Das kleine Buch über die große Depression

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»Jetzt verstehe ich den Spruch: Die Depression ist die Krankheit der -Losigkeiten: Antriebslos, Schlaflos, Hoffnungslos, Freudlos, Stimmungslos«

Dr. Reinbacher hat eine Promotion mit 1.0 abgeschlossen, bei Google und Amazon gearbeitet. Erfolgreicher geht es doch nicht? Doch die Depression, die schwarze Dame, hat ihn trotzdem gepackt und schwer zugerichtet. »Mein Hirn lügt mich an«, erzählt er. »Alle hassen dich«, »du bist eine Last«, sagt sie ihm.

Wenn du nicht mehr Herr im eigenen Kopf bist, dann hast du Depression. In diesem kleinen Buch schildert Dr. Reinbacher, wie die Depression ihn belogen hat, ihm jede Emotion, jeden Willen raubte. In kurzen Texten und Bildern.

Das kleine Bändchen will Mut machen will. Wenn du Depression hast, gib die Hoffnung nicht auf, auch wenn dir die Depression immer erzählt, dass es keine Hoffnung gibt. Der Autor erzählt nicht nur seine eigene Geschichte. Seine Frau fügt hinzu, wie schlimm die Depression eines Partners die Beziehung belastet und versucht, sie zu zerstören.

Das Buch ist mit Beispielen versehen, was dem Autor geholfen hat. Aber er weiß, dass es einen großen Blumenstrauß von Techniken gibt. Jeder muss selbst herausfinden, was ihm hilft. Denn es gibt eine große Anzahl von Möglichkeiten.

Am Schluss listet er Namen auf. Personen, die wie er aus der Depression entkommen sind und bereit waren, das in dem Buch zu zeigen. Mein Name findet sich auch darunter.
Kein Jammerbuch, wie schlimm Depression ist. Sondern eins, das Mut macht!

Auch interessant:
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Das kleine Himmelblau für graue Tage
Wenig Text, viel Wirkung – wenn alles zu viel ist

Dr. Thomas Reinbacher, ISBN-13 ‏: ‎979-8276188454, 137 Seiten,

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Das kleine Buch über die große Depression

Stephen King: Wie er Spannung aufbaut

Weihnachten habe ich für alle Autorinnen und Autoren ein Geschenk. Nämlich einen Artikel darüber, wie Stephen King Horror erzeugt. Im vorigen Blogartikel habe ich anhand des ersten Kapitels gezeigt, wie der King die erste Romanseite aufbaut. Mit einer Vorausahnung auf einen Schrecken, der kein Ende nehmen soll, und einem Sechsjährigen, der ein kleines Papierboot im Rinnstein schwimmen lässt.

Jetzt zeige ich Ihnen, wie er in den nächsten zwei Szenen einen Spannungsbogen aufbaut. Schlagen Sie dazu „Es‟ auf, wenn Sie das Buch besitzen. Wenn nicht, laden Sie bei Amazon oder anderswo eine Leseprobe herunter.

Kapitel zwei ist eine Rückblende. Vor Rückblenden warne ich immer, weil sie beliebt sind, um den Lesern etwas zu erklären. Infodump nennt sich das.

Doch Stephen King schreibt keine Infodumps. Sondern eine Szene, in der wir den Horror des Sechsjährigen erleben, der in einen Keller gehen muss, um Paraffin für sein Boot zu holen.

Gewöhnliche Szene

Bill liegt krank im Bett, soll nicht aufstehen und will das Papierboot von George mit Paraffin wasserdicht machen. George soll das Paraffin im Keller holen, hat aber Angst vor dem Keller. Doch noch mehr Angst hat er davor, ausgelacht zu werden. Ein Feigling, der sich nicht in den Keller traut. Also sagt er seinem Bruder nichts von der Angst.

Nichts Besonderes. Die meisten erinnern sich vermutlich an Ähnliches. Hinabsteigen in einen Keller, der modrig riecht, nicht voll ausgeleuchtet ist, enge Stufen hat – für Kinder der Horror.

