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It’s Monday. Here is the forecast.

A two-panel vertical collage featuring filmmaker David Lynch in a workshop setting. Top Panel: Lynch is seated at a desk, wearing a black button-up shirt and dark, round sunglasses. He has his signature voluminous, swept-back white hair. He is looking toward the camera with a neutral expression. White subtitle text at the bottom reads: “I’m wearing dark glasses today, because I’m seeing the future...” Bottom Panel: A nearly identical shot of Lynch, though his expression has shifted into a slight, knowing smile. The subtitle text concludes: ”...and the future is looking very bright.” Background: The setting is a cluttered, industrial-style workspace with wooden drawers, a desk lamp, and various tools, creating a utilitarian and atmospheric environment.

For context: One of the last things David Lynch released in the years leading up to his death were short weather reports that coincided with the COVID-19 pandemic: David Lynch’s Weather Report. These videos have since achieved cult status online, as has just about everything he’s ever done. They’ve been compiled into a YouTube playlist and are also available as a bot on the Fediverse, which automatically publishes these reports.

Although the quote above comes from another video dated 21 August 2020, that doesn’t matter; it should be a credo for every new Monday (which is why I usually repost it on this day of the week).

Here is the report for today, Monday, 31 August 2020.

Further reading: David Lynch’s Wonderful Weather – Reactor Magazine, published 29 January 2025, by Mike Miley.

DavidLynch en memes
31. August 2026

So lange barfuß im nassen Gras stehen, bis das Gefühl im Kopf angekommen ist.

de micro
30. August 2026

Der Schmerz des Herausgerissenwerdens

Eine detaillierte, monochrome Illustration im Manga-Stil. Im Vordergrund sitzt eine Person mit dem Rücken zum Betrachter an einem Schreibtisch und blickt durch eine große, bodentiefe Fensterfront. Vor dem Fenster schwebt ein gigantisches, unheimliches Auge mit einer dunklen, wirbelnden Pupille und chaotischen, rissigen Strukturen, das direkt in den Raum starrt und den Großteil des Sichtfeldes ausfüllt. Im Hintergrund, hinter dem Auge, ist die Silhouette einer nächtlichen Stadtlandschaft mit beleuchteten Hochhäusern zu erkennen.
“Kanekis Auge als Drache”, Panel aus Tokyo Ghoul:re, Sui Ishida

Manchmal empfinde ich körperliche Schmerzen, wenn ich aus einem tiefen Gedanken herausgerissen werde. Der Schmerz ist real, ich kann ihn jedoch kaum lokalisieren oder sagen, wo sein Startpunkt liegt. Geht er vom Kopf aus, hinter der Stirn, ein Druckgefühl, wie kurz vor Migräne? Im Magen als diffuses, flaues Gefühl, das in Übelkeit übergeht, kurz vor Erbrechen? Oder als erst dumpfer, dann ziehender Schmerz in der Wirbelsäule, der schlussendlich ausstrahlt? Ich weiß es nicht. 

Es hat tatsächlich mein ganzes Leben bis hierhin gedauert, dass ich diese körperliche Reaktion als einen wirklichen Schmerz verstehen und ernstnehmen konnte. Und wenn ich bei meinen Kindern bin und mich dort für eine längere Zeit aufhalte, passiert mir das mit diesem Schmerz ziemlich häufig. Es ist nicht einfach, eine für alle passende Lösung zu finden. Und für mich ist das fucking anstrengend. 

Ich habe zu diesem Thema bislang noch nicht im Internet recherchiert und wollte es zuerst einfach rausschreiben. Es ist nämlich das erste Mal, dass ich diese körperliche Reaktion überhaupt verschriftliche. Premiere also. (Vielleicht editiere ich später noch nach, was ich dazu finden konnte.)

Was ich allerdings durch Eigenbeobachtung bislang herausfinden konnte, ist, dass die Qualität des Gedankens, aus dem ich herausgerissen werde, diesen Schmerz maßgeblich beeinflusst oder ihn sogar überhaupt erst gar nicht entstehen lässt. 1

“Googling derealization, hating what you find.”

Eine weitere körperliche Reaktion im Zusammenhang mit dem Herausgerissenwerden, konnte ich in dieser Klarheit erst vor ein paar Tagen beobachten. Als beim Schreiben jemand den Raum betrat und sich neben mich stellte, hatte ich das Gefühl, als würde mir etwas weggenommen werden. Meine innere Reaktion war verbergen. Manchmal ändern sich meine Schreibe und Denke, sobald andere um mich herum sind und mich beobachten. Manchmal bin ich dann auch so blockiert, dass ich gar nicht mehr weiterschreiben kann oder nur noch, indem ich die Art und Weise, wie ich schreibe, ändere. Großraumbüros sind für mich häufig ein Endgegner.2

Klingt womöglich alles komisch.

Und vielleicht klingt es auch widersprüchlich, da ich am Ende des Tages meine Gedanken dann doch mitteile. In meinem Journal, auf Social Media oder hier, in meinem Blog. Aber offensichtlich haben da meine Gedanken bereits eine Schwelle überschritten oder ein gewisses Entwicklungsstadium abgeschlossen. Eine passende Erklärung konnte ich dafür jedenfalls noch nicht finden.

Vielleicht verhält es sich mit dieser ganzen Sache so ähnlich wie bei einem bestimmten physikalischen Phänomen in der Quantenphysik. Dort gibt es die Besonderheit, dass der Akt des Messens oder Beobachtens das gemessene System tatsächlich verändert. Das Doppelspalt-Experiment3 ist ein bekanntes Beispiel dafür. Und vielleicht ist meine innere Verweigerungshaltung beim Beobachtetwerden eher als ein Schutzmechanismus zu sehen, weil ich befürchte, dass mein Ergebnis dadurch manipuliert wird und ich mich durch einen externen Beobachter auf ein Ergebnis festlegen lassen muss.

Dennoch ist es eigentlich schön, zu sehen, was herauskommen kann, wenn man mich einfach nur mal lässt. 

Geht es dir mit dem Herausgerissen- oder Beobachtetwerden auch manchmal so?

  1. Sind es etwa triviale Alltagsgedanken wie “Haben wir noch Toast, was brauchen wir noch und wann gehe ich einkaufen? Ich schreib’ das besser gleich mal auf.”, tritt der Effekt nicht auf. Befinde ich mich aber in einem Prozess, in dem ich durch tiefe mentale Schichten grabe, um einen komplexeren Sinnzusammenhang zu konstruieren, um damit etwas Wichtiges auszudrücken, dann ist der Schmerz stark. Als ich mir etwa die Bedeutung von Kipppunkten greifbarer machen wollte, gab es zwei unvorhergesehene Unterbrechungen, da war der Schmerz heftig.

