Gedanken und Einsichten – über den Tag hinaus

Über viele Jahre hinweg habe ich für meinen Blog „Denkraum“ insgesamt ca. 250 Beiträge geschrieben – von unterschiedlicher Qualität und Relevanz. Einige davon möchte ich kennzeichnen als „Über den Tag hinaus…“.

  • Osterbotschaft: „Wie hältst Du’s mit der Religion?“
    • Mit dem historischen Jesus, seiner Auferstehung und dem leeren Grab ist es so eine Sache. Der renommierte Bibelwissenschaftler Prof. Thomas L. Thompson interpretiert die Evangelien als fiktive Erzählungen und nicht als historische Berichte.
  • Der Anschlag vom 11. September – ein Kunstwerk?
    • Der heutige Artikel des „Transatlantikblogs“ zum 11. September versteigt sich ernsthaft zu der These, die Terroranschläge von 9/11 sollten als „Kunstwerk“ betrachtet werden. Ein Interview des Komponisten Stockhausen wird zitiert, in dem dieser den Anschlag als „das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat“ bezeichnete.
  • Kunst oder Leben, das ist hier die Frage
    • Nachdem der Verfasser des von mir kommentierten Artikels aus dem Transatlantikblog seine Aussagen ergänzt und überarbeitet hat, habe ich ihm einen weiteren Kommentar gesandt: „Sie machen in Ihrem Artikel durchgängig einen Denkfehler – denselben wie seinerzeit Stockhausen. Sie verlieren einen entscheidenden kategorialen Unterschied aus dem Blick: den zwischen einem Kunstwerk als einem Produkt menschlicher Phantasie, das auf einer Zeichenebene, einer symbolischen Ebene, zum Ausdruck gebracht wird, und der tatsächlichen Umsetzung von Phantasien im wirklichen Leben.
  • Joseph Stiglitz: Das war’s, Neoliberalismus
    • In dichter, überzeugender Argumentation entzaubert Stiglitz, der vor allem durch sein Buch „Die Schatten der Globalisierung“ als Globalisierungskritiker bekannt wurde, den Neoliberalismus als ökonomische Irrlehre und legt deren verheerende Folgen für zentrale Wirtschaftsbereiche dar.
  • Absturzgefahr: Ikarus und der fragile Kapitalismus
    • Banken verlieren mal eben das Vertrauen in ihre gegenseitige Kreditwürdigkeit, hören einfach auf, sich untereinander Geld zu leihen, und schon droht das ganze System zu kollabieren. Die Brisanz der Lage, die Größenordnung des drohenden Problems, das sich da im Stillen aufgebaut hat, haben wir massiv unterschätzt. Einige wenige Bankpleiten und -schieflagen können eine fatale Kettenreaktion auslösen und das gesamte Finanzsystem zur Implosion führen. Und der entscheidende Transmissionsriemen ist das fehlende Vertrauen der Banker in ihre eigene Branche.
  • „Steinbrück, Du hast keine Wahl“: Schreiben von Bundesbank und BaFin an den Finanzminister
    • In einem Schreiben vom 29. September 2008 erläutern Bundesbank und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) dem Finanzminister, warum es zu einer Rettung der Hypo Real Estate Bank keine Alternative gibt, und warum der Staat sich mit einer Milliardenbürgschaft daran beteiligen muss. Wer sich aus erster Hand einen Eindruck verschaffen möchte, an welchem Abgrund unser Finanzsystem stand, und warum Regierungen sich in dieser Situation ohnmächtig mit dem Rücken zur Wand vorfinden, dem sei die Lektüre des sechsseitigen, von Bundesbankpräsident Weber und BaFin-Chef Sanio unterzeichneten Schreibens wärmstens empfohlen.
  • Wie es zur Finanzkrise kam – die ultimative Erklärung
    • In einem fiktiven Interview eines Fernsehjournalisten mit einem Investmentbanker liefern zwei englische Komiker, John Bird und John Fortune, die ultimative Erklärung, wie es zur Finanzkrise kam. Herausragend! Satire vom Feinsten. British humor at its best!
  • „Die Welt ist aus den Fugen“: von der Macht der Finanzwirtschaft und der Ohnmacht der Politik
    • „The time is out of joint“ („die Zeit ist aus den Fugen“), so lautet das Resumé des Dänenprinzen Hamlet, nachdem der Geist seines ermordeten Vaters ihm die Augen geöffnet hat für die verkommenen Verhältnisse im mittelalterlichen Staate Dänemark. In der Welt von Shakespeares Tragödien sind es regelmäßig einzelne Personen, die mit ihren oft monströsen Charakterschwächen Unheil über Land und Leute bringen.
    • Das Monster, das unsere heutige Welt im Griff hat wie ein Riesenkrake, ist ein gesellschaftliches Subsystem, die Finanzwirtschaft. Mit gigantischen Kapitalbeträgen agiert sie an kaum regulierten Märkten und stellt zunehmend eine Parallelgesellschaft dar. Die Funktionsmechanismen dieses in den letzten Jahrzehnten einerseits immer komplexer und andererseits immer mächtiger gewordenen ökonomischen Teilsystems sowie die Wirkungen und Sekundärfolgen dieser Mechanismen sind kaum noch zu durchschauen. In seiner heutigen, globalisierten Form ist das Finanzmarktsystem praktisch unkontrollierbar geworden.
  • Rechtsextreme Mentalität
    • Grundlage rechtsextremer Mentalität ist ein komplexes psychisches Regulationsgeschehen, ein dynamisches Zusammenspiel von psychischen Motiven, Emotionen, Abwehrmechanismen, Werthaltungen und Einstellungen vor dem Hintergrund von Defiziten in der Persönlichkeitsentwicklung. Rechtsextreme Mentalität entsteht nicht aus Einstellungen und Werturteilen der Betroffenen als Ergebnis mehr oder weniger rationaler Überlegungen. Die Ansichten und Werturteile, die eine „rechtsextreme Gesinnung“ ausmachen, sind Folge tiefergehender psychischer Motive, und die vermeintlich rationalen Begründungen dieser Ansichten sind lediglich Rationalisierungen.
  • Breivik – schuldfähig oder schuldunfähig?
    • Es scheint mir eindeutig, dass bei Anders Behring Breivik eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischer, antisozialer und paranoider Akzentuierung vorliegt. Daher stellt sich die Frage, ob er das Unrechtmäßige seines Handelns erkennen und nach dieser Einsicht handeln konnte, oder ob seine verzerrte Realitätswahrnehmung im Rahmen seines ideologischen Denksystems diese Erkenntnis bzw. ein Handeln danach verhindert hat.
  • So ähnlich fing es auch 1968 an…
    • … damals aber noch ohne „social media“. Nicht auszudenken, was heute mit Hilfe von Facebook, Twitter etc. daraus werden kann!
    • Endlich, endlich wachen die jungen Leute wieder auf, wie wir vor 40 Jahren. Wir hatten damals die Nase voll von sozialer Ungerechtigkeit, von unverdienten Privilegien einiger weniger und von Traditionen, die der Unterdrückung unserer Lebensfreude dienten. In ein politisches System, das seine Wurzeln in der Kaiserzeit hatte, das in Spießigkeit erstarrt war und in dem allerorten noch faschistoide Dumpfbackigkeit angesiedelt war, wollten wir frischen Wind bringen. Das ist uns auch gelungen.
  • Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken
    • „If a bank is too big to fail, it is too big“– diese Warnung stammt angeblich von dem amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky. Im deutschsprachigen Raum werden Banken, die „to big to fail“ sind, als systemrelevant bezeichnet. Die neuerdings (wieder) diskutierte unternehmensrechtliche Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken würde eine Menge Probleme lösen.
  • Absurditäten unseres Finanzsystems
    • Jeder weiß, dass Griechenland Pleite ist. Auch die drei großen, privaten Ratingagenturen wissen es. Und dass die Quote des Schuldenschnitts zwischen Politik – inkl. Institutionen wie EZB und IWF – und einigen Spitzenbankern ausgehandelt wird, das wissen Moody’s, Fitch und Standard & Poor’s auch. Und trotzdem „müssen“ alle so tun, als würden die Banken freiwillig entscheiden, auf wieviel ihrer Forderungen gegenüber Griechenland sie verzichten. Weil die Ratingagenturen das sonst als Staatspleite werten „müssten“. Die bekäme damit – so funktioniert unser Finanzsystem – einen offiziellen Charakter. Und der – erst der (!) – hätte unabsehbare Folgen für die Finanzmärkte, weil die Griechenlands Staatspleite nun auch offiziell wahrnehmen „müssten“, die sie seit langem kennen.
    • Die englische Redewendung „to turn a blind eye to something“, die verwendet wird, wenn man zwar etwas wahrnimmt, es eigentlich aber nicht wissen will und daher ignoriert, geht zurück auf den einäugigen Lord Nelson, der in der Seeschlacht von Kopenhagen (1801) das Signal seines Flottenchefs zum Rückzug ignorierte und dies hinterher damit begründete, er habe sein Fernrohr wohl an sein blindes Auge gehalten.
    • Ganz schön viel Einäugige unterwegs in der Finanzwelt. Aber wir wissen ja, unter Blinden ist der Einäugige König. Wer die Blinden sind? Na wir. Aber nicht mehr lange.
  • Zapfenstreich, Mob und Zivilgesellschaft
    • In Zeiten, in denen militärische Traditionen und moderne Zivilgesellschaft aufeinanderprallen, stellt sich die Frage: Hat der Große Zapfenstreich als würdiges Abschiedsritual für unsere staatlichen Repräsentanten noch Platz in einer demokratischen Gesellschaft? Im Fall der Verabschiedung des Bundespräsidenten Wulff gab es ein weiteres Problem: Außerhalb des Gartens von Schloss Bellevue formierte sich ein aufgewiegelter Mob, angeheizt durch Skandaljournalismus und kollektive Empörung. Dieser Blogartikel beleuchtet nicht nur die Unvereinbarkeit archaischer Zeremonien mit unserem demokratischen Verständnis, sondern wirft auch einen Blick darauf, wie die Prinzipien von Rechtsstaatlichkeit und Unschuldsvermutung unter Druck geraten können. Wie beeinflusst der Mob, ohne Analyse und Empathie, den Diskurs unserer Gesellschaft?
  • Das Grass-Gedicht: Was wirklich gesagt wird
    • In der hitzigen Debatte um Günter Grass‘ provokantes Gedicht über Israel geriet das eigentliche Werk häufig in den Hintergrund, während die heftigen Reaktionen darauf die Schlagzeilen dominierten. Kritiker erhoben nicht zuletzt den Vorwurf des Antisemitismus gegen Grass. In einer Reihe von Blogartikeln wird das Gedicht und seine komplexen Thesen einer differenzierten Analyse unterzogen. Es wird zunächst herausgearbeitet, was Grass im Einzelnen wirklich sagt. Sodann werden die einzelnen Argumente und Behauptungen des Gedichts auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft. Es ergibt sich ein differenziertes Bild.
  • Wie halten Sie’s mit der Religion?
    • In diesem Essay beschäftige ich mich mit der individuellen Haltung zur Religion. Insbesondere geht es um die Situation derjenigen, die in einem christlich geprägten Umfeld aufgewachsen sind und nun als Erwachsene vor der Herausforderung stehen, ihren Glauben kritisch zu hinterfragen oder gar abzulehnen, während sie innerlich mit den Traditionen und Werten ihrer Kindheit verbunden bleiben, also mit ihrer religiösen Identität uneins sind.
    • Wie gehen Menschen, die sich in einem inneren Spannungsfeld zwischen Glaubenszweifeln und christlicher Identität befinden, mit der Frage um, wie sie sich zu Gott und Religion verhalten sollen? Für einige ist der Glaube noch immer ein vertrauter Begleiter, auch wenn er sich nicht mehr mit ihrer rationalen Weltanschauung deckt. Sie bleiben in den alten Ritualen verwurzelt, erleben jedoch den Konflikt, der entsteht, wenn der Glaube durch ein wissenschaftliches Weltbild erschüttert wird. Es stellt sich die Frage: Warum bekennen sich viele zu einem Glauben, den sie nicht mehr für wahr halten?
  • „Kalter Friede“ in Europa – und die Welt im Griff der Finanzoligarchie
    • Die Bedrohungslage der Zeit des Kalten Krieges wird mit dem heutigen Gefahrenszenario verglichen. Das Klima des Unfriedens ist in Europa heute größer als während des Kalten Krieges. Heute geht die wesentliche Bedrohung vom Kapitalismus aus. Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das außerordentlich fragil geworden ist. Die gegenwärtige Form des finanzmarktdominierten Kapitalismus droht sich selbst zu zerlegen. Das Szenario eines globalen Finanzcrashs ist in gewissem Sinne brisanter als das des Kalten Krieges, in dem zwei verfeindete Weltmächte die Gefahr durch ein „Gleichgewicht des Schreckens“ im Zaum hielten. Heute erwächst die Gefahr aus der Funktionsweise des Systems selbst. Die in die Hände der heutigen Finanzoligarchie geratene globalisierte Wirtschaft ist zu einem Tanz auf dem Vulkan geworden.
  • „Es gibt keine Euro-Krise“ – Der unglaublich naive Euro-Kommentar des DIW-Präsidenten (2)
    • Unter dem Titel „Es liegt nicht am Euro!“ veröffentlichte die „Zeit“ am 9. April 2013 einen Kommentar des seit Februar 2013 amtierenden Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher (42), zur gegenwärtigen Krise Europas. Dort wendet sich der DIW-Präsident gegen die „vor allem in Deutschland“ verbreitete Ansicht, bei der europäischen Krise handele es sich um eine „Euro-Krise“, die Ursache der Krise sei also die gemeinsame Währung. Die Argumente, auf denen diese Auffassung beruht, hält Marcel Fratzscher für „grundfalsch“.
    • Unter Verwendung einiger außerordentlich fachkundiger Leserkommentare zu Fratzschers Zeit-Artikel, also gewissermaßen mit Hilfe einer „Crowd-Argumentation“, widerlege ich in einer eingehenden Analyse diese Auffassung des DIW-Präsidenten.
  • Moderne Lyrik
    • Satire zu Gegenwartslyrik. Den Anstoß gab die Lektüre von „Laute Verse – Gedichte aus der Gegenwart“ Keinesfalls geht es um Rilke, Gottfried Benn oder Paul Celan.
  • CDU-Plakate zur Europawahl: der blanke Hohn
    • Im Jahr 2014 waren die Eurokrise und eine hohe Arbeitslosigkeit in den südeuropäischen Staaten gravierende Probleme. Ich gehörte in diesen Jahren zu den Euroskeptikern und kritisierte vor allem den Merkel-Schäubleschen Politikansatz einer strengen Austeritätspolitik scharf. Der CDU-Wahlslogan „Gemeinsam erfolgreich in Europa“ bot dazu eine glänzende Gelegenheit.
  • Eurococktail, gereimt.
    • Wollen wir wetten, dass die netten Letten haben Gästebetten in den kleinen Lettenstädten mit adrettesten Toiletten?
    • Wenn sie die nämlich nicht hätten, könnte Brüssel sie nicht retten, und sie wären Marionetten von putinschen Pirouetten – wetten?
    • (…)
  • Rückkehr zum Kalten Krieg?
    • In diesem Artikel wird diskutiert, wie durch klügere Strategien und einen sensibleren Umgang mit Russland der Ukraine-Krieg hätte verhindert werden können. Im September 2014 zeichnete sich bereits eine unheilvolle Eskalation des Konflikts zwischen dem Westen und Russland über den politischen Status der Ukraine ab. Statt diplomatischer Lösungsansätze dominierten markige Worte und militärische Manöver die politische Landschaft. Der herausgehobene Stellenwert militärischer Machtdemonstrationen, aber auch die scharfe Rhetorik des scheidenden NATO-Generalsekretärs Rasmussen, schürten Ängste vor einer Rückkehr zu dem „gefrorenen Konflikt“ des Kalten Krieges. Unter anderem thematisierte Jakob Augstein in einem eindringlichen Kommentar die beunruhigenden Entwicklungen an der Ostgrenze der NATO und warnte vor deren Folgen.
  • Wolfgang Streeck: „Möglich, dass der Kapitalismus an seinen Krisen verendet.“
    • In der Kontroverse um die Zukunft des Kapitalismus zeigt Wolfgang Streeck, Deutschlands führender Wirtschaftssoziologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, die tiefen Risse auf, die die Fundamente unseres wirtschaftlichen Systems bedrohen, und fragt, ob unser gegenwärtiger Kapitalismus zum Scheitern verurteilt ist? Er wirft einen kritischen Blick auf die langen Krisensequenzen, die unsere Gesellschaft bereits seit Jahrzehnten erschüttern. Inflation, Staatsverschuldung und private Schulden bilden eine toxische Mischung, die nicht nur wirtschaftliche Stabilität gefährdet, sondern auch die Grundlagen der Demokratie selbst.
    • Wie lange kann ein System bestehen, das seinen Mitgliedern zunehmend die Sicherheit und Verlässlichkeit entzieht? Was geschieht, wenn Wachstum zur Ausnahme und wachsende wirtschaftliche Ungleichheit zur Regel wird?
  • Auftritt eines grandiosen Egomanen: Wolf Biermann im Bundestag
    • Wolf Biermann, unbestrittener Meister der provokanten Poesie, nutzt die Bühne des Deutschen Bundestages, wo er auf Einladung von Bundestagspräsident Lammert eines seiner Lieder vortragen soll, um zunächst entgegen der Absprache an der Fraktion der „Linken“ sein Mütchen zu kühlen. Schließlich sei er als „Drachentöter“ bekannt. Als Lammert ihn bremsen will, bringt Biermann schlagfertig die Lacher auf seine Seite und führt seine ungeplante, in diesem Rahmen unerwünschte Abrechnung mit der Nachfolgepartei der SED voller Hohn und Häme zuende. Mit dem ungebrochenen Selbstbewusstsein des charismatischen Narzissten und notorischen Egozentrikers sorgt er für einen denkwürdigen Auftritt.
  • Schäubles Agitation
    • Schäubles Konzept, nachdem Alexis Tsipras mit der linken SYRIZA die Wahl in Griechenland gewonnen hatte: Entweder Tsipras und die neue griechische Regierung unterwerfen sich den etablierten europäischen Parteien und Institutionen mit ihrem neoliberalen Ökonomieverständnis und akzeptieren die bestehende Reformagenda auf Basis der Sparpolitik, realisieren in ihrem politischen Handeln also das Gegenteil ihrer Wahlversprechen und verraten alles, wofür sie angetreten sind und gewählt wurden, oder – sie werden scheitern. Was Schäuble nicht sagte, aber dachte: Dafür wird man dann sorgen.
  • „Auszug aus dem Register der 927 ewigen Wahrheiten“ (Sheldon B. Kopp)
    • In den 1970er Jahren war das Buch „Triffst du Buddha unterwegs…“ des amerikanischen Psychotherapeuten Sheldon B. Kopp eine Art Kultbuch. Im Anhang fand sich ein „Auszug aus dem Register der 927 (oder waren es 928?) ewigen Wahrheiten“, vom Verfasser auch als „eschatologischer Waschzettel“  bezeichnet. Obwohl damals sehr prominent, fanden sich Kopps ewige Wahrheiten nicht im Internet. Deshalb nahm ich sie in meinen Blog mit auf und kennzeichnete, welchen davon ich zustimmen würde.
  • Euro: Countdown eines Suizidversuchs
    • Europas führende Euro-Mediziner machen es spannend. Ein  Staatsbankrott Griechenlands käme dem öffentlich angekündigten  Suizid eines Patienten im Beisein seiner Ärzte gleich, die ihre Rettungsmaßnahmen mit den Worten eingestellt haben, „ja, wenn Du unbedingt willst, bitte schön“.
    • Der Patient stammt aus bester alt-europäischer Familie, entwickelte  sich aber zum schwarzen Schaf und ist, obschon wohlhabende Verwandte ihm mit Darlehen unter die Arme griffen, inzwischen  Sozialhilfeempfänger – zudem der „Idiot der Familie“. Die Ärzte  kommen aus der nächsten Verwandtschaft, haben ihre Kredite zwar längst verloren gegeben, sorgen sich aber, auch noch für die  Sozialhilfe aufkommen zu müssen.
    • Der Patient ist indes überzeugt, die verordnete Medizin habe ihm nicht geholfen, sondern seinen Zustand im Gegenteil gravierend verschlimmert,  und viele Experten teilen seine Auffassung.
  • Donald Trump und der republikanische Wähler
    • Donald Trump hat in der amerikanischen Politik eine Bewegung entfesselt, die weit über seine individuelle Persönlichkeit hinausgeht. Sein Auftreten als selbstbewusster und provokanter Kandidat trifft einen Nerv bei vielen republikanischen Wählern, die sich von den traditionellen politischen Strukturen enttäuscht und entfremdet fühlen. Trumps Erfolg beruht nicht nur auf seiner medialen Präsenz und seinem Talent zur Selbstinszenierung, sondern auch auf der Art und Weise, wie er die Unzufriedenheit und Ängste seiner Anhänger anspricht. Mit einfachen Botschaften über den vermeintlichen Niedergang der Nation und der Versprechung, Amerika wieder zu alter Stärke zurückzuführen, gelingt es ihm, die Wähler zu mobilisieren und das politische Establishment herauszufordern.
    • In diesem Artikel wird die psychische Dynamik zwischen Donald Trump und seinen Anhängern näher betrachtet. Es wird untersucht, wie Trumps Persönlichkeit und sein populistischer Stil in Resonanz zu den Sehnsüchten und Ängsten seiner Wählerschaft stehen, die in ihm einen Führer erblickt, der sie versteht und für ihre Anliegen kämpft. Trumps rüdes, selbstherrliches Auftreten als Ausdruck seiner narzisstischen Persönlichkeitsstruktur und die psychische Struktur seiner republikanischen Wähler passen zusammen wie ein Schlüssel zum Schloss.
  • …zum Jahreswechsel ein Gedicht: „Das graue Haar“
    • An Neujahr darf der sorgenvolle „Geist der Schwere“ mal in den Hintergrund treten und durch ein wenig leichtfüßigen Nonsense einer gewissen Tradition, die der geneigte Leser mühelos erkennen wird, ersetzt werden.
  • Vertiefendes zum psychischen Gesundheitszustand Donald Trumps
    • In mehreren Beiträgen hat sich der „Denkraum“ mit der Frage auseinandergesetzt, ob Donald Trump trotz auffälliger, für jedermann offenkundiger „narzisstischer“ Persönlichkeitseigenschaften die Fähigkeit besitzt, das Amt des US-Präsidenten auszuüben. Nun wurde – angestoßen durch verschiedene in der New York Times veröffentlichte Leserbriefe amerikanischer Psychiater – die weitergehendere Frage, ob es sich bei diesen besorgniserregenden Eigenschaften Trumps um eine psychische Krankheit handelt, in den letzten Tagen in der Weltpresse eifrig diskutiert (z.B. hier, hier und hier), und zwar kontrovers und zum wiederholten Mal. Die Süddeutsche Zeitung berichtete darüber ebenfalls und heute auch die FAZ.
    • Die Kontroversen psychiatrischer Experten über den psychischen Gesundheitszustand des amerikanischen Präsidenten hinterlassen die Öffentlichkeit mehr oder weniger ratlos, da sie zu keinen eindeutigen Ergebnissen führen. Warum dies so ist, warum also auch Fachleute so unterschiedlich darüber urteilen, ob es sich bei den psychischen Auffälligkeiten Trumps um krankheitswertige Störungen handelt oder nur um bizarre Persönlichkeitseigenschaften, die aber nicht das Etikett „Krankheit“ rechtfertigen, diese Problematik soll im Folgenden näher aufgeklärt werden. Der Autor dieses Blogartikels ist selbst Psychotherapeut und Psychoanalytiker, sollte zu einer solchen Klärung also beitragen können.

(Wird fortgesetzt)

Jonathan Franzen: Was wäre, wenn wir aufhören würden, uns etwas vorzumachen

Am 8. September 2019 erschien in der Zeitschrift The New Yorker ein Essay des Schriftstellers Jonathan Franzen mit dem Titel „What if We Stopped Pretending“. Der Untertitel lautete übersetzt: „Die Klimaapokalypse kommt. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir eingestehen, dass wir sie nicht verhindern können.“

Aufmerksam wurde ich darauf durch eine Rezension von Berthold Vogel zu dem Buch „Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht“ von Jens Beckert, die am 19.03.2024 in Soziopolis: Gesellschaft beobachten erschienen ist.

Vogel leitet seine Buchbesprechung mit einigen Bemerkungen zu Franzens Essay ein: „Für diesen Aufsatz erhielt sein Verfasser, der Schriftsteller Jonathan Franzen, wütende bis hasserfüllte Reaktionen aus der Klimaschutzbewegung. (…) Die Weigerung Franzens, in das Mantra von Einsicht, Hoffnung und Umkehr einzustimmen, sorgte ebenso für Verdruss wie sein Plädoyer für Machbarkeit und Realitätssinn.

Seit Jahrzehnten lebt die internationale Klimapolitik vom politisch-medialen Sound, jetzt sei die letzte Gelegenheit, die Katastrophe aufzuhalten. Das war in den 1990er-Jahren nicht anders als 2024. Doch die „letzten Gelegenheiten“ sind längst verstrichen. (…) Keine substanzielle Wende, nirgends. Im Gegenteil: Das seit Jahrzehnten proklamierte 1,5-Grad-Ziel der Erderwärmung ist nicht mehr zu halten. Die Kipppunkte sind überschritten. Wann hören wir also auf, uns etwas vorzumachen? Diese Frage von Jonathan Franzen zum Gegenstand von Politik zu machen, wäre schon ein großer Gewinn.“

Hier einige Ausschnitte aus dem Essay von Jonathan Franzen (übersetzt mit Googles Hilfe von M.W.).

„Das Ziel ist seit dreißig Jahren klar, und trotz ernsthafter Bemühungen haben wir praktisch keine Fortschritte bei der Erreichung dieses Ziels gemacht. Heute sind die wissenschaftlichen Beweise nahezu unwiderlegbar. Wenn Sie jünger als sechzig sind, haben Sie gute Chancen, Zeuge der radikalen Destabilisierung des Lebens auf der Erde zu werden – massive Ernteausfälle, apokalyptische Brände, implodierende Volkswirtschaften, epische Überschwemmungen, hunderte Millionen Flüchtlinge aus Regionen, die durch extreme Hitze oder permanente Trockenheit unbewohnbar geworden sind. Wenn Sie unter dreißig sind, ist es so gut wie sicher, dass Sie Zeuge davon werden.

Wenn Ihnen der Planet und die Menschen und Tiere, die auf ihm leben, am Herzen liegen, gibt es zwei Möglichkeiten, darüber nachzudenken. Sie können weiterhin darauf hoffen, dass eine Katastrophe vermeidbar ist, und sich über die Untätigkeit der Welt immer frustrierter oder wütender fühlen. Oder Sie können akzeptieren, dass eine Katastrophe bevorsteht, und zu überdenken beginnen, was es bedeutet, Hoffnung zu haben.

Selbst zu diesem späten Zeitpunkt gibt es weiterhin zahlreiche Äußerungen unrealistischer Hoffnung. Es scheint kaum ein Tag zu vergehen, an dem ich nicht lese, dass es an der Zeit ist, „die Ärmel hochzukrempeln“ und „den Planeten zu retten“; dass das Problem des Klimawandels „gelöst“ werden kann, wenn wir den kollektiven Willen dazu aufbringen. Obwohl diese Botschaft wahrscheinlich im Jahr 1988 noch zutraf, als die Wissenschaft die Lage klar und deutlich beschrieb, haben wir in den letzten dreißig Jahren genauso viel CO2 in die Atmosphäre emittiert wie in den beiden Jahrhunderten zuvor. Die Fakten haben sich geändert, aber irgendwie bleibt die Botschaft dieselbe. (…)

Der Green New Deal, die Blaupause für einige der umfangreichsten Vorschläge zu diesem Thema, wird immer noch als unsere letzte Chance dargestellt, die Katastrophe abzuwenden und den Planeten durch gigantische Projekte im Bereich erneuerbarer Energien zu retten. Viele der Gruppen, die diese Vorschläge unterstützen, verwenden die Formulierung, den Klimawandel zu „stoppen“, oder implizieren, dass noch Zeit sei, ihn zu verhindern. Im Gegensatz zur politischen Rechten hört die Linke auf Klimaforscher, und diese sagen, dass eine Katastrophe theoretisch vermeidbar ist. Aber nicht jeder scheint genau zuzuhören. Die Betonung liegt auf dem Wort theoretisch.

Unsere Atmosphäre und unsere Ozeane können nur eine begrenzte Menge Wärme aufnehmen, bevor der durch verschiedene Rückkopplungsschleifen verstärkte Klimawandel völlig außer Kontrolle gerät. Einige Wissenschaftler und politische Entscheidungsträger befürchten, dass wir Gefahr laufen, diesen “point of no return” zu überschreiten, wenn die globale Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad Celsius steigt (vielleicht mehr, aber vielleicht auch weniger). Der I.P.C.C. – der Intergovernmental Panel on Climate Change der UN – sagt uns, dass wir nicht nur den Trend der letzten drei Jahrzehnte umkehren müssen, um den Anstieg auf weniger als zwei Grad zu begrenzen. Wir müssen in den nächsten drei Jahrzehnten weltweit annähernd Nettoemissionen von Null erreichen. Das ist, gelinde gesagt, eine große Aufgabe. (…)

Schließlich müssten überwältigende Zahlen von Menschen, darunter Millionen regierungshassende Amerikaner, hohe Steuern und drastische Einschränkungen ihres gewohnten Lebensstils akzeptieren, ohne zu rebellieren. Sie müssten die Realität des Klimawandels akzeptieren und Vertrauen in die extremen Maßnahmen haben, die zu seiner Bekämpfung ergriffen werden. Sie dürften Nachrichten, die sie nicht mögen, nicht als Fälschung abtun. Sie müssten Nationalismus sowie Klassen- und Rassenressentiments beiseite legen. Sie müssten Opfer für ferne bedrohte Nationen und ferne zukünftige Generationen bringen. Sie müssten sich vor heißeren Sommern und häufigeren Naturkatastrophen permanent in Angst und Schrecken versetzen lassen, statt sich daran zu gewöhnen. Anstatt an das Frühstück zu denken, müssten sie jeden Tag an den Tod denken.

Nennen Sie mich einen Pessimisten oder einen Humanisten, aber ich glaube nicht, dass sich die menschliche Natur in absehbarer Zeit grundlegend ändern wird. Ich kann in meinem Modell zehntausend Szenarien durchspielen, aber in keinem davon erkenne ich, dass das Zwei-Grad-Ziel erreicht wird. (…)

Einige Klimaaktivisten argumentieren, wenn wir öffentlich zugeben, dass das Problem nicht gelöst werden kann, würde dies die Menschen davon abhalten, überhaupt Abhilfemaßnahmen zu ergreifen. (…) Die Aktivisten, die so argumentieren, erinnern mich an religiöse Führer, die befürchten, dass sich die Menschen ohne das Versprechen der ewigen Erlösung nicht die Mühe machen würden, sich gut zu benehmen. Meiner Erfahrung nach sind Ungläubige ihren Nächsten gegenüber nicht weniger liebevoll als Gläubige. Und deshalb frage ich mich, was passieren würde, wenn wir uns die Wahrheit sagen würden, anstatt die Realität zu leugnen.

Erstens gibt es, auch wenn wir nicht mehr hoffen können, vor einer Erwärmung von zwei Grad gerettet zu werden, immer noch starke praktische und ethische Argumente für die Reduzierung der CO2-Emissionen. Auf lange Sicht macht es wahrscheinlich keinen Unterschied, wie stark wir die zwei Grad überschreiten; sobald der point of no return überschritten ist, wird die Welt sich selbst transfomieren. Kurzfristig gesehen sind halbherzige Maßnahmen jedoch besser als gar keine Maßnahmen. Eine Halbierung unserer Emissionen würde die unmittelbaren Auswirkungen der Erwärmung ein wenig mildern und den point of no return etwas hinauszögern. Das Erschreckendste am Klimawandel ist die Geschwindigkeit, mit der er voranschreitet – die nahezu monatliche Erschütterung durch neue Temperaturrekorde. Wenn gemeinsames Handeln nur zu einem einzigen verheerenden Hurrikan weniger und nur zu ein paar zusätzlichen Jahren relativer Stabilität führen würde, wäre dies ein Ziel, das es wert wäre, verfolgt zu werden. (…)

Darüber hinaus kann eine falsche Hoffnung auf Erlösung schädlich sein. Wenn Sie weiterhin daran glauben, dass eine Katastrophe abgewendet werden kann, verpflichten Sie sich, ein Problem anzugehen, das so groß ist, dass es für alle die oberste Priorität sein muss. Ein Ergebnis ist seltsamerweise eine Art Selbstgefälligkeit: Wenn Sie für grüne Kandidaten stimmen, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren und Flugreisen meiden, können Sie das Gefühl haben, alles in ihrer Macht stehende für das einzig Wertvolle getan zu haben. Wenn Sie jedoch die Realität akzeptieren, dass der Planet bald so stark überhitzen wird, dass er die Zivilisation bedroht, dann gäbe es noch erheblich mehr, was Sie tun sollten. (…)

Ein umfassender Kampf gegen den Klimawandel machte nur Sinn, solange er zu gewinnen war. Sobald Sie akzeptieren, dass wir ihn verloren haben, gewinnen andere Arten von Maßnahmen an Bedeutung. Die Vorbereitung auf Brände, Überschwemmungen und Flüchtlinge sind treffende Beispiele. Die drohende Katastrophe erhöht die Dringlichkeit fast aller weltverbessernden Maßnahmen. In Zeiten zunehmenden Chaos suchen die Menschen Schutz im Stammesdenken und in bewaffneter Gewalt statt in Rechtsstaatlichkeit, und unsere beste Verteidigung gegen diese Art von Dystopie besteht darin, funktionierende Demokratien, funktionierende Rechtssysteme und funktionierende Gemeinschaften aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht kann jeder Schritt hin zu einer gerechteren und zivileren Gesellschaft mittlerweile als sinnvolle Klimaschutzmaßnahme angesehen werden. (…) Um steigende Temperaturen zu überstehen, muss jedes System, ob in der natürlichen oder in der menschlichen Welt, so stark und gesund sein, wie wir es schaffen können.

Und dann ist da noch die Frage der Hoffnung. Wenn Ihre Hoffnung für die Zukunft von einem überaus optimistischen Szenario abhängt, was werden Sie dann in zehn Jahren tun, wenn dies Szenario selbst theoretisch nicht mehr realisierbar ist? Den Planeten ganz aufgeben? Um mich an dem Rat von Finanzplanern zu orientieren, würde ich vielleicht ein ausgewogeneres Portfolio von Hoffnungen vorschlagen, von denen einige längerfristig, die meisten kurzfristiger sind. (…) Tun Sie weiter das Richtige für den Planeten, ja, aber versuchen Sie auch weiterhin, das zu retten, was Sie besonders lieben – eine Gemeinschaft, eine Institution, einen naturbelassenen Ort, eine Spezies, die in Schwierigkeiten ist – und schöpfen Sie Mut aufgrund Ihre kleinen Erfolge. Jede gute Sache, die Sie jetzt tun, ist eine Absicherung gegen die heißere Zukunft, aber das wirklich Sinnvolle daran ist, dass es für den heutigen Tag gut ist. Solange man etwas hat, das man lieben kann, gibt es auch etwas, auf das man hoffen kann.

In Santa Cruz, wo ich lebe, gibt es eine Organisation namens Homeless Garden Project. Auf einem kleinen bewirtschafteten Bauernhof am westlichen Ende der Stadt bietet es der obdachlosen Bevölkerung der Stadt Beschäftigung, Ausbildung, Unterstützung und ein Gemeinschaftsgefühl. Es kann das Problem der Obdachlosigkeit nicht „lösen“, aber es verändert seit fast dreißig Jahren ein Leben nach dem anderen. Indem es sich zum Teil durch den Verkauf von Bio-Produkten finanziert, trägt es im weiteren Sinne zu einer Revolution der Art und Weise bei, wie wir über Menschen in Not, über das Land, von dem wir abhängig sind, und über die Natur um uns herum denken. Im Sommer genieße ich als Mitglied des C.S.A. Programms Grünkohl und Erdbeeren, und im Herbst finden, weil der Boden lebendig und unberührt ist, in seinen Furchen kleine Zugvögel Nahrung. (…)

Aktuelle Oberflächentemperatur der Erde

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Man sieht deutlich, dass die globale Oberflächentemperatur der Erde im Jahr 2024 oberhalb der Werte aller anderen Jahre ab 1940 liegt, also aus der davor üblichen Schwankungsbreite (grauer Bereich) ausgebrochen ist. Die Grafik wird laufend aktualisiert.

Und hier dasselbe für die Weltmeere

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Der Mensch – ein „Gott der Erde“?

Unser Kampf um die Erhaltung der Welt

Aufgeschreckt durch einen kürzlichen Vortrag des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber habe ich – anknüpfend an einige Absätze eines früheren Beitrags – diesen mehrteiligen Artikel über den Klimawandel und seine Folgen geschrieben, sowie über die strukturellen Gründe, aus denen man chronisch scheitert und weiterhin scheitern wird, ihn in den Griff zu bekommen, auch wenn der Preis eine tiefgreifende Krise unserer Zivilisation sein dürfte. Dies ist der erste Teil.

Das Gewebe dieser Welt ist aus Notwendigkeit und Zufall gebildet; die Vernunft des Menschen stellt sich zwischen beide und weiß sie zu beherrschen; sie behandelt das Notwendige als den Grund ihres Daseins; das Zufällige weiß sie zu lenken, zu leiten und zu nutzen. Und nur, indem sie fest und unerschütterlich steht, verdient der Mensch, ein Gott der Erde genannt zu werden.“ Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre I,17

Hat er das nicht schön gesagt, unser großer Dichter und Denker? Wenn er gewusst hätte, wie weit wir heute, gut 200 Jahre später, davon entfernt sind.

Das Gewebe unserer Welt besteht zunächst aus den Bedingungen der Natur, die wir vorfinden – ein Teil der „Notwendigkeiten“, deren Bewältigung nach Goethes Auffassung die Vernunft allererst hervorgebracht hat. Sodann wird es von Menschen gemacht, die ihre Interessen verfolgen und ihre Lebensverhältnisse verbessern wollen. Dabei ergibt sich das Problem, dass die individuellen Interessen der Menschen und das Interesse der Menschheit in ihrer Gesamtheit, dauerhaft und nachhaltig auf der Erde leben zu können, nicht im mindesten übereinstimmen, sondern in einem gravierenden Konflikt miteinander liegen. „Gott der Erde“ – dieses Prädikat sollte man dem Menschen allenfalls dann zuerkennen, nachdem er dies Problem gelöst hat. Denn wenn er es nicht löst, könnte die Erde als Lebensort des Menschen dem Untergang geweiht sein.

Von dem Problem, dass die Menschen durch ihre Lebensweise seit einigen Jahrzehnten dem Planeten, auf dem sie leben, irreversiblen Schaden zufügen, konnte Goethe noch nichts wissen. Vermutlich wäre er sonst mit seiner Hochschätzung der Vernunft zurückhaltender gewesen.

Zwar verfügen wir über eine grandiose „instrumentelle“ Intelligenz, die uns zu wissenschaftlich-technischen Leistungen befähigt, über die man nur staunen kann, aber bei der vernünftigen Regelung von Angelegenheiten, die unser Zusammenleben in großen Gemeinschaften betreffen, tun wir uns bereits schwer, und wenn es darum geht, unseren Planeten langfristig in einem Zustand zu erhalten, dass er für uns Menschen bewohnbar bleibt, versagen wir bislang auf ganzer Linie.

Wenn die Erde uns weiterhin als Lebensort zur Verfügung stehen soll, muss die Ausbeutung der Natur drastisch eingeschränkt und die Umweltbelastung signifikant reduziert werden – und zwar im großen, weltweiten Maßstab. Überdies muss die Zahl der auf der Erde lebenden Menschen begrenzt werden – eine Aufgabe, deren Bewältigung nur schwer vorstellbar ist. Außerdem gilt es, die einzelnen Staaten zur freiwilligen Unterordnung unter notwendige Beschränkungen der Naturausbeutung und Umweltbelastung zu bewegen. Da die Länder in unterschiedlichem Maß zu dem Problem beitragen, muss ein fairer Interessenausgleich stattfinden. Zurecht weisen die ärmeren Länder der Dritten Welt darauf hin, dass sie, gemessen am Pro-Kopf-Verbrauch, weit weniger natürliche Ressourcen verbrauchen als die hoch entwickelten Länder. So verbrauchten die Menschen in Bangladesch 2022 weniger als 4 Tonnen pro Kopf, in Japan dagegen 10,5 Tonnen.

Dies alles zu klären und zu organisieren übersteigt die Möglichkeiten der Goetheschen Alltagsvernunft bei weitem. Die Vernunft, die er im Sinn hatte, hat einen begrenzten Wirkungsbereich. Sie eignet sich vor allem zur Bewältigung der alltäglichen Aufgaben und Probleme, denen Menschen sich bei der Regelung ihrer persönlichen Lebensverhältnisse gegenübersehen. Sie betrifft Fähigkeiten, die für den Vollzug menschlichen Lebens „in kleinen Einheiten“ – Individuum, Familie, kleine Gemeinschaften – erforderlich sind und dafür auch ausreichen. Aber auch im Staatsdienst des Herzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach mit seinen damals etwa 100.000 Einwohnern ermöglichte sie Goethe gewiss eine kluge Amtsführung.

Wenn es jedoch um die Aufgabe der Menschheit geht, ihr Zusammenleben auf der Erde und ihre Beziehung zur Natur so zu gestalten, dass die Erde ein Ort bleibt, der menschliches Leben weiterhin zulässt, dann hilft diese Form der Vernunft wenig. Schon das Denken in sehr komplexen Zusammenhängen und das Verständnis nicht-linearer Wirkgefüge sind in diesem Denkrahmen nicht möglich.

Das menschliche Erkenntnisvermögen musste sich in den 200 Jahren seit Goethes Tod zunächst signifikant weiterentwickeln, um überhaupt Konzepte und neue Methoden für ein angemessenes Verständnis der komplexen Zusammenhänge zu generieren, die den globalen Fehlentwicklungen zugrunde liegen. Diese das natürliche System Erde“ überfordernden Prozesse mussten zunächst mit geeigneten naturwissenschaftlichen und mathematischen Methoden erforscht und in ihrem Zusammenwirken durchschaut werden, um ein zielgerichtetes Eingreifen des Menschen in die betreffenden Abläufe zu ermöglichen.

Der Weckruf im Jahr 1972 – „Die Grenzen des Wachstums“

Ein Meilenstein in der Erkenntnisgewinnung über die Auswirkungen eines anhaltenden weltweiten Wirtschaftswachstums war der 1972 veröffentlichte erste Bericht des Club of Rome mit dem Titel „Grenzen des Wachstums“, der zu dem Ergebnis kam, dass bei den damaligen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstumsraten innerhalb der nächsten hundert Jahre eine Grenze erreicht sein würde, jenseits der die Umwelt irreparabel zerstört und die Rohstoffe weitgehend verbraucht wären, was zu einem raschen und nicht aufzuhaltenden Absinken der Bevölkerungszahl und der industriellen Kapazität führen würde: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“ Auch wenn die Autoren des Berichts einige Entwicklungen zu pessimistisch einschätzten, wie z.B. die zur Neige gehenden Rohstoffreserven oder die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft an knappere Ressourcen, bestätigten spätere Studien ihre Erkenntnisse im Großen und Ganzen.

Der Bericht kam zu der Schlussfolgerung, es seien weltweite Maßnahmen „kopernikanschen Ausmaßes“ nötig, um die Wachstumsdynamik zu bremsen und einen ökologischen Gleichgewichtszustand herbeizuführen: „Unsere gegenwärtige Situation ist so verwickelt und so sehr Ergebnis vielfältiger menschlicher Bestrebungen, daß keine Kombination rein technischer, wirtschaftlicher oder gesetzlicher Maßnahmen eine wesentliche Besserung bewirken kann. Ganz neue Vorgehensweisen sind erforderlich, um die Menschheit auf Ziele auszurichten, die anstelle weiteren Wachstums auf Gleichgewichtszustände führen. Sie erfordern ein außergewöhnliches Maß von Verständnis, Vorstellungskraft und politischem und moralischem Mut.“

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In den folgenden Jahrzehnten blieben die Maßnahmen zum Umbau der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit jedoch weit hinter dem Erforderlichen zurück. Die unserem Wirtschaftssystem inhärente Wachstumsdynamik und die Ausbeutung der Natur gingen keineswegs zurück, sondern steigerten sich weiter bis heute. Laut den Daten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen lag der globale Ressourcenabbau 1999 bei 48 Millarden Tonnen, während 2022 doppelt so viel verbraucht wurden (96 Mrd. Tonnen). Und in den letzten 30 Jahren wurde so viel CO2 in die Atmosphäre emittiert wie in den vorangegangenen 200 Jahren zusammen. Diese Emissionen haben sich nicht etwa verringert, sondern von Jahr zu Jahr weiter gesteigert. 2023 wurden weltweit 57,1 Gigatonnen Treibhausgase in die Atmosphäre emittiert, 1,2 % mehr als im Vorjahr, und ein neuer Rekord. Die Folge ist ein historisch einmaliger Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur der Erde, der in den Jahren 2023 und 2024 den Bereich bisher üblicher Temperaturschwankungen deutlich überschritten hat.

Ökologische Bewusstwerdung und Anpassungsmaßnahmen

Anfang der 1980er Jahre gründeten sich in den westlichen Ländern grüne Parteien, und die Probleme der Umweltzerstörung und des Klimawandels traten zunehmend in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Während sich in einem Teil der Bevölkerung eine gewisse ökologische Nachhaltigkeits-Kultur entwickelte, verleugnete die breite Masse der Menschen weiterhin die Dringlichkeit, mit der man der fatalen Zerstörung unserer Lebensgrundlagen hätte Einhalt gebieten müssen.

Auf politischer Ebene wurde durchaus die Notwendigkeit erkannt, mit ökologisch orientierten Initiativen die ungebremste Belastung unseres Planeten einzudämmen. Man bemühte sich in den folgenden Jahrzehnten zunehmend, umwelt- und klimapolitische Maßnahmen auch auf internationaler Ebene zu koordinieren.

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Dabei kommt der globalen Erderwärmung und dem dadurch bewirkten Klimawandel die größte Bedeutung zu. Durch die Verbrennung fossiler Energieträger kommt es zur Freisetzung von Kohlenstoffdioxid, das sich neben anderen Treibhausgasen wie Methan langfristig in der Atmosphäre anreichert und zu einem globalen Temperaturanstieg führt. Dabei ist nicht, wie oft fälschlich angenommen wird, der aktuelle Ausstoß an Treibhausgasen ausschlaggebend für das Ausmaß des Temperaturanstiegs, sondern die über die Zeit anfallende „kumulierte Gesamtmenge (…), die beginnend mit der Industrialisierung oder einem anderen Referenzzeitpunkt maximal emittiert werden darf, wenn mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit eine globale Erwärmung über eine definierte Grenze hinaus vermieden werden soll“ (Wikipedia). Da also nur ein begrenztes Gesamtbudget für CO2-Emissionen zur Verfügung steht, hat ein Hinauszögern reduzierter Emissionen auf einen späteren Zeitpunkt zur Folge, dass danach umso schnellere und tiefgreifendere Maßnahmen ergriffen werden müssten, wenn ein Überschreiten der Gesamtbudget-Grenze verhindert werden soll, denn dies würde zu einer gravierenden Erhöhung der Oberflächentemperatur der Erde und zu unkontrollierbaren Klimafolgen führen (s. Schaubild oben).

Ein weiterer Meilenstein der Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, die weltweiten Klimaschutzmaßnahmen zu koordinieren, war das inzwischen von 195 Staaten ratifizierte Pariser Klimaabkommen von 2015, in dem man sich darauf einigte, durch verringerte Emissionen von Treibhausgasen die Steigerung der globalen Durchschnittstemperatur gegenüber dem vorindustriellen Niveau auf deutlich unter 2 Grad zu beschränken, möglichst auf 1,5 Grad. Alle Teilnehmerstaaten haben Absichtserklärungen unterzeichnet, wie weit sie ihre jeweiligen Emissionen zunächst bis 2025 und dann bis 2030 reduzieren (Industrieländer) bzw. deren Anstieg begrenzen wollen (Schwellen- und Entwicklungsländer), um so jeweils einen nationalen Beitrag zur Erreichung der globalen Temperaturziele zu leisten.

Es ist interessant, sich zum einen die weltweite Verteilung der Treibhausgas-Emissionen auf die einzelnen Länder vor Augen zu führen, und zum anderen, wie unterschiedlich der Pro-Kopf-Anteil der jeweiligen Bevölkerungen daran ist, gemessen in Tonnen CO2-Verbrauch pro Kopf (in Klammern). Im Jahr 2023 entfiel der größte Anteil der globalen Emissionen auf China mit ca. 30 % (11 t), die USA folgen mit ca. 11 % (17,6 t), danach Indien mit 7,8 % (2,9 t), die gesamte EU mit 6,1 % (7,3 t), Russland mit 5 % (18,8 t), Brasilien mit 2,5 % (6 t), Indonesien mit 2,3 % (4,3 t) und Japan mit 2 % (8,3 t). Deutschland liegt auf dem 14. Platz mit 1,3 % (8,3 t).

Das Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin, ein renommiertes Klimaforschungs-Institut, hat eine CO2-Uhr eingerichtet, die das noch verbleibende globale Restbudget für Treibhausgas-Emissionen veranschaulicht und darstellt, wieviel CO2 noch in die Atmosphäre abgegeben werden darf, um die globale Erwärmung auf maximal 1,5°C beziehungsweise auf 2°C zu begrenzen. Für beide Temperaturziele kann man sich mit einem Klick die verbleibenden CO2-Restbudgets anzeigen lassen und erkennt, wieviel Zeit im jeweiligen Szenario noch bleibt. Wenn wir den Anstieg der Erderwärmung auf 1.5 Grad beschränken wollen, verbleiben am 1. November 2024 bei derzeitigen Emissionen noch 4,8 Jahre, also bis 2029, bis das verfügbare CO2-Restbudget ausgeschöpft sein würde. Behalten wir die derzeitigen weltweiten Emissionen noch 22,5 Jahre bei, also bis ca. 2048, würde die globale Erwärmung um 2 Grad steigen.

Too little, too late

Auch der Weltklimarat (IPCC) kommt in seinem letzten Sachstandsbericht von 2023 zu dem Ergebnis, dass zur Einhaltung der vereinbarten Klimaziele die jährlichen globalen Emissionen bis 2030 um 50 Prozent und bis 2050 um 85 Prozent niedriger liegen müssten als derzeit prognostiziert, was realistisch betrachtet unmöglich ist. In Deutschland müssten sie jährlich um 6 Prozent sinken, seit 2010 waren es bis heute aber nur 2 Prozent. 2030 sollten die weltweiten Emissionen um 43 Prozent unter denen im Jahr 2019 liegen. Würden die Staaten ihre Selbstverpflichtungen einhalten, was bisher nicht einmal der Fall ist, lägen sie 2030 jedoch nur 2,6 Prozent unter dem Treibhausgasausstoß 2019.

Nach Berechnungen der Internationalen Energie Agentur (IEA) sollte der Ausstoß von CO2 durch fossile Energieträger im Jahr 2025 mit 37 Mrd. Tonnen seinen Höhepunkt erreichen, danach bis 2050 jedoch nur auf 32 Mrd. Tonnen zurückgehen. Einsparungen der Emissionen können in absehbarer Zukunft nahezu ausschließlich in den hochentwickelten Industriestaaten erfolgen, während Entwicklungs- und Schwellenländer aufgrund ihrer zunehmenden Wirtschaftskraft weiter wachsende CO2-Emissionen produzieren werden, da sie ihren Energiebedarf auch weiterhin vorwiegend aus Kohle und Öl erzeugen werden. Das hätte zur Folge, dass im Jahr 2050 voraussichtlich immer noch ca. 60 Prozent des weltweiten Energiebedarfs aus fossilen Energiequellen gedeckt werden.

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Trotz der in den letzten 20 Jahren deutlich gewachsenen Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, Klimaschutzmaßnahmen in weltweitem Maßstab zu installieren und zu koordinieren, hat dies im Ergebnis offensichtlich nicht dazu geführt, dass die 2015 im Pariser Abkommen vereinbarten Temperaturziele erreicht werden können. Derzeit sieht es vielmehr danach aus, als würden wir einem Szenario entgegengehen, das sehr starke Temperaturerhöhungen mit sich bringen wird, die eine Verschiebung bzw. Umstrukturierung der bestehenden Klimazonen sowie einen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hätte, der bis in den zweistelligen Meterbereich gehen könnte, mit in weiten Erdregionen sowohl für Menschen als auch für viele Tier- und Pflanzenarten lebensfeindlichen Bedingungen.

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Der Publizist Fabian Scheidler spricht mit Recht von einer Existenzkrise unserer Zivilisation und bringt unsere Lage auf den Punkt: „Wir sind augenblicklich Zeugen, wie ein ganzer Planet, der 4 Milliarden Jahre für seine Entwicklung brauchte, in einer globalen Wirtschaftsmaschinerie verheizt wird, die Unmengen von Gütern und zugleich Unmengen von Müll produziert, irrsinnigen Reichtum und massenhaftes Elend (…). Ein Außerirdischer der uns besuchen würde, könnte dieses System nur für verrückt halten.“ (Fabian Scheidler, Das Ende der Megamaschine, S.9)

How come…

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Woran kann es liegen, dass angesichts der Dramatik der Lage und der näherrückenden finalen Gefahr eines Zusammenbruchs der „planetaren Grenzen“, des globalen natürlichen Funktionssystems der Erde, die sich aufdrängenden Gegenmaßnahmen wie eine Dekarbonisierung der Industrie Jahrzehnte lang nicht oder jedenfalls nur unzureichend beschritten wurden? Die vielfältigen gravierenden Hindernisse, die einer notwendigen tiefgreifenden ökologischen Transformation unseres gesamten Wirtschaftslebens entgegenstehen, sind weitgehend bekannt. Auch wenn die reale Entwicklung Optimismus nicht rechtfertigt, verbreitet die Politik weiterhin beharrlich optimistische Prognosen, um die Vorstellung aufrechtzuerhalten, man könne die Abwärtsspirale noch aufhalten oder gar umkehren. Damit soll einer Erosion des gesellschaftlichen Engagements in Sachen „Nachhaltigkeit“ entgegengewirkt werden.

Es stellt sich die Frage, inwieweit eine grundlegende ökologisch orientierte Transformation unter den gegebenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen überhaupt möglich ist. Sind die Funktionslogiken der bestehenden Strukturen vielleicht derart inkompatibel mit den erforderlichen Veränderungen, dass die Gegenkräfte auch weiterhin dominieren werden?

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Im Folgenden wird die These vertreten, dass in dem zeitkritischen Wettlauf zwischen den notwendigen Anpassungen, bevor irreversible Klima-Kipppunkte erreicht werden, und dem fortgesetzten Einfluss der für die ungebremsten CO2-Emissionen verantwortlichen Gegenkräfte, z.B. der Ölförderstaaten, letztere bis heute immer die Nase vorn hatten, und dass dies in der überschaubaren Zukunft auch so bleiben wird.