Auf das „Wie‟ kommt es an

Doch Stephen King versetzt mit dieser ganz gewöhnlichen Szene die Leser in Angst und Schrecken. Wie macht er das?

Er kriecht in den sechsjährigen George hinein. Lässt uns den Keller durch die Augen des Jungen erleben. Der weiß, da unten ist kein Monster. Aber so ganz sicher ist er nicht, ob ihm da nicht doch eine finstere Gestalt mit gelben Augen begegnet und die Krallen in den Körper schlagen wird.

Obendrein wissen wir aus Kapitel eins, dass ein Schrecken passieren wird. In Kellern hausen keine Monster, das ist uns klar. Aber in Stephen Kings Kellern vielleicht doch?

Wir erleben viele Details; jedes einzelne dient dazu, das Gefühl der Angst zu steigern. Zitternd öffnet George die Tür, hält sich am Türpfosten fest, der Lichtschalter funktioniert nicht, modriger Geruch steigt aus dem Keller auf, und die Treppe ist eng.

Der Text über einen gewöhnlichen Keller fesselt uns. Wir leben in dem Jungen, sehen durch seine Augen ins Dunkle, riechen den Moder. Der Autor sagt uns nicht: „George hatte Angst.‟ Wir erleben die Angst des Jungen. Und in jedem Absatz wird die Angst verstärkt.

Beats

Beats (Schläge) kommt aus der Musik. Beim Schreiben sind es Absätze, die zusammen eine Szene bilden und sich steigern sollten. In diesem Text gibt es viele Beats, die die Spannung hochtreiben

Übung

Nummerieren Sie die Beats dieser Szene. Warum steigern sie die Spannung der Szene?

Beziehung statt Spannung

Danach erleben wir die Brüder Bill und George zusammen. Bill nutzt das Paraffin, und jetzt ist das Papierboot wasserdicht. Beide ziehen sich ein wenig auf. Keine Monster, alles ruhig und liebevoll.
Hier wird die Spannung durch den Umgang der beiden Brüder miteinander erzeugt. Keine Action, sondern Beziehung. Am Schluss der Szene wissen wir, wie wichtig der jüngere Bruder für Bill ist.

Vorausdeutung

Und dann der letzte Satz: „Bill sah ihn nie wieder.‟ Stephen King liebt solche kurzen Vorausdeutungen (foreshadows), die alles umstürzen, was zuvor an Gefühlen geweckt wurde.

Achten Sie mal auf die Perspektive. Welche Perspektiven gibt es in diesen beiden Szenen?

Durchgängig ist die Perspektive personal, George oder Bill. Bis auf den ersten und letzten Satz und die Schilderung des Unwetters.

Am Schluss hören wir wieder die Erzählstimme des ersten Satzes. Eine allwissende Stimme, die am Anfang weiß, dass es einen Schrecken geben wird, und im letzten Satz, dass Bill George nie wiedersehen wird.

Perspektiven

Perspektiven darf man nie wechseln, heißt es immer. Richtig. Hüpfen Sie nie in einer Szene von einem Kopf in den anderen. Aber am Anfang oder Schluss können Sie in einem Satz die allwissende Erzählstimme einbauen, die dem Leser andeutet: Da wird etwas passieren. Aber nicht sagt, was.
Wohlgemerkt: Nicht mehr als ein Satz!

Dritte Szene

Jetzt springen wir wieder in die Nachfolgeszene der Ersten. Das Boot schwimmt im Rinnstein. Und dann verschwindet es in einem Gully. Georgie schaut in den Gully. Und zwei gelbe Augen schauen zurück. Augen, von denen er immer gefürchtet hat, dass sie ihm im Keller entgegenblitzen würden. Jetzt sind sie da. Die imaginierten Augen in Szene zwei waren nicht zufällig da, sie bereiteten vor, was jetzt geschieht.

Jeder erwartet, dass jetzt auch die Krallen zuschlagen, vor denen sich Georgie immer gefürchtet hat.
Aber das passiert nicht. Nur ein Clown erscheint, der das Boot in der Hand hält und Ballons in der anderen.

