen, Wege oder Sehenswürdigkeiten eintragen und aktualisieren. Die Daten sind offen verfügbar, sodass Apps und Dienste sie für Navigation, Routenplanung oder andere Anwendungen nutzen können – ähnlich wie bei Google Maps, nur dass hier alle mitmachen und die Daten frei bleiben.

Hi Volker, an welchen KDE- und Wikimedia-Projekten arbeitest du mit und was genau machst du da?

Ich arbeite seit ein paar Jahren an der Entwicklung von KDE’s Reise-App Itinerary mit. Darüber bin ich mit der Zeit dann auch in andere Projekte und Initiativen reingerutscht auf denen sowohl die Itinerary-App als auch viele andere freie Anwendungen in diesem Bereich aufbauen, wie beispielsweise der Pflege von Daten zu Bahnhöfen oder Zuglinien in Wikidata oder OpenStreetMap sowie dem Aufbau des freien und Communitybetriebenen Routing-Dienst Transitous.

Was genau ist ein Reise- oder Routenplaner – wozu dient er?

Ein Reise- oder Routenplaner ist im Kern ein System, das ermittelt, wie man zu einer bestimmten Zeit am besten von A nach B kommt – meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Je nach Einsatzzweck kann das aber deutlich umfangreicher werden. Dazu gehören zum Beispiel Funktionen zur Verwaltung von Tickets und Buchungen, Hinweise auf Störungen auf der eigenen Pendelstrecke oder auch ergänzende Informationen für Reisende, etwa zu Sehenswürdigkeiten. Kurz: Ein Reiseplaner bündelt die Informationen, die man benötigt, um zuverlässig und möglichst unkompliziert ans Ziel zu kommen.

Wie bist du erstmals mit Reiseplanern in Berührung gekommen?

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Volker Krause ist seit vielen Jahren ehrenamtlich für den KDE e. V., Wikidata und viele weitere damit verbundenen Anwendungen tätig.

Ich bin zwar selbst viel unterwegs, aber eigentlich war mein Einstieg in das Thema mehr ein Zufall. Auf dem Rückweg von einer Veranstaltung konnte ich in einer völlig mit Werbung überladenen Buchungs-E-Mail die Informationen zu meiner Anschlussverbindung nicht mehr finden. Weil ich damals am KDE-E-Mail-Programm KMail gearbeitet habe, habe ich mir die Nachricht im „Quelltext“ angesehen – also in der technischen Rohfassung, in der alle versteckten Informationen sichtbar sind. Dabei bin ich auf eine maschinenlesbare Beschreibung der Reise gestoßen.

Daraus entstand dann zunächst ein kleines Zusatzmodul für KMail – ein sogenanntes Plugin –, das die Reiseinformationen aus solchen E-Mails übersichtlich aufbereitet hat und sie automatisch in den Kalender übernehmen konnte. Das war nützlich, zeigte aber schnell, dass man damit viel mehr machen kann. Am Ende ist daraus schließlich KDE Itinerary als eigene Anwendung entstanden, die offiziell 2018 öffentlich vorgestellt wurde.

Warum beschäftigen dich besonders Open Source und freie Reiseplaner – was reizt dich an dem Thema?

Open Source und freie Reiseplaner beschäftigen mich, weil es im Alltag immer schwieriger wird, ohne proprietäre Apps auszukommen. „Proprietär“ bedeutet: Eine App gehört einem Unternehmen, funktioniert nur unter dessen Bedingungen und läuft oft nur auf Plattformen wie von Google oder Apple. Egal ob Online-Banking, Gesundheitsdaten oder einfach eine Fahrkarte für Bus und Bahn – überall wird man zunehmend in solche geschlossenen Systeme gedrängt. Anfang des Jahres gab es ja sogar den Fall, dass Studierende in Berlin ihr Semesterticket nur noch per verpflichtender App nutzen sollten. Das zeigt, wie konkret dieses Problem ist.

Gerade deshalb brauchen wir echte Alternativen. Als ich vor mehr als 20 Jahren mit freier Software angefangen habe, ging es vor allem um technische Fragen, etwa darum, einen Windows-95-Rechner zu ersetzen. Dieser Aspekt ist geblieben, aber digitale Dienste sind heute viel enger mit dem Alltag verknüpft.

Heute reicht es nicht mehr aus, dass Software offen entwickelt und technisch solide ist. Sie muss auch im Alltag nutzbar sein – also Zugang zu relevanten Daten haben, mit bestehenden Systemen zusammenarbeiten dürfen und praktisch einsetzbar sein. Fehlen etwa Fahrplandaten, Echtzeitinformationen oder Buchungsschnittstellen, bleiben freie Anwendungen außen vor, auch wenn sie technisch mithalten könnten. Deshalb geht es inzwischen nicht nur um Softwareentwicklung, sondern auch um die politischen Rahmenbedingungen dafür.

Und das kann niemand alleine durchsetzen. Dafür braucht es eine breite Zusammenarbeit von Menschen und Organisationen, die sich für digitale Freiheit und den Schutz der Privatsphäre einsetzen. Durch diese Zusammenarbeit kann man tatsächlich etwas bewegen.

Welche Nachteile haben die klassischen Anbieter wie Google Maps, Apple Karten, TripAdvisor oder TripIt aus deiner Sicht?

Bei den großen, bekannten Anbietern ist Datenschutz aus meiner Sicht der wichtigste Kritikpunkt. Dabei geht es nicht nur darum, welche persönlichen Daten gespeichert werden, sondern vor allem darum, welche Rückschlüsse daraus möglich sind. Eine einzelne Reise wirkt zunächst oft harmlos. Viele Angaben wie Name, Adresse oder Zahlungsdaten liegen den kommerziellen Unternehmen durch andere Anwendungen, die ihnen ebenfalls gehören, oft schon vor. Diese Daten stammen dann nicht zwingend aus einer konkreten Reisebuchung, sondern aus anderen Diensten: App-Store-Konten, E-Mail, Cloud-Dienste oder frühere Käufe. Selbst wenn man dort kein Ticket kauft, ist das Nutzerprofil oft schon sehr vollständig. Dazu kommt, dass Reiseziele nichts sind, was man grundsätzlich geheim hält und gerne auch mal aus freien Stücken auf Social Media teilt.

Problematischer wird es, wenn man die komplette Reisehistorie betrachtet. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf Arbeitsorte, Interessen oder familiäre Beziehungen ziehen. Werden solche Bewegungsdaten vieler Menschen miteinander verglichen – man spricht hier von Korrelation –, lassen sich sogar soziale Zusammenhänge erkennen. Dass zwei Personen einmal zur gleichen Zeit am selben Ort sind, kann Zufall sein. Passiert das regelmäßig, deutet es auf eine Beziehung hin. Es geht also nicht nur um die individuelle Privatsphäre, sondern auch um die gesellschaftliche Auswirkungen.

Daneben gibt es noch eine zweite Gruppe von Anwendungen: die Apps der Verkehrsanbieter selbst, etwa der DB Navigator. Diese sind zwar oft die einzige Möglichkeit, Tickets direkt zu kaufen, überzeugen aber ebenfalls selten durch guten Datenschutz. Außerdem führen sie zu einem Flickenteppich aus Apps – für jede Region oder jedes Land eine andere.

Hinzu kommt, dass solche Anwendungen meist nur das eigene Angebot anzeigen. Im DB Navigator fehlen zum Beispiel Fernbusse. Das ist aus Sicht der Anbieter nachvollziehbar, liegt aber nicht im Interesse der Reisenden, die eigentlich einen vollständigen Überblick über alle verfügbaren Verkehrsmittel brauchen.

Warum dominieren diese großen Plattformen aus deiner Sicht den Markt so sehr?

Ein zentraler Grund für die Dominanz großer Plattformen sind Monopole. Zum einen gibt es die Plattform-Monopole von Google und Apple: Wer ein Smartphone nutzt, ist meist an deren Betriebssysteme gebunden, und diese bevorzugen ihre eigenen Anwendungen automatisch. Das verschafft ihnen einen enormen Marktvorteil.

Zum anderen gibt es Monopole auf Seiten der Verkehrsanbieter. Sie kontrollieren den Zugang zu Fahrplandaten und haben oft exklusiv die Möglichkeit, Tickets für ihre Angebote zu verkaufen. Ohne diese Daten und ohne Ticketverkauf ist ein Reiseplaner aber nur eingeschränkt nutzbar. Das macht es für alternative Anbieter extrem schwierig, konkurrenzfähige Angebote zu entwickeln.

Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus Norwegen. Dort betreibt die öffentliche Hand eine zentrale Plattform für Fahrplanauskunft und Ticketverkauf, die vollständig mit freier Software umgesetzt ist. Verkehrsanbieter sind verpflichtet – und auch motiviert –, qualitativ hochwertige offene Fahrplandaten bereitzustellen. Tun sie das nicht, erhalten sie keine Einnahmen aus dem Ticketverkauf. So entsteht ein fairer, offener Wettbewerb im Sinne der Reisenden.

Auch in Deutschland gibt es erste Ansätze in diese Richtung, etwa mit Projekten wie Stadtnavi in Herrenberg. Diese zeigen, was mit politischem Willen möglich wäre – bislang allerdings noch in deutlich kleinerem Maßstab.

Welche freien, offenen Alternativen gibt es aktuell?

Es gibt bereits eine ganze Reihe freier und offener Alternativen: Eine der vermutlich am weitesten verbreiteten Apps in Deutschland ist Öffi. Sie ermöglicht Verbindungssuchen im Nah- und Fernverkehr in vielen Regionen, ohne dass man für jede Stadt oder jeden Verkehrsverbund eine eigene App installieren muss. In diesem Bereich – also der reinen Routen- und Verbindungsplanung – gibt es derzeit auch die größte Auswahl an freien Alternativen.

Als Alternative zur Web-Version von Google Maps lohnt sich ein Blick auf Cartes (Karten) aus Frankreich. Neben Routenplanung und Straßen-Navigation bietet Cartes auch Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants und Geschäften, inklusive Fotos. Damit deckt es einen ähnlichen Funktionsumfang ab, setzt aber auf offene Technologien.

Natürlich gehört in dieser Aufzählung auch KDE Itinerary dazu. Diese Anwendung ist am ehesten mit Diensten wie TripIt vergleichbar. Sie richtet sich weniger an die eigentliche Routenplanung, sondern daran, während einer Reise alle wichtigen Informationen gebündelt zur Verfügung zu haben – etwa Buchungen, Fahrkarten oder Reservierungen.

Das sind allerdings nur drei Beispiele. Sie zeigen, wie vielfältig der Bereich bereits ist, decken aber längst nicht das gesamte Spektrum ab. Wer sich für freie Reiseplaner interessiert, sollte ruhig etwas Zeit zum Stöbern einplanen – es lohnt sich.

Screenshot Cartes
Eine gute Alternative zu proprietären Reiseplanern: die französische App Cartes.

Was sind die größten Vorteile dieser freien Reiseplaner?

Der größte Vorteil freier Reiseplaner ist, dass sie von Reisenden für Reisende entwickelt werden. Ihr Ziel ist es, bei der Planung und unterwegs zu unterstützen – nicht, Daten zu sammeln, Werbung anzuzeigen oder bestimmte Produkte zu verkaufen.

Entsprechend unterscheidet sich auch der Umgang mit Datenschutz deutlich. Vollständig offline funktionieren solche Anwendungen zwar meist nicht, das ist aber auch kaum möglich, wenn man aktuelle Verspätungen oder Echtzeitinformationen nutzen möchte. Entscheidend ist: Die Funktionsweise ist offen und transparent, man kann also nachvollziehen, welche Daten übertragen werden und warum.

Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Communitys hinter diesen Anwendungen. Sie sind in der Regel leicht ansprechbar, und Nutzer*innen können eigene Erfahrungen und Ideen einbringen. Dafür muss man kein technisches Spezialwissen haben. Wenn man etwa bei einem Umstieg mit dem Kinderwagen von OpenStreetMap – einer frei nutzbaren Weltkarte – über unnötig viele Stufen geführt wird, liegt das oft daran, dass Wege auf der Karte noch nicht ganz korrekt erfasst sind. Das lässt sich einfach korrigieren indem man als Nutzer*in einfach selbst Hand anlegt und die Informationen anpasst. Das verbessert die Situation sofort für alle Menschen, die OpenStreetMap nutzen.

Was ist für Nutzer*innen vielleicht ungewohnt, wenn sie von Google Maps oder TripIt umsteigen?

Beim Umstieg von beispielsweise Google Maps oder TripIt fallen Nutzer*innen vor allem zwei Dinge auf, für die es bislang noch keine wirklich guten freien Alternativen gibt: Bewertungen und Ticketbuchungen.

Bewertungen sind allerdings auch in kommerziellen Anwendungen nicht unumstritten. Sie sind anfällig für Spam und gezielte Manipulationen und erfordern einen hohen Moderationsaufwand. Dazu kommen rechtliche Risiken, etwa bei falschen oder rufschädigenden Bewertungen. All das ist für freie Projekte nur schwer zu stemmen. Zwar gibt es immer wieder Ideen, wie man Bewertungen robuster und fairer gestalten könnte, wirklich überzeugende Konzepte haben sich bisher aber nicht etabliert – sofern das überhaupt möglich ist.

Bei Ticketbuchungen ist die Situation etwas anders. Die meisten freien Projekte möchten selbst nicht als kommerzielle Anbieter auftreten. Für Nutzer+innen wäre es aber sehr hilfreich, eine geplante Reise direkt beim jeweiligen Verkehrs- oder Reiseanbieter buchen zu können. Technisch wäre das über sogenannte „Deep Links“ möglich – also direkte Verweise in die Buchungssysteme. Solche Schnittstellen werden von den Anbietern bislang jedoch nur selten angeboten, was freie Alternativen aktuell deutlich einschränkt.

Wie einfach ist der Umstieg – und wo findet man diese freien Tools?

