Dieses Jahr konnte ich die Dakar aus manigfaltigen Gründen nicht live verfolgen, sondern nur einmal kurz morgens in die laufende Etappe gucken und später dann „nacherleben“ was auf der Etappe geschah. Es war eine solide Rally aus meiner Sicht, bis dann auf der letzten Etappe, nach dem letzen WP, auf den letzten 7 Kilometern, dem Führenden und – aus meiner Sicht zu diesem Zeitpunkt so klaren Favoriten, dass ich ihn fast schon vorher zu Sieger erklärt hätte – ein Navigationsfehler passierte.
2 Sekunden!
Normalerweise wird eine Überschrift nicht mit einem Satzzeichen beendet, aber dieses Ergebnis verdient ein Ausrufezeichen. Nach fast 5.000 gezeiteten Kilometern und rund 8.000 Kilometern insgesamt, mit 49 Stunden und 41 Sekunden Fahrzeit, gewinnt Luciano Benavides (077 KTM) die Rally Dakar mit 2 Sekunden Vorsprung von Ricky Brabec (009 Honda). 176.441 Sekunden hat der Sieger gebraucht, Ricky war 0,0011 % langsamer. Zum Vergleich: In Mugello 2016 war Lorenzo 0,019 Sekunden schneller als Marquez, der war 0,0008 % langsamer. Mit diesen Zahlenspielen könnte man weiter machen und ausrechnen, wie viel Meter Vorsprung es auf dem Zielstrich, bei einer Durchschnittsgeschwindikeit von deutlich über 100 km/h, waren und so weiter.
Am Ende waren es zwei klitzekleine Sekunden.
Am Ende wird jeder tausend Situationen auf dieser Rally finden, in denen Ricky 3 oder mehr Sekunden verloren hat; als er von einer Kamelherde eingebremst wurde oder in den Etappen, an denen er aus taktischen Gründen kurz vor dem ASS gebremst und absichtlich Sekunden verloren hat, oder an den Stellen, an denen er lieber etwas vorsichtiger war, als er hätte sein müssen oder oder oder.
Was auch immer in den Etappen vorher geschehen ist, Luciano ist mit 3 Minuten 20 Sekunden Rückstand in die letzte Etappe gestartet, 3 Minuten Ortszeit nach Ricky. Er hat ihn auf der Strecke überholt und ist mit 2 Sekunden Vorsprung auf der Rennuhr ins Ziel gekommen. 2 Sekunden!
KTM gegen Honda
KTM ist mit 3 Werksfahrern in die Dakar gestartet, Chucky Sanders als dominanter Vorjahressieger und ebenso dominanter Weltmeister mit der Nummer 1 war, zumindest für mich, der klare Favorit und der Mann, den es zu schlagen galt. An seiner Seite startete Luciano mit der Nummer 77, immer schnell genug, um auf den Etappen vorne mitzufahren und ein potentieller Fahrer für taktische KTM-Spielchen, wenn es denn nötig wird. Der Dritte und Junior der Runde ist Edgar Canet, verdammt schnell und der jüngste Etappensieger der Dakar, mit dem Potential ein künftiger Superstar zu werden. Seine Aufgabe war vor allen Dingen zu lernen.
Honda startete mit vier Fahrern. Ricky Brabec mit der Nummer 9 hat die Dakar bereits zweimal gewonnen und war der Honda-Favorit in meinen Augen. Adrian van Beveren, Nummer 42, Spezialist für Sand und Dünen, mehrfacher Etappen-Sieger und mit genug Erfahrung, auf jeden Fall ein Kandidat für das Podium der Rally, Skyler Howes, Nummer 10, in der Vergangenheit bereits Dritter der Dakar, aber noch ohne Etappensieg (den hat er dieses Jahr geholt) und Tosha Shareina, Nummer 68, letztes Jahr Zweiter und der einzige, der Chucky im letzten Jahr bei einer Rally schlagen konnte, waren die weiteren Fahrer.
Bei diesem Aufgebot war mir klar, dass der Gesamtsieger aus einem der beiden Teams kommen würde, selbst wenn man alle unmöglichen Ereignise und Geschehnisse, die die Dakar ausmachen, Glück und Pech der einzelnen Fahrer, mit in Betracht zog, mehr als minimale Aussenseiterchancen würden Nacho Cornecho (Nummer 11) und Ross Branch (Nummer 46) auf ihren Heros im Gesamtklassement nicht haben, selbst wenn beide immer für einen Etappensieg gut sind. Andere Fahrer meiner Meinung nach sowieso nicht, egal ob auf Sherco, Kove oder Hoto unterwegs.
Und so war es dann auch
Die Dakar hat sich dann so entwickelt, wie ich es erwartet habe. Edgar zeigt von Anfang an seinen Speed, gewinnt den Prolog und die erste Etappe, aber bereits auf der zweiten übernimmt Chucky die Gesamtführung, gibt sie auf der vierten an Ricky ab und ab da ist klar, dass diese beiden um den Gesamtsieg kämpfen werden. Chucky setzt auf die Strategie, mit der er im letzten Jahr gewonnen hat: Vollgas auf jeder Etappe, Bonuszeiten einsammeln und immer so schnell wie möglich ins Ziel kommen.