  2. Die kleinen Separees moderner Bürowelten, manchmal Thinktanks genannt, sind ein Geschenk der Götter für mich. ANC-Technologie in Kopfhörern übrigens auch. Ohne solche Nischen gehe ich mittel- bis langfristig ein.

  3. “Die Beobachtung selbst (…) wählt von allen möglichen Vorgängen den aus, der tatsächlich stattgefunden hat.” – Werner Heisenberg. Das Doppelspalt-Experiment in 100 Sekunden erklärt, Teil 1 und Teil 2.

canon de journal neurodivergent questions
29. August 2026

Der beruhigende Klang aufploppender Aufbackcroissantverpackungen am Morgen. Die Drehung, das Rollen, die Rituale, der Zauber von Stabilisatoren und Weizengluten – die hochindustrielle Lebensmittelproduktion weiß, ihre Geschichten zu erzählen.

(Gott, sind das lange Wörter.)

de micro
29. August 2026

Schreiben kann manchmal auch einfach nur Notwehr sein.

de micro
28. August 2026

Der intime Streik

Über das Privileg, weniger funktionieren zu müssen.

Eine Fotografie aus der Vogelperspektive. Am äußersten oberen Bildrand stehen zwei nackte Füße mit rotem Nagellack auf einer hellgrauen Stein- oder Betonkante. Der gesamte restliche Teil des Bildes wird von einer Wasseroberfläche eingenommen. Das Wasser ist durch unzählige kleine Wellen und Lichtreflexionen unruhig strukturiert und wirkt farblich wie eine kühle, fast metallische Mischung aus Silber, Grau und dunklem Blau. Im Bereich direkt unter der Kante spiegeln sich dunkle Umrisse im Wasser.
Foto: Die Farbe Blau / @einschwarzesmeer.bsky.social

Folgende Sache ist mir neulich aus dem Kopf gefallen, die mich zuerst glücklich, dann nachdenklich und schlussendlich ein kleines bisschen schlauer gemacht hat. Anna Koschinski1 hat mich mit diesem Beitrag auf die Spur gebracht und eine sinnvolle Extrarunde über “Verwahrlosung” nachdenken lassen. Vielen lieben Dank an dieser Stelle. 🌻

Nachdem ich ihren Post gelesen hatte, veröffentlichte ich meinen dazu: 

Bis zu einem gewissen Grad kann Verwahrlosung auch heilsam sein.
Moment, darüber sollte ich was schreiben.

Well, and here we are now. Und das eigentlich nur, weil ich die nervtötende sehr tolle Angewohnheit habe, mir bei nahezu jeder Gelegenheit folgende Frage stellen zu müssen: “Stimmt das denn überhaupt?”

Spoiler: ja und nein. In meinem flapsigen Post verbirgt sich etwas, das ich zunächst nicht sah, das jedoch wichtig ist. Also, lasst uns das mal liebevoll dekonstruieren, um die Sache besser zu verstehen und ganz allgemein bei den Fragen dieser Welt weniger falsch zu liegen. 

Da ist also diese These, die anscheinend einen wahren Kern berührt und zugleich gefährliche blinde Flecken aufweist. Und um die zu sehen, muss man den Begriff der Verwahrlosung dekonstruieren und die Grenze zwischen bewusst dosiertem Kontrollverlust und pathologischem Verfall ausfindig machen. (Berufskrankheit, sorry.)

Meine Argumentation ist übrigens losgelöst von Annas originalem Beitrag zu betrachten, den ich zu einhundert Prozent nachfühlen kann.

Das Privileg der temporären Normsuspendierung

Der heilsame Aspekt dieser Idee von Verwahrlosung liegt vermutlich in der radikalen Abkehr vom permanenten Optimierungsdruck. Wir leben in einer Kultur, die ständige Verfügbarkeit, makellose Ästhetik und lückenlose Produktivität fordert. Oder ganz banal in Form von kurzen Auszeiten im manchmal knochenbrechenden Tagesgeschäft des Kinderbegleitens. 

In diesem Kontext wird das vorübergehende “Sich-Gehenlassen” – die unaufgeräumte Wohnung, die liegengebliebene Wäsche, das Ignorieren von Nachrichten, der Verzicht auf den täglichen Körperkult – zu einem Akt des Widerstands, manchmal auch zu einem Zeichen der Erschöpfung. Wer aufhört, eine performative Version seiner selbst aufrechtzuerhalten, der schont mittel- bis langfristig kognitive, emotionale und körperliche Ressourcen. Die “Heilung” besteht hier also im Akzeptieren der eigenen Fehlbarkeit, dem Anerkennen von Grenzen und dem Ausstieg aus dem Hamsterrad fremder und eigener Erwartungen.

Und hier ist der semantische Haken, der deutlich wird, sobald man die Prämisse der These hinterfragt. Denn der Begriff “Verwahrlosung” wird im Kontext meines Posts romantisiert und eigentlich falsch verwendet.

Wahre Verwahrlosung ist nie heilsam. Was in meiner These als heilsam beschrieben wird, ist bewusste Entschleunigung, Regression oder temporäre Normsuspendierung, die man sich generell viel häufiger in den Alltag holen darf. Echte Verwahrlosung hingegen bedeutet den chronischen Verlust der Selbstfürsorge, der oft mit tiefen psychischen Krisen wie schweren Depressionen einhergeht. Wenn Grundbedürfnisse wie Ernährung, Hygiene und soziale Bindungen dauerhaft ignoriert werden, beginnt schnell ein toxischer Kreislauf aus Scham und Isolation. Die Romantisierung dieses Zustands verkennt somit den Schmerz derjenigen, die die Kontrolle nicht freiwillig abgeben, sondern sie verloren haben. Das “bis zu einem gewissen Grad” mildert die Sache nur ein wenig ab.

Aber es gibt noch einen weiteren blinden Fleck, nämlich die Frage des Privilegs. Wer kann es sich leisten, eben “bis zu einem gewissen Grad” zu verwahrlosen, ohne ernsthafte soziale oder wirtschaftliche Konsequenzen zu tragen?

Das kalkulierte Sich-Gehenlassen ist somit ein Luxus derjenigen, die über ein stabiles Sicherheitsnetz verfügen. Für marginalisierte Gruppen oder Menschen in prekären beruflichen Verhältnissen führt schon der bloße Anschein von Verwahrlosung oft zu sofortigem Ausschluss aus gesellschaftlichen oder beruflichen Kreisen. Die “gesunde” Form der Verwahrlosung wird damit zu einem Privileg.

Weniger müssen müssen

Meine Aussage stimmt also nur dann, wenn man sie umformuliert: Nicht die Verwahrlosung ist heilsam, sondern die Erlaubnis, zeitweise nicht funktionieren zu müssen. Sobald dieser Zustand jedoch nicht mehr aus einer Position der Autonomie heraus gewählt wird, sondern eine Eigendynamik entwickelt, kippt die vermeintliche Heilung in Selbstzerstörung. Es bleibt am Ende eine Frage der richtigen Dosis und Intention.

Streichen wir mal kurz das Wort “Verwahrlosung” aus diesem Kontext. Benennen wir diese bewussten Auszeiten stattdessen als das, was sie im Kern wirklich sind: einen Streik. Ein temporärer, intimer Streik gegen den permanenten Optimierungsdruck, gegen die performative Version unserer selbst und gegen das Ausgezehrtsein. Und wie bei jedem Streik geht es dabei nicht darum, den Betrieb dauerhaft zu zerstören oder das eigene Leben in Trümmern liegen zu lassen. Es geht einzig und allein darum, die Bedingungen neu zu verhandeln.

Und da wir gerade beim Verhandeln sind:

  • Gegen welche Bereiche in deinem Leben müsstest du eigentlich längst mal ganz bewusst streiken, anstatt nur darauf zu warten, dass dir irgendwann vor Erschöpfung die Werkzeuge aus der Hand oder das Leben aus dem Gesicht fallen?

  • Wo hältst du in deinem Alltag gerade künstlich eine Fassade der Betriebsamkeit aufrecht, deren temporärer Einsturz eigentlich niemanden außer dir selbst stören würde?

  • Und was ist dein ganz persönlicher Indikator dafür, dass aus einer heilsamen Pause eine belastende Starre wird, bei der du Gefahr läufst, in eine Abwärtsspirale gezogen zu werden?


  1. Anna bloggt hier privat und dort fachlich. Beide Seiten mochte ich sehr, aber ganz besonders ihren Alleinerziehend-Selbstständig-Blog. In diesem macht sie auf eine sehr nahbare Art sichtbar, was sonst nur wenig gesehen, respektiert und wertgeschätzt wird: die enormen Leistungen und Irrsinnigkeiten im Leben alleinerziehender Menschen. 

de gesellschaft longform wortstoffhof
28. August 2026

Einen Antrag auf Grundverunsicherung stellen

Sehr geehrte Damen und Herren, wir erreichen in Kürze den Niedriglohnsektor. Die gegenwärtige Außentemperatur beträgt 3000 Grad. Der gesellschaftliche Luftdruck ist enorm. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und viel Glück bei Ihrer weiteren Reise am Existenzminimum.

Und Kopf hoch, weil alles Kopfsache ist. Haltung gerade, dann laufen Ihnen auch nicht die Fragen wieder oben rein, die Ihnen ohnehin schon bis zum Hals stehen dürften.

Aber das haben Sie ja vermutlich bereits selbst herausgefunden. 

de journal micro
27. August 2026

So tief in einer Sache versunken sein und so konzentriert, dass die Augen tränen, weil man vergessen hat, zu blinzeln.

de hyperfocus micro
26. August 2026

Eine unbeabsichtigte Hommage an “Der bleiche König”

Das Buch, das ich eigentlich lesen wollte, liegt noch immer auf dem Tisch. Das Buch, das ich eigentlich nicht vorhatte, zu lesen, habe ich dafür fast schon zu Ende gelesen.

Betrachtet man das mit anderen Augen, funktioniert diese Antithese zur Produktivität allerdings auch wunderbar als Werkzeug. Ich habe noch nie so viele Bücher gelesen, die ich eigentlich nicht lesen wollte, seit ich damals mit “Der bleiche König” von David Foster Wallace angefangen habe. 

Das ist jetzt 11 Jahre her.

Auf einer braunen, leicht zerkratzten Holzoberfläche liegt die deutsche Ausgabe des Romans „Der bleiche König“ von David Foster Wallace. Das weiße Cover-Design besteht aus sich wiederholenden, hellgrauen Textzeilen des Titels, bei denen stellenweise Buchstaben fehlen. Im starken Kontrast dazu stehen der Autorenname oben, der Titel in der Mitte und die Verlagsangabe „ROMAN KIEPENHEUER & WITSCH“ unten in klarer, schwarzer und serifenloser Schrift.
Zwei Bücher liegen nebeneinander auf einem grauen, fein strukturierten Untergrund. Das linke Buch hat einen senfgelben Stoffeinband mit schwarzer Aufschrift: Oben steht “JOHN VON DÜFFEL”, in der Mitte der Titel “DAS WENIGE UND DAS WESENTLICHE”, eingefasst von zwei horizontalen Linien, und darunter der Zusatz “EIN STUNDENBUCH”. Am unteren Rand ist der Verlagsname “DUMONT” leicht eingeprägt. Ein gelbes Lesezeichenband schaut unten aus den Seiten heraus. Das rechte Buch hat ein weißes Cover mit dem schwarzen Autorennamen “DAVID FOSTER WALLACE” am oberen Rand und dem Titel “DER BLEICHE KÖNIG” in der Mitte. Der Hintergrund des weißen Covers ist flächendeckend mit dem Buchtitel in einem sich wiederholenden, hellgrauen und teils unvollständigen Buchstabenmuster bedruckt. Unten auf dem Cover steht “ROMAN KIEPENHEUER & WITSCH”. Unter diesem Buch ragt ein schwarzes Lesezeichenband hervor.
Auf einem dunklen, gemusterten Holzboden (ähnlich einem Parkett) liegen zwei Bücher nebeneinander. Links befindet sich die deutsche Ausgabe von „Der bleiche König“ von David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch) mit dem weißen, typografisch gestalteten Cover. Rechts daneben liegt der unvollendete Roman „Bilder deiner großen Liebe“ von Wolfgang Herrndorf (Rowohlt Berlin); dessen Cover zeigt eine weite, idyllische Landschaft mit Bäumen entlang eines Weges unter einem hellen Himmel. Das Foto wurde mit einem deutlichen Retro-Filter bearbeitet, der dem Bild warme, sepia-artige Farbtöne, künstliche Kratzer und eine nostalgische Textur verleiht.
Auf einem hellen, glatten Holzboden liegen zwei dicke Bücher nebeneinander. Auf der linken Seite befindet sich eine englischsprachige Bibel mit einem schlichten, schwarzen Einband und dem in Gold geprägten Titel „Holy Bible“ in der Mitte. Unten schauen zwei rote Lesebändchen heraus. Rechts daneben liegt die deutsche Ausgabe des Romans „Der bleiche König“ von David Foster Wallace mit dem bekannten weißen, typografischen Cover von Kiepenheuer & Witsch. Auch hier ist unten ein Lesebändchen zu sehen, dieses ist schwarz.
In einem leicht abgedunkelten Bücherregal steht die deutsche Ausgabe des Romans „Der bleiche König“ von David Foster Wallace (Kiepenheuer & Witsch) aufrecht im Zentrum des Bildes. Links davon ist der Anschnitt eines Buches mit hellem Cover und blauer sowie roter Schrift erkennbar. Rechts daneben steht ein dunkles Buch aus dem Rowohlt Verlag; darauf sind der partiell sichtbare Autorenname „PAOLO“ und das Gesicht einer nachdenklich nach unten blickenden Frau abgebildet. Das Foto hat eine sichtbare Vignettierung, wodurch die Ränder abgedunkelt wirken.
Durch die Jahre und durch andere Bücher mit dem bleichen König.

