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Johann Gottfried Herder
(1744-1803)


Herder, Johann Gottfried, 1744-1803, der bekannte Dichter, ist auch als Philosoph von Bedeutung. In K�nigsberg h�rte er bei Kant Vorlesungen und er �u�erte sich sp�ter sehr g�nstig �ber Kants Wirken; noch sp�ter aber trat er dem Kritizismus und Apriorismus schroff entgegen und kritisierte diesen nicht ohne Mi�verst�ndnisse in seiner �Metakritik�. Er nennt Kants kritische Untersuchungen ��de W�sten voll leerer Hirngeburten im anma�endsten Wortnebel�. Von starkem Einfl�sse auf H. war (neben Jacobi) Hamann, insbesondere bez�glich der Weigerung, Form und Inhalt der Erkenntnis scharf zu sondern, und auch in der Betonung der Bedeutung der Sprache. In seiner Weltanschauung ist Herder wesentlich von Spinoza und Leibniz, die er zu vereinigen sucht, beeinflu�t, auch von Rousseau u. a.

Gegen�ber der Zur�ckf�hrung der Sprache auf die g�ttliche Sch�pfung seitens S��milchs u. a. betont Herder den menschlichen Ursprung der Sprache. Diese tritt zuerst als Ausdruck von Gef�hlen in T�nen auf, welche aber erst Besinnung, Reflexion, Apperzeption interessierender Merkmale der Dinge zu Worten macht, so da� die Sprache �Ausdruck und Organ des Verstandes�, Werkzeug der Vernunft wird. Die erste Sprache war eine Art Poesie, �Nachahmung der t�nenden, handelnden, sich regenden Natur�. Erst mit dem Sprechen entsteht die Vernunft.

Im Erkennen wirken alle Seelenverm�gen zusammen; Sinnlichkeit und Vernunft, Denken und Wille und Gef�hl. Es ist die eine, einheitliche Seele, welche empfindet, wahrnimmt, denkt, will usw. Ohne Aufnahme der Reize, durch welche sich uns die Welt kundgibt, gibt es keine Erkenntnis; aus sich allein heraus kann die Seele sie nicht spinnen. �Wir empfinden nur, was unsere Nerven uns geben; danach und daraus k�nnen wir auch nur denken.� Die Seele wei� nur. �was ihr von innen und au�en ihr Weltall zustr�mt und der Finger Gottes zuwinket�. Der abstrakte �Formalismus� ist zu bek�mpfen, der ein Erkennen vor einem Erkannten annimmt. Es gibt keine apriorischen Begriffe. Der Unterschied zwischen analytischen und synthetischen Urteilen ist nur relativ. Anstatt einer unm�glichen Kritik der reinen Vernunft ist eine �Physiologie der menschlichen Erkenntniskr�fte� zu versuchen. Es gibt ohne Sprache keine Vernunft, die allerdings wie jene nur gewisse �Merkmale� der Dinge, nicht deren Inneres erfa�t. Die Sinne geben nicht tote Materie und die Seele kann den Empfindungen nicht die Form geben, die ihr gef�llt. Raum und Zeit sind nicht a priori, sondern Erfahrungsbegriffe. Der Raum ist unsere erste Erfahrung und sie ist mit unserer organisierten Gestalt, mit unserem begrenzten Dasein dem Verstande �mitangeboren�. Die Geometrie leitet ihre Axiome nicht aus dem Raum her, sondern zieht nur auf ihm ihre Linien und Figuren. Analoges gilt von der Zeit und der Arithmetik.