Der Umstieg ist relativ unkompliziert. Web-Anwendungen wie Cartes lassen sich direkt im Browser nutzen, ohne dass eine Installation nötig ist. Die anderen Apps gibt es wahlweise im freien App-Store F-Droid – einem App-Shop speziell für freie und Open-Source-Anwendungen – oder auch im Google Play Store. Über beide Wege lassen sie sich problemlos auf Smartphones installieren.

Hast du noch ein, zwei Tipps für Einsteiger*innen, um den Wechsel möglichst reibungslos zu gestalten?

Ein guter Einstieg ist, verschiedene Alternativen einfach einmal parallel auszuprobieren. So kann man herausfinden, welche App oder Anwendung für den eigenen Anwendungsfall und die Region, in der man unterwegs ist, am besten passt.

Wohin entwickelt sich die Welt der freien Reiseplaner deiner Meinung nach in den nächsten Jahren?

In der Welt der freien Reiseplaner passiert gerade sehr viel – und ich gehe davon aus, dass sich das in den nächsten Jahren weiter beschleunigt.

Ein gutes Beispiel dafür ist Transitous. Das ist ein offener, von der Community betreuter Routing‑Dienst für den öffentlichen Verkehr, der unabhängig von einzelnen Verkehrsunternehmen oder großen Plattformen funktioniert. Er nutzt frei verfügbare Fahrplandaten aus vielen Ländern (z. B. im Standardformat GTFS und Realtime‑Daten) und stellt daraus eine grenzüberschreitende Reiseplanung bereit, die nicht an nationale Grenzen oder einzelne Betreiber gebunden ist. Transitous konzentriert sich darauf, den Nutzer*innen gute Routenplanung zu bieten, ohne ihre Daten zu sammeln oder kommerziell auszunutzen. Das ist noch relativ neu: Vor nicht allzu langer Zeit war öffentliche Verkehrsrouting‑Technologie jenseits der proprietären Systeme praktisch nicht verfügbar. Inzwischen nutzen mehrere freie Anwendungen Transitous – ein Zeichen, dass die technische Machbarkeit längst da ist und weiter wächst.

Auch die Community drumherum wächst. So fand im Oktober 2025 erstmals die Open Transport Community Conference statt, ein „Unconference“‑Format, bei dem Entwickler*innen sowie Interessierte aus Projekten wie Transitous, OpenStreetMap oder OpenTripPlanner in Wien zusammenkamen. Dort ging es weniger um klassische Vorträge, sondern vor allem um Austausch, Diskussion und Zusammenarbeit rund um freie Software und offene Daten für Mobilität und öffentlichen Verkehr.

Wie genau sich das alles entwickeln wird, ist noch schwer vorherzusagen. Aber ich vermute, dass sich der Fokus zunehmend weg vom bloßen Aufholen der proprietären Lösungen hin zu eigenen, neuen Ideen verschieben wird. Ein Beispiel dafür sind Ansätze, barrierefreie Informationen ins Routing einzubeziehen – etwa alternative Verbindungsoptionen, wenn ein Bahnsteig nicht durch einen defekten Aufzug erreichbar ist. Solche Funktionen sind für bestimmte Nutzergruppen essentiell und finden sich in proprietären Anwendungen oft nur zögerlich oder überhaupt nicht, wenn kein regulatorischer Druck besteht.

Takeaways

  • Es gibt überzeugende Alternativen: KDE Itinerary, Öffi oder Cartes decken verschiedene Aspekte der Reiseplanung ab – von Routenplanung über Fahrplandaten bis zur Übersicht über Reiseinformationen.
  • Datenschutz bleibt das stärkste Argument: Keine versteckte Datensammlung, keine personalisierte Werbung – volle Kontrolle über die eigenen Reisedaten.
  • Der Umstieg ist einfacher als gedacht: Viele Tools laufen offline, funktionieren auf allen Geräten und lassen sich parallel zu bestehenden Apps nutzen.
  • Tipp: Erst einmal ausprobieren – ein Wochenende nur mit einem freien Reiseplaner planen und erleben, wie unabhängig Reisen sich anfühlen kann.

Next Steps

  1. Testen: KDE Itinerary, Öffi oder Cartes direkt über die Website oder den App-Store herunterladen und ausprobieren.
  2. Entdecken: Die nächste Reise oder Route bewusst mit einem dieser Tools planen, um die Funktionsweisen kennenzulernen.
  3. Vertiefen: Mitglied einer Community werden, die an freien Reiseplanern arbeitet, und aktiv Erfahrungen oder Daten beitragen – zum Beispiel bei Transitous oder OpenStreetMap.

Es war einmal … ein freies Internet

Das Netz fühlte sich einst an wie ein offener Spielplatz für alle Menschen: für Ideen, Austausch und Neugier. Heute gleicht es eher einem Shoppingcenter mit Überwachungskameras, Hausrecht und Dauerbeschallung. Während die Anzahl der Websites explodiert ist, schrumpft unsere tatsächliche Freiheit online. Der Grund: Eine Handvoll Big-Tech-Konzerne kontrolliert einen Großteil des digitalen Raums und damit die Entwicklung unserer Gesellschaft.

Wer sichtbar sein will, muss zahlen. Wer teilnehmen will, gibt Daten ab. Und wer glaubt, selbst zu entscheiden, was sie/er sieht, unterschätzt die Macht unsichtbarer Algorithmen. Genau hier setzt die Initiative Save Social an – und ruft mit dem Digital Independence Day (DI.DAY) zur digitalen Selbstbefreiung auf!

Die Aktion wir von insgesamt 41 Organisationen unterstützt, darunter Wikimedia Deutschland.

Digitale Unabhängigkeit mit Schritt für Schritt-Anleitung

Der DI.DAY ist kein einmaliger Aktionstag, sondern ein monatliches Ritual. An jedem ersten Sonntag im Monat sollen Menschen und Organisationen bewusst von profitorientierten Plattformen zu freien Alternativen wechseln. Heute die Plattform X verlassen und zu Mastodon gehen, morgen WhatsApp gegen Signal tauschen, übermorgen Gmail durch einen datenschutzfreundlichen Mailanbieter ersetzen.

Auf der Webseite stellt die Initiative sogenannte Wechselrezepte bereit: einfache, alltagstaugliche Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Wechseln von Messenger, Browser, E-Mail und mehr. Laut Save Social gibt es nämlich mehr als genug Alternativen, die nur deshalb nicht sichtbar sind, weil die Big-Tech-Angebote so überpräsent sind. Ergänzt wird das Angebot durch Workshops und Veranstaltungen, online wie offline.

So sollen jeden Monat immer mehr Menschen und Organisationen von profitorientierten zu  gemeinwohlorientierten Alternativen wechseln. Wer den Umzug vollzogen hat, sagt mit dem Hashtag #DIDit in den eigenen sozialen Netzwerken Bescheid – und zieht andere nach und nach mit. So retten wir unsere digitale Freiheit und unsere Demokratie.

Breite Unterstützung – und politischer Druck

Der DI.DAY wurde Ende 2025 auf dem Chaos Communication Congress von Autor Marc-Uwe Kling vorgestellt, der die Initiative auch konzeptionell mitentwickelt hat. Kling kritisiert seit Längerem, dass Plattformen wie X oder Facebook zunehmend steuern, wie Menschen Wirklichkeit wahrnehmen. In einem Beitrag der Tagesschau macht er deutlich, wie massiv Demokratie und Freiheit dadurch unter Druck geraten – und warum es höchste Zeit ist, sich aus dieser „Umarmung“ zu lösen.

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Autor Marc-Uwe Kling (links) und CCC-Sprecher Linus Neumann (rechts) sind Unterstützer von Save Social und der DI.DAY Initiative.

Getragen wird die Initiative von einem beeindruckend breiten Bündnis. Dazu gehören unter anderem Wikimedia Deutschland, der Chaos Computer Club, Ecosia, die Digitale Gesellschaft, Robin Wood, Nextcloud, ver.di Hamburg sowie viele weitere Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Diese Vielfalt zeigt: Digitale Unabhängigkeit ist kein Nischenthema.

Passend dazu haben bereits über 155.000 Menschen eine Petition von Save Social unterzeichnet, die den Abschied der Bundesregierung von der Plattform X fordert. Franziska Heine, Vorständin von Wikimedia Deutschland, bringt es zum Start des DI.DAY mit einem Augenzwinkern auf den Punkt:

„Weil digitale Unabhängigkeit für jede und jeden wichtiger denn je ist, haben wir dem Bundeskanzler zu Weihnachten einen Mastodon-Account geschenkt. Das könnt ihr auch – schenkt euch selbst, den Nachbarn oder der Oma ein Stück Freiheit und digitale Selbstbestimmung!“

Digitale Selbstbestimmung: Endlich unabhängig von Big Tech

Viele von uns greifen im Alltag auf Software großer Tech-Konzerne zurück. Sie ist bequem, gut gestaltet und funktioniert meist problemlos – doch häufig zahlen wir dafür mit unseren Daten, intransparenten Algorithmen und fehlender Kontrolle durch Zwangsupdates. Wer digital selbstbestimmt bleiben möchte, kann auf Freie Software setzen. In einer Blogreihe zeigen wir, welche Alternativen es gibt – von Betriebssystemen über Browser und Messenger bis hin zu Social Media.

Laptopscreen mit Galaxie-Darstellung

Teil 1: Warum Freie Software wichtig ist – und wie wir alle davon profitieren

Der meistgelesene Artikel 2025

Auf Platz eins der meistgelesenen Artikel in der deutschsprachigen Wikipedia steht – wie in fast jedem Jahr – der Nekrolog 2025, also die Übersicht verstorbener Persönlichkeiten. Mehr als 4,6 Millionen Aufrufe verzeichnete dieser Artikel, der Jahr für Jahr aktualisiert wird. Zwischen bekannten Namen finden sich dort auch viele rote Links – sie zeigen biographische Einträge, die es noch nicht gibt. Was immer ein Hinweis darauf ist, wie viel Wissen in der Wikipedia noch entstehen kann.

Das sind die Top Ten:

  1. Nekrolog 2025 (4,69 Millionen Aufrufe)
  2. ChatGPT (3,91 Millionen Aufrufe)
  3. Deutschland (3,78 Millionen Aufrufe)
  4. Alice Weidel (3,76 Millionen Aufrufe)
  5. Friedrich Merz (3,35 Millionen Aufrufe)
  6. Ed Gein (3,12 Millionen Aufrufe)
  7. Elon Musk (2,60 Millionen Aufrufe)
  8. Donald Trump (2,41 Millionen Aufrufe)
  9. Leo XIV. (2,40 Millionen Aufrufe)
  10. Laura Dahlmeier (2,31 Millionen Aufrufe)

Von der Bundestagswahl bis zur Weltpolitik: 2025 war ein politisches Jahr

Das politische Interesse prägte die Wikipedia-Nutzung 2025 besonders stark. Unter den Top 20 finden sich gleich mehrere Politiker*innen: Neben Alice Weidel und Friedrich Merz stießen auch die Artikel zu Heidi Reichinnek (Platz 14), Lars Klingbeil (Platz 17) und Julia Klöckner (Platz 20) auf großes Interesse. Auch zur Bundestagswahl 2025 (Platz 19) informierten sich viele Lesende auf Wikipedia, was die fast 1,8 Millionen Aufrufe des Artikels bestätigen, genauso wie zur Chronik des russischen Überfalls auf die Ukraine ab 2025 (Platz 32). Auch internationale Akteur*innen wie Elon Musk (Platz 7), Donald Trump (Platz 8) oder JD Vance, der neue US-Vizepräsident (Platz 24), bleiben viel gesuchte Namen.

Diese Zahlen zeigen, wie stark Wikipedia als Nachschlagewerk für politische Orientierung dient: Ob bei aktuellen Wahlen, Kriegen oder politischen Debatten – viele Menschen suchen in der freien Online-Enzyklopädie nach belegten Fakten statt Schlagzeilen.

Wie Wikipedia über digitale Trends informiert

Dass der Artikel zu ChatGPT mit über 3,9 Millionen Aufrufen auf Platz zwei der Top 100 landet, überrascht nicht. Kaum ein Thema hat die Diskussionen des vergangenen Jahres über Technik und Bildung so bestimmt wie der Umgang mit generativer KI. Die Wikipedia dient hier oftmals als Kompass: Menschen suchen nach einer verlässlichen Einordnung, wie künstliche Intelligenz funktioniert – und was sie für den Alltag bedeutet.

Einen anderen Nerv traf der Artikel zum US-amerikanischen Mörder Ed Gein auf Platz sechs. Das Interesse an wahren Kriminalfällen, sogenannten „True Crime“, bleibt groß. Die hohe mobile Nutzung des Artikels (über 90 %) zeigt zudem: Wikipedia-Wissen wird heute oft und gern unterwegs konsumiert.

Popkultur und Sport: Wissen zum Mitreden

Auch popkulturelle Themen wurden viel gesucht. Artikel über Musiker*innen wie Ozzy Osbourne (Platz 21), Shirin David (Platz 75), Haftbefehl (Platz 34), Nina Chuba (Platz 78) oder Serien wie Stranger Things (Platz 31), Yellowstone (Platz 37) und The White Lotus (Platz 92) zeigen, wie Wikipedia Teil des Alltags von Vielen ist.

Sportlich lasen Viele (Platz 16) über die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 – schon im Jahr vor dem Großereignis verzeichnete der Artikel fast zwei Millionen Aufrufe.

Der tragische Tod der Biathletin Laura Dahlmeier bewegte 2025 viele Menschen – erkennbar auch daran, dass der Artikel über sie 2,3 Millionen Mal aufgerufen wurde und damit Platz 10 der meistgelesenen Artikel ist.

Zeitlose Themen in der Wikipedia

Neben aktuellen Themen wie der Papstwahl im letzten Jahr (die neben der Liste der Päpste auf Platz 15 den Artikel über Leo XIV. auf Platz 9 brachte) enthält die Liste der meistgelesenen Artikel auch Klassiker: Das Interesse an geschichtlichen Artikeln ist gleichbleibend hoch. Die Artikel zu Adolf Hitler (Platz 30) oder dem Zweiten Weltkrieg (Platz 86) gehören weiterhin zu den meistgelesenen Einträgen.

Was die Liste der meistgelesenen Artikel verrät

Die Liste der meistgelesenen Wikipedia-Artikel 2025 zeigt mehr als nur, was im vergangenen Jahr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit stand – sie gibt Einblick darin, wie Menschen Wissen suchen, teilen und gemeinsam bewahren.

Denn: Hinter jedem Artikel auf dieser Liste stehen Menschen, die sich täglich für Freies Wissen einsetzen – Ehrenamtliche, die Texte überarbeiten, Quellen prüfen oder neue Themen anlegen. Rund 18.000 Bearbeitungen der 100 meistgelesenen Artikeln des Jahres belegen, wie lebendig diese Arbeit an der Wikipedia ist.

Doch Freies Wissen braucht stetig neue Impulse. Wir alle können dazu beitragen, dass Inhalte aktuell, ausgewogen und zugänglich bleiben – sei es durch kleine Korrekturen, Recherchen oder den ersten eigenen Artikel. Wichtig ist dabei: Alles muss mit seriösen Quellen belegt und sachlich und neutral dargestellt sein.

Die Wikipedia-Challenge. Bist du bereit?

Mach mit mit deinem Wissen!

Die 30‑Tage‑Wikipedia‑Challenge bietet allen Interessierten einen einfachen Einstieg in die Praxis der freien Enzyklopädie.

So kommen die Top 100 zustande

Das Tool Pageviews wertet zahlreiche Daten zur Wikipedia-Nutzung aus. Darunter auch die tausend monatlich am häufigsten aufgerufenen Artikel oder die pro Jahr am häufigsten aufgerufenen Artikel. Für die Rangliste wurden ausschließlich Wikipedia-Artikel zu Themen berücksichtigt, nach denen Menschen gesucht haben – also nicht die Hauptseite der Wikipedia oder die Wikipedia-Suche-Seite. Auch sogenannte falsche Positive oder Aufrufe, die durch Bots, SEO-Maßnahmen oder spezielle Verlinkungen zustande gekommen sind, wurden ausgeschlossen.

Unsere Highlights vom Chaos Communication Congress

Monday, 5 January 2026 15:06 UTC

Jeden ersten Sonntag auf die gute Seite wechseln

Die Idee des Digital Independence Day: Jeden Monat sollen immer mehr Menschen und Organisationen von einer profitorientierten, zu einer offenen und gemeinwohlorientierten Alternative wechseln. Wer den Umzug vollzogen hat, gibt den Freunden, der Kita-Gruppe oderder Arbeitskollegin mit dem Hashtag #DIDit Bescheid – und zieht so immer mehr Menschen mit! An jedem ersten Sonntag im Monat machen wir gemeinsam einen Schritt auf die bessere Seite des Netzes.

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Medienbereichte zum DI.Day

Tagesschau: CCC-Kongress in Hamburg: Wege in die digitale Unabhängigkeit

radioeins: Mission: Digitale Freiheit – Der erste Digital Independence Day

BR24: Digital Independence Day: Abschied von Big Tech

Frankfurter Rundschau: Demokratie kann es nur ohne digitale Fremdbestimmung geben

Der CCC – ehrenamtlich und nicht-kommerziell

Immer wieder beeindruckend: Es sind tausende Ehrenamtliche, die das Kongresszentrum Hamburg in ein offenes Haus für die rund 16.000 Teilnehmenden verwandeln, die sich zu aktuellen technologischen und digitalpolitischen Entwicklungen austauschen wollen. Beim CCC wird der nicht-kommerzielle Anspruch tatsächlich gelebt. Jedes Jahr Ende Dezember wird das Congress Centrum in Hamburg zu einemfast magischen Ort – voller kleiner sogenannter Habitate von und für unterschiedliche Interessengruppen.

Eines dieser Habitate war in diesem Jahr das Free Knowledge Habitat. Organisiert vor allem von Wikimedia Deutschland, temporärhaus, Code for Germany, Frag den Staat und weiteren Akteur*innen aus der Welt des Freien Wissens.In unseremVortrags- und Workshop-Bereich gab es Einführungen und Talks zu offenen Daten, Wikidata, internationaler Digitalpolitik und viel Raum für Austausch zu unserem politischen Engagement für Freies Wissen.

6 Highlights rund um Freies Wissen:

  1. Who runs the www? WSIS+20 and the future of Internet governance, Sophia Tawonga Longwe von Wikimedia Deutschland gibt einen Überblick über Gremien und Prozesse internationaler Digitalpolitik
  2. Gegenmacht – Best of Informationsfreiheit, Arne Semsrott spricht über das politische Jahr 2025 aus Sicht von Informationsfreiheit und Transparenz
  3. Die Känguru-Rebellion: Digital Independence Day, Marc Uwe Kling liest Geschichten mit digitalpolitischer Systemkritik und ruft den Digital Independence Day aus
  4. Power Cycles statt Burnout – Wie Einflussnahme nicht verpufft, Die beiden Digitalpolitikerinnen Rahel Becker und Anna Kassautzki geben Tipps aus dem Maschinenraum politischer Wirkung im Bundestag
  5. A post-American, enshittification-resistant internet, Cory Doctorow skizziert Ideen, wie Staaten und Nutzende sich gegen die Übermacht von Big Tech wehren können.
  6. AI-generated content in Wikipedia – a tale of caution, Mathias Schindler berichtet davon, wie er versehentlich einen Detektor gebaut hat, mit dem man bestimmte KI-generierte Inhalte in Wikipedia entdecken kann. 

Sofa, Snacks und Systemkritik

Der Congress bietet eine bunte Mischung aus Themen: von Informationsfreiheit, IT-Sicherheit und Freier Software bis hin zu kreativen Hacks und ungewöhnlichen Nutzungen von Technik, die so garantiert nicht im Handbuch stehen. Besonders viel Spaß machen die praktischen Hacks und Spielereien, die man in entspannter Atmosphäre gemeinsam ausprobiert. Künstler*innen bringen Musik, Installationen oder Skulpturen mit und erschaffen so ihr ganz eigenes, temporäres Utopia. Dabei entsteht ein Gefühl dafür, dass andere Welten möglich sind: Orte, an denen Ungerechtigkeiten hinterfragt werden und gemeinsam an besseren Zukünften gebastelt wird. Alle können sich mit dem einbringen, was sie können

Weiterführende Links

Aufzeichnungen der Vorträge des 39c3

Wikipedia-Artikel Chaos Communication Congress

Fotos des 39C3 unter freier Lizenz auf Wikimedia Commons

Tag der Gemeinfreiheit 2026: Das Wissen ist frei!

Thursday, 1 January 2026 05:00 UTC

Jedes Jahr dürfen wir am 1. Januar einen neuen Schatz an neu gemeinfrei gewordenen Werken heben – für die Communitys der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte können dann neue Inhalte ohne Beschränkungen online verfügbar gemacht werden. Manchmal sind das ikonische Bilder, wie 2025 die Gemälde von Henri Matisses, manchmal alte Fotos und manchmal Musik, wie 2024 die Jazz-Standards von Django Reinhardt.

In diesem Jahr feiern wir am Tag der Gemeinfreiheit (Public Domain Day) einen großen Schriftsteller und einen bahnbrechenden Wissenschaftler: die beiden deutschen Nobelpreisträger Thomas Mann und Albert Einstein. Beide flohen vor den Nazis in die Vereinigten Staaten und hinterließen nach ihrem Tod 1955 jeweils ein gewaltiges Oeuvre: Von Thomas Mann sind die Romane Buddenbrooks und Der Zauberberg sowie die Erzählungen Tonio Kröger und Der Tod in Venedig zu nennen. Albert Einsteins wichtigste Veröffentlichungen Zur Elektrodynamik bewegter Körper und die Allgemeine Relativitätstheorie haben wohl ungleich weniger Menschen selbst gelesen, aber E = m·c2 – die darin enthaltene Formel von der Äquivalenz von Masse und Energie – kennt heute wirklich jeder.

Warum vor allem freie Wissensprojekte vom Gemeinfreiheit profitieren

Für die Wikipedia ist der Ablauf der Urheberrechte an diesen Werken in diesem Fall tatsächlich kein so besonderes Ereignis: Denn sowohl eine physikalische Formel als auch die Inhaltsangabe eines Romans sind vom Urheberrecht gar nicht erfasst – in der Wikipedia war dieses Wissen also auch bisher schon zu finden. Wer aber heute profitiert, sind andere Projekte, die Freie Inhalte in der Originalfassung erschließen und nachnutzbar machen: Zu nennen ist einerseits das Wikipedia-Schwesterprojekt Wikisource oder das einen ähnlichen Ansatz verfolgende Plattform Project Gutenberg. Dort kann ab heute die ehrenamtliche Wissens-Community grundlegende physikalische Abhandlungen oder literarisch anspruchsvolle Erzählungen im ursprünglichen Volltext abrufbar machen.

Es gibt also viele Möglichkeiten, den heutigen Tag der Gemeinfreiheit zu feiern: Entweder man schmökert in den jetzt ohne urheberrechtliche Beschränkungen nutzbaren Original-Werken Thomas Manns, Albert Einstein, oder man sieht sich erst einmal die etwas zugänglicheren Erläuterungen in der Wikipedia an – viel Spaß dabei! Eine ausführliche Liste der ab heute gemeinfreien Werke findet sich, natürlich, in der Wikipedia.

Lukas Mezger ist Wikipedianer und Rechtsanwalt. Bis 2022 war er Vorsitzender des Präsidiums von Wikimedia Deutschland.

Wie Wiki Loves-Wettbewerbe Freies Wissen sichtbar machen

Jedes Jahr halten Profi- und Hobbyfotograf*innen weltweit Wissen in Bildern fest und reichen ihre Aufnahmen bei den „Wiki Loves“-Wettbewerbe ein. Diese zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig und wertvoll das Engagement für freies Wissen ist. Die Fotos machen Geschichte, Natur und Kultur sichtbar und bewahren, was oft vom Verschwinden bedroht ist. Dafür gebührt allen Teilnehmenden großer Dank.

Bei Wiki Loves Monuments stehen Kultur- und Baudenkmäler im Fokus, bei Wiki Loves Earth die Natur und bei Wiki Loves Folklore Bräuche und Traditionen. Die Fotos werden unter freier Lizenz auf Wikimedia Commons hochgeladen und können damit nicht nur von uns allen frei genutzt werden, sondern bereichern vor allem etliche Wikipedia-Artikel. In diesem Jahr kamen bei den drei Wettbewerben mehr als 380.000 Fotos aus 57 Ländern zusammen.

Feierliche Preisverleihung in Berlin

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Im Dezember 2025 ehrte Wikimedia Deutschland die Erstplatzierten der deutschen Wettbewerbe. Die Veranstaltung machte deutlich, wie sehr das Engagement der ehrenamtlichen Fotograf*innen auch über die Wiki-Community hinaus anerkannt wird.

Wiki Loves Monuments

Wiki Loves Monuments (WLM) ist der größte und älteste Fotowettbewerb der Wiki-Community. Im Mittelpunkt stehen Fotos von Kultur- und Baudenkmälern – von Schlössern über Kirchen bis hin zu Brücken und Monumenten. In diesem Jahr haben sich 57 Länder an der Wettbewerbsrunde beteiligt – insgesamt wurden über 230.000 Fotos unter freier Lizenz eingereicht. Die meisten kamen aus der Ukraine, Polen und Italien. Aus Deutschland wurden mehr als 14.000 Bilder auf Wikimedia Commons hochgeladen.

Hier kommen die Top 5-Gewinnerbilder aus Deutschland. Alle weiteren ausgezeichneten Fotos finden Sie hier.

Sonderpreis Bauernhöfe

Auch in diesem Jahr hat Wiki Loves Monuments Deutschland wieder einen Sonderpreis ausgelobt. Neben dem regulären Wettbewerb wurden zusätzlich die drei besten Fotografien von Bauernhäusern und Bauerngehöften prämiert. Denn es gibt zahlreiche Bauernhöfe in den Denkmallisten der Wikipedia, aber noch viel zu wenige Bilder dazu. Das sind die Gewinnerbilder:

Wiki Loves Earth

Wiki Loves Earth (WLE) ist ein weltweit ausgerichteter Fotowettbewerb, der den Fokus auf den Erhalt und die visuelle Erfassung des Natur- und Landschaftserbes legt. Ziel des Wettbewerbs ist es, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung von Schutzgebieten und Naturdenkmälern zu stärken und gleichzeitig eine frei zugängliche, umfassende Bildsammlung auf Wikimedia Commons aufzubauen.

Die internationalen Gewinnerbilder

Mit 57 teilnehmenden Ländern und Gebieten wurde in diesem Jahr ein neuer Rekord erreicht. Insgesamt gingen rund 80.000 Einsendungen von mehr als 5.200 Teilnehmenden aus aller Welt ein.
Wir zeigen jeweils drei ausgezeichnete Makro- und Landschaftsaufnahmen. Besonders schön: Unter den internationalen Gewinnerbildern sind auch zwei Fotos aus Deutschland.

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Hier sind die bestplatzierten Landschaftsbilder des Wettbewerbs „Wiki Loves Earth 2025” aus Deutschland zu sehen.

Die schönsten Detailaufnahmen aus Deutschland

Hier sind die bestplatzierten Detailaufnahmen des Wettbewerbs „Wiki Loves Earth 2025” aus Deutschland zu sehen.

Sonderpreis Biodiversität

Der Begriff Geodiversität bezeichnet die Vielfalt geologischer, geomorphologischer, pedologischer und hydrologischer Merkmale und Prozesse. Zusammen mit der Biodiversität bildet sie die natürliche Vielfalt der Erde. Um ihre Bedeutung zu betonen, hat die UNESCO den 6. Oktober zum Tag der Geodiversität erklärt. In diesem Jahr hat Wiki Loves Earth das Thema aufgegriffen und Sonderpreise in der Kategorie „Geodiversität” vergeben.

Wiki Loves Folklore

Bei Wiki Loves Folklore dreht sich alles um lebende und gelebte Traditionen, z. B. Feste, Aufführungen, Tänze, Musiktradition, Bräuche, Spiele, Küche, Handwerk, Tracht, Märchen und Sagen. Der jüngste der großen Fotowettbewerbe hat dieses Jahr wieder seinen eigenen Rekord geknackt: International wurden 2025 doppelt so viele Fotos hochgeladen wie im Vorjahr.

Die internationalen Gewinnerbilder

Über 72.000 Bilder wurden 2025 weltweit bei Wiki Loves Folklore eingereicht. Hier sind die bestplatzierten aus dem internationalen Wettbewerb:

Die Gewinnerbilder aus Deutschland

Hier sind einige der Siegerbilder aus Deutschland. Alle Preisträger*innen des Fotowettbewerbs finden Sie auf der offiziellen Wikipedia-Seite von Wiki Loves Folklore Deutschland.

Wikimedia Commons frei nutzen

Alle Fotos der Wiki Loves-Wettbewerbe werden auf Wikimedia Commons hochgeladen – der weltweit größten Sammlung freier Medien. Dort stehen mittlerweile über 125 Millionen gemeinfreie und frei lizenzierte Fotos, Audio- und Videodateien zur Verfügung. Und das Beste daran: Diese Inhalte können nicht nur in alle Wiki-Projekte eingebunden, sondern auch jederzeit und überall genutzt werden. Wie Sie auf Wikimedia Commons nach Bildern suchen, erfahren Sie hier.

Wiki-Wissen: So schlemmt die Welt an Weihnachten

Thursday, 18 December 2025 14:01 UTC

#1 Bûche de Noël

Der Bûche de Noël ist vor allem in französisch geprägten Weltgegenden von Belgien über Kanada bis zum Libanon ein traditionelles Weihnachtsdessert. Der Weihnachtsbaumstamm besteht aus gerolltem Biskuitboden mit Schokoladen-Buttercreme und wird so verziert, dass er aussieht wie ein Baumstamm.

#2 Cola de Mono

Der Cola de Mono oder Colemono ist ein Cocktail, der in Chile zur Weihnachtszeit getrunken wurd. Er besteht aus dem Schnaps Aguardiente, Milch, Kaffee, Zucker und Gewürzen wie Zimt, Nelken, Vanille oder Orangenschale. Dazu gibt es oft Pan de Pascua, einen Weihnachtsfruchtkuchen.

#3 Hangikjöt

Der geräucherte oder getrocknete Schinken ist in vielen nordeuropäischen Ländern an Weihnachten beliebt. Hangikjöt wird in Island gegessen. Zu dem geräucherten Lammfleisch essen die Menschen klassischerweise Kartoffeln mit Bechamel-Soße und Erbsen.

#4 Vitello Tonnato

In Italien isst man Vitello Tonnato gerne im Sommer. In Argentinien sind die Kalbfleischscheiben mit Tunfischsoße und mit oder ohne Kapern unter dem Namen vitel toné bekannt und werden an Weihnachten gegessen.

# 5 Zwölf Gerichte

In Polen oder Litauen gibt man sich nicht mit einem Weihnachtsessen zufrieden. Stattdessen kommen zwölf Gerichte, darunter Rote-Beete-Suppe, Gefilter Fisch oder Pierogi, auf den Tisch. Sie stehen für die Monate des Jahres und die zwölf Apostel.

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# 6 Der Nebendarsteller als Star

In der angelsächsischen Küche sind Beilagen mindestens so wichtig wie der Festtagsbraten. In Schottland ist einer dieser Nebendarsteller Rumbledethumps. Kartoffelbrei, geschmorter Kohl, Zwiebeln und Butter gehören immer dazu. Überbacken wird dann mit Cheddar.

Mitmachen

Welche traditionellen Weihnachtsrezepte sind Ihnen aus Ihrer Region oder aus anderen Ländern bekannt? Festliche Klassiker, besondere Familiengerichte oder süße Spezialitäten sind Teil unseres kulinarischen Kulturerbes. Wikipedia sammelt dieses Wissen aus aller Welt. Machen Sie mit: Schreiben oder überarbeiten Sie Wikipedia-Artikel zu Weihnachtsgerichten oder laden Sie passende Fotos auf Wikimedia Commons hoch. Helfen Sie mit, diese Traditionen zu dokumentieren

Wikipedia Globus im Weltraum

Mit der 30-Tage-Wikipedia-Challenge lernen Sie Schritt für Schritt, wie es geht!

Die Wikipedia ist die wichtigste Quelle für das Training generativer KI-Programme. Wenn es um die Nutzung der Inhalte zu Trainingszwecken geht, zieht Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales einen Vergleich zu Halloween: „Manche Leute stellen einfach einen Eimer mit Süßigkeiten für die Kinder vors Haus. Man vertraut darauf, dass jedes Kind nur eine Süßigkeit nimmt. Ich halte das für einen schönen Brauch. Wenn aber ein großer Rowdy kommt und den ganzen Eimer mitnimmt, weiß jeder: Das ist nicht fair“, so Wales im Interview mit dem Magazin „Der Spiegel“.

Die bekannten KI-Sprachmodelle wie ChatGPT oder Google Gemini werden zu einem großen Teil mit den Daten der Wikipedia trainiert. Schon weil die Online-Enzyklopädie den Large Language Models (LLMs) ideale Voraussetzungen bietet: Die Wikipedia ist in weit über 300 Sprachen verfügbar. Die Struktur der Artikel ist übersichtlich, sie enthalten Links und Zitate, liefern Kontexte und Weltanschauungen. Das gesammelte Wissen wird von Menschen moderiert, ist weltweit zugänglich – und vor allem kostenlos. Ein großer Vorteil aus Sicht der Konzerne, gerade in Zeiten, in denen Trainingsdaten zur begehrten Ware geworden sind und es immer weniger frei verfügbare Datensets gibt, die beim Webscraping der KI-Entwickler*innen noch nicht abgegrast wurden.

Allerdings verursacht das für Wikimedia hohe Kosten und Risiken. Automatisierte Zugriffe durch Bots und Crawler verursachen eine enorme Last auf den Servern, beanspruchen viele Ressourcen und belasten damit die Stabilität der Plattform für menschliche Nutzer*innen.  (mehr dazu in diesem Blog).

Mehr zum Thema: Deutschlandfunk-Interview mit Franziska Heine

Über das Problem der stark zunehmenden Zugriffe durch KI-Bots und Crawler spricht Wikimedia-Geschäftsführerin Franziska Heine auch im Interview mit dem Deutschlandfunk. Sie beleuchtet die Gefahren für die Wikipedia und zeigt Lösungen auf.

Wikimedia fordert verantwortungsvollen Umgang mit Wikipedia-Inhalten

„Wir sind froh, wenn die Wikipedia zum Training von KI-Modellen genutzt wird, schließlich ist es ja Open Source. Aber die KI-Bots erzeugen hohe Lasten“, erklärt auch Jimmy Wales und nennt ein Beispiel: „Als die britische Königin starb, hatten wir einen enormen Anstieg an Datenverkehr auf den Artikel über sie. Den konnten wir bewältigen, indem wir Kopien des Artikels im Arbeitsspeicher unserer Server behielten. Wenn die Bots der KI-Dienste jedoch auch alle unbekannten Artikel abrufen, müssen die jeweils aufs Neue aus der Datenbank geholt werden, was auf unseren Servern eine überproportionale Last verursacht und damit auch Kosten, die aus Spendengeldern finanziert werden müssen.“ Der Großteil der Spender*innen wolle aber die Wikipedia unterstützen – nicht Firmen mit Milliardenumsätzen.

Aus diesem Grund ruft auch die Wikimedia Foundation (WMF) als Trägerin der Wikipedia dazu auf, verantwortungsvoll mit den Inhalten der freien Online-Enzyklopädie umzugehen – und aktiv zum Erhalt des Projekts beizutragen. Im Blog „In the AI era, Wikipedia has never been more valuable“ werden dafür zwei einfache Maßnahmen vorgeschlagen: Erstens Quellenangaben und zweitens finanzieller Support.

Finanzieller Support und Anerkennung der Freiwilligen

Finanzielle Unterstützung können KI-Unternehmen leisten, indem sie über die Schnittstelle Wikimedia Enterprise auf die Wikipedia zugreifen. Das kostenpflichtige Opt-in ermöglicht es, die Inhalte der Wikimedia-Projekte in großem Umfang zu verwenden, ohne die Server zu stark zu belasten. Gleichzeitig wird die gemeinnützige Mission von Wikimedia unterstützt. Google zum Beispiel nutzt diese Option bereits. An weiteren Vereinbarungen mit großen Tech-Konzernen wird momentan gearbeitet, wie Wales bei einer Veranstaltung in New York berichtete.

Auch die Angabe, woher das Trainingswissen einer generativen KI stammt, ist aus mehreren Gründen wichtig. Denn so wird der menschlichen Leistung Anerkennung gezollt. Generative KIs sind heute zwar in der Lage, vorhandenes Wissen zusammenzufassen. Aber: Sie können sich nicht am Prozess der Debatte und an der Konsensfindung beteiligen, sie entdecken keine in Archiven vergrabenen Objekte und machen auch keine Fotos von unzureichend dokumentierten Orten – eben all das, was die Ehrenamtlichen der Wikimedia-Projekte jeden Tag leisten.

Zum anderen braucht Wissen Verlässlichkeit. Damit Menschen den Informationen im Netz vertrauen können, muss klar ausgewiesen sein, woher sie stammen. Im besten Fall führt das dazu, dass mehr Menschen über verlinkte Quellen direkt zum entsprechenden Wikipedia-Artikel gehen. So kann die Wikipedia auch in Zukunft ihre Relevanz als Mitmachprojekt behalten.

Wissen bleibt menschlich

Die 2025 vorgestellte neue KI-Strategie der WMF als Betreiberin der Wikipedia ist vor diesem Hintergrund mit dem programmatischen Titel „Humans First“ überschrieben. Die Community hinter der Wikipedia ist schließlich der Schlüssel für ihren Erfolg – und das seit 25 Jahren. Die Sorgfalt und das Engagement der Ehrenamtlichen für zuverlässiges enzyklopädisches Wissen kann keine KI ersetzen. Entsprechend sollen Sprach-KIs die Arbeit der Freiwilligen erleichtern – statt sie zu ersetzen. Das Motto hinter „Humans First“ lautet: „Making sure AI serves people and knowledge stays human“.

Auf Wikimedia Commons finden sich aktuell mehr als 131 Millionen Mediendateien – darunter unzählige hochwertige Fotos. Alle stehen unter einer freien Lizenz und können etwa in Wikipedia-Artikeln weltweit genutzt werden. Das ist nicht einfach nur ein optischer Mehrwert. Studien zeigen, dass Artikel mit Fotos häufiger gelesen werden als solche ohne. Wer also Bilder bei Wikimedia Commons hochlädt, trägt dazu bei, dass das Wissen der Welt nicht nur wächst, sondern vor allem auch besser wahrgenommen wird.

Besonders bereichert wird Wikimedia Commons jedes Jahr durch die drei großen Fotowettbewerbe Wiki Loves Monuments, Wiki Loves Earth und Wiki Loves Folklore. Ob Denkmäler, Landschaften oder Traditionen – Menschen aus aller Welt halten mit ihren Fotos die Vielfalt unseres kulturellen und natürlichen Erbes fest und bewahren sie digital für kommende Generationen. Ein unschätzbar wichtiger Dienst in Zeiten, in denen vieles davon bedroht ist – sei es durch Kriege, Naturzerstörungen oder das Aussterben von Traditionen und Bräuchen.

Von Menschen gemacht – für alle nutzbar

In diesem Jahr wurden allein aus Deutschland mehr als 32.000 Fotos bei den drei großen „Wiki Loves“-Wettbewerben eingereicht. Bilder, die jetzt von allen frei genutzt werden können und die garantiert von Menschen stammen – anders als viele KI-generierte Werke werfen sie also auch keine Urheberrechtsfragen auf.

Organisiert von Wikimedia Deutschland wurden die Erstplatzierten der deutschen Wettbewerbe Anfang Dezember bei einer feierlichen Preisverleihung in Berlin geehrt. Die Veranstaltung – mitnehmend moderiert von den langjährigen Wikipedianerinnen Grizma und Elya – zeigte vor allem, wie viel Anerkennung das Engagement der ehrenamtlichen Fotograf*innen längst auch außerhalb der Wiki-Communitys findet. Eine Reihe hochrangiger Vertreter*innen von Stiftungen und Verbänden würdigte vor Ort und in Grußbotschaften die Verdienste der Ehrenamtlichen.

Ein Gruppenfoto der Preisträger bei der „Wiki Loves"-Preisverleihung Anfang Dezember.
Ein Gruppenfoto der Preisträger bei der „Wiki Loves“-Preisverleihung Anfang Dezember.

Plädoyers für das digitale Ehrenamt

„Die Bilder der Wiki-Loves-Wettbewerbe vermitteln die Kostbarkeit und Schönheit unseres Kulturerbes. Zivilgesellschaftliches Engagement ist heute so wichtig wie lange nicht mehr“, lobte etwa Johanna Neuschäffer vom Kuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Marlen Meißner, Leiterin der Abteilung Erbe, Natur, Gesellschaft bei der Deutschen UNESCO-Kommission, betonte: „Das Engagement in den Wikimedia-Projekten ist gelebter Einsatz für kulturelle Vielfalt und globale Solidarität.“

Und Prof. Dr. Ralph Watzel, Präsident der Deutschen Geologischen Gesellschaft, hob in seiner Würdigung von Wiki Loves Earth hervor: „Die Bilder wecken Lust, sich die Motive auch live in der Natur anzuschauen“. An dieser Wertschätzung zeigt sich nicht zuletzt, wie die Zahl der Verbündeten im Einsatz für Freies Wissen und das digitale Ehrenamt wächst.

„Es lohnt sich, die Augen offenzuhalten”

Im Zentrum der Preisverleihung standen natürlich die Fotograf*innen und ihre Werke. „Alle Teilnehmenden der Wettbewerbe haben gewonnen“, sagt Raimond Spekking, Mitglied im Präsidium von Wikimedia Deutschland: „Sie haben das Wissen der Welt bereichert.“

Dabei gaben die Geehrten teils auch spannende Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihrer Bilder. Wie Martin Kraft, der mit seinem beeindruckend komponierten Foto der Festhalle auf dem Messegelände in Frankfurt am Main den ersten Platz der diesjährigen deutschen Ausgabe von Wiki Loves Monuments gewann.

Das Bild, erzählt er, entstand eher zufällig – als Beifang eines anderen Wiki-Projekts. Martin Kraft war auf der Frankfurter Buchmesse unterwegs, um Persönlichkeiten zu fotografieren. Zufällig bemerkte er, dass die Tür zur leeren Festhalle offenstand. Eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen ließ. Und eine Inspiration für alle anderen Fotograf*innen: Es lohnt sich immer, im Einsatz für Wikimedia Commons die Augen offenzuhalten!

Wikimedia Commons-Bilder richtig nutzen: So geht’s!

Alle Bilder auf Wikimedia Commons stehen für die private wie auch für die kommerzielle Nutzung kostenfrei zur Verfügung. In diesem Blogbeitrag geben wir fünf praktische Tipps, wie Sie passende Fotos auf Wikimedia Commons finden. Wichtig dabei: Auch bei freier Nutzung muss der korrekte Lizenzhinweis angegeben werden. Der Lizenzhinweisgenerator hilft dabei und führt in wenigen Schritten zum richtigen Hinweis.

Ein starkes Bekenntnis zu unabhängigem und überprüfbarem Wissen

Der Erfolg der Kampagne zeigt eindrucksvoll, welche Rolle Wikipedia heute als freie Wissensquelle in der Gesellschaft spielt. Während sich Falschinformationen rasant verbreiten, KI-Systeme die Art verändern, wie Wissen entsteht und konsumiert wird, und politische Interessen immer stärker bestimmen, was sichtbar ist, bleibt Wikipedia für viele ein unverzichtbares Gegenmodell: offen und frei zugänglich, von Menschen gemacht und der Idee verpflichtet, dass Wissen ein öffentliches Gut sein muss.

Die breite Unterstützung spiegelt vor allem den Wunsch nach verlässlichen, transparenten und überprüfbaren Informationen wider. Gleichzeitig unterstreicht sie, wie wichtig es ist, die Unabhängigkeit der Wikipedia dauerhaft zu sichern – damit sie auch weiterhin ein Ort bleibt, an dem Fakten zählen und Wissen für alle kostenfrei zugänglich ist.

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Wissen für alle – von Menschen für Menschen

Mit 65 Millionen Artikeln in über 300 Sprachen ist die Wikipedia heute die umfangreichste Online-Enzyklopädie der Menschheit. Allein die deutschsprachige Wikipedia wird täglich rund acht Millionen Mal aufgerufen. Dass hinter dem enormen Wissensschatz echte Menschen stehen, ist gerade seit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz vielen besonders wichtig. In den Spendenkommentaren zeigt sich eine hohe Wertschätzung für die Arbeit der Wikipedia-Freiwilligen, die Inhalte recherchieren, Fakten überprüfen und das Wissen in den Artikeln mit Quellen verlässlich machen.

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So macht es die Wikipedia

Das Rezept für vertrauenswürdige Informationen: Die drei Grundpfeiler der Wikipedia

Wikipedia steht für freies, geprüftes Wissen. Aber wie funktioniert das eigentlich? In einer Blogserie zeigen wir, wie Wikipedia Maßstäbe für verlässliches Wissen setzt – und warum diese Prinzipien weit über die Online-Enzyklopädie hinaus Bedeutung haben.

Ein Zeichen gegen Desinformation, Manipulation und politischen Druck

Zugleich sehen viele Spender*innen ihre Unterstützung als ein wichtiges Zeichen gegen den zunehmenden politischen Druck auf valides Wissen. Gerade in diesem Jahr haben wir mit Sorge beobachten müssen, wie Wikipedia samt ihren Freiwilligen zunehmend ins Visier von Regierungen, Konzernen und einzelnen Milliardären geraten ist. Gerade weil machtvolle Akteure immer öfter versuchen, den Zugang zu Wissen zu beeinflussen oder Fakten zu verzerren, gewinnt die Unabhängigkeit der Wikipedia an Bedeutung. Denn sie lässt sich nicht von politischen Interessen vereinnahmen.

Was durch die Spenden möglich wird

Im kommenden Jahr feiert Wikipedia ihr 25-jähriges Bestehen – und dank der großen Unterstützung können wir uns weiterhin dafür einsetzen, dass diese einzigartige Online-Enzyklopädie verlässlich, unabhängig und für alle zugänglich bleibt. Die Mittelverwendung zeigt im Detail, wie die Spendengelder eingesetzt werden und welche Projekte im nächsten Jahr davon profitieren.

Wir verbessern die Werkzeuge zur Abwehr von Manipulationsversuchen und gezielter Desinformation und schützen die Ehrenamtlichen, die täglich an den Inhalten arbeiten. Gleichzeitig stärken wir die technische Infrastruktur, die durch den wachsenden Zugriff von KI-Systemen und automatisierten Crawlern zunehmend belastet wird. Darüber hinaus ermöglichen die Spenden die Unterstützung und den Ausbau der ehrenamtlichen Community, ohne die Wikipedia nicht existieren könnte, sowie die Förderung weiterer Projekte für Freies Wissen wie Wikidata oder die Zusammenarbeit mit Museen, Archiven und Bibliotheken.

So entsteht eine stabile Grundlage dafür, dass geprüftes und frei zugängliches Wissen auch in Zukunft für alle verfügbar bleibt.

Danke an alle Unterstützer*innen – unsere Gemeinschaft wächst weiter

Neben den 251.633 Menschen, die unserem Spendenaufruf in den vergangenen Wochen gefolgt sind, bedanken wir uns auch herzlich bei allen, die uns in diesem Jahr durch eine Dauerspende, eine Mitgliedschaft oder einzelne Spenden unterstützt haben.

Besonders erfreulich ist, dass immer mehr Menschen Wikimedia Deutschland langfristig als Mitglieder fördern. Im Rahmen der Spendenkampagne sind 4.800 neue Mitglieder hinzugekommen – damit ist die Zahl der Vereinsmitglieder auf rund 116.000 gestiegen.

Transparenz schafft Vertrauen: Lehren aus der Wikipedia

Monday, 15 December 2025 10:42 UTC

Dieser Artikel ist eine angepasste Übersetzung des Original-Artikels der Wikimedia Foundation.

Wie oft haben Sie schon einen Beitrag in einer App oder einem Social-Media-Feed gesehen und sich gefragt, woher die Informationen eigentlich stammen? Nachrichten, die viral gehen oder weitergeleitet werden, mangelt es oft an Quellenangaben – oder die angegebenen Quellen sind wenig zuverlässig. Leser*innen haben in der digitalen Gegenwart oft keine Chance mehr, eine Information zu ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Statt auf überprüfbare Fakten stoßen sie auf defekte Links, verschwundene Seiten oder anonyme Nutzer*innen. Wenn aber unklar ist, woher eine Geschichte stammt, bröckelt das Vertrauen in sie.

Transparenz ist im Netz zur seltenen Währung geworden – obwohl wir sie dringender denn je brauchen. Die Wikipedia zählt den wenigen Orten, wo noch völlige Offenheit herrscht. Alle Bearbeitungen und Diskussionen sind hier öffentlich einsehbar. Selbst kleine Änderungen wie die Korrektur von Tippfehlern können überprüft werden. Untersuchungen zeigen, dass ein Wikipedia-Artikel umso genauer und zuverlässiger wird, je mehr Menschen ihn überprüfen, diskutieren und debattieren. Das schafft Vertrauen – und die Gewissheit, dass wirklich die ganze Geschichte erzählt wird. Dadurch ist die Online-Enzyklopädie zum verlässlichsten Ort im Netz geworden.

Das Transparenz-Prinzip ist in der Wikipedia auf vielfältige Weise verankert:

Jede Seite hat eine Geschichte

Jeder Artikel auf Wikipedia verfügt über eine eigene Historie. Durch Anklicken des entsprechenden Reiters “Versionsgeschichte” oben auf der Seite können Leser*innen jede Änderung sehen – von kleinen Korrekturen bis hin zu vollständigen Überarbeitungen. Wer möchte, kann sogar verschiedene Versionen miteinander vergleichen. Diese Historie wird nicht kuratiert oder eingeschränkt. Lesende können in Echtzeit beobachten, wie sich Informationen verbessern und weiterentwickeln. Die Ehrenamtlichen wiederum gewinnen ein besseres Verständnis für komplexe oder sich ändernde Sachverhalte.

So wird es aus einem oft undurchsichtigen redaktionellen Prozess ein offener, gemeinschaftlicher Dialog. Fehler werden nicht versteckt, sondern korrigiert. Meinungsverschiedenheiten werden nicht gelöscht, sondern dokumentiert, diskutiert und gelöst – für alle mitzuverfolgen. Jeder Artikel ist eine Einladung an die Leser*innen, sich eingehender mit seiner Geschichte zu befassen. Und sich zu beteiligen!

Diskussionsseiten: Offene Debatten

Neben jedem Artikel befindet sich auch eine Registerkarte namens „Diskussion“: ein Bereich, in dem die Community-Mitglieder darüber diskutieren, was in den Artikel gehört, wie Quellen ausgewogen dargestellt werden können und wie die Richtlinien von Wikipedia anzuwenden sind. Wikipedia funktioniert nach dem Prinzip der konsensbasierten Entscheidungsfindung – ganz ohne Chefredakteur*in. Der Weg zum Konsens ist manchmal langwierig, aber immer lohnend. Alle können diesen Austausch verfolgen – und sogar selbst daran mitwirken.

Diese Kultur der Offenheit verwandelt Transparenz in Verantwortlichkeit. Alle, die zur Wikipedia beitragen, müssen ihre Arbeit anhand zuverlässiger Quellen belegen und sich den Kernprinzipien des Projekts verpflichten: Neutralität, Überprüfbarkeit, Verzicht auf eigene Theoriefindung. Diese Prinzipien stellen sicher, dass das Wissen in Wikipedia korrekt und vertrauenswürdig ist.

Echtzeit-Überprüfungen und Sicherheitsvorkehrungen

Bei Transparenz geht es aber nicht nur um Sichtbarkeit, sondern auch um Wachsamkeit. Tausende von Freiwilligen überwachen jede Änderung, die vorgenommen wird – stets bereit, Vandalismus zu bekämpfen, Falschinformationen oder sachliche Fehler zu korrigieren. Automatisierte Tools, die Muster von Störungen erkennen und menschliche Prüfer*innen alarmieren, unterstützen sie dabei. So bleiben Falschinformationen nie lange ungeprüft.

Streitbeilegung in der Öffentlichkeit

Auch für den Konfliktfall gibt es in der Community offene, klar dokumentierte Lösungsprozesse – z.B., wenn es um die Bearbeitung eines kontroversen Themas oder die Einhaltung der Wikipedia-Richtlinien geht. Freiwillige können bei Problemen weitere Teile der Community einbeziehen oder ihr Anliegen zur Schlichtung an ehrenamtliche Gremien weiterleiten. Ergebnisse und Begründungen werden veröffentlicht. Diese Dokumentation schafft ein institutionelles Gedächtnis und gewährleistet die Rechenschaftspflicht der Community.

Alle sechs Monate veröffentlicht die Wikimedia Foundation außerdem einen detaillierten Transparenzbericht. Hier sind alle Anfragen aufgeführt, die die Foundation in Bezug auf die Änderung oder Entfernung von Inhalten oder zur Offenlegung nicht-öffentlicher Benutzerinformationen in ihren Projekten erhalten hat. Leser*innen und Mitwirkende können nachvollziehen, wie die Foundation auf Anfragen von Regierungen und anderen Organisationen reagiert, aber auch selbst Auskunft zu Fragen erhalten, die die rechtliche und politische Arbeit der Stiftung betreffen.

Während  auf anderen Plattformen undurchsichtige Algorithmen regieren und Bearbeitungen nicht nachvollziehbar sind, bietet die Wikipedia mit ihrer offenen und transparenten Dokumentation eine Alternative: einen Ort, wo Verantwortlichkeit als Prinzip verankert ist – und nicht erst diskutiert werden muss, wenn Schaden entstanden ist. Transparenz garantiert keine Perfektion. Aber sie ermöglicht es allen, zu sehen, wie Informationen erstellt, hinterfragt und verbessert werden.

Jede Bearbeitung erzählt eine Geschichte. In der Wikipedia sind sie alle zu lesen!

Was sind SLAPP-Klagen?

SLAPP steht für Strategic Lawsuit against Public Participation oder kurz: Schikaneklagen. Gemeint sind Klagen, die darauf abzielen, Einzelpersonen oder Institutionen einzuschüchtern, damit sie zu Themen von öffentlichem Interesse schweigen.

In der Regel sind es Geschichten von Goliath gegen David. Ein Unternehmer möchte beispielsweise nicht, dass eine Information oder eine kritische Recherche veröffentlicht wird. Um das zu erreichen, verklagt er beispielsweise kritische Journalist*innen, Aktivist*innen oder Forschende.
Die Strategie: Das Gerichtsverfahren selbst als Mittel der Einschüchterung. Mit Hilfe möglichst langwieriger Verfahren sollen die in der Regel weitaus geringeren Ressourcen der Beklagten ausgezehrt werden. In einigen Fällen wurden die Betroffenen auch durch eine Flut von Klagen überzogen. Das Ziel: journalistische Recherchen stoppen, Aufklärung verhindern, Kritiker*innen einschüchtern.

Was hat das mit Wikipedia zu tun?

Von der ansteigenden Zahl an SLAPP-Klagen ist zunehmend auch Wikipedia betroffen. Die Adressatin in einem Fall aus dem deutschsprachigen Raum war die rechtlich verantwortliche Wikimedia Foundation (WMF). In anderen Fällen, etwa einem aus Estland, richtete sich die Klage direkt gegen einen Wikipedia-Autor.

Vor dem Landgericht München ging es um den Wikipedia-Artikel über den Wettanbieter Tipico. Der Artikel enthält Informationen, die typischerweise in Unternehmensartikeln zu finden sind: Informationen über den Zeitpunkt der Gründung, die Unternehmensgröße und den Unternehmenszweck. Auch die Gründer des Unternehmens werden dort genannt. Darunter ist Mladen Pavlovic. Wie bei Wikipedia üblich, war diese Information bereits öffentlich in einer etablierten Quelle nachlesbar – im SPIEGEL-Artikel mit dem Titel „Die schmutzigen Geschäfte des Wettanbieters Tipico“. Pavlovic wollte erreichen, dass sein Name aus dem Wikipedia-Artikel gelöscht wird. Er beauftragte eine renommierte deutsche Anwaltskanzlei, gegen die WMF zu klagen.

Das Ergebnis: Eines der aufwändigsten Gerichtsverfahren für die Wikimedia Foundation in Deutschland – und ein anschauliches Beispiel für die Probleme von strategischen Gerichtsverfahren gegen öffentliche Beteiligung (SLAPP).

Der Prozess um die Namensnennung im Wikipdia-Artikel über Tipico fand vor dem Landgericht München I statt.
Der Prozess um die Namensnennung im Wikipdia-Artikel über Tipico fand vor dem Landgericht München I statt.

Was macht die Klage zu einem SLAPP-Fall?

Der Verlauf der Klage legt nahe, dass Pavlovics Anwälte auf eine Strategie der Erschöpfung bauten. Sie reichten eine wahre Flut an Schriftsätzen beim Landgericht München ein, die beantwortet werden mussten. Jedes Mal, wenn die WMF sich mit den Argumenten von Pavlovics Anwälten umfassend auseinandergesetzt hatte, ging ein neuer Schriftsatz bei Gericht ein. Dieser wiederholten in der Regel frühere Argumente, ergänzt durch schwache oder aus WMF-Sicht irrelevante neue Argumente. Auch nach der mündlichen Verhandlung reichte Pavlovics Anwaltsteam weiterhin Anträge bei Gericht ein. Die Rechtsabteilung der Wikimedia Foundation und ihre deutsche Anwaltsvertretung schilderten diese Zeit als „besonders intensiv“.

Das Resultat: Das Team der WMF sah sich gezwungen, die immer neuen Anträge in kürzerer Form zu beantworten. Ein riskantes Vorgehen, weil verkürzte Argumentationen leichter anzugreifen sind. Die WMF verfügt jedoch nur über ein begrenztes Budget für lokale Anwaltskanzleien und ein kleines internes Team von Jurist*innen, das sich auch mit vielen anderen rechtlichen Fragen weltweit befasst.

Die Wikimedia Foundation gewann am Ende sowohl das Gerichtsverfahren als auch die Revision. Das Gericht stellte fest, dass die im Artikel enthaltenen Informationen mit Quellen belegt und von öffentlichem Interesse waren. Aber die finanzielle und personelle Erschöpfung war Pavlovic und seinen Anwälten gelungen. Der Fall band wertvolle Kräfte, die an anderer Stelle fehlten und stellte eine finanzielle Belastung dar. Eine Erstattung dafür hat die WMF bisher nicht erhalten.

Was kann der Gesetzgeber tun, um SLAPP-Fälle zu verhindern?

Die Europäische Kommission hat den zunehmenden Trend zu SLAPPs bemerkt und reagiert. Sie verabschiedete im Mai 2024 eine Direktive, die Journalist*innen, Aktivist*innen oder Forschende besser schützen soll. Verbunden damit: Der Auftrag an Mitgliedstaaten, die Vorschläge bis März 2026 in nationales Recht umzusetzen. Diesem Auftrag ist das Justizministerium mit einem Entwurf vom August 2025 nachgekommen. Anfang Dezember beriet dazu das Bundeskabinett. Der Entwurf geht nun in den Bundestag.

Der Entwurf setzt zwar an den richtigen Stellschrauben an – greift aber an zwei Stellen zu kurz und sollte daher noch einmal überarbeitet werden.
Es ist zwar vorgesehen, dass Kläger*innen die Gerichtskosten übernehmen müssen – einschließlich der Anwaltskosten des Beklagten, wenn ein Fall als missbräuchlich abgewiesen wird. Was im Gesetzentwurf jedoch fehlt: das Recht auf eine Entschädigung für entstandene materielle oder immaterielle Schäden der Beklagten. Gemeint ist beispielsweise der Verdienstausfall eines freien Journalisten oder Schadensersatz für psychische Belastung bei unverhältnismäßigen Forderungen wie etwa die 2,1 Millionen, die RWE vom Fotojournalist Jannis Große fordert.

Laut Entwurf sollen Gerichte die Möglichkeit bekommen, missbräuchlich klagende Einzelpersonen oder Unternehmen mit einer Gerichtsgebühr zu sanktionieren. So soll das Risiko eines Verfahrens für finanzstarke Klagende steigen. Das soll Einschüchterungsklagen unattraktiver machen – und klingt erstmal gut. Aber Strafen können nur dann Wirkung entfalten, wenn sie wirklich abschrecken. Das ist nicht zu erwarten, wenn die Sanktionszahlung die gerichtliche Verfahrensgebühr nicht überschreiten darf. Diese liegt regelmäßig zwischen 850 und 1.500 Euro, ist oft sogar deutlich niedriger. Kläger*innen, die umfangreiche Mittel für renommierte Anwaltskanzeleien und langwierige Prozesse aufwenden können, werden sich davon nicht abschrecken lassen. Die Gerichte müssen daher höhere Sanktionsmöglichkeiten erhalten

Der entscheidende Punkt für die Annahme von Missbräuchlichkeit ist das in der Regel auftretende finanzielle Machtungleichgewicht zwischen der klagenden Partei und Beklagten. Während die Kläger*innen über mehr als ausreichende Ressourcen verfügen, um lange aber aussichtslose Gerichtsverfahren zu führen, ist das bei den in der Regel betroffenen Einzelpersonen nicht der Fall.

SLAPPS sind keine Versuche, auf dem Rechtsweg Gerechtigkeit herzustellen. Sie nutzen den Rechtsweg selbst als Mittel, um Druck auf Schwächere auszuüben. In einer Demokratie, die auf eine transparente Öffentlichkeit und einen fairen Rechtsstaat angewiesen ist, müssen solche Missbrauchsmöglichkeiten verhindert werden.

Freies Wissen für die Ohren: Willkommen bei Wiki Radio

Thursday, 4 December 2025 08:31 UTC

Auf Wikimedia Commons finden sich aktuell über 130 Millionen Fotos, Videos und Audiodateien – alle unter freier Lizenz, sodass Menschen weltweit sie einfach und frei nutzen können. Wer dieses riesige Medienarchiv auf spielerische und unterhaltsame Art kennenlernen möchte, ist bei Wiki Radio genau richtig!

Akustische Entdeckungsreise durchs Commons-Archiv

Wiki Radio spielt nach dem Zufallsprinzip akustische Fundstücke aus Wikimedia Commons ab. Nach ein paar Sekunden hat man die Möglichkeit, per „Skip“-Taste zum nächsten Track zu wechseln. Zusätzlich gibt es einen Knopf „Track Details“, über den man auf die entsprechende Wikimedia-Commons-Seite der Audiodatei samt Hintergrundinfos gelangt.

Die Spanne des Wiki-Radio-Programms ist enorm: Sie reicht von Beethovens „Requiem“ über historische politische Reden, die Intro-Musik bekannter Videospiele, eine Ansage aus der Münchner U-Bahn oder ein gesprochenes Gedicht bis zu Vogelgezwitscher.

Erfinder Rico Monkeon hat sich für Wiki Radio von Wikitok inspirieren lassen: bei dieser Anwendung können User*innen durch Bilder aus Wikipedia-Artikeln scrollen – und wer mehr erfahren möchte, klickt einfach auf den jeweiligen Text.

Wiki Radio überträgt dieses Prinzip jetzt auf die Ohren – Viel Spaß beim Reinhören!

Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Kein Wunder also, dass soziale Netzwerke verlockend sind: Sie geben uns das Gefühl, mit Freund*innen, Familie, Kolleg*innen und allen halbvergessenen Bekannten gleichzeitig in Kontakt zu bleiben. Doch mit jedem Foto, jedem Kommentar, jedem Herzchen offenbaren wir mehr über uns selbst, als uns lieb ist – es ist die perfekte Beute für die Datensammlungen der großen Plattformbetreiber. Und diese setzen alles daran, uns im Kreislauf aus Scrollen, Teilen und Liken festzuhalten.

Können wir online miteinander verbunden bleiben, Inhalte entdecken und teilen, ohne unsere Kontrolle über unsere privaten Daten zu verlieren?

Darüber sprechen wir mit Dan Shick aus dem Software-Kommunikationsteam von Wikimedia Deutschland.

Begriffe, die Sie vor dem Lesen des Interviews kennen sollten:

Wikidata ist eine freie, kollaborative Wissensdatenbank, in der strukturierte Daten zentral gesammelt und für Wikipedia sowie viele andere Projekte bereitgestellt werden. Die Informationen sind maschinenlesbar und können weltweit von Menschen und Anwendungen genutzt werden.

Wikibase ist die Software hinter Wikidata. Sie ermöglicht es Organisationen, Communitys oder Projekten, eigene strukturierte Datenbanken nach dem gleichen Prinzip wie Wikidata aufzubauen und flexibel zu verknüpfen.

BBS, oder Bulletin Board Systems, waren frühe elektronische Mitteilungsplattformen, meist vor der Zeit des Internets. Nutzer*innen konnten sich über ein Modem einwählen, Nachrichten lesen, eigene Beiträge schreiben oder Dateien austauschen. Alle konnten nacheinander das System nutzen, da immer nur eine Verbindung gleichzeitig möglich war.

Ein Mastodon Firehose ist eine Art globaler Feed, der alle öffentlichen Beiträge aus dem gesamten dezentralen Mastodon-Netzwerk in Echtzeit zusammenfasst. Da es keine zentrale Plattform gibt, werden diese Daten von verschiedenen Diensten bereitgestellt, die den Zugriff auf die öffentliche Timeline der einzelnen Instanzen ermöglichen. Man kann sich das als einen ständigen Fluss aller öffentlichen Mastodon-Posts vorstellen.

Hi Dan, was machst du bei Wikimedia Deutschland?

Ich kümmere mich um die externe Kommunikation der Softwareabteilung und helfe den Produktteams von Wikidata und Wikibase dabei, ihre Botschaften nach außen zu tragen. Außerdem schreibe und übersetze ich technische Inhalte.

Was genau ist Social Media – und warum ist es im digitalen Zeitalter so dominant geworden?

Social Media ermöglicht es Menschen, Inhalte übers Internet miteinander zu teilen. In gewisser Hinsicht ist die Idee nichts Neues. Selbst die frühen Websites hatten Gästebücher, in denen Besucher*innen ihre Gedanken hinterlassen konnten. Das, was wir heute unter Social Media verstehen, hat diesen Grundgedanken radikal weiterentwickelt: Plattformen, auf denen wir noch viel mehr von unserer Persönlichkeit preisgeben können – einfacher und schneller als je zuvor.

Warum Social Media so durch die Decke ging, liegt für mich an zwei Faktoren: der veränderten Wahrnehmung von Privatsphäre und dem Siegeszug des Smartphones. Seit über zwanzig Jahren erleben wir, wie Unternehmen Daten sammeln und wie Hacker immer wieder große Datenlecks aufdecken. Mit der Zeit hat das zu einer Art Müdigkeit geführt: Viele Menschen haben das Gefühl, dass Privatsphäre im Netz ohnehin kaum noch existiert. Und wenn alles schon halb öffentlich wirkt, fällt es leichter, persönliche Informationen freiwillig zu teilen – vor allem dann, wenn es so aussieht, als würden sie nur im kleinen Kreis von Freund*innen und Familie landen. Parallel dazu wurden Smartphones zum festen Bestandteil unseres Alltags. Und Social Media ist wie gemacht dafür: Kamera, Ton-Aufnahmegerät, Tastatur und schnelle Internetverbindung – alles steckt in der Hosentasche. Die Hürde, etwas zu teilen, war noch nie so niedrig.

Portät Dan Schick
Dan Shick hat sich im digitalen Raum immer schon zuhause gefühlt.

Wie bist du persönlich mit Social-Media-Alternativen in Berührung gekommen?

Ich komme ursprünglich aus der Bay Area bei San Francisco und bin seit meiner Jugend Computerfan. Meine ersten sozialen Online-Erfahrungen machte ich mit sogenannten BBSes – elektronische Schwarze Bretter, die man per Modem über die Telefonleitung anwählte. Man konnte dort Nachrichten lesen und hinterlassen, aber immer nur nacheinander, weil meist nur eine einzige Leitung zur Verfügung stand.

Mitte der Neunziger landete ich beruflich in der Internetbranche. Dadurch bekam ich viele Trends früh mit. Um 2003 tauchte plötzlich das Wort „Social Networking“ auf. In Berichten wurde es als die nächste große Kommunikationsrevolution beschrieben – oft etwas übertrieben, aber mit der Idee, dass Menschen Daten frei austauschen und mitnehmen können sollten.