„Hau ab!‟, wollen wir George zurufen, doch George, dem Sechsjährigen, wird
„Zirkus‟ versprochen, und er riecht die Erdnüsse, die Zuckerwatte und die Pommes.

Wenn Sie einen Film in den Leserinnen ablaufen lassen wollen, ist Geruch immer ein gutes Mittel dazu. Nicht nur das, was man sieht, auch das, was man riecht, hört, schmeckt, startet das Kopfkino.

Übung
Nummerieren Sie auch hier die Beats der Szene. Malen Sie eine Kurve für die Spannungskurve, und tragen Sie die Nummern an die richtigen Stellen ein. Welche Beats steigern die Spannung? Welche sind überflüssig für die Spannungskurve?

Resümee
Szenen bestehen aus Beats. Jeder Beat sollte zur Spannung beitragen. Am Anfang einer Szene oder am Ende kann die Erzählstimme eine Vorausdeutung als allwissende Erzählerin einbauen, aber nicht mitten in der Szene.
(King, Stephen: Es. Roman. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version)

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Stephen King: Wie er Spannung aufbaut

Stephen King: Was man von ihm lernen kann

Stephen Kings Mischung aus Horror und Alltag in seinen Romanen fasziniert auch deutsche Leserinnen und Leser. Doch wie macht er das? Sehen wir uns die erste Seite seines Romans „ES‟ an, der mehrfach verfilmt wurde.

Gefahr zwischen den Zeilen

„Der Schrecken, der weitere achtundzwanzig Jahre kein Ende nehmen sollte – wenn er überhaupt je ein Ende nahm –, begann, soviel ich weiß und sagen kann, mit einem Boot aus Zeitungspapier, das einen vom Regen überfluteten Rinnstein entlangtrieb‟

Ein Schrecken beginnt, der achtundzwanzig Jahre kein Ende nehmen wird. Und Stephen King spricht uns Leser direkt an: „soviel ich weiß und sagen kann.‟ Ein langer Satz, der mit einem „Schrecken‟ beginnt und einem ‟Boot aus Zeitungspapier‟ endet. Wir haben wieder einen Gegensatz. Was soll an einem Boot aus Zeitungspapier schon Schreckliches sein? Wenn wir das wissen wollen, müssen wir weiterlesen. Und werden auch in dem folgendem Text immer im Kopf behalten: Ein Schrecken wird kommen.

Alltag als Kontrast

„Das Boot schwankte, hatte Schlagseite und richtete sich wieder auf, brachte heldenhaft manch bedrohlichen Strudel hinter sich und schwamm immer weiter die Witcham Road hinab, auf die Verkehrsampel an der Kreuzung Witcham und Jackson Street zu.‟

Statt uns mehr über den Schrecken zu verraten, folgt King dem Boot. Das Boot wird als eigene Person verfolgt, die etwas tut, also nicht passiv bleibt. Sie schwankt, hat Schlagseite, bringt einen Strudel hinter sich und schwimmt weiter. Einem Gegenstand Leben einzuhauchen, ihn aktiv zu schildern, statt passiv, ist immer gut. Weiter geht es mit dem Strom.

„Die drei vertikalen Linsen an allen Seiten der Ampel waren an diesem Nachmittag im Herbst des Jahres 1957 dunkel, und die Häuser waren ebenfalls allesamt dunkel. Es regnete nun seit einer Woche ununterbrochen, und vor zwei Tagen war auch noch Wind aufgekommen. In den meisten Teilen von Derry war der Strom ausgefallen und noch nicht wieder eingeschaltet worden.‟

Derry ist ohne Strom, das klingt etwas bedrohlicher, und endloser Regen ist die Ursache. Ein wenig klingt das nach „Es war eine finstere und stürmische Nacht‟ von Snoopy. Doch King schreibt nicht: „Es war eine regnerische und windige Woche.‟ Und er zieht uns in die stromlose Stadt hinein, behauptet es nicht. Die Ampel ist dunkel, die Häuser auch. Sollte das der Schrecken aus dem ersten Satz sein? Das wäre eine große Ankündigung, und nur eine Maus taucht auf.

