„Gott muss alles erschaffen haben – auch das Einhorn“: Dieser
Satz ziert einen um 1500 entstandenen gewebten Teppich mit dem
Titel ‘Allegorische Tiere’ und steht beispielhaft für die
jahrtausendealte Faszination, die das Fabelwesen auslöst. Entgegen
seines heutigen, oft bunten und glitzernden Images blickt das
Einhorn auf eine rund 4000-jährige Geschichte in Mythen, Religion
und Kunst zurück. Dieser Vielschichtigkeit widmete das Museum-
Barberini in Potsdam die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der
Kunst“. Ende Januar hatten elf Wikimedia-Aktive im Rahmen einer
KulTour die Gelegenheit, sich
dem Phänomen Einhorn exklusiv und aus wikipedianischer Perspektive
zu nähern.
Einer der Teilnehmenden an der Wikipedianischen KulTour ist
Schlesinger. Während der KulTour erhielten er und die anderen
Freiwilligen eine kunsthistorische Führung durch die Ausstellung –
Fotografieren ausdrücklich erlaubt. Dabei ließ sich Schlesinger
ganz in den Bann des Fabeltiers ziehen: „[..] fast neigte man sogar
dazu, an dieses fantastische Wesen zu glauben und sich wie viele
Kinder neben das Wärme ausstrahlende präparierte pferdeähnliche
Einhornexponat mit echtem Fell zu legen, schließlich werden ihm
alle möglichen Wunderkräfte zugeschrieben“, so der langjährige
Wikipedianer in seinem Bericht.
Nach der Führung erhielten die Ehrenamtlichen Einblicke in die
organisatorische Arbeit, die für die Ausstellung gestemmt werden
musste: denn die Ausstellung versammelt rund 150 Werke, darunter
Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphiken, illuminierte Manuskripte,
Plastiken und Tapisserien, die von 80 Leihgebern aus 16 Ländern
ausgeliehen wurden.
Einhorn-Wissen für
alle
Die rund um den Besuch entstandenen Fotos und das neu erworbene
Wissen rund um den Mythos Einhorn werden in die Wikipedia,
Wikimedia Commons und Wikidata eingearbeitet. Dies ist das
Konzept der Wikipedianischen KulTour, von der Wiki-Aktive wie
Museen gleichermaßen profitieren: Ehrenamtliche erhalten exklusive
Einblicke in die Museen. Indem sie diese in den Wiki-Projekten
verarbeiten, helfen sie den Museen, ihre Inhalte zu öffnen, also zu
digitalisieren und frei verfügbar zu machen. Mit dem Barberini
arbeitet die Wikipedia-Community schon seit 2021 zusammen, zuletzt
bei der GLAM on Tour 2023. GLAM on Tour ist ein mehrtägiges und
erweitertes Austauschformat, das auch eine Einführung in die
Wikimedia-Projekte für Museumsmitarbeitende beinhaltet.
Die Ergebnisse der jüngsten KulTour können sich schon sehen
lassen: Bis jetzt wurden bereits 356 Bilder in Wikimedia Commons und 159 Einträge
in Wikidata eingefügt – und die
Ehrenamtlichen sind noch lange nicht fertig.
Wir freuen uns, die Zusammenarbeit mit dem Museum-Barberini in den
letzten Jahren verstetigt zu haben. Langfristige Kooperationen wie
diese sind besonders lohnend. Sie ermöglichen es den
GLAM-Institutionen, sich als wegweisende Akteur*innen in der
digitalen Wissensgesellschaft zu positionieren.
Holger
Plickert Referent für Kultur-
und Gedächtnisinstitutionen und GLAM-Organisator bei Wikimedia
Deutschland
GLAM on Tour: So geht’s
weiter
Für die Zukunft ist noch viel geplant. So sollen Kooperationen
mit Gedenk- und Erinnerungsstätten in den Fokus rücken. Bei GLAM
können Ehrenamtliche und Institutionen gemeinsam die Qualität und
Reichweite des Geschichtswissens in der Wikipedia steigern. Damit
leisten sie einen wertvollen Beitrag zur Erweiterung des
kollektiven Gedächtnisses und zum Schutz vor Geschichtsmythen und
Desinformation.
Dokumente schreiben, Präsentationen vorbereiten, Zahlen
auswerten – Office-Software ist eine zentrale Säule für digitale
Arbeit und digitales Lernen. Die meisten nutzen dabei Microsoft
Office oder die Google Suite, weil diese Programme am Arbeitsplatz
vorinstalliert sind oder sich nahtlos in E-Mail- und Cloud-Dienste
einfügen. Doch diese Dominanz hat ihren Preis: hohe Lizenzkosten,
dauerhafte Abonnements und – im Falle von Cloud-Tools – die
Weitergabe sensibler Daten an große Unternehmen.
Deshalb stellen wir uns heute die Frage: Gibt es starke,
kostenlose Alternativen, die wirklich mithalten können?
Genau darüber sprechen wir mit Masin Wiedner,
IT-Systemadministrator bei Wikimedia Deutschland.
Keine Bindung: Offene Formate wie ODF schützen davor,
dass persönliche Dateien an einen einzelnen Anbieter gebunden
werden.
Mehr Kontrolle über Daten: Selbst gehostete oder offline
nutzbare Tools erhöhen Datenschutz und Datensouveränität.
Einarbeitungszeit einplanen: Manche Menüs und Funktionen
sind anders angeordnet als bei Microsoft Office oder Google Docs –
ein bisschen Geduld lohnt sich.
Kombinierbar: Man kann z. B. LibreOffice lokal nutzen
und OnlyOffice oder Collabora Online für Teamarbeit im Browser
einsetzen.
Hi Masin, was machst du bei Wikimedia
Deutschland?
Ich bin einer der Systemadministratoren im IT-Team von Wikimedia
Deutschland. Zu unseren Aufgaben gehört die Ausstattung des
Kollegiums mit Arbeitsrechnern und den dazugehörigen Programmen.
Dabei spielt für uns auch die Sicherheit unserer persönlichen und
Arbeitsdaten eine große Rolle.
Was genau ist „Office-Software” und
warum ist sie so wichtig?
Unter „Office-Software“ fasst man Programme zusammen, die
typische Büroarbeiten unterstützen – vor allem das Schreiben von
Texten und das Arbeiten mit Tabellen. Textverarbeitung deckt das
Erstellen von Briefen oder längeren Dokumenten ab, während
Tabellenkalkulationen zum Erfassen und Analysieren von Daten
dienen. Gerade Letztere sind wahre Allzweckwaffen: Sie mussten
schon für alles Mögliche herhalten – und tun es bis heute –, oft
auch für Dinge, für die es eigentlich geeignetere und stabilere
Lösungen gäbe.
Der Begriff „Office-Software“ ist allerdings nicht eindeutig
definiert. Viele zählen auch Präsentationsprogramme dazu –
ursprünglich gedacht für Folien, die man auf Tageslichtprojektoren
geworfen hat. Daher kommt übrigens der Begriff „Folie“
beziehungsweise „Slide“ in Programmen wie PowerPoint. „PowerPoint“
ist dabei längst zum Gattungsbegriff geworden, egal welches
Programm man tatsächlich benutzt.
Die großen Programmpakete enthalten oft auch Anwendungen zum
Definieren und Bearbeiten von Datenbanken. Das sind jedoch schon
eher Spezialwerkzeuge. Für die meisten Menschen reichen
Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationsprogramme
völlig aus.
Microsoft Office bringt zusätzlich noch Outlook mit, also ein
Programm für E-Mails und persönliches Informationsmanagement. In
den letzten Jahren hat Microsoft außerdem versucht, seine
Marktmacht zu nutzen und Teams – ein Werkzeug für Kommunikation und
Zusammenarbeit mit Chat, Videokonferenzen und gemeinsamen Dateien –
über die Office-Bündelung zum Pflichtprogramm zu machen. Die
Wettbewerbsbehörden waren von dieser Zwangskombination weniger
begeistert und haben sie untersagt. Google bietet zwar
vergleichbare Anwendungen an, hat aber im Gegensatz zu Microsoft
nicht dieselbe marktbeherrschende Stellung im Bereich
Office-Software.
Warum interessierst du dich besonders
für Freie Office-Suiten?
Für mich ist das vor allem eine Frage der Teilhabe am digitalen
Leben. Freie Office-Suiten ermöglichen es allen Menschen, auch ohne
die nötigen finanziellen Ressourcen, an und mit der digitalen Welt
zu arbeiten und teilzuhaben.
Office-Anwendungen sind für viele die ersten „richtigen“
Programme, mit denen sie überhaupt in Berührung kommen. Der
sogenannte Informatikunterricht an Schulen war lange Zeit praktisch
ein Kurs in Microsofts Text- und Tabellenprogrammen. Für einen
großen Teil der Bevölkerung ist „Office“ deshalb bis heute
gleichbedeutend mit „Microsoft Office“.
Wenn alle Menschen diese Programme nur für sich allein und
zuhause verwenden würden, könnte die Geschichte hier enden. Doch
sehr oft markiert ein erstelltes Dokument erst den Beginn einer
längeren digitalen Reise: Es wird verschickt, geöffnet,
weiterverarbeitet und wieder verschickt. Und jedes Mal wird
vorausgesetzt, dass die Empfänger*innen wissen, wie sie diese
Dokumente öffnen, anzeigen und bearbeiten können.
Das führt dazu, dass viele Menschen faktisch gezwungen sind,
Produkte eines einzigen Herstellers zu nutzen, wenn sie reibungslos
mit anderen zusammenarbeiten wollen. Das Problem: Diese Produkte
waren noch nie kostenlos. Früher musste man mehrere Hundert Euro
für eine Lizenz bezahlen, heute sind es laufende Abos – mit dem
Risiko, den Zugriff auf wichtige Anwendungen zu verlieren, sobald
es finanziell mal enger wird. Gleichzeitig bestimmt der Hersteller
allein, was zur Office-Suite gehört und was nicht. Jüngstes
Beispiel sind Preiserhöhungen mit dem Hinweis, dass nun „KI“
integriert sei. Viele möchten diese Form von „KI“ aber aus
ethischen oder ökologischen Gründen gar nicht nutzen – geschweige
denn dafür bezahlen.
Eine Möglichkeit, dem Zwang bestimmter Office-Systemen zu
entgehen, ist das Schaffen von Interoperabilität: Die verschiedenen
Programme „verstehen“ sich gegenseitig, können also mit den
Dateiformaten der anderen umgehen – oder alle verwenden dasselbe
Format, dessen Aufbau standardisiert und dessen Dokumentation frei
verfügbar ist.
Und ja, die Entscheidung zwischen freier und proprietärer
Software ist auch politisch und marktpolitisch relevant. Es geht um
Wahlfreiheit, Unabhängigkeit, gesunden Wettbewerb und echte
Innovation. Letztere entsteht im Markt vor allem dann, wenn man
sich damit gegenüber Mitbewerbern einen Vorteil verschaffen kann –
ein Umstand, der bei Monopolisierung fast nicht mehr gegeben
ist.
Welche Nachteile entstehen, wenn man
sich auf Microsoft Office oder die Google Suite
verlässt?
Es gibt den Begriff des „Vendor Lock-Ins”, der eine Abhängigkeit
von einem einzelnen Anbieter beschreibt und damit einhergeht, dass
ein Wechsel des Anbieters mit unvertretbar hohen Kosten verbunden
ist – entweder finanzieller, organisatorischer oder technischer
Natur. Ist man erst einmal in dieser Position, kann der Anbieter
die Bedingungen für die Nutzung der Produkte immer weiter zu seinen
Gunsten verändern. So können die Abo-Preise erhöht werden, wichtige
Funktionen hinter teuren Lizenzen versteckt werden, die Kontrolle
über die Dokumente kann verloren gehen. Oben hatte ich dazu den
Fall mit der integrierten „KI“ erwähnt. Microsoft hat sich da
übrigens auch einiges bei Google abgeschaut.
Bei der Google Suite, die viele noch als Google Apps, Google
Docs, G Suite oder heute Google Workspace kennen, findet praktisch
alles im Browser statt, und die Dokumente liegen ausnahmslos auf
den Servern von Google. Google „kennt“ also im Zweifel einen sehr
großen Teil der Gedanken und Arbeitsinhalte seiner Kund*innen. Die
einzigen Zusicherungen, dass diese Daten nicht zu ihrem Schaden
verwendet werden, sind am Ende die Nutzungsbedingungen (denen man
meist zustimmen muss) und die Gesetze, die am Unternehmenssitz
gelten. Und genau da wird es heikel: Die weitreichenden Befugnisse
, die die USA – Sitz sowohl von Google als auch Microsoft – ihren
Strafverfolgungsbehörden und Geheimdiensten eingeräumt haben,
sollten jeden zum Nachdenken bringen. Der Patriot Act von 2001 erlaubt US-Behörden wie
dem FBI, der NSA oder der CIA weitreichenden Zugriff auf Server von
US-Unternehmen ohne richterliche Anordnung. Der Cloud Act von 2018 verschärft die Situation noch
weiter, weil er den Zugriff sogar dann ermöglicht, wenn die Daten
physisch im Ausland gespeichert sind. Dass die USA mit ihren
Geheimdiensten aktiv Wirtschaftsspionage betrieben haben, ist
ebenfalls dokumentiert, etwa durch das Überwachungssystem Echelon.
Und da reiht sich Microsoft neuerdings mit ein: Dokumente, die
man lokal erstellt oder bearbeitet, werden ungefragt in OneDrive,
Microsofts hauseigenen Cloud-Speicher hochgeladen.
All das hat Folgen für Datenschutz, Datensouveränität und auch
für einen gesunden wirtschaftlichen Wettbewerb. Dazu kommt noch ein
weiterer Effekt: Die Dominanz von Microsoft Office wirkt weit über
Office-Anwendungen hinaus. Wer Office nutzen will, braucht ein
Betriebssystem, das Microsoft unterstützt – effektiv also Windows
oder macOS. Alternative Betriebssysteme stehen damit schon an
dieser Stelle vor ganz unnötigen Hürden.
Warum dominieren Microsoft und Google
den Office-Bereich so stark?
Microsofts heutige Dominanz stammt noch aus der Zeit vor dem
Internet. Damals gab es im Office-Bereich tatsächlich noch einen
halbwegs lebendigen Wettbewerb. Microsoft konnte jedoch mit der
Bündelung von Word, Excel, PowerPoint und Outlook ein Gesamtpaket
anbieten, dem viele Firmen kaum widerstehen konnten. Einzelne
Konkurrenten hatten teilweise bessere Einzelprogramme – aber eben
keine komplette Suite. Und sobald genug Unternehmen auf Microsoft
Office gesetzt hatten, kippte das Ganze: Wer beim
Dokumentenaustausch mitmachen wollte, musste praktisch ebenfalls
auf Microsoft umsteigen. Offene, standardisierte Formate gab es
kaum, und PDFs spielten im Büroalltag noch keine nennenswerte
Rolle.
Privat wollten die Menschen dann natürlich das nutzen, was sie
aus dem Büro kannten: erst unter MS-DOS, dann unter Windows 3.11,
Windows 95 – und immer begleitet von der vertrauten
Office-Umgebung. So setzte sich Microsoft Schritt für Schritt auch
im Alltag der Leute fest.
Google landete seinen großen Durchbruch 2005 mit dem
E-Mail-Dienst Gmail, hierzulande auch vielen als Google Mail
bekannt. Gmail bot etwas, das damals tatsächlich revolutionär war:
1 Gigabyte Speicher – kostenlos. Während andere Anbieter auf 10
oder 20 Megabyte begrenzten oder die Zahl der E-Mails deckelten,
traf Google damit einen echten Schmerzpunkt. Die Nutzerzahlen
explodierten.
Auf dieser breiten Basis konnte Google nach und nach das
ausbauen, was Microsoft lange für sich beansprucht hatte: E-Mail
und persönliches Informationsmanagement, also Kalender, Kontakte
und Aufgaben. Parallel reiften auch die Office-Anwendungen selbst,
wenn auch langsam. Ich erinnere mich noch daran, dass Google Docs
vor gut zehn Jahren nicht einmal Kopf- und Fußzeilen konnte – für
offizielle Schreiben war das damals schlicht unbrauchbar.
Dafür boten Googles Office-Produkte etwas, das perfekt in den
Zeitgeist passte: Zusammenarbeit in Echtzeit über das Internet.
Menschen waren ständig online und wollten gemeinsam an Dokumenten
arbeiten – und genau das lieferte die Google-Suite.
Der Funktionsumfang war lange „gut genug“ und wurde
kontinuierlich besser. Und weil die Nutzung zunächst kostenlos war,
konnten sehr viele Menschen früh damit Erfahrungen sammeln. Was im
Privaten und im semi-professionellen Umfeld funktionierte, wanderte
dann schnell in Unternehmen – besonders in jüngere Firmen und
weniger konservative Branchen.
Hinzu kamen später die Chromebooks als günstiges Angebot für
Schulen und Bildungseinrichtungen. Spätestens in der
COVID-19-Pandemie von 2020 bis 2023 hat das dem Google Workspace
noch einmal einen kräftigen Schub gegeben.
Welche freien Office-Alternativen
würdest Du unseren Leser*innen empfehlen?
Ganz klar an erster Stelle: LibreOffice. Die Suite ist funktionsreich, gepflegt
und für fast alle gängigen Betriebssysteme verfügbar – die sichere
Wahl für alle, die eine vollwertige, lokal installierbare
Office-Suite wollen.
Danach wird’s dünner, denn echte freie Office-Suiten gibt es
kaum. Einzelanwendungen funktionieren aber sehr gut: AbiWord für Textverarbeitung, Gnumeric für Tabellenkalkulation – schlank, schnell
und überraschend leistungsfähig.
Besondere Vertreter sind Collabora Online und OnlyOffice: Die laufen nämlich nicht einfach auf dem
eigenen Rechner, sondern werden auf einem Server installiert und
dann im Browser genutzt. Sie eignen sich super für gemeinsame
Arbeit an Dokumenten – ähnlich wie Google Docs, nur eben ohne das
große Datensammeln im Hintergrund. Für Privatleute ist das
vielleicht etwas viel Aufwand, aber für Vereine, Schulen oder
kleine Unternehmen kann das eine spannende Lösung sein.
Was sind die größten Vorteile dieser
Alternativen?
All den Alternativen ist gemein, dass sie unabhängig von den
großen Anbietern betrieben werden können: entweder komplett lokal
im Falle von LibreOffice oder auf eigenen Servern betrieben im
Falle von Collabora Online und Only Office. Selbst wenn der Betrieb
der beiden Letzteren als Service eingekauft wird, sind es eher
kleinere Anbieter, und bei denen gehört die Auswertung von Daten
ihrer Kundschaft nicht zum Kerngeschäft. Für den Datenschutz ist
das in jedem Fall eine gute Sache.
Als Underdogs haben diese Alternativen zudem Interoperabilität
immer großgeschrieben. Besonders das einst von OpenOffice.org initiierte Open Document Format
(ODF) hat sich als Standard etabliert. Darüber hinaus glänzen diese
Office-Programme auch damit, dass sie nicht nur ihre eigenen
Formate, sondern teilweise auch mittlerweile sehr exotische Dateien
wie uralte WordPerfect-Dokumente aus den 80er-Jahren öffnen
könnten.
Ein Tipp, den ich oft gegeben habe, wenn jemand Probleme mit
einem Microsoft-Office-Dokument hatte: Datei in LibreOffice öffnen,
neu abspeichern im aktuellen Microsoft-Format – und schon klappt’s
meistens. Über Jahre hinweg war es fast schon ein Running Gag, dass
Microsoft Office die eigenen älteren Dateien nicht fehlerfrei
öffnen konnte.
Collabora Online und OnlyOffice ermöglichen sogar eine
Online-Zusammenarbeit, ganz ähnlich wie man es vom Google Workspace
kennt – für Teams und Gruppen also eine echte Alternative.
Was könnte sich beim Wechsel von
Microsoft Office oder Google Docs anders anfühlen?
Man kann es sich nicht schönreden: Microsoft und Google
investieren riesige Summen in ihre Benutzeroberflächen. Die freien
Alternativen wirken dagegen manchmal etwas spröde oder wie aus
einer anderen Zeit – auch wenn der Open-Source-Charakter es
erlaubt, alternative Oberflächen auszuprobieren. LibreOffice kommt
vielen, die es noch kennen, eher wie ein Microsoft Office 2003 vor,
also wie die letzte Version vor den „Ribbons“, die Symbole und Aktionen in Reitern
gruppieren.
Von den Funktionen her muss LibreOffice sich aber keineswegs
verstecken: Alles Wichtige ist da, auch wenn manche Dinge an
Stellen zu finden sind, an denen man sie nicht sofort erwartet. Aus
eigener Erfahrung weiß ich, dass dort manches sehr praktisch gelöst
ist und anderes wiederum weniger logisch platziert wirkt.
Unterm Strich braucht es vor allem ein bisschen Geduld und guten
Willen, um sich umzugewöhnen. Persönlich mag ich die Arbeit mit
LibreOffice sehr – auch, weil es dazu ermutigt, Dokumente wirklich
sauber zu formatieren.
Next Steps
Dokumente sichern und sortieren
Überprüfen Sie alle aktuellen Office-Dateien auf Ihrem Rechner oder
in der Cloud. Sortieren Sie sie nach Wichtigkeit und laden Sie eine
Kopie herunter – am besten im neutralen ODF-Format. So haben Sie
volle Kontrolle über Ihre Daten.
LibreOffice installieren und erstes Projekt starten
Laden Sie LibreOffice oder eines der anderen hier
vorgestellten Programme herunter und erstellen Sie ein Testdokument
oder eine Tabelle. Konvertieren Sie eine alte Datei aus Microsoft
Office oder Google Docs, um die Kompatibilität zu prüfen.
Alternative Formate ausprobieren
Speicheren Sie neue Dokumente nicht automatisch in Microsoft- oder
Google-Formaten, sondern testen Sie mal ODF oder PDF/A. So stellen
Sie sicher, dass Ihre Dateien zukunftssicher sind.
Online-Zusammenarbeit auf freier Basis testen
Richten Sie ein kleines Projekt in OnlyOffice oder Collabora Online
ein – z. B. ein gemeinsames Dokument mit Freunden, Kolleg*innen
oder Vereinsmitgliedern. So bekommen Sie ein Gefühl für die
Zusammenarbeit ohne große Abhängigkeit. Hilfe zum Einrichten finden
sich für Collabora Online hier und für OnlyOffice hier.
Schrittweise umstellen Statt alles auf einmal zu
wechseln, nutzen Sie zunächst beide Welten parallel: LibreOffice
lokal, OnlyOffice oder Collabora Online für Teamarbeit. Mit
kleinen, realistischen Projekten gewöhnen Sie sich an die neuen
Tools, ohne dass der Alltag stockt.
Ob Städtereise, Geschäftsreise oder der lang ersehnte Urlaub –
digitale Reiseplaner sind heute aus der Reisevorbereitung kaum
wegzudenken. Sie helfen dabei, Routen zu optimieren,
Sehenswürdigkeiten zu entdecken oder Buchungen zu koordinieren.
Doch viele der gängigen Tools kommen von großen Tech-Konzernen, die
vor allem eines tun: Daten sammeln und daraus Profit schlagen.
Deshalb lohnt sich der Blick auf freie, offene
Software-Alternativen. Sie versprechen: volle Kontrolle, mehr
Privatsphäre und Unabhängigkeit. Was es dabei zu beachten gibt und
wie jedem der Umstieg gelingt, darüber sprechen wir dieses Mal mit
Volker Krause, einem langjährigen Wikimedia- und
KDE-Community-Mitglied.
Begriffe, die Sie vor dem Lesen
dieses Artikels kennen sollten:
KDEe.V. ist der gemeinnützige Verein, der die
Entwicklung freier, offener Software aus der KDE-Community
unterstützt – damit Menschen überall verlässliche, transparente und
gemeinschaftlich entwickelte Anwendungen nutzen können.