Ebenso sind die Kategorien empirische Begriffe, durch Abstraktion entstanden. Der Grundbegriff der Vernunft ist das Sein, welches sich durch Kraft offenbart, also �kr�ftiges Dasein zur Fortdauer� ist. Die erste Klasse der Kategorien ist: Sein, Dasein, Kraft, Dauer, aus welchen die Nebenbegriffe des Raumes und der Zeit hervorgehen. Die Kraft ist das �Ma� der Realit�t eines Daseins von innen�. Die Kraft, die durch sich erst Raum und Zeit setzt, ist das �einzig denkbare energische A priori�. Eine absolute �Spontaneit�t� des Denkens besteht nicht, ebensowenig eine rein subjektive Synthesis von objektivem Wert. �Kein Prius ist ohne ein Posterius, kein Verstand ohne ein Verst�ndliches denkbar: kein Nehmen findet statt ohne ein Geben. Du kannst nicht erkennen, wo nichts zu erkennen ist; du kannst in dir nichts verbinden, wo nicht ein von der Natur Verbundenes dasteht.� Die Funktion des Verstandes ist, �anerkennen, was da ist, sofern es dir verst�ndlich ist�. Der Verstand liest aus und versteht, d.h. er ergreift der gelesenen Dinge Bedeutung, durch Aufl�sen und Verkn�pfen. Das Urgesetz des Erkennens ist die Erkenntnis der Einheit in der Vielheit. Die Kategorien der Eigenschaften: der Identit�t, Gattung, Geschlecht, Art entspringen daraus. Die Kategorien der Kr�fte sind: bestehend, entgegenwirkend, mitwirkend, erwirkend; die des Ma�es: Punkt, Moment; unermessener Raum, unermessene Zeit, unermessene Kraft. Diesen vier Arten der Kategorien entsprechen vier Wissenschaften: Ontologie, Naturkunde, Naturwissenschaft, Mathematik: die Ontologie ist �Philosophie der Verstandes- und Vernunftsprache�. Das �Kategorisieren� erfolgt �durch Erfassung, Distribution und Komprehension des Gegebenen: das Eine wird ein Mehreres, das Mehrere wieder zu Einem�. Die Vernunft ist nur ein �anwendend-h�herer Verstand�. Sie hat die Funktion, �im Unbedingten das Bedingte anerkennend zu finden und festzustellen�, das Unbedingte auf das Bedingte anzuwenden.

Die Weltanschauung Herders ist dynamisch, organisch, panpsychistisch, panentheistisch. Gott ist die h�chste, ja die einzige Substanz. Die Dinge sind �modifizierte Erscheinungen g�ttlicher Kr�fte�. W�hrend Gott ewig ist, ist die Welt ein System verg�nglicher Dinge. Die Gottheit ist die Urkraft, die sich in unendlichen Kr�ften auf unendliche Weisen offenbart. Die Dinge sind �Ausdrucke der g�ttlichen Kraft, Hervorbringungen einer der Welt einwohnenden ewigen Wirkung Gottes�. Jedes Gesch�pf hat seine eigene Welt, ist eine Individualit�t. An sich ist die Welt ein �Reich immaterieller Kr�fte, deren keine ohne Verbindung mit anderen ist�. Alle Dinge sind und leben in Gott, der Wirkungs- und Denkkraft zugleich ist. Gott offenbart sich in allem, aber in besonderer Modifikation. Er selbst ist die �ewige, unendliche Wurzel aller Dinge�, in ihm ist weder Raum noch Zeit; die ganze Welt ist sein Ausdruck, eine Erscheinung seiner ewig wirkenden Kr�fte. Die Gesetzlichkeit und Ordnung der Welt ist Ausdruck der g�ttlichen Macht und Vernunft. Nichts kann v�llig untergehen; wenn es auch als Erscheinung verschwindet, so wirkt es doch weiter fort. Die Grundgesetze des Geschehens sind Beharrung (Selbsterhaltung), Vereinigung mit Gleichartigem, Scheidung von Entgegengesetztem; �berall gibt es Gegensatz. Die Natur dauert in �ewiger Palingenesis� und ist ewig jung, indem sie sich immer mehr harmonisiert. Im Reiche Gottes besteht ein �Fortgang�; immer h�here Daseinsformen treten auf. Alle Materie ist belebt, sie besteht selbst aus lebendigen Kr�ften. Vom Stein bis zum Menschen herauf steigert sich die Form der Organisation. In der Natur steht nichts still, �alles strebt und r�ckt weiter�. Die Seele ist eine individuelle Kraft, deren Werkzeug und Spiegel der Leib ist. Nach dem Tode wird die Seele ein neues Organ finden. Was wirkt, wirkt ewig; wenn die H�lle wegf�llt, so bleibt die Kraft, die auch schon vor dieser H�lle existierte.