Personen in Gefahr

„Ein kleiner Junge in gelbem Regenmantel und roten Gummistiefeln rannte fröhlich neben dem Papierboot her. Der Regen hatte noch nicht aufgehört, ließ aber allmählich nach. Er trommelte auf die gelbe Kapuze, und das hörte sich in seinen Ohren wie Regen auf einem Giebeldach an … ein angenehmes, fast schon beruhigendes Geräusch. Der Junge im gelben Regenmantel hieß George Denbrough und war sechs Jahre alt. Sein Bruder William, der in der Derry-Elementary-Schule allgemein nur unter dem Namen Stotter-Bill bekannt war (sogar bei den Lehrern, die ihn natürlich nie so anredeten), war zu Hause und erholte sich gerade von einer schweren Grippe. In jenem Herbst 1957 – acht Monate bevor der wahre Schrecken begann und achtundzwanzig Jahre vor der letzten Konfrontation – war Stotter-Bill zehn Jahre alt.‟
(King, Stephen: Es. Roman. Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version)

Wir erfahren jetzt ein Stückchen mehr. Ein Junge rennt neben dem Boot her. Auch das wird lebendig geschildert, wir hören den Regen auf der Kapuze. Wir erfahren seinen Namen und den seines Bruders. Wie bei einer Zwiebel schält King hier Schale für Schale ab, lässt nicht gleich alles erleben. Diese Zwiebelmethode ist wirksam, ganz im Gegenteil zu einem Infodump, der uns mit allem auf einmal überschüttet, passiv und wenig anschaulich erzählt.

Doch der Schrecken lässt sich Zeit. In der Folge erfahren wir, wie das Boot von Stotter-Bill gebaut wurde, wie die beiden Brüder sich dabei ein wenig aufziehen, und wir erfahren, wie ein Papierboot mit Paraffin wasserdicht werden kann. (Heute werden die wenigsten diese Technik kennen.)

Hitchcock hat diese Technik auch benutzt. Der Zuschauer weiß, dass unter dem Tisch eine Bombe liegt. Aber die Tischgesellschaft weiß das nicht. Genauso wenig weiß es der kleine Junge, der fröhlich seinen Boot schwimmen lässt.

(Wie King es schafft, den Leser immer weiter auf die Folter zu spannen, das sehen wir uns in dem nächsten Artikel an.)

Resumee

Spannung lässt sich erzeugen, wenn die Leserin etwas weiß, was die Personen in der Geschichte nicht wissen. Die Drohung steht immer zwischen den Zeilen.

Ein anschaulicher Alltag lässt sich als Kontrast verwenden, wenn eine Bedrohung zwischen den Zeilen steht.

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Stephen King: Was man von ihm lernen kann

Die Akte Schneeweiß – was man von Felicitas Fuchs lernen kann

Felicitas Fuchs alias Clara Berling hat schon viele Romane geschrieben, die auf der Spiegel-Bestsellerliste gelandet sind. Eins davon ist »Die Akte Schneeweiß«. Das spielt in der Nazizeit und der des Wirtschaftswunders.
Anders als viele Krimis oder Thriller beginnt es nicht mit einem Knall. Sondern mit einer Beschreibung. Habe ich nicht immer vor Beschreibungen auf den ersten Seiten gewarnt?
Richtig.
Aber dieses Buch zeigt uns, wie man es macht, ohne den Leser durch Infodumps abzuschrecken.

Was für ein Haus! Katja konnte sich bei der Besichtigung des Bungalows an all den schönen Dingen gar nicht sattsehen.
»Ihr habt euch ja nagelneu eingerichtet! Und alles ist so schick und modern«, flüsterte ihre Mutter und strich mit der Hand nahezu liebevoll über das Polster eines zierlichen Sofas.
»Die Couch kann man ausklappen, falls mal Besuch übernachten will«, erklärte die Nachbarin Tante Uschi.