Wikidata ist eine frei zugängliche Wissensdatenbank, die
strukturierte Informationen über Personen, Orte, Organisationen und
vieles mehr speichert. Anders als ein klassischer Artikel liefert
sie die Daten in maschinenlesbarer Form, sodass Programme und Apps
sie automatisch nutzen können. So können beispielsweise Reise- oder
Karten-Apps aktuelle Informationen aus Wikidata abrufen, ohne alles
selbst recherchieren zu müssen.
OpenStreetMap (OSM) ist eine freie, von der Community
erstellte Weltkarte. Jede*r kann Orte, Straßen, Wege oder
Sehenswürdigkeiten eintragen und aktualisieren. Die Daten sind
offen verfügbar, sodass Apps und Dienste sie für Navigation,
Routenplanung oder andere Anwendungen nutzen können – ähnlich wie
bei Google Maps, nur dass hier alle mitmachen und die Daten frei
bleiben.
Hi Volker, an welchen KDE- und
Wikimedia-Projekten arbeitest du mit und was genau machst du
da?
Ich arbeite seit ein paar Jahren an der Entwicklung von KDE’s
Reise-App Itinerary mit. Darüber bin ich mit der Zeit
dann auch in andere Projekte und Initiativen reingerutscht auf
denen sowohl die Itinerary-App als auch viele andere freie
Anwendungen in diesem Bereich aufbauen, wie beispielsweise der
Pflege von Daten zu Bahnhöfen oder Zuglinien in Wikidata
oder OpenStreetMap sowie dem Aufbau des freien und
Communitybetriebenen Routing-Dienst Transitous.
Was genau ist ein Reise- oder
Routenplaner – wozu dient er?
Ein Reise- oder Routenplaner ist im Kern ein System, das
ermittelt, wie man zu einer bestimmten Zeit am besten von A nach B
kommt – meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Je nach Einsatzzweck kann das aber deutlich umfangreicher
werden. Dazu gehören zum Beispiel Funktionen zur Verwaltung von
Tickets und Buchungen, Hinweise auf Störungen auf der eigenen
Pendelstrecke oder auch ergänzende Informationen für Reisende, etwa
zu Sehenswürdigkeiten. Kurz: Ein Reiseplaner bündelt die
Informationen, die man benötigt, um zuverlässig und möglichst
unkompliziert ans Ziel zu kommen.
Wie bist du erstmals mit Reiseplanern
in Berührung gekommen?
Volker
Krause ist seit vielen Jahren ehrenamtlich für den KDE e. V.,
Wikidata und viele weitere damit verbundenen Anwendungen
tätig.
Ich bin zwar selbst viel unterwegs, aber eigentlich war mein
Einstieg in das Thema mehr ein Zufall. Auf dem Rückweg von einer
Veranstaltung konnte ich in einer völlig mit Werbung überladenen
Buchungs-E-Mail die Informationen zu meiner Anschlussverbindung
nicht mehr finden. Weil ich damals am KDE-E-Mail-Programm KMail
gearbeitet habe, habe ich mir die Nachricht im „Quelltext“
angesehen – also in der technischen Rohfassung, in der alle
versteckten Informationen sichtbar sind. Dabei bin ich auf eine
maschinenlesbare Beschreibung der Reise gestoßen.
Daraus entstand dann zunächst ein kleines Zusatzmodul für KMail
– ein sogenanntes Plugin –, das die Reiseinformationen aus solchen
E-Mails übersichtlich aufbereitet hat und sie automatisch in den
Kalender übernehmen konnte. Das war nützlich, zeigte aber schnell,
dass man damit viel mehr machen kann. Am Ende ist daraus
schließlich KDE Itinerary als eigene Anwendung
entstanden, die offiziell 2018 öffentlich vorgestellt wurde.
Warum beschäftigen dich besonders
Open Source und freie Reiseplaner – was reizt dich an dem
Thema?
Open Source und freie Reiseplaner beschäftigen mich, weil es im
Alltag immer schwieriger wird, ohne proprietäre Apps auszukommen.
„Proprietär“ bedeutet: Eine App gehört einem Unternehmen,
funktioniert nur unter dessen Bedingungen und läuft oft nur auf
Plattformen wie von Google oder Apple. Egal ob Online-Banking,
Gesundheitsdaten oder einfach eine Fahrkarte für Bus und Bahn –
überall wird man zunehmend in solche geschlossenen Systeme
gedrängt. Anfang des Jahres gab es ja sogar den Fall, dass
Studierende in Berlin ihr Semesterticket nur noch per verpflichtender App nutzen
sollten. Das zeigt, wie konkret dieses Problem ist.
Gerade deshalb brauchen wir echte Alternativen. Als ich vor mehr
als 20 Jahren mit freier Software angefangen habe, ging es vor
allem um technische Fragen, etwa darum, einen Windows-95-Rechner zu
ersetzen. Dieser Aspekt ist geblieben, aber digitale Dienste sind
heute viel enger mit dem Alltag verknüpft.
Heute reicht es nicht mehr aus, dass Software offen entwickelt
und technisch solide ist. Sie muss auch im Alltag nutzbar sein –
also Zugang zu relevanten Daten haben, mit bestehenden Systemen
zusammenarbeiten dürfen und praktisch einsetzbar sein. Fehlen etwa
Fahrplandaten, Echtzeitinformationen oder Buchungsschnittstellen,
bleiben freie Anwendungen außen vor, auch wenn sie technisch
mithalten könnten. Deshalb geht es inzwischen nicht nur um
Softwareentwicklung, sondern auch um die politischen
Rahmenbedingungen dafür.
Und das kann niemand alleine durchsetzen. Dafür braucht es eine
breite Zusammenarbeit von Menschen und Organisationen, die sich für
digitale Freiheit und den Schutz der Privatsphäre einsetzen. Durch
diese Zusammenarbeit kann man tatsächlich etwas bewegen.
Welche Nachteile haben die
klassischen Anbieter wie Google Maps, Apple Karten, TripAdvisor
oder TripIt aus deiner Sicht?
Bei den großen, bekannten Anbietern ist Datenschutz aus meiner
Sicht der wichtigste Kritikpunkt. Dabei geht es nicht nur darum,
welche persönlichen Daten gespeichert werden, sondern vor allem
darum, welche Rückschlüsse daraus möglich sind. Eine einzelne Reise
wirkt zunächst oft harmlos. Viele Angaben wie Name, Adresse oder
Zahlungsdaten liegen den kommerziellen Unternehmen durch andere
Anwendungen, die ihnen ebenfalls gehören, oft schon vor. Diese
Daten stammen dann nicht zwingend aus einer konkreten Reisebuchung,
sondern aus anderen Diensten: App-Store-Konten, E-Mail,
Cloud-Dienste oder frühere Käufe. Selbst wenn man dort kein Ticket
kauft, ist das Nutzerprofil oft schon sehr vollständig. Dazu kommt,
dass Reiseziele nichts sind, was man grundsätzlich geheim hält und
gerne auch mal aus freien Stücken auf Social Media teilt.
Problematischer wird es, wenn man die komplette Reisehistorie
betrachtet. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf Arbeitsorte,
Interessen oder familiäre Beziehungen ziehen. Werden solche
Bewegungsdaten vieler Menschen miteinander verglichen – man spricht
hier von Korrelation –, lassen sich sogar soziale Zusammenhänge
erkennen. Dass zwei Personen einmal zur gleichen Zeit am selben Ort
sind, kann Zufall sein. Passiert das regelmäßig, deutet es auf eine
Beziehung hin. Es geht also nicht nur um die individuelle
Privatsphäre, sondern auch um die gesellschaftliche
Auswirkungen.
Daneben gibt es noch eine zweite Gruppe von Anwendungen: die
Apps der Verkehrsanbieter selbst, etwa der DB Navigator. Diese sind
zwar oft die einzige Möglichkeit, Tickets direkt zu kaufen,
überzeugen aber ebenfalls selten durch guten Datenschutz. Außerdem
führen sie zu einem Flickenteppich aus Apps – für jede Region oder
jedes Land eine andere.
Hinzu kommt, dass solche Anwendungen meist nur das eigene
Angebot anzeigen. Im DB Navigator fehlen zum Beispiel Fernbusse.
Das ist aus Sicht der Anbieter nachvollziehbar, liegt aber nicht im
Interesse der Reisenden, die eigentlich einen vollständigen
Überblick über alle verfügbaren Verkehrsmittel brauchen.
Warum dominieren diese großen
Plattformen aus deiner Sicht den Markt so sehr?
Ein zentraler Grund für die Dominanz großer Plattformen sind
Monopole. Zum einen gibt es die Plattform-Monopole von Google und
Apple: Wer ein Smartphone nutzt, ist meist an deren Betriebssysteme
gebunden, und diese bevorzugen ihre eigenen Anwendungen
automatisch. Das verschafft ihnen einen enormen Marktvorteil.
Zum anderen gibt es Monopole auf Seiten der Verkehrsanbieter.
Sie kontrollieren den Zugang zu Fahrplandaten und haben oft
exklusiv die Möglichkeit, Tickets für ihre Angebote zu verkaufen.
Ohne diese Daten und ohne Ticketverkauf ist ein Reiseplaner aber
nur eingeschränkt nutzbar. Das macht es für alternative Anbieter
extrem schwierig, konkurrenzfähige Angebote zu entwickeln.
Dass es auch anders geht, zeigen Beispiele aus Norwegen. Dort
betreibt die öffentliche Hand eine zentrale Plattform für
Fahrplanauskunft und Ticketverkauf, die vollständig mit freier
Software umgesetzt ist. Verkehrsanbieter sind verpflichtet – und
auch motiviert –, qualitativ hochwertige offene Fahrplandaten
bereitzustellen. Tun sie das nicht, erhalten sie keine Einnahmen
aus dem Ticketverkauf. So entsteht ein fairer, offener Wettbewerb
im Sinne der Reisenden.
Auch in Deutschland gibt es erste Ansätze in diese Richtung,
etwa mit Projekten wie Stadtnavi in Herrenberg. Diese
zeigen, was mit politischem Willen möglich wäre – bislang
allerdings noch in deutlich kleinerem Maßstab.
Welche freien, offenen Alternativen
gibt es aktuell?
Es gibt bereits eine ganze Reihe freier und offener
Alternativen: Eine der vermutlich am weitesten verbreiteten Apps in
Deutschland ist Öffi. Sie ermöglicht Verbindungssuchen im Nah-
und Fernverkehr in vielen Regionen, ohne dass man für jede Stadt
oder jeden Verkehrsverbund eine eigene App installieren muss. In
diesem Bereich – also der reinen Routen- und Verbindungsplanung –
gibt es derzeit auch die größte Auswahl an freien Alternativen.
Als Alternative zur Web-Version von Google Maps lohnt sich ein
Blick auf Cartes (Karten) aus
Frankreich. Neben Routenplanung und Straßen-Navigation bietet
Cartes auch Informationen zu Sehenswürdigkeiten, Restaurants und
Geschäften, inklusive Fotos. Damit deckt es einen ähnlichen
Funktionsumfang ab, setzt aber auf offene Technologien.
Natürlich gehört in dieser Aufzählung auch KDE Itinerary dazu. Diese Anwendung ist am ehesten mit
Diensten wie TripIt vergleichbar. Sie richtet sich weniger an die
eigentliche Routenplanung, sondern daran, während einer Reise alle
wichtigen Informationen gebündelt zur Verfügung zu haben – etwa
Buchungen, Fahrkarten oder Reservierungen.
Das sind allerdings nur drei Beispiele. Sie zeigen, wie
vielfältig der Bereich bereits ist, decken aber längst nicht das
gesamte Spektrum ab. Wer sich für freie Reiseplaner interessiert,
sollte ruhig etwas Zeit zum Stöbern einplanen – es lohnt sich.
Screenshot Cartes
Eine
gute Alternative zu proprietären Reiseplanern: die französische App
Cartes.
Was sind die größten Vorteile dieser
freien Reiseplaner?
Der größte Vorteil freier Reiseplaner ist, dass sie von
Reisenden für Reisende entwickelt werden. Ihr Ziel ist es, bei der
Planung und unterwegs zu unterstützen – nicht, Daten zu sammeln,
Werbung anzuzeigen oder bestimmte Produkte zu verkaufen.
Entsprechend unterscheidet sich auch der Umgang mit Datenschutz
deutlich. Vollständig offline funktionieren solche Anwendungen zwar
meist nicht, das ist aber auch kaum möglich, wenn man aktuelle
Verspätungen oder Echtzeitinformationen nutzen möchte. Entscheidend
ist: Die Funktionsweise ist offen und transparent, man kann also
nachvollziehen, welche Daten übertragen werden und warum.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Communitys hinter diesen
Anwendungen. Sie sind in der Regel leicht ansprechbar, und
Nutzer*innen können eigene Erfahrungen und Ideen einbringen. Dafür
muss man kein technisches Spezialwissen haben. Wenn man etwa bei
einem Umstieg mit dem Kinderwagen von OpenStreetMap – einer frei nutzbaren Weltkarte
– über unnötig viele Stufen geführt wird, liegt das oft daran, dass
Wege auf der Karte noch nicht ganz korrekt erfasst sind. Das lässt
sich einfach korrigieren indem man als Nutzer*in einfach selbst
Hand anlegt und die Informationen anpasst. Das verbessert die
Situation sofort für alle Menschen, die OpenStreetMap nutzen.
Was ist für Nutzer*innen vielleicht
ungewohnt, wenn sie von Google Maps oder TripIt
umsteigen?
Beim Umstieg von beispielsweise Google Maps oder TripIt fallen
Nutzer*innen vor allem zwei Dinge auf, für die es bislang noch
keine wirklich guten freien Alternativen gibt: Bewertungen und
Ticketbuchungen.
Bewertungen sind allerdings auch in kommerziellen Anwendungen
nicht unumstritten. Sie sind anfällig für Spam und gezielte
Manipulationen und erfordern einen hohen Moderationsaufwand. Dazu
kommen rechtliche Risiken, etwa bei falschen oder rufschädigenden
Bewertungen. All das ist für freie Projekte nur schwer zu stemmen.
Zwar gibt es immer wieder Ideen, wie man Bewertungen robuster und
fairer gestalten könnte, wirklich überzeugende Konzepte haben sich
bisher aber nicht etabliert – sofern das überhaupt möglich ist.
Bei Ticketbuchungen ist die Situation etwas anders. Die meisten
freien Projekte möchten selbst nicht als kommerzielle Anbieter
auftreten. Für Nutzer+innen wäre es aber sehr hilfreich, eine
geplante Reise direkt beim jeweiligen Verkehrs- oder Reiseanbieter
buchen zu können. Technisch wäre das über sogenannte „Deep Links“
möglich – also direkte Verweise in die Buchungssysteme. Solche
Schnittstellen werden von den Anbietern bislang jedoch nur selten
angeboten, was freie Alternativen aktuell deutlich einschränkt.
Wie einfach ist der Umstieg – und wo
findet man diese freien Tools?
Der Umstieg ist relativ unkompliziert. Web-Anwendungen wie
Cartes lassen sich direkt im Browser nutzen,
ohne dass eine Installation nötig ist. Die anderen Apps gibt es
wahlweise im freien App-Store F-Droid – einem App-Shop speziell für
freie und Open-Source-Anwendungen – oder auch im Google Play Store. Über beide
Wege lassen sie sich problemlos auf Smartphones installieren.
Hast du noch ein, zwei Tipps für
Einsteiger*innen, um den Wechsel möglichst reibungslos zu
gestalten?
Ein guter Einstieg ist, verschiedene Alternativen einfach einmal
parallel auszuprobieren. So kann man herausfinden, welche App oder
Anwendung für den eigenen Anwendungsfall und die Region, in der man
unterwegs ist, am besten passt.
Wohin entwickelt sich die Welt der
freien Reiseplaner deiner Meinung nach in den nächsten
Jahren?
In der Welt der freien Reiseplaner passiert gerade sehr viel –
und ich gehe davon aus, dass sich das in den nächsten Jahren weiter
beschleunigt.
Ein gutes Beispiel dafür ist Transitous. Das ist ein offener, von der
Community betreuter Routing‑Dienst für den öffentlichen Verkehr,
der unabhängig von einzelnen Verkehrsunternehmen oder großen
Plattformen funktioniert. Er nutzt frei verfügbare Fahrplandaten
aus vielen Ländern (z. B. im Standardformat GTFS und
Realtime‑Daten) und stellt daraus eine grenzüberschreitende
Reiseplanung bereit, die nicht an nationale Grenzen oder einzelne
Betreiber gebunden ist. Transitous konzentriert sich darauf, den
Nutzer*innen gute Routenplanung zu bieten, ohne ihre Daten zu
sammeln oder kommerziell auszunutzen. Das ist noch relativ neu: Vor
nicht allzu langer Zeit war öffentliche Verkehrsrouting‑Technologie
jenseits der proprietären Systeme praktisch nicht verfügbar.
Inzwischen nutzen mehrere freie Anwendungen Transitous – ein
Zeichen, dass die technische Machbarkeit längst da ist und weiter
wächst.
Auch die Community drumherum wächst. So fand im Oktober 2025
erstmals die Open Transport Community Conference statt, ein
„Unconference“‑Format, bei dem Entwickler*innen sowie Interessierte
aus Projekten wie Transitous, OpenStreetMap oder OpenTripPlanner in Wien zusammenkamen. Dort ging es
weniger um klassische Vorträge, sondern vor allem um Austausch,
Diskussion und Zusammenarbeit rund um freie Software und offene
Daten für Mobilität und öffentlichen Verkehr.
Wie genau sich das alles
entwickeln wird, ist noch schwer vorherzusagen. Aber ich vermute,
dass sich der Fokus zunehmend weg vom bloßen Aufholen der
proprietären Lösungen hin zu eigenen, neuen Ideen verschieben wird.
Ein Beispiel dafür sind Ansätze, barrierefreie Informationen ins
Routing einzubeziehen – etwa alternative Verbindungsoptionen, wenn
ein Bahnsteig nicht durch einen defekten Aufzug erreichbar ist.
Solche Funktionen sind für bestimmte Nutzergruppen essentiell und
finden sich in proprietären Anwendungen oft nur zögerlich oder
überhaupt nicht, wenn kein regulatorischer Druck besteht.
Takeaways
Es gibt überzeugende Alternativen:KDE Itinerary, Öffi oder Cartes decken verschiedene Aspekte der Reiseplanung ab
– von Routenplanung über Fahrplandaten bis zur Übersicht über
Reiseinformationen.
Datenschutz bleibt das stärkste Argument: Keine
versteckte Datensammlung, keine personalisierte Werbung – volle
Kontrolle über die eigenen Reisedaten.
Der Umstieg ist einfacher als gedacht: Viele Tools
laufen offline, funktionieren auf allen Geräten und lassen sich
parallel zu bestehenden Apps nutzen.
Tipp: Erst einmal ausprobieren – ein Wochenende nur mit
einem freien Reiseplaner planen und erleben, wie unabhängig Reisen
sich anfühlen kann.
Next Steps
Testen: KDE Itinerary, Öffi
oder Cartes direkt über die Website oder den
App-Store herunterladen und ausprobieren.
Entdecken: Die nächste Reise oder Route bewusst mit
einem dieser Tools planen, um die Funktionsweisen
kennenzulernen.
Vertiefen: Mitglied einer Community werden, die an
freien Reiseplanern arbeitet, und aktiv Erfahrungen oder Daten
beitragen – zum Beispiel bei Transitous oder OpenStreetMap.
Das Netz fühlte sich einst an wie ein offener Spielplatz für
alle Menschen: für Ideen, Austausch und Neugier. Heute gleicht es
eher einem Shoppingcenter mit Überwachungskameras, Hausrecht und
Dauerbeschallung. Während die Anzahl der Websites explodiert ist,
schrumpft unsere tatsächliche Freiheit online. Der Grund: Eine
Handvoll Big-Tech-Konzerne kontrolliert einen Großteil des
digitalen Raums und damit die Entwicklung unserer Gesellschaft.
Wer sichtbar sein will, muss zahlen. Wer teilnehmen will, gibt
Daten ab. Und wer glaubt, selbst zu entscheiden, was sie/er sieht,
unterschätzt die Macht unsichtbarer Algorithmen. Genau hier setzt
die Initiative Save Social an – und ruft mit dem Digital
Independence Day (DI.DAY) zur digitalen Selbstbefreiung
auf!
Die Aktion wir von insgesamt 41 Organisationen unterstützt,
darunter Wikimedia Deutschland.
Digitale Unabhängigkeit mit
Schritt für Schritt-Anleitung
Der DI.DAY ist kein einmaliger Aktionstag, sondern ein
monatliches Ritual. An jedem ersten Sonntag im Monat sollen
Menschen und Organisationen bewusst von profitorientierten
Plattformen zu freien Alternativen wechseln. Heute die Plattform X
verlassen und zu Mastodon gehen, morgen WhatsApp gegen Signal
tauschen, übermorgen Gmail durch einen datenschutzfreundlichen
Mailanbieter ersetzen.
Auf der Webseite stellt die Initiative sogenannte
Wechselrezepte bereit: einfache, alltagstaugliche
Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Wechseln von Messenger,
Browser, E-Mail und mehr. Laut Save Social gibt es nämlich mehr als
genug Alternativen, die nur deshalb nicht sichtbar sind, weil die
Big-Tech-Angebote so überpräsent sind. Ergänzt wird das Angebot
durch Workshops und Veranstaltungen, online wie offline.
So sollen jeden Monat immer mehr Menschen und Organisationen von
profitorientierten zu gemeinwohlorientierten Alternativen
wechseln. Wer den Umzug vollzogen hat, sagt mit dem Hashtag #DIDit
in den eigenen sozialen Netzwerken Bescheid – und zieht andere nach
und nach mit. So retten wir unsere digitale Freiheit und unsere
Demokratie.
Breite Unterstützung – und
politischer Druck
Der DI.DAY wurde Ende 2025 auf dem Chaos Communication Congress
von Autor Marc-Uwe Kling vorgestellt, der
die Initiative auch konzeptionell mitentwickelt hat. Kling
kritisiert seit Längerem, dass Plattformen wie X oder Facebook
zunehmend steuern, wie Menschen Wirklichkeit wahrnehmen. In einem
Beitrag der Tagesschau macht er
deutlich, wie massiv Demokratie und Freiheit dadurch unter Druck
geraten – und warum es höchste Zeit ist, sich aus dieser „Umarmung“
zu lösen.
Screenshot Tagesschau
Autor
Marc-Uwe Kling (links) und CCC-Sprecher Linus Neumann (rechts) sind
Unterstützer von Save Social und der DI.DAY Initiative.
Getragen wird die Initiative von einem beeindruckend breiten
Bündnis. Dazu gehören unter anderem Wikimedia Deutschland, der
Chaos Computer Club, Ecosia, die Digitale Gesellschaft, Robin Wood,
Nextcloud, ver.di Hamburg sowie viele weitere Organisationen aus
der Zivilgesellschaft. Diese Vielfalt zeigt: Digitale
Unabhängigkeit ist kein Nischenthema.
Passend dazu haben bereits über 155.000 Menschen eine Petition von Save Social
unterzeichnet, die den Abschied der Bundesregierung von der
Plattform X fordert. Franziska Heine, Vorständin von Wikimedia
Deutschland, bringt es zum Start des DI.DAY mit einem Augenzwinkern
auf den Punkt:
„Weil digitale Unabhängigkeit für jede und jeden wichtiger denn
je ist, haben wir dem Bundeskanzler zu Weihnachten einen
Mastodon-Account geschenkt. Das könnt ihr auch – schenkt euch
selbst, den Nachbarn oder der Oma ein Stück Freiheit und digitale
Selbstbestimmung!“
Digitale Selbstbestimmung:
Endlich unabhängig von Big Tech
Viele von uns greifen im Alltag auf Software großer
Tech-Konzerne zurück. Sie ist bequem, gut gestaltet und
funktioniert meist problemlos – doch häufig zahlen wir dafür mit
unseren Daten, intransparenten Algorithmen und fehlender Kontrolle
durch Zwangsupdates. Wer digital selbstbestimmt bleiben möchte,
kann auf Freie Software setzen. In einer Blogreihe zeigen wir,
welche Alternativen es gibt – von Betriebssystemen über Browser und
Messenger bis hin zu Social Media.
