Glück im Unglück…

… oder auch ein Phyrrussieg?

Ich weiß es nicht. Der Tag heute war kein einfacher: Ich rief morgens um 9 beim Gynäkologen an, um mein Ergebnis zu erfragen. Leider ging niemand dran – außer der Anrufbeantworter. Man sei im Urlaub. Kann sich eigentlich irgendjemand vorstellen, was das für ein Gefühl ist, wenn man freitags gesagt bekommt, man bekäme „nach Weihnachten“ Bescheid und dann ist die Praxis im Urlaub?

Meine eigentliche Praxis mit Zugriff auf alle Akten, konnte oder wollte mir auch nicht helfen. Das müsse der biopsierende Arzt machen.

Und so fuhr ich desillusioniert, wütend, verzweifelt und aggressiv in die große Stadt mit den Türmchen, um von irgendjemandem dumm angerempelt zu werden und meinen Frust loszuwerden. Hat nur mäßig geklappt. Immerhin bekam ich das Geburtstagsgeschenk für die Nichte, Geburtstagskarten und eine Mutkarte, die ich mehr als dringend brauchte.

Auf dem Rückweg dann im Zug der Anruf vom Arzt. Trotz Urlaubs.

Es ist gutartig. Aber…

Das „Aber“ tat mir körperlich weh. Jede Erleichterung blieb im Hals stecken. Ich habe Glück im Unglück, sagt er, weil es rechtzeitig erkannt wurde. Die Zellen sind zwar gutartig, haben aber ein großes Potential umzuschlagen. Die Histologie empfehle dringend eine Operation zur Entfernung. „Wir gehen das zeitentspannt an“, sagt mir der Arzt. „Haben sie nächste Woche Zeit für die Vorbesprechung?“

Zeitentspannt definiert dann wohl jeder anders.

Gutartig, aber baldige Entfernung. Krankenhausaufenthalt von drei Tagen, sagt er. Wir können es auf der Gynäkologie machen, auf der ich schon meine Gebärmutter entfernt bekam. Sie ist gut. Sie zählt zu den besten Brustkrebszentren. Aber eine OP.

Ich danke allen für ihren Optimismus. Eine Freundin sagte heute Morgen in einer Sprachnachricht, dass mich viele Menschen tragen würden. Und genau das habe ich heute gemerkt. Viele trugen mich, waren da. Ich bin dankbar.

Es bleibt ein komisches Gefühl. Und Angst. Angst, weil es das zweite Mal in vier Jahren ist, dass ich da knapp rauskomme. Ich scheine gefährdet zu sein. Ich muss vier Mal im Jahr zum Brustcheck (aus eben diesen Gründen). Ich wäre froh, wenn es mich nicht trifft. Aber das flaue Gefühl, das bleibt.

Rückblick 2022

Zugenommen oder abgenommen?
Erst zugenommen, dann abgenommen. Dann wieder zugenommen. Das ist die verdammte Kurzfassung.

Die Langfassung geht so: Mäßig zugenommen bis März (ich Fressbäckchen), dann sieben Kilo abgenommen durchs Radfahren, dann zugenommmen, weil er Sport dank Coviderkrankung, entzündetem Daumen und Biopsie im Dezember zu kurz kam. Kommen musste.

Haare länger oder kürzer? 
Länger. Sie wachsen und wachsen.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Das muss ich tatsächlich prüfen lassen. Seit Covid sind meine Augen extrem schlecht geworden. Kein Witz! Ich kann immer schlechter sehen – mit einer Verschlechterung in einer Geschwindigkeit, die ich noch nie erlebt habe.

Mehr ausgegeben oder weniger? 
Mmh, wahrscheinlich mehr. Wegen Inflation, Urlaub und gestiegenen Preisen für Energie und Lebensmittel dank Krieg. Wohnungsrenovierung und Firmenauflösung haben ihr übriges getan.

Der hirnrissigste Plan?
Same same: Wie auch im letzten Jahr, habe ich nur bedingt auf meinen Körper gehört. Was mich an meine emotionale und körperliche Grenze gebracht hat.

Die gefährlichste Unternehmung?
Mitten in der Pandemie andere Menschen in Innenräumen zu treffen. Besonders, wenn man weiß, dass nicht jede*r das mit der Testung und Maskenprophylaxe ernst nimmt. Dadurch war ich in diesem Jahr auf zwei Superspreaderevents: in einer Pizzeria und auf einer Weihnachtsfeier. Beide Events habe ich unbeschadet überstanden. Dafür wurde ich von einer Kollegin bei der Arbeit angesteckt, die nicht wusste, dass sie positiv ist.

Der beste Sex?
Gibt es schlechten? Nicht mehr in meinem Alter.

Die teuerste Anschaffung?
Ein Urlaub, ein Handy (das noch geliefert werden muss) und eine Firmenauflösung.

Das leckerste Essen?
Das Kalb zu Weihnachten war schon sehr gut…

Urlaub? 
Ja. Zwei Wochen Kos. Es war ein Träumscher. Zwei Wochen ausspannen, entspannen, Kraft tanken.