Drei Akteurgruppen haben es in der Hand

Man kann drei Gruppen gesellschaftlicher Akteure unterscheiden, denen die Aufgabe zufällt, die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung zu realisieren: der Staat, die Wirtschaft und die Zivilgesellschaft, die Bürger. Jede dieser Akteurgruppen verfügt über ein bestimmtes Repertoire an Möglichkeiten, die Entwicklung zu beeinflussen, und hat jeweils charakteristische Interessenlagen, die ein entsprechendes Engagement fördern oder aber hemmen können. Für jede Akteurgruppe existiert ein charakteristisches Spektrum an Möglichkeiten, Bereitschaften, Interessen und Widerständen hinsichtlich der Einflussnahme auf die weitere Entwicklung. Dies gilt es zu analysieren, um einschätzen zu können, welche Beiträge zu einer ökologisch ausgerichteten Transformation jede dieser Gruppen leisten kann, und mit welchen von diesen Einflussgruppen („Stakeholdern“) ausgehenden Bremswirkungen andererseits zu rechnen ist. In ihrer Gesamtheit geben diese komplexen Analysen Aufschluss über die gesellschaftlich gegebenen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen („constraints“), unter denen ein ökologischer Transformationsprozess stattfinden würde. Einen Überblick über Analysen dieser Art präsentiert beispielsweise der Soziologe Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, in seinem im März 2024 bei Suhrkamp erschienenen Buch „Verkaufte Zukunft – Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht.“ Er kommt unter anderem zu folgendem Schluss: „Die Macht- und Anreizstrukturen der kapitalistischen Moderne und ihre Steuerungsmechanismen blockieren eine Lösung des globalen Problems namens Klimawandel.“ (Jens Beckert, Verkaufte Zukunft, S.12 )

Es gibt aber noch eine weitere bedeutsame Frage, die eher selten offen gestellt wird: Sind es möglicherweise auch grundlegende Eigenschaften der menschlichen Natur, die eine derart gravierende Veränderung unserer Lebensverhältnisse, wie sie nötig wäre, verhindern? Machen wir insoweit die Rechnung ohne den Wirt?

(2. Teil folgt)

Außerdem:

Unsere Meinung ist frei

Die absolut gültige zeitgemäße Nachdichtung dieses wunderbaren Volksliedes stammt aus der Feder von Konstantin Wecker. Angesichts des 75jährigen Jubiläums unseres Grundgesetzes habe ich mal versucht, einen anderen aktuellen Aspekt zu beleuchten.

1) Uns’re Meinung ist frei,
drum soll’n wir sie sagen.
Was wir meinen, ist einerlei,
man muss es ertragen.
Was er denkt, soll jeder sagen,
ob er darf, soll er nicht fragen,
was immer es sei,
uns’re Meinung ist frei.

2) Ich sage, was ich seh,
und wie ich’s verstehe,
und hab‘ ich ne Idee,
will ich sie aussähen.
Was ich denke, will ich sagen
zu allerlei Fragen,
und ich bleibe dabei,
meine Ansichten sind frei.

3) Viele Menschen in uns’rem Land
scheu’n sich offen zu reden.
Es ist ihnen zu riskant,
fürchten ausgegrenzt zu werden.
Sie denken, sie dürfen
ihre Meinung nicht frei sagen,
sondern fragen sich dann,
kommt, was ich sagen will, gut an?

4) Denn es gebe da eine Mehrheit,
die präge, was korrekt ist.
Sowas nennt man seit ein’ger Zeit
political correctness.
Wäre jemand so verwegen
und stellte sich dagegen,
dann käme gleich herbei
uns’re Meinungspolizei.

5) Die Mehrheit gibt also vor,
was zu denken, was zu tun ist.
Den Leuten geht das ins Ohr,
zeigt ihnen, was opportun ist.
Auf dass man sie bloß nicht
im Freundeskreis ächtet.
Auf diese Weise gedeiht
bei uns Duckmäuserei.

6) Ich werde keinen Menschen
je persönlich beschimpfen,
werde keine andere Meinung
mit meinen Worten verunglimpfen.
Doch ich lass meinen Gedanken
keine Zügel anlegen.
Ich bleibe mir treu,
was ich denke, sag’ ich frei.

M.W.

Der mit den coolsten Sprüchen – Führungskultur bei Axel Springer

Mathias Döpfner ist ohne Zweifel ein hochintelligenter Mann. Man erkennt dies mühelos, wenn man sich einige seiner zahlreichen Interviews und Reden auf YouTube anschaut, in denen er sachkundig und höchst eloquent über die Herausforderungen spricht, denen die Medienbranche im Zeitalter der Digitalisierung gegenübersteht.

Und doch hat er, wie die „Zeit“ aufdeckte, in zahlreichen Chatmitteilungen an führende Mitarbeiter politische Überzeugungen offenbart, die einfach unsäglich sind. In drastischer Stammtischmanier verkündet er dort reaktionäre Ansichten voller Pauschalurteile, Entwertungen und Ressentiments, formuliert in einer vulgären, verrohten Sprache.

Einige seiner Äußerungen im Originaltext (nach einer Zusammenstellung der Süddeutschen Zeitung):

  • „…über Ostdeutsche: ‚Meine Mutter hat es schon immer gesagt. Die ossis werden nie Demokraten. Vielleicht sollte man aus der ehemaligen ddr eine Agrar und Produktions Zone mit Einheitslohn machen.‘ Und: ‚Die ossis sind entweder Kommunisten oder faschisten. Dazwischen tun sie es nicht. Eklig.'“
  • „…über ‚M‘, mutmaßlich Angela Merkel, als diese gerade zornig nach Thüringen telefoniert hatte, nachdem dort die CDU mit Hilfe der AfD den FDP-Menschen Kemmerich zum Ministerpräsidenten gewählt hatte: ‚Das Land hat jeden Kompass verloren. Und M den Verstand. Sie ist ein sargnagel der Demokratie. Bald hat die afd die absolute Mehrheit.'“
  • „…über die westliche Welt: ‚free west, fuck the intolerant muslims und all das andere Gesochs.'“
  • „…über seine Kompassnadel und – ja, davon muss man ausgehen – Friedrich den Großen: ‚Mein Kompass geht so: Menschenrechte – keine Kompromisse. Rechtsstaat – zero tolerance … Lebensstil (( was Ficken und solche Sachen betrifft – Fritz zwo: jeder soll nach seiner Fasson (oder facon)…))'“.
  • „…über die Erderwärmung: ‚ich bin sehr für den Klimawandel. Zivilisationsphasen der Wärme waren immer erfolgreicher als solche der Kälte. Wir sollten den Klimawandel nicht bekämpfen, sondern uns darauf einstellen.'“

Wie lässt sich verstehen, dass dieser zweifellos gebildete, promovierte Musik- und Theaterwissenschaftler, der in einer beispiellosen Karriere vom Musikkritiker zum Vorstandsvorsitzenden eines der bedeutendsten Verlagskonzerne Europas aufstieg, den er seit mehr als 20 Jahren überaus erfolgreich führt, der die Firmenerbin Friede Springer derart begeisterte, dass sie ihm ein Aktienpaket im Wert von ca. einer Milliarde Euro schenkte (von der Süddeutschen Zeitung als „größter Enkeltrick der Geschichte“ bezeichnet), wie kann es sein, dass dieser smarte Überflieger gegenüber Führungskräften seines Konzerns derart niveaulose, törichte Überzeugungen vertritt?

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Friede Springer, Mathias Döpfner, Kai Diekmann, Julian Reichelt

In seiner in der Bildzeitung veröffentlichten Entschuldigung erklärt Döpfner, es gelinge ihm nicht immer, private Nachrichten im korrekten Ton zu schreiben: „Wenn ich wütend oder sehr froh bin, wird mein Handy zum Blitzableiter. Ich schicke dann manchmal Menschen, denen ich sehr vertraue, Worte, die ‚ins Unreine‘ gesagt oder getippt sind. Weil ich davon ausgehe, dass der Empfänger weiß, wie es gemeint ist.“

Aber auch „ins Unreine getippt“ bleiben es seine Überzeugungen. Und eleganter formuliert wären sie genauso empörend. Herr Döpfner möge uns doch bitte nicht weismachen wollen, die Mitteilungen an seine Buddies im Springer-Führungszirkel entsprächen nicht seinem wirklichen Denken. Eher sind es doch seine an die Öffentlichkeit gerichteten Äußerungen, die „political correct“ angepasst, gefiltert und aufpoliert werden.

Chatmitteilungen des Springer-Chefs an seine leitenden Mitarbeiter, die an Meinungsstärke wahrlich nichts zu wünschen übrig lassen, sind mitnichten rein private Äußerungen. Sie sind Teil der Führungskommunikation mit Ausstrahlung auf die gesamte Führungskultur des Unternehmens. Wenn Döpfner in vertrautem Kreis seine Einstellung zu grundlegenden politischen Vorgängen kundtut, dann lässt er keinen Zweifel daran, wie der Chef denkt. In einem Medienkonzern wie Springer, der seit vielen Jahrzehnten höchst engagiert öffentliche Meinungsbildung betreibt, ist dies von besonderer Brisanz. Die übliche verlegerseitige Zurückhaltung, den Redaktionen keine Vorgaben zu machen, übrigens auch in den Compliance-Regeln des Springer Verlags verankert, wird dadurch konterkariert.

Indes hat sich Mathias Döpfner derlei Zurückhaltung oft gar nicht erst auferlegt. Im letzten Wahlkampf forderte er beispielsweise den damaligen Bild-Chefredakteur Reichelt, angeblich ein Ziehsohn von ihm, in aller Deutlichkeit zur Unterstützung der FDP auf. Sieben Wochen vor der Wahl schrieb Döpfner ihm (laut „Zeit“): „Unsere letzte Hoffnung ist die FDP. Nur wenn die sehr stark wird – und das kann sein – wird das grün rote Desaster vermieden. Können wir für die nicht mehr tun. Die einzigen die Konsequenz gegen den Corona Massnahmen Wahnsinn positioniert sind. It’s a patriotic duty.“ Eine Woche später setzte er nach: „Kann man noch mehr für die FDP machen? Die sollten 16 Prozent mindestens kriegen.“ Und zwei Tage vor der Wahl: „Please Stärke die FDP.“

Wie soll man die Diskrepanz zwischen dem kultivierten öffentlichen Döpfner, Kunstliebhaber und zuweilen Schöngeist, wie man hört, und dem groben, unkultivierten, ordinären Schreiber primitiver, dumpfbackiger Chatmitteilungen an Mitarbeiter interpretieren?

Mich erinnert das Ganze nicht zuletzt an eine Gruppe männlicher Jugendlicher, in denen derjenige die Alpha-Position einnimmt, der die größte Klappe hat und mit den krassesten, coolsten Sprüchen imponiert. Der selbstbewusst gegen das üblicherweise Gebotene verstößt und sich traut, die Regeln von Anstand und geltender Moral zu brechen, was die anderen so nicht wagen. Dieser Anführer prägt aber nun die Kultur der Gruppe.

Vielleicht hat der erfolgsverwöhnte, durch die überaus spendable Schenkung der Gründerwitwe zum Milliardär gewordene Medienmanager, der mit einer Körpergröße von gut zwei Metern den überwiegenden Teil seiner Mitmenschen deutlich überragt, das Gefühl eingebüßt, sich rechtfertigen zu müssen, sei es gegenüber den Mitarbeitern oder dem handverlesenen Aufsichtsrat.

Es ist jedenfalls absolut inakzeptabel, wenn der Vorstandvorsitzende eines bedeutenden Medienhauses seinen leitenden Mitarbeitern und Redakteuren Denkweisen und Wertmaßstäbe vorlebt, wie sie eher für rechtspopulistische Kreise charakteristisch sind: Einstellungen, mit denen ganze Menschengruppen pauschal entwertet und gesellschaftliche Feindbilder geschürt werden.

Derartige Gesinnungen werden in der Soziologie als „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ bezeichnet. Zu deren Symptomen zählt übrigens nicht zuletzt Sexismus.

Ergänzungen am 21.04.2023

Man mache sich bewusst, in welch sensiblen Feld sich diese Affäre bewegt. Mathias Döpfner kontrolliert und führt ein Medienunternehmen, das mit großer Reichweite und großem Einfluss öffentliche Meinungsbildung betreibt. Der von den Presseorganen des Springer Verlags, allen voran der Bildzeitung, ausgeübten gesellschaftlichen Meinungsmacht sollte auf Seiten der Journalisten, vor allem aber auch des Verlegers, eine an den Grundsätzen der Medienethik orientierte Verantwortungshaltung entsprechen. Der Springer-Chef wäre gut beraten, bei seinen führenden Mitarbeitern und Chefredakteuren ein Bewusstsein für die ethische Dimension journalistischen Handelns zu wecken. Stattdessen flüstert er ihnen, seiner offenkundigen Lust am Tabubruch frönend, als Scharfmacher Parolen ein, die den beklagenswerten gesellschaftlichen Trend einer regressiven Entzivilisierung befeuern.

Am Ende seiner „Entschuldigung“ in der Bildzeitung spricht Mathias Döpfner die Lehren an, die er aus der Tatsache zieht, dass die an Personen seines Vertrauens „ins Unreine getippten“ Worte weitergegeben wurden. Eine dieser Lehren bleibe „die Idee von der ‚Gedankenfreiheit‘“.

Dieser Einfall Döpfners zeigt einmal mehr, wie schräg, wie exzentrisch der Springer-Chef denkt. Der Verweis auf die Idee von der „Gedankenfreiheit“ passt in seinem Fall doch gar nicht. Selbstredend kann Herr Döpfner jederzeit denken, was er will, doch hier geht es um seine Kommunikation mit ihm unterstellten Führungskräften, denen er mitteilt, wie und was er denkt. Dass dies in einer auf Vertraulichkeit angelegten Kommunikation geschieht, macht deren Einfluss auf die Adressaten nur umso wirkungsvoller.

Um deutlich zu machen, wie verstiegen der Verweis auf „Gedankenfreiheit“ im Fall Döpfner ist, zitiere ich zwei Beispiele, die Wikipedia zur historischen und politischen Bedeutung des Liedes „Die Gedanken sind frei“ anführt.

„Immer wieder war das Lied in Zeiten politischer Unterdrückung oder Gefährdung Ausdruck für die Sehnsucht nach Freiheit und Unabhängigkeit.
Der Vater Sophie Scholls, Robert Scholl, wurde Anfang August 1942 wegen hitlerkritischer Äußerungen inhaftiert. Sophie Scholl stellte sich abends an die Gefängnismauer und spielte ihrem dort einsitzenden Vater auf der Blockflöte die Melodie vor.
Auch in der tagespolitischen Auseinandersetzung gegen staatliche Überwachung und Restriktion wird das Lied häufig gesungen. 1989 wurde während der friedlichen Revolution in der DDR das Lied von Mitgliedern der Dresdner Staatskapelle auf dem Theaterplatz in Dresden gespielt und von tausenden Demonstranten mitgesungen. Es war ein ergreifender Höhepunkt der damaligen historischen Ereignisse.“

Das sind die Kontexte, in die der Begriff Gedanken- oder Meinungsfreiheit gehört.