Teil 1: Warum Freie Software
wichtig ist – und wie wir alle davon profitieren
Auf Platz eins der meistgelesenen Artikel in der
deutschsprachigen Wikipedia steht – wie in fast jedem Jahr – der
Nekrolog 2025, also die Übersicht
verstorbener Persönlichkeiten. Mehr als 4,6 Millionen Aufrufe
verzeichnete dieser Artikel, der Jahr für Jahr aktualisiert wird.
Zwischen bekannten Namen finden sich dort auch viele rote Links –
sie zeigen biographische Einträge, die es noch nicht gibt. Was
immer ein Hinweis darauf ist, wie viel Wissen in der Wikipedia noch
entstehen kann.
Von der Bundestagswahl bis zur
Weltpolitik: 2025 war ein politisches Jahr
Das politische Interesse prägte die Wikipedia-Nutzung 2025
besonders stark. Unter den Top 20 finden sich gleich mehrere
Politiker*innen: Neben Alice Weidel und Friedrich Merz stießen auch die Artikel zu
Heidi Reichinnek (Platz 14),
Lars Klingbeil (Platz 17) und
Julia Klöckner (Platz 20) auf großes
Interesse. Auch zur Bundestagswahl 2025 (Platz 19) informierten
sich viele Lesende auf Wikipedia, was die fast 1,8 Millionen
Aufrufe des Artikels bestätigen, genauso wie zur Chronik des russischen Überfalls auf
die Ukraine ab 2025 (Platz 32). Auch internationale
Akteur*innen wie Elon Musk (Platz 7), Donald Trump (Platz 8) oder JD Vance, der neue US-Vizepräsident (Platz 24),
bleiben viel gesuchte Namen.
Diese Zahlen zeigen, wie stark Wikipedia als Nachschlagewerk für
politische Orientierung dient: Ob bei aktuellen Wahlen, Kriegen
oder politischen Debatten – viele Menschen suchen in der freien
Online-Enzyklopädie nach belegten Fakten statt Schlagzeilen.
Wie Wikipedia über digitale
Trends informiert
Dass der Artikel zu ChatGPT mit über 3,9 Millionen Aufrufen auf Platz zwei
der Top 100 landet, überrascht nicht. Kaum ein Thema hat die
Diskussionen des vergangenen Jahres über Technik und Bildung so
bestimmt wie der Umgang mit generativer KI. Die Wikipedia dient
hier oftmals als Kompass: Menschen suchen nach einer verlässlichen
Einordnung, wie künstliche Intelligenz funktioniert – und was sie
für den Alltag bedeutet.
Einen anderen Nerv traf der Artikel zum US-amerikanischen Mörder
Ed Gein auf Platz sechs. Das Interesse an
wahren Kriminalfällen, sogenannten „True Crime“, bleibt groß. Die
hohe mobile Nutzung des Artikels (über 90 %) zeigt zudem:
Wikipedia-Wissen wird heute oft und gern unterwegs konsumiert.
Sportlich lasen Viele (Platz 16) über die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 –
schon im Jahr vor dem Großereignis verzeichnete der Artikel fast
zwei Millionen Aufrufe.
Der tragische Tod der Biathletin Laura Dahlmeier bewegte 2025 viele Menschen –
erkennbar auch daran, dass der Artikel über sie 2,3 Millionen Mal
aufgerufen wurde und damit Platz 10 der meistgelesenen Artikel
ist.
Zeitlose Themen in der
Wikipedia
Neben aktuellen Themen wie der Papstwahl im letzten Jahr (die
neben der Liste der Päpste auf Platz 15 den
Artikel über Leo XIV. auf Platz 9 brachte)
enthält die Liste der meistgelesenen Artikel auch Klassiker: Das
Interesse an geschichtlichen Artikeln ist gleichbleibend hoch. Die
Artikel zu Adolf Hitler (Platz 30) oder dem
Zweiten Weltkrieg (Platz 86) gehören
weiterhin zu den meistgelesenen Einträgen.
Was die Liste der meistgelesenen
Artikel verrät
Die Liste der meistgelesenen Wikipedia-Artikel 2025 zeigt mehr
als nur, was im vergangenen Jahr im Fokus der öffentlichen
Aufmerksamkeit stand – sie gibt Einblick darin, wie Menschen Wissen
suchen, teilen und gemeinsam bewahren.
Denn: Hinter jedem Artikel auf dieser Liste stehen Menschen, die
sich täglich für Freies Wissen einsetzen – Ehrenamtliche, die Texte
überarbeiten, Quellen prüfen oder neue Themen anlegen. Rund 18.000
Bearbeitungen der 100 meistgelesenen Artikeln des Jahres belegen,
wie lebendig diese Arbeit an der Wikipedia ist.
Doch Freies Wissen braucht stetig neue Impulse. Wir alle können
dazu beitragen, dass Inhalte aktuell, ausgewogen und zugänglich
bleiben – sei es durch kleine Korrekturen, Recherchen oder den
ersten eigenen Artikel. Wichtig ist dabei: Alles muss mit seriösen
Quellen belegt und sachlich und neutral dargestellt sein.
Das Tool Pageviews wertet zahlreiche
Daten zur Wikipedia-Nutzung aus. Darunter auch die tausend
monatlich am häufigsten aufgerufenen Artikel oder die pro Jahr am
häufigsten aufgerufenen Artikel. Für die Rangliste wurden
ausschließlich Wikipedia-Artikel zu Themen berücksichtigt, nach
denen Menschen gesucht haben – also nicht die Hauptseite der
Wikipedia oder die Wikipedia-Suche-Seite. Auch sogenannte falsche Positive oder Aufrufe, die
durch Bots, SEO-Maßnahmen oder spezielle Verlinkungen zustande
gekommen sind, wurden ausgeschlossen.
Die Idee des Digital Independence Day: Jeden Monat sollen immer
mehr Menschen und Organisationen von einer profitorientierten, zu
einer offenen und gemeinwohlorientierten Alternative wechseln. Wer
den Umzug vollzogen hat, gibt den Freunden, der Kita-Gruppe oderder
Arbeitskollegin mit dem Hashtag #DIDit Bescheid – und zieht so
immer mehr Menschen mit! An jedem ersten Sonntag im Monat machen
wir gemeinsam einen Schritt auf die bessere Seite des Netzes.
Immer wieder beeindruckend: Es sind tausende Ehrenamtliche, die
das Kongresszentrum Hamburg in ein offenes Haus für die rund 16.000
Teilnehmenden verwandeln, die sich zu aktuellen technologischen und
digitalpolitischen Entwicklungen austauschen wollen. Beim CCC wird
der nicht-kommerzielle Anspruch tatsächlich gelebt. Jedes Jahr Ende
Dezember wird das Congress Centrum in Hamburg zu einemfast
magischen Ort – voller kleiner sogenannter Habitate von und für
unterschiedliche Interessengruppen.
Eines dieser Habitate war in diesem Jahr das Free Knowledge Habitat. Organisiert vor allem
von Wikimedia Deutschland, temporärhaus, Code for
Germany, Frag den Staat und weiteren Akteur*innen aus
der Welt des Freien Wissens.In unseremVortrags- und
Workshop-Bereich gab es Einführungen und Talks zu offenen Daten,
Wikidata, internationaler Digitalpolitik und viel Raum für
Austausch zu unserem politischen Engagement für Freies Wissen.
Der Congress bietet eine bunte Mischung aus Themen: von
Informationsfreiheit, IT-Sicherheit und Freier Software bis hin zu
kreativen Hacks und ungewöhnlichen Nutzungen von Technik, die so
garantiert nicht im Handbuch stehen. Besonders viel Spaß machen die
praktischen Hacks und Spielereien, die man in entspannter
Atmosphäre gemeinsam ausprobiert. Künstler*innen bringen Musik,
Installationen oder Skulpturen mit und erschaffen so ihr ganz
eigenes, temporäres Utopia. Dabei entsteht ein Gefühl dafür, dass
andere Welten möglich sind: Orte, an denen Ungerechtigkeiten
hinterfragt werden und gemeinsam an besseren Zukünften gebastelt
wird. Alle können sich mit dem einbringen, was sie können
Jedes Jahr dürfen wir am 1. Januar einen neuen Schatz an
neu gemeinfrei gewordenen Werken heben – für die Communitys der
Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte können dann neue Inhalte ohne
Beschränkungen online verfügbar gemacht werden. Manchmal sind das
ikonische Bilder, wie 2025
die Gemälde von Henri Matisses, manchmal alte Fotos und
manchmal Musik, wie 2024
die Jazz-Standards von Django Reinhardt.
In diesem Jahr feiern wir am Tag der Gemeinfreiheit (Public Domain Day)
einen großen Schriftsteller und einen bahnbrechenden
Wissenschaftler: die beiden deutschen Nobelpreisträger Thomas Mann
und Albert Einstein. Beide flohen vor den Nazis in die Vereinigten
Staaten und hinterließen nach ihrem Tod 1955 jeweils ein gewaltiges
Oeuvre: Von Thomas Mann sind die Romane
Buddenbrooks und Der Zauberberg sowie die Erzählungen
Tonio Kröger und Der Tod in Venedig zu nennen.
Albert Einsteins wichtigste
Veröffentlichungen Zur Elektrodynamik bewegter Körper und
die Allgemeine Relativitätstheorie haben wohl ungleich
weniger Menschen selbst gelesen, aber
E = m·c2 – die darin enthaltene Formel von
der Äquivalenz von Masse und Energie – kennt heute wirklich
jeder.
Warum vor allem freie
Wissensprojekte vom Gemeinfreiheit profitieren
Für die Wikipedia ist der Ablauf der Urheberrechte an diesen
Werken in diesem Fall tatsächlich kein so besonderes Ereignis: Denn
sowohl eine physikalische Formel als auch die
Inhaltsangabe eines Romans sind vom Urheberrecht gar nicht
erfasst – in der Wikipedia war dieses Wissen also auch bisher schon
zu finden. Wer aber heute profitiert, sind andere Projekte, die
Freie Inhalte in der Originalfassung erschließen und
nachnutzbar machen: Zu nennen ist einerseits das
Wikipedia-Schwesterprojekt Wikisource oder das einen ähnlichen Ansatz verfolgende
Plattform Project Gutenberg. Dort kann ab heute die
ehrenamtliche Wissens-Community grundlegende physikalische
Abhandlungen oder literarisch anspruchsvolle Erzählungen im
ursprünglichen Volltext abrufbar machen.
Es gibt also viele Möglichkeiten, den heutigen Tag der
Gemeinfreiheit zu feiern: Entweder man schmökert in den jetzt ohne
urheberrechtliche Beschränkungen nutzbaren Original-Werken Thomas
Manns, Albert Einstein, oder man sieht sich erst einmal die etwas
zugänglicheren Erläuterungen in der Wikipedia an – viel Spaß dabei!
Eine ausführliche Liste der ab heute gemeinfreien Werke findet
sich, natürlich, in der Wikipedia.
Lukas Mezger ist Wikipedianer und Rechtsanwalt. Bis 2022 war er
Vorsitzender des Präsidiums von Wikimedia Deutschland.
Wie Wiki Loves-Wettbewerbe
Freies Wissen sichtbar machen
Jedes Jahr halten Profi- und Hobbyfotograf*innen weltweit Wissen
in Bildern fest und reichen ihre Aufnahmen bei den „Wiki
Loves“-Wettbewerbe ein. Diese zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig
und wertvoll das Engagement für freies Wissen ist. Die Fotos machen
Geschichte, Natur und Kultur sichtbar und bewahren, was oft vom
Verschwinden bedroht ist. Dafür gebührt allen Teilnehmenden großer
Dank.
Bei Wiki Loves Monuments stehen Kultur- und Baudenkmäler im
Fokus, bei Wiki Loves Earth die Natur und bei Wiki Loves Folklore
Bräuche und Traditionen. Die Fotos werden unter freier Lizenz
auf Wikimedia Commons hochgeladen
und können damit nicht nur von uns allen frei genutzt werden,
sondern bereichern vor allem etliche Wikipedia-Artikel. In diesem
Jahr kamen bei den drei Wettbewerben mehr als 380.000 Fotos aus 57
Ländern zusammen.
Feierliche Preisverleihung in
Berlin
Mit dem Abspielen des Videos erklären Sie sich damit
einverstanden, dass YouTube und Google Ihre Daten speichern und
verarbeiten dürfen. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung von Google.
Im Dezember 2025 ehrte Wikimedia Deutschland die Erstplatzierten
der deutschen Wettbewerbe. Die Veranstaltung machte deutlich, wie
sehr das Engagement der ehrenamtlichen Fotograf*innen auch über die
Wiki-Community hinaus anerkannt wird.
Wiki Loves Monuments
Wiki Loves Monuments (WLM) ist der größte und
älteste Fotowettbewerb der Wiki-Community. Im Mittelpunkt stehen
Fotos von Kultur- und Baudenkmälern – von Schlössern über Kirchen
bis hin zu Brücken und Monumenten. In diesem Jahr haben sich 57
Länder an der Wettbewerbsrunde beteiligt – insgesamt wurden über
230.000 Fotos unter freier Lizenz eingereicht. Die meisten kamen
aus der Ukraine, Polen und Italien. Aus Deutschland wurden mehr als
14.000 Bilder auf Wikimedia Commons hochgeladen.
Hier kommen die Top 5-Gewinnerbilder aus Deutschland. Alle
weiteren ausgezeichneten Fotos finden Sie hier.
5.
Platz: Dieses Bild von Reinhold Möller zeigt den U-Bahnhof
Wittenbergplatz in Berlin-Schöneberg.
Sonderpreis
Bauernhöfe
Auch in diesem Jahr hat Wiki Loves Monuments Deutschland wieder
einen Sonderpreis ausgelobt. Neben dem regulären Wettbewerb wurden
zusätzlich die drei besten Fotografien von Bauernhäusern und
Bauerngehöften prämiert. Denn es gibt zahlreiche Bauernhöfe in den
Denkmallisten der Wikipedia, aber noch viel zu wenige Bilder dazu.
Das sind die Gewinnerbilder:
Dieses
Bild von User:R.kaelcke zeigt den Schwarzwaldhof Raben 8 in
Furtwangen im Schwarzwald-Baar-Kreis.
Wiki Loves Earth
Wiki Loves Earth (WLE) ist ein weltweit
ausgerichteter Fotowettbewerb, der den Fokus auf den Erhalt und die
visuelle Erfassung des Natur- und Landschaftserbes legt. Ziel des
Wettbewerbs ist es, das öffentliche Bewusstsein für die Bedeutung
von Schutzgebieten und Naturdenkmälern zu stärken und gleichzeitig
eine frei zugängliche, umfassende Bildsammlung auf Wikimedia
Commons aufzubauen.
Die internationalen
Gewinnerbilder
Mit 57 teilnehmenden Ländern und Gebieten wurde in diesem Jahr
ein neuer Rekord erreicht. Insgesamt gingen rund 80.000
Einsendungen von mehr als 5.200 Teilnehmenden aus aller Welt
ein.
Wir zeigen jeweils drei ausgezeichnete Makro- und
Landschaftsaufnahmen. Besonders schön: Unter den internationalen
Gewinnerbildern sind auch zwei Fotos aus Deutschland.
Zweiter
Platz in der Kategorie „Landschaftsaufnahmen”: Das Foto zeigt die
Auswirkungen des Klimawandels, nämlich den Anstieg des
Atlantikpegels, durch den immer mehr Regionen überflutet werden,
die früher von Mangrovenwäldern auf der Insel Ilha do Cardoso
bedeckt waren.
Der
dritte Platz in der Kategorie Makroaufnahmen kommt aus Deutschland
und zeigt einen Wiedehopf bei der Futterübergabe im
Landschaftsschutzgebiet „Mittlere Elbe-Steckby”.
3.
Platz: Weibliches Grünes Heupferd (Tettigonia viridissima) im
Naturpark Rhein-Taunus.
Sonderpreis
Biodiversität
Der Begriff Geodiversität bezeichnet die Vielfalt geologischer,
geomorphologischer, pedologischer und hydrologischer Merkmale und
Prozesse. Zusammen mit der Biodiversität bildet sie die natürliche
Vielfalt der Erde. Um ihre Bedeutung zu betonen, hat die UNESCO den
6. Oktober zum Tag der Geodiversität erklärt. In diesem Jahr hat
Wiki Loves Earth das Thema aufgegriffen und Sonderpreise in der Kategorie
„Geodiversität” vergeben.
Bei Wiki Loves Folklore dreht sich alles um
lebende und gelebte Traditionen, z. B. Feste, Aufführungen, Tänze,
Musiktradition, Bräuche, Spiele, Küche, Handwerk, Tracht, Märchen
und Sagen. Der jüngste der großen Fotowettbewerbe hat dieses Jahr
wieder seinen eigenen Rekord geknackt: International wurden 2025
doppelt so viele Fotos hochgeladen wie im Vorjahr.
Die internationalen
Gewinnerbilder
Über 72.000 Bilder wurden 2025 weltweit bei Wiki Loves Folklore
eingereicht. Hier sind die bestplatzierten aus dem internationalen Wettbewerb:
3.
Platz: Mitglieder der Alt-Schlierseer Trachtengruppe beim Rudern
auf zwei Plätten von Fischhausen nach Schliersee, Bayern, im Jahr
2024.
Wikimedia Commons frei
nutzen
Alle Fotos der Wiki Loves-Wettbewerbe werden auf Wikimedia
Commons hochgeladen – der weltweit größten Sammlung freier Medien.
Dort stehen mittlerweile über 125 Millionen gemeinfreie und frei
lizenzierte Fotos, Audio- und Videodateien zur Verfügung. Und das
Beste daran: Diese Inhalte können nicht nur in alle Wiki-Projekte
eingebunden, sondern auch jederzeit und überall genutzt werden. Wie
Sie auf Wikimedia Commons nach Bildern suchen, erfahren Sie
hier.
Der Bûche de Noël ist vor allem in französisch geprägten
Weltgegenden von Belgien über Kanada bis zum Libanon ein
traditionelles Weihnachtsdessert. Der Weihnachtsbaumstamm besteht
aus gerolltem Biskuitboden mit Schokoladen-Buttercreme und wird so
verziert, dass er aussieht wie ein Baumstamm.
Der Cola de Mono oder Colemono ist ein Cocktail, der in Chile
zur Weihnachtszeit getrunken wurd. Er besteht aus dem Schnaps
Aguardiente, Milch, Kaffee, Zucker und Gewürzen wie Zimt, Nelken,
Vanille oder Orangenschale. Dazu gibt es oft Pan de Pascua, einen
Weihnachtsfruchtkuchen.
Der geräucherte oder getrocknete Schinken ist in vielen
nordeuropäischen Ländern an Weihnachten beliebt. Hangikjöt wird in
Island gegessen. Zu dem geräucherten Lammfleisch essen die Menschen
klassischerweise Kartoffeln mit Bechamel-Soße und Erbsen.
In Italien isst man Vitello Tonnato gerne im Sommer. In
Argentinien sind die Kalbfleischscheiben mit Tunfischsoße und mit
oder ohne Kapern unter dem Namen vitel toné bekannt und werden an
Weihnachten gegessen.
In Polen oder Litauen gibt man sich nicht mit einem
Weihnachtsessen zufrieden. Stattdessen kommen zwölf Gerichte,
darunter Rote-Beete-Suppe, Gefilter Fisch oder Pierogi, auf den
Tisch. Sie stehen für die Monate des Jahres und die zwölf
Apostel.
In der angelsächsischen Küche sind Beilagen mindestens so
wichtig wie der Festtagsbraten. In Schottland ist einer dieser
Nebendarsteller Rumbledethumps. Kartoffelbrei, geschmorter Kohl,
Zwiebeln und Butter gehören immer dazu. Überbacken wird dann mit
Cheddar.
Welche traditionellen Weihnachtsrezepte sind Ihnen aus Ihrer
Region oder aus anderen Ländern bekannt? Festliche Klassiker,
besondere Familiengerichte oder süße Spezialitäten sind Teil
unseres kulinarischen Kulturerbes. Wikipedia sammelt dieses Wissen
aus aller Welt. Machen Sie mit: Schreiben oder überarbeiten Sie
Wikipedia-Artikel zu Weihnachtsgerichten oder laden Sie passende
Fotos auf Wikimedia Commons hoch. Helfen Sie mit, diese Traditionen
zu dokumentieren
Mit der 30-Tage-Wikipedia-Challenge lernen Sie Schritt für
Schritt, wie es geht!
Die Wikipedia ist die wichtigste Quelle für das Training
generativer KI-Programme. Wenn es um die Nutzung der Inhalte zu
Trainingszwecken geht, zieht Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales einen
Vergleich zu Halloween: „Manche Leute stellen einfach einen Eimer
mit Süßigkeiten für die Kinder vors Haus. Man vertraut darauf, dass
jedes Kind nur eine Süßigkeit nimmt. Ich halte das für einen
schönen Brauch. Wenn aber ein großer Rowdy kommt und den ganzen
Eimer mitnimmt, weiß jeder: Das ist nicht fair“, so Wales im Interview mit dem Magazin
„Der Spiegel“.
Die bekannten KI-Sprachmodelle wie ChatGPT oder Google Gemini
werden zu einem großen Teil mit den Daten der Wikipedia trainiert.
Schon weil die Online-Enzyklopädie den Large Language Models (LLMs)
ideale Voraussetzungen bietet: Die Wikipedia ist in weit über 300 Sprachen verfügbar. Die Struktur der
Artikel ist übersichtlich, sie enthalten Links und Zitate, liefern
Kontexte und Weltanschauungen. Das gesammelte Wissen wird von
Menschen moderiert, ist weltweit zugänglich – und vor allem
kostenlos. Ein großer Vorteil aus Sicht der Konzerne, gerade in
Zeiten, in denen Trainingsdaten zur begehrten Ware geworden sind
und es immer weniger frei verfügbare Datensets gibt, die beim
Webscraping der KI-Entwickler*innen noch nicht abgegrast
wurden.
Allerdings verursacht das für Wikimedia hohe Kosten und Risiken.
Automatisierte Zugriffe durch Bots und Crawler verursachen eine
enorme Last auf den Servern, beanspruchen viele Ressourcen und
belasten damit die Stabilität der Plattform für menschliche
Nutzer*innen. (mehr dazu
in diesem Blog).
Mehr zum Thema:
Deutschlandfunk-Interview mit Franziska Heine
Über das Problem der stark zunehmenden Zugriffe durch KI-Bots
und Crawler spricht Wikimedia-Geschäftsführerin Franziska Heine
auch im Interview mit dem Deutschlandfunk. Sie beleuchtet die
Gefahren für die Wikipedia und zeigt Lösungen auf.
Wikimedia fordert
verantwortungsvollen Umgang mit Wikipedia-Inhalten
„Wir sind froh, wenn die Wikipedia zum Training von KI-Modellen
genutzt wird, schließlich ist es ja Open Source. Aber die KI-Bots
erzeugen hohe Lasten“, erklärt auch Jimmy Wales und nennt ein
Beispiel: „Als die britische Königin starb, hatten wir einen
enormen Anstieg an Datenverkehr auf den Artikel über sie. Den
konnten wir bewältigen, indem wir Kopien des Artikels im
Arbeitsspeicher unserer Server behielten. Wenn die Bots der
KI-Dienste jedoch auch alle unbekannten Artikel abrufen, müssen die
jeweils aufs Neue aus der Datenbank geholt werden, was auf unseren
Servern eine überproportionale Last verursacht und damit auch
Kosten, die aus Spendengeldern finanziert werden müssen.“ Der
Großteil der Spender*innen wolle aber die Wikipedia unterstützen –
nicht Firmen mit Milliardenumsätzen.
Aus diesem Grund ruft auch die Wikimedia Foundation (WMF) als
Trägerin der Wikipedia dazu auf, verantwortungsvoll mit den
Inhalten der freien Online-Enzyklopädie umzugehen – und aktiv zum
Erhalt des Projekts beizutragen. Im Blog „In the AI era, Wikipedia has never
been more valuable“ werden dafür zwei einfache Maßnahmen
vorgeschlagen: Erstens Quellenangaben und zweitens finanzieller
Support.
