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Profis im fundamentalen Irrtum

Ein Phänomen lässt sich bereits jetzt feststellen: Die Experten, die mit ihren Einschätzungen in der Vergangenheit bereits mehrere Male gründlich falsch lagen, sitzen in allen möglichen Medienanstalten wieder vor den Mikrophonen und werden um Rat gefragt. Sie haben sich bereits bei allem gründlich geirrt, bei den Notwendigkeiten während Corona, bei der Erklärung des Krieges in der Ukraine, bei den Prognosen hinsichtlich des militärischen Verlaufs, bei der Deutung von Sabotageakten gegen kritische Infrastruktur, bei der Einschätzung, auf welche Rüstungsgüter man setzen soll, bei der Kalkulation der Wirkung von Sanktionspaketen, bei der Beurteilung der amerikanischen Verhältnisse und bei der Spekulation wie man dem derzeitigen Präsidenten dort am besten begegnet. 

Alles falsch. Und wenn man selbst weiterhin auf der Suche nach Deutung und Wahrheit  und dieser Prozess sehr volatil und unsicher ist, bleibt eines gewiss. Die Experten, die sich permanent präsentieren irren sich immer. Dass niemand an ihrer Eignung zweifelt, ja zweifeln darf, weil das das ganze Konstrukt einer fiktiven Wahrheit zum Einsturz brächte, deshalb müssen sie uns erhalten bleiben. Mehr noch. Sie werden mit Preisen zugehängt, dass sie kaum noch aufrecht gehen können. Das jüngste Beispiel illustriert das System perfekt. Da bekommt eine Mitarbeiterin eines von der amerikanischen Kriegsfraktion und der hiesigen Bundesregierung finanzierten Instituts, das alle Einschätzungen und Notwendigkeiten der NATO-Osterweiterung am Fließband produziert und die sich ihrerseits an der Feindbildkonstruktion massiv beteiligt hat, vom Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland das Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold überreicht. Da ist alles gesagt. Über die Verdorbenheit, über den Irrsinn und über die Unbelehrbarkeit. Und wäre da ein Regisseur am Werk, dem schlüge ein seriöser Dramaturg doch heftig auf die Finger, wenn die zu ehrende Person auch noch als Namen einen militärischen Rang trägt.

Die alte Welt mit ihren Gewissheiten ist zumindest in der westlichen Hemisphäre nicht mehr existent, und dennoch sitzen Experten, die die Prognosen ihres Untergangs als böse Verschwörungstheorien in den Wind schlugen, wieder in den Sesseln ihrer korrupten Wichtigkeit. Ihre Expertise lässt sich durchaus auf das ungeheure Ausmaß ihrer Impertinenz zurückführen. Oder welcher Mensch, der noch halbwegs bei Verstand ist und durch seine Erziehung ein Maß an Redlichkeit mitbringt, käme auf die Idee, sich als außenpolitischer Experte titulieren zu lassen, der nie ein Amt in diesem Bereich hatte, der nie in anderen Ländern gelebt hätte und der internationale Organisationen nur vom Namen kennt? Genau. Niemand. Aber von dieser Sorte wimmelt es in einer weltfremden, aber gerade darin professionalisierten Medienwelt. Und dieses Phänomen ist seit Corona bestens bekannt. Auch da spielte sich so manche Schlunze als Epidemiologe auf. Und bei den „Kennern“ Russlands ist es ähnlich. Sie kennen weder die jüngere Geschichte des Landes noch dessen kulturelle Vielfalt und die aus beidem abzuleitenden Interessen.

Gut. Nun kann man klagen. Aber wir wissen alle, dass das nichts bringt. Und die Überlegungen hinsichtlich der vermeintlichen neuen Weltlage aus diesen Quellen bringen nur eine Sicherheit: sie werden in die Irre führen. Denn in einem sind diese Art von Experten tatsächlich Profis: im fundamentalen Irrtum. 

Das eigene Denken mit der in der ureigenen gesellschaftlichen Praxis erworbenen Erfahrung wird mehr Gewissheiten zeitigen, als die zur Volksbelustigung produzierte Scheinwelt hemmungsloser Komparsen.   

Profis im fundamentalen Irrtum
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Uranus

Blaues Licht
Kalte Nacht
Polizisten suchen
Verbotene Fracht.