Ricky setzt auf eine andere Strategie: Er sammelt auch gerne Bonuszeiten ein, nimmt auf dem letzten Teilstück der Etappen jedoch Gas raus, um Plätze auf der Etappenplatzierung zu verlieren. Warum? Um die Dakar zu gewinnen muss man die kürzeste Fahrtzeit insgesamt haben. Etappensiege sind für den Gesamtsieg nicht wichtig. Die Platzierung auf der Etappe bestimmt jedoch die Startreihenfolge für den nächsten Tag. Der Sieger startet als erster, 3 Minuten später der Zweite, drei Minuten später der Dritte usw. Als Erster zu starten ist ein Nachteil, denn die Dakar gewinnt nicht der schnellste Fahrer, sondern der schnellste Navigator. Und wer später startet hat mehr Spuren, denen er folgen kann, für den ist die Navigation leichter. Aus diesem Grund bekommt derjenige, der auf der Strecke als Erster fährt auch Zeit wieder gutgeschrieben, eine Sekunde pro Kilometer. Wenn derjenige, der als Zweiter, 180 Sekunden nach dem Ersten gestartete, diesen nach 180 Kilometern einholt, liegen beide in der Zeit gleichauf.
Der Zeitbonus geht an alle, die innerhalb von 15 Sekunden an der Spitze fahren. Das eröffnet Platz für taktische Varianten.
Luciano gewinnt Etappe 5 und liegt im GK auf Platz Drei 5m55s hinter dem führenden Chucky, auf Platz Zwei folgt Ricky (+2m02s), der Viertplatzierte Tosha liegt schon deutlicher zurück, 11m59s. Beide Favoritenteams haben noch zwei Fahrer im Rennen um den Gesamtsieg.
Nach der 8. Etappe liegt Tosha gereits über 20 Minuten zurück. Luciano führt, 10 Sekunden dahinter Chucky, Ricky 4m47s zurück.
Die Berichterstattung fokussiert sich auf das Duell Chucky gegen Ricky, der schnelle Australier gegen den gewieften Amerikaner, wobei Chucky noch der Vorteil zugesprochen wird, dass er mit Luciano einen schnellen Unterstützungsfahrer hat. Zwei KTM gegen eine Honda.
Aber dann: Etappe 10
Auf der zehnten Etappe stürzt Chucky und verletzt sich; gebrochenes Schlüsselbein und gebrochenes Brustbein, wird gemeldet. Oder wie Chucky es ausdrückte: „Ab jetzt kann ich nur noch mit einem Arm fahren und nicht mehr angreifen, sondern nur noch auf ankommen fahren“ (kein wörtliches Zitat).
Er verliert an diesem Tag 25 Minuten, ist sogar langsamer als Benji Melot, der schnellste Malle Moto Fahrer auf dieser Etappe. Chucky wird 16. an dem Tag. Natürlich fährt er die Rally noch zu Ende, verliert in Etappe 11 über zehn Minuten auf den Sieger, Skyler, über sechs auf Luciano und und fünfeinhalb auf Ricky. Auf der nächsten Etappe verliert er über 35 Minuten auf Sieger Ricky und auf der letzten, nur 105 km kurzen Etappe, noch einmal 8m10s auf den Etappensieger Edgar Canet. Er war auf diesen Etappen wieder schneller als die schnellste Malle Moto und beendet die Dakar auf Platz 5, mit 1h03m15 Rückstand auf den Sieger.
Meine Empfehlung: Nicht zu Hause nachmachen.
Das Duell um den Sieg, Viertelfinale
Die Zehnte Etappe gewinnt Adrian, Ricky wird Zweiter, Luciano Dritter. Im GK hat Ricky 56 Sekunden Vorsprung auf auf den KTM-Fahrer. Mit Tosha steht eine zweite Honda auf dem virtuellen Podium, 15m43s zurück und in Lauerstellung. Es sind noch zwei lange Etappen bis zum Ziel und die kurze Finalrunde. Mit dem Rückstand ist Tosha noch nicht ganz raus aus dem Kampf um den Sieg, muss aber realistischer Weise auf Fehler oder Probleme der vor ihm Platzierten hoffen. Ab jetzt heißt es, zwei Honda gegen eine KTM im GK. Aber das ist nur Theorie, denn die Startreihenfolge der Etappen bestimmt, welche taktischen Möglichkeiten es gibt, wie viele Honda gegen wie viele KTM. Etappe 11 wir so gestartet: Adrian (Honda), Ricky (Honda), Luciano (KTM), Vorteil Honda.