Finanzieller Support und
Anerkennung der Freiwilligen
Finanzielle Unterstützung können KI-Unternehmen leisten, indem
sie über die Schnittstelle Wikimedia Enterprise auf die Wikipedia zugreifen. Das
kostenpflichtige Opt-in ermöglicht es, die
Inhalte der Wikimedia-Projekte in großem Umfang zu verwenden, ohne
die Server zu stark zu belasten. Gleichzeitig wird die
gemeinnützige Mission von Wikimedia unterstützt. Google zum
Beispiel nutzt diese Option bereits. An weiteren Vereinbarungen mit
großen Tech-Konzernen wird momentan gearbeitet, wie Wales bei einer
Veranstaltung in New York berichtete.
Auch die Angabe, woher das Trainingswissen einer generativen KI
stammt, ist aus mehreren Gründen wichtig. Denn so wird der
menschlichen Leistung Anerkennung gezollt. Generative KIs sind
heute zwar in der Lage, vorhandenes Wissen zusammenzufassen. Aber:
Sie können sich nicht am Prozess der Debatte und an der
Konsensfindung beteiligen, sie entdecken keine in Archiven
vergrabenen Objekte und machen auch keine Fotos von unzureichend
dokumentierten Orten – eben all das, was die Ehrenamtlichen der
Wikimedia-Projekte jeden Tag leisten.
Zum anderen braucht Wissen Verlässlichkeit. Damit Menschen den
Informationen im Netz vertrauen können, muss klar ausgewiesen sein,
woher sie stammen. Im besten Fall führt das dazu, dass mehr
Menschen über verlinkte Quellen direkt zum entsprechenden
Wikipedia-Artikel gehen. So kann die Wikipedia auch in Zukunft ihre
Relevanz als Mitmachprojekt behalten.
Wissen bleibt
menschlich
Die 2025 vorgestellte neue KI-Strategie der WMF als Betreiberin
der Wikipedia ist vor diesem Hintergrund mit dem programmatischen
Titel „Humans First“ überschrieben.
Die Community hinter der Wikipedia ist schließlich der Schlüssel
für ihren Erfolg – und das seit 25 Jahren. Die Sorgfalt und das
Engagement der Ehrenamtlichen für zuverlässiges enzyklopädisches
Wissen kann keine KI ersetzen. Entsprechend sollen Sprach-KIs die
Arbeit der Freiwilligen erleichtern – statt sie zu ersetzen. Das
Motto hinter „Humans First“ lautet: „Making sure AI serves people
and knowledge stays human“.
Auf Wikimedia Commons finden sich
aktuell mehr als 131 Millionen Mediendateien – darunter unzählige
hochwertige Fotos. Alle stehen unter einer freien Lizenz und können
etwa in Wikipedia-Artikeln weltweit genutzt werden. Das ist nicht
einfach nur ein optischer Mehrwert. Studien zeigen, dass Artikel mit
Fotos häufiger gelesen werden als solche ohne. Wer also Bilder bei
Wikimedia Commons hochlädt, trägt dazu bei, dass das Wissen der
Welt nicht nur wächst, sondern vor allem auch besser wahrgenommen
wird.
Besonders bereichert wird Wikimedia Commons jedes Jahr durch die
drei großen Fotowettbewerbe Wiki Loves Monuments, Wiki Loves Earth und Wiki Loves Folklore. Ob
Denkmäler, Landschaften oder Traditionen – Menschen aus aller Welt
halten mit ihren Fotos die Vielfalt unseres kulturellen und
natürlichen Erbes fest und bewahren sie digital für kommende
Generationen. Ein unschätzbar wichtiger Dienst in Zeiten, in denen
vieles davon bedroht ist – sei es durch Kriege, Naturzerstörungen
oder das Aussterben von Traditionen und Bräuchen.
Von Menschen gemacht – für alle
nutzbar
In diesem Jahr wurden allein aus Deutschland mehr als 32.000
Fotos bei den
drei großen „Wiki Loves“-Wettbewerben eingereicht. Bilder, die
jetzt von allen frei genutzt werden können und die garantiert von
Menschen stammen – anders als viele KI-generierte Werke werfen sie
also auch keine Urheberrechtsfragen auf.
Organisiert von Wikimedia Deutschland wurden die Erstplatzierten
der deutschen Wettbewerbe Anfang Dezember bei einer feierlichen Preisverleihung in
Berlin geehrt. Die Veranstaltung – mitnehmend moderiert von den
langjährigen Wikipedianerinnen Grizma und Elya – zeigte vor allem,
wie viel Anerkennung das Engagement der ehrenamtlichen
Fotograf*innen längst auch außerhalb der Wiki-Communitys findet.
Eine Reihe hochrangiger Vertreter*innen von Stiftungen und
Verbänden würdigte vor Ort und in Grußbotschaften die Verdienste
der Ehrenamtlichen.
Ein
Gruppenfoto der Preisträger bei der „Wiki Loves“-Preisverleihung
Anfang Dezember.
Plädoyers für das digitale
Ehrenamt
„Die Bilder der Wiki-Loves-Wettbewerbe vermitteln die
Kostbarkeit und Schönheit unseres Kulturerbes.
Zivilgesellschaftliches Engagement ist heute so wichtig wie lange
nicht mehr“, lobte etwa Johanna Neuschäffer vom Kuratorium der
Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Marlen Meißner, Leiterin der
Abteilung Erbe, Natur, Gesellschaft bei der Deutschen
UNESCO-Kommission, betonte: „Das Engagement in den
Wikimedia-Projekten ist gelebter Einsatz für kulturelle Vielfalt
und globale Solidarität.“
Und Prof. Dr. Ralph Watzel, Präsident der Deutschen Geologischen
Gesellschaft, hob in seiner Würdigung von Wiki Loves Earth hervor:
„Die Bilder wecken Lust, sich die Motive auch live in der Natur
anzuschauen“. An dieser Wertschätzung zeigt sich nicht zuletzt, wie
die Zahl der Verbündeten im Einsatz für Freies Wissen und das
digitale Ehrenamt wächst.
„Es lohnt sich, die Augen
offenzuhalten”
Im Zentrum der Preisverleihung standen natürlich die
Fotograf*innen und ihre Werke. „Alle Teilnehmenden der Wettbewerbe
haben gewonnen“, sagt Raimond Spekking, Mitglied im Präsidium von
Wikimedia Deutschland: „Sie haben das Wissen der Welt
bereichert.“
Das Bild, erzählt er, entstand eher zufällig – als Beifang eines
anderen Wiki-Projekts. Martin Kraft war auf der Frankfurter
Buchmesse unterwegs, um Persönlichkeiten zu fotografieren. Zufällig
bemerkte er, dass die Tür zur leeren Festhalle offenstand. Eine
Gelegenheit, die er sich nicht entgehen ließ. Und eine Inspiration
für alle anderen Fotograf*innen: Es lohnt sich immer, im Einsatz
für Wikimedia Commons die Augen offenzuhalten!
Wikimedia Commons-Bilder richtig
nutzen: So geht’s!
Alle Bilder auf Wikimedia Commons stehen für die private wie
auch für die kommerzielle Nutzung kostenfrei zur Verfügung. In
diesem Blogbeitrag geben wir fünf praktische Tipps, wie Sie
passende Fotos auf Wikimedia Commons finden. Wichtig dabei: Auch
bei freier Nutzung muss der korrekte Lizenzhinweis angegeben
werden. Der Lizenzhinweisgenerator hilft dabei
und führt in wenigen Schritten zum richtigen Hinweis.
Ein starkes Bekenntnis zu
unabhängigem und überprüfbarem Wissen
Der Erfolg der Kampagne zeigt eindrucksvoll, welche Rolle
Wikipedia heute als freie Wissensquelle in der Gesellschaft spielt.
Während sich Falschinformationen rasant verbreiten, KI-Systeme die
Art verändern, wie Wissen entsteht und konsumiert wird, und
politische Interessen immer stärker bestimmen, was sichtbar ist,
bleibt Wikipedia für viele ein unverzichtbares Gegenmodell: offen
und frei zugänglich, von Menschen gemacht und der Idee
verpflichtet, dass Wissen ein öffentliches Gut sein muss.
Die breite Unterstützung spiegelt vor allem den Wunsch nach
verlässlichen, transparenten und überprüfbaren Informationen wider.
Gleichzeitig unterstreicht sie, wie wichtig es ist, die
Unabhängigkeit der Wikipedia dauerhaft zu sichern – damit sie auch
weiterhin ein Ort bleibt, an dem Fakten zählen und Wissen für alle
kostenfrei zugänglich ist.
Mit dem Abspielen des Videos erklären Sie sich damit
einverstanden, dass YouTube und Google Ihre Daten speichern und
verarbeiten dürfen. Bitte beachten Sie die Datenschutzerklärung von Google.
Wissen für alle – von Menschen
für Menschen
Mit 65 Millionen Artikeln in über 300 Sprachen ist die Wikipedia
heute die umfangreichste Online-Enzyklopädie der Menschheit. Allein
die deutschsprachige Wikipedia wird täglich rund acht Millionen Mal
aufgerufen. Dass hinter dem enormen Wissensschatz echte Menschen
stehen, ist gerade seit dem Aufkommen von Künstlicher Intelligenz
vielen besonders wichtig. In den Spendenkommentaren zeigt sich eine hohe
Wertschätzung für die Arbeit der Wikipedia-Freiwilligen, die
Inhalte recherchieren, Fakten überprüfen und das Wissen in den
Artikeln mit Quellen verlässlich machen.
So macht es die
Wikipedia
Das Rezept für vertrauenswürdige
Informationen: Die drei Grundpfeiler der Wikipedia
Wikipedia steht für freies, geprüftes Wissen. Aber wie
funktioniert das eigentlich? In einer Blogserie zeigen wir, wie
Wikipedia Maßstäbe für verlässliches Wissen setzt – und warum diese
Prinzipien weit über die Online-Enzyklopädie hinaus Bedeutung
haben.
Ein Zeichen gegen
Desinformation, Manipulation und politischen Druck
Zugleich sehen viele Spender*innen ihre Unterstützung als ein
wichtiges Zeichen gegen den zunehmenden politischen Druck auf
valides Wissen. Gerade in diesem Jahr haben wir mit Sorge
beobachten müssen, wie Wikipedia samt ihren Freiwilligen zunehmend
ins Visier von Regierungen, Konzernen und einzelnen Milliardären
geraten ist. Gerade weil machtvolle Akteure immer öfter versuchen,
den Zugang zu Wissen zu beeinflussen oder Fakten zu verzerren,
gewinnt die Unabhängigkeit der Wikipedia an Bedeutung. Denn sie
lässt sich nicht von politischen Interessen vereinnahmen.
Was durch die Spenden möglich
wird
Im kommenden Jahr feiert Wikipedia ihr 25-jähriges Bestehen –
und dank der großen Unterstützung können wir uns weiterhin dafür
einsetzen, dass diese einzigartige Online-Enzyklopädie verlässlich,
unabhängig und für alle zugänglich bleibt. Die Mittelverwendung zeigt im Detail, wie die
Spendengelder eingesetzt werden und welche Projekte im nächsten
Jahr davon profitieren.
Wir verbessern die Werkzeuge zur Abwehr von
Manipulationsversuchen und gezielter Desinformation und schützen
die Ehrenamtlichen, die täglich an den Inhalten arbeiten.
Gleichzeitig stärken wir die technische Infrastruktur, die durch
den wachsenden Zugriff von KI-Systemen und automatisierten Crawlern
zunehmend belastet wird. Darüber hinaus ermöglichen die Spenden die
Unterstützung und den Ausbau der ehrenamtlichen Community, ohne die
Wikipedia nicht existieren könnte, sowie die Förderung weiterer
Projekte für Freies Wissen wie Wikidata oder die Zusammenarbeit mit
Museen, Archiven und Bibliotheken.
So entsteht eine stabile Grundlage dafür, dass geprüftes und
frei zugängliches Wissen auch in Zukunft für alle verfügbar
bleibt.
Danke an alle Unterstützer*innen
– unsere Gemeinschaft wächst weiter
Neben den 251.633 Menschen, die unserem Spendenaufruf in den
vergangenen Wochen gefolgt sind, bedanken wir uns auch herzlich bei
allen, die uns in diesem Jahr durch eine Dauerspende, eine
Mitgliedschaft oder einzelne Spenden unterstützt haben.
Besonders erfreulich ist, dass immer mehr Menschen Wikimedia
Deutschland langfristig als Mitglieder fördern. Im Rahmen der
Spendenkampagne sind 4.800 neue Mitglieder hinzugekommen – damit
ist die Zahl der Vereinsmitglieder auf rund 116.000 gestiegen.
Dieser Artikel ist eine angepasste Übersetzung desOriginal-Artikelsder
Wikimedia Foundation.
Wie oft haben Sie schon einen Beitrag in einer App oder einem
Social-Media-Feed gesehen und sich gefragt, woher die Informationen
eigentlich stammen? Nachrichten, die viral gehen oder
weitergeleitet werden, mangelt es oft an Quellenangaben – oder die
angegebenen Quellen sind wenig zuverlässig. Leser*innen haben in
der digitalen Gegenwart oft keine Chance mehr, eine Information zu
ihrem Ursprung zurückzuverfolgen. Statt auf überprüfbare Fakten
stoßen sie auf defekte Links, verschwundene Seiten oder anonyme
Nutzer*innen. Wenn aber unklar ist, woher eine Geschichte stammt,
bröckelt das Vertrauen in sie.
Transparenz ist im Netz zur seltenen Währung geworden – obwohl
wir sie dringender denn je brauchen. Die Wikipedia zählt den
wenigen Orten, wo noch völlige Offenheit herrscht. Alle
Bearbeitungen und Diskussionen sind hier öffentlich einsehbar.
Selbst kleine Änderungen wie die Korrektur von Tippfehlern können
überprüft werden. Untersuchungen zeigen, dass ein Wikipedia-Artikel
umso genauer und zuverlässiger wird, je mehr Menschen ihn
überprüfen, diskutieren und debattieren. Das schafft Vertrauen –
und die Gewissheit, dass wirklich die ganze Geschichte erzählt
wird. Dadurch ist die Online-Enzyklopädie zum verlässlichsten Ort im Netz
geworden.
Das Transparenz-Prinzip ist in der Wikipedia auf vielfältige
Weise verankert:
Jede Seite hat eine
Geschichte
Jeder Artikel auf Wikipedia verfügt über eine eigene Historie.
Durch Anklicken des entsprechenden Reiters “Versionsgeschichte”
oben auf der Seite können Leser*innen jede Änderung sehen – von
kleinen Korrekturen bis hin zu vollständigen Überarbeitungen. Wer
möchte, kann sogar verschiedene Versionen miteinander vergleichen.
Diese Historie wird nicht kuratiert oder eingeschränkt. Lesende
können in Echtzeit beobachten, wie sich Informationen verbessern
und weiterentwickeln. Die Ehrenamtlichen wiederum gewinnen ein
besseres Verständnis für komplexe oder sich ändernde
Sachverhalte.
So wird es aus einem oft undurchsichtigen redaktionellen Prozess
ein offener, gemeinschaftlicher Dialog. Fehler werden nicht
versteckt, sondern korrigiert. Meinungsverschiedenheiten werden
nicht gelöscht, sondern dokumentiert, diskutiert und gelöst – für
alle mitzuverfolgen. Jeder Artikel ist eine Einladung an die
Leser*innen, sich eingehender mit seiner Geschichte zu befassen.
Und sich zu beteiligen!
Diskussionsseiten: Offene
Debatten
Neben jedem Artikel befindet sich auch eine Registerkarte namens
„Diskussion“: ein Bereich, in dem die Community-Mitglieder darüber
diskutieren, was in den Artikel gehört, wie Quellen ausgewogen
dargestellt werden können und wie die Richtlinien von Wikipedia
anzuwenden sind. Wikipedia funktioniert nach dem Prinzip der
konsensbasierten Entscheidungsfindung – ganz ohne Chefredakteur*in.
Der Weg zum Konsens ist manchmal langwierig, aber immer lohnend.
Alle können diesen Austausch verfolgen – und sogar selbst daran
mitwirken.
Diese Kultur der Offenheit verwandelt Transparenz in
Verantwortlichkeit. Alle, die zur Wikipedia beitragen, müssen ihre
Arbeit anhand zuverlässiger Quellen belegen und sich den
Kernprinzipien des Projekts verpflichten: Neutralität,
Überprüfbarkeit, Verzicht auf eigene Theoriefindung. Diese
Prinzipien stellen sicher, dass das Wissen in Wikipedia korrekt und
vertrauenswürdig ist.
Echtzeit-Überprüfungen und
Sicherheitsvorkehrungen
Bei Transparenz geht es aber nicht nur um Sichtbarkeit, sondern
auch um Wachsamkeit. Tausende von Freiwilligen überwachen jede
Änderung, die vorgenommen wird – stets bereit, Vandalismus zu
bekämpfen, Falschinformationen oder sachliche Fehler zu
korrigieren. Automatisierte Tools, die Muster von Störungen
erkennen und menschliche Prüfer*innen alarmieren, unterstützen sie
dabei. So bleiben Falschinformationen nie lange ungeprüft.
Streitbeilegung in der
Öffentlichkeit
Auch für den Konfliktfall gibt es in der Community offene, klar
dokumentierte Lösungsprozesse – z.B., wenn es um die Bearbeitung
eines kontroversen Themas oder die Einhaltung der
Wikipedia-Richtlinien geht. Freiwillige können bei Problemen
weitere Teile der Community einbeziehen oder ihr Anliegen zur
Schlichtung an ehrenamtliche Gremien weiterleiten. Ergebnisse und
Begründungen werden veröffentlicht. Diese Dokumentation schafft ein
institutionelles Gedächtnis und gewährleistet die
Rechenschaftspflicht der Community.
Alle sechs Monate veröffentlicht die Wikimedia Foundation
außerdem einen detaillierten Transparenzbericht. Hier sind
alle Anfragen aufgeführt, die die Foundation in Bezug auf die
Änderung oder Entfernung von Inhalten oder zur Offenlegung
nicht-öffentlicher Benutzerinformationen in ihren Projekten
erhalten hat. Leser*innen und Mitwirkende können nachvollziehen,
wie die Foundation auf Anfragen von Regierungen und anderen
Organisationen reagiert, aber auch selbst Auskunft zu Fragen erhalten, die
die rechtliche und politische Arbeit der Stiftung betreffen.
Während auf anderen Plattformen undurchsichtige
Algorithmen regieren und Bearbeitungen nicht nachvollziehbar sind,
bietet die Wikipedia mit ihrer offenen und transparenten
Dokumentation eine Alternative: einen Ort, wo Verantwortlichkeit
als Prinzip verankert ist – und nicht erst diskutiert werden muss,
wenn Schaden entstanden ist. Transparenz garantiert keine
Perfektion. Aber sie ermöglicht es allen, zu sehen, wie
Informationen erstellt, hinterfragt und verbessert werden.
Jede Bearbeitung erzählt eine Geschichte. In der Wikipedia sind
sie alle zu lesen!
SLAPP steht für Strategic Lawsuit against Public Participation
oder kurz: Schikaneklagen. Gemeint sind Klagen, die darauf
abzielen, Einzelpersonen oder Institutionen einzuschüchtern, damit
sie zu Themen von öffentlichem Interesse schweigen.
In der Regel sind es Geschichten von Goliath gegen David. Ein
Unternehmer möchte beispielsweise nicht, dass eine Information oder
eine kritische Recherche veröffentlicht wird. Um das zu erreichen,
verklagt er beispielsweise kritische Journalist*innen,
Aktivist*innen oder Forschende.
Die Strategie: Das Gerichtsverfahren selbst als Mittel der
Einschüchterung. Mit Hilfe möglichst langwieriger Verfahren sollen
die in der Regel weitaus geringeren Ressourcen der Beklagten
ausgezehrt werden. In einigen Fällen wurden die Betroffenen auch
durch eine Flut von Klagen überzogen. Das Ziel: journalistische
Recherchen stoppen, Aufklärung verhindern, Kritiker*innen
einschüchtern.
Was hat das mit Wikipedia zu
tun?
Von der ansteigenden Zahl an SLAPP-Klagen ist zunehmend auch
Wikipedia betroffen. Die Adressatin in einem Fall aus dem
deutschsprachigen Raum war die rechtlich verantwortliche Wikimedia
Foundation (WMF). In anderen Fällen, etwa einem aus Estland,
richtete sich die Klage direkt gegen einen Wikipedia-Autor.
Vor dem Landgericht München ging es um den Wikipedia-Artikel
über den Wettanbieter Tipico. Der Artikel enthält Informationen,
die typischerweise in Unternehmensartikeln zu finden sind:
Informationen über den Zeitpunkt der Gründung, die
Unternehmensgröße und den Unternehmenszweck. Auch die Gründer des
Unternehmens werden dort genannt. Darunter ist Mladen Pavlovic. Wie
bei Wikipedia üblich, war diese Information bereits öffentlich in
einer etablierten Quelle nachlesbar – im SPIEGEL-Artikel mit dem Titel
„Die schmutzigen Geschäfte des Wettanbieters Tipico“. Pavlovic
wollte erreichen, dass sein Name aus dem Wikipedia-Artikel gelöscht
wird. Er beauftragte eine renommierte deutsche Anwaltskanzlei,
gegen die WMF zu klagen.
Das Ergebnis: Eines der aufwändigsten Gerichtsverfahren für die
Wikimedia Foundation in Deutschland – und ein anschauliches
Beispiel für die Probleme von strategischen Gerichtsverfahren gegen
öffentliche Beteiligung (SLAPP).
Der
Prozess um die Namensnennung im Wikipdia-Artikel über Tipico fand
vor dem Landgericht München I statt.
Was macht die Klage zu einem
SLAPP-Fall?
Der Verlauf der Klage legt nahe, dass Pavlovics Anwälte auf eine
Strategie der Erschöpfung bauten. Sie reichten eine wahre Flut an
Schriftsätzen beim Landgericht München ein, die beantwortet werden
mussten. Jedes Mal, wenn die WMF sich mit den Argumenten von
Pavlovics Anwälten umfassend auseinandergesetzt hatte, ging ein
neuer Schriftsatz bei Gericht ein. Dieser wiederholten in der Regel
frühere Argumente, ergänzt durch schwache oder aus WMF-Sicht
irrelevante neue Argumente. Auch nach der mündlichen Verhandlung
reichte Pavlovics Anwaltsteam weiterhin Anträge bei Gericht ein.
Die Rechtsabteilung der Wikimedia Foundation und ihre deutsche
Anwaltsvertretung schilderten diese Zeit als „besonders intensiv“.
Das Resultat: Das Team der WMF sah sich gezwungen, die immer
neuen Anträge in kürzerer Form zu beantworten. Ein riskantes
Vorgehen, weil verkürzte Argumentationen leichter anzugreifen sind.
Die WMF verfügt jedoch nur über ein begrenztes Budget für lokale
Anwaltskanzleien und ein kleines internes Team von Jurist*innen,
das sich auch mit vielen anderen rechtlichen Fragen weltweit
befasst.
Die Wikimedia Foundation gewann am Ende sowohl das
Gerichtsverfahren als auch die Revision. Das Gericht stellte fest,
dass die im Artikel enthaltenen Informationen mit Quellen belegt
und von öffentlichem Interesse waren. Aber die finanzielle und
personelle Erschöpfung war Pavlovic und seinen Anwälten gelungen.
Der Fall band wertvolle Kräfte, die an anderer Stelle fehlten und
stellte eine finanzielle Belastung dar. Eine Erstattung dafür hat
die WMF bisher nicht erhalten.
Was kann der Gesetzgeber tun, um
SLAPP-Fälle zu verhindern?
