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Archiv für den Monat Oktober 2024

Staatsversagen bei der kritischen Infrastruktur

Heute war der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zum Staatsbesuch bei Bundeskanzler Olaf Scholz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Aufgrund der Kurzfristigkeit der Planungen (US-Präsident Joe Biden sagte wegen des Hurrikans recht spontan ab) erhielt ich meine Akkreditierungszusage als Fotograf in Kanzleramt und Schloss Bellevue erst gestern Nachmittag. So weit, so gut.

Spoiler: Ich kam nicht in Berlin an.

Um bei der sehr kurzen Vorlaufzeit Kosten zu sparen, beschloss ich, das sowieso schon bezahlte Deutschlandticket zu nutzen, und mit dem Regionalverkehr nach Berlin zu fahren. Ein Riesenfehler, wie sich herausstellen sollte. Aber der Reihe nach: Ich plante vorsichtshalber einen (wie ich dachte) großzügigen Zeitpuffer von 2,5 Stunden ein, und verließ gegen halb 5 die Wohnung. Geplante Ankunft in Berlin gegen 10 Uhr. Akkreditierungsausgabe 12:15 bis 12:45 Uhr. Seeehr viel Zeit, sollte man meinen.
Zuerst lief alles glatt. Um 5 Uhr in Erfurt losgefahren, mit nur 7 Minuten Verspätung in Magdeburg angekommen. Es blieb noch Zeit für einen Kaffee, dann pünktlich los mit dem RE nach Berlin. Wir kamen bis zu einem brandenburgischen Kaff mit ca. 3.000 Einwohnern, von dem ich noch nie gehört hatte: Wusterwitz. Dort hieß es dann Streckensperrung, alles aussteigen, der Zug fährt wieder zurück nach Magdeburg. Schienenersatzverkehr zum Bahnhof nach Brandenburg würde organisiert, man könne auch den Linienbus nehmen (der einzige des Vormittags). Dieser Linienbus kam auch recht zeitnah, und sofort stürmten ca. 100 Gestrandete zur Tür. Der Busfahrer entschied sich dann, keine Auswahl treffen zu wollen, und ließ gar keinen rein. Er fuhr mit dem fast leeren Bus davon. Schienenersatzverkehr kam nicht.

Man setzte also Hoffnung auf den nächsten Zug, eine Stunde später. Hier dasselbe Spiel: Strecke nach Brandenburg noch immer gesperrt, der Zug fuhr zurück nach Magdeburg. Schienenersatzverkehr soll kommen. Kam nicht. Kam nie. Da auch keine Linienbusse mehr geplant waren, blieb also nur, eine weitere Stunde mitten in der Pampa zu warten. Im Freien, bei leichtem Nieselregen. Ohne Unterstellmöglichkeit. Ohne irgendwas zum Reinsetzen auf dem Dorf. In der Gewissheit, dass da kein Schienenersatzverkehr kommen wird. Der kommt erfahrungsgemäß nie, wenn er nicht schon Tage zuvor bestellt wurde. Die zweite Stunde verging, die App meinte, der nächste Zug solle fahren. Also zu Gleis 2 gelaufen (das ist dort ein längerer Fußmarsch durchs halbe Dorf), um dort zu lesen, Gleiswechsel zu Gleis 1. Also die gesamte Meute wieder zurück. Am Ausgangspunkt angekommen die Nachricht, dass auch dieser Zug dann doch nicht weiterfahren wird, sondern ebenfalls zurück nach Magdeburg. Dieses Mal wurde aber kein imaginärer Schienenersatzverkehr versprochen, sondern alle mit Reiseziel Berlin bzw. Frankfurt/O sollen zurück nach Magdeburg fahren, und dort die S-Bahn nach Stendal nehmen, um von dort nach Berlin zu kommen.

