Archiv für den Monat April 2015

Goethe und die Angst und die Vorsicht


Wieder Zapperi, wieder die Italienische Reise.
Wieder Erstaunen über Goethes Ängstlichkeit (oder Vorsicht, oder schlicht Geschick?). Der europaweit bekannte Autor des gefeierten und vielübersetzten Werthers distanziert sich in Rom eifrig von seinem Werk. Laut Zapperi fürchtet er
von irgendwelchen eifrigen literarisch bewanderten Hütern der katholischen Moral bei der Indexkongregation denunziert zu werden. Es war allein schon sehr unangenehm, auf den Index gesetzt zu werden, aber noch unangenehmer war die Aussicht auf einen Prozeß vor der Kongregation, den eine solche Denunzierung ins Rollen gebracht hätte.

Der Grund wäre gewesen: Für die Kirche war der Selbstmord eine schwere Sünde, und der Werther galt in sehr katholischen Kreisen deswegen als unmoralisch und leicht anrüchig. Und die Kirche war damals noch (aus heutige Sicht fast unvorstellbar) mächtig. Auch ein bekannter und bestens protegierter Mann wie Goethe konnte diese Macht nicht ignorieren. Goethe war kein Spieler, er war vorsichtig, geschickt, er arrangierte sich zu seinem Vorteil. Und versuchte, den Werther aus dem römischen Spiel herauszuhalten.

Zapperi zitiert aus den Römischen Elegien:

Wäre der Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
Kaum verfogte mich so rächend sein trauriger Geist.

Goethehaus Frankfurt


Goethehaus

Aufgenommen vergangenes Jahr in Ffm. Schöne Atmosphäre, alles perfekt restauriert und gestaltet, nützliche Informationen, aber irgendwie auch glatt und ein bisserl fad. Wie hingestellt und, na ja – da war mal was.

Trotzdem: unbedingt anschauen, lohnt immer.

 

Goethe im Netz


Wer hin und wieder über ein Thema liest und schreibt und dazu im Netz unterwegs ist, wird natürlich fündig. Viel Erwartbares, viel Überflüssiges, einiges an Müll und zwischendrin ein paar Perlen. Zum Stichwort „Goethe“ hält sich der Müll bisher in Grenzen, der Mann ist einfach nicht populär genug, dass sich Trolle und Idioten auf ihn stürzen.

Zwei Entdeckungen: Goethe Etc. (schöner Name übrigens), der Blog einer Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin aus New York, die sich goethe-girl nennt, und beeindruckend kenntnisreich und schön illustriert über G. schreibt. Ich bin ganz hin und weg. Ihr letzter Beitrag beschäftigt sich mit Goethe und der optischen Revolution in Deutschland. Es geht um den Aufstieg von Carl Zeiss Jena. Entscheidende Frage: If Goethe had not been so passionate about optics, would Carl Zeiss have become one of the best German scientific instrument makers?

Dann was richtig Gelehrtes: Das Goethezeitportal, eine website des gleichnamigen Münchner Vereins (mit dem schönen Untertitel Gesellschaft zur wissenschaftlichen Förderung und kulturellen Vermittlung von Literatur, Kunst und Kultur auf medialer Basis). Nun gut.
Das Ganze ist 2002 am Institut für Deutsche Philologie der Ludwig-Maximilians-Universität München entstanden und hat den schlichten Anspruch, das gesamte Wissen über Goethe und seine Zeit, seine Wegbereiter, Wegbegleiter und Widerstreiter an einem zentral zugänglichen Ort zu sammeln. Das ist mal ein Ausrufezeichen. Und ein Versprechen. Auf jeden Fall bietet das Portal eine mehr als üppige Materialfülle. Ich habe mich bisher nur ein wenig umgesehen und bin schwer beeindruckt.

Allein der „Schnellkurs Goethe“ (von Dieter Borchmeyer, DuMont) als Unterpunkt in der Abteilung „Leben und Werk“ bietet reichlich Lesestoff, Illustration, Unterhaltsames, Lehrreiches. Alles andere als „schnell“. Ich werde mich da weiter umsehen – und berichten.

 

Zapperi: Das Inkognito – Goethe und das Verstellen


Wiederlesen des großartigen Buches „Das Inkognito“ von Roberto Zapperi über Goethes Leben in Rom.
Erstaunlich, wie sehr er sich während dieser Reise immer wieder verstellen musste: die heimliche Abreise nachts aus Karlsbad, das Reisen mit (für alle Weimaraner) zunächst unbekanntem Ziel, das Johann-Philipp-Möller-Inkognito, die genau kalkulierten Briefe und Tagebücher.