Seitdem ich diesen Effekt kapiert habe, dass ich andere Bücher viel eher in die Hand nehme und zu Ende lese, sobald ich “Der bleiche König” bei mir trage, nehme ich dieses Buch überall mit hin. Es scheint seine geheimnisvolle Wirkung sogar bei Packungsbeilagen, dem enorm umfangreichen Antrag für Grundsicherung, inklusive sämtlicher dazugehöriger Zusatzblätter, und jedweder Form ellenlanger, geisttötender Textungetüme zu entfalten. Jedenfalls habe ich mittlerweile sogar einen eigenen Stoffbeutel dafür, und das will was heißen. 

Interessanterweise habe ich in all den Jahren noch nie wirklich darüber nachgedacht, welche Bedeutung es hat, dass es ausgerechnet dieses Buch von allen Büchern ist, das ich in dieser ganzen Zeit ständig mit mir herumschleppte.

“Der bleiche König” als Gegenpol zur Produktivität ist nämlich fast schon zu perfekt – ein Buch über Aufmerksamkeit und Prokrastination, das man dann aber nicht liest, und anstelle dessen etwas anderes tut. Wallaces letzter, posthum veröffentlichter Roman ist vielleicht die reinste Form davon. Und rückblickend auf die Zeit meines Herumschleppens ergibt das alles total Sinn. 

Der Weg zu dem Buch scheint gepflastert zu sein mit “wahrscheinlich morgen”. Passend, ehrlich gesagt: Das Aufschieben eines Buches über die Disziplin des Nicht-Aufschiebens ist vermutlich die wahrhaftigste Hommage, die man dem Roman erweisen kann. 

Wallace hat ihn nicht zu Ende geschrieben, was auf seine eigene Art ein Witz ist – man wartet auf die Auflösung von etwas, bei dem es ohnehin schon ums Warten ging.

Ich habe es jedenfalls bis heute noch nicht gelesen, mir aber nun fest vorgenommen, es zu tun. Bald. Wahrscheinlich morgen. Na ja.

bücher DavidFosterWallace de journal
25. August 2026

Womit fangen wir morgen an?

Montag. Es zieht sich. Aber wir müssen das nicht tun, richtig? Also fangen wir ganz niederschwellig an. Vermehrt Schönes sehen, aber als Tagesziel. Ganz allgemein bin ich ja für mehr Flamboyanz im Alltag. Aber was weiß schon ich?

Heute nicht allzu viel vorgenommen, nur das Nötigste: 1) Dinge beginnen, 2) Dinge beenden, so die Schiene. Und dazwischen systemlastfressende Hintergrundprozesse im Hirn abschießen. Manchmal ist das auch schon alles und einfach schon genug.

Das Dringende und Wichtige wird delegiert. Morgen [ˈmɔʁɡŋ̍], Nomen: ein mystisches Land, in dem 99 % der menschlichen Produktivität, Motivation und Taten liegen.

Eine visuelle Komposition, die Typografie und ein Foto kombiniert. Im oberen Drittel des Bildes steht in großen, weißen Buchstaben das Wort „Morgen“, gefolgt von der phonetischen Umschrift „[ˈmɔɐ̯ɡŋ]“. Darunter, kleiner und kursiv, „Nomen“, und dann eine humorvolle Definition in kleinerer, weißer Schrift: „Ein mystisches Land, in dem 99% der menschlichen Produktivität, Motivation und Taten liegen.“
Man sieht sich.

Dann, später am Tag, holprige Landung um Viertel vor Rebound-Effekt. Ich hasse diese Uhrzeit.

Dann abermals etwas später, noch ein wenig reumütig um das Ende des Tages herumschwänzeln und wider besseren Wissens dann doch nicht früher ins Bett gehen.

Womit fangen wir morgen an?

de journal
24. August 2026

Kipppunkte

Eine im Comic-Stil gezeichnete Illustration einer einsamen Person von hinten, die über eine weite, karge Landschaft blickt. Die Person trägt einen Rucksack, helle Kleidung und hält einen langen Wanderstab quer hinter dem Rücken. Der rosabraune Boden ist flächendeckend von tiefen Rissen durchzogen und in große, flache Schollen aufgebrochen, die sich bis zum fernen Horizont erstrecken. Darüber wölbt sich ein Himmel in sanften Pastellfarben, der von Hellblau im oberen Bereich zu einem blassen Gelb an der Horizontlinie verläuft und von wenigen dünnen, flachen Wolken durchzogen ist.
Bild: ThomasDalbyArt

Ein erstes Ärgernis war, den Kipppunkt mal wieder verpasst zu haben, an dem die Temperaturen draußen die Temperaturen drinnen überstiegen haben.

Die Fenster der Wohnung über Nacht auf Kipp gehabt, da war’s noch halbwegs erträglich, und vormittags vergessen, sie wieder zu schließen, da war die gottlose Hochsommerhitze längst nach drinnen und in alle Fugen gekrochen gekommen, aus denen sie sich bis weit nach Sonnenuntergang nicht mehr vertreiben lassen würde. Trieb ganz unterschwellig Raum- und Hirntemperatur gleichsam in die Höhe, und noch bevor man „Scheiße!“ schreien konnte, musste man mit ansehen, wie einem zunächst der Schweiß von der Stirn und dann die Wörter aus dem Kopf tropften. Zum Glück rechtzeitig Handtuch und Papier bereitgelegt, um beides aufzufangen.

Wenn etwas kippt, dann wechselt es plötzlich und oft unumkehrbar von einem Zustand in das komplette Gegenteil. Ein so geöffnetes Fenster würde fallen, gäbe es keine Halterung, die es in dieser Position arretierte. Auf dem kalten Wasserglas, das ich auf meinen Schreibtisch abgestellt hatte, zeichnete sich unterdessen ein ganz anderer Wechsel eines Aggregatzustands ab. Die Oberfläche war übersät mit kleinsten Tröpfchen, unsichtbarem Wasserdampf der Luft, der dort kondensierte.

Taupunkte sind auch Kipppunkte. Aber bei welcher Temperatur liegt eigentlich der Taupunkt von Gedanken? Lässt sich der Moment abschätzen, bei dem Ideen kondensieren und als Tau des Augenblicks in Form von Buchstaben niederschlagen? 

Der Bogen ist jetzt wild, aber als Kind stand ich manchmal im Winter so gewöhnlich am Fenster, wie Kinder eben gewöhnlich im Winter an Fenstern stehen, um hinauszuschauen und sich dabei die Nasen plattzudrücken, einerseits, und um die Scheibe anzuhauchen, andererseits. Weil das irgendwie magisch war und auch so albern quietschte, beim Malen mit dem Finger auf der kinderbehauchten Scheibe. Außerdem konnte man mit einem Handwisch die Zeichnung einfach löschen, wahlweise auch mit dem Ärmel seines Pullis, und wieder von vorn beginnen, das war praktisch.

Damals beobachtete ich, dass, wenn man sehr lange sehr viel auf die Scheibe haucht und sich der Wasserdampf des Atems als feiner Film auf die kalte Oberfläche legt, und dann, wenn man immer weiterhaucht, diese winzigen Perlen zu immer größeren Tropfen zusammenwachsen, bis sie sich sprunghaft miteinander verbinden, um dann ganz plötzlich die Scheibe hinabzurinnen. Eher nebenbei fand ich dabei ebenfalls heraus, dass einem ganz lustig wird im Kopf, wenn man das mit dem Hauchen immer weiter treibt.

Der gedankliche Schlenker zum Winter kommt überraschend, war er auch für mich in meinem Hitzestau, aber an das hauchende, ziemlich gewöhnlich am Fenster stehende Kind von damals musste ich denken, als ich in der heutigen Gluthitze das Bild vom Taupunkt der Gedanken im Kopf hatte: zunächst als feiner Ideenfilm, der erst zu winzigen Buchstabenperlen, dann zu immer größer werdenden Wörtertropfen anwächst, die sich verbinden und schlussendlich als mehr oder weniger kohärente Sätze über das Papier hinabrinnen.

Die Linien, die sie dabei hinterlassen, nennen wir Geschichten.

Damit ist natürlich noch immer nicht die Frage beantwortet, wie sich der Moment abschätzen lässt, an dem etwas kippt, und ob das überhaupt möglich ist. Der Hauch, der zum Tropfen wird. Die Gedanken, die zu Buchstaben, Wörtern, Sätzen und, wenn die Sache wenigstens halbwegs anständig läuft, zu einer Geschichte werden. Der Moment, bevor etwas kippt: der See zur Kloake. Die Demokratie zum Faschismus. Das Klima zur Katastrophe. Die Nachtkühle im Zimmer zur Tropenhitze. Der Sommer zum Herbst.

Zur Ehrenrettung muss man sagen, dass es das Wort kippen wirklich nicht leicht hat. Als Verb fixiert es das Ereignis des Gleichgewichtsverlusts, nicht aber die Zielkoordinate. Ohne Adverbiale – nach links, nach hinten – bleibt die räumliche Richtung völlig offen. Dennoch betrachten wir das Kippende meist vorsorglich als etwas Negatives, Verlustbehaftetes, Unumkehrbares und implizieren damit eine Wertungsrichtung. Das ist nicht fair.

Denn nicht immer muss etwas ins Negative kippen, auch wenn es viele triftige Gründe gab und gibt, weshalb wir unsere Erwartung so ausrichten. Ein Gedanke, der aufs Papier kippt, kann ja durchaus etwas Schönes sein. Oder wenn, wie in diesem Text, ein Gedanke in den nächsten kippt, so ist das eben kein Umkippen, Umfallen oder Kaputtfallen, sondern fruchtbar und konstruktiv. Die Stimmung, die kippt, ist eine tobende, brandschätzende und hysterische Meute. Aber auch das Aufbegehren einer Menge, die ein gemeinsames Motiv erkennt, sich an einer guten Idee entzündet und sich mit lautem Hurra in den Armen liegt.

Wenn also etwas kippt, bedeutet es nicht zwingend, dass es unumkehrbar ist. Es erfordert nur ein Loslassen von dem Gedanken, dass es vermutlich nie wieder ganz so sein wird, wie zuvor. 

Kipppunkte sind ein Bestandteil von Krisen, über die sich damals schon die Griechen ihre Philosophenköpfe zerbrachen. Fensterscheiben, gegen die sie im Winter hätten hauchen können, gab es natürlich nicht. Sie hatten aber ganz offensichtlich bessere Methoden, ihre Gedanken kondensieren zu lassen.

Allen Kipppunkten ist ein Schwellenwert-Charakter gemein. Weder die Kondensation noch das Umkippen eines Systems passieren schleichend im Sinne einer linearen Entwicklung; beide benötigen das Überschreiten einer exakt definierbaren Grenze. Und plötzlich sitzt man da und fragt sich, wann das eigentlich genau begonnen hat, das mit dem Schlechtwerden oder dem Besserwerden? Gab es ein singuläres Ereignis und wo lag dessen Startpunkt? Hätte man diesen Punkt sehen können?

Ohne jetzt die Weltvergessenheit bemühen zu wollen, kann es auf persönlicher Ebene manchmal hilfreich sein, innerlich alles auf Kipp zu stellen. Solange man die Sache eben nicht vergisst. Ansonsten wäre ein kurzes Stoßlüften des Oberstübchens vermutlich klüger.

Das gekippte Fenster meiner Wohnung ließ ich übrigens gekippt. Die monumentale, blödmachende Hitze des Tages habe ich einfach ertragen. Nicht, weil ich zu bequem war, um aufzustehen, oder weil ich wusste, dass es an der Situation ohnehin nichts geändert hätte. Sondern weil ich wusste, dass der Abend kommen und Kühle bringen wird. Ich wartete auf den nächsten Kipppunkt ins Gute. 


Nachtrag: Den wollte ich zuerst rauseditieren, hab’ aber die mentale Abzweigung dann doch stehen lassen, weil a) warum nicht und b) das mein Blog ist, mit dem ich machen kann, was ich möchte, und c) es eine unterhaltsame, gedankliche Tour de Force ist, die ich gerne jedem nachtragen möchte. Sozusagen als Angebot für begleitendes Denken.

1) Kritik: Der Taupunkt (Thermodynamik) ist vollständig reversibel. Wird die Luft wieder erwärmt, verdunstet das Wasser rückstandslos. Das System kehrt exakt in den Ausgangszustand zurück. Der Kipppunkt (Systemtheorie/Klima) ist irreversibel oder kaum umkehrbar. Ist ein System erst gekippt, reicht das Zurückdrehen der Temperatur oft nicht aus, um den alten Zustand wiederherzustellen. Das wäre alles richtiger, die Analogie gefiel mir dennoch besser.