In den Medien wurde immer wieder erzählt, dass bei Honda mit Teamorder gefahren wird und bei KTM nicht. Ob das stimmt? Keine Ahnung. Eine mögliche Teamorder wäre gewesen: Adrian, warte auf Ricky und dann fahrt ihr zusammen die Etappe von vorne, so kann Ricky Bonuszeiten einsammeln. Das geschah jedoch nicht, Adrian sammelt jede einzelne Bonussekunde selber ein und wir am Ende Zweiter der Etappe, Skyler gewinnt. Auch das könnte eine Teamorder gewesen sein. Gebt alles, damit Honda die schwere Etappe 12 eröffnet. Luciano wird Vierter +3m37s und Ricky Sechster +4m56s, wobei er auf dem letzten Abschnitt wieder ordentlich Zeit (7m30s) verloren hat. Auf dieser Etappe hat er bei km 241 seinen Teamkollegen eingeholt und zusammen mit Adrian Bonuszeiten gesammelt, lag bei km 319 in der Etappenwertung auf Platz 3 (und wäre damit vor Luciano in die 12. Etappe gestartet).
Die vorletzte Etappe, Halbfinale
Alles spricht für Ricky, er startet die vorletzte Etappe, eine bei der besonders schwere Navigation erwartet wird, auf dem optimalen Startplatz 6. Luciano startet als vierter, 6 Minuten vor ihm. Durch den Zeitverlust am Ende der vorherigen Etappe hat Luciano jetzt 23 Sekunden Vorsprung im GK. Die Startreihenfolge: Skyler (Honda), Adrian (Honda), Edgar (KTM), Luciano (KTM), Tosha (Honda), Ricky (Honda) eröffnet Honda viele stratgische Möglichkeiten. Im Ziel sagt Adrian im Interview: „Ich bin mein Rennen gefahren und wollte alles tun, um nicht in den Kampf um den Gesamtsieg einzugreifen. Das sollen Ricky und Luciano unter sich ausmachen“ (nicht wörtlich).
Bei Kilometer 94 fahren Skyler und Adrian zusammen vorne, eröffnen die Etappe, legen Spuren für die nachfolgenden und sammeln Bonuszeit. Bei km184 schließt Luciano auf, ab hier eröffnen sie die Etappe zu dritt, sammeln zu dritt Bonuszeit ein, verlieren zu dritt Zeit bei der Navigation, weil sie keinen Spuren folgen können.
Ricky gewinnt die Etappe, hat also seinen taktisch erarbeiteten vorteilhaften Startplatz optimal genutz. Luciano wird Zweiter mit 3m43 Rückstand, trotz 2m05 Bonuszeit. Damit wird Ricky als Erster in die kurze finale Etappe starten.
Das Finale: 105 kurze Kilometer auf der letzten Etappe
Früher war es so, dass die letzte Etappe in umgekehrter Reihenfolge des GK gestartet wurde, dann wäre Ricky als Letzter auf die Strecke gegangen. Jetzt, wo es Bonuszeiten für den Ersten auf der Piste gibt, ist es anders. Es wird nach der Platzierung der vorherigen Etappe gestartet, Ricky eröffnet die Piste. Er hat bereits jetzt über 3 Minuten Vorsprung, 3m20s um genau zu sein. Selbst wenn Luciano ihn auf der Strecke überholt, macht er nur 3 Minuten gut. Luciano muss ihn also nicht nur überholen sondern auch noch einen ordentlichen Vorsprung auf ihn herausfahren, 20 Sekunden plus eine Sekunde für jeden Kilometer, den Ricky vor ihm auf der Strecke hergefahren ist. Tosha, der Drittplatzierte, liegt 27m51s zurück und ist keine realistische Gefahr für Ricky. Um seine dritte Dakar zu gewinnen muss Ricky nur eines tun: Irgendwo auf der Strecke auf Luciano warten und dann an seinem Hinterrad bleiben. Je später er wartet, umso mehr Bonuszeit hat er bereits auf seinem Konto, umso sicherer ist sein Sieg.
Luciano kann nur eines machen: Volle Attacke oder sich mit Platz 2 zufrieden geben. Luciano entscheidet sich für volle Attacke.
Ricky entscheidet sich für volle Attacke, will die Dakar nicht auf die leichte Art gewinnen, sondern von vorne. Das funktioniert auch bis Kilometer 98,4, dort biegt Ricky falsch ab und Luciano fährt richtig.
Im Ziel ist Luciano dann 2 Sekunden schneller, Ricky hat verloren, wird Zweiter.
Abspann
- Ich habe oben unterschlagen, dass Etappe 10 der zweite Teil der zweiten Marathon war.
- Natürlich habe ich keine KI um Hilfe beim Schreiben gebeten, wie immer.
Bilder zum Rennen gibt es im Internet. - Auf der siebten Etappe hat Chcuky vermutlich die gleiche Taktik wie Ricky probiert und sich auf dem letzten Teilstück der Etappe eingebremst, um eine bessere Startposition zu bekommen.
- Warum Ricky und chucky auf den jeweiligen Etappen wirklich Zeit veroren haben, werden sie vermutlich nie verraten.
- Obwohl, auf Etappe 11 hat Ricky im Ziel gesagt, dass er „taktisch gefahren sei“.