Das schönste Konzert?
Da waren einige: Fanta 4, Coldplay, Mine, Laith Al-Deen… Viele haben nicht stattgefunden für uns: Jan Delay, Sting, Simple Minds. Alle waren schön, weil jedes einzigartig war nach der Pandemiepause. Aber Coldplay und Mine waren ganz weit vorne.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
…den Kolleg*innen. Und mit meinen inneren Dämonen.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Mir.

Vorherrschende Gefühle 2022?
Optimismus, Aufbrauchstimmung, Angst, Wut.

2022 zum ersten Mal getan?
Mich tätowieren lassen. Für mich und meine Bedürfnisse gekämpft. Alte Strukturen aufgebrochen. Meine Nichte in den Arm genommen. Ein Brandschutzhelfer*innen-Seminar gemacht. Einen Gran Fondo gefahren. Meine Schwiegermutter beerdigt. Meine Tante beerdigt. Covid gehabt.

2022 nach langer Zeit wieder getan?
Auf mich gehört. Getan, was mir gut tut. Für mich gekämpft.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Dass ich so nicht weitergehen kann.

Gibt es etwas, was du jemandem gern gesagt hättest?
Ja. Vieles. Einigen.
Aber dafür ist die Zeit noch nicht gekommen.

Drama

Ach, achach.

So langsam entwickelt sich das hier zu einem Dramablog. Denn irgendwie schreibe ich nur, wenn es wieder ein Update von einem meiner Untermieter gibt. Und wenn ich fotografiert habe. Wobei die Neuigkeit eher ist, dass der vor einem Jahr vorgestellte Untermieter nicht der aktuelle ist.

Den hat der Brustpapst bei der Routinekontrolle im September entdeckt. Damals 9 mm groß. Jetzt 12 mm. Ich war zu Nikolaus bei ihm, um ihn nach drei Monaten checken zu lassen – und, ja, er ist gewachsen. Nicht signifikant, aber eben ein bisschen. Und er ist nicht klar umrissen, eher sattelförmig statt rund, mit ausgefransten Rändern.

Am 21. Dezember wurde biopsiert. Dieses Mal unter Ultraschall und in der Praxis direkt. Mit Aufklärungsgespräch, örtlicher Betäubung und Stanzbiopsie 30 Minuten. Es hat gezwickt, nicht weh getan. Das Ergebnis sollte am 23. kommen.

Leider kam da nur die Info, dass das Labor nicht weiß, was es ist. Keine Entwarnung. Es müssen weitere Tests gemacht werden. Ich habe Angst.

Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag und ich hoffe auf ein gutes Ergebnis morgen. Ich fürchte nur das schlimmste. Man muss nur lang genug würfeln, dann hat man irgendwann auch die 6. So fühle ich mich gerade: ich würfle seit Jahren und hatte immer Glück. Irgendwann ist das eben aufgebraucht.

Ich zwinge mich zur Verdrängung dieser Tage. Es klappt nicht. Liebe Menschen machen mir Mut und sind für mich optimistisch. Diesen Optimismus versuche ich zu inhalieren. Tief und intensiv. Es klappt leidlich.

Drückt mir mal die Daumen für morgen. Vielleicht habe ich doch nochmal eine der anderen fünf Zahlen gewürfelt.

Völklinger Hütte

Es war mal wieder Zeit. Zeit für einen Besuch im Saarland in der Völklinger Hütte, Weltkulturerbe mit besonderem Charme. Vergänglichkeit und Zeitgeschichte gehen bei diesem ehemaligen Eisenwerk Hand in Hand.

Darüber hinaus ist die Völklinger Hütte derzeit wieder Heimat der Urban Art Biennale – und präsentiert bis Mitte Oktober die Ausstellung „The World of Music Video“. Viele Gründe um hinzufahren und die Kamera mitzunehmen.

Das Ergebnis möchte ich mit Euch teilen. Vielleicht animiert es ja die eine oder den anderen zu einem kleinen Ausflug.

Tja.

Ich habe einen Untermieter. Einen, der da ist, keinen Namen hat, keine Miete zahlt – aber immerhin nicht gewachsen ist. Ich kann jederzeit zur Punktion kommen, sagt der Brustpapst. Oder ich komme im März wieder und wir gucken dann nochmal drauf. Vorausgesetzt, er verändert sich nicht signifikant.

Die Sache mit der Veränderung: Ich bin voll im Klimakterium.

Merke ich an Schlaflosigkeit, Unruhe, Hitzewellen, Gereiztheit, Pickeln wie in der Pubertät, Verstopfung, leichten Blutungen trotz Hysterektomie (Gebärmutterhals sei Dank), Veränderung der Haare (die werden noch dünner), Müdigkeit. Ich bin dünnhäutig und empfindsam. Kleinigkeiten bringen mich dazu, Rotz und Wasser zu heulen. Lass bloß kein Tier sterben in einem Film! Das ist mein Untergang. Was noch dazu kommt: die Mastopathie spielt noch mehr verrückt.

Ich fühle mich wie in der Pubertät – mit dem Unterschied, dass es mir bewusst ist, wie ich mich verändere. Ich weiß, was los ist.

Es fühlt sich an wie eine seltsame Reise weg und hin zu mir selbst. Meine Muster, die ich seit Jahrzehnten erlernt hatte und die mir in Krisensituationen bekannt waren, fallen gerade weg. Ich reagiere komplett anders, als gewohnt. Fahre schneller aus der Haut, bin furchtbar ungeduldig mit mir und anderen. Wenn etwas passiert, bin ich selber immer erstaunt, wie mich das mitnimmt oder irritiert.

Zuerst dachte ich, dass es nur die Pandemie ist, die mich jetzt emotional kriegt. Doch je mehr ich mit anderen Frauen spreche, desto mehr sehe ich, dass es einfach ist, wie es ist: ich bin keine 30 mehr. Nicht mal mehr 40.

Auch sonst machen sich sehr deutliche Anzeichen der Alterung bemerkbar. Die Hände werden faltiger. Die Augenfalten sind auch da, wenn ich nicht lache. Ich brauch morgens länger, um fit zu sein. Schwungvoll aus dem Bett? Ich lache. Wenn ich Schwung nehme, dann höchstens, um schnell genug nachts aufs Klo zu kommen, verdammt.

Habt Ihr schon mal davon geträumt, dass ihr aufs Klo geht? Und wart dann froh, dass ihr nicht aus Versehen… Naja. Ich google jedenfalls jetzt schon mal die besten Windelhöschen für später. Sicher ist sicher.

Ich sehne ein wenig die Zeit zurück, als meine Morgenroutine darin bestand, Kaffee zu trinken und mich nicht durch die Anti-Falten-Cremes der Drogeriemärkte zu testen. Aber ohne Creme geht nicht mehr. Die Haut spannt sonst so. Ja, lustigerweise nur noch im Gesicht. Am Rest hängt sie mehr, als sie sollte.

Zu allem Übel kommt dann noch dieses Pandemie-Ding dazu. Das fordert mich jetzt mehr, als die Monate zuvor. Ich bin ganz gut durch den Sommer gekommen. Dachte, ich habe mein Stresslevel gut im Griff. Konnte andere aufmuntern, Optimismus und gute Laune verbreiten. Aber ich merke, dass ich meine Kraft verliere dafür.

Manchmal möchte ich schreien, weil mir alles zu viel wird und ich das auch mal loswerden möchte. Auch mal aufgemuntert werden möchte. Nicht immer nur das offene Ohr sein für die Ängste und den Stress der anderen. Dann merke ich, dass ich das nicht gut ertragen könnte. Jede menschliche Interaktion ist too much zur Zeit.

Der Mann hat mich daran erinnert, was mich im ersten Pandemiehalbjahr (damals, 2020, erinnert ihr euch noch? Als wir dachten, es wäre nach einem halben Jahr alles wieder tippitoppitoll? Haha.) gerettet hat: Meditation und rausgehen. Das hab ich jetzt wieder angefangen. Und ich distanziere mich noch mehr von Menschen, die mir Kraft rauben.

2021 war kein gutes Jahr. Es war ein trauriges Jahr mit Abschieden, herben Rückschlägen, Verlusten. Es war ein Jahr, in dem mir (damals) nahestehende Menschen gezeigt haben, dass sie einer Freundschaft weniger Wert beimessen, als ich das tue. Und dass sie lieber wegschmeißen, als erhalten.

Zum Glück gab es auch viele schöne Dinge, die mich bis in den November getragen haben: eine Familie, die ich liebe. Gute Kolleg*innen, die dazu beigetragen haben, dass wir die Nummer einigermaßen gesund überstehen – naja, im Rahmen unserer Möglichkeiten „gesund“. Mit denen sich Freundschaften entwickelt haben und die es schaffen, dass ich gern dort arbeite, wo ich arbeite.

Das Radfahren hat mich wieder. Und dadurch gab es viele schöne Begegnungen und Treffen, viele neue Menschen in meinem Leben, die diese verrückte Leidenschaft teilen, noch mehr lieben und mich dafür immer mehr begeistern können/wollen.

Gestern schrieb ein lieber Mensch auf Insta, dass ich so eine positive Ausstrahlung habe. Das tat unsagbar gut. Daran halte ich mich fest.

Vielleicht reicht es ja für die zwei Wochen bis zu meinem Urlaub. Bis dahin kann viel passieren. Vor allem kann passieren, dass ich noch versuche, einen Termin bei der Gynäkologin zu bekommen. Habe gehört, die verschreiben auch guten Hormon-Stoff gegen die ollen Nebenwirkungen des Klimakteriums.

Und den könnte ich nun wirklich gut gebrauchen. Also den Stoff.

Zum Wohl und auf einen schönen zweiten Advent.

Update

Warten, warten, warten.

Ich hatte vergessen, dass die Zeit mit einer BI-RADS-4-Diagnose vor allem aus Warten besteht. Oder ich habe es verdrängt. Was auch immer es ist, es ist anstrengend.

Aufmerksame Leser (gibt es die noch?) merken auf: BI-RADS 4? War das nicht beim letzten Post noch unklar? Ja, war es. Dann kam das MRT. Am Donnerstag war mittags mein Termin und es kam anders, als gedacht: die usprünglich auffällige Stelle, diese zwei Zentimeter Unklarheit, haben sich als harmlos herausgestellt. Einfach nur blödes Mastopathie-Gewebe.

Aber da drunter, da ist was. Da auf 4 Uhr (sie kennen das mit der Uhr als Ortsangabe?) gab es einen Zufallsbefund. Minikleine 7 mm. Aber BI-RADS 4a. Immerhin 4a! Die kleinste Wahrscheinlichkeit für ein Karzinom. 2–30 % Wahrscheinlichkeit für ein Karzinom. Das bedeutet: zu 70–98% ist es gutartig. Aber es muss geklärt werden

Wie, weiß ich noch nicht. Ich warte noch auf den Anruf des Brustpapstes. Die geben mir dann einen Termin zur nächsten Sono mit genauen Bildern und Ortsangabe von der Radiologin, wo er nochmal gucken muss. Und wahrscheinlich biopsieren.

„Kaiserin sticht König“, sagt sie. Und meint damit, dass sie jetzt bestimmt, wie es wo weitergeht. MRT sticht Sono.

Die Radiologin war furchtbar nett. Wie schon beim letzten Mal. Ich mag ihre klare, aufgeräumte Art. Sie hat sich nochmal durch meine Historie gelesen. Nochmal auffrischen, was damals war, als sie mich zwei Mal biopsieren musste. Sie denkt, dass dieses Mal der Gynäkologe selber biopsieren kann unter Sono und sie nicht gebraucht wird. Die 7 mm Angst sitzen wohl günstig dieses Mal.

In der rechten Brust ist auch was. Aber von ihr als BI-RADS 3 eingestuft. Also erstmal nur Ultraschallkontrolle.

„Entspannen sie sich bis dahin“, sagte sie noch. „Es ist 4a! Und sehr klein. Die Lymphknoten sind auch völlig unauffällig.“

Schon mal versucht, sich so zu entspannen?

Ich habe Urlaub gerade. Zwei Wochen auf die ich ich sehr gefreut hatte. Die ich gebraucht hatte. Jetzt sind sie irgendwie kaputt und ich komme nicht zur Ruhe. Manchmal muss ich weinen. Dann hält der Mann meine Hand oder nimmt mich einfach so in den Arm. Manchmal fahren wir dann 30 Kilometer mit dem Fahrrad, damit die Gedanken endlich still stehen.

Liebe Menschen schreiben mir Nachrichten und bieten ihre Hilfe an. „Wenn du reden möchtest, meld dich.“ Aber ich kann nicht. Ich würde gerne. Aber da ist so eine Mauer, die mich nicht reden lässt. Und ich möchte niemandem die Laune verderben.

Ich probiere mich abzulenken mit Gesprächen, aber dann ertappe ich mich selber dabei, wie ich vor mich hinstarre und es nicht schaffe, mich weiter auf das Gegenüber einzulassen. Dann will ich weg. Wie vor zwei Tagen, als wir zusammen saßen im Garten und das Gespräch plötzlich auf eine Bekannte kam, die zu spät zur Vorsorge ging. So spät, dass die Brüste schon unterschiedlich groß waren, so groß war der Tumor schon.

Inoperabel, weil so weit nach innen wachsend. Gestreut. „Bitte nicht mehr weit weg in den Urlaub fahren, es kann jederzeit was passieren“, waren Aussagen der Ärzte. Ich bin dann aufgestanden und musste mal auf Toilette. Themen, die gerade nicht gehen bei mir. Ich hatte denen nichts gesagt von meiner aktuellen Situation. Eben weil ich Ablenkung wollte. Dann kam alles, aber keine Ablenkung.

Ich freue mich jedenfalls über liebe Nachfragen und Urlaubsgrüße von denen, die ans Meer gefahren sind. Die unbeschwert sind und mich daran teilhaben lassen. Die wissen, was los ist und nicht müde werden, mir zu zeigen, dass sie für mich da sind. Auch, wenn ich gerade nur sporadisch antworte.

Viele tun einfach so, als ob nichts wäre und schicken mir doofe lustige Bilder oder belanglose Nachrichten. Das tut gut, weil ich trotz meines Rückzugs nicht das Gefühl habe, ausgeschlossen zu sein. Oder dass man mir das übel nimmt. Manchen antworte ich. Manchen erzähle ich manchmal, wie es mir geht. Aber nur, wenn ich mich stabil fühle.

Es ist nur BI-RADS 4a. Es ist nur BI-RADS 4a. Keine 5. Keine 6. Und es sind nur 7 mm Scheißelbrustkram.

Aber warum schaffen es diese 7 mm, mich so aus der Bahn zu werfen?

Mein Kopf erinnert sich an „vor vier Jahren“. Im MRT bekam ich beim ersten Reinfahren eine Panikattacke. Aus dem Nichts. Gedankenschwindel, oben wurde unten, Herzrasen, der Hals schnürt zu, raus, raus, raus. Man holte mich sofort raus. Bat mir Beruhigungsmittel an. Ich habe abgelehnt, mich beruhigt und dann das gemacht, was man nach einer Panikattacke machen sollte: weiter. Bloß nicht vermeiden. Konfrontation.

Der Körper erinnert sich besser an die Angst, als an die Erleichterung. Ich hoffe, dass ich danach alles genauso gut verdrängen kann, wie beim letzten Mal „danach“. Da müsste sich doch der Kopf auch dran erinnern, oder?

Long time…

Long time no see. Heißt doch so. Es hat einen Grund, dass ich so lange nicht hier war: ich war beschäftigt im Leben. Habe vergessen, was es bedeutet, täglich zu bloggen. Es liest eh niemand mehr mit.

Jetzt bin ich heute hier und merke, dass ich immer den Drang habe zu schreiben, wenn etwas passiert. Passiert ist. Ich scheine Dinge besser einordnen, verarbeiten zu können, wenn ich beginne zu schreiben. Ohne Plan, einfach schreiben.

Ich möchte für mich die Zeit gerade festhalten, weil ich weiß, dass ich sie irgendwann wieder verdrängen werden. Vergessen werde, was es mit mir gemacht hat, was es in mir bewegt. Der Wunsch nach Verdrängung ist groß in mir. Denn eigentlich ist alles gut: Alter Mann, neuer Job (naja, seit eineinhalb Jahren) und der Plan, die Firma aufzugeben.

Jetzt machte es aber wieder ein „Bäämm!“ in meinem Leben. Mit Schmackes und Anlauf. Und alles ist wieder da. Alle Gefühle, alle Unsicherheiten, alle Gedanken. So wie damals. BI-RADS 3. Oder 4. Dieses Mal ist sich der Arzt nicht sicher.

Aber von vorne: Es ist da (wieder mal) etwas in meiner Brust. Zur Info, ich habe Mastopathie. Oder wie die Ärzte sagen „sehr abenteuerliches Brustgewebe“. Meine Brüste sind voller Zysten, Fibroadenome und Co. Und manchmal ist da auch was anderes. Das letzte Mal vor vier Jahren. Jetzt wieder. Bei der Kontrolluntersuchung entdeckte die Gynäkologin etwas, das nicht typisch Zyste ist. Und wollte eine zweite Meinung.

Wie damals ging ich zum „Brustpapst“ der ortübergreifenden Praxisgemeinschaft. Dieser Arzt ist spezialisiert auf Brüste. Klingt frivoler als es ist.

Zwei Tage nach dem Zufallsfund schon der Termin bei ihm. Ich bin wieder in der Maschinerie.

Tatsächlich ist es in Deutschland so, dass niemand, der in einer potentiellen Brustkrebs-Gefahr ist, sich um alles allein kümmern muss. Praxen kümmern sich um Termine, Absprachen etc. Oder wie meine Ärztin sagte: „Sie haben andere Sorgen. Wir wollen vermeiden, dass sie vermeiden.“

Montag Erstbefund per Ultraschall. Mittwoch Sono. Morgen kommt der Anruf, wann ich einen MRT-Termin habe.

Ich muss das MRT selber zahlen. Weil es nicht eindeutig Krebs ist. Die gesetzlichen Kassen wollen wohl so vermeiden, dass es unnötige „Vorsorge-„Untersuchungen per MRT gibt. Leider weißt man das erst nach der Untersuchung, ob es nötig war. So lange es nicht klar ist, dass es BI-RADS 4 ist, sondern BI-RADS 3 sein könnte, bin ich raus. Man könnte auch in sechs Monaten ultraschallen. Ok, dann könnte da schon ein größerer Tumor sein. Aber dann wäre es eben sicher.

Ich bin in der komfortablen Situation, mir ein MRT leisten zu können. Also befolge ich den Rat des Arztes: „Wären sie meine Frau, würde ich sie sofort ins MRT stecken“. Noch Fragen?

Vor- und Nachteile unseres Gesundheitssystems in einer Arztsitzung.

Morgen (Donnerstag) erfahre ich, wann ich ins MRT komme. Daraus erhofft man sich, zu erfahren, ob eine Biopsie notwendig ist.

Meine „abenteuerliche Brust“ seufzt jetzt schon.

Ich habe seit Montag alle Gefühle von vor vier Jahren erlebt. Schock, Lähmung, Angst, Panik, Akzeptanz, Resignation. Und zum Schluss dann Entschlossenheit. Heute im Wartezimmer, vor dem Termin beim Spezialisten, dann eine große Panikattacke. Erschreckend und faszinierend gleichzeitig wie sich der Körper an die Ängste vor vier Jahren erinnert. Alles kam hoch. Zusammen mit dem Wunsch, mein Stammhirn zu biopsieren.

Aber dieses Mal weiß ich, was auf mich zukommt. Dieses Mal ist es nicht neu und ich weiß, wie es laufen kann. Ich kenne die Schritte. Das beruhigt irrationalerweise. Jetzt.

Geht zur Vorsorge. Ich gehe einfach mal davon aus, dass es wieder gut ausgeht. Ja, ein kleines großes Stück Sorge bleibt, dass ich nicht schon wieder so viel Glück haben kann. Dass es mich sicher dieses Mal treffen wird. Aber was ist, wenn nicht?

Sollte ich endlich mal Lotto spielen?

Weiß

Wir hören zur Zeit viel darüber, was es bedeutet PoC zu sein. Es bedeutet immer wieder Rassismus, Ressentiments, verbale und körperliche Angriffe, Benachteiligungen, Demütigungen, Erklärungen liefern müssen für alles.

Ich kann nichts dazu sagen, was es bedeutet. Ich bin weiß.

Auf Twitter fragt Malcolm Ohanwe:

Und ich habe mir Gedanken darüber gemacht, was ich alles für Privilegien dadurch habe. Hier nur eine kleine Aufzählung.

In meinem ganzen Leben bin ich noch nie wegen meiner Hautfarbe benachteiligt worden. Ich hatte nie Angst, am Samstag Abend nicht in einen Club zu kommen, weil ich weiß bin. Die Polizei behandelt mich nicht pauschal als potentielle Verdächtige, sondern als Opfer oder Zeugin. Wenn ich ein Bewerbungsfoto an den Lebenslauf hefte, mache ich mir Gedanken über die Frisur oder mein Lächeln, nicht über meine Hautfarbe und ob ich deswegen nicht eingeladen werde zum Vorstellungsgespräch.

Die meisten meiner Kollegen sind weiß. In meiner Ausbildung gab es nicht eine*n PoC. In meiner Schule gab es eine PoC. In meinem Haus wohnen acht Weiße und vier PoC, in der Nachbarschaft wohnen sonst fast ausschließlich Weiße.

Wenn ich mich für eine Wohnung bewerbe, fragt mich niemand nach meiner Herkunft. Ebenso wurde ich noch nie auf einer Party gefragt, wo ich eigentlich herkomme. Wenn ich sage „Münster“ wird höchstens gefragt, warum ich weggezogen sei. Niemals werde ich gefragt, woher meine Eltern kämen. Oder meine Großeltern.

In Zeitschriften und Katalogen werden in erster Linie Menschen meiner Hautfarbe abgebildet. Weiß gilt in vielen Teilen immer noch als Schönheitideal und wird sogar durch die Verwendung Beautyprodukten angestrebt. Ich wurde noch nie exotisch genannt. Wenn ich irgendwo lang laufe, werde ich nicht beschimpft, bespuckt, angegriffen oder mir wird gesagt, ich solle dorthin gehen, wo ich herkomme.

Ich habe keine Angst vor Männern mit weißen Zipfelmützen und Augenschlitzen. Ich wurde noch nie als Minderheit bezeichnet oder jemand hat ein Problem damit, in meiner Gegenwart über Ethnie, Race oder Hautfarbe zu sprechen. Meine Hautfarbe wird aber nicht ständig in Gesprächen thematisiert, auch wenn es bis dahin überhaupt nicht um Hautfarbe ging. Ich werde nicht ständig als „Weiße“ bezeichnet, um mich zu beschreiben. Für niemanden bin ich so schön „Milch“.

Ich werde immer auf Deutsch angesprochen, wenn ich in einem Laden einkaufe. Niemand spricht mich auf Englisch an oder fragt in naiver Sprache, ob ich verstehen würde, was man sagt. Mir hat noch niemand ungefragt in die Haare gegriffen, weil sie so schön blond und glatt sind. Oder mich gefragt, wie ich sie frisiere. Oder wie kompliziert es sei, mir Zöpfe zu flechten, zu welchem Frisör ich gehe oder ob man die auch färben kann.

Man unterstellt mir wegen meiner Hautfarbe eine gute Bildung und einen guten Job. In beruflichen Gesprächen spricht man mich an und nicht meine Kollegen, um eine fachliche Meinung zu hören, nur weil ich weiß bin.

Niemand beschimpft mich auf der Straße, wenn ich an ihm vorbei gehe. Noch nie hat jemand sich über meine weiße Haut ausgelassen oder mich gefragt, ob ich schnell Sonnenbrand bekomme. Meine Kopf- oder Lippenform wurde noch nie in einem Comic negativ überzogen gezeichnet. Es gibt keine Süßigkeiten mit mich verletzendem Namen und ich musste mich noch nie dafür rechtfertigen, wenn ich sage, dass mich ein Schimpfwort verletzt.

Ich bekomme keine Drohbriefe, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Es ist noch nie passiert, dass sich jemand von mir nicht beraten lassen wollte, weil ich aussehe, wie ich aussehe. Wenn ich in ein Land einreise, werde ich in der Regel nur standardmäßig kontrolliert. Noch nie musste ich mir Sorgen machen, dass mich jemand wegen meines Äußeren an der Einreise hindert oder mir ein Verbrechen unterstellt.

Wenn ich mir ein Auto miete, lächelt man mich an und ich bekomme die Schlüssel – niemand käme auf die Idee, mir explizit zu erklären, wie ich mich in dem Auto zu verhalten habe oder mir „scherzhaft“ zu sagen, dass Drogentransport damit aber nicht erlaubt sei.

Noch nie hat mir jemand gesagt, dass ja Weiße wie ich immer eine bestimmte Po-Form hätten oder schöne Brüste.

Make-up bei einer Visagistin ist immer in meinem Hautton vorhanden. Wenn ich bei Ärzten bin, erzählt mir diese*r nicht, dass mein Leiden typisch sei für Weiße. Im Wartezimmer oder in einem Bus hat sich noch nie jemand wegen meiner Hautfarbe weggesetzt oder mich kritisch gemustert. Die meisten setzen sich eher neben mich. Es ist niemand überrascht, dass ich einen Schulabschluss, eine Ausbildung und einen guten Job habe. Ich wurde noch nie Opfer von Rassismus. Ich wurde noch nie von Menschen rassistisch beleidigt.

Ich bin sichtbar. Ich werde gehört. Ich wurde noch nie wegen meiner Hautfarbe benachteiligt. Ich musste mir noch nie Gedanken um meine Hautfarbe machen. Ich bin privilegiert.

Was kann ich tun?

Ich kann zuhören. Ich kann lernen. ich kann mich selbst und meine Privilegien hinterfragen, mich mit ihnen auseinander setzen. Ich kann dort mit meiner Stimme unterstützen, wo es gebraucht und gewünscht ist. Ich kann dafür sorgen, dass Rassismus nicht unwidersprochen bleibt. Ich kann meine Privilegien dazu nutzen, andere zu schützen und zu supporten. Ich kann mich dort gegen das System stellen, wo es ungerecht und rassistisch ist. Ich kann rassistische Sprachbilder, Worte, Ausdrücke hinterfragen und sie durch andere ersetzen. Ich kann in den Spiegel schauen und mich fragen, wo ich mich auf welche Weise rassistisch verhalte. Es gibt unglaublich viel, was ich tun muss.

Black lives matter.

#kritischesWeißsein

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George Floyd. Gemalt von Mitra Woodall. http://mitraart.com

Kopf frei.

Es ist alles ein bisschen viel derzeit. Stress im Job, weil der Relaunchtermin näher rückt. Keine klaren Diagnosen im gesundheitlichen Bereich. Und ein Todesfall in der Familie. In Zeiten von Corona auf einer Beerdigung zu sein, ist eine wirkliche Herausforderung: Kein Körperkontakt, kein Trösten können, keine sichtbare Mimik, kein Trauerkaffee, keine gemeinsame Abschiednahme. In unserem Fall war es eine Friedwald-Bestattung – mit Trauerfeier draußen unter Eichenprozessionspinnerwarnschildern.

Mein innerer Monk zuckte ununterbrochen.

„Fight your enemies“ ist meine derzeitige Losung. Wald bedeutet Zecken, Eichenprozessionsspinner, Stechgetier. Definitiv einige meiner Endgegner. Da mir ja in diesem Jahr das erste Mal auch Blüher zu schaffen machen (hallo Heuschnupfen im Anfangsstadium), ist Wald einfach mehr so No-Go-Area derzeit für mich.

Trotzdem wollte ich nach dieser Stress-Woche mal raus und meinen Kopf etwas frei bekommen. Das geht gut beim Wandern. Vor sich hinlaufen, Natur gucken, weiterlaufen. So lange laufen, bis die Gedanken zu müde sind zum Kreisen. Da ich nicht ganz fit bin, wurde es eine kleinere Runde. Aber eine verdammt schöne:

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Acht Kilometer rund um die Münzenburg. Oh, Wetterau, du Schönheit. Die Tour zeigte ganz viel davon: Viel Weitblick auf z.B. den Taunus, viele Salzwiesen, die man auf Wegen durchquert – mit wunderschönen Blumen, Gräsern und Tieren.

Zuerst ging es zur Burg hoch, von der aus man die ersten ein, zwei Kilometer über normale Wege läuft und einen wundervollen Weitblick hat.

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Blick durch den Torbogen auf die Wetterau
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Auch dieses Mal wieder waren Lutherweg und Jakobsweg dabei.
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Am Ende der Mauer beginnt der Weitblick
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In der anderen Richtung der Taunus mit Winterstein und Feldberg

Weiter ging es über verschiedene Wege, bis wir abbogen auf die ersten Wiesenwege.

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Quer über kaum zu erahnende Pfade durchs Naturschutzgebiet.

Die Belohnung folgte dann am Ende des Wildwuchses: Fünf Störche klapperten auf einer Wiese. Daneben im Feld schauten die Ohren eines Rehs aus dem Grün.

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Das Reh ist erstmal nicht zu sehen
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Zack, da isses

Wo eins ist, sind meist noch mehr. Und die Vorstellung, dass man durch ein Naturschutzgebiet läuft und die Tiere so nah dran sind, ohne dass man sie bemerkt, fasziniert mich immer wieder.

Wir waren schon überwältigt, fünf Störche auf einmal gesehen zu haben. Aber ein paar Meter weiter, gab es dann dies zu sehen:

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Störche, Störche, Störche

Hier ein Teil der Störche, die auf der Salzwiese nach dem Regen der letzten Tage auf Nahrungssuche waren. Insgesamt zählten wir 22 Störche. 22 Störche! Unglaublich. Auf einer kleinen Anhöhe steht eine Bank, von der aus man dieses Schauspiel gut beobachten konnte. Doch irgendwann entwickelte sich der Platz zu einem Hot-Spot: immer mehr Wanderer und Radfahrer hielten an, um sich diese Storchenmenge anzuschauen.

Die Wege waren übrigens hier wieder asphaltiert und gut ausgeschildert als Radweg gen Burg. Wir waren nämlich mittlerweile ein gutes Stück um den Galgenberg gewandert.

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Blick auf die Münzenburg

Ein bisschen später verließen wir den gut ausgebauten Weg und liefen über Schotter, vorbei an sehr schönen Schafen und sehr schönen Kühen.

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Leithammel

Von da an ging es zurück über Asphalt ins Dorf und die Hauptstraße wieder hoch bis zum Auto.

Diese Wanderung war wirklich sehr, sehr schön. Auch für nicht geübte Wanderer schön – aber bitte mit richtigem Schuhwerk und der Klarheit, dass die Wege nicht nur schön gerade und asphaltiert sind, sondern auch hoch bewachsen. Für Zeckenphobiker wie mich empfiehlt sich also lange Hose und Anti-Zecken-Mittel. Und bitte immer nach der Rückkehr die Klamotten ausschütteln und den Körper nach Zecken absuchen.

Da fällt mir ein, dass ich wohl mal wieder eine FSME-Impfung bräuchte…

https://www.komoot.de/tour/198129499?ref=wtd

WMDEDGT

Sonntag, Distanzierungswoche 4. Frau Brüllen fragt auch heute, was man den ganzen lieben Tag lang so gemacht hat.

Wir standen wie immer zeitig auf, Katzen füttern, Katzen mit Medikamenten versorgen. Danach Kaffee trinken, Zeitung lesen, kuscheln, frühstücken (Toast, Joghurt, Melone, Müsli).

Dann eine Runde Spazieren gehen über die Felder. 6 Kilometer Nase in den Wind halten, Sonne tanken, bewegen, atmen. Einige Leute unterwegs, aber die meisten mit dem Rad. Wie es einen trotzdem triggert, Menschen zu begegnen, ist Wahnsinn: Man macht einen großen Bogen umeinander und ich ertappe mich dabei, jedes Mal den Atem anzuhalten.

Zwei Hasen und einen Storch gesehen.

Wieder zuhause fallen wir beide müde auf die Couch. Wir gucken ein bisschen Dosen-TV und trinken noch einen Kaffee. Kleines Mittagsschläfchen.

Ich mache mir Gedanken über die Gefahren von Fremdkörpern in der Lunge und daraus resultierende Lungenentzündungen. Ich hab mich heute Morgen nämlich am Joghurt verschluckt – und bin wieder gefangen im Kopfkino. Ich hasse es, wie unfassbar kreativ mein Hirn Horror-Szenarien entwickeln kann.

Um mich abzulenken, räum ich den Balkon auf, fege ihn, räum ein bisschen Krempel auf und um. Die Clematis hat verdammt viele Knospen und ist überall rumgewuchert.

Ich nehme Abschied von meinem großen Drachenbaum. Der ist hin, dank dieser blöden Fliegen, die komplett die ganze Erde bevölkert haben und die Pflanze komplett braun werden ließen. Auch ein Komplettwechsel der Erde hat nichts gebracht. Es ist traurig. Der Drachenbaum hat uns 12 Jahre begleitet und war jetzt über 2,50 Meter hoch. Jetzt ist er auf dem Kompost.

Danach sitzen wir eine Runde auf dem Balkon. Unter dem Sonnenschirm. Ich eingecremt mit LSF 50 und langärmelig. Schließlich hatte ich noch bis gestern Antibiose. Wir meditieren beide eine Runde. Der Kater kommt und fordert Fressen. Oder Aufmerksamkeit. Vielleicht auch beides. Ich surfe ein bisschen und trinke einen Gin Tonic. Der erste Alkohol seit eineinhalb Wochen.

Ein bisschen WhatsApp-Kontakt mit verschiedenen Freunden und der Familie. Heute das erste Mal kein Skype-Videocall mit Freunden. Ich freue mich über die vielen Freundschaften, die auch auf diesen Kanälen weiter bestehen. Und die vielen Freundschaften, die wieder aufleben. Mit einigen rückt man doch näher zusammen in der Krise. Virtuell, emotional.

Draußen halten sich mal wieder einige nicht an die Vorgaben von maximal zwei Personen. Durchseuchung scheint das Ziel, der Egoismus bleibt eben größer, als die Vernunft. Leider auch bei Menschen, die danach wieder mit anderen Menschen beruflich zu tun haben.

Ich schwanke zwischen Mitleid und Kopfschütteln.

Der Mann kocht. Es gibt Bratwurst mit Kürbis-Kartoffeln-Gemüse mit getrockneten Tomaten. Ich bin leicht errötet. Ob das wegen der Schärfe, wegen des Alkohols oder wegen der Sonne ist, weiß ich nicht.

Ein kurzes Geburtstagsständchen musste ich noch per Sprachnachricht loswerden. Unser aller Lieblings-Jawl hat seinen Ehrentag und er soll alles Tolle dieser Welt bekommen im neuen Lebensjahr. Und Kuchen. Kuchen auch.

Jetzt gucken wir die nächste Staffel „Haus des Geldes“ und ich bin nur mäßig begeistert. Der Kater hat sich an mich gekuschelt und beschwert sich jedes Mal, wenn ich mich bewege. Er möchte jetzt seine Ruhe.

Früh ins Bett gehe ich auch gleich: Morgen muss ich arbeiten. Zum Glück im Home Office. Dank Kurzarbeit nur sechs Stunden und ich überlege jetzt schon, was ich erledigen kann.

Und so beginnt meine Woche schon irgendwie am Sonntag Abend. Bei einem Fast-Vollmond, der schon aufgegangen ist.

Temperatur heute: 36,4.
Blutdruck: 114/70 mmHg
Geschlafen: 8 Stunden 41 Minuten
Gegangen: 10.842 Schritte