Weihnachten habe ich für alle Autorinnen und Autoren ein Geschenk. Nämlich einen Artikel darüber, wie Stephen King Horror erzeugt. Im vorigen Blogartikel habe ich anhand des ersten Kapitels gezeigt, wie der King die erste Romanseite aufbaut. Mit einer Vorausahnung auf einen Schrecken, der kein Ende nehmen soll, und einem Sechsjährigen, der ein kleines Papierboot im Rinnstein schwimmen lässt.
Jetzt zeige ich Ihnen, wie er in den nächsten zwei Szenen einen Spannungsbogen aufbaut. Schlagen Sie dazu „Es‟ auf, wenn Sie das Buch besitzen. Wenn nicht, laden Sie bei Amazon oder anderswo eine Leseprobe herunter.
Kapitel zwei ist eine Rückblende. Vor Rückblenden warne ich immer, weil sie beliebt sind, um den Lesern etwas zu erklären. Infodump nennt sich das.
Doch Stephen King schreibt keine Infodumps. Sondern eine Szene, in der wir den Horror des Sechsjährigen erleben, der in einen Keller gehen muss, um Paraffin für sein Boot zu holen.
Gewöhnliche Szene
Bill liegt krank im Bett, soll nicht aufstehen und will das Papierboot von George mit Paraffin wasserdicht machen. George soll das Paraffin im Keller holen, hat aber Angst vor dem Keller. Doch noch mehr Angst hat er davor, ausgelacht zu werden. Ein Feigling, der sich nicht in den Keller traut. Also sagt er seinem Bruder nichts von der Angst.
Nichts Besonderes. Die meisten erinnern sich vermutlich an Ähnliches. Hinabsteigen in einen Keller, der modrig riecht, nicht voll ausgeleuchtet ist, enge Stufen hat – für Kinder der Horror.
Auf das „Wie‟ kommt es an
Doch Stephen King versetzt mit dieser ganz gewöhnlichen Szene die Leser in Angst und Schrecken. Wie macht er das?
Er kriecht in den sechsjährigen George hinein. Lässt uns den Keller durch die Augen des Jungen erleben. Der weiß, da unten ist kein Monster. Aber so ganz sicher ist er nicht, ob ihm da nicht doch eine finstere Gestalt mit gelben Augen begegnet und die Krallen in den Körper schlagen wird.
Obendrein wissen wir aus Kapitel eins, dass ein Schrecken passieren wird. In Kellern hausen keine Monster, das ist uns klar. Aber in Stephen Kings Kellern vielleicht doch?
Wir erleben viele Details; jedes einzelne dient dazu, das Gefühl der Angst zu steigern. Zitternd öffnet George die Tür, hält sich am Türpfosten fest, der Lichtschalter funktioniert nicht, modriger Geruch steigt aus dem Keller auf, und die Treppe ist eng.
Der Text über einen gewöhnlichen Keller fesselt uns. Wir leben in dem Jungen, sehen durch seine Augen ins Dunkle, riechen den Moder. Der Autor sagt uns nicht: „George hatte Angst.‟ Wir erleben die Angst des Jungen. Und in jedem Absatz wird die Angst verstärkt.
Beats
Beats (Schläge) kommt aus der Musik. Beim Schreiben sind es Absätze, die zusammen eine Szene bilden und sich steigern sollten. In diesem Text gibt es viele Beats, die die Spannung hochtreiben
Übung
Nummerieren Sie die Beats dieser Szene. Warum steigern sie die Spannung der Szene?
Beziehung statt Spannung
Danach erleben wir die Brüder Bill und George zusammen. Bill nutzt das Paraffin, und jetzt ist das Papierboot wasserdicht. Beide ziehen sich ein wenig auf. Keine Monster, alles ruhig und liebevoll.
Hier wird die Spannung durch den Umgang der beiden Brüder miteinander erzeugt. Keine Action, sondern Beziehung. Am Schluss der Szene wissen wir, wie wichtig der jüngere Bruder für Bill ist.
Vorausdeutung
Und dann der letzte Satz: „Bill sah ihn nie wieder.‟ Stephen King liebt solche kurzen Vorausdeutungen (foreshadows), die alles umstürzen, was zuvor an Gefühlen geweckt wurde.
Achten Sie mal auf die Perspektive. Welche Perspektiven gibt es in diesen beiden Szenen?
Durchgängig ist die Perspektive personal, George oder Bill. Bis auf den ersten und letzten Satz und die Schilderung des Unwetters.
Am Schluss hören wir wieder die Erzählstimme des ersten Satzes. Eine allwissende Stimme, die am Anfang weiß, dass es einen Schrecken geben wird, und im letzten Satz, dass Bill George nie wiedersehen wird.
Perspektiven
Perspektiven darf man nie wechseln, heißt es immer. Richtig. Hüpfen Sie nie in einer Szene von einem Kopf in den anderen. Aber am Anfang oder Schluss können Sie in einem Satz die allwissende Erzählstimme einbauen, die dem Leser andeutet: Da wird etwas passieren. Aber nicht sagt, was.
Wohlgemerkt: Nicht mehr als ein Satz!
Dritte Szene
Jetzt springen wir wieder in die Nachfolgeszene der Ersten. Das Boot schwimmt im Rinnstein. Und dann verschwindet es in einem Gully. Georgie schaut in den Gully. Und zwei gelbe Augen schauen zurück. Augen, von denen er immer gefürchtet hat, dass sie ihm im Keller entgegenblitzen würden. Jetzt sind sie da. Die imaginierten Augen in Szene zwei waren nicht zufällig da, sie bereiteten vor, was jetzt geschieht.
Jeder erwartet, dass jetzt auch die Krallen zuschlagen, vor denen sich Georgie immer gefürchtet hat.
Aber das passiert nicht. Nur ein Clown erscheint, der das Boot in der Hand hält und Ballons in der anderen.
„Hau ab!‟, wollen wir George zurufen, doch George, dem Sechsjährigen, wird
„Zirkus‟ versprochen, und er riecht die Erdnüsse, die Zuckerwatte und die Pommes.
Wenn Sie einen Film in den Leserinnen ablaufen lassen wollen, ist Geruch immer ein gutes Mittel dazu. Nicht nur das, was man sieht, auch das, was man riecht, hört, schmeckt, startet das Kopfkino.
Übung
Nummerieren Sie auch hier die Beats der Szene. Malen Sie eine Kurve für die Spannungskurve, und tragen Sie die Nummern an die richtigen Stellen ein. Welche Beats steigern die Spannung? Welche sind überflüssig für die Spannungskurve?
Resümee
Szenen bestehen aus Beats. Jeder Beat sollte zur Spannung beitragen. Am Anfang einer Szene oder am Ende kann die Erzählstimme eine Vorausdeutung als allwissende Erzählerin einbauen, aber nicht mitten in der Szene.
(King, Stephen: Es. Roman. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version)
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