Ein ruhiger Beginn mit ausklappbarer Couch. Wer hat heute noch eine Klappcouch für Besucher? Nur wenige. Klappcouch war in den Sechzigern modern. Heute hat man Gästezimmer, wenn man wohlhabend ist und das ist hier sichtlich der Fall. Wir springen gleich damit in eine andere Zeit. Und es ist mit Handlung und Dialog verbunden, ganz wichtig.

Einen Fernseher mit Zimmerantenne gab es in diesem geräumigen Wohnzimmer, eine Musiktruhe und einen Tisch, den man mit einer Kurbel hoch- und runterdrehen konnte. Dann betraten sie eine Anbauküche mit himmelblauen Fronten. Selten hatte Katja ihre Mutter so staunend gesehen.
»Todschick«, sagte sie, »todschick. Und was das gekostet hat!«
Tante Uschi nickte. »Billig war das nicht. Aber wir mussten ja kein Grundstück kaufen, der Garten meiner Eltern war groß genug für ein zweites Haus. Aber du hast recht, das läppert sich.«

Weiter geht es mit Ungewohntem. Fernseher mit Zimmerantenne, Musiktruhe, Tisch, den man hoch- und runterkubeln kann. Nur die Älteren der Leser können sich an soche Wohnungen erinnern.
Dazu erfahren wir was über die Personen. Geld ist ganz wichtig, wer sich viel leisten kann wie Tante Uschi, der wird bewundert. Und beneidet, wie von Katjas Mutter. „Todschick“ ist übrigens ein typisches Wort aus dieser Zeit, heute würde man „Cool“ sagen.
Ach ja was wissen wir hier bereits über Katja? Sie ist jung, vermutlich ein Teenager. Sie kann sich an den Farben nicht sattsehen. Aber anders als ihre Mutter scheint sie die Nachbarn nicht wegen des Wohlstands zu beneiden.
Eine einfache Szene und wir wissen schon eine ganze Menge über die Personen, aber auch über die Zeit.

Die Nachbarin zwinkerte ihr zu. »Sogar mein Mann war gleich begeistert, ich musste ihn nicht lange … überzeugen … wenn du verstehst, was ich meine.« Dabei grinste sie mit verschwörerischem Blick.

Hier wird nicht gesagt, was gemeint ist. Aber die Mutter und die Leser wissen sofort, was zwischen den Zeilen steht. Frauen nutzen Sex zur Überzeugung der Männer. Ob sie selbst Spaß haben, ist uninteressant. Und die Dinge werden nicht in Diskussionen geklärt, sondern der Mann bestimmt. Den müssen die Frauen verführen, damit sie bekommen, was sie wollen.
Natürlich redet man nicht offen darüber. Das wird im weiteren Roman noch eine wichtige Rolle spielen. All das, worüber in dieser Zeit nicht geredet wurde.
Auch hier: Wir erfahren es aus einem kurzen Dialogsatz. Nicht die Autorin erklärt es dem Leser. Sondern ein typischer Satz dieser Zeit lässt den Leser das erschließen.

Katja hätte am liebsten eine Grimasse geschnitten. Dachten die Frauen, sie wüsste nicht, womit Männer sich am liebsten überzeugen ließen? Im März war sie vierzehn geworden, sie war doch nicht doof – und sie konnte lesen. Jeden Mittwoch ging sie in die Bücherei, um sich Lesefutter zu besorgen. Als sie neulich Das ärztliche Hausbuch zur Ausleihe auf den Tisch gelegt hatte, hatte Herr Frings sie über den Rand seiner Brille hinweg streng angesehen.
»Hör mal, das ist aber noch nichts für dich, mein Frollein!« Sie hatte behauptet, das Buch sei für die Mutter, die müsse etwas nachschlagen. Das stimmte nicht. Mutti hatte ihr Exemplar versteckt, weil sie, genau wie Herr Frings, der Meinung war, »so was« habe ein Mädchen nicht zu interessieren.
Fuchs, Felicitas. Die Akte Schneeweiß: Roman, Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH. Kindle-Version.