Stille Häuser
Wache Blicke
Versteckt
Im dichten Regen.

Geheimnisse
Die keine sind
Spannung
Die Verzweiflung gleicht.

Sphärische Töne
Aus einer fernen Welt
Zersägen
Tiefe Dunkelheit.

Ozeane
Werden Boten
Senden Noten
In das ferne Grau.
Uranus
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Von Wölfen und Schafen

Man sagt nicht zu Unrecht den Javanern nach, dass sie die Meister des Lesens von Zeichen, Symbolen und Gesten sind. Es versteht sich von selbst, dass sie ihrerseits diese Sprache beherrschen wie kaum jemand sonst. In meiner Zeit dort kam ich zuweilen aus Besprechungen, deren Verlauf wie Ergebnis ich kaum verstanden hatte. Da waren Gesten und Anspielungen, die nur von denen erfasst werden konnten, die das ganze Konvolut der nonverbalen Kommunikation beherrschten. Es erforderte einen jahrelangen Lernprozess, um in die Nähe dessen zu kommen, was man Verständnis nennt. 

Und nicht selten muss ich an diese Zeiten denken, wenn ich unsere hiesigen Formen der Kommunikation betrachte. Da ist wenig von der sublimen Codierung, die vor allem verhindert, dass Menschen brüskiert oder bloß gestellt werden. Sie bewerkstelligt, dass alle, die den Code beherrschen, wissen, worum es geht, dass aber niemand sein Gesicht verliert. Manchmal glaube ich sogar, dass letzteres hier und in unseren Tagen das exklusive Ziel dessen ist, was den hochtrabenden Namen der Kommunikation trägt. Aber letztendlich nichts anderes als eine ungezogene Form der Beleidigung darstellt.

Und vieles von dem, was sich hier ereignet, würde von den bewunderten wie zitierten Javanern anders gelesen und verstanden, als es den hiesigen Kommunikanten bewusst wäre. Gestern noch musste ich daran denken, was wohl im Lande der Gesten und Symbolik an Entschlüsselung parat wäre, wenn man sähe, dass sich das höchste politische Gremium des Landes mit der Frage beschäftigte, wie und wann es erlaubt sei, Wölfe zu schießen, um die vielen Herden der Schafe zu schützen. Und zu beobachten, mit welcher Verbissenheit die Diskussion geführt wird. Als ginge es nicht nur um Leben und Tod von Schafen oder Wölfen, sondern um das Schicksal einer ganzen Nation. Um dann festzustellen, dass sich hinter den vermeintlichen Fronten derer, die die Schafe und derer, die die Wölfe schützen wollen, zwei gesellschaftliche Archetypen verbergen. 

Ganz genau! Die der Wölfe und die der Schafe. Derer, die etwas reißen wollen und derer, die sich bedroht fühlen und geschützt werden müssen. Und hätten sie, die Javaner, nicht recht, wenn sie es so sähen? Ist das nicht das, was sich hinter dieser hitzigen Diskussion in Wahrheit verbirgt? Ist es nicht tatsächlich ein Showdown zweier psychologischer Typen? Und wenn ja, ist es nicht der Schlüssel, um in die Diskussion ein wenig Verstand und Ratio zu bringen? 

Wie schön wäre es und wie gerne würde ich diese Frage mit meinen ehemaligen javanischen Kollegen erörtern! Was kämen dabei für tiefe Erkenntnisse heraus! Es wäre eine großartige Gesellschaftsdiagnose. Ein Befund, der uns hier so schrecklich fehlt. Das Wissen um die Erfordernisse und Ängste! Eine Vorstellung davon, wie groß das Risiko tatsächlich ist, wenn man etwas wagt. Und eine reale Bilanz dessen, was tatsächlich geschieht, wenn man sich meckernd im Pulk in die Ecke drängt und zitternd auf eine Instanz wartet, die einen von allem erlöst. 

Aber was rede ich! So, wie die Debatte verlief, kann der Eindruck entstehen, als seien  wir ein Volk von Schafen, das in allem die tödliche Gefahr lauern sieht. Und ein Land, in dem die Wölfe keine Lobby haben. In übertragenen Sinne, versteht sich. 

Von Wölfen und Schafen