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Gotthold Ephraim Lessing  
(1729-1781)


Lessing, Gotthold Ephraim, 1729-1781, kommt in mancherlei Hinsicht auch f�r die Geschichte der Philosophie in Betracht. In Leipzig wurde er mit der Wolffschen Philosophie bekannt, sp�ter studierte er u. a. Spinoza und Leibniz. Von den Aufkl�rern und Popularphilosophen seiner Zeit war es besonders Mendelssohn, mit dem er verkehrte.

Lessing ist insofern ein Vertreter der deutschen Aufkl�rung, als er mit gro�em Freimut sich auf den Standpunkt der Vernunft stellt, nichts ohne Kritik hinnimmt und auch in der Theologie den religi�s-ethischen Gehalt des Christentums vom Historisch-Dogmatischen wohl zu unterscheiden wei�. In seinen philosophischen Anschauungen ist Lessing nicht, wie Jacobi meinte (und Mendelssohn heftig bestritt), �Spinozist�, wenn er auch in mancher Beziehung (Einheit des Alls, Determinismus, Toleranz u. a.) von Spinoza beeinflu�t ist. In erster Linie steht Lessing auf dem Boden der Leibnizschen Weltanschauung, die er zu einer Art Panentheismus weiterbildet.

Lessing ist ein entschiedener Vertreter des Individualismus (Pluralismus), und zwar einer Monadologie, also �Panpsychist�: �Jedes St�ubchen der Materie kann einer Seele zu einem Sinn dienen. Das ist, die ganze materielle Welt ist bis in ihre kleinsten Teile beseelt� (in der Abhandlung: �Dass mehr als f�nf Sinne f�r den Menschen sein k�nnen�). Die Vielheit der Dinge aber wird von der Einheit Gottes umspannt, indem alles Seiende in Gott existiert (�ber die Wirklichkeit der Dinge au�er Gott). Ausdehnung und Bewegung einerseits und Gedanke anderseits sind �in einer h�heren Kraft gegr�ndet, die noch lange nicht damit ersch�pft ist�. �Sie mu� unendlich vortrefflicher sein als diese oder jene Wirkung; und so kann es auch eine Art des Genusses f�r sie geben, der nicht allein alle Begriffe �bersteigt, sondern v�llig au�er dem Begriffe liegt� (Gespr�ch mit Jacobi). Im �Christentum der Vernunft� entwickelt Lessing seinen christlichen Panentheismus weiter. Gott, das vollkommenste Wesen, hat sich von Ewigkeit her nur mit der Betrachtung des Vollkommensten, also mit sich selbst besch�ftigen k�nnen. Was Gott vorstellt, das schafft er auch. Indem er sich in aller seiner Vollkommenheit dachte, schuf er sich damit ein ebenso vollkommenes Wesen, den �Sohn Gott�, welcher Gott selbst oder ein �identisches Bild� Gottes ist. Die Harmonie, welche zwischen beiden ist, ist der h. Geist. Indem ferner Gott seine Vollkommenheiten zerteilt dachte, schuf er Wesen, deren Inbegriff die Welt ist. In der Welt ist nirgends ein Sprung, eine stetige Stufenfolge von �einfachen Wesen� existiert. Da jedes von diesen Wesen etwas hat, was die anderen nicht haben, so besteht zwischen ihnen eine Harmonie. Diese Wesen (Monaden) sind �gleichsam eingeschr�nkte G�tter� mit verschiedenen Graden des Bewu�tseins. Jene Wesen, welche sich ihrer Vollkommenheiten bewu�t sind, sind moralische Wesen und folgen einem �aus ihrer eigenen Natur entnommenen� Sittengesetze: �Handle deinen individualischen Vollkommenheiten gem�߫. Die beste positive Religion ist die, welche die wenigsten konventionellen Zus�tze zur nat�rlichen Religion enth�lt. Ob Christus mehr als Mensch gewesen, ist ein Problem. �Dass er wahrer Mensch gewesen, wenn er es �berhaupt gewesen; da� er nie aufgeh�rt hat, Mensch zu sein; das ist ausgemacht.� Folglich sind die Religion Christi und die christliche Religion zwei ganz verschiedene Dinge. Der Buchstabe ist nicht der Geist, und die Bibel ist nicht die Religion, sie enth�lt mehr als diese und ist insofern nicht unfehlbar. Aus ihrer �inneren Wahrheit.� m�ssen die �berlieferungen erkl�rt werden. Das Christentum war, ehe Evangelisten und Apostel geschrieben hatten.