Aha, Katja ist vierzehn. Aber sie weiß schon einiges. An den Klapperstorch glaubt sie nicht mehr. Hier kündigt sich an, was in den nächsten Jahren passieren wird. Sex wird nach und nach öffentlich werden, die Menschen dürfen darüber reden. Und Katja ist niemand, der sich durch »Darüber redet man nicht« und »Anständige Mädchen interessiert das nicht« abschrecken lässt. Der Bibliothekar ist noch alte Schule, aber Katja setzt sich durch. Sie lässt sich nicht so leicht durch Regeln gängeln. Auch das bereitet uns auf das Thema des Buches vor. Was alles unter den Tisch gekehrt wird und dass sich Katja darauf nicht einlassen wird.
Wir kennen aus der ersten Seite bereits die Zeit, erfahren, was »MAN« sagen kann und was nicht. Wer Katjas Mutter ist und dass Katja sicher bald das Schweigen durchbrechen wird.

Resumee

Verbinden Sie Beschreibungen mit Handlung und Dialog. Und beschreiben Sie nichts Beliebiges, sondern das, was Besondere, dass den Leser in Szene und Umfeld versetzt.

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Die Akte Schneeweiß – was man von Felicitas Fuchs lernen kann

Von Bestsellerautorinnen lernen: Caroline Wahl

Caroline Wahl ist eine Bestsellerautorin, sie spricht viele Leserinnen an. Aber wie macht sie das? Schauen wir uns mal Ihr Buch Windstärke 17 an.

Mit meinem MacBook im Rucksack, meinen Lieblingsklamotten in Mamas marineblauem Hartschalenkoffer, AirPods in den Ohren und der gefalteten Kündigung in der Bauchtasche trete ich aus dem Haus in der Fröhlichstraße 37, das nicht mehr mein Zuhause ist.

Der erste Satz ist ziemlich lang. Und zählt unterschiedliche Dinge auf. Ganz alltägliche (MacBook, Lieblingsklamotten). Und einig,e die nicht gewöhnlich sind: Kündigung, mein Haus ist nicht mehr mein Hause. Das stimmt gut auf das Buch ein. Die Geschichte eines neuen Anfangs nach einem Desaster. Und die Erzählstimme verrät uns schon hier etwas: Das erzählt uns jemand, der jung ist. Nicht ein abgeklärter Mensch nach Eintritt der Rente.

Der Koffer rollt nicht richtig, der Griff ist nicht ausziehbar, und ich habe das Gefühl, einen Plastikklotz hinter mir herzuschleifen. Tragen ist zu schwer und meine Schulter noch verletzt von der Sache mit dem Schrank. Eigentlich würde ich am liebsten rennen und bereue, dass ich nicht meine große Schwimmtasche genommen habe, die ich immer benutze, wenn ich unterwegs bin. Aber ich musste mich entscheiden, und ich bereue sowieso stets jede Entscheidung, die ich treffe. Ich frage mich, von welchen Reisen der Koffer so abgewetzt ist. Mama hat ihn nie benutzt, seit ich da bin. Tilda war mit Mama und ihrem Vater mal mit dem Auto in Südfrankreich, da war sie zehn oder so. Aber davon wäre er ja nicht so beschädigt.

Chaotisch geht es weiter. Der Koffer ist alt, er rollt nicht und er stammt von Mama. Das bestätigt die Vermutung des ersten Satzes: Hier sprich jemand, der jung ist und von Mama redet.
Aber ist das mit dem Koffer nicht Infodump?
Nein, weil es das chaotisch Durcheinander im Kopf der Erzählerin beschreibt. Oft erlebe ich Texte, die mir zugeschickt werden, in denen die Autorin etwas über ihre Heldin behauptet, statt sie reden zu lassen:

Sie hatte das Gefühl, einen Plastikklotz nachzuschleifen. Sie bedauerte, nicht ihre große Schwimmtasche genommen zu haben.