Kurz darauf erschienen die ersten Plattformen wie Orkut, Friendster und Tribe.net. Sie waren viel einfacher als heutige Netzwerke, eher digitale Treffpunkte mit Profilseiten und Gruppen, aber noch ohne algorithmische Feeds oder aggressive Datensammlung. Ich probierte sie aus und war sofort begeistert: Es fühlte sich an wie die BBSes meiner Jugend – nur in Echtzeit.

2007 fing ich an für Bebo zu arbeiten – damals eines der größten sozialen Netzwerke außerhalb der USA und ein echter Myspace-Konkurrent. Bebo war im Kern eine Mischung aus Profilen, Nachrichten, Fotos und Gruppen, sehr community-orientiert und ohne die massive Werbe- und Datenauswertung, die später bei Facebook dominieren sollte. 2008 hörte ich dort zum ersten Mal den Begriff „Social Media“.

Mit den Jahren veränderte sich die Branche drastisch. Smartphones wurden allgegenwärtig, Facebook wurde riesig, und die frühen Versprechen – etwa dass man seine Daten frei exportieren könne – wurden nie wirklich eingelöst. Irgendwann hatte ich das Gefühl: Diese zentralisierten Plattformen nehmen mehr, als sie geben.

2017 stieß ich dann auf etwas völlig anderes: dezentrale soziale Netzwerke, bei denen man sogar einen eigenen Server betreiben kann. Für mich als langjährigen Technik-Hobbyisten war das sofort spannend. Die Software hieß Mastodon, und sie führte mich ins Fediverse – eine offene Social-Media-Welt, in der Kontrolle nicht bei einem Konzern liegt, sondern bei den Menschen, die sie nutzen.

Warum interessierst du dich für freie Social-Media-Plattformen?

Was mich an Mastodon sofort begeistert hat, war etwas, das ich schon an den frühen sozialen Netzwerken mochte: Es gibt keinen Algorithmus, der vorsortiert, was man sehen soll. Stattdessen tauschen sich ganz ungefiltert viele Hobbyist*innen, Technikbegeisterte und andere spannende Menschen über alles Mögliche aus, das sie interessiert.

Ich glaube, man vergisst leicht, wie wertvoll so etwas ist. Einige Jahre zuvor hatte ich die sogenannten nymwars miterlebt, bei denen große Plattformen versuchten, Nutzer*innen zu zwingen, ihren Klarnamen zu verwenden. Viele marginalisierte Gruppen wurden dadurch vertrieben. Und dieselben Gruppen wurden später Zielscheiben übelster Online-Angriffe. Das hatte alte Erinnerungen bei mir geweckt – auch ich wurde früher gemobbt. Damals waren Online-Communitys mein Zufluchtsort und genau die waren bei den großen Plattformen im Zuge der nymwars bedroht.

Als ich dann das Fediverse entdeckte, war ich wirklich erleichtert: Viele der Menschen, die von den großen Plattformen verdrängt worden waren, hatten dort wieder einen sicheren Raum gefunden. Für mich fühlte es sich an, als wäre ich endlich wieder zuhause.

Welche Nachteile hat es, bei Facebook, Instagram, TikTok, YouTube oder sogar X zu bleiben?

Mir fallen sofort vier Punkte ein: Werbung, Datensammeln, verzerrte Informationen und Hass. Natürlich gibt es Hass nicht nur auf kommerziellen Plattformen – er taucht leider überall im Netz auf. Aber wenn große Plattform-Betreiber sich dafür entscheiden, das bestimmte Formen von Hass und Übergriffen für sie akzeptabel sind, dann sind dem manche Nutzer*innen im Ernstfall schutzlos ausgeliefert.

Gleichzeitig haben viele Menschen unglaublich viel Zeit und Herzblut in ihre Accounts gesteckt. Sie lagern dort tausende Fotos, persönliche Texte oder Erinnerungen – oft aus einem einfachen Grund: Dort sind ihre Freund*innen. Man will teilen, wo die Menschen sind, die einem wichtig sind. Das ist ja der Kern von Social Media: Gemeinschaft, Zugehörigkeit.

Doch genau hier liegt die Falle: Die Plattform gehört nicht der Community, sondern einem Unternehmen. Und dieses Unternehmen kann jederzeit Regeln ändern, Inhalte löschen, Accounts sperren oder den Zugang erschweren. Nutzer*innen haben darauf praktisch keinen Einfluss. Ihre Daten, ihre Kontakte, ihr digitaler Alltag hängen an Entscheidungen, die andere aus kommerziellen Gründen treffen.

Am Ende fühlt es sich deshalb so an, als würde man bleiben müssen – nicht, weil man will, sondern weil das eigene soziale Umfeld, die eigenen Erinnerungen und die eigene Reichweite dort feststecken. Das ist wie ein „Geiselgefühl“: Man gibt die Kontrolle ab, ohne eine echte Alternative zu haben.

Warum dominieren Meta, Google und TikTok den Markt so stark?

Bei Meta und Google liegt es vor allem an zwei Dingen: Geld und Kontrolle. Bei TikTok kommt ein anderer Faktor ins Spiel: der Netzwerkeffekt.

Meta und Google verfügen – zusammen mit Amazon – über mehr als die Hälfte des weltweiten Werbemarkts. Meta, Apple und Google gehören außerdem zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Auch wenn Google heute kein eigenes großes soziales Netzwerk mehr betreibt (R.I.P. Google+) und Apple nie eins hatte, kontrollieren beide das Smartphone-Ökosystem – also genau das Umfeld, in dem soziale Medien überhaupt erst groß werden. Meta wiederum beherrscht mit Facebook und Instagram das Social-Media-Universum der über 30-Jährigen und besitzt ganz nebenbei mit WhatsApp einen Messaging-Dienst, der schon fast selbst ein soziales Netzwerk ist. Diese Marktmacht ergibt sich im Kern aus ihrem enormen finanziellen Einfluss.

Bei TikTok läuft es etwas anders. Dort wirkt der klassische Netzwerkeffekt: Menschen gehen dorthin, wo andere Menschen schon sind. Wenn eine Plattform es schafft, durch gutes Design, spannenden Content oder einfach Glück genug Aufmerksamkeit zu bekommen, kann sich dieser Effekt verselbstständigen – und plötzlich wird sie viral attraktiv. Genau das ist früher schon bei Twitter, Facebook, Snapchat und Instagram passiert. Und es wird wieder passieren, solange das Internet zumindest ein Stück weit offen bleibt.

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Das Fediverse: Eine Reihe von Social Media Apps, die dezentral organisiert sind, was eine Machtkonzentration verhindert und die Nutzer*innen in den Mittelpunkt stellt.

Welche freien Social Media Alternativen würdest du empfehlen?

Ich empfehle uneingeschränkt alle Plattformen, die Teil des Fediverse sind. Das Fediverse ist kein einzelnes Netzwerk, sondern ein Verbund vieler unabhängiger sozialer Plattformen, die miteinander kommunizieren können – ähnlich wie E-Mail, nur für Social Media. Mastodon ist dabei wahrscheinlich das bekannteste Beispiel.

Die Kommunikation zwischen diesen Plattformen läuft über einen technischen Standard namens ActivityPub. Für Nutzer*innen bedeutet das praktisch, dass sie unterschiedliche Dienste gleichzeitig nutzen können, ohne sich um technische Details kümmern zu müssen. Das Besondere am Fediverse ist seine Dezentralisierung: Es gibt keinen einzelnen Betreiber, der alles kontrolliert oder verkaufen kann. Durch die Dezentralisierung kann nicht einfach irgendein selbstverliebter Milliardär auftauchen und das gesamte Netzwerk kaufen. Stattdessen bestehen viele eigenständige Server, die miteinander verbunden sind, aber unabhängig bleiben. Man kann es ein bisschen mit Amateurfunk vergleichen: Verschiedene Menschen können über unterschiedliche Geräte miteinander sprechen, ohne dass eine zentrale Firma alles steuert – nur eben digital und viel leichter zugänglich.

Im Fediverse gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Dienste: Mastodon eignet sich für kurze Texte und Microblogging, Pixelfed ist eine offene Alternative zu Instagram für Fotos, und Ghost ist eine vollwertige Blogging-Plattform, die ebenfalls ans Fediverse angeschlossen ist. So kann jede*r genau die Plattform wählen, die zum eigenen Stil passt, und bleibt trotzdem Teil eines offenen, miteinander vernetzten Netzwerks. Hier gibt es einen tollen Überblick, um sich schnell zurechtzufinden.

Was könnte ungewohnt wirken, wenn man von den großen Plattformen zum Fediverse wechselt?

Am Anfang fällt vor allem eines auf: Es gibt keinen Algorithmus. Die Feeds im Fediverse sind chronologisch – Nutzer*innen sehen nur die Inhalte von Accounts, denen sie folgen. Wer von den großen Plattformen kommt, wird vielleicht zuerst das Gefühl haben, Empfehlungen oder Trends zu verpassen. Viele Plattformen bieten aber zusätzlich Feeds mit den aktuell beliebtesten Beiträgen oder mit Posts von allen bekannten Servern an.

Es braucht ein bisschen Übung, sich den eigenen Feed selbst zusammenzustellen, aber das geht schnell in Fleisch und Blut über – und macht richtig Freude!

Wie einfach ist die Anmeldung – und wo lassen sich diese Plattformen finden?

Das Fediverse besteht aus einer Vielzahl von Servern, die miteinander kommunizieren. Daher ist die Anmeldung etwas aufwändiger als bei zentralisierten sozialen Netzwerken. Jeder Server ermöglicht die Kommunikation mit anderen Nutzenden im Internet, hat aber seine eigene Community, eigene Nutzungsbedingungen und einen eigenen Charakter. Man kann es mit der Wahl eines E-Mail-Anbieters vergleichen: Gmail, ProtonMail oder Hotmail – jede Option hat ihre Besonderheiten.

Zunächst lohnt es sich, einen Überblick über die verfügbaren Server zu verschaffen. Empfehlenswert ist es, Informationen aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis einzuholen – dort kann oft ein passender Server empfohlen werden. Alternativ bieten folgende Seiten Orientierung:

Allgemein: https://fediverse.party/en/portal/servers/
Mastodon: https://instances.social/
Pixelfed: https://pixelfed.org/

Hat ein Server die gewünschten Eigenschaften, lohnt sich auch noch ein Blick in die Nutzungsbedingungen und den öffentlichen Feed (häufig auf der „About-Seite”). Entspricht das Angebot den eigenen Vorstellungen, funktioniert die Registrierung wie bei jeder anderen Plattform: Benutzername und Passwort festlegen, und schon kann der Server genutzt werden.

Handy mit Social-Media-Alternative Mastodon
Erfreut sich zunehmender Beliebtheit: Mastodon, die neue Microblogging-Alternative zu X (ehemals Twitter)

Gibt es Tipps für Einsteiger*innen, um den Wechsel zu erleichtern?

Mein wichtigster Tipp: Dranbleiben.
Den Feed mit den beliebtesten Beiträgen durchsuchen und bei Bedarf auch den sogenannten „Firehose“-Feed nutzen. Dieser Feuerwehrschlauch-Feed zeigt alle öffentlichen Beiträge eines Servers oder aller bekannten Server gleichzeitig – ähnlich wie ein unendlicher Nachrichtenstrom – und hilft dabei, einen guten Überblick über die Community zu bekommen.

Außerdem: Follow- und Unfollow-Entscheidungen großzügig treffen: Nicht jede*n Account sofort dauerhaft folgen, sondern ausprobieren, wer interessante Inhalte liefert und was den eigenen Feed bereichert. So lässt sich der Feed Schritt für Schritt optimal zusammenstellen.

Den eigenen Feed aktiv gestalten – er sollte genau die Themen und Inhalte zeigen, die interessieren, informieren oder inspirieren. Es entsteht dabei keine eingeschränkte Blase, sondern eine individuell kuratierte Informationsquelle.

Und nicht vergessen: Freund*innen einbeziehen – gemeinsam macht der Einstieg oft noch mehr Freude.

Takeaways

  • Es gibt Alternativen – vor allem im Fediverse (Mastodon, PeerTube, Pixelfed). Diese Plattformen sind echte Optionen jenseits von Meta, TikTok oder YouTube.
  • Datenschutz und Kontrolle – keine werbegetriebenen Feeds, weniger Ausnutzung privater Daten, mehr Einfluss für die Nutzenden, wer welche Inhalte sieht und teilt.
  • Gemeinschaft statt Algorithmen – Inhalte werden über Personen und Gruppen entdeckt, nicht über versteckte Ranking-Systeme, die bestimmen, was angezeigt wird.
  • Andere Atmosphäre – kleinere, langsamere, oft freundlichere Communitys, in denen Beiträge länger sichtbar bleiben und nicht innerhalb von Sekunden in einer Flut neuer Posts verschwinden. Dadurch entsteht mehr Ruhe, Übersicht und Austausch auf Augenhöhe.

Next Steps

  • Eine Fediverse-Plattform ausprobieren, z. B. Mastodon, PeerTube oder Pixelfed, um praktische Erfahrung zu sammeln.
  • Anleitungen, FAQs und Community-Gruppen für Einsteigende nutzen, um den Einstieg zu erleichtern.
  • Freund*innen oder Bekannte einbeziehen und gemeinsam neue Plattformen entdecken, um Austausch und Vernetzung zu fördern.

Bezahltes Wikipedia-Schreiben in der Belletristik

Monday, 12 September 2022 20:02 UTC

Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind. Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.

Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen 2012 bringt es der Roman auf den Punkt:

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Auf deutsch etwa:

„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“

Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören. Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten Mehrwert zu bieten.

Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012 richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden Community im Jahr 2022.

(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)

Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu „verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.

Die Lyrik der Wikipedia-Auskunft

Monday, 18 July 2022 17:15 UTC

Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr teilhaben.

Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere mich noch einmal und deklamiere:

Honda Motorrad,
6-Zylinder,
6 Vergaser,
Blockmotor quer,
luftgekühlt.