Die Europäische Kommission hat den zunehmenden Trend zu SLAPPs bemerkt und
reagiert. Sie verabschiedete im Mai 2024 eine Direktive, die Journalist*innen,
Aktivist*innen oder Forschende besser schützen soll. Verbunden
damit: Der Auftrag an Mitgliedstaaten, die Vorschläge bis März 2026
in nationales Recht umzusetzen. Diesem Auftrag ist das
Justizministerium mit einem Entwurf vom August 2025
nachgekommen. Anfang Dezember beriet dazu das Bundeskabinett. Der
Entwurf geht nun in den Bundestag.
Der Entwurf setzt zwar an den richtigen Stellschrauben an –
greift aber an zwei Stellen zu kurz und sollte daher noch einmal
überarbeitet werden.
Es ist zwar vorgesehen, dass Kläger*innen die Gerichtskosten
übernehmen müssen – einschließlich der Anwaltskosten des Beklagten,
wenn ein Fall als missbräuchlich abgewiesen wird. Was im
Gesetzentwurf jedoch fehlt: das Recht auf eine Entschädigung für
entstandene materielle oder immaterielle Schäden der Beklagten.
Gemeint ist beispielsweise der Verdienstausfall eines freien
Journalisten oder Schadensersatz für psychische Belastung bei
unverhältnismäßigen Forderungen wie etwa die 2,1 Millionen, die RWE vom
Fotojournalist Jannis Große fordert.
Laut Entwurf sollen Gerichte die Möglichkeit bekommen,
missbräuchlich klagende Einzelpersonen oder Unternehmen mit einer
Gerichtsgebühr zu sanktionieren. So soll das Risiko eines
Verfahrens für finanzstarke Klagende steigen. Das soll
Einschüchterungsklagen unattraktiver machen – und klingt erstmal
gut. Aber Strafen können nur dann Wirkung entfalten, wenn sie
wirklich abschrecken. Das ist nicht zu erwarten, wenn die
Sanktionszahlung die gerichtliche Verfahrensgebühr nicht
überschreiten darf. Diese liegt regelmäßig zwischen 850 und 1.500
Euro, ist oft sogar deutlich niedriger. Kläger*innen, die
umfangreiche Mittel für renommierte Anwaltskanzeleien und
langwierige Prozesse aufwenden können, werden sich davon nicht
abschrecken lassen. Die Gerichte müssen daher höhere
Sanktionsmöglichkeiten erhalten
Der entscheidende Punkt für die Annahme von Missbräuchlichkeit
ist das in der Regel auftretende finanzielle Machtungleichgewicht
zwischen der klagenden Partei und Beklagten. Während die
Kläger*innen über mehr als ausreichende Ressourcen verfügen, um
lange aber aussichtslose Gerichtsverfahren zu führen, ist das bei
den in der Regel betroffenen Einzelpersonen nicht der Fall.
SLAPPS sind keine Versuche, auf dem Rechtsweg Gerechtigkeit
herzustellen. Sie nutzen den Rechtsweg selbst als Mittel, um Druck
auf Schwächere auszuüben. In einer Demokratie, die auf eine
transparente Öffentlichkeit und einen fairen Rechtsstaat angewiesen
ist, müssen solche Missbrauchsmöglichkeiten verhindert werden.
Auf Wikimedia Commons finden sich
aktuell über 130 Millionen Fotos, Videos und Audiodateien – alle
unter freier Lizenz, sodass Menschen weltweit sie einfach und frei
nutzen können. Wer dieses riesige Medienarchiv auf spielerische und
unterhaltsame Art kennenlernen möchte, ist bei Wiki Radio genau richtig!
Akustische Entdeckungsreise
durchs Commons-Archiv
Wiki Radio spielt nach dem Zufallsprinzip akustische Fundstücke
aus Wikimedia Commons ab. Nach ein paar Sekunden hat man die
Möglichkeit, per „Skip“-Taste zum nächsten Track zu wechseln.
Zusätzlich gibt es einen Knopf „Track Details“, über den man auf
die entsprechende Wikimedia-Commons-Seite der Audiodatei samt
Hintergrundinfos gelangt.
Die Spanne des Wiki-Radio-Programms ist enorm: Sie reicht von
Beethovens „Requiem“ über historische politische Reden, die
Intro-Musik bekannter Videospiele, eine Ansage aus der Münchner
U-Bahn oder ein gesprochenes Gedicht bis zu Vogelgezwitscher.
Erfinder Rico Monkeon hat sich für Wiki Radio von Wikitok inspirieren lassen: bei dieser
Anwendung können User*innen durch Bilder aus Wikipedia-Artikeln
scrollen – und wer mehr erfahren möchte, klickt einfach auf den
jeweiligen Text.
Wiki Radio überträgt dieses Prinzip jetzt auf die Ohren – Viel
Spaß beim Reinhören!
Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Kein
Wunder also, dass soziale Netzwerke verlockend sind: Sie geben uns
das Gefühl, mit Freund*innen, Familie, Kolleg*innen und allen
halbvergessenen Bekannten gleichzeitig in Kontakt zu bleiben. Doch
mit jedem Foto, jedem Kommentar, jedem Herzchen offenbaren wir mehr
über uns selbst, als uns lieb ist – es ist die perfekte Beute für
die Datensammlungen der großen Plattformbetreiber. Und diese setzen
alles daran, uns im Kreislauf aus Scrollen, Teilen und Liken
festzuhalten.
Können wir online miteinander verbunden bleiben, Inhalte
entdecken und teilen, ohne unsere Kontrolle über unsere privaten
Daten zu verlieren?
Darüber sprechen wir mit Dan Shick aus dem
Software-Kommunikationsteam von Wikimedia Deutschland.
Begriffe, die Sie vor dem Lesen
des Interviews kennen sollten:
Wikidata ist eine freie, kollaborative Wissensdatenbank,
in der strukturierte Daten zentral gesammelt und für Wikipedia
sowie viele andere Projekte bereitgestellt werden. Die
Informationen sind maschinenlesbar und können weltweit von Menschen
und Anwendungen genutzt werden.
Wikibase ist die Software hinter Wikidata. Sie ermöglicht
es Organisationen, Communitys oder Projekten, eigene strukturierte
Datenbanken nach dem gleichen Prinzip wie Wikidata aufzubauen und
flexibel zu verknüpfen.
BBS, oder Bulletin Board Systems, waren frühe
elektronische Mitteilungsplattformen, meist vor der Zeit des
Internets. Nutzer*innen konnten sich über ein Modem einwählen,
Nachrichten lesen, eigene Beiträge schreiben oder Dateien
austauschen. Alle konnten nacheinander das System nutzen, da immer
nur eine Verbindung gleichzeitig möglich war.
Ein Mastodon Firehose ist eine Art globaler Feed, der
alle öffentlichen Beiträge aus dem gesamten dezentralen
Mastodon-Netzwerk in Echtzeit zusammenfasst. Da es keine zentrale
Plattform gibt, werden diese Daten von verschiedenen Diensten
bereitgestellt, die den Zugriff auf die öffentliche Timeline der
einzelnen Instanzen ermöglichen. Man kann sich das als einen
ständigen Fluss aller öffentlichen Mastodon-Posts vorstellen.
Hi Dan, was machst du bei Wikimedia
Deutschland?
Ich kümmere mich um die externe Kommunikation der
Softwareabteilung und helfe den Produktteams von Wikidata und
Wikibase dabei, ihre Botschaften nach außen zu tragen. Außerdem
schreibe und übersetze ich technische Inhalte.
Was genau ist Social Media – und
warum ist es im digitalen Zeitalter so dominant
geworden?
Social Media ermöglicht es Menschen, Inhalte übers Internet
miteinander zu teilen. In gewisser Hinsicht ist die Idee nichts
Neues. Selbst die frühen Websites hatten Gästebücher, in denen
Besucher*innen ihre Gedanken hinterlassen konnten. Das, was wir
heute unter Social Media verstehen, hat diesen Grundgedanken
radikal weiterentwickelt: Plattformen, auf denen wir noch viel mehr
von unserer Persönlichkeit preisgeben können – einfacher und
schneller als je zuvor.
Warum Social Media so durch die Decke ging, liegt für mich an
zwei Faktoren: der veränderten Wahrnehmung von Privatsphäre und dem
Siegeszug des Smartphones. Seit über zwanzig Jahren erleben wir,
wie Unternehmen Daten sammeln und wie Hacker immer wieder große
Datenlecks aufdecken. Mit der Zeit hat das zu einer Art Müdigkeit
geführt: Viele Menschen haben das Gefühl, dass Privatsphäre im Netz
ohnehin kaum noch existiert. Und wenn alles schon halb öffentlich
wirkt, fällt es leichter, persönliche Informationen freiwillig zu
teilen – vor allem dann, wenn es so aussieht, als würden sie nur im
kleinen Kreis von Freund*innen und Familie landen. Parallel dazu
wurden Smartphones zum festen Bestandteil unseres Alltags. Und
Social Media ist wie gemacht dafür: Kamera, Ton-Aufnahmegerät,
Tastatur und schnelle Internetverbindung – alles steckt in der
Hosentasche. Die Hürde, etwas zu teilen, war noch nie so
niedrig.
Dan
Shick hat sich im digitalen Raum immer schon zuhause gefühlt.
Wie bist du persönlich mit
Social-Media-Alternativen in Berührung gekommen?
Ich komme ursprünglich aus der Bay Area bei San Francisco und
bin seit meiner Jugend Computerfan. Meine ersten sozialen
Online-Erfahrungen machte ich mit sogenannten BBSes – elektronische Schwarze Bretter, die man
per Modem über die Telefonleitung anwählte. Man konnte dort
Nachrichten lesen und hinterlassen, aber immer nur nacheinander,
weil meist nur eine einzige Leitung zur Verfügung stand.
Mitte der Neunziger landete ich beruflich in der
Internetbranche. Dadurch bekam ich viele Trends früh mit. Um 2003
tauchte plötzlich das Wort „Social Networking“ auf. In Berichten
wurde es als die nächste große Kommunikationsrevolution beschrieben
– oft etwas übertrieben, aber mit der Idee, dass Menschen Daten
frei austauschen und mitnehmen können sollten.
Kurz darauf erschienen die ersten Plattformen wie Orkut, Friendster und Tribe.net. Sie waren viel einfacher als heutige
Netzwerke, eher digitale Treffpunkte mit Profilseiten und Gruppen,
aber noch ohne algorithmische Feeds oder aggressive Datensammlung.
Ich probierte sie aus und war sofort begeistert: Es fühlte sich an
wie die BBSes meiner Jugend – nur in Echtzeit.
2007 fing ich an für Bebo zu arbeiten – damals eines der größten sozialen
Netzwerke außerhalb der USA und ein echter Myspace-Konkurrent. Bebo war im Kern eine Mischung aus
Profilen, Nachrichten, Fotos und Gruppen, sehr community-orientiert
und ohne die massive Werbe- und Datenauswertung, die später bei
Facebook dominieren sollte. 2008 hörte ich dort zum ersten Mal den
Begriff „Social Media“.
Mit den Jahren veränderte sich die Branche drastisch.
Smartphones wurden allgegenwärtig, Facebook wurde riesig, und die
frühen Versprechen – etwa dass man seine Daten frei exportieren
könne – wurden nie wirklich eingelöst. Irgendwann hatte ich das
Gefühl: Diese zentralisierten Plattformen nehmen mehr, als sie
geben.
2017 stieß ich dann auf etwas völlig anderes: dezentrale soziale
Netzwerke, bei denen man sogar einen eigenen Server betreiben kann.
Für mich als langjährigen Technik-Hobbyisten war das sofort
spannend. Die Software hieß Mastodon, und sie führte mich ins
Fediverse – eine offene Social-Media-Welt, in
der Kontrolle nicht bei einem Konzern liegt, sondern bei den
Menschen, die sie nutzen.
Warum interessierst du dich für freie
Social-Media-Plattformen?
Was mich an Mastodon sofort begeistert hat, war etwas, das ich
schon an den frühen sozialen Netzwerken mochte: Es gibt keinen
Algorithmus, der vorsortiert, was man sehen soll. Stattdessen
tauschen sich ganz ungefiltert viele Hobbyist*innen,
Technikbegeisterte und andere spannende Menschen über alles
Mögliche aus, das sie interessiert.
Ich glaube, man vergisst leicht, wie wertvoll so etwas ist.
Einige Jahre zuvor hatte ich die sogenannten nymwars miterlebt, bei denen große Plattformen
versuchten, Nutzer*innen zu zwingen, ihren Klarnamen zu verwenden.
Viele marginalisierte Gruppen wurden dadurch vertrieben. Und
dieselben Gruppen wurden später Zielscheiben übelster
Online-Angriffe. Das hatte alte Erinnerungen bei mir geweckt – auch
ich wurde früher gemobbt. Damals waren Online-Communitys mein
Zufluchtsort und genau die waren bei den großen Plattformen im Zuge
der nymwars bedroht.
Als ich dann das Fediverse entdeckte, war ich wirklich
erleichtert: Viele der Menschen, die von den großen Plattformen
verdrängt worden waren, hatten dort wieder einen sicheren Raum
gefunden. Für mich fühlte es sich an, als wäre ich endlich wieder
zuhause.
Welche Nachteile hat es, bei
Facebook, Instagram, TikTok, YouTube oder sogar X zu
bleiben?
Mir fallen sofort vier Punkte ein: Werbung, Datensammeln,
verzerrte Informationen und Hass. Natürlich gibt es Hass nicht nur
auf kommerziellen Plattformen – er taucht leider überall im Netz
auf. Aber wenn große Plattform-Betreiber sich dafür entscheiden,
das bestimmte Formen von Hass und Übergriffen für sie akzeptabel
sind, dann sind dem manche Nutzer*innen im Ernstfall schutzlos
ausgeliefert.
Gleichzeitig haben viele Menschen unglaublich viel Zeit und
Herzblut in ihre Accounts gesteckt. Sie lagern dort tausende Fotos,
persönliche Texte oder Erinnerungen – oft aus einem einfachen
Grund: Dort sind ihre Freund*innen. Man will teilen, wo die
Menschen sind, die einem wichtig sind. Das ist ja der Kern von
Social Media: Gemeinschaft, Zugehörigkeit.
Doch genau hier liegt die Falle: Die Plattform gehört nicht der
Community, sondern einem Unternehmen. Und dieses Unternehmen kann
jederzeit Regeln ändern, Inhalte löschen, Accounts sperren oder den
Zugang erschweren. Nutzer*innen haben darauf praktisch keinen
Einfluss. Ihre Daten, ihre Kontakte, ihr digitaler Alltag hängen an
Entscheidungen, die andere aus kommerziellen Gründen treffen.
Am Ende fühlt es sich deshalb so an, als würde man bleiben
müssen – nicht, weil man will, sondern weil das eigene soziale
Umfeld, die eigenen Erinnerungen und die eigene Reichweite dort
feststecken. Das ist wie ein „Geiselgefühl“: Man gibt die Kontrolle
ab, ohne eine echte Alternative zu haben.
Warum dominieren Meta, Google und
TikTok den Markt so stark?
Bei Meta und Google liegt es vor allem an zwei Dingen: Geld und
Kontrolle. Bei TikTok kommt ein anderer Faktor ins Spiel: der
Netzwerkeffekt.
Meta und Google verfügen – zusammen mit Amazon – über mehr als
die Hälfte des weltweiten Werbemarkts. Meta, Apple und Google
gehören außerdem zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Auch
wenn Google heute kein eigenes großes soziales Netzwerk mehr
betreibt (R.I.P. Google+) und Apple nie eins hatte, kontrollieren
beide das Smartphone-Ökosystem – also genau das Umfeld, in dem
soziale Medien überhaupt erst groß werden. Meta wiederum beherrscht
mit Facebook und Instagram das Social-Media-Universum der über
30-Jährigen und besitzt ganz nebenbei mit WhatsApp einen
Messaging-Dienst, der schon fast selbst ein soziales Netzwerk ist.
Diese Marktmacht ergibt sich im Kern aus ihrem enormen finanziellen
Einfluss.
Bei TikTok läuft es etwas anders. Dort wirkt der klassische
Netzwerkeffekt: Menschen gehen dorthin, wo andere Menschen schon
sind. Wenn eine Plattform es schafft, durch gutes Design,
spannenden Content oder einfach Glück genug Aufmerksamkeit zu
bekommen, kann sich dieser Effekt verselbstständigen – und
plötzlich wird sie viral attraktiv. Genau das ist früher schon bei
Twitter, Facebook, Snapchat und Instagram passiert. Und es wird
wieder passieren, solange das Internet zumindest ein Stück weit
offen bleibt.
Das
Fediverse: Eine Reihe von Social Media Apps, die dezentral
organisiert sind, was eine Machtkonzentration verhindert und die
Nutzer*innen in den Mittelpunkt stellt.
Welche freien Social Media
Alternativen würdest du empfehlen?
Ich empfehle uneingeschränkt alle Plattformen, die Teil des
Fediverse sind. Das Fediverse ist kein
einzelnes Netzwerk, sondern ein Verbund vieler unabhängiger
sozialer Plattformen, die miteinander kommunizieren können –
ähnlich wie E-Mail, nur für Social Media. Mastodon ist dabei wahrscheinlich
das bekannteste Beispiel.
Die Kommunikation zwischen diesen Plattformen läuft über einen
technischen Standard namens ActivityPub. Für Nutzer*innen bedeutet das praktisch,
dass sie unterschiedliche Dienste gleichzeitig nutzen können, ohne
sich um technische Details kümmern zu müssen. Das Besondere am
Fediverse ist seine Dezentralisierung: Es gibt keinen einzelnen
Betreiber, der alles kontrolliert oder verkaufen kann. Durch die
Dezentralisierung kann nicht einfach irgendein selbstverliebter
Milliardär auftauchen und das gesamte Netzwerk kaufen. Stattdessen
bestehen viele eigenständige Server, die miteinander verbunden
sind, aber unabhängig bleiben. Man kann es ein bisschen mit
Amateurfunk vergleichen:
Verschiedene Menschen können über unterschiedliche Geräte
miteinander sprechen, ohne dass eine zentrale Firma alles steuert –
nur eben digital und viel leichter zugänglich.
Im Fediverse gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Dienste:
Mastodon eignet sich für kurze Texte und Microblogging, Pixelfed ist eine offene Alternative zu Instagram für
Fotos, und Ghost ist eine vollwertige Blogging-Plattform, die
ebenfalls ans Fediverse angeschlossen ist. So kann jede*r genau die
Plattform wählen, die zum eigenen Stil passt, und bleibt trotzdem
Teil eines offenen, miteinander vernetzten Netzwerks. Hier gibt es einen tollen
Überblick, um sich schnell zurechtzufinden.
Was könnte ungewohnt wirken, wenn man
von den großen Plattformen zum Fediverse wechselt?
Am Anfang fällt vor allem eines auf: Es gibt keinen Algorithmus.
Die Feeds im Fediverse sind chronologisch – Nutzer*innen sehen nur
die Inhalte von Accounts, denen sie folgen. Wer von den großen
Plattformen kommt, wird vielleicht zuerst das Gefühl haben,
Empfehlungen oder Trends zu verpassen. Viele Plattformen bieten
aber zusätzlich Feeds mit den aktuell beliebtesten Beiträgen oder
mit Posts von allen bekannten Servern an.
Es braucht ein bisschen Übung, sich den eigenen Feed selbst
zusammenzustellen, aber das geht schnell in Fleisch und Blut über –
und macht richtig Freude!
Wie einfach ist die Anmeldung – und
wo lassen sich diese Plattformen finden?
Das Fediverse besteht aus einer Vielzahl von Servern, die
miteinander kommunizieren. Daher ist die Anmeldung etwas
aufwändiger als bei zentralisierten sozialen Netzwerken. Jeder
Server ermöglicht die Kommunikation mit anderen Nutzenden im
Internet, hat aber seine eigene Community, eigene
Nutzungsbedingungen und einen eigenen Charakter. Man kann es mit
der Wahl eines E-Mail-Anbieters vergleichen: Gmail, ProtonMail oder
Hotmail – jede Option hat ihre Besonderheiten.
Zunächst lohnt es sich, einen Überblick über die verfügbaren
Server zu verschaffen. Empfehlenswert ist es, Informationen aus dem
Freundes- oder Bekanntenkreis einzuholen – dort kann oft ein
passender Server empfohlen werden. Alternativ bieten folgende
Seiten Orientierung:
Hat ein Server die gewünschten Eigenschaften, lohnt
sich auch noch ein Blick in die Nutzungsbedingungen und den
öffentlichen Feed (häufig auf der „About-Seite”). Entspricht das
Angebot den eigenen Vorstellungen, funktioniert die Registrierung
wie bei jeder anderen Plattform: Benutzername und Passwort
festlegen, und schon kann der Server genutzt werden.
Foto: Rolf van Root auf Unsplash
Erfreut
sich zunehmender Beliebtheit: Mastodon, die neue
Microblogging-Alternative zu X (ehemals Twitter)
Gibt es Tipps für Einsteiger*innen,
um den Wechsel zu erleichtern?
Mein wichtigster Tipp: Dranbleiben.
Den Feed mit den beliebtesten Beiträgen durchsuchen und bei Bedarf
auch den sogenannten „Firehose“-Feed nutzen. Dieser
Feuerwehrschlauch-Feed zeigt alle öffentlichen Beiträge eines
Servers oder aller bekannten Server gleichzeitig – ähnlich wie ein
unendlicher Nachrichtenstrom – und hilft dabei, einen guten
Überblick über die Community zu bekommen.
Außerdem: Follow- und Unfollow-Entscheidungen großzügig treffen:
Nicht jede*n Account sofort dauerhaft folgen, sondern ausprobieren,
wer interessante Inhalte liefert und was den eigenen Feed
bereichert. So lässt sich der Feed Schritt für Schritt optimal
zusammenstellen.
Den eigenen Feed aktiv gestalten – er sollte genau die Themen
und Inhalte zeigen, die interessieren, informieren oder
inspirieren. Es entsteht dabei keine eingeschränkte Blase, sondern
eine individuell kuratierte Informationsquelle.
Und nicht vergessen: Freund*innen einbeziehen – gemeinsam macht
der Einstieg oft noch mehr Freude.
Takeaways
Es gibt Alternativen – vor allem im Fediverse (Mastodon,
PeerTube, Pixelfed). Diese Plattformen sind echte Optionen jenseits
von Meta, TikTok oder YouTube.
Datenschutz und Kontrolle – keine werbegetriebenen
Feeds, weniger Ausnutzung privater Daten, mehr Einfluss für die
Nutzenden, wer welche Inhalte sieht und teilt.
Gemeinschaft statt Algorithmen – Inhalte werden über
Personen und Gruppen entdeckt, nicht über versteckte
Ranking-Systeme, die bestimmen, was angezeigt wird.
Andere Atmosphäre – kleinere, langsamere, oft
freundlichere Communitys, in denen Beiträge länger sichtbar bleiben
und nicht innerhalb von Sekunden in einer Flut neuer Posts
verschwinden. Dadurch entsteht mehr Ruhe, Übersicht und Austausch
auf Augenhöhe.
Next Steps
Eine Fediverse-Plattform ausprobieren, z. B. Mastodon, PeerTube
oder Pixelfed, um praktische Erfahrung zu sammeln.
Anleitungen, FAQs und Community-Gruppen für Einsteigende
nutzen, um den Einstieg zu erleichtern.
Freund*innen oder Bekannte einbeziehen und gemeinsam neue
Plattformen entdecken, um Austausch und Vernetzung zu fördern.
Bezahltes Schreiben im PR-Auftrag in der Wikipedia, ist ein
Thema, das mich und die Wikipedia-Community seit einigen Jahren
umtreibt. Das Thema wabert seit etwa 2010 durch die Wikipedia, mal
intensiver und mal weniger intensiv diskutiert; mal mit Skandal und
mal ohne. Aber wenn man sich, ganz ohne Insiderkenntnisse, einfach
mal durch Wikipedia-Artikel lebender Personen clickt (sei es in der
deutschen Ausgabe oder der englischen): normalerweise riecht man
die gekauften und geschönten Artikel 500 Kilobyte gegen den Wind.