Mathias Döpfner sei die zweite Strophe des Liedes ans Herz gelegt:

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.

Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

Außerdem:
  • Kommentare der Spiegel-Journalisten Markus Feldenkirchen und Sabine Rennefanz – Der Spiegel, 14.04.2023
  • Der allerschönste GrößenwahnLaura Hertreiter und Willi Winkler – Süddeutsche Zeitung, 14.04.2023
    • „Es gehörte immer zum Geschäftsmodell des Medienimperiums Springer, die Würde des Menschen anzutasten. Aber mit seinen internen Botschaften hat Mathias Döpfner die Abgründe jetzt noch einmal klar sichtbar gemacht.“
  • Die «Zeit» wollte Mathias Döpfner blossstellen und hat sich blamiert Marc Felix Serrao – Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2023
    • „Der viel zitierte Bericht der Hamburger Wochenzeitung über den CEO von Axel Springer illustriert, wie ein Medium durch einen Mangel an Distanz und Differenziertheit zum Spielball von Informanten werden kann. Das Ergebnis ist schlechter, unfairer Journalismus.“
    • Denkraum-Kommentar: Der Deutschland-Chef der NZZ bemüht sich wacker, dem Springer-Chef zur Seite zu eilen. Im Wesentlichen bezweifelt er, dass Döpfners Chatmitteilungen dessen tatsächliches Denken wiedergeben, da der Kontext des Dialogs unbekannt ist, in dem die Äußerungen stattgefunden haben. Jeder mag selbst entscheiden, für wie stichhaltig er diese Begründung hält. Die weiteren Argumente des Schweizer Journalisten sind derart weit hergeholt, dass sie keinesfalls überzeugen können.
  • Der Fairness und Vollständigkeit halber soll hier auch ein Beispiel für den „anderen Döpfner“, den erfolgreichen, weitsichtigen Medienmanager verlinkt werden.

Agitation mit verdeckter Strategie: das „Friedensmanifest“ Alice Schwarzers und Sahra Wagenknechts

Schulter an Schulter stehen sie da, die beiden Ikonen des Feminismus und der bundesdeutschen Linken, um ihren Widerstand gegen einen (männlich geprägten?) Mainstream in der Debatte um den richtigen Weg Deutschlands im Ukrainekrieg zu artikulieren.

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Politische Krisen sind die Zeit der Manifeste. Intellektuelle und Prominente aller Couleur melden sich mit Thesen, Appellen und offenen Briefen zu Wort, um den gesellschaftlichen Diskurs im Kampf um die öffentliche Meinung in ihrem Sinn zu beeinflussen. Das ist grundsätzlich zu begrüßen: Wenn alternative Sichtweisen und Argumente vorgetragen werden und beispielsweise auf Aspekte aufmerksam gemacht wird, die im öffentlichen Diskurs unterbelichtet sind, wird das Problembewusstsein der Bevölkerung erweitert, und es können tiefergehende Reflexionsprozesse angeregt werden. Der gesellschaftliche Meinungsbildungsprozess kann so wertvolle Impulse erhalten.

In manchen Fällen arbeiten die Deklarationen prominenter Mitbürger allerdings mit den Mitteln der Agitation und Demagogie. Ein bedauerliches, aber treffendes Beispiel dieser Art der Einflussnahme ist das „Manifest für Frieden von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht. Die beiden Friedensaktivistinnen setzen auf Polarisierung, Emotionalisierung, Vereinfachung und Suggestion. Sachliche Abwägungen oder gar die Berücksichtigung anderer Sichtweisen und Argumente fehlen. Es geht allein darum, Verunsicherung zu verbreiten und die reichlich vorhandenen Ängste der Bevölkerung nach Kräften zu schüren.

Schauen wir uns den Verlauf der Argumentation näher an. Zu Beginn ihres Statements führen die beiden Friedensstreiterinnen den ganzen Schrecken dieses Krieges noch einmal vor Augen und weisen auf die Ängste der Menschen in ganz Europa hin, er könne sich ausweiten. Andererseits lassen sie keinen Zweifel daran, dass „die von Russland brutal überfallene ukrainische Bevölkerung“ unsere Solidarität braucht. Aber, so fragen sie im gleichen Zuge, „was wäre denn jetzt solidarisch?“ Sie öffnen unseren Blick dafür, dass es grundsätzlich eine offene Frage ist, auf welche Weise wir unsere Solidarität zeigen wollen und worin sie bestehen soll. Soweit, so gut. Oder verfolgen die Damen mit dieser Frage noch eine andere, verdeckte Agenda? Wir werden sehen.

Sie stellen sodann noch zwei weitere Fragen in den Raum: „Wie lange noch soll auf dem Schlachtfeld Ukraine gekämpft und gestorben werden?“ Und vor diesem Hintergrund: Was ist jetzt eigentlich das Ziel des Krieges, ein Jahr nach dessen Beginn? Präsident Selenskij jedenfalls mache aus seinem Ziel kein Geheimnis: Er fordere jetzt Kampfjets, Langstreckenraketen und Kriegsschiffe – „um Russland auf ganzer Linie zu besiegen?“ So wird es, wenn auch mit einem Fragezeichen versehen, nahegelegt. Dann aber wäre nicht nur Putin, sondern auch Selenskij der Kriegstreiber!

Nun fahren die beiden Aktivistinnen beim Ängsteschüren ein schweres Geschütz auf: Spätestens bei einem Angriff auf die Krim, so sei zu befürchten, werde Putin „zu einem maximalen Gegenschlag“ ausholen. Dieser Einfall ist merkwürdig, denn tatsächlich steht ein Angriff auf die Krim weder bevor noch überhaupt zur Debatte. Allen einigermaßen realpolitisch denkenden Beobachtern, Herrn Selenskij eingeschlossen, ist klar, dass die Ukraine die Krim eben wohl nicht zurückerhalten wird.

Die Befürchtung der beiden Putinversteherinnen sollte denn auch lediglich dazu dienen, einen weiteren Teufel an die Wand zu malen: Unaufhaltsam könnten wir so „auf einer Rutschbahn“ in einen Weltkrieg und Atomkrieg schlittern. Schließlich wäre es „nicht der erste große Krieg, der so begonnen hat“. Aber, dieser Hinweis darf nicht fehlen, „es wäre vielleicht der Letzte“.

In ihrer grundsätzlichen militärischen Lagebeurteilung sind sich beide Damen sicher: Zwar könne die Ukraine, unterstützt durch den Westen, einzelne Schlachten gewinnen, nicht aber einen Krieg gegen die größte Atommacht der Welt. Auch General Milley, der höchste militärische Befehlshaber der USA, spreche „von einer Pattsituation, in der keine Seite militärisch siegen und der Krieg nur am Verhandlungstisch beendet werden kann“. „Warum dann nicht jetzt, sofort!“ beeilen sich Schwarzer und Wagenknecht zu fordern – und blenden aus, dass zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei Bereitschaft zu Verhandlungen besteht, auf beiden Seiten.

Aber sie hatten ja ausdrücklich offen gelassen, was denn jetzt solidarisch wäre, worin zum gegenwärtigen Zeitpunkt unsere Solidarität mit der Ukraine bestehen sollte. Hier kommt nun die verdeckte Argumentationsstrategie der beiden Friedensstifterinnen ins Spiel. Wenn die Ukrainer nicht verhandeln wollen, weil es das Ziel von Präsident Selenskij ist, „Russland auf ganzer Linie zu besiegen“, dann müssen eben die Waffenlieferungen des Westens gestoppt werden. Die unausgesprochene Schlussfolgerung: Dann wird die Ukraine gezwungen sein zu verhandeln.

„Verhandeln“, wird Selenskij ins Stammbuch geschrieben, bedeute ja nicht „Kapitulieren“, sondern Kompromisse schließen, auf beiden Seiten. Mit dem ehrenwerten Ziel, weitere Hunderttausende Tote und Schlimmeres zu verhindern. So definieren die beiden Damen den rechten Weg für die Ukraine, und so denke auch die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Daher sei der Kanzler jetzt in die Pflicht zu nehmen und an seinen Schwur zu erinnern, Schaden vom deutschen Volk zu wenden. „Jetzt“, unverzüglich, müsse er die Eskalation der Waffenlieferungen stoppen.

Denn darin, das ist die gemeinsame Botschaft der Linken und der Feministin, besteht die wahre Solidarität mit der Ukraine. Wenn man die empfohlene Strategie zuende denkt, kann man es nur als perfide empfinden, sie als Solidarität mit der Ukraine verkaufen zu wollen. Und übrigens: so denkt die Hälfte der deutschen Bevölkerung mitnichten!

Außerdem:

ChatGPT, schreibe einen passenden Text für „Denkraum“

„Der Blog Denkraum auf WordPress.com bietet eine Plattform für tiefgründige Gedanken und Analysen. Hier finden Leser Artikel zu einer Vielzahl von Themen, die dazu anregen, über den Tellerrand hinauszublicken und neue Perspektiven zu entwickeln. Ob es um gesellschaftliche Themen, politische Analyse oder um persönliche Reflektionen geht, der Blog „Denkraum“ regt zum Nachdenken an und lädt seine Leser ein, Teil einer Community zu werden, die sich für Tiefe und Verständnis einsetzt.“

Viel besser hätte ich es auch nicht sagen können…

Außerdem:

Die anmaßenden Promi-Mahnungen an Olaf Scholz

Da schreiben 28 Prominente – „Intellektuelle und KünstlerInnen“ – einen Offenen Brief an den sehr geehrten, später gar „sehr verehrten“ Herrn Bundeskanzler. Einen Brief, in dem sie ihn für seine Besonnenheit loben, mit der er in der Vergangenheit die Risiken bedacht habe, die der Ukraine-Krieg mit sich bringt: die Risiken einer Ausweitung auf ganz Europa, auch eines 3. Weltkrieges, ja sogar „das Risiko der Ausbreitung des Krieges innerhalb der Ukraine“ selbst. Man hoffe nun – offenbar angesichts der jüngst zugesagten Lieferung von Gepard-Panzern – der Kanzler werde sich wieder „auf seine ursprüngliche Position besinnen und nicht, weder direkt noch indirekt, weitere schwere Waffen an die Ukraine liefern“. Man bitte ihn „im Gegenteil dringlich, alles dazu beizutragen, dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann; zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können“.

Schon hier wird die bemerkenswerte Naivität der besorgten Promis deutlich: Es wird ein Gegensatz konstruiert zwischen den Waffenlieferungen und den Bemühungen um einen Waffenstillstand. Dieser Gegensatz existiert nicht. Dass eine militärisch gestärkte Ukraine den Tyrannen im Kreml eher kompromissbereit macht als eine schwache, das vermögen sich die Autoren offensichtlich nicht vorzustellen.

Zwar konzedieren sie „eine prinzipielle politisch-moralische Pflicht (…), vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen“. Das habe aber „Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik“ (man merkt, hier formulieren Intellektuelle), und zwei dieser Grenzen seien jetzt erreicht. Zum einen „das kategorische Verbot, ein manifestes Risiko der Eskalation dieses Krieges zu einem atomaren Konflikt in Kauf zu nehmen. Die Lieferung großer Mengen schwerer Waffen könnte (…) Deutschland selbst zur Kriegspartei machen“. Daraufhin könnte „ein möglicher russischer Gegenschlag (…) den Beistandsfall nach dem NATO-Vertrag und damit die unmittelbare Gefahr eines Weltkriegs auslösen“.

Unabhängig davon, ob der Kremlchef die völkerrechtliche Zulässigkeit von Waffenlieferungen an die Ukraine respektiert, wird dieses Szenario nicht eintreten. Warum sollten Putin, seine Freunde und Komplizen – der smarte Herr Medwedjew zum Beispiel oder die Oligarchen, die Milliardäre und Yachtbesitzer, all die Reichtumstreber und Lebemänner, warum sollte diese russische Führungsclique herbeiführen, ihr Leben unter den Bedingungen eines Weltkriegs fortzusetzen? Das ist absurd.

Natürlich drohen sie mit ihren Atomraketen, denn derartige Drohungen sind eine einfach zu handhabende, zudem kostenlose Waffe, die im Westen als scharfes Schwert wahrgenommen wird. Diese Wirkung entfaltet sie aber nur dann, wenn sie bei uns verfängt. In dem Moment, in dem wir die Andeutung eines atomaren Weltkriegs als leere Drohung wahrnehmen und uns davon nicht in Angst und Schrecken versetzen lassen, wird das Schwert stumpf.

Sodann begeben sich die Prominenten in ihrem Appell in die Untiefen der Moralphilosophie. Die zweite jetzt erreichte Grenzlinie, so erklären sie, sei „das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung“. Irgendwann stehe „der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor (…) dazu in einem unerträglichen Missverhältnis.“

Und es sei eben ein Irrtum, „dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren ‚Kosten‘ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit (der ukrainischen) Regierung“ falle, denn: „Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur“, also allgemeingültig. Will heißen: Auch der deutsche Bundeskanzler steht dafür mit in der Verantwortung.

Im Klartext: „Scholz, es ist Deine moralische Pflicht, dem Selensky klar zu machen, in diesem Krieg gibt es einfach zu viel zivile Tote! Die wiegen schwerer als das Interesse der Ukrainer, ihr Land zu verteidigen.“

Es sind aber nicht Betroffene aus der ukrainischen Zivilbevölkerung, die ihrer Regierung dies zu bedenken geben – hier appellieren deutsche Intellektuelle, nur aus dem Fernsehen mit dem Geschehen vertraut, an den deutschen Bundeskanzler, in diesem Sinne zu intervenieren. Welch eine Anmaßung!

Die Begründung und Geltung moralischer Normen wird von den Ethikern durchaus unterschiedlich gesehen, was Gegenstand tiefgehender Debatten innerhalb der betreffenden Fachdisziplin ist, der Metaethik. Ob die von den 28 Prominenten postulierte moralische Norm im Fall des Ukrainekriegs einschlägig wäre und handlungsleitend sein sollte, dürfte auch unter Experten strittig sein. Darauf aber auch unseren Bundeskanzler moralisch verpflichten zu wollen, das fällt gewiss nur deutschen Intellektuellen ein.

