Queere Menschenwürde – unwichtig für den Verfassungsschutz?

Queerfeindlichkeit scheint im aktuellen Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD nahezu gar keine Rolle zu spielen.

Zur Einordnung der Partei als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ stellt das Gutachten die Negierung der Menschenwürde ins Zentrum der Argumentation. Hetze gegenüber Migrantisierten, Rassismus und Antisemitismus werden unter diesem Aspekt – zu recht – sehr ausführlich behandelt. Wer die Menschenwürde dieser betroffenen Gruppen systematisch verneint und unterhöhlt, so die Argumentation, verlässt damit den Rahmen des Grundgesetzes und richtet sich aktiv gegen die freiheitliche Grundordnung.

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Bücherverbrennung

Als Höhepunkt der „Aktion wider den undeutschen Geist“ verbrannten die Nazis am 10. Mai 1933 auf dem damaligen Opernplatz in Berlin tausende von Büchern. Heute werden wieder Namen wie Tucholsky, Brecht, Kästner und Freud fallen, um an die Opfer dieser Kulturauslöschung zu erinnern.

Nur selten wird ein anderer Name fallen: Magnus Hirschfeld. 1919 hatte er in Berlin das Institut für Sexualwissenschaft als weltweit erste Einrichtung dieser Art gegründet. Das Institut verfügte über Beratungs- und ärztliche Behandlungsräume, Labore, einen Kino- und Hörsaal, Ausstellungsräume, ein Filmatelier und nicht zuletzt die größte sexualwissenschaftliche Bibliothek der Welt. Es diente als Forschungs-, Aufklärungs- und Fortbildungsstätte. In erster Linie fanden Ehe- und Sexualberatungen und öffentliche Aufklärungsvorträge statt.

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Spielt keine Rolle? Zur Besetzung queerer Figuren im Schauspiel

Alle können alles spielen. In einer idealen Welt wäre das so. Aber die filmischen Darstellungen queerer Personen waren viele Jahrzehnte lang ausschließlich von negativen Klischees und zu großen Teilen sogar von grotesken Feindbild-Zeichnungen geprägt. Diese Verzerrungen wabern weiter munter in unserer Gesellschaft umher. Und jetzt sollen wir glauben, dass das alles heute vorbei ist, dass nicht-queere RegisseurInnen, AutorInnen und nicht zuletzt DarstellerInnen heute frei von dieser Vorgeschichte und diesen kulturell verankerten Klischees arbeiten können, wenn sie nur guten Willens sind, ein paar Bücher gelesen und ausführlich mit queeren Menschen geredet haben?

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Divers – ein Begriff auf Abwegen

Der Begriff „divers“ galoppiert gerade in eine komische Richtung. Ich glaube, wir müssen ihn wieder einfangen, denn diese Richtung ist nicht gut.

Nicht der Startpunkt, aber eine wichtige Station des Irrwegs war die Einführung des dritten positiven Geschlechtseintrags Ende 2018. Unter mehreren denkbaren Bezeichnungen (alternativ wären etwa „X“ oder „nicht-binär“ in Frage gekommen) wählte man ausgerechnet den Begriff „divers“ aus. Problematisch war dabei von vornherein, dass hier ein Begriff, der eigentlich eine Vielzahl unterschiedlicher Identitätsbegriffe zusammenfasst (nicht-binär, agender, genderfluid, genderqueer, androgyn etc.), der also eine Pluralität beschreibt, als Bezeichnung für je einzelne Personen anwendbar gemacht wurde. Ein Pluralbegriff wurde in den Singular gebogen, und damit begann ein Teil des holprigen Weges. [1]

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Der Kampf gegen queeres Wissen

Eine Münchner Bücherei plant eine Lesestunde mit einer Drag Queen, einem Drag King und einer trans Frau für Kinder ab vier Jahren, und es hagelt Empörung und Misinformation, verbreitet unter anderem durch die BILD. Da werden Dragqueens und trans Frauen durcheinandergeworfen, werden rechte Kampfbegriffe wie „woke Frühsexualisierung“ nicht nur von der AfD abgeschossen. Aber besonders beunruhigend: Die CSU-Fraktion des Bezirksausschusses München-Bogenhausen fordert ein Verbot der Veranstaltung durch den SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter. Der, noch 2021 mit dem Tolerantia Award ausgezeichnet, hat dazu aktuell nur zu sagen, dass er diese Veranstaltung ebenfalls ablehnt. [Link]

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Gerechtigkeit ist keine Geschmacksfrage. Gegen die Bagatellisierungskultur in der Sprachdebatte.

„Alle sollten für die gleiche Arbeit den gleichen Lohn bekommen. Aber wenn ein Chef den Frauen einfach weniger bezahlen möchte, ist das total okay.“

Schon mal gehört? Ich auch nicht.

„Ich persönlich verwende keine abwertenden oder beleidigenden Begriffe für marginalisierte Menschen. Aber wenn jemand das tun möchte, ist das natürlich völlig in Ordnung.“

Könnte eine Person das sagen – beispielsweise im Bundestag –, ohne dafür auf die Mütze zu bekommen? Vermutlich nicht.

Nur in der Debatte über gendergerechtere Sprache hat sich eine allgemeine Beschwichtigungskultur etabliert. So wird aktuell die Linken-Politikerin Heidi Reichinnek für eine tatsächlich hörenswerte Rede im Bundestag gefeiert. Sie greift dort auf recht Esprit-reiche und humorvolle Weise in einer Sitzung zum Thema „Gendern“ [1] die AfD an.

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Wir machen das mit den Fähnchen. Zur Armbinden-Debatte.

Lieber Fußballfan,

du engagierst dich gerade sehr für die Rechte queerer Menschen. Du redest davon, dass man jetzt „Eier zeigen“ muss und forderst, dass die Spieler bei der WM mit einer bunten Armbinde ein Zeichen gegen Unterdrückung und für Toleranz setzen.

Ich finde das prima. Du tust das Richtige.

Ich nehme an, dass dir auch die Situation queerer Menschen in Deutschland bewusst ist? Du weißt sicher, dass jede Woche in unserem Land queere Menschen beleidigt, bedroht und geschlagen, manchmal sogar getötet werden?

Du weißt, dass es uns in Deutschland Mut kostet, eine Regenbogenflagge sichtbar zu tragen, weil die praktisch jederzeit und überall ein Anlass sein kann, nicht nur eine gelbe Karte gezeigt zu bekommen, sondern Gewalt zu erleben?

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Alles so schön bunt hier! – Verdrängung und Hilflosigkeit angesichts queerfeindlicher Gewalt

Am Samstagabend, am Ende des CSD Straßenfestes in Münster, hat ein 25-jähriger trans Mann mehrere Frauen gegen queerfeindliche Beleidigungen verteidigt und ist daraufhin vom Täter mehrfach so hart ins Gesicht geschlagen und zu Fall gebracht worden, dass er nun lebensbedrohlich verletzt im Koma liegt. [Artikel auf queer.de]

Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe schreibt dazu auf Facebook:

„Der Angriff auf einen Teilnehmenden des Christopher Street Days in Münster erschüttert mich zutiefst. Münster ist eine weltoffene, tolerante und bunte Stadt! Meine besten Wünsche für den Betroffenen, seine Familie und Freunde!“

Ich falle gedanklich in den Spalt zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. Was ist da passiert? Es gab – wieder einmal – einen schwerwiegenden Angriff gegen queere Menschen; ein trans Mann ringt um sein Leben. Ein politischer Verantwortungsträger nimmt das zur Kenntnis. Und dann stellt er sich (im metaphorischen Sinn) ans Krankenbett und sagt, dass aber eigentlich alles gut ist?

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Blutspenden: Empörung vs. Solidarität

Die Ungleichbehandlung schwuler Männer beim Blutspenden ist ein leidiges Thema, das alle paar Monate neu aufploppt. Ich beobachte das schon lange und achte dabei insbesondere auf die moralischen Subtexte über vermeintlich gute und vermeintlich böse Sexualitäten, die leider schon immer unweigerlich in diese Debatte hineingetragen werden.

Noch vor einigen Jahren (2014 habe ich einen Artikel dazu geschrieben) stand im Zentrum schwuler Debatten das Wort „Generalverdacht“. Schwule Männer wehrten sich vielfach dagegen, pauschal als HIV-positiv „gebrandmarkt“ zu werden. Gleichzeitig sollte auch der schlimme Verdacht abgewehrt werden, dass diese braven Homosexuellen sich einen vermeintlich unmoralischen sexuellen Lebenswandel mit wechselnden Partnern außerhalb einer exklusiven Zweierbeziehung zuschulden kommen ließen.

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Gleiche Rechte – ist das alles?

„Der CSD ist eine Demonstration für gleiche Rechte“ – das werden wir in der CSD-Saison wieder überall hören oder lesen. Auch wenn das unbestreitbar richtig ist, schadet es nicht, den Blick zu weiten.

Die heute so zentrale Parole „gleiche Rechte für alle“ entspringt vor allem den Bemühungen schwuler und lesbischer Aktivist*innen, die Forderung nach der Ausweitung staatlicher Beziehungs-Privilegien in den Mittelpunkt der Debatten zu rücken. Sehr erfolgreich wurde hierbei der juristische Gleichheits-Grundsatz unserer Verfassung ins Zentrum der Argumentation gestellt. Von Anfang an wurden allerdings mit der starken Betonung, fast Monopolisierung dieses doch recht spezifischen Ziels einer spezifischen Teilgruppe unserer Communities andere politische Forderungen an den Rand der Aufmerksamkeit geschoben – sowohl der Öffentlichkeit als auch unserer internen Debatten. Vollkommen verdrängen ließen sich andere Debatten freilich nie, und ich möchte auch nicht unterstellen, dass diese Verdrängung in allen Fällen absichtlich geschah.

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Queere Perspektiven in der Pandemie. Weg mit dem politischen Tunnelblick!

In den letzten Monaten hatte ich manchmal das Gefühl, in eine Zeitmaschine hineingestolpert und in der Nachkriegszeit wieder herausgekullert zu sein. Was die Regierenden da an Anti-Corona-Maßnahmen zusammenbasteln, scheint geschaffen für die Gesellschaft der 1960er Jahre, nur mit Internet.

Die Welt, für die sie diese Regelungen zurechtschneidern, besteht aus heterosexuellen Kleinfamilien in geräumigen Wohnungen mit Außenbereich. Mutti mit den einskommafünf Kindern beim Home-Schooling, Vati im Home-Office, alle zusammen zum Weihnachtsgottesdienst mit Maske. Extrakosten für Hygiene-Artikel, für Laptops und teurere Lebensmittel sind kein Thema. Der Zugang zu deutschsprachigen Informationen und zu medizinischer Behandlung ist natürlich gegeben. Die christliche copyright-deutsche Mittelstands-Familie verbringt die Zeit der Kontaktreduktion harmonisch auf der sonnigen Dachterrasse. Auf soziale und kulturelle Aktivitäten kann man da doch leicht mal verzichten …

… wenn es halt zufällig deine reale Lebenssituation ist.

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Die einfache Frau an der Supermarktkasse

Das Drama um das Gendersternchen geht in die 432. Verlängerung. Die Dialoge sind jedes mal dieselben. Und in jeder neuen Vorstellung wird unvermeidlich die beliebteste Figur aus der Versenkung auf die Bühne gehoben: die einfache Frau an der Supermarktkasse. Sie ist die zuverlässige Dea ex machina, die rettend eingreifen muss, wenn der Argumentationsboden für die Dämonisierung inklusiverer Sprache rissig wird und der böse Asterisk den Anti-Gender-Recken zu Fall zu bringen droht. Das passiert oft ziemlich früh im Stück.

Ihre Rollenbeschreibung ist strikt standardisiert. Sie ist explizit eine „einfache“ Frau, und das heißt zum Beispiel: Sie ist cis und heterosexuell. Immer. Sie ist niemals akademisch gebildet. Sie kann deshalb auch nicht ansatzweise nachvollziehen, welche rein Elfenbeinturm-fantastischen Zusammenhänge es zwischen sprachlicher Inklusion, Berufswahl, gesellschaftlichem Status und Gender gap möglicherweise geben könnte. Solche Begriffe kann die doch gar nicht kennen. Sie versteht nicht mal, wie man über so etwas Seltsames überhaupt nur reden kann. Denn sie ist auch niemals feministisch geschult. Sie weiß natürlich nicht, was nicht-binäre Menschen sind, weil sie nie irgendwelche queeren Bekannten hat, geschweige denn, dass sie selbst queer sein könnte. Nein, doch nicht die Frau im Supermarkt, niemals. Das alles interessiert die nicht.

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