Buch im Fokus #54

18.01.2026
Auch mehr als 200 Jahre nach der Publikation vermögen Goethes «Wahlverwandtschaften» zu faszinieren. Das stellt die gegenwärtige Inszenierung am Theater Basel unter Beweis, und auch eine neuerliche Lektüre des Romans. «Buch im Fokus» widmet sich dem Buch, und in einer Notiz auch dem Stück am Theater Basel, das gestern Premiere hatte. In «Zitat & Kommentar» #27 schauen wir uns einen Satz aus einer Schlüsselszene der «Wahlverwandtschaften» genauer an.
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Die Wahlverwandtschaften

Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Verlag: Artemis-Verlag
Genre: Belletristik
Erscheinungsjahr: 1949
Weitere bibliographische Angaben
Einbandart: gebunden
Seitenzahl: 275
Sprache: Deutsch
Besprechung Moritz Th.

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Besprechung

(Notiz zum Theaterstück am Ende der Besprechung)

Im Roman stellt eine Nebenfigur fest, dass Komödien jeweils – nach dem Überwinden diverser Hindernisse – mit der Heirat des Helden-Paars enden. Im Leben dagegen werde danach weitergespielt, auch wenn man davon nichts mehr sehen mag. Die «Wahlverwandtschaften» starten damit, dass Eduard seine Jugendliebe Charlotte nach Irrungen und Wirrungen doch noch geheiratet hat. Was folgt, ist eine Tragödie.
Charlotte und Eduard richten sich auf dem grossen Landgut Eduards ein; man beschäftigt sich mit landschaftsarchitektonischen Projekten. Materielle Sorgen scheint man nicht zu kennen. Charlottes Tochter aus einer früheren Ehe, Luciane, gedeiht in einem Internat prächtig, etwas mehr Sorge bereitet ihre Nichte und Pflegetochter Ottilie, die im selben Institut im Schatten der glänzenden Luciane steht.
Eduard möchte seinen zurzeit beschäftigungslosen Jugendfreund Otto auf das Landgut bitten, er könnte sich bei der Gestaltung der Anlagen nützlich erweisen. Charlotte hat Bedenken, welche Dynamik sich mit einem Dritten entfalten könnte; aber sie spielt schon länger mit dem Gedanken, das Sorgenkind Ottilie zu sich zu holen. Warum nicht beide auf das Gut einladen? Hintergedanke: Vielleicht wird aus dem Hauptmann und Ottilie ein Paar, wenn die beiden täglich Umgang miteinander haben? Ist vielleicht auch eine leise aufkommende Langeweile des Ehepaars ein Motiv, für mehr Betrieb zu sorgen?

Wie erhofft entfaltet sich zwischen den vier Personen eine positive Dynamik. Wie in einem chemischen Experiment die Elemente reagieren die Figuren aufeinander, die «Wahlverwandtschaften» entwickeln sich allerdings anders als von Eduard und Charlotte antizipiert. Eduard und Ottilie verlieben sich in gleichsam jugendlichem Überschwang ineinander, und Eduard gewichtet dieses Gefühl absolut: Alles andere verkommt zur Nebensache. Fast noch mehr als in Ottilie scheint er in dieses Gefühl verliebt. Die einst so sehr herbeigewünschte Ehe mit Charlotte ist jetzt nur noch ein Hindernis.
Auch Charlotte und der Hauptmann sind sich nähergekommen, wenn auch in dieser Beziehung Skrupel und Zurückhaltung dominieren. Charlotte will die Ehe mit Eduard nicht gefährden; erst recht nicht, nachdem die beiden anderweitig verliebten Eheleute wieder einmal mit einander schlafen und Charlotte schwanger wird.
Eduard hält unbedingt an seiner neuen Liebe zu Ottilie fest; die Situation auf dem Landgut wird unhaltbar. Eduard verlässt die Szenerie, aber nur um Zeit zu gewinnen für die Realisierung seines Wunschszenarios: Charlotte und der Hauptmann sollen ein Paar werden, und Ottilie und er.
Auch der Hauptmann ist zuvor schon abberufen worden, zurück bleiben die beiden weiblichen Hauptfiguren. Bis dahin verfolgt die Erzählung ein recht hohes Tempo, zügig entwickelt sich der Plot. Jetzt aber ufert der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman etwas aus. Ein Streit um die Verlegung von Grabstellen, mit dem sich Charlotte auseinandersetzen muss, stimmt auf das düstere Todes-Thema ein. Dann bricht der Wirbelsturm Luciane samt Bräutigam und Gefolge über das Landgut herein, ihr Übermut sorgt für Unordnung und Leid. Es wirkt etwas unwahrscheinlich, dass ihre Mutter Charlotte sie nicht zu zähmen versucht. Überhaupt sind Charlotte und Ottilie in dieser Phase sehr im Hintergrund und passiv; eher unterstrichen wird das noch durch die eingeschobenen Passagen aus Ottilies Tagebuch, die sich mit betulichen Allgemeinplätzen beschäftigen. Sie vermeidet, auch im Gespräch mit Charlotte, die Auseinandersetzung mit ihrer Situation, man könnte auch sagen: sie weigert sich, ihr Leben in Angriff zu nehmen.