Das wäre der Blick der Autorin auf die Figur. Distanziert und nicht lebendig. Caroline Wahl lässt ihre Ich-Erzählerin sprechen.

Ich ziehe mein Smartphone aus der Bauchtasche.
Ich: Dieser marineblaue Koffer
Ich: Hat Mama den damals mit nach Frankreich genommen?
Tilda: ?
Ich schicke ihr ein Foto.
Tilda: nein
Tilda: bist du unterwegs?
Tilda: wann kommst du an?
Tilda: ida, du kommst aber?
Tilda mit ihren tausend Fragen macht mich so wütend. Ich bleibe stehen, bücke mich und schaue mir den Klotz noch einmal genauer an. Die rechte Rolle ist fast komplett abgenutzt. Viele bunte Kratzer auf der harten Schale. Mama hat mir nie von irgendwelchen Reisen erzählt. Ich habe sie auch nie gefragt. Einmal, als ich Schafskäse gebacken habe, wollte sie, wie so oft, nicht mitessen, weil sie keinen Hunger hatte und außerdem Schafszeugs hasste, seit sie mal Schafskopf gegessen hatte. Ich habe gefragt: Wo? Sie hat geantwortet: In Norwegen. Ich habe nicht gefragt: Wann?

Weitere hektische Gedanken gehen der Heldin durch den Kopf. Sie ist aufgeregt, kann sich schlecht konzentrieren. Und wir erfahren einiges. Es gibt eine Tilda, der sie vertraut und bei der sie Rat sucht. Diese Tilda vertraut nicht Ida, der Heldin (Du kommst aber?). Sie scheint ebenfalls davon überzeugt, dass Ida eine Chaotin ist. Aber die Autorin sagt nicht: Ida ist eine Chaotin. Wir assoziieren das. Aus Idas Gedanken und aus dem, was Tilda schreibt, und es gibt eine Mama, mit der Ida auch Probleme hat.
Eine ganze Menge wissen wir jetzt schon über die Hauptfigur, Dinge, wir aus ihrem Text erschließen. Ein guter Text ist immer auch ein Rätsel und fordert den Leser heraus, das zu assoziieren, was zwischen den Zeilen steht.

Ich stelle mir vor, wie meine Mama, als sie noch keine Mama war, im Bahnhof von Bergen die Treppe heruntergerannt ist, zu einem Zug nach Oslo, vielleicht einem Bjorn oder Ragnar hinterher. Ihr Haar offen, braune Strähnen im Gesicht, ihre braunen Augen damals noch leuchtend voller Lebenslust.
(Wahl, Caroline, Windstärke 17,
DUMONT Buchverlag, ‎ 256 Seiten, ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3755805229
)

Wieder ein Gedankensprung, jetzt auf die Mama in Norwegen, als sie noch voller Lebenslust war. Aha, heute ist sie nicht mehr voller Lebenslust? Ist sie depressiv? Oder krank? Oder …
Wieder wird nicht gesagt, was ist, aber angedeutet, dass da etwas ist. Was es ist, gibt dem Leser Raum, die Phantasie spielen zu lassen.

Aus den wenigen Zeilen erfährt man nicht nur viel über Tilda, sondern auch über das Genre: Young Adult. Junge Frauen, die diese Probleme kennen. Ich bin keine Frau und schon seit Jahrzehnten nicht mehr Young Adult, aber kann mich sofort in Ida einfühlen und erinnere mich an die Zeit, die viele so nostalgisch als toll besingen. Die aber oft alles andere als toll ist, wenn man mitten drin steckt.

Resümee
Verwandeln Sie sich in ihre Personen, schildern sie die Welt aus deren Augen, statt etwas über die Personen und deren Konflikte zu behaupten. Und ganz wichtig ist das, was zwischen den Zeilen steht, aber nicht im Text. Das dürfen sich die Leser erschließen dürfen. Das beweist uns diese erste Seite von Caroline Wahl.

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Von Bestsellerautorinnen lernen: Caroline Wahl