Außerdem:

  • Inzwischen gibt es einen zweiten Offenen Brief an den Bundeskanzler. Intellektuelle um den Publizisten Ralf Fücks plädieren für die kontinuierliche Lieferung von Waffen an die Ukraine..
  • Der Offene Brief der 28 Prominenten löste ein breites, überwiegend sehr kritisches Echo aus.
  • Der wohl eindrucksvollste Kommentar stammt von dem Hamburger Musiker und Autor Wolfgang Müller. Unter der Überschrift „Ukraine: Der offene Brief in der “Emma” und warum “Aufrüstung ja oder nein” die falsche Frage ist“ veröffentlichte er ihn zunächst in seinem eigenen Blog, bevor er von anderen Medien verbreitet wurde, u.a. von Spiegel Online.
  • Genau genommen ist es weit mehr als ein Kommentar, vielmehr eine sehr persönliche, authentische, differenzierte und kluge Reflexion über die innere Haltung, die wir zum Krieg Putins gegen die Ukraine einnehmen sollten. Mit einer Verneigung vor dem Verfasser dokumentiert der Denkraum die wichtigsten Auszüge aus dem Text.

„(…) Bei der Frage, ob wir aufrüsten müssen, oder Waffen an die Ukraine liefern, rückt die eigentliche Frage völlig in den Hintergrund – nämlich die, wer wir sein wollen. Wie wir leben wollen: In Angst oder in Würde.

Was mit der Ukraine passiert, ist das staatliche Äquivalent zu einer Vergewaltigung durch den Ex-Mann, mit angedrohter Vernichtung bei Gegenwehr. Dass ausgerechnet eine Feministin wie Alice Schwarzer vor diesem Hintergrund die Empfehlung ausspricht, lieber nicht zu arg zu helfen, um dem Gewalttäter keinen Vorwand für einen dritten Weltkrieg zu liefern, respektive das Vergewaltigungs-Opfer als mitverantwortlich für einen drohenden Massen-Mord durch seine provozierende Gegenwehr zu brandmarken, ist zumindest bemerkenswert. Insbesondere, da es eine bedeutende Zahl tatsächlicher Vergewaltigungen in diesem Krieg gibt.

Auch wenn in diesem offenen Brief auf das Leid der ukrainischen Zivilgesellschaft referenziert wird, das enden sollte (als ob es das nach einer Kapitulation tun würde), scheint die Hauptangst die um das eigene Wohlergehen zu sein. Salopp formuliert: Schatz, mach lieber die Beine breit, sonst schlachtet er dich und unsere ganze Familie ab.

Der wohl perfideste Satz in diesem Brief ist die Warnung vor dem “Irrtum, dass die Verantwortung für die Gefahr einer Eskalation zum atomaren Konflikt allein den ursprünglichen Aggressor angehe und nicht auch diejenigen, die ihm sehenden Auges ein Motiv zu einem gegebenenfalls verbrecherischen Handeln liefern.” Das ist Täter-Opfer-Umkehr in Reinkultur.

Dazu kommt: Die Idee, dass durch angstvolles Agieren diese Bedrohung abgewendet werden könnte, ist völlig absurd. In russischen Medien, und auch von russischen Offiziellen wird schon seit einiger Zeit Deutschland als Nazi-regiert dargestellt, angefangen von angeblichen Biowaffen Laboren vom Bernhard-Nocht-Institut in der Ukraine bis hin zu der Behauptung, der 2. Weltkrieg hätte nie aufgehört und Deutschland wäre nach wie vor ein faschistisches Land. Es liegt also offen auf der Hand, dass wir als legitimes Angriffsziel markiert werden, völlig unabhängig davon, wie wir uns verhalten oder nicht. Und zwar einzig und alleine aus dem Grund, weil wir als demokratisches und wirtschaftlich mächtigstes Land der EU das größte Hindernis für eine russische Dominanz auf dem eurasischen Kontinent darstellen. Wir könnten uns gar nicht so sehr verzwergen, um nicht aus dem Weg geräumt werden zu müssen für russische Großmachtsfantasien.

Von Anfang an war der Krieg in der Ukraine von Russland in mehreren Aussagen der russischen Führung als Auftakt zu einem Krieg gegen den Westen definiert. Dieses Ziel wird nicht verschwinden, wenn wir hundert Mal erklären, dass wir wirklich keine Bedrohung sein wollen und auf gar keinen Fall einen Atomkrieg möchten. Und ganz sicher nicht, wenn wir uns auf den Boden legen, unseren Bauch zeigen und klar signalisieren, dass wir uns nicht wehren werden, egal was passiert.

Die brennende Angst, dass man selber Opfer werden könnte, muss umgewandelt werden in die klare, aber ruhige Erkenntnis, dass man längst ein markiertes Ziel ist und diese Markierung auch durch noch so viel Appeasement nicht abwaschen kann. Die Frage, ob die Unterzeichner dieses offenen Briefs auch dann noch unterschreiben würden, wenn nicht Kiew sondern Berlin bombardiert werden würde, und die reale Gefahr der Vergewaltigung und Auslöschung der eigenen Familie, der eigenen Kinder besteht, sei mal dahin gestellt. Ich habe meine Zweifel, dass Juli Zeh dann einen Brandbrief an die Amerikaner schreiben würde, lieber nicht einzugreifen, weil sonst alles nur viel schlimmer werden würde. (…)

Wer die Lieferung schwerer Waffen zur reinen Landesverteidigung für Leib und Leben gegen einen übermächtigen Aggressor als Eskalation brandmarkt, hat jeden moralischen Kompass verloren. Man darf sagen, dass man eine Heidenangst vor der eigenen Courage hat, ja. Man darf auch sagen, dass man lieber feige und lebendig als mutig und tot wäre, auch das ist nachvollziehbar und menschlich. Man sollte es aber nicht als friedliebenden Pazifismus verkaufen, denn de facto wäre das in diesem Fall ein Kotau vor dem Recht des Stärkeren, oder wie Desmond Tutu sagte: “Wenn du in Situationen der Ungerechtigkeit neutral bist, hast du die Seite des Unterdrückers gewählt.” Das kann realpolitisch manchmal notwendig sein, aber sollte ganz sicher nicht zur Handlungsmaxime erhoben werden.

Darüber hinaus: Wer sich hinstellt und sagt, dass der Krieg mit Waffenlieferungen nur verlängert werden würde, verkennt, dass es sich vermutlich genau umgekehrt verhält: Wer zu erkennen gibt, dass er sich niemals wehren wird, ist ein attraktives Ziel.

Ich habe große Angst, dass der Krieg sich ausbreitet, und wir wirklich einen dritten Weltkrieg erleben. Aber noch größere Angst habe ich davor in einer Welt zu leben, in der Demokratien aus Angst vor Faschisten die Segel streichen. Die Drohung mit Atomwaffen ist so entsetzlich, dass sie gleichzeitig irrelevant wird. Wie der Tweet, den Sascha Lobo schon in seinem hervorragenden Essay zum Lumpenpazifismus zitierte, ausdrückt: “Weil wir nicht genau wissen, was Russland alles als Kriegserklärung verstehen könnte, habe ich mich entschieden die Spülmaschine heute nicht auszuräumen.” Wenn Russlands Drohung, Atomwaffen einzusetzen, einmal Wirkung zeigt, wird sie immer wieder ausgesprochen werden, und früher oder später wird der Punkt kommen, an dem man es drauf ankommen lassen muss, will man nicht alles verlieren. Dann besser jetzt. Es ist meiner Meinung nach keine Alternative, zurückzuweichen, denn das Endziel ist erklärtermaßen die Vernichtung der freien Welt.

Womit wir wieder bei der Ursprungsfrage wären: Wie wollen wir leben? Und im Zweifel – wie wollen wir sterben? Für alle in Westdeutschland aufgewachsenen Menschen erschien diese Frage lange Zeit reserviert für billige Filmplots, aber tatsächlich stellt sich diese Frage für sehr viele Menschen auf der Welt jeden Tag. Israel wird seit seiner Gründung durchgehend mit Vernichtung gedroht. Warum sollten wir davon ausgenommen sein? Warum sollte es uns besser ergehen als den Ukrainern? Wir haben uns daran gewöhnt, dass die quälendste Frage lautet, wohin wir wohl dieses Jahr in den Urlaub fliegen und ob wir 2 oder 4 Prozent Wirtschaftswachstum haben. Dass der Tag kommen könnte, an denen man tatsächlich etwas für seine Ideale opfern müsste, für Freiheit, für Selbstbestimmung, kommt uns völlig fremd vor. Fast schon peinlich möchtegern-heroisch.

Wir sind den Umgang mit Fanatikern nicht mehr gewohnt, und das macht die Situation so gefährlich. Viele denken, mit einem guten Gespräch und einem dicken Scheckbuch lässt sich eigentlich jedes Problem lösen, mit ausreichend gutem Willen, und können sich nicht mehr vorstellen, dass es Menschen gibt, die tatsächlich weder an Schecks noch an Gesprächen interessiert sind, sondern ausschliesslich an Ideologie, Dominanz und Gewalt. Die keinen Ausgleich wollen, sondern einen totalen Sieg. Mit jemandem, dessen erklärtes Ziel die Vernichtung der Gegenseite ist, lässt sich schwerlich verhandeln. Und der kann auch nicht mit Zurückhaltung besänftigt werden. (…)

“Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.” Und wenn man das einmal wirklich in letzter Konsequenz begriffen hat, fällt die Entscheidung, was man tun sollte, nicht mehr schwer.“

„Die Fehler des Westens“ – Panorama-Beitrag zum Ukraine-Konflikt

Aus Anlass der gegenwärtigen Zuspitzung des Konflikts zwischen Russland und dem Westen um die Ukraine hier noch einmal ein äußerst aufschlussreicher Panorama-Beitrag aus dem Januar 2015,

„Wer umzingelt hier eigentlich wen?“ war die Ausgangsfrage von Moderatorin Anja Reschke, und neben den früheren Außenministern James Baker (USA) und Alexander Bessmertnych (Russland) konnten sich so vernünftige Leute dazu äußern wie der ehemalige Genscher-Mitarbeiter und Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger, Kohl-Berater Horst Teltschik („Wir haben viele Chancen verschlafen“) und – mit bemerkenswerter Offenheit – der frühere Nato-General Harald Kujat. Sehenswert!

Außerdem:

… mal wieder ein wenig Lyrik

Mein Phänomen

Wir Menschen lieben klare Sachen,
wir streben nach Eindeutigkeit.
Ein sich’res Bild will man sich machen,
das einfach, nützlich und gescheit.

Dem keine Zweifel innewohnen,
das wahr von falsch trennt, gut von schlecht,
sich fügt in unsere Denkschablonen
und ist stets völlig sachgerecht.

Wie anders nun mein Phänomen…

Es lässt sich kaum beschreiben –
ach, könntest Du ’s doch einmal sehen
in seinem bunten Treiben.

Das Phänomen bewegt sich viel,
leicht wie ein Schwalbenschwanz.
Oft wechselt es dabei sein Ziel –
ein Schmetterling im Tanz.

Es hat dies jugendliche Flair,
irgendwie alterslos.
Kommt meistens eher leger daher,
bisweilen burschikos.

Ein zarter Hauch von Anarchie
umweht den bunten Falter,
beflügelt sanft die Phantasie
in jedem Blütenalter.

Wenn, sollte sich das so ergeben,
es mal in Deine Nähe schwebt,
wie würde es Dich gleich beleben –
auf’s Feinste wärst Du angeregt.

Gefühle, die Du längst vergraben,
sie blühten plötzlich wieder auf.
Ein Jungbrunnen für ält’re Knaben?
Vielleicht. Du wärst verdammt gut drauf…

Ihr habt nun manches schon verstanden
von mir und meinem Phänomen.
Ich hoff‘, es kommt mir nicht abhanden,
ich möcht‘ es gern bald wiedersehen.

Doch lebt es schrecklich weit entfernt
von dort, wo ich jetzt wohne.
Falls Ihr es einmal kennenlernt,
in Köln, grüßt mir _ _ _.

M.W.

Nachtrag 2023

Leider ging die Sache nicht gut aus. Sie bewegte sich in einem emotionalen Feld, in dem sich schließlich auch Dritte von ihr affiziert fühlten. Nun kamen Wettbewerb, Macht und Schuldzuweisung ins Spiel. Dem waren die Protagonisten nicht gewachsen. Sie wünschten sich viel Glück und sagten sich adé…

Klimakatastrophe unabwendbar, allenfalls zu verlangsamen

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Es ist die Inventur der Klimaforschung, und ihr Ergebnis fällt erschütternd aus: Alle sechs Jahre werten Forscherinnen und Forscher aus der ganzen Welt die wissenschaftlich relevanten Studien zum Klimawandel aus. In dem an diesem Montag veröffentlichten ersten Teil des sechsten Sachstandsberichts hat der Uno-Weltklimarat erneut eine Prognose für die Zukunft abgegeben – sie ist präziser als die vorherige und hält schlechte Nachrichten parat.

Demnach könnte der Anstieg der globalen Mitteltemperatur von 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits früher erreicht werden als bisher angenommen. Mit einer hohen Wahrscheinlichkeit wird damit das im Pariser Klimaabkommen festgehaltene Erwärmungslimit bereits in den frühen Dreißigerjahren erreicht, heißt es in dem ersten Teilbericht. In dem Uno-Abkommen haben sich die Staaten verpflichtet, die weltweite Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter auf deutlich unter zwei Grad, »möglichst« sogar unter 1,5-Grad zu halten. Je nach Szenario werden die 1,5-Grad aber bis allerspätestens 2040 überschritten.

Allein für den ersten Teilbericht des aktuellen IPCC-Reports werteten die Forscher Tausende Klimastudien aus. Die Datenmenge ist so hoch, dass der Uno-Weltklimarat den Stand der Klimaforschung in drei Arbeitsgruppen abhandelt.

Im IPCC-Sonderbericht von 2018 hieß es noch, dass die 1,5 Grad zwischen 2030 und 2052 eintreten würden, wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht drastisch reduziert werde – die Zeitspanne war also noch deutlich größer.

aus Spiegel Online, 09.08.2021

Sie wussten es alle – und führten uns sehenden Auges in die Katastrophe.