Alle Daten fehlen!
Keine Daten vorhanden.
Warum?

Die Frage stammte von einer nicht angemeldeten Person, die am 17. Juli um 16:19h mit der IP 2003:D4:2713:1F50:F120:9BAE:47CF:6C2A unterwegs war.

Beitragsbild: 2016-08-05 Tokaido Seki Juku Kameyama City Mie,東海道五十三次 関宿 DSCF6949☆ von: 松岡明芳 Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.

Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt

Semantic Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki abhängig. Weitere wichtige Änderungen:

  • Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions eingesetzt.
  • Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht vorhanden ist.
  • Weiters wird nun Cargo unterstützt, es lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
  • Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
  • Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte speichern zu lassen.
  • Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.

Die MediaWiki Stakeholder’s Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der Software voranzutreiben.

Interessante neue semantische Erweiterungen gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und Metatags:

Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht, die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller Erfolg.

Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der schönen Fabra i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40 Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen teil.

WikiPRedia

Tuesday, 23 November 2021 17:31 UTC

Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal, die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und Spottdrossel.

Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste: ein Gedicht.

Wikipredia

Die Regeln
existieren und doch nicht
nach Mondstand

Die Ethik
absolut seit Anbeginn
nein denn ja

Die Praxis
gesperrt verworfen gelöscht
freigeschaltet

Wikipredia
Darwinismus der Agenturen
Überleben des Dreistesten

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Allein mit der Madonna zum Hasen

Thursday, 30 September 2021 19:49 UTC

Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)

Wikipedia-KNORKE erwähnte ich ja an dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas besonderes: Auf ins Museum!

In Berlin gastiert gerade die Darmstädter Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des 16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren. Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.

Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur Sonderausstellung "Holbein in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen, sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der besseren Kunstausstellungen.



Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt. Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing - vermutlich in der Martinskirche als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt, ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?

Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das Darmstädter Gemälde. Eine Sensation,  da die Kunstkennerschaft vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die originale der beiden bestätigten.

Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes (beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".

Hans Holbein der Jüngere: Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532. Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz

Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London. Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.

Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu entdecken. Image

Wen wählen in das Board der Wikimedia Foundation?

Friday, 20 August 2021 21:03 UTC

Vorweg, für die Eiligen

Meine Wahlvorschläge

  • Top 4: Douglas Ian Scott, Iván Martínez, Adam Wight, Dariusz Jemielniak
  • Top 8: Rosie Stephenson-Goodknight, Lorenzo Losa, Farah Jack Mustaklem, Gerard Meijssen
  • Wählbar: Reda Kerbouche, Pavan Santhosh Surampudi, Ravishankar Ayyakkannu

Wichtige Links

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Vote now für das Wikimedia-Board

Für die nicht so Eiligen

Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.

In der Ferne betrachtete ich die Türme des Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg: Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.

Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich, unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.

Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu machen.

Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl. Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken. Diese Gedanken bedurften des Kontextes.

Was ist die Wikimedia Foundation?

Die Wikimedia Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik, ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte, ein Endowment von 90 Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen US-Dollar.

Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel oder legen Inhalte in den Projekten an.

Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich – niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu lassen.

Was ist das Board of Trustees?

Das Board of Trustees ist das ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16 Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite Communitywahl bestimmt.

Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450 Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe. Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.

Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte machen und besetzt die Geschäftsführung.

Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend. Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell und kompetent zu beenden.

Welche Kriterien habe ich?

Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten. Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“

Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können. Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen können.

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Wählenswert: Adam Wight. Bild: Recent selfie. Von: Adamw Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

Welche Kandidaten?

Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.

Die Urgesteine

Dariusz Jemielniak – Professor of Management, daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.

Rosie Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women in red, you name it. Bei überraschend vielen der Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie Stephenson-Goodknight beteiligt.

Gerard Meijssen – gefühlt war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.

Mike Peel – langjähriges Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Ravishankar Ayyakkannu – Mr. Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google) zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und Berufstätigkeit dort durchführte.

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Wählenswert: Dariusz Jemielniak Bild: Dr. Dariusz Jemielniak – Wikimedia Foundation Board von: VGrigas (WMF) Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported

Im Wikiversum aktiv


Reda Kerbouche – Aktiv bei Wikimedia Algeria, Founding member der Wikimedia of Tamazight User Group. Lebt in Europa.


Lorenzo Losa – Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.


Farah Jack Mustaklem
– Software Engineer, einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft, andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.

Douglas Ian Scott – Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania 2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser kennenlernte – und begeistert war.

Iván Martínez – langjährig engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.

Pavan Santhosh Surampudi – Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell etwas von Communities.

Adam Wight – Programmierer, Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.

Vinicius Siqueira – in Wiki Movimento Brasil

Newbies

Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.

Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur

Wen werde ich wählen?

Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden bevorzugt.

Die Top 4

  • Douglas Ian Scott
  • Iván Martínez
  • Adam Wight
  • Dariusz Jemielniak

Top 8

  • Rosie Stephenson-Goodknight
  • Lorenzo Losa
  • Farah Jack Mustaklem
  • Gerard Meijssen

Wählbar

  • Reda Kerbouche
  • Pavan Santhosh Surampudi
  • Ravishankar Ayyakkannu

Wer wird wählen

Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben, kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein. Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.

Das Wahlsystem

Es gilt das Präferenzwahlsystem. Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.

Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für geeignet, hört man auf zu nummerieren.

Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“ gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus. Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die „2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.

Zur Wahl

Geht es hier.

Beitragsbild: Die Apostel wählen einen zwölften Zeugen als Ersatz für Judas. Aus dem Rabbula-Evangeliar.

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Wiki Loves Jules Verne. Mit Wikipedia in Braunschweig.

Tuesday, 17 August 2021 08:28 UTC


Mensch-Maschine Braunschweig


Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert. Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am Bahnsteig. 

Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren.  Eine Frau entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der angezeigten 32.“

Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium, die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?

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Illustration aus dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de Neuville & Léon Benett


Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt. Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen Kindheit:

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„Meine Mutter nannte dann immer eine Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […] Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir, zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden, Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker. […] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“

Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist, sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?




Forschung Maschinenbau Braunschweig


Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir „Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.

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Braunschweig. Bahnhofsvorplatz.


VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich Willkommen.“

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Vor allem aber  fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte  keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber, offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie frisch aus der Packung genommen.

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Wegbier. In Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber stilgerecht,


Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt. Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle, sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.

Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend, wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr; geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:

„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000 Beschäftigte in 250 Unternehmen der Hochtechnologie[106]“

Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste ist Braunschweig  die innovationsfreudigste Region der EU vor Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules Verne.


Jules Verne


Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules Verne und Gesprächen zu Wikipedia.

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Volker Dehs bestreitet das halbe Programm


Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den 1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.

Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden, waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind. Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.

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Haus der Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.



Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem beeinflusst waren

Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste. Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.

Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang, dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang, Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden. Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr. (*Affiliate Links)

Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es (fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese vor allem dem Zweck zu reisen.

Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.

Die Phantastische Bibliothek


Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler. Thadewald verstarb 2014. Er lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit, seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend. Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des Programms.

Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen: Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die Berichte  werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden wollen und in die Zukunft denken.

So als Beispiel: Nanotechnische Ideen in der Science Fiction


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Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.

Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen schreiben.

Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist, dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.


Mensch Maschine Normal


Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“ vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws] telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10 Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?



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Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.

Weiterlesen


Mit Wikipedianern kann man nicht nur Verne lesen, sondern auch Cocktails mischen: Ramos Gin Fizz für die Enzyklopädie.

Oder man läuft mit Wikipedianern durch den Wedding:Tanz auf dem Guglhupf, Automatenmaden und die „brutalism appreciation society“ im #wedding

Mehr zu Future Life bei der phantastischen Bibliothek: Future Life. 

Zum Jules-Verne-Club

Die Wikipedia-Seiten zur Veranstaltung: Wikipedia:Wiki Loves Jules Verne

Beiträge zur Veranstaltung im Wikipedia-Kurier und im Blog von Wikimedia Deutschland.

Der grüne Strahl im Gesamttext bei zeno.org: Der grüne Strahl

Alle Iberty-Posts zur Kultur stehen unter: Kultur in Iberty!

Anmerkungen


Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:

„Nichts gegen das große Geld und die wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle, Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss. Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)


 

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Berlin celebrates old school #wikipedia15

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

I still remember the time when real life meetings for Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one really want to meet these strange other people from the Internet? How would they be? Could they even talk in real life or would they just sit behind a laptop screen staring on it for hours?

My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!) sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen. These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice evening.

WP15 Germany Berlin 01
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the old school way. Half improvised, organized by our dearest local troll user:Schlesinger on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come and what would happen except some people having a good time.

And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg seven people promised to come, in the end we were almost twenty. Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we just talked and laughed, talked about history and future.  Actually, mostly we talked about future.

WP15 Germany Berlin 03
Bild: By Sargoth, CC BY-SA 3.0

About the Wikipedian above 30, who has just started a new a university degree in archaeology, the question whether the Berlin community should have its own independent space, industrial beer, craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the future, who should come to the open editing events, how to work better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there, looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.

No frustration, almost no talk about meta and politics, just Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old school. So good.

WP15 Berlin Torte angeschnitten

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Die Verschwundenen

Tuesday, 17 August 2021 08:13 UTC

Crossposting eines Posts von mir aus dem Wikipedia Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere Menschen.

Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind und gearbeitet haben.

Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten - fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden. Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr fleißige Autorin? Wer weiß?


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 Viele Wikipedianerinnen und Wikipedianer sind derzeit inaktiv.

Anlässlich des Projektes WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat, musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.



Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße. Ein Mammutwerk von Gtelloke, dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.


Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung Invalidenstraße von Gtelloke
Lizenz: CC-BY-SA 3.0



Da ist der Artikel zum Wedding selber. Angelegt 2002 von Otto, dessen letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes! Licht und Liebe''

Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64, auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.

Der Leopoldplatz; angelegt von Frerix, der in den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine Diskussion verwickelt wurde.  Zu seinen wenigen Beiträgen gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg. Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine, die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv ist.

Da wäre das Wahrzeichen des Weddings. Die Alte Nazarethkirche. Der Artikel stammt vor allem von 62.246.210.30.


Bild: Leopoldplatz, Ev. Alte Nazarethkirche, 1832–35 von Karl Friedrich Schinkel von Schliwiju

Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte in seiner Frühzeit von WHell, engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den späteren Jahren durch Peterobst – aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten 80.226.238.197, von Georg Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht unregelmäßig), Flibbertigibbet 2006 , 79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine. Weiter ausgebaut von Onkel Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und hielt sich im Wesentlichen daran.

Da ist der Volkspark Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005, aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut, umfassend überarbeitet 2007 von 84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka. Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014, die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.


Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in Berlin, Wedding (Mitte). Von: Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv, Magadan, Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.

Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen. Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine,  Fridolin freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns kamen. Image

Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind, rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.

Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon zumindest ein Admin gebannt.

Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen einen Genozid an Deutschen verübt hätten.

Der ganze Bericht kann hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht aufklären und nicht Propaganda verbreiten!

IeS: Blog ist zurück

Friday, 16 April 2021 21:38 UTC

Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen, sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.

Wahl: Oversighter-Wahlen

Friday, 16 April 2021 21:11 UTC

Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel Erfolg!

Gab es in der DDR Spaghetti?

Friday, 26 March 2021 09:39 UTC

Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite zur Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und logischen Extremsports.

Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad (1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo: 102.



Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:

 "Warum gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft bestätigt worden. Warum?"

Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die immerhin folgendes ergab:

* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli, darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen, Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce Carbonara!


Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild: Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian Ammon, Lizenz: CC-BY-SA 3.0
 
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti, Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika des geteilten Deutschlands.

Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber? Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?

Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische "Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30 Minuten gekocht.

Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als "Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte man darauf, daß sie nicht hohl sind"

Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.

Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen" waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.

Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern auch Pasta.

Philip Dawe, The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade (1773) - 02
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild: Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade, 1773.

In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed and even spoke in an outlandishly affected and epicene manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch: "Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.

Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern ist nun wiederum im Englischen der Macaroni penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.


Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil, nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South Georgia von Liam Quinn, Lizenz: CC-BY-SA 2.0

Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann? Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert. Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.


Sommer, Giorgio (1834-1914) - n. 6204 - Napoli - Fabbrica di maccheroni
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild: Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo: 6204. 


Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu "Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab? Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu recherchieren.

Weiterlesen

Eine Investigation: Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.
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Coolest Wikipedia Tool 2020: Pywikibot

Thursday, 7 January 2021 17:31 UTC

Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.

Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger vereisen ließ.

Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener, Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.

„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz! Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.

Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu erfrieren.

Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es nur scheißkalt. Ich gehe.“

Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den Link.

Southgeist: https://www.youtube.com/watch?v=zYM4k_LD_9w – Tools sind doch was für Dich

Hüpfburg: click

Hüpfburg: Das ist Wikipedia. Was soll ich damit?

Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast nur Technik und kreative Sachen.


Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll gehen?

Southgeist: Schau doch mal.

Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären kaputt.

Hüpfburg: I like the music.

Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.

Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen? In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber, was für Tools vorkommen.

Die coolest Tools

Ich erzählte.

Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser (Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer noch ihre Seiten“), Proofread Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“), Listen to Wikipedia („Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den Event integrieren“), AbuseFilter („Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools. („Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)

Pywikibot

Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch können – nur schneller.

Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt – und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich ausbremst.

Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die heutigen Wikipedistas.

DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast 20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“

Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft aber nur selten fundamental Neues.

Change Musiker to Musiker*innen

„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine wichtige Aufgabe erfüllt.

DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle ‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse. Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“

DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“

Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun und die sind superfreundlich dort.“

DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“

„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris, Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“ sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer noch keinen Artikel von ihr.“

Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“

Ruhe. Hüpfburg dachte.

„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen. Vielleicht ist es einen Versuch wert.“

(Beitragsbild: Brødmaskin med striper i mange farger von: Øyvind Holmstad Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International

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