Die peinlichen PR-Artikel: weil auch die siebte Teilnahme am
Rettet-die-Bergdackel-Benefiz-Gala-Dinner getreulich unter dem
Punkt „gesellschaftliches Engagement“ gelistet wird. Die weniger
peinlichen PR-Artikel: weil sie so nichtssagend sind.
Wie lange das Problem existiert und wie sehr es schon vor vielen
Jahren auffiel, wurde mir letztens beim lesen gewahr. Es war ein
Fantasy-Crime Roman – komplett fiktiv, mit vagen Bezugspunkten zu
unserer Welt. Und selbst dort kommt Wikipedia-PR-Schreiben vor. Es
geht um „Moon over Soho“ von Ben Aaronovitch. Erstmal erschienen
2012 bringt es der Roman auf den Punkt:
Auf deutsch etwa:
„Die Reichen, vorausgesetzt sie vermeiden Prominenz, können
etwas Unternehmen um ihre Anonymität zu bewahren. Lady Tys
Wikipedia-Artikel las sich als wäre sie von einem PR-Schreiber
verfasst worden, denn zweifellos hatte Lady Ty einen PR-Schreiber
beschäftigt, um sicherzustellen, dass die Seite ihren Vorstellungen
entsprach. Oder wahrscheinlicher: Einer ihrer „Leute“ hatte eine
PR-Agentur beauftragt, die einen Freelancer beschäftigt hatte, der
das in einer halben Stunde runtergeschrieben hatte, damit er sich
schneller wieder auf den Roman konzentrieren konnte, den er grade
schrieb. Der Artikel gab preis, dass Lady Ty verheiratet war, zu
nicht weniger als einem Bauingenieur, dass sie zwei schöne Kinder
hatten von denen der Junge 18 Jahre alt war. Alt genug um Auto zu
fahren aber jung genug um noch zu Hause zu wohnen.“
Diese Beschreibung trifft auch zehn Jahre später auf einen
Großteil aller PR-Artikel zu. Schnell und lieblos, aber
professionell gemacht. Oft genug mit Versatzstücken aus anderen
Werbematerialien; zu unauffällig, um jemand ernstlich zu stören.
Aber auch zu nichtssagend, um der Leser*in auch nur den geringsten
Mehrwert zu bieten.
Damit hat ein Roman-Autor, der selber kein aktives Mitglied der
Wikipedia-Community ist, die PR-Problematik schon im Jahr 2012
richtiger eingeschätzt als ein relevanter Teil der diskutierenden
Community im Jahr 2022.
(Und Randbemerkung: die Community rächte sich, indem sie
Aaronovitchs Autoren-Artikel mit einem unvorteilhaften Autorenfoto
versah – no PR-flack weit und breit war hier unterwegs.)
Von einer anderen Form des beeinflussten Schreibens erfuhr ich
heute beim Mittagsessen. In immer mehr autoritären Regimes scheint
es vorzukommen, dass einzelne Wikipedia-Autor*innen, die in dem
jeweiligen Land leben, einen Anruf oder einen Besuch bekommen. Mit
dem freundlichen Tipp, doch den ein oder anderen Artikel zu
„verbessern“ sonst.. Das ist natürlich noch raffinierter: Einfach
einen etablierten Nutzer und dessen Vertrauensvorschuss nehmen und
in dieser Tarnung PR-Edits durchführen.
Menschen können auf der Wikipedia:Auskunft
Fragen an die Wikipedia richten. Die Fragen sind mal banal, mal
lehrreich, und manchmal hohe Poesie. Daran solltet ihr
teilhaben.
Ich stelle mich auf, Brust nach vorne, Kinn nach oben, räuspere
mich noch einmal und deklamiere:
Wir waren dieses Jahr mit WikiAhoi wieder bei der SMWCon dabei. Die
Konferenz zu Semantic MediaWiki findet zweimal pro Jahr statt, im
Frühling in Nordamerika und im Herbst in Europa. Letztes Jahr waren
wir schon in Wien dabei und dieses Jahr gings ins
herbstlich-sonnige Barcelona. In freundlicher, persönlicher
Atmosphäre wurden technische Neuigkeiten, innovative Projekte und
besondere Anwendungsfälle besprochen. Wir möchten Sie an den
wichtigsten Neuerungen teilhaben lassen.
Neuigkeiten aus der Semantic MediaWiki-Welt
Semantic
Forms (Version 3.4 September 2015) hat sich
mittlerweile als eigenständige Erweiterung etabliert und ist nun
technisch nicht mehr von der Grunderweiterung Semantic MediaWiki
abhängig. Weitere wichtige Änderungen:
Statt den Spezialattributen werden nun ParserFunctions
eingesetzt.
Kartenbasierte Eingabeformate (Google Maps, Open Layers) sind
nun möglich – diese werden nur eingesetzt, wenn Semantic Maps nicht
vorhanden ist.
Weiters wird nun Cargo unterstützt, es
lassen sich in Formularen auch Eingabeformate und die
Autovervollständigungsfunktion aus Cargo nutzen.
Dazu kann man nun auch „mapping“-Werte hinterlegen, das sind
andere Werte, als auf der Seite angezeigt werden.
Ein neuer Parameter erlaubt es, nur einzigartige Werte
speichern zu lassen.
Alle roten Links können nun mit einer einzelnen Einstellung auf
eine Formularauswahlliste weitergeleitet werden.
Die MediaWiki Stakeholder’s
Group nahm die Konferenz zum Anlass, um weitere
Schritte zu besprechen: Ziel der Gruppe ist die Koordination und
die Kommunikation mit Wiki-Nutzern in Unternehmen, die
Unterstützung von Entwicklern und Administratoren und die
offizielle Kommunikation mit der Wikimedia Foundation. Wikipedia hat etwas
andere Ziele als einzelne Drittnutzer der Software MediaWiki. Es
geht also stark darum, die Interessen der Nutzer von Wiki in
Unternehmen zu vertreten und in der Weiterentwicklung der
Software voranzutreiben.
Interessante neue
semantischeErweiterungen
gibt es zu Breadcrumbs, Zitaten, Sprachenlinks und
Metatags:
Semantic Breadcrumb
Links – mittels Attributen können Breadcrumbs erstellt
werden, die eine Hierarchie erzeugen, ohne Unterseiten erstellen zu
müssen.
Semantic Cite – unabhängig
von der Cite
Erweiterung, ermöglicht das seitenübergreifende Verwenden von
Zitaten und eine automatische/manuelle Quellenliste.
Semantic
Interlanguage Links – automatische Sprachanzeigen (gibt es
diese Seite in anderen Sprachen?) in Wikis mit Interwikis.
Und warum „eine Konferenz mit Folgen“? Diese Konferenz hat
Folgen auf mehreren Ebenen: Wir haben persönliche Kontakte für
Zusammenarbeit und Austausch geknüpft, es wurden Ideen
beflügelt und Inspirationen für neue Projekte ausgetauscht,
die Motivation wieder gestärkt, das Projekt MediaWiki als Ganzes
voranzubringen und nicht zuletzt viele Features und
Software-Änderungen besprochen, die in der Regel meist recht
schnell umgesetzt werden. Die Konferenz war somit ein voller
Erfolg.
Die Konferenz fand von 28.–30.10.2015 in Barcelona statt, in der
schönen Fabra
i Coats Kunstfabrik im Stadtteil Sant Andreu. Knappe 40
Teilnehmer nahmen an einem Tutorial- und zwei Konferenztagen
teil.
Die deutschsprachige Wikipedia-Community versucht wieder einmal,
die Regeln zum bezahlten Schreiben zu verschärfen. Das Thema wabert
ungelöst seit Jahren durch das Wikiversum. Und auch dieses
Meinungsbild ist ein notwendiger Schritt voran. Aber der Weg ist
noch weit. Der beste Kommentar meinerseits wäre die Komposition
eines Quartetts für Singende Säge, Bassdrum, Cembalo und
Spottdrossel.
Aber ich kann nicht komponieren. Deshalb kommt das Nächstbeste:
ein Gedicht.
Wikipredia
Die Regeln existieren und doch
nicht nach Mondstand
Die Ethik absolut seit
Anbeginn nein denn ja
Die Praxis gesperrt verworfen
gelöscht freigeschaltet
Wikipredia Darwinismus der
Agenturen Überleben des
Dreistesten
Darmstädter Madonna
Hans Holbein der Jüngere, 1526/1528
Öl auf Nadelholz (?), 146,5 × 102 cm
Sammlung Würth, Johanniterhalle (Schwäbisch Hall)
Wikipedia-KNORKEerwähnte ich ja an
dieser Stelle schon einmal. Berliner Wikipedianerinnen und
Wikipedianer treffen sich und erkunden zusammen eine ihnen
unbekannte Gegend. Soweit so üblich. Diesmal jedoch gab es etwas
besonderes: Auf ins Museum!
In Berlin gastiert gerade die Darmstädter
Madonna, ein 1526 entstandenes Gemälde von Hans Holbeim dem
Jüngeren. Diese Madonna hat eine bewegte Lebens- und
Reisegeschichte, ist eines der bedeutendsten deutschen Gemälde des
16. Jahrhunderts und kann Menschen auch über Jahre faszinieren.
Wunderbar, wenn man eine kundige Bilderklärung der Autorin des
exzellenten Wikipedia-Artikels dazu bekommt.
Wir trafen uns einige Minuten vor der Öffnung in kleiner Gruppe vor
dem Bode-Museum und konnten - da alle Anwesenden über eine
Jahreskarte verfügten - auch sofort zur Madonna und zur
Sonderausstellung "Holbein
in Berlin" begeben. Der Raum war noch leer, die
Museumswachmannschaft ließ freundlicherweise die leise aber
engagiert redende Gruppe gewähren. Ein einziger Saal, in dessen
Mittelpunkt die Madonna hängt. Links davon einige
Holbein-Teppiche, ansonsten weitere Bilder und Zeichnungen von
Holbein, Inspiratoren und andere Madonnen. Nicht überladen,
sinnvoll aufbereitet und mit einem klaren Konzept - eine der
besseren Kunstausstellungen.
Und dann ging es los: Es begann mit Schilderungen von der bewegten
Entstehungszeit zur Zeit des Basler Bildersturms im Auftrag des
Basler Ex-Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen. Die Aussage des
Bildes traditioneller Marienfrömmigkeit in Zeiten der Reformation
war Thema, ebenso natürlich wie der Teppich und seine Falte. Wir
staunten über die Eigentümlichkeit, dass sich niemand auf dem
Gemälde eigentlich anschaut und wurden über dden Unterschied
zwischen Schutzmantelmadonnen und Stifterbildern aufgeklärt.
Vermutungen tauchten auf, wo das Bild wohl im Original hing -
vermutlich in der Martinskirche
als Epitaph - und wir verfolgten gedanklich seine Wanderung aus
Basel über den Grünen Salon im Berliner Stadtschloss bis hin zum
Hause Hessen und das Frankfurter Städelmuseum bis hin zum
spektakulären Verkauf an die Privatsammlung Würth. Die Meinungen
über die Sammlung Würth in der Gruppe waren durchaus geteilt,
ebenso wie die richtige Benennung des Bildes: ist es nun eher die
Darmstädter Madonna oder eher die Madonna des
Bürgermeisters Jakob Meyer zum Hasen?
Über die Darmstädter Madonna ging es dann zur Dresdner Madonna und
einem der prägenden Momente deutscher Kunstgeschichte: dem Dresdner
Holbeinstreit. Im 19. Jahrhundert wurde es den Menschen
bewusst, dass es zwei fast identische Holbein-Madonnas gab und nur
eine die echte sein konnte. In einer großen Ausstellung, unter
lebhafter Anteilnahme der Öffentlichkeit und erregten Debatten der
Experten entschieden sich die Kunsthistoriker schließlich für das
Darmstädter Gemälde. Eine Sensation, da die Kunstkennerschaft
vorher felsenhaft von der Originalität des Dresdner Gemäldes
ausging. Hier zeigte sich erstmals das Bemühen, um eine rein
sachlich, objektive Abwägung der verschiedenen Gesichtspunkte - der
Dresdner Holbeinstreit ist einer der Ausgangspunkte um die
Kunstwissenschaft als Wissenschaft zu etablieren. Und - wie sich
später herausstellte - lag die Kunstwissenschaft auch in diesem
ihren Anfangsurteil richtig; sämtliche mittlerweile vorhandenen
naturwissenschaften Verfahren die Darmstädter Madonna als die
originale der beiden bestätigten.
Erkenntnisse am Rande: eine weitere Kopie des Gemäldes
(beziehungsweise eine Kopie der Kopie - es stellt aus
unerfindlichen Gründen das Dresdner Exemplar dar) hat sich in das
Set des James-Bond-Filmes "Man lebt nur zweimal verirrt".
Hans Holbein der Jüngere:
Bildnis des Danziger Hansekaufmanns Georg Gisze in London, 1532.
Eichenholz, 96,3 × 85,7 cm. Gemäldegalerie Dahlem der Staatlichen
Museen zu Berlin – Preussischer Kulturbesitz
Und nachdem wir dann auch noch gerätselt hatten, wer die beiden
Knaben unterhalb der Madonna sind, den verschwundenen Haaren der
Tochter nachspürten und weiter über den Teppich in der
Renaissancemalerei sinniert hatten, kamen wir dann nach knapp einer
Stunde noch zu Georg Giesze. Giesze (auch Georg Giese) ist
Titelheld in einem anderen Holein-Hauptwerk, das praktischerweise
fünf Meter weiter links hing. Wieder mit Teppich und nun auch noch
mit Glas, Metall, Bücherregalen und Briefen. Gedanklich begleitete
wir Holbein dann weiter von Basel nach Antwerpen und London.
Mittlerweile hatte sich der Raum etwas gefüllt. Nachdem wir dann
noch den Weg aus dem Museum gefunden hatte (wie immer im Bodemuseum
nicht ganz einfach und jedes mal findet man zwischendurch neue
Säle) folgte noch ein erschöpfter Abschlusskaffee.
Eine Stunde fast allein mit der Madonna. Und immer noch Neues zu
entdecken.
Über den Dächern, Türmen und Gasometern Westberlins senkte sich
die Abendsonne. Ich stand auf den Zinnen des Ullstein Castles und
sinnierte. Direkt unter mir Straßentreiben, Sirenen, betrunkene
Jugendliche, ein Ausflugsboot auf dem Teltowkanal, radelnde
Ausflügler überquerten die Stubenrauchbrücke.
In der Ferne betrachtete ich die Türme des
Spitzenlastheizkraftwerks Lichterfelde, der Sendeturm auf der
Marienhöhe, den BfA-Büroturm und den ehemaligen Wasserturm im
Naturpark Schöneberger Südgelände. Heute Nacht auf dem Heinweg:
Welchen Weg sollte ich wählen? Unten, im Süden, über den Prellerweg
vorbei am Sommerbad am Insulaner? Die Nordvariante über den
Tempelhofer Damm und durch die Kopfsteinpflaster Tempelhofs? Oder
die Mittelweg, mit Erklimmen der Höhe am Attilaplatz und später
über den Ikea-Parkplatz? So viel zu wählen.
Wahlen spukten in meinem Kopf herum. Da war die
Mitgliedsversammlung unseres Dauergartenvereins. Die
Vorstandswahlen dort sollten wahrscheinlich, hoffentlich,
unspektakulär verloren. Aber die Anträge. Wenn ein einzelnes
Mitglied auf einem A4-Blatt 40 verschiedene Anträge stellt, richtig
ernsthaft, dann verspricht das Unterhaltung.
Die Bundestagswahl: Auf dem Weg zum Ullstein Castle passierte
ich zahlreiche Bundestagstagswahlplakate: den unlesbaren Blob der
Grünen in Tarnfarbenoliv, die bildhaft dargestellte Biederkeit der
Berliner SPD, zahlreiche Kleinparteien von Team Tödenhöfer über
Volt bis zur Tierschutzpartei. Und so sehr es mich schmerzte das zu
sagen: Das Plakatgame gewannen bisher die CDU und ihr
Wahlkreiskandidat Jan-Marco Luczak. Sowohl optisch – als auch
damit, überhaupt inhaltliche Aussagen fern von Plattitüden zu
machen.
Vor allem aber war ich innerlich bei einer ganz anderen Wahl.
Die Wikimedia Foundation wählte und wählt ihr Board, auf Deutsch
das ehrenamtliche Präsidium der Wikimedia Stiftung. Die Wikipedia
steht meinem Herzen näher als der Bundestag und selbst als der
Dauergartenverein. Aber die Board-Wahlen erfordern merh Gedanken.
Diese Gedanken bedurften des Kontextes.
Was ist die Wikimedia Foundation?
Die Wikimedia
Foundation (WMF) ist die Betreiberin der Wikimedia-Projekte wie
zum Beispiel der Wikipedia aber auch Wikimedia Commons und
Wikidata. Die Foundation hostet die Server, stellt die Technik,
ist am Ende rechtlich dafür verantwortlich was in den Wikipedien
passiert. Dafür hat die Foundation derzeit etwa 450 Angestellte,
ein Endowment von 90
Millionen Dollar und hatte 2020 Jahreseinnahmen von 127 Millionen
US-Dollar.
Wo genau die Grenzen zwischen dem Einfluss der Wikimedia
Foundation und den Communities liegen, ist umstritten. Letztlich
kann die Foundation alles ändern und machen in den Projekten. Sie
ist meistens weise genug, es nicht zu tun. Insbesondere schreiben
keine Foundation-Mitarbeiter*innen in ihrer Arbeitszeit Artikel
oder legen Inhalte in den Projekten an.
Die Foundation ist eine Organisation eigener selbstgenügsamer
Vollkommenheit. Sie hat keine Mitglieder und ist – rechtlich –
niemand rechenschaftspflichtig. Das Board besetzt sich prinzipiell
aus sich selbst heraus. Es hat entschieden die Hälfte der Sitze
Wahlen der weltweiten Wikip/media-Communities besetzen zu lassen zu
lassen.
Das Board of Trustees ist das
ehrenamtliche Aufsichtsgremium der Foundation. Es hat derzeit 16
Sitze. Davon steht einer Jimmy Wales als Gründer zu, sieben Sitze
besetzt das Board selber, acht Sitze werden durch eine weltweite
Communitywahl bestimmt.
Nun ist allein aus den Worten „ehrenamtlich“ und „weltweit / 450
Mitarbeiter / 127 Millionen Dollar Einnahmen“ klar, dass das Board
eine abstrakte Leitungsposition einnimmt. Alleine, einen Überblick
über so eine Organisation zu behalten, ist eine Mammutaufgabe.
Dieser Organisation noch Vorgaben zu machen und sie in eine
bestimmte Richtung zu lenken, eine Herausforderung.
Die Gefahr, in Detailinformationen zu ertrinken oder sich
hoffnungslos im Alltagsgeschäft zu verfangen, ist groß. Seiner
Aufgabe nach, beaufsichtigt das Board, was die Vollzeitkräfte
machen und besetzt die Geschäftsführung.
Was zur Zeit ein besonderer Job ist: Die Geschäftsführerin der
Foundation Catherine Maher verschwand im April 2021 überraschend.
Der Posten ist seitdem unbesetzt. Ebenso wie sich die Chief
Operations Officer im Jahr 2021 verabschiedete, die Abteilungen
Communication und Technology auch niemand im Vorstand haben. Auf
dem Schiff besetzt nur eine Notbesatzung an Offizier*innen die
Brücke. Dem Board obliegt es derzeit, dieses Führungsvakuum schnell
und kompetent zu beenden.
Grundsätzlich sollte jede*r Kandidat*in zwei Kriterien
erfüllen. Sie sollte meine inhaltlichen Ziele teilen. Und sie
sollte in der Lage sein, sich in einem ehrenamtlichen Job gegen
eine komplette Organisation aus Vollzeitangestellten zu behaupten.
Oft genug stehen bei solch ehrenamtlichen Gremien Kandidat*nnen zur
Wahl, bei denen ich denke „Will Schlechtes, aber wird das
erreichen“ und „Will Gutes, ist aber planlos. Am Ende werden die
Hauptberuflichen machen was sie wollen. Oder es gibt Chaos.“
Angesichts der bewegten Zeiten, in denen wir leben; angesichts
der latenten Führungslosigkeit der Foundation derzeit, möchte ich
Kandidat*innen, die sich durchsetzen können. Kandidat*innen, die
nach Möglichkeit die US-Zentrik der Foundation aufbrechen können.
Ich möchte Kandidat*innen, die verstehen, dass Wikip/media keine
allgemeine Weltbeglückungsorganisation ist, sondern sehr
spezifische Sachen sehr gut durchführt – und andere überhaupt nicht
kann. Es bringt nichts, sich auf allgemeine Weltbeglückungsziele zu
stürzen, die weder die Foundation noch die Communities umsetzen
können.
Insgesamt stehen 19 Kandidat*innen zur Auswahl, die um vier
Plätze streiten. Dabei sind Wikimedia-Urgesteine ebenso wie
Newbies, viele Männer, mir auffallend viele Inder, viele
Kandidat*innen mit NGO-Hintergrund, kaum eine*r, der/die
fortgeschrittene IT-Kenntnisse hat.
Die Urgesteine
Dariusz
Jemielniak – Professor of Management,
daueraktiv auf allen Ebenen und vielleicht der einzige Mensch, der
intellektuell versteht wie Wikipedia funktioniert.
Rosie
Stephenson-Goodknight – WikiWomensGroup, Women
in red, you name it. Bei überraschend vielen der
Wikipmedia-Genderaktivitäten, die funktionieren, ist Rosie
Stephenson-Goodknight beteiligt.
Gerard Meijssen – gefühlt
war Gerard schon Wikipedianer bevor es Wikipedia gab. Vielleicht
der spannendste Autor des Meta-Wikiversums und ein Chaot.
Mike Peel – langjähriges
Mitglied des Funds Dissemantion Committees. (FDC) Hat bei mir in
der Rolle durchgehend einen schlechten Eindruck hinterlassen.
Ravishankar Ayyakkannu – Mr.
Tamil Wikipedia, der seinem Resumee zufolge seit 2005 in der
Community und mit externen Partnern (wie Wikipedia Zero, Google)
zusammenarbeitete. Gewinnt bei mir Diversitätspunkte, weil er nicht
nur aus dem Global South stammt, sondern auch Ausbildung und
Berufstätigkeit dort durchführte.
Lorenzo Losa –
Ex-Vorsitzender von Wikimedia Italia.
Farah Jack Mustaklem – Software Engineer,
einer der wenigen Kandidaten mit Ahnung von Software. Aktiv bei den
Wikimedians of the Levant und der Arabic language User Group. Mir
persönlich zu sehr USA-sozialisiert für eine Board-Mitgliedschaft,
andererseits sicher in jeder Hinsicht kompetent.
Douglas Ian Scott –
Präsident von Wikimedia South Africa, Organisator der Wikimania
2018 und einziger Kandidat, den ich dank eines langen Wartepause am
Kofferband irgendeines Wikimania-Flughafens persönlich besser
kennenlernte – und begeistert war.
Iván Martínez – langjährig
engagiert bei Wikimedia Mexiko, LGBTQ+-Aktivist und soweit ich
hörte, das Wikiversum Lateinamerika ist begeistert von ihm.
Pavan Santhosh Surampudi –
Community Manager at Quora. Versteht also vermutlich professionell
etwas von Communities.
Adam Wight – Programmierer,
Ex-Angestellter und WMF und WMDE und neben Gerard der Vertreter des
Ur-basisdemokratischen, selbstorganisierten und
Gegen-Informationsmonopole-Geistes des frühen Movements.
Vinicius Siqueira – in Wiki
Movimento Brasil
Newbies
Es kann sich hierbei um langjährige und erfahrene
Wikipedianer*innen handeln, die im kleinen Rahmen auch Projekte
oder Gruppen organisiert haben. Erfahrungen in oder mit größeren
Organisationen im Wikiversum fehlt vollkommen.
Lionel Scheepmans
Pascale Camus-Walter
Raavi Mohanty
Victoria Doronina
Eliane Dominique Yao
Ashwin Baindur
Wen werde ich wählen?
Leute, die sich durchsetzen können, und die auch die Grenzen des
Wikiversums sinnvoll einschätzen können. Perspektiven auf das
Leben, anders aussehen als „in US-NGOs sozialisiert“ werden
bevorzugt.