Das Unheil nimmt seinen Lauf, als Eduard Ottilie in einer idyllischen Szene im Park des Landguts überrascht. Sie liest dort ein Buch und hütet zugleich das Söhnchen von Charlotte und Eduard. Noch sehr aufgeregt vom Überfall Eduards, fällt ihr das Kleinkind aus den Armen und ins Wasser, als sie mit dem Kahn über den See setzen will. Der Tod des kleinen Otto verstärkt Ottilies Hang zu Rückzug und Entsagung, der dann auch in ihrer schon zuvor angelegten Anorexie zum Ausdruck kommt. Wieder ganz in novellistischer Manier überhöht der Erzähler den Leidensweg des «himmlischen Kindes», als die die eigentlich erwachsene Ottilie bis zum Schluss bezeichnet wird, zur Legende samt Wunderwirkung.
Eduards narzisstisch getriebene Leidenschaft, der es an Selbstreflexion mangelt, trägt viel zum katastrophalen Ausgang der Geschichte bei. Aber auch Charlottes Rationalität, ihr Festhalten an der Konvention, ist für die Eskalation mitverantwortlich, wie sie sich spät eingesteht. Der für Konfliktlösungen sich selbst zuständig erklärende Mittler stiftet mit seinen schablonenhaften Ratschlägen mehr Schaden als Nutzen. Die Gesellschaft erscheint insgesamt im Umbruch, es fehlt an Orientierung und die alten Rezepte greifen nicht mehr.
Dass der Autor keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation zeigt, ist ihm bald nach Erscheinen des Buches in der zeitgenössischen Rezeption vorgehalten worden. Erst später wurden gerade diese Aporien als Zeichen der Modernität des Romans geschätzt, genauso wie die Vielschichtigkeit der abgehandelten Themen, von der Landschaftsarchitektur über die Pädagogik oder die Ehe bis hin zu den Naturwissenschaften und dem Militärwesen.

Auch heute noch irritiert und fasziniert die Position des Erzählers, der uns aus einer allwissend-fürsorglichen, nur leicht ironischen Halb-Distanz durch das verhängnisvolle Geschehen führt und am Ende die Ausweglosigkeit der Figuren hart kontrastiert mit der Quasi-Heiligsprechung des verstorbenen Helden-Paars Ottilie und Eduard. Vor allem aber zieht auch nach mehr als 200 Jahren Goethes ungeheuer geschmeidige, elastische Sprache in den Bann. Unnachahmlich, wie er zu Beginn umständlich und in gediegenen Sätzen das Leben auf dem Landgut schildert, nur um dann nach der Ankunft von Ottilie und dem Hauptmann das Tempo zu verschärfen, bei Bedarf aber eine entscheidende Szene in grosser Genauigkeit wie in Zeitlupe zu schildern. Die «Wahlverwandtschaften» bieten beides, eine genussvolle Lektüre und viel Stoff zum Nachdenken.

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Theaterstück «Die Wahlverwandtschaften», Premiere am 17.1.2026, Schauspielhaus Theater Basel

Die von Goethe im Roman so liebevoll und detailliert beschriebene Parklandschaft des Landguts? Im Theaterstück die leere Bühnenfläche mit einigen Baugruben. Regisseurin Leonie Böhm konzentriert sich in ihrer Inszenierung auf das Wesentliche, auf die vier Hauptfiguren und ihre Beziehungen.
Eine Baustelle ist die Ehe von Charlotte und Eduard, der zu Beginn zur Schau getragenen Harmonie zum Trotz. Eduard scheint sich in der Sicherheit zu langweilen, er sehnt eine Abwechslung herbei und ruft seinen Freund Otto, den Hauptmann, aufs Landgut, dem dann bald die junge Ottilie folgt.
Wie bringt man den Stoff der «Wahlverwandtschaften» ins 21. Jahrhundert? Im Roman reflektieren die Figuren ihre Leidenschaften und Verstrickungen kaum oder dann zu spät. Das Stück des Theater Basels besteht nur aus Dialogen über die Liebe und Beziehungsarbeit, aus der tragischen Romanerzählung wird eine polyamouröse Komödie. Komische Effekte erzielt die Verwendung der gediegenen Sprache aus der Goethe-Zeit im sanft ironisierten woken Psycho-Diskurs unserer Tage, wobei die Regie geschickt mit zunehmender Dauer Anachronismen einstreut, «verarsch mich nicht», oder «ich will mit Euch bonden». Nicht ganz überraschend wird Eduard von einer Frau gespielt (Maja Beckmann) und Charlotte von einem Mann. An sich ist Kay Kysela in der Rolle der vernunftgesteuerten, eher steifen Charlotte eine klare Fehlbesetzung, er tänzelt bei jeder Gelegenheit zur Live-Musik der Keyboarderin Fritzi Ernst über die Bühne und lässt seinen Emotionen in atemberaubenden Pirouetten freien Lauf. Und auch die umwerfende Vera Flück ist als Ottilie auf der Bühne alles andere als die ätherische, entsagungsvolle Figur aus dem Roman. Aber das Stück ist in sich stimmig und spielt gekonnt mit der Essenz der «Wahlverwandtschaften».
Es gibt einige Momente, die besonders in Erinnerung bleiben: Als Ottilie im Kreis der Freunde von ihren Schwächen reden will, entsteht im Publikum Unruhe, weil zwei Zuschauer den Saal verlassen. Vera Flück reagiert spontan: «Oh Gott, jetzt gehen die ersten!» Souverän und vom Timing her so passend, dass man fast auf den Gedanken kommen könnte, das sei geplant gewesen. Aber man kann sich auch vorstellen, dass die zu Beginn etwas harzige, kurzhosige und manchmal flapsige Aufführung Goethe-Traditionalisten tatsächlich vor den Kopf stösst.
Später verwandelt sich im Hintergrund der Bühne allein durch das herrliche Pantomime-Spiel von Charlotte und dem Hauptmann (Dominic Hartmann) eine der Baugruben in einen See. Sie rudern einen Kahn, der sich in ein Motorboot oder dann auch in die Titanic verwandelt, während sich die beiden näherkommen.
Höhepunkt dann die Geburt des kleinen Ottos zu viert: Muss man einfach gesehen haben, nicht nur weil es brillant gespielt ist, sondern weil der Einfall auch konsequent ist in dieser überraschend optimistischen Lesart der «Wahlverwandtschaften». Die Beziehungsarbeit zahlt sich trotz viel ironisiertem Leerlauf aus, der tödliche Ausgang wird verhindert.
Donnernder, verdienter Applaus am Schluss.

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Zitat & Kommentar #27

18.01.2026
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Johann Wolfgang von Goethe : Die Wahlverwandtschaften

Kommentar Moritz Th.

Die Wahlverwandtschaften_p. 239

Von allem abgesondert schwebt sie auf dem treulosen unzugänglichen Elemente.

Kommentar

Eine entscheidende Stelle in Goethes «Wahlverwandtschaften»: Ottilie im Kahn auf dem See, nach dem von ihr verschuldeten Ertrinkungstod des kleinen Sohns von Charlotte und Eduard. Das «abgesonderte Schweben» wird noch unterstrichen, indem alles Konkrete, der See, die Parklandschaft aus dem Satz verschwunden sind. Niemand sieht sie, sie sieht niemanden. Bereits hier beginnt sich Ottilies Existenz irdischen Belangen zu entziehen. Aufgerufen wird das Bild einer Figur, die quasi im Nichts schwebt, zwischen Himmel und Erde, die jetzt insgesamt «treulos» und «unzugänglich» erscheint.

Prägnanter lässt sich die grenzenlose Einsamkeit und Verlorenheit einer Figur kaum fassen.

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