Goethe hatte laut Zapperi Angst, dass seine Reise nicht genehmigt und gebilligt würde vom Hof. Er wollte (laut Zapperi) weg von den Zwängen und den Regeln und Sitten in Weimar, gleichzeitig wollte er aber wieder zurückkehren können. Er wollte seinen Sponsor und sein Umfeld nicht verlieren und gleichzeitig seine künstlerische Freiheit und Kreativität zurückgewinnen.

Das gelang, weil der Herzog ungewöhnlich großzügig und spendabel war – er bekam sein Gehalt weitergezahlt und die Erlaubnis, so lange in Italien zu bleiben, wie er wolle (die Zeiten waren damals wirklich anders – heute wäre eine derartige Urlaubsgestaltung fast undenkbar).

Allerdings ist durchgehend mit etwas Beklemmung spürbar, dass selbst ein Mann wie Goethe, der als Dichter und Schriftsteller anerkannt, erfolgreich und berühmt war, sich derart in Abhängigkeit bewegen musste. Heute wäre er ein unabhängiger, reicher, ganz und gar selbstbestimmter Großschriftsteller, der sich nach niemand zu richten hätte. Ob das allerdings seiner Produktivität helfen würde, ist eine andere und natürlich sehr hypothetische Frage.

 

Grass neben Goethe


Gestern kam die Nachricht vom Tode Günter Grass‘ und natürlich und sehr berechtigt gab es Würdigungen auf allen Kanälen. Am üppigsten und umfangreichsten (soweit ich das beurteilen kann) heute in der Süddeutschen – fast die gesamte Ausgabe ist dem großen Danziger zugeeignet. Für mich besonders lesenswert: Thomas Steinfelds Nachruf „Der Deutsche“ auf Seite 3 und Willi Winklers „Parteisoldat“ im Feuilleton.
Und dann natürlich querbeet die Klassikerverehrung. Spiegel online: „Er wird neben Goethe stehen“. Gesagt von Monika Grütters, Kulturstaatsministerin.
Wird er nicht. Da ist die „Blechtrommel“, klar, die ganze Danziger Trilogie, „Der Butt“, „Ein weites Feld“. Vielleicht noch das „Treffen in Telgte“. Aber dann wird es künstlerisch immer weniger und politisch und mahnend immer mehr, was nicht nur freudige Aufnahme findet.
Aber Goethe? Es gibt bei Grass kein wirkliches Alterswerk, keine nennenswerte Lyrik, keine Weiterentwicklung in seiner Gedankenwelt. Grummeln, Mahnen, „Letzte Tinte“ etc. und natürlich der Nobelpreis. Vielleicht die Blechtrommel noch einmal lesen und dann den Werther oder den Götz. Die großen Einstandswerke. Jedes für sich: sehr groß und sehr deutsch.

Danzig kann stolz sein auf den Mann, trotz der peinlichen Waffen-SS-Geschichte.

Goethe und Braunschweig


Dort (in Weimar) hatte Anna Amalia, die Mutter des Herzogs, einen Kreis von Künstlern, Gelehrten und geistreichen Frauen gebildet, deren Mittelpunkt nicht von ungefähr sie selbst war, hatte sie doch in ihrem Heimatland Braunschweig etwas Ähnliches kennengelernt: ihr aufgeschlossener Vater, Herzog Karl I., hatte eine vorwiegend für junge Adlige gedachte Schule, das Collegium Carolinum, gegründet und dafür bedeutende Persönlichkeiten als Lehrer, außerdem Lessing als Leiter der werlberühmten Bibliothek im nahen Wolfenbüttel gewonnen, so daß Braunschweig in der Literaturgeschichte den Ehrentitel „Weimar der Aufklärung“ erhalten sollte.

Rolf Denneke, Goethes Harzreisen, Verlag August Lax.

 

Was für ein umständliches Geschreibe. Und die Wortwahl: „Ehrentitel in der Literaturgeschichte“, oha, da sieht man die diversen Lorbeerkränze vor sich hinmodern. Aber egal. Braunschweig war gar nicht so weit weg von den großen Klassikern.

Schlafen


Ich habe nur zwei Götter, Dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir, was zu heilen ist.
Brief an Charlotte von Stein vom 15. 3. 1785

Zu dem Geheimnis von Goethes Vielfalt, Produktivität und Gesundheit gehörte auch die Fähigkeit zur Entspannung. (…) Er schlief leicht und rasch ein, dazu trug wohl bei, dass er es gern tat und dass er das Gefühl hatte, mit dem Weltganzen in einem tiefen und geheimen Zusammenhang zