Lebenslinien aus den sechziger Jahren
Bei meiner Geburt im Januar war die Welt aus den Fugen und Krieg. Wie dem Neujahrsblatt Lenzburg von 1942 zu entnehmen war, prägte er das Verhalten der Leute. Gesammelt wurde für kriegsgeschädigte Kinder, das Rote Kreuz bat um Spenden von Kleidern, Spielsachen, Brillen und Tee. Die Soldatenfürsorge unterstützte Familien mit Kleidung und Wäschestücken. Gegen Ende Jahr wurden gar Brot und Milch rationiert und eine Suppenküche eröffnet. 1 Liter Suppe kostete 25 Rappen. Notleidende Familien erhielten sie gratis gegen einen Gutschein. Mein Vater leistete damals Aktivdienst an der Grenze. Zum Glück blieb unser Land verschont.
Ich machte anfangs der sechziger Jahre eine kaufmännische Ausbildung und leistete als Korporal und Offizier Pflicht in der Milizarmee, um wenn nötig gegen die Russen oder andere Mächte des ‘Eisernen Vorhangs’ Dienst am Vaterland zu leisten. In dieser Zeit wurden in den Medien viele Berichte über Israel und die Kibbuzim geschrieben, die am Aufbau des Staates beteiligt waren. Weder mein Schulfreund noch ich waren jüdischen Glaubens, als wir beschlossen, anstelle der Landesausstellung 1964 in Lausanne nach Israel zu reisen, um die Lebensform Kibbuz kennen zu lernen und vor allem mehr von der grossen, weiten Welt zu sehen.
Wir nahmen eine Auszeit und reisten per Bahn nach Rom und weiter mit dem Schiff in 4 Tagen nach Haifa. Im Kibbuz Matzuva im West-Galiläa heuerten wir an und wurden in der Bananen-Plantage eingeteilt. Um 03.00 Uhr war Tagwache, anschliessend nahmen wir im Chaderochel ein ergiebiges Morgenessen ein. Um 04.00 Uhr fuhren wir auf dem von einem Traktor gezogenen Flachwagen in die Plantage. Die Arbeit war hart und der alte Chef ein Schinder. Um 12.00 Uhr war hitzebedingt Arbeitsschluss. Am Nachmittag schliefen wir in unserer Unterkunft oder lagen im Schatten am Pool. Abends waren wir oft im benachbarten Dorf Shlomi auf ein oder zwei Biere unterwegs. Nach 2 Monaten wechselten wir in den Kibbuz Neve Yam, der südlich von Haifa am Meer lag. Die Arbeit in der Fischzucht gefiel uns und wir hatten mit den Arbeitern Didi und Jussi oft ein Gaudi. Dann reisten wir per Stopp durchs Land, besuchten u.a. Haifa, Tiberias, Tel Aviv-Jaffa, Jerusalem, Bethlehem, Nazareth sowie spezielle Orte in der Negev und am Toten Meer. In Eilat am Roten Meer überwinterten wir.

Da wir infolge der israelischen Stempel im Pass nicht nach Jordanien ausreisen konnten, mussten wir das Land per Schiff nach Istanbul verlassen. Wir trampten dann weiter durch den Nahen und Mittleren Osten bis nach Nepal, wo wir nach Indien eine längere Zeit an besserer Luft verbrachten. Auf der Rückreise nahmen wir in Pakistan den Weg über Peschawar und den Khyber-Pass nach Kabul und zurück in den Iran. Via Abadan fuhren wir mit einem Fischerboot durchs Schatt al Arab nach Basra. Nach dem Besuch von Kuwait, wo wir für gutes Geld Blut spendeten, trampten und fuhren wir per Bahn durch den Irak, Syrien nach Istanbul. Wieder zuhause folgten friedliche Jahre, verbunden mit einer prosperierenden Wirtschaft, die 1968 nur durch den ‘Prager Frühling’ etwas getrübt wurde.
Die Lage änderte sich, als der Despot Putin 2014 die Krim besetzte und im Donbass den Aufbau russischer Milizen forcierte. Sein Angriff auf die Ukraine anno 2022 löst wieder Kriegsangst aus. Nicht unbedingt bei mir, habe ich doch gegenüber jüngeren Menschen weniger Lebenszeit zu verlieren. Noch findet der Krieg weit weg statt, aber was heißt das schon bei den heutigen, modernen Waffen-Systemen? Und dies in einer Zeit, wo wichtige Demokratien in Europa Probleme haben und die Welt wieder aus den Fugen gerät. Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Text: Ernst Blumenstein
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