Seine (von Augustinus beeinflu�te) Geschichtsphilosophie gibt Lessing besonders in der �Erziehung des Menschengeschlechts�; die Gespr�che �Ernst und Falk� enthalten den Gedanken, da� der Staat dem Wohle der Individuen dienen soll, da� nicht die Individuen f�r den Staat da sind. Was die Erziehung bei dem einzelnen Menschen ist, ist die Offenbarung beim ganzen Menschengeschlechte, n�mlich fortw�hrende Erziehung des Menschengeschlechts, die ihm nichts gibt, was er nicht auch aus sich selbst haben k�nnte, nur da� sie es ihm fr�her gibt. Eine gewisse Stufenfolge weist diese g�ttliche Leitung des Menschengeschlechts auf, die von Polytheismus und niederster Moral zu h�heren Formen der Religion und Sittlichkeit f�hrt. Der Monotheismus des Judentums ward vom Christentum abgel�st. Die Zeit der Vollendung aber wird erst kommen, wo der Mensch �das Gute tun wird, weil es das Gute ist�, die Zeit eines �neuen ewigen Evangeliums�, das dritte Zeitalter. Eben die Bahn aber, auf welcher das Menschengeschlecht zur Vollkommenheit gelangt, mu� jeder einzelne Mensch erst durchlaufen haben. Es ist m�glich, da� jeder Mensch mehrmals auf der Welt gewesen ist. �Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin.� Eine Erinnerung an fr�here Zust�nde ist nicht n�tig.

Lessings Bedeutung als �sthetiker ist gro�, doch weniger in philosophischer Hinsicht. Hier sei angef�hrt, da� Lessing unter dem Sch�nen die �undeutliche Vorstellung einer Vollkommenheit, in welcher der Begriff der Einheit der klarste ist�, versteht (Bemerkungen �ber Burkes philos. Untersuchungen, 1758), ferner die Forderung, dass ein Kunstwerk ein �untadelhaftes Ganzes� bilde, dass die Dichtkunst moralisch n�tze und zugleich erg�tze. Die Bedeutung des Genies, des �Mustergeistes�, dessen gl�cklicher Geschmack der Geschmack der Welt ist, wird betont. Die tragische �Katharsis� fa�t Lessing als Umwandlung der Affekte in �tugendhafte Fertigkeiten� auf.

 

Schriften: Das Christentum der Vernunft, 1753. - Pope ein Metaphysiker (mit Mendelssohn), 1755. - �ber die Wirklichkeit der Dinge au�er Gott, 1763. - Hamburgische Dramaturgie, 1767-69. - Ernst und Falk, 1778-80. - Die Religion Christi - Die Erziehung des Menschengeschlechts, 1780. - Gespr�ch mit Jacobi �ber Spinoza, 1785, u. a. - Auch gab Lessing die �Fragmente eines Ungenannten� (Reimarus) heraus. - Vgl. die Hempelsche Ausgabe der Werke Lessings; ferner: E. SCHMIDT, Lessing, 2. A. 1900. - DILTHEY, in: Das Erlebnis u. die Dichtung, 2. A. 1907. - WITTE, Lessing u. Herder 1880. - SCHREMPF, Lessing, 1906 (Klassiker der Philos). - P. LORENTZ, Lessings Philosophie, 1909 (Philos. Bibl.).

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(Aus: Rudolf Eisler (1876-1927): Philosophen-Lexikon. Leben, Werke und Lehren der Denker, 1912)


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Seite zuletzt aktualisiert: 07.04.2006