Die Top 4
Douglas Ian Scott
Iván Martínez
Adam Wight
Dariusz Jemielniak
Top 8
Rosie Stephenson-Goodknight
Lorenzo Losa
Farah Jack Mustaklem
Gerard Meijssen
Wählbar
Reda Kerbouche
Pavan Santhosh Surampudi
Ravishankar Ayyakkannu
Wer wird wählen
Es wählen alle Menschen, die vage aktive Accounts in einem
Wikimedia-Projekt haben. Die Bedingungen dafür sind niedrig
angesetzt. Für Autor*innen ist es nötig 300 Bearbeitungen zu haben,
kein Bot zu sein und höchstens in einem Projekt gesperrt zu sein.
Die Bedingungen für die Board-Wahlen sind somit einfacher zu
erfüllen als die Bedingungen zum Sichten in der deutschen
Wikipedia. Die Kriterien mussten am 5. Juli 2021 erfüllt sein. Es
hilft nicht, jetzt noch schnell zu editieren.
Das Wahlsystem
Es gilt das Präferenzwahlsystem.
Dieses wird weltweit von einschlägigen Fachleuten als besonders
fair bezeichnet. Es verzerrt den Wählerwillen weniger als viele
andere Wahlsysteme. Praktisch wird es allerdings nur selten
eingesetzt. Die bekannteste Wahl mit Präferenzwahl in letzter Zeit
war die Bürgermeister*in-Wahl in New York, New York.
Bei Wahlsystem nummeriert man „seine“ Kandidat*nnen nach
Präferenzen. Die beste Kandidatin bekommt eine Eins, der Kandidat
danach eine zwei und so weiter. Hält man keine Kandidatin mehr für
geeignet, hört man auf zu nummerieren.
Bei der Wahl werden in der ersten Runde alle Präferenzen mit „1“
gezählt. Ein Kandidat hat am wenigsten davon. Dieser scheidet aus.
Von allen „1“-Wählerinnen des Kandidaten werden nun die
„2“-Präferenzen seiner Wählerinnen auf die entsprechenden
weiteren Kandidaten verteilt. Und so weiter, bis nur noch so viele
Kandidatinnen übrig sind, wie es Plätze zu besetzen gilt.
Im ICE ist Deutschland. Der Zug fährt ein und hält. Das Schild am
Gleis behauptet tapfer „Zugdurchfahrt“. Die Türen lassen sich
öffnen. Am Zug steht nichts geschrieben, außer Wagennummern, die
nicht zu den Reservierungen passen. Das Publikum bleibt irritiert.
Etwa die Hälfte der Anwesenden geht in den Zug und bleibt im
Wageninnern ratlos stehen. Die andere Hälfte steht ratlos am
Bahnsteig.
Schließlich: Lichter gehen an. Der Zug verkündet mittels seiner
Anzeigen nun auch, nach Kassel zu fahren. Eine Frau
entschuldigt sich über die Lautsprecheranlage über die falschen
Wagennummern, man solle ich immer zehn wegdenken „Also 22 statt der
angezeigten 32.“
Ein Mensch mit re:publica-Bändchen am Arm verscheucht die ältere
Dame ohne Reservierung von seinem Platz und liest den gedruckten
Spiegel. Ich höre ein angeregtes Gespräch zwischen einem
Musicaldarsteller und einer Abteilungsleiterin im Innenministerium,
die sich gerade kennenlernen über, den relativen Wert von
Musikgymnasien in Berlin. Geht es noch deutscher?
Illustration aus
dem Buch ""Le tour du monde en quatre-vingts jours" Alphonse de
Neuville & Léon Benett
Passenderweise habe ich ein entsprechendes Buch mitgenommen. Nils
Minkmars „Mit dem Kopf durch die Welt.“ Das hat schon auf dem Cover
ein ICE-Fenster und geht der Frage nach, was Deutschland bewegt.
Minkmar lässt sich über deutsche Normalität aus. Der deutsche
Ingenieur, lange Jahrzehnte Sinnbild der Normalität, sei nicht mehr
normal. Minkmar erzählt aus seiner französisch-deutschen
Kindheit:
„Meine Mutter nannte dann immer eine
Berufsgruppe, die uns besonders fern war, nämlich les
ingenieurs. Wir waren in Deutschland […] und das ganze frisch
aufgebaute Land ruhte auf Säulen, die les ingenieurs
berechnet, gegossen und zum Schluss noch festgedübelt hatten. […]
Viele Jahre später sollte ich die Gelegenheit haben, diese seltene
Spezies besser studieren zu können. Sie saßen direkt hinter mir,
zwei ausgewachsene Exemplare: Ingenieure, Familienväter, auf der
Rückfahrt von einer Dienstreise. Sie plauderten über die sich
verändernden Zeiten. […] Fernsehen, Marken, Politiker, auf keinem
Gebiet fanden sich diese beiden braven Männer wieder, alles zu
grell und bunt, zu aufgeregt. Ihre spezifischen Werte und Tugenden,
Sorgfalt und diese stille Freude an der eigenen Biederkeit, das
alles war an den Rand gerückt. Ingenieure waren nun Exzentriker.
[…] Diese Männer fanden sich kulturell kaum zurecht.“
Wenn „der deutsche Ingenieur“ nicht mehr normal in Deutschland ist,
sind es jetzt Ministerialbeamtinnen und Musicaldarsteller?
Forschung Maschinenbau Braunschweig
Minkmar war noch nicht in Braunschweig. Oder Braunschweig ist nicht
normal. Da steige ich harmlos aus dem Zug und die Stadt schlägt mir
„Deutscher Ingenieur“ rechts und links um die Ohren. Braunschweig
hebt das Thema "autogerechte Stadt" in Höhen, die selbst mir als
gebürtigem Hannoveraner unerreichbar schienen.
Braunschweig.
Bahnhofsvorplatz.
VW ist daran beteiligt, ist klar in der Gegend. Aber nicht nur. Ich
wandelte also Freitagabend gegen 21 Uhr auf der Suche nach einem
Wegbier durch das verlassene Braunschweig, passierte die Stadthalle
und wurde prompt begrüßt mit „Tag des Maschinenbaus. Herzlich
Willkommen.“
Vor allem aber fiel mir bei diesem Wandeln auf, wie
unglaublich gepflegt diese Stadt aussieht. Ich erblickte
keine einzige Kippe auf dem Weg. Selbst die Großbaustelle, über die
irrte, wirkte irgendwie aufgeräumt. Viel verwunderlicher war, dass
selbst die in Braunschweig reichlich vorhandenen 1970er-Großbauten
gepflegt und sorgsam hergerichtet wirkten. Die Stadthalle selber,
offensichtlicher spät 1960er/früh 1970er-Stil wirkte besser
gepflegt als Berliner Gebäude nach zwei Jahren. Die Wege und Lampen
darum herum: offensichtlich keine zehn Jahre alt. Sie wirkten wie
frisch aus der Packung genommen.
Wegbier. In
Braunschweig nur schwerlich aufzutreiben, dann aber
stilgerecht,
Selbst die Schwimmbäder sind alle gepflegt(*), alle haben
gleichzeitig geöffnet und keines ist aus obskuren Gründen gesperrt.
Da spielt nicht nur bürgerschaftliches Engagement eine Rolle,
sondern offensichtlich ist auch Geld vorhanden.
Auf dem Hotelzimmer, noch so ein sehr gut gepflegter und
hergerichteter Bau, der einem „1970er!“ ästhetisch schon ins
Gesicht schreit, mit dem Hotel-Wlan (7 Tage, 7 Geräte) nachlesend,
wie das nun ist mit Braunschweig. Bekanntes taucht beim Nachlesen
auf: Die physikalische-technische Bundesanstalt mit der Atomuhr;
geahntes lese ich (Volkswagen – hey, das ist Niedersachsen und die
Technische Universität existiert ja auch) und nicht bekanntes:
„Im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum
(EWR) verfügt die Region Braunschweig über die höchste
Wissenschaftlerdichte,[103] im bundesweiten Vergleich über eine
hohe Ingenieurquote[104] sowie über die höchste Intensität auf dem
Gebiet der Ausgaben für Forschung und Entwicklung. In der Region
Braunschweig arbeiten und forschen mehr als 16.000 Menschen aus
über 80 Ländern[105] in 27 Forschungseinrichtungen sowie 20.000
Beschäftigte in 250 Unternehmen der
Hochtechnologie[106]“
Dazu noch „Braunschweig ist die Stadt mit der niedrigsten
Verschuldung Deutschlands.“ Und nach einer obskuren EU-Rangliste
ist Braunschweig die innovationsfreudigste Region der EU vor
Westschweden und Stuttgart. Hier lebt der deutsche Ingenieur. Hier
lebt die deutsche Technik. Was für ein passender Ort für Jules
Verne.
Jules Verne
Jules Verne; französischer Erfolgsautor des 19. Jahrhunderts und
vor allem bekannt als "Vater der Science Fiction." Von seinem
vielfältigen Werk sind vor allem die Abenteuer-Techno-Knaller wie
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer, die Reise Von der
Erde zum Mond oder die Reise zum Mittelpunkt der Erde
bekannt. Wikipedia und die Deutsche Jules-Verne-Gesellschaft hatten
ein gemeinsames Wochenende organisiert mit einer Tagung zu Jules
Verne und Gesprächen zu Wikipedia.
Volker Dehs
bestreitet das halbe Programm
Jules Verne, mir vor allem bekannt durch vage Erinnerungen an den
1954er Nemo-Film, Weiß-orange Taschenbücher und einen blau
eingebunden Robur-Roman, der mich verstörte, weil er so anders war
als die großen mir bekannten Abenteuerromane von Jules Verne. Warum
ich überhaupt fuhr: Intuition. Ich hätte nur schwerlich begründen
können, was genau mich reizte, aber die Mischung aus Vertrauen in
die Veranstalter, Science Fiction und Neugier auf diese andere
niedersächsische Stadt nach Hannover, trieben mich dorthin.
Verne selber gilt als Begründer Science Fiction. Und so bringt er
als Autor frankophile Literaten und Groschenromanfans, Ingenieure
und Naturwissenschaftler zusammen. Besessene Bibliographen waren
Thema und Anwesend, ebenso wie die phantastische Bibliothek in
Wetzlar – die Mischung der Jules-Verne-Aktiven unterscheidet sich
gar nicht so sehr von der Mischung der Wikipedia-Aktiven. Die
Perspektiven, aus denen Verne hier unter die Lupe genommen wurden,
waren vielgestaltiger als sie es in der Literatur sonst sind.
Faszinierend hier war die Neigung unterschiedlicher und leicht
besessener Menschen sich zu einem Thema auseinanderzusetzen.
Haus der
Braunschweigischen Stiftungen - Veranstaltungsort.
Dementsprechend hatte der Veranstalter, der Wikipedia-Autor
Brunswyk das Programm gestaltet: ist Verne eher katholisch oder
eher laizistisch? Kam der Wille zur Aufklärung in seinen Büchern
durch seinen Verleger Pierre-Jules Hetzel hinein, während auf Verne
eher zurückgeht, dass alles menschliche Streben gegenüber der
göttlichen Macht sinnlos bleibt? Wen inspirierte er? Ist es eine
sinnvolle Frage, dem nachzugehen, welche seiner Voraussagen, sich
bewahrheiten? Dazu kamen dann noch Exkursionen zu Friedrich
Gerstäcker, Fenimore Cooper, die Ingenieure, die ihre U-Boote dann
nach Jules Verne „Nautilus“ nannten – und stark von diesem
beeinflusst waren
Für mich brachte das Treffen interessante Erkenntnisse, wie die
Tatsache, dass Verne immer Theaterautor oder – produzent werden
wollte und wie sehr der Katholizismus sein Denken beeinflusste.
Romancier war er eher gezwungenermaßen – und verdiente mit seinen
zwei erfolgreichen Theaterstücken in seinem Leben ein Viertel so
viel Geld wie mit etwa 80 bis 100 Romanen.
Interessant das Rätseln aller Anwesenden, warum Vernes Roman "der
Grüne Strahl" so ein kommerzieller Erfolg war, was niemand der
Anwesenden nachvollziehen konnte. Und dann eine Dreiviertelstunde
später kam die Bemerkung in einem anderen Zusammenhang,
dass "der Grüne Strahl" quasi Vernes einziges Buch mit einer
weiblichen Hauptfigur war. Ich ahne einen Zusammenhang,Update: Es kam wie es kommen musst. Da denke ich mal, ich
habe etwas entdeckt, dabei habe ich nur etwas falsch verstanden.
Tatsächlich ist Der Grüne Strahl nicht das einzige Werk mit einer
Protagonistin. Das prägnanteste Buch ist dabei Mistress Branican*, da hier die Titelfigur
die komplette Handlung quasi im Alleingang bestreitet. Aber auch in
anderen Büchern spielen Frauen eine wichtige Rolle (und dieser
Umstand war Jules Verne sogar so wichtig, dass er in Interviews
darauf hinwies): Die Kinder des Kapitän Grant*, Nord gegen Süd*, Reise um die Erde in 80 Tagen*, Ein Lotterielos* ... und einige mehr.
(*Affiliate Links)
Für mich neu war die Erkenntnis, dass ein Großteil von Vernes Werk
gar nicht in den Bereich Science Fiction gehört, sondern es
(fiktive) Reisebeschreibungen sind. Und selbst dort wo Verne
Maschinen und phantastische Gerätschaften erfindet, dienen diese
vor allem dem Zweck zu reisen.
Und jetzt recherchiere ich, natürlich, zum Grünen Strahl.
Die Phantastische Bibliothek
Meine beiden Programmhighlights beschäftigten sich nur mittelbar
mit Jules Verne. Sie kamen von der Phantastischen Bibliothek
Wetzlar: zum einen der Rückblick von Thomas Le Blanc auf Wolfgang
Thadewald. Den großen Phantastik- und Jules-Verne-Sammler.
Thadewald verstarb 2014. Er
lebte in Langenhagen. Mehrere der Anwesenden hatten ihn noch
persönlich gekannt. Und die Schilderung seiner Sammlertätigkeit,
seiner Liebe zu Büchern und zu Menschen, aber auch die Besessenheit
mit der Thadewald an ein Thema heranging und auch von Krankheit
schon schwer gekennzeichnet das Arbeiten an Bibliographien nicht
lassen konnte – es ließ sich nicht anders beschreiben als bewegend.
Sicher war dieser Vortrag mein emotionaler Vortrag des
Programms.
Wer auch immer aber auf die Idee kam, den Vortrag von Klaudia
Seibel zu Future Life: Wie (nicht nur) Jules Verne dabei
hilft, die Zukunft zu gestalten an Ende der Konferenz zu legen:
Chapeau! Das Projekt ist, kurz gesagt, ein Projekt der
Phantastischen Bibliothek. Die stellt zu bestimmten Themen Dossiers
zusammen, wie Science-Fiction-Autoren sie sich vorstellen. Die
Berichte werden manchmal von öffentlichen Stellen, öfter von
Großunternehmen bestellt, die damit selber zukunftsfähig werden
wollen und in die Zukunft denken.
Wobei Auftraggeber von Staats wegen selten sind. Die meisten
Aufträge kommen aus der Privatwirtschaft. Die allerdings meist
gleich umfangreiche Verschwiegenheitsklauseln verlangt, weshalb die
Phantastische Bibliothek da wenig zu sagen kann.
Da haben also Autoren und Mitarbeiter der Bibliothek ein profundes
Wissen über die Science-Fiction-Literatur und die größte Bibliothek
ihrer Art im Hintergrund und seit mittlerweile einigen Jahren eine
große Datenbank aufgebaut, was Autoren zu verschiedenen Themen
schreiben.
Als jemand, der ich selbst weiß, wie viele Situationen ich durch
gelesene Bücher interpretiere – Bilder aus diesen Büchern im
Hinterkopf habe und mir immer wieder mal sagen muss, dass ein Roman
nur bedingt real ist, glaube ich sofort, dass es nichts gibt, was
so sehr Denkprozesse auslösen und Kreativität triggern kann, wie
Romane. Der befreit das Hirn gerade vom strikt
logisch-folgerichtigen Denken, verrückt die Perspektive etwas nach
links oder oben, und schon öffnen sich vollkommen neue
Gedankenwege. Die Idee ist so brillant, dass es überraschend ist,
dass sie wirklich angenommen wird. Anscheinend wird sie das.
Mensch Maschine Normal
Und nachdem ich dann wieder im Zug saß und das erste Handy-Ticket
meines Lebens gekauft hatte, fragte ich mich wieder. Ist diese
Stadt – die mir in vieler Hinsicht – so unfassbar „normal“
vorkommt, vielleicht die große Ausnahme? Sind die
Musicaldarsteller, die mit „dem Alex“ [Alexander Klaws]
telefonieren, normal? Die Menschen im Ministerium? Die größten
Jules-Verne-Experten des Landes, die alle noch einen anderen
Brotjob haben? Oder eher die Normalität vieler Menschen, die darin
besteht, am Ende des Monats zu überlegen, wie denn die letzten 10
Tage mit dem leeren Konto noch überbrückt werden können?
Brauschweig ist die verstädterte Mensch-Maschine-Kopplung. In
seiner Normalität sicher schon wieder ein Ausnahmefall in
Deutschland. Aber ich sah die Zukunft: sie sitzt in einer
Bibliothek in Wetzlar und liest Science-Fiction-Romane.
Auch zu Schwimmbädern ein schönes Minkmar-Zitat aus dem
Mit-dem-Kopf-durch-die-Welt.Buch:
„Nichts gegen das große Geld und die
wenigen, die es genießen können, aber die Stärke mitteleuropäischer
Gesellschaften liegt gerade in der Mischung. Für Reiche ist es in
Singapur, Russland und Malaysia ideal. […]Glaspaläste und Shopping
Malls gibt es auf der ganzen Welt, bald vermutlich auch unter
Wasser und auf dem Mond. Öffentliche Freibäder, Stadtteilfeste oder
Fußgängerzonen, in denen sich Reiche und Arme, Helle und Dunkle,
Christen und Muslime mit ihren Kindern vergnügen und drängeln, gibt
es nur hier. Ich fand es immer erstaunlich, dass es in Algerien
beispielsweise keine öffentlichen Schwimmbäder gibt oder dass man
in den USA oder in Brasilien Mitglied in einem Club werden muss.
Das ist eine teure und in vieler Hinsicht sozial sehr
voraussetzungsreiche Angelegenheit, nur um mit den Kindern mal
schwimmen zu gehen, es sei denn natürlich, jeder hat seinen eigenen
Pool im Garten, was, für mich zumindest, wie eine Definition von
struktureller Langeweile klingt.“ (s. 104)
*Dieser Post enthält Affiliate Links zu geniallokal. Es
handelt sich dabei um Werbung. Ich bekomme eine kleine Provision,
wenn ihr dort bestellt, und ihr habt bei den Guten
bestellt.
I still remember the time when real life meetings for
Wikipedians were new and adventurous and a bit scary. Did one
really want to meet these strange other people from the Internet?
How would they be? Could they even talk in real life or would they
just sit behind a laptop screen staring on it for hours?
My first meeting in Hamburg – THE first Wikipedia meeting in
Hamburg - would consist of three people (Hi Anneke, Hi Baldhur!)
sitting in a pub, and just waiting and seeing what would happen.
These meetings were kind of improvised, in a pub, quite private and
personal in nature and no talk about projects, collaborations, “the
movement” whatever. Just Wikipedia and Wikipedians having a nice
evening.
So what a fitting setting to celebrate this day in Berlin just the
old school way. Half improvised, organized by our dearest local
troll user:Schlesinger
on a talk page, we met in a pub, it was not clear who would come
and what would happen except some people having a good time.
And so It was. In the “Matzbach” in the heart of Berlin-Kreuzberg
seven people promised to come, in the end we were almost twenty.
Long time Wikipedians, long-time-no-see-Wikipedians, a Wikipedian
active mostly in Polish and Afrikaans, some newbies and two and a
half people from Wikimedia Deutschland. Veronica from Wikimedia
Deutschland brought a tiny but wonderful home-baked cake, and we
just talked and laughed, talked about history and future.
Actually, mostly we talked about future.
About the Wikipedian above 30, who has just started a new a
university degree in archaeology, the question whether the Berlin
community should have its own independent space, industrial beer,
craft beer and the differences, the district of Berlin-Wedding, the
temporary David-Bowie-memorial in Berlin-Schöneberg, the vending
machine for fishing bait in Wedding, new pub meet-ups in the
future, who should come to the open editing events, how to work
better with libraries, colorful Wikipedians who weren’t there,
looking for a new flat, whether perfectionism is helpful or rather
not when planning something for Wikipedians, explaining Wikipedia
to the newbie, the difficulties of cake-cutting and whatsoever.
No frustration, almost no talk about meta and politics, just
Wikipedians interested in the world, Wikipedia and eager to be
active in and for Wikipedia and with big plans for the future. Old
school. So good.
Crossposting eines Posts von mir aus demWikipedia
Kurier. Erfahrungsgemäß lesen das dort und hier ja doch andere
Menschen.
Wikipedistas kommen und gehen. Manchmal gehen mehr, manchmal
weniger. Einzelne davon fallen durch ihr Wirken in der gesamten
Wikipedia auf oder versuchen sich wenigstens durch einen
spektakulären Abgang in Szene zu setzen. Die meisten Autoren und
Autorinnen aber gehen genauso still und leise wie sie gekommen sind
und gearbeitet haben.
Die unseligen Autorenschwund-Debatten der unseligen Wikimedias
kümmern sich ja um Zahlen und nicht um Autorinnen und Autoren. Wie
armselig! Den Meta-aktiven Communitymitgliedern - aka Wikifanten -
fallen vor allem die anderen Wikifanten auf, die entschwanden.
Dabei zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass es um lauter
einzelne Individuen mit verschiedenen Vorlieben, Arbeitsstilen und
Interessen geht, die in Wikipedia tätig waren und sind. Es gibt vor
allem diejenigen, die kommen, einen Beitrag leisten und dann wieder
verschwinden. Der größte Teil der tatsächlichen Wikipedia wird von
Menschen und Accounts gestaltet, deren Edits fast nur im
Artikelnamensraum aufzufinden sind. Manchmal arbeiten sie
unermütlich über viele Jahre, manchmal auch nur einige Wochen an
einen oder zwei Artikeln. Viele davon sind als IP aktiv, so dass
sich fast nichts über sie sagen lässt. Vielleicht sind die
Beitragenden per IP auch gar nicht viele, sondern eine einzige sehr
fleißige Autorin? Wer weiß?
Viele Wikipedianerinnen und
Wikipedianer sind derzeit inaktiv.
Anlässlich des Projektes
WikiWedding und in meinem Bestreben möglichst viele
Wedding-Aktive daran zu beteiligen, lese ich ja derzeit viele
Artikel zu einem Themengebiet, das mir in den letzten Jahren eher
fremd war und an dessen Entstehung ich nicht beteiligt war. Wer
sich in den letzten Monaten am Thema beteiligt hat, ist mir
bewusst, wer sich von 2001 bis 2014 des Weddings angenommen hat,
musste ich nachlesen. Eine spannende Lektüre voller mir unbekannter
Namen und Accounts. Neben einigen mir bekannten Wikipedistas waren
dort vor allem mir unbekannte Accounts. Accounts, die oft aufgehört
haben zu editieren. Meist sind sie still und leise gegangen. Ihre
Edits und Kommentare geben keinen Hinweis warum. Aber anscheinend
war es anderswo schöner. Oder sie hatten den Einruck, alles in
Wikipedia geschrieben zu haben, was sie beitragen wollten. Um
diesen Autorinnen und Autoren zumindest nachträglich etwas
Aufmerksamkeit zu geben, um ihre Namen kurz aus den Tiefen der
Versionsgeschichten zu retten, sollen hier einfach einige
Autorinnen(?) und Autoren gewürdigt werden, die sich um den Wedding
in Wikpedia bemühten bevor sie verschwanden.
Da ist zum Beispiel der Artikel zur Chausseestraße.
Ein Mammutwerk von Gtelloke,
dessen Wikipedia-Edits sich von Juni bis Dezember 2012 fast
ausschließlich auf diesen Artikel beschränkten.
Bild: Die Chausseestraße 114-118 in Richtung
Invalidenstraße von Gtelloke
Da ist der Artikel zum Wedding selber.
Angelegt 2002 von Otto, dessen
letzter Edit aus dem Dezember 2004 stammt. Im November 2004 dann
maßgeblich ausgebaut von Nauck, der sich
auch sonst dem Ortsteil und seinen Themen widmete. Artikel zu
Moabit, den Meyerschen Höfen, Mietskasernen und Schlafgängern waren
Teil seines kurzen Werks, das im Wesentlichen nur zwei Wochen im
November 2004 dauerte, aber die Grundlagen wichtiger Artikel zur
Berliner Sozialgeschichte legte. Ein Blick auf seine Benutzerseite
zeigt auch den Geist der Wikipedia-Frühzeit: ''GNU rockt! Der König
ist tod, lang lebe das Volk! Lang lebe die Anarchie des Netzes!
Licht und Liebe''
Weiterer Ausbau erfolgte durch 87.123.84.64,
auch zu wikipedianischen Urzeiten. Dann passierte 500 Edits und
acht Jahre im Wesentlichen nichts – mal ein Halbsatz hier, mal die
Hinzufügung von drei Bahnstrecken dort, Hinzufügen und Löschen von
berühmten Persönlichkeiten bis im Dezember 2014 der erste heute
noch aktive Wikipedianer hinzukommt: Fridolin
freudenfett verpasst dem Artikel mit „Katastrophalen Artikel
etwas verbessert)“ eine Generalüberholung.
Der Leopoldplatz;
angelegt von Frerix, der in
den immerhin fünf Jahren seiner Wikipedia-Aktivität nie auch nur
eine Benutzerseite für nötig hielt und anscheinend auch in keine
Diskussion verwickelt wurde. Zu seinen wenigen Beiträgen
gehören neben der Anlage des Leopoldplatzes auch noch die Anlage
der englischen Stadt Sandhurst, die Anlage des Kreuzviertels in
Münster und des Three Horses Biers. Dann war er/sie wieder weg.
Mutter des Artikels ist hier aber 44Pinguine,
die den heutigen Inhalt maßgeblich prägt und auch heute noch aktiv
ist.
Nichts war für die Entwicklung des Weddings wohl so entscheidend
wie die Geschichte der AEG. Dieser Artikel stammte
in seiner Frühzeit von WHell,
engagiertem Wikifanten, mit ausführlicher
Artikelliste und Diskussionsseite, der uns 2007 verließ. Der
letzte Eintrag auf seiner Diskussionsseite war „Hallo WHell, ich
möchte Dich als den Hauptautor darüber informieren, dass ich den
Artikel John Bull (Lokomotive) in die Wiederwahl zum Exzellenten
Artikel gestellt habe,“ Größere Beiträge zur WEG folgten in den
späteren Jahren durch Peterobst –
aktiv von Februar bis April 2006 vor allem mit Beiträgen zur
Berliner Industriegeschichte, nach seiner Benutzerseite AEG-Kenner
und in Arbeit an einem Buch über den Konzern. Es folgten
80.226.238.197, von Georg
Slickers 2006 (auch heute noch aktiv, wenn auch recht
unregelmäßig), Flibbertigibbet
2006 ,
79.201.110.89 im Jahr 2008 und der unermüdlichen 44Pinguine.
Weiter ausgebaut von Onkel
Dittmeyer, aktiv von 2009 bis Juli 2015 in Technikthemen und
vielleicht immer noch unter neuem Account? Begann seine Karrier mit
der Nutzerseite „Hier ist Nichts und das soll so bleiben !“ und
hielt sich im Wesentlichen daran.
Da ist der Volkspark
Rehberge. Angelegt von Ramiro 2005,
aktiv 2005/2006, vor allem zum Thema Fußball. Maßgeblich ausgebaut,
umfassend überarbeitet 2007 von
84.190.89.208 und noch einmal 2010 stark erweitert von Katonka.
Landschaftsplaner mit unregelmäßigen Edits zwischen 2009 und 2014,
die Edits waren wenige, aber die Qualität war hoch.
Bild: LSG-6 Volkspark Rehberge Berlin
Mitte - Panoramabild auf die Wiesen des Volkspark Rehberge in
Berlin, Wedding (Mitte). Von:
Patrick Franke Lizenz: CC-BY-SA
3.0
Neben diesen Verschwundenen tauchen glücklicherweise aber auch
heute noch aktive Wikifanten auf. Immer wieder 44Pinguine und
Fridolin freudenfett. Darüber hinaus Definitiv,
Magadan,
Flibbertigibbet und Jo.Fruechtnicht.
Die Artikel entstanden durch Wikifanten und IPs. Accounts mit nur
einem Thema oder anderen, die über Jahre thematisch sprangen.
Während in der Frühzeit aber viele verschiedene Accounts und IPs an
den Artikel beteiligt waren, waren in den letzten Jahren deutlich
weniger Menschen aktiv. Fast alle inhaltlichen Edits in den von mir
angesehenen Artikeln verteilen sich auf 44Pinguine, Fridolin
freudenfett und Definitiv. Wikipedia wird kleiner und noch lebt
sie. Aber wir können all‘ den Verschwundenen danken, die vor uns
kamen.
Seit nun schon ein paar Jahren hört man immer wieder über
Probleme in der kroatischen (und zu einem gewissen Grad auch der
serbischen) Wikipedia. Rechte Gruppen sollen das Projekt übernommen
haben und alle Wikipedianer, die nicht ihrer Meinung sind,
rausgeekelt oder einfach gesperrt haben.
Lange war nichts passiert, aber seit Ende letzten Jahres sah
sich die WMF dann doch mal die Situation an und es wurde schon
zumindest ein Admin gebannt.
Nun hat die WMF ein Abschlußdokument veröffentlicht; oder
genauer schon Mitte Juni und ich habe es erst heute bei reddit
gesehen. In dem Dokument finden sich solche Perlen, als das in hrwp
behauptet wurde, Nazi-Deutschland habe Polen überfallen weil Polen
einen Genozid an Deutschen verübt hätten.
Der ganze Bericht kann
hier gefunden werden. Mich macht die ganze Geschichte sowohl
traurig als auch wütend. Wikipedia soll die Leute so gut es geht
aufklären und nicht Propaganda verbreiten!
Ich habe heute dieses Blog auf einen neuen Server umgezogen,
sein DNS aktualisiert und sein SSL repariert. Werde versuchen, es
nun wieder öfters zu befüllen. Wünscht mir Glück 🙂.
Bereits seit gestern und noch bis zum 28. April laufen die
Oversighter-Wahlen. Doc Taxon, User:He3nry
und Nolispanmo treten zur Wiederwahl an. Ich wünsche: Viel
Erfolg!
Eine der schöneren unbekannten Ecken der Wikipedia ist die Seite
zur
Auskunft. Dort können Menschen mögliche und unmögliche Fragen
stellen, die dann mal launisch, mal larmoyant, mal ernsthaft oder
auch gar nicht beantwortet werden. Wie im wahren Leben und eine
ewige Fundgrube obskuren Wissens, seltsamer Fragestellungen und
logischen Extremsports.
Nicht die DDR. Bild: Giorgio Conrad
(1827-1889) - Mangiatori di maccheroni. Numero di catalogo:
102.
Dort nun fragte vor ein paar Tagen ein unangemeldeter Nutzer:
"Warum
gab es in der DDR eigentlich nur Makkaroni (die in Wirklichkeit
Maccheroncini waren), aber keine Spaghetti? Das erscheint mir nach
Lektüre einiger Bücher aus der DDR so gewesen zu sein und ist mir
auch so von meiner aus Ex-DDR-Bürgern bestehenden Verwandtschaft
bestätigt worden. Warum?"
Es folgte eine längere und mäandernde ausgiebige Diskussion, die
immerhin folgendes ergab:
* Anscheinend gab es in der DDR Spaghetti, zumindest erinnerten
sich einige der Diskutanten an derartige Kindheitserlebnisse.
* Ob Spaghetti so verbreitet waren wie Makkaroni oder Spirelli,
darüber bestand Uneinigkeit.
* Die Nudelsaucensituation war in Berlin besser als im Rest der
DDR.
* Die DDR allgemein pflegte in vielerlei Hinsicht traditionellere
Essgewohnheiten als Westdeutschland, die Küche der DDR ähnelte in
vielem mehr der deutschen Vorkriegsküche als dies für die
westdeutsche Küche gilt.
* In Vorkriegszeiten waren Makkaroni verbreiteter als
Spaghetti.
* Schon bei Erich Kästner wurden Makkaroni gegessen
* Der Makkaroni-Spaghetti turn im (west-)deutschen Sprachraum war
Mitte der 1960er
* Schuld könnten wahlweise das mangelnde Basilikum, die mangelnde
Tomatensauce, überhaupt mangelnde Kräuter, Italienreisen,
Gastarbeiter, Miracoli oder auch was ganz anderes sein.
* Klarer Konsens im Rahme: Sahne gehört keineswegs in Sauce
Carbonara!
Gab es in der DDR nicht: Miracoli. Bild:
Miracoli-Nudeln mit Mirácoli-Soße von Kraft. Von: Brian
Ammon, Lizenz: CC-BY-SA
3.0
Daneben tauchten eine ganze Menge Kindheitserinnerungen auf an
exotische Spaghettimahlzeiten mit kleingeschnittenen Spaghetti,
Ketchup-basierter Tomatensauce und anderen kulinarischen Exotika
des geteilten Deutschlands.
Einige Antworten, viel mehr Fragen:
* seit wann wird in Deutschland überhaupt Pasta gegessen?
* wie lange schon ist Tomatensauce verbreitet?
* seit wann essen westdeutsche Spaghetti?
* Und wer ist Schuld? Die Gastarbeiter? Die Italienurlauber?
Miracoli?
* Und wie kommen eigentlich die Löcher in die Makkaroni?
Also verließen wir dann erst einmal die Auskunft und die dortige
Diskussion und betrieben etwas weitere Recherche. Das heimische
"Kochbuch der Haushaltungs- und Kochschule des Badischen
Frauenvereins", veröffentlicht 1913 in Karlsruhe, kennt sowohl
Makkaroni wie auch Spaghetti. Ungewohnt für heute: die Makkaroni
werden in "halbfingerlange Stückchen gebrochen" und dann 25 bis 30
Minuten gekocht.
Neben den diversen Makkaroni-Gerichten gibt es auch einmal
Spaghetti. Die Priorität ist klar. Spaghetti werden erklärt als
"Spaghetti ist eine Art feine Makkaronisorte. Beim Einkauf achte
man darauf, daß sie nicht hohl sind"
Die "Basler Kochschule. Eine leichtfaßliche Anleitung zur
bürgerlichen und feineren Kochkunst" von 1908 kennt keine
Spaghetti aber diverse Gericht mit "Maccaronis". Darunter sogar
schon die Variante "a la napolitaine" mit Tomatensauce.
Weitere Recherche. Weitere Erkenntnisse bringt das Buch "Meine
Suche nach der besten Pasta der Welt: Eine Abenteuerreise durch
Italien", das die Ankunft der Makkaroni in Deutschland auf das
frühe 18. Jahrhundert verlegt. Die 1701 nachweisbaren "Macronen"
waren wohl eher Lasagne, aber Anfang des 18. Jahrhunderts
entstanden in Prag und Wien echte Makkaroni-Fabriken.
Die Pasta folgte anscheinend den jungen Männern der Grand Tour aus
Italien in das restliche Europa. Bestimmt waren die Grand Tours für
junge Männer, die mal etwas von der Welt sehen und klassische
europäische Bildung mitbekommen sollten, die auf der Tour aber
anscheinend nicht nur Statuen und Kirchen kennenlernten, sondern
auch Pasta.
Der Macaroni. Der Hipster seiner Zeit. Bild:
Philip Dawe: The Macaroni. A Real Character at the Late Masquerade,
1773.
In England gab es sogar einen eigenen Modestil Macaroni
für exaltierte junge Männer - "a fashionable fellow who dressed
and even spoke in an outlandishly affected and epicene
manner". Die englische Wikipedia schreibt dazu lakonisch:
"Siehe auch: Hipster. Metrosexuell." Komplett falsch wäre wohl auch
die Assoziation zur Toskana-Fraktion nicht.
Nach diesen extravagant und auffallend auftretenden jungen Männern
ist nun wiederum im Englischen der Macaroni
penguin - auf deutsch der Goldschopfpinguin - benannt.
Makkaroni-Penguin. Benannt nach dem Stil,
nicht nach den Nudeln. Bild: Macaroni Penguin at Cooper Bay, South
Georgia von Liam Quinn,
Lizenz: CC-BY-SA
2.0
Wie aber kommen nun die Löcher in die Makkaroni? Und seit wann?
Licht in dieses Dunkel bringt die "Encyclopedia
of Pasta." Diese lokalisiert die Entstehung der maschinellen
Pastafertigung - die für Makkaroni in zumutbarer Menge
unvermeidlich ist - in die Bucht von Neapel in das 16. Jahrhundert.
Dort existerte eine Heimindustrie mit Mühlen, an die sich relativ
problemlos eine im 16. Jahrhundert aufkommende ’ngegno da
maccarun anschließen lies, die es den Neapolitanern ersparte
stundenlang im Teig herumzulaufen, um ihn zu kneten: im
Wesentlichen Holzpressen mit einem Einsatz aus Kupfer, je nach Form
des Einsatzes entstehen verschiedene Nudelsorten und damit unter
anderem Makkaroni. Die Makkaroni wurden dann in langen Fäden zum
trocknen in die süditalienische Sonne gehängt.
Neapel, 19. Jahrhundert. Bild:
Giorgio Sommer (1834-1914), "Torre Annunziata-Napoli - Fabbrica di
maccheroni". Fotografia colorita a mano. Numero di catalogo:
6204.
Das hat alles nicht mehr wirklich etwas mit Spaghetti und der DDR
zu tun, beantwortet nicht, warum die Deutschen in den 1960ern
plötzlich lieber Spaghetti als Makkaroni mochten, oder warum die
Makkaroni bei ihrem ersten Zug über die Alpen die Tomatensauce in
der Schweiz ließen? Warum gibt es in Deutschland kein Äquivalent zu
"Macaroni and cheese" (mehr)? Gab es ein Miracoli-Äquivalent in der
DDR, bei dem es Pasta, Sauce und Käse schon in einer Packung gab?
Warum sind Makkaroni in Deutschland tendenziell lang und dünn in
vielen anderen Ländern aber dicker und hörnchenförmig-gebogen? Es
ist hochspannend. Und ein Grund, noch viel mehr zu
recherchieren.
Seit 2019 wählt das Wikiversum die coolsten Tools, die besten
Hilfsmittel, um in Wikipedia und anderen Wikis zu werken. Eines
davon ist der Pywikibot, der Bot aller Bots.
Schneeregen fegte waagerecht über Vorplatz des Tempelhofer
Hafens. Mein Pullover war gar nicht so kuschlig und dicht wie ich
ihn in Erinnerung hatte. Die Handschuhe waren im Laufe der Jahre so
fadenscheinig geworden, dass eine einzelne kurze Radtour die Finger
vereisen ließ.
Ein einsamer, von Weihnachten übrig gebliebener,
Quarkkeulchen-Stand vor dem Tempelhofer Hafen. Seine Lichter
verhießen Wärme. Der Weg dorthin: Von Entbehrungen gezeichnet. Der
Wind, der einem aus allen Richtungen ins Gesicht blies, trieb die
Leute davon. Sie wussten nicht wohin, denn alles war geschlossen
und zu Hause wollten sie ihre Mitbewohner nicht mehr sehen. Über
der Szene kreiste ein hungriger Taubenschwarm.
„Ist es nicht herrlich“, fragte ich DJ Hüpfburg. „So viel Platz!
Fast das ganze Hafengelände gehört uns. Und wir können uns
problemlos aus drei Meter Sicherheitsabstand anschreien.“ – Sie
antwortete „Du spinnst. Es ist scheißkalt. Ich bibbere. Das letzte
Mal, als ich so gefroren habe, bin ich im Rozbrat mit meiner
ehemaligen Band aufgetreten: „Pierdzące Zakonnice“.
Wir spielten Prog-Punk. Kein Wasser, keine Heizung und ein
sibirischer Windhauch kam aus Richtung Minsk. Wer auf Toilette
wollte, hat einen Eispickel in die Hand bekommen, falls das
Plumpsklo wieder zugefroren war. Und am Ende des Abends haben wir
Wahlplakate im Konzertsaal verbrannt, um nicht ganz zu
erfrieren.
Aber wir haben gerockt: Kasia an der Geige, die andere Kasia am
Theremin, ich an der KitchenAid und Anna am Gong und an der
Rezitation. So viel Kunst war nie wieder davor oder danach im
Rozbrat. Leider war es den Pferden zu kalt, so dass die weiße
Kutsche ausgefallen ist. Hier am Hafen ist keine Kunst. Hier ist es
nur scheißkalt. Ich gehe.“
Später, im Chat. Hüpfburgs Schilderung hatte mich an ein Video
erinnert, das ich kurz vorher gesehen hatte: „Wikimedia
Coolest Tool Award 2020.“ in meinen Versuchen, DJ Hüpfburg für
die Wikipedia und ihr Umfeld zu begeistern, postete ich ihr den
Link.
Southgeist: Aber Tools. Nur mit ausgewählten Menschen. Fast
nur Technik und kreative Sachen.
Hüpfburg: Wikipedia spießerfrei? Du meinst, das soll
gehen?
Southgeist: Schau doch mal.
Hüpfburg: Ich sehe jetzt schon drei Minuten lang Berliner
Straßen ohne Ton. Ich dachte schon, meine Lautsprecher wären
kaputt.
Hüpfburg: I like the music.
Southgeist: Eben. Warte erst auf die Tools.
Hüpfburg: 52 Minuten! So lange soll ich Wikipedia schauen?
In der Zeit zerstöre ich zwei Ehen, bringe einen Priester vom
Glauben ab und bringe drei Paare neu zueinander. Sage mir lieber,
was für Tools vorkommen.
Die coolest Tools
Ich erzählte.
Im Video werden vorgestellt: Der AutoWikiBrowser
(Hüpfburg: „Da klingt der Name schon langweilig“), SDZeroBot
generiert Benutzerseitenreports („Mich interessieren weder Benutzer
noch ihre Seiten“), Proofread
Page Extension („Korrekturlesen, geht es noch spießiger?“),
Listen to Wikipedia
(„Schön, aber reichlich Kitsch. Wenn eines Tages zwei Wikipedianer
kommen und einander heiraten wollen, werde ich das Tool in den
Event integrieren“), AbuseFilter
(„Zu sehr Polizei“), LinguaLibre („I
like“), und Pywikibot – ein Tool zum Erstellen weiterer Tools.
(„Das klingt spannend – erzähle mir mehr.“)
Pywikibot
Pywikibot ist ein Framework zum Erstellen von Bots. Oder anders
gesagt: wer sich den Pywikibot installiert, kann mit überschaubarem
Aufwand eigene Bots schaffen. Oder sich an einem der bereits auf
dieser Basis geschaffenen Skripte bedienen. Die Bots können
prinzipiell alles, was menschliche Nutzer von MediaWiki-Wikis auch
können – nur schneller.
Wobei können in diesem Zusammenhang natürlich bedeutet: jemensch
muss dem Bot vorher sagen, was er tun soll. Das dauert länger als
ein Edit. Der Bot kommt sinnvoll ins Spiel, wo es eine hohe Zahl
gleichartiger Edits gibt. Zum Artikelschreiben ist das wenig – zum
Anpassen von Formalien ist es super. Und dazwischen liegt ein
Graubereich. Nicht alles ist sinnvoll, nicht alles ist erlaubt –
und um die Kontrolle zu wahren, hat der Pywikibot einen
automatischen Slow-Down-Mechanismus, der den Bot absichtlich
ausbremst.
Pywikibot geht zurück auf verschiedene Bots und Skripte aus dem
Jahr 2003, existiert in dieser Form seit etwa 2008. Die aktuelle
Variante ist in und für Python 3 geschrieben. Die Community, die
sich um das Framework kümmert, hat eine dreistellige Zahl von
Mitgliedern und ist so international, wie es die frühe Wikipedia
war. Rein aus dem Bauchgefühl heraus würde ich auch sagen, was
Charaktertypen und Soziodemographie angeht, ist die
Pywikibot-Gruppe sehr viel näher an der Ur-Wikipedia als die
heutigen Wikipedistas.
DJ Hüpfburg: „Du sagst es. Alt-Wikipedia. Diese Tool-Awards sind
solche Lebenswerkauszeichungen? Das Bot-Framework gibt es seit fast
20 Jahren, das Proofread-Tool existiert seit fast 15 Jahren. Ist
der Award so langsam oder gibt es so wenig Neues?“
Ich glaube, der Award ist langsam. Beziehungsweise er existiert
erst seit letztem Jahr. Jetzt muss er die ganzen Tools der letzten
Jahrzehnte durchprämieren, damit die nicht vergessen werden. Wie
bei der Wikipedia auch: Die Grundlagen wurden vor langer Zeit
gelegt. Alles, was jetzt kommt, baut darauf an, verbessert, schafft
aber nur selten fundamental Neues.
Change Musiker to Musiker*innen
„Außer dem Tool-Award. Der ist neu? Und dem Video nach zu
urteilen reichlich großartig.“
Yup. Und er hat mir und dir den Pywikibot gelehrt und damit eine
wichtige Aufgabe erfüllt.
DJ Hüpfburg: „Ich kann also auf Basis von Pywikibot alle
‚Musiker‘ in Wikipedia durch ‚Musiker*innen‘ ersetzen?“
Ich: „Theoretisch ja. Praktisch gibt es verschiedene Hindernisse.
Und du wirst auf ewig gesperrt werden.“
DJ Hüpfburg: „Dachte ich. Noch so jung und schon so
strukturkonservativ diese Website. Wäre sie ein Mensch, würde sie
einen beigen Pullunder über weißem Hemd tragen und Leserbriefe an
die Fernsehzeitschrift schreiben. Aber ich kann mein eigenes Wiki
aufsetzen und da noch Herzenslust alles bot-mäßig umbauen?“
Ich: „Yup. Wikidata freut sich auch. Da gibt es noch viel zu tun
und die sind superfreundlich dort.“
DJ Hüpfburg: „Ich auf meinem Pybot einreitend in Wikidata! Das
wäre fast so gut wie im Rozbrat. Mit der Kutsche, die dann doch
nicht kam. Irgendwann im Laufe des Abends spielten wir Mozart. Da
haben die Squatter angefangen mit Äpfeln zu werfen. Wir uns hinter
dem Gong geduckt und ich ein Kitchen-Aid-Solo. Ich erinnere mich
noch an den einen Tänzer, der allein Stand und Luft-Küchenmaschine
gespielt hat. Ein Arm angwickelt am Körper als würde er die
Maschine an sich drücken, mit dem anderen weit ausholende
Bewegungen, um dann auf dem Einschaltknopf zu laden.“
„Leider hatten wir dem Publikum einen Mozart-Schock versetzt und
die wollten uns nicht mehr gehen. Dadurch hatten wir alle
Auftrittsorte in Posen durch. Kasia ging nach Prag und Paris,
Jazz-Theremin studieren. „Ein Juwel unter unserer Studentinnen“
sagte mal eine Professorin. Kasia wäre fast dieses Jahr in der
Philharmonie aufgetreten. Aber Deine komische Wikipedia hat immer
noch keinen Artikel von ihr.“
Ich: „Es ist nicht meine Wikipedia.“
Ruhe. Hüpfburg dachte.
„Dieser Bot. Der kann doch sicher in Wikidata alle Personen
auslesen, die Theremin spielen. Und dann eine Liste in Wikipedia
anlegen. Die regelmäßig erneuert wird. Das müsste doch gehen.
Vielleicht ist es einen Versuch wert.“