2) Als ich mit dem ersten Entwurf des Beitrags fertig war, fiel mir auf, dass “ein gekipptes Fenster” eigentlich eine ziemlich seltsame Formulierung ist, mit der ich am Ende des Artikels wieder den Bogen zurück zum Einstiegsgedanken finden wollte. Da wusste ich noch nicht, was ich später wusste (erst das Schreiben, dann die Recherche, natürlich), und schrieb die nun folgende Überlegung einfach runter. Das mache ich häufiger und eigentlich ist dieser Teil nur für mich gedacht, um mir beim Denken zu helfen. In der Regel bekommt das niemand sonst zu Gesicht. Das machen wir heute anders. 

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle einem speziellen Menschen, ohne dessen kluge und feinfühlige Hilfe mein Beitrag nie zu dem geworden wäre, was er jetzt ist. Danke, Verena. 🌻

– – –

Wenn also etwas kippt, dann geht man doch davon aus, dass das, was da kippt, gleich nicht mehr kippt, sondern, getreu den Naturgesetzen und einer ziemlich unüberschaubaren Menge vorausgegangener Enttäuschungen, auf dem Boden liegen wird. Ruft jemand “Vorsicht, die Flasche kippt!”, dann sehe ich eine Flasche, die gleich zu Boden gefallen sein wird, auch wenn sie das in Wirklichkeit noch gar nicht getan hat. Wenn etwas kippt, impliziert das doch, dass jemand oder etwas eingreifen muss, um zu verhindern, dass es kacke wird, richtig? Eine Flasche, die nicht kippt, steht oder liegt entweder sicher oder sie ist schon kaputt. Halte ich eine Flasche davon ab, zu kippen, ist sie eine gerettete Flasche oder eine wieder sicher stehende Flasche. Wie auch immer, es ist dann jedenfalls keine kippende Flasche mehr.

Kann “kippen” also nur als Beschreibung für einen Bewegungsprozess oder auch als statischer Begriff verwendet werden? Muss “kippen” immer eine Richtung haben? Einen Stuhl, der kippt, sieht man im Geiste erst umfallen und dann am Boden liegen. Ein Stuhl, der kippt, wird niemals in diesem Zustand verharren – zumindest scheint das in diesem Teil des beobachtbaren Universums bislang noch nicht vorgekommen zu sein –, es sei denn, es erfolgt ein Eingreifen oder ein Mister Wir-gehn-auf-Nummer-sicher hat rechtzeitig entsprechende Vorkehrungen getroffen, so viel steht fest.

Demnach würde ein gekipptes Fenster fallen, wenn es keine Halterung gäbe, die es hält. Aber da es von einer Halterung gehalten wird, kann es nicht zu Ende kippen, so wie es möchte. Dann ist es aber auch kein gekipptes Fenster mehr. Vielleicht ist es dann ein wenig geöffnetes Fenster, oder ein Spalt weit geöffnetes Fenster. Da müssen sich Menschen was ausdenken, die klüger sind, als ich. Warum sagt man aber “gekippt”, wenn der Prozess des Kippens aufgehalten wurde?

Antwort, momentane Insellösung, Vermutung: “Gekippt” beschreibt eine Situation, die mal war (es wurde gekippt), dann aber aufgehalten wurde. 

Ach, alles sehr verwirrend, sehr.

Den schiefen Turm von Pisa nennt man ja auch nicht “den gekippten Turm von Pisa”, wobei das vermutlich auch nur eine Frage des jeweiligen Zeiterlebens ist. Ein neben dem im Bau befindlichen, damals noch geraden Turm von Pisa, frisch wachsender Baum, aus dessen Sicht das hektische Gewusel der Menschen und alles andere um ihn herum wie für uns in Zeitraffer abliefe, sofern er Augen und Ohren hätte, würde sich beim Anblick der sich immer weiter neigenden Baukonstruktion vermutlich erschrecken und laut “Oh Gott, passt auf, der Turm kippt!” rufen, sofern er einen Mund gehabt hätte. Aber das ist ja jetzt auch alles albern und führt außerdem ganz eindeutig zu weit.

de journal sprache wortstoffhof
23. August 2026

Bücher einfach krasseste Technologie

Ab dem Augenblick, als ich begriff, dass Bücher im Grunde eine Technologie sind, mit deren Hilfe Menschen ihre Ideen in die Zukunft schicken können, war die Sache für mich klar und ich war verliebt.
Bücher sind Zeitreisemaschinen.

de micro
23. August 2026

Das Wort „Beziehung“ als Bezeichnung für das Zusammenleben mit jemandem fand ich schon immer merkwürdig. Man bezieht sich auf den anderen, natürlich. Aber oftmals steckt darin auch eine Bewegungsrichtung: ziehen. Ist das, was man unter einer Beziehung versteht, denn nicht im besten Fall ein Sich-so-sein-lassen?

de micro
22. August 2026

Die Unterhosentage sind vorbei.

Die Schatten, die die Kieselsteine am Morgen werfen, werden länger. Sie sind langgezogener, als vor ein paar Tagen um dieselbe Uhrzeit. Auf den Straßen sind nun mehr langbehoste und daunenbejackte Körper zu sehen, deren eingeschriebene Pigmenterinnerungen an vergangene Sonnenstunden schon verhüllt wurden; atemberaubend, wie schnell und kompromisslos manche Menschen diesen Kleidungswechsel jedes Jahr vollführen. Nicht mehr lange und mutlos gewordene Blätter werden zu Boden tänzeln und es wird bei jedem Schritt rascheln, durch ockerfarbene Inseln, später dann braun, ein säuerlich duftender Nachhall des Gestrigen. 

Und irgendjemand wird bald wieder irgendwas über die frühe Lebkuchenverfügbarkeit in den Supermärkten gesagt oder geschrieben haben und natürlich wird es witzig sein, natürlich wird es unser Sammelgejammer adressieren und natürlich wird es total erwartbar sein, wie in jedem Jahr.

Auch Wespen werden wirr. Ihr Flug ist unkoordinierter, ihre Routen zickzackiger, als sonst. Auch sie scheinen ein Gefühl für den nahenden Untergang zu haben und wissen nicht so recht, wohin. Und in all den Beobachtungen des bevorstehenden Übergangs merke ich, dass ich mich in diesem Jahr innerlich noch nicht mal anständig aus dem letzten Winter herausgeschält habe. Was der Morgen jetzt noch an Nachtkälte hinter sich herschleppt, hält nun länger an, bis der Kipppunkt erreicht sein wird, an dem Tag und Nacht sich gleichen werden. Dann werden wir dem nächsten Frühling näher sein, als jetzt. Wie man es auch dreht und wendet, die Unterhosentage sind allmählich vorbei.

Es gibt beeindruckendere Dinge, mit denen man das herannahende Ende des Sommers beschreiben könnte. Schillerndere, vielfältigere, einfallsreichere. Aber was soll’s. Die Schatten der Kieselsteine sind eben meine. Nebensächlichkeiten sind eben meins.

de journal
21. August 2026

„Das glaubt man nicht, wenn man jung ist: Dass Dichtung einfach nur Notwehr sein kann. Eine Weise, sich selbst und das Leben zu überstehen.“ — Eva Strittmatter

de micro quotes
20. August 2026

So tief in einer Sache verschwinden, ganz weltvergessen nicht bemerken, wie all die Minuten sich zu Stunden dehnen, und erst dann wieder zum Vorschein kommen, wenn sich der Magen schon vor Hunger verkrampft.

Das ist einerseits wunderbar, weil tolle Dinge dabei entstehen können. Andererseits ist das auf Dauer eine ziemlich ungesunde Form der Selbstlosigkeit. Menschen mit dieser Disposition sind manchmal an ihren ausgemergelten Gesichtern zu erkennen.

Weltvergessen ist auch eines dieser Wörter, die man einfach umarmen möchte. Weltabgewandtheit, weltweitwerden, weltvergessen. Bei Letzterem frage ich mich manchmal, in welche Richtung das geht: ein Subjekt, das die Welt vergisst, oder die Welt, die das Subjekt vergessen hat? Oder beides?

de HypercuriousMind hyperfocus journal sprache wortstoffhof
18. August 2026

Weltweitwerden

Eine weite, ländliche Landschaft, aufgenommen aus einer sehr niedrigen Perspektive im hohen, leuchtend grünen Gras. Im Mittelgrund erstrecken sich sanft hügelige Felder und Wiesen, die am Horizont von dunklen Baumreihen und Waldstücken begrenzt werden. Auf der rechten Seite verläuft eine Stromleitung mit Holzpfosten über die Felder, auf der linken Seite ist in der Ferne ein großer Strommast zu erkennen. Der Himmel ist dramatisch und kontrastreich: Im oberen Zentrum bricht ein grelles, stark leuchtendes Licht durch eine massive, dunkle Wolkenfront, während am linken Horizont ein rötlich-gelbes Abend- oder Morgenrot zu sehen ist.
Wunschlosigkeit macht still, und die Welt wird von selbst recht.

Für mich ist Weltweitwerden der Gegenentwurf zur Weltabgewandtheit. An den genauen Moment, als mir das Wort zugelaufen kam, kann ich mich nicht mehr erinnern, aber es sah so struppig und verprügelt aus, dass ich zunächst nicht erkannte, was da vor mir stand. Es war in einem wirklich erbärmlichen Zustand.

Weltweit werden jeden Tag 33.000 Mädchen zwangsverheiratet.
Weltweit werden jedes Jahr 83.000 Frauen aufgrund ihres Geschlechts ermordet.
Weltweit werden pro Jahr ca. 8,1 Millionen Hektar Wald abgeholzt.
Weltweit werden die Feuerkatastrophen und extremen Wetterereignisse auch in den kommenden Jahren zunehmen.

Ich fragte mich, wie es auf der Welt aussehen könnte, wenn Menschen insgesamt ein bisschen weniger schlimm zueinander wären, und allgemein zur Welt. Wenn alle ein bisschen freundlicher, respektvoller und offener miteinander umgingen, und wir uns alle geistig etwas weiter machen würden.

Dann schaute ich das zerzauste Wort an und das zerzauste Wort mich. Was wäre, wenn wir endlich in unseren Köpfen weltweitwerden, nur ein kleines bisschen mehr?

Ich nahm eine Bürste und striegelte sein Fell, entfernte die losen Haare und den Schmutz, die Unterwolle und die Verfilzungen. An diesem Punkt hatten wir beschlossen, uns zu behalten. Wir haben uns seitdem nicht mehr losgelassen.

de photography wortstoffhof
17. August 2026

Manchmal darf man auch einfach nur mal anerkennen, wie weit man schon gekommen ist und was man eigentlich alles bereits geschafft hat.

👉🏻 Wir nennen es Arbeit.

de micro
17. August 2026

Guten Morgen, halbwegs strukturierte Vielzeller.
Lasst euch vom Tag anlachen. 🌻

de micro
17. August 2026

Wir nennen es Arbeit.

Ein impressionistisches Ölgemälde einer sommerlichen Feldlandschaft unter weitem Himmel. Komposition und Motiv. Vorder- und Mittelgrund: Im unteren Drittel erstreckt sich ein abgeerntetes, hellgelb-beiges Getreidefeld. Auf der linken Seite stehen zwei Personen bei der Feldarbeit – eine gebückte Gestalt und eine aufrecht stehende Figur mit Hut. Heuhaufen: Über das Feld verteilt reihen sich zahlreiche, kegelförmige Heuhaufen (Diemen) aneinander, die nach rechts hinten kleiner werden und so perspektivische Tiefe erzeugen. Weiter links im Hintergrund sind drei deutlich größere, dunklere Heuschober zu sehen. Hintergrund: Ein grüner Streifen trennt das Feld von einer flachen Horizontlinie, die von vereinzelten Bäumen und Sträuchern gesäumt ist. Himmel: Die oberen zwei Drittel des Bildes werden von einem weiten, hellblauen Himmel eingenommen, der von lockeren, weißen und zartrosa-violetten Wolkenbändern durchzogen ist. Stil und Atmosphäre. Malstil: Der Farbauftrag ist typisch impressionistisch mit sichtbaren, kurzen und tupfenden Pinselstrichen, die dem Bild eine lebendige Textur verleihen. Die Formen der Figuren und Heuhaufen sind grob angedeutet und nicht detailliert ausgearbeitet. Licht und Farbe: Es herrscht eine helle, lichtdurchflutete Atmosphäre. Die Farbpalette ist von warmen Naturtönen wie Ocker, Strohgelb und Grün im Kontrast zu den kühlen Blau- und Pastelltönen des Himmels geprägt. Unten links befindet sich eine Signatur des Künstlers: „C. Pissarro, 1873“.
Camille Pissarro, Landschaft, Île-de-France, 1873.

Donnerstag, 13.08.2026

Der Tag beginnt, wie Tage eben manchmal beginnen, mit unkämmbaren Gedanken, Kaffee und einem Absturzbericht. Die Absicht unseres Systems an diesem Morgen war vermutlich wohlwollend gemeint:

“Möchten Sie Ihren Absturzbericht jetzt senden?”
Junge, ich hab’ noch nicht mal angefangen mit dem Tag.

Wir drücken die Meldung weg. Wir ziehen den Stecker. Wir machen uns auf den Weg in die Innenstadt.

Current mood: maximalunverortet.

Wir erleben: Gebietswechsel, Phasenwechsel, Domänenwechsel. Wir erleben nicht: Zuhause. Stattdessen: Aufenthalte. Wir halten uns auf, an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeiten, und nehmen überall mit hin unser inneres Zuhause. Drehen das Wort “Aufhalten” so lange auf der Zunge hin und her, bis es am Ende keinen Sinn mehr ergibt. Was ist das, das einen hier oder dort hält? 

Zuhause ist dort, wo man es fühlt, nicht zwingend dort, wo man sein Zeug stehen hat. Manche sagen so: Home is where the Ladekabel is. Andere so: Home is where them fuckers ain’t. Alte Selbstvergewisserungen, immerwahr und dennoch nirgendpassend.

To not feel everything, everywhere, and all at once, aber als Tagesziel.
Haben wir eigentlich letzten Sommer auch so gestunken oder bin das nur ich?

Es ist die Innenstadt. Unser Körper ist angekommen. Unser Termin mit dem Parkscheinautomaten steht vor unserem Termin mit der Zigarette, steht vor unserem Termin mit dem Journal, steht vor unserem Termin mit der Ärztin. Und dazwischen sollten wir das Essen nicht vergessen haben. 

Die Stadt ist überfüllt und uns überfüllt’s. Wir sehen Sticker gegen den Klimawandel, aber in ironisch und nur mit halbwitzigen Imperativen, verteilt in einer wahnwitzigen Menge, als müssten nur genügend Sticker gegen den Klimawandel geklebt werden und die Sache wäre damit aus der Welt. Womöglich eine uns unbekannte Form modernen Voodoos.

Gegenüber der vollgepflasterten Fassade, aus einer Seitenstraße heraus, wird gleich eine Gruppe übergroßer Handtaschen mit jungen Frauen an uns vorbeigegangen sein. Wir konnten sie hören und riechen, bevor wir sie sahen. Liebesgrüße der Beauty-Industrie biegen um die Ecke, bevor ihre Trägerinnen es tun. Sie tragen geschminkte Masken, und durch die Schichten erkennen wir die Unsicherheit und den Zwiespalt in den Gesichtern dahinter, die das Angeschautwerden suchen und zugleich fühlen, dass sie es eigentlich nicht wollen.

Das Geräusch eines Kinderrollers rollt an uns vorbei und eine Erinnerung in uns rollt hinterher. Ein Mann mit einem Döner in der Hand geht vorbei und ein Geruch geht hinterher. 

Wir sind kurz fasziniert von der Uneindeutigkeit der Gerüche döneressender Männer, die sich nicht immer zweifelsfrei von deren körpereigenen Gerüchen unterscheiden lassen. Manchmal scheint es ein fließendes Ineinanderübergehen zu sein, das nur den Geruchssinn adressiert. Dann überkommt uns Ekel.

Ein Vater geht mit seinem Kind vorbei und die Welterklärung geht hinterher. Überhaupt, so kommt es uns vor, gehen in der Stadt mehr Väter mit ihren Kindern an uns vorbei, als Väter mit ihren Kindern im Hinterland an uns vorbeigehen. Unschlüssig, ob es an der Bevölkerungsdichte oder der allgemein offeneren Grundhaltung der Innenstadtväter im Vergleich zu den Hinterlandvätern liegt, womöglich an beidem, vielleicht auch am Zufall oder an nichts. 

Die Detailschärfe der Prozesse in der Stadt verursacht bei uns ein geistiges Sodbrennen. Wir betrachten eine Art urbane Choreografie von Menschen und Objekten, die einem gewissen Takt folgen, den wir weder kennen, noch verstehen. Wir fühlen auch, wie die nagende Neugier langsam in uns heraufkriecht, wie wir nach Zusammenhängen suchen müssen, nach Mustern, um ihre uneindeutigen Motive und geckohaften Bewegungen, mit denen sie den Tag bespielen, für uns greifbar zu machen. Wir haben Durst nach Kontext, nicht nach gefühliger Ich-Sucht. Wir praktizieren eine Form von Selbstverortung, aber als Notwehr. 

Wir nennen es Arbeit.

Wir sitzen in einem Café und konstruieren mit der rechten Hand sinnstiftende Zusammenhänge auf Papier, während wir mit der linken unter der gnadenlosen Sonne der ersten Welt im sich zusammensackenden Sojamilchschaum des Kaffees rühren. Fauchende Kaffeehausgeräusche und flüsterndes Schaumknistern begleiten unser innerliches Zusammensacken. Alles ist gleichlaut und gleichtoll und alles ist gleichzeitig da.

An diesen Dingen schreiben wir uns ab, bevor wir den Tag abschreiben können. Wir haben Methoden und Strategien gefunden, die uns helfen, und das ist wichtig. Wir kennen uns ein wenig besser seit der Talsohle. Und wir nennen es Arbeit.

Stadt, Land, Flucht. Spielt ihr das manchmal auch?

In der Stadt suchen wir uns die Dehnungsfugen, die Nischen, und gehen so tief rein, bis wir selbst Nische sind. Erst in den feinsten Kapillaren und Betonverästelungen, den Gassen und den leicht zu übersehenden Ritzen, in den Hinterhöfen und den Höfen hinter den Hinterhöfen, fühlen wir uns wohler. Dort fühlen wir uns wieder etwas mehr ganz.

Es kommt das letzte Stück, die letzte Schwelle. Die Praxis hat ein Wartezimmer und dieses Wartezimmer hat ein Wartezimmer, einen kleinen Nebenraum, der abzweigt vom Korridor des Hauptwartezimmers, und das ist ein guter Ort für uns. Es ist unser Platz. Dies sind unsere Routinen: dieselbe Tonalität in unserer Stimme, mit der wir die medizinische Fachangestellte am Eingang begrüßen, dieselben Gesten, derselbe Stuhl, wir nehmen Platz im Wartezimmer des Wartezimmers, dasselbe Ritual, mit dem wir erst uns, dann unseren Rucksack an dieselbe Stelle positionieren. Dasselbe Prüfen der auf der Fensterbank ausgelegten Magazine, dasselbe Geraderücken, wenn deren Kanten nicht gleichauf liegen, derselbe Check der chronologisch richtigen Reihenfolge der Ausgaben.

Auch das nennen wir Arbeit.

Unser letzter Termin beginnt. Heute geht es nicht ums große Ganze, sondern um die chemische Feinabstimmung in unserem Oberstübchen. Wir sind erleichtert, als der Termin vorbei ist, und werden immer leichter, mit jedem gefahrenen Kilometer, raus aus der Innenstadt. Als wir den Ort erreicht haben, an dem wir uns seit Wochen am meisten aufhalten, hat unser Körper zwar noch Masse, aber kein Gewicht mehr.

Wir gehen davon aus, dass auch morgen ein guter Tag gewesen sein wird. 

ADHD autism canon de HypercuriousMind journal neurodivergent
16. August 2026


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