Der Zweck unseres jetzigen Daseins ist auf Bildung der Humanit�t gerichtet, der alle niedrigen Bed�rfnisse der Erde nur dienen sollen. Die Humanit�t ist der Grundbegriff der Herderschen Geschichtsphilosophie, welche die menschliche Geschichte, als Weiterentwicklung der Natur und als bedingt durch das Naturmilieu auffa�t. �Die ganze Menschengeschichte ist eine reine Naturgeschichte menschlicher Kr�fte, Handlungen und Triebe nach Ort und Zeit.� In der Geschichte herrscht Gesetzlichkeit des Fortschrittes und dieser zielt auf die Herrschaft von Vernunft und Liebe, auf Humanit�t. �Unsere Vernunftf�higkeit soll zur Vernunft, unsere feineren Sinne zur Kunst, unsere Triebe zur echten Freiheit und Sch�ne, unsere Bewegungskr�fte zur Menschenliebe gebildet werden.� Die Erde ist ein ��bungsplatz�, eine �Vorbereitungsst�tte�, die Humanit�t ist �Vor�bung, die Knospe zu einer zuk�nftigen Blume�. Die menschliche Kultur erw�chst nur in der Gemeinschaft; der Mensch wird erst in ihr und durch die Menschheit als geschichtliches Ganzes, durch Tradition, Erziehung, Sprache zum wahren Menschen. Die Menschheit schreitet, trotz aller R�ckschritte im Einzelnen, ihrem Ziele, der h�chsten Humanit�t, immer mehr zu.

In seiner �sthetik (�Kalligone�) tritt Herder ebenfalls als Gegner Kants auf. Das Sch�ne ist nicht interesselos. Sch�nheit ist das �Gef�hl der Vollkommenheit eines Dinges�. Die h�chste Humanit�t ist die Religion, die Mutter aller Kultur, aller Wissenschaft; die reine Religion ist Menschheitsreligion.

Ohne da� Herder eine philosophische Schule begr�ndet hat, waren seine Lehren doch nicht ohne Einflu� (auf Goethe, Jacobi, W. v. Humboldt, Schelling u. a.).

Sein Humanismus und Kultur-Evolutionismus findet sich, in neuer Form, bei Hegel u. a. und in der modernen Geschichtsphilosophie und Soziologie (Humboldt, Comte, Taine, Wundt u. a.) wieder.

 

Philos. Schriften: Abhandlung �ber den Ursprung der Sprache, 1772; 2. A. 1789. - Auch eine Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1774. - Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele, 1778. - Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784 ff. (Hauptwerk). - Gott, 1787; 2. A. 1800. - Von der menschlichen Unsterblichkeit, 1792. - Briefe zur Bef�rderung der Humanit�t, 1793-97. - Verstand und Erfahrung, Vernunft und Sprache, eine Metakritik zur Kritik der reinen Vernunft, 1799. - Kalligone, 1800. - Adrastea, 1809. - Werke, 1805 ff., 1820 ff., hrsg. von Suphan, 1877 ff. - Vgl. HAYM, H., 1877 -85. - K�HNEMANN, H.s Pers�nlichkeit in seiner Weltanschauung, 1893. - H. STEPHAN, H.s Philosophie (Anthologie), 1906 (Philos. Bibl.). - SIEGEL, Herder als Philosoph, 1908. - TUMARKIN, H. u. Kant, 1896. - GOETZ, H. als Psycholog, 1904.

 

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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)


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