Ich habe einen Untermieter. Einen, der da ist, keinen Namen hat, keine Miete zahlt – aber immerhin nicht gewachsen ist. Ich kann jederzeit zur Punktion kommen, sagt der Brustpapst. Oder ich komme im März wieder und wir gucken dann nochmal drauf. Vorausgesetzt, er verändert sich nicht signifikant.
Die Sache mit der Veränderung: Ich bin voll im Klimakterium.
Merke ich an Schlaflosigkeit, Unruhe, Hitzewellen, Gereiztheit, Pickeln wie in der Pubertät, Verstopfung, leichten Blutungen trotz Hysterektomie (Gebärmutterhals sei Dank), Veränderung der Haare (die werden noch dünner), Müdigkeit. Ich bin dünnhäutig und empfindsam. Kleinigkeiten bringen mich dazu, Rotz und Wasser zu heulen. Lass bloß kein Tier sterben in einem Film! Das ist mein Untergang. Was noch dazu kommt: die Mastopathie spielt noch mehr verrückt.
Ich fühle mich wie in der Pubertät – mit dem Unterschied, dass es mir bewusst ist, wie ich mich verändere. Ich weiß, was los ist.
Es fühlt sich an wie eine seltsame Reise weg und hin zu mir selbst. Meine Muster, die ich seit Jahrzehnten erlernt hatte und die mir in Krisensituationen bekannt waren, fallen gerade weg. Ich reagiere komplett anders, als gewohnt. Fahre schneller aus der Haut, bin furchtbar ungeduldig mit mir und anderen. Wenn etwas passiert, bin ich selber immer erstaunt, wie mich das mitnimmt oder irritiert.
Zuerst dachte ich, dass es nur die Pandemie ist, die mich jetzt emotional kriegt. Doch je mehr ich mit anderen Frauen spreche, desto mehr sehe ich, dass es einfach ist, wie es ist: ich bin keine 30 mehr. Nicht mal mehr 40.
Auch sonst machen sich sehr deutliche Anzeichen der Alterung bemerkbar. Die Hände werden faltiger. Die Augenfalten sind auch da, wenn ich nicht lache. Ich brauch morgens länger, um fit zu sein. Schwungvoll aus dem Bett? Ich lache. Wenn ich Schwung nehme, dann höchstens, um schnell genug nachts aufs Klo zu kommen, verdammt.
Habt Ihr schon mal davon geträumt, dass ihr aufs Klo geht? Und wart dann froh, dass ihr nicht aus Versehen… Naja. Ich google jedenfalls jetzt schon mal die besten Windelhöschen für später. Sicher ist sicher.
Ich sehne ein wenig die Zeit zurück, als meine Morgenroutine darin bestand, Kaffee zu trinken und mich nicht durch die Anti-Falten-Cremes der Drogeriemärkte zu testen. Aber ohne Creme geht nicht mehr. Die Haut spannt sonst so. Ja, lustigerweise nur noch im Gesicht. Am Rest hängt sie mehr, als sie sollte.
Zu allem Übel kommt dann noch dieses Pandemie-Ding dazu. Das fordert mich jetzt mehr, als die Monate zuvor. Ich bin ganz gut durch den Sommer gekommen. Dachte, ich habe mein Stresslevel gut im Griff. Konnte andere aufmuntern, Optimismus und gute Laune verbreiten. Aber ich merke, dass ich meine Kraft verliere dafür.
Manchmal möchte ich schreien, weil mir alles zu viel wird und ich das auch mal loswerden möchte. Auch mal aufgemuntert werden möchte. Nicht immer nur das offene Ohr sein für die Ängste und den Stress der anderen. Dann merke ich, dass ich das nicht gut ertragen könnte. Jede menschliche Interaktion ist too much zur Zeit.
Der Mann hat mich daran erinnert, was mich im ersten Pandemiehalbjahr (damals, 2020, erinnert ihr euch noch? Als wir dachten, es wäre nach einem halben Jahr alles wieder tippitoppitoll? Haha.) gerettet hat: Meditation und rausgehen. Das hab ich jetzt wieder angefangen. Und ich distanziere mich noch mehr von Menschen, die mir Kraft rauben.
2021 war kein gutes Jahr. Es war ein trauriges Jahr mit Abschieden, herben Rückschlägen, Verlusten. Es war ein Jahr, in dem mir (damals) nahestehende Menschen gezeigt haben, dass sie einer Freundschaft weniger Wert beimessen, als ich das tue. Und dass sie lieber wegschmeißen, als erhalten.
Zum Glück gab es auch viele schöne Dinge, die mich bis in den November getragen haben: eine Familie, die ich liebe. Gute Kolleg*innen, die dazu beigetragen haben, dass wir die Nummer einigermaßen gesund überstehen – naja, im Rahmen unserer Möglichkeiten „gesund“. Mit denen sich Freundschaften entwickelt haben und die es schaffen, dass ich gern dort arbeite, wo ich arbeite.
Das Radfahren hat mich wieder. Und dadurch gab es viele schöne Begegnungen und Treffen, viele neue Menschen in meinem Leben, die diese verrückte Leidenschaft teilen, noch mehr lieben und mich dafür immer mehr begeistern können/wollen.
Gestern schrieb ein lieber Mensch auf Insta, dass ich so eine positive Ausstrahlung habe. Das tat unsagbar gut. Daran halte ich mich fest.
Vielleicht reicht es ja für die zwei Wochen bis zu meinem Urlaub. Bis dahin kann viel passieren. Vor allem kann passieren, dass ich noch versuche, einen Termin bei der Gynäkologin zu bekommen. Habe gehört, die verschreiben auch guten Hormon-Stoff gegen die ollen Nebenwirkungen des Klimakteriums.
Und den könnte ich nun wirklich gut gebrauchen. Also den Stoff.
Zum Wohl und auf einen schönen zweiten Advent.
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