Wen wählen? Natürlich diejenigen, die nicht die Augen verschlossen, sondern die Zeichen seit langem erkannt und unermüdlich gewarnt haben. Auch wenn die Journaille sie jetzt wg. Petitessen madig zu machen versucht.

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„Die Küche brennt, aber den Rest des Hauses könnten wir durchaus noch retten – wenn wir endlich handeln. Gegen das, was bevorsteht, wenn wir nichts tun, ist die Pandemie, in all ihrer Schrecklichkeit, ein Hickser der Menschheitsgeschichte. (…)

Um es mit Uno-Generalsekretär António Guterres zu sagen: »Der Bericht muss die Totenglocke für Kohle und andere fossile Brennstoffe sein, bevor sie unseren Planeten zerstören.« Die derzeitige Bundesregierung möchte gern noch 17 weitere Jahre lang Kohle verfeuern lassen. Also über den Zeitpunkt hinaus, zu dem wir dem IPCC zufolge bereits 1,5 Grad Erderhitzung überschritten haben werden.

Die Küche brennt, der Flur ist voller Qualm, er erreicht bald die Kinderzimmer. Die Bundesregierung kippt noch ein bisschen Sprit in den Flur.

Die Eltern sind noch längst nicht wütend genug.“

Spiegel Online, 15.08.21

Katholische Kirche: Endlich ein Paukenschlag!

In einem Schreiben vom 21. Mai 2021 hat Reinhard Kardinal Marx, Erzbischof von München und Freising, Papst Franziskus gebeten, seinen Rücktritt vom Amt des Erzbischofs anzunehmen. Er wolle mit diesem Schritt Mitverantwortung übernehmen „für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten“.

Seinem Eindruck nach sei die Kirche an einem „toten Punkt“. Die Krise sei auch „durch unser eigenes Versagen, durch unsere Schuld“ verursacht. „Durch Schweigen, Versäumnisse und zu starke Konzentration auf das Ansehen der Institution“ empfinde er persönliche Schuld und Mitverantwortung.

Es habe jedoch „auch institutionelles oder ’systemisches‘ Versagen“ gegeben. Manche in der Kirche wollten „gerade dieses Element der Mitverantwortung und damit auch Mitschuld der Institution nicht wahrhaben“ und stünden deshalb „jedem Reform- und Erneuerungsdialog im Zusammenhang mit der Missbrauchskrise ablehnend gegenüber“. Mit seinem Amtsverzicht wolle er „ein persönliches Zeichen“ setzen „für neue Anfänge, für einen neuen Aufbruch der Kirche“.

In einer persönlichen Erklärung anlässlich der vom Papst genehmigten Veröffentlichung seines Rücktrittsschreibens fügt der Kardinal hinzu, als Bischof trage er „eine institutionelle Verantwortung für das Handeln der Kirche insgesamt, auch für ihre institutionellen Probleme und ihr Versagen in der Vergangenheit“. Mit Sorge sehe er in den letzten Monaten eine Tendenz, „die systemischen Ursachen (…) auszuklammern und die Aufarbeitung auf eine Verbesserung der Verwaltung zu reduzieren“. Es gehe jedoch „mehr noch um die Frage nach einer erneuerten Gestalt der Kirche und eine neue Weise, heute den Glauben zu leben und zu verkünden“.

Nach dem unwürdigen Schauspiel, das der Kölner Kardinal Woelki seit Wochen der Öffentlichkeit darbietet, ist dieser mutige Schritt von Kardinal Marx, der weit über die katholische Kirche hinaus hohes Ansehen genießt, ein Paukenschlag! Mit seinem Rücktrittsgesuch lenkt der Kardinal die Aufmerksamkeit auf die kollektive Verantwortung der Kirche als Institution und somit auch der Amtsträger, die diese Institution in den vergangenen Jahrzehnten geführt haben, ohne die Katastrophe des Missbrauchs zu verhindern oder zumindest umfassend aufzuarbeiten. Marx‘ Rücktritt könnte das Potenzial haben, endlich die überfälligen, grundlegenden Reformen dieser unzeitgemäßen und hochproblematischen Institution Katholische Kirche anzustoßen.

Die ganze Krux dieser Kirche erkennt man indes an der von Marx verwendeten Grußformel seines Schreibens an „Seine Heiligkeit“: „Oboedientia et Pax und oremus pro invicem“, also „Gehorsam und Friede und beten wir für einander“, und dann abschließend noch einmal „Ihr gehorsamer…“

Wie in allen Institutionen, in denen Gehorsam oberstes Gebot ist, in diesem Fall Gehorsam gegenüber einem lebensfremden, bigotten Regelwerk, gestützt durch eine streng hierarchische Ordnung, blüht auch in der Katholischen Kirche unter der Decke der Ungehorsam, bricht sich das Unterdrückte Bahn. Das schadet dem Ansehen, daher wird es vertuscht. Man schaut weg und schweigt. Wenn er dem Heiligen Vater gegenüber auch die Form wahrt – dabei will Kardinal Marx immerhin nicht mehr mitmachen.

Zu Weihnachten Bergamo in Deutschland?

Bergamo – das ist diese wunderschöne Stadt in Norditalien, die im Frühjahr von einer Katastrophe heimgesucht wurde. Man hatte die Kontrolle über die Ausbreitung des Corona-Virus verloren, und die Intensivstationen der Stadt waren mit Covid-Patienten derart überfüllt, dass die Ärzte entscheiden mussten, wen man noch fachgerecht behandeln könnte und wer wegen seiner schlechteren Prognose aufgegeben werden musste. Wir lernten damals den wohlklingenden französischen Begriff „Triage“ für dieses Ausleseverfahren kennen, mit dem Ärzte die medizinischen Ressourcen, wenn sie nicht für alle Kranken ausreichen, denjenigen mit den besten Überlebenschancen zuteilen. Großzügig übernahmen deutsche Krankenhäuser damals einige Schwerkranke aus Norditalien. In jenen Wochen starben in Bergamo so viele Menschen an der Seuche, dass Lastwagen der italienischen Armee ihre Särge auf Krematorien in ganz Nord- und Mittelitalien verteilen mussten.

Und nun, ein halbes Jahr später, in der von Fachleuten einhellig vorhergesagten zweiten Pandemie-Welle, stehen einige deutsche Regionen am gleichen Punkt wie Bergamo im Frühjahr. Wer hätte sich das damals vorstellen können? Uns Deutschen, in der ganzen Welt bekannt für unsere disziplinierte Vernunft, unseren nüchternen Realismus, unser kluges, weitsichtiges Vorausplanen, uns läuft jetzt, zwei Wochen vor Weihnachten, die Seuche komplett aus dem Ruder. Obwohl es möglich ist, eine Pandemie erfolgreich zu bekämpfen, haben auch wir die Kontrolle nun weitgehend verloren. Genauer gesagt, haben wir sie sehenden Auges aus der Hand gegeben,

Eine Pandemie ist ein klassischer Fall für die Notwendigkeit staatlicher Gesundheitsvor- und fürsorge. Das Risiko jedes Einzelnen von uns, sich anzustecken, ist umso größer, je weiter der Virus in der Bevölkerung verbreitet ist. Also teilen wir alle das Interesse, seine Verbreitung einzudämmen und zu verringern. Dies gelingt jedoch nur, wenn alle kooperieren.

Die winzigen, unsichtbaren Schädlinge werden mit der Atemluft der Virusträger an die nähere Umgebung abgegeben. Zwar verdünnt sich die Viruswolke mit wachsender Distanz, unschädlich wird sie aber erst in einer Entfernung, die unserem üblichen räumlichen Abstand voneinander im Lebensalltag nicht entspricht. Unter Pandemiebedingungen bedarf es in unserem alltäglichen Umgang miteinander also einer ungewohnt weiten räumlichen Distanzierung. Diese und weitere Schutzmaßnahmen erfordern ein regelgeleitetes, koordiniertes Handeln der gesamten Bevölkerung, und das kann allein der Staat veranlassen und organisieren.

Es liegt in der Natur der Sache, dass die hoheitlich verordneten Restriktionen mit der Einschränkung einiger unserer individuellen Freiheitsrechte verbunden sind, und das mögen wir bekanntlich überhaupt nicht. Die Freizügigkeit soll uns beschnitten werden, also das Recht, uns innerhalb unseres Landes frei zu bewegen und unseren Aufenthaltsort zu bestimmen; wir dürfen uns nicht mehr nach Belieben versammeln, und sogar in die eigentlich unverletzliche Privatspäre unserer Wohnung, von Artikel 13 unseres Grundgesetzes besonders geschützt, greift der Staat ein und maßt sich an zu bestimmen, wieviel Gäste wir dort allenfalls empfangen dürfen.

All diese staatlichen Eingriffe in unsere Freiheitsrechte haben verhältnismäßig zu sein – sie müssen also einen legitimen öffentlichen Zweck verfolgen und zudem geeignet, erforderlich und angemessen sein. Aber welche Maßnahmen sind erforderlich und angemessen, wenn sich 30.000 Menschen pro Tag neu mit dem Virus infizieren und 600 im gleichen Zeitraum daran sterben? Diese lawinenartige Ausbreitung der Seuche bekommen wir in diesem Stadium nur noch in den Griff, sagen uns die Wissenschaftler, wenn wir unser soziales Leben weitestgehend einschränken und alle nicht unbedingt notwendigen Kontakte und Begegnungen unterlassen.

Dies kollidiert natürlich gravierend mit wesentlichen Bedürfnissen und Interessen aller gesellschaftlichen Bereiche und jedes Einzelnen von uns. Daher bedarf es einer Güterabwägung: Weiterhin täglich 30.000 Neuerkrankungen und einen Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems akzeptieren, von den 600 Toten pro Tag nicht zu reden, oder das private Leben drastisch einschränken und das öffentliche Leben fast zum Erliegen bringen? Zwei Wochen vor Weihnachten, womöglich bis weit in den Januar hinein. Das ist die Alternative, vor der wir stehen. Wir wissen, setzen wir den Mittelweg der halbherzigen Restriktionen fort, führt dies weiterhin zu Tausenden um Luft ringende Schwerkranke, von denen viele nicht überleben und viele andere schwere, langwierige gesundheitliche Beeinträchtigungen davontragen werden. Andererseits: Ein harter Lockdown, vielleicht vier bis sechs Wochen lang, würde neben erheblichen anderen Misslichkeiten große finanzielle Verluste mit sich bringen und den Steuerzahler auf Jahre hinaus zusätzlich belasten.

Aber schon immer haben die Menschen Seuchen mit allen jeweils verfügbaren Mitteln bekämpft. Und heute ist nur der sofortige Shutdown ein wirksames Mittel gegen das weitere Wüten der außer Kontrolle geratenen Pandemie. Halbherzige Maßnahmen haben sich als unwirksam erwiesen. Sie kommen also nicht in Betracht.

Bergamo übrigens hat verstanden, Länder wie Irland und Neuseeland auch. Während bei uns diskutiert und rumgeeiert wird, hat man dort die gefährliche Entwicklung in den Griff bekommen. Es geht also – wenn auch nur mit drastischen Maßnahmen. Hätten unsere Politiker diese schon früher eingeleitet, mutig und beherzt, wären wir in die jetzige Lage gar nicht gekommen.

Wenn nicht sofort konsequent gehandelt und das öffentliche und soziale Leben weitgehend heruntergefahren wird, dann haben wir bei uns zu Weihnachten die gleichen Verhältnisse wie Bergamo im Frühjahr. Das möge man unter allen Umständen verhindern.

Außerdem:

Wie eine COVID-19-Erkrankung das Leben eines berühmten Virologen veränderte“Denkraum, 19. Mai 2020

Philosophie der Pandemie Warum wir die Coronakrise noch immer nicht begreifen – Spiegel, 18.01.2021
Die Coronakrise ist eine Naturkatastrophe – leider verstehen das noch immer viele nicht. Warum? Es liegt in der Natur des Menschen, sagt Philosophieprofessor Albert Newen.

Wie Deutschland schon im März fast coronafrei werden kannCaroline Ring – Tagesspiegel, 04.02.2021

Mitte Februar könnte die Inzidenz unter die 50er-Marke sinken. Dennoch fordern Wissenschaftler eine Verlängerung der harten Maßnahmen. Sie haben gute Gründe.

Null-Fälle-Strategie soll Deutschland aus der Corona-Krise führenFlorian Schumann und Sven Stockrahm – Zeit, 18.01.2021

Infektionen auf null bringen und konsequent eindämmen: Führende Forscher schlagen der Kanzlerin einen No-Covid-Plan vor.

„Wie eine COVID-19-Erkrankung das Leben eines berühmten Virologen veränderte“

Medscape ist eine internationale medizinische Webseite, die sich primär an Fachkreise richtet. In der Ausgabe vom 19. Mai 2020 findet sich ein eindrucksvoller Bericht des renommierten belgischen Virologen Prof. Peter Piot über seine eigene COVID-19-Erkrankung.

„Ärzte kennen Prof. Dr. Dr. Peter Piot (Vitavor allem als Mit-Entdecker des Ebolavirus in Zaire im Jahr 1976 und als Initiator früher HIV/AIDS-Hilfsprogramme in den 1980er-Jahren. Der Forscher lebt in England und ist Leiter der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Der Virologe erkrankte vor einigen Wochen an COVID-19. Im Gespräch mit der belgischen Zeitschrift Knack berichtet er über seine Erfahrungen – und über Lehren, die man aus der Pandemie ziehen sollte. (…)

Eineinhalb Stunden lang erzählt er – zunächst zögernd, weil es eine emotionale Erfahrung war und er kein emotionaler Mensch ist, wie er sagt. Er berichtet, wie ihn die Krankheit beeinflusst hat und äußert seine Sorge darüber, dass viele Menschen die Auswirkungen des Coronavirus auf unsere Gesellschaft unterschätzen.“

Angesichts der „Pandemie“ der im Netz verbreiteten Falschinformationen zu COVID-19 und der Welle von Demonstrationen gegen die staatlichen Infektionsschutzmaßnahmen wird die Lektüre dieser sehr persönlichen Schilderung des 71-jährigen Arztes über seine Erfahrungen während seines Krankheitsverlaufs wärmstens empfohlen.

Da der betreffende Medscape-Artikel jedoch nur Angehörigen der Heilberufe zugänglich ist, hier einige wesentliche Auszüge:

Lies den vollständigen Beitrag »