An diesem Punkt hatte sich für mich das Reiseziel Berlin erledigt. Nach zwei Stunden in der brandenburgischen Steppe und Rückfahrt nach Magdeburg gab es keine realistische Chance mehr, noch vor dem Termin in Berlin anzukommen. Also zurück nach Magdeburg, dort die Wartezeit mit Nahrungsaufnahme überbrückt, und in den RE nach Erfurt eingestiegen. Der fuhr dann bis Sangerhausen. Denn dort kam die Durchsage, alle müssten aussteigen, der Zug fährt wegen Personalmangel (!) ins Depot. Nächste Reisemöglichkeit nach Erfurt eine Stunde später.
Man soll ja das Positive sehen: Ich bin nur innerlich explodiert, und nach außen ruhig geblieben. Und es gab ein Café im Bahnhof Sangerhausen, so dass ich nicht noch eine Stunde im Regen stehen musste.

Fazit des Tages: Außer Spesen nichts gewesen. 12 Stunden sinnlos unterwegs gewesen, und keine Fotos der drei S: Selenskyj, Scholz und Steinmeier.
Fahrgastrechte? Natürlich nicht. Als Inhaber eines Deutschlandtickets ist man in dieser Beziehung völlig rechtlos. Sogar ein Fahrrad mit entsprechender Fahrkarte hat Anspruch auf Erstattung, ein Reisender mit Dtl.-Ticket nicht.

War das eine große Ausnahme? Nein. Nur in vielleicht 10-15 % aller Bahnfahrten komme ich pünktlich am Ziel an. Kann eine Streckensperrung mal passieren? Klar. Mal. Aber nicht in dieser Häufigkeit. Und wenn, dann bitte mit ehrlicher Kommunikation und nicht Märchen vom Schienenersatzverkehr. Dann hätte man auf die zwei Stunden im beschaulichen Wusterwitz verzichten können. Und wenn sowas vorkommt, erwarte ich einfach ein schnelles Reagieren, und nicht, die Reisenden irgendwo im Nirgendwo sich selbst zu überlassen.

Und das Ganze hat leider System, über die Bahn hinaus: seit Monaten (!) kommt täglich (!) von den Erfurter Verkehrsbetrieben (EVAG) morgens die Nachricht, dass aufgrund Personalmangels einzelne Fahrten ausfallen. Mir hat übrigens erst diese Woche Facebook einen zwei Jahre alten Beitrag von mir in Erinnerung gerufen, als dies auch schon so war. Also auch innerstädtisch muss ich längst mehr Zeit einplanen, um pünktlich zu Terminen zu kommen. Man weiß ja nie, wann die nächste Bahn fahren wird. Es interessiert offensichtlich seitens der Verantwortlichen schon niemand mehr, ob die Busse und Bahnen alle fahren, oder nicht. Man sieht die tägliche Meldung bereits als Selbstverständlichkeit an. Dass die EVAG ebenso gelassen reagieren würde, wenn seitens der Kunden einzelne Zahlungen wegen Finanzmanges ausfallen, darf stark bezweifelt werden.

Infrastruktur? In Deutschland? Ein ganz schlechter Witz, über den ich nicht mehr lachen kann. Nicht mal, wenn man eine Überportion Sarkasmus besitzt. Keine Busse, keine Bahnen, ausfallende Züge, einstürzende Brücken, marode Schulen, massiver Unterrichtsausfall – all das seit vielen Jahren. Und nichts ändert sich. Das muss diese viel beschworene Verkehrswende sein. In Richtung Postkutsche.

Da braucht man sich auch nicht zu wundern, wenn immer mehr Menschen wütend werden, einen regelrechten Hass auf alle Politiker bekommen, und unangebrachte Parteien wählen. Denn die bisherigen Politiker haben offenbar „den Schuss“ noch immer nicht gehört. Und tragfähige Konzepte, um aus dem Schlamassel wieder herauszukommen, sehe ich nirgendwo. Bei keiner einzigen Partei.

 
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Verfasst von - 2024/10/11 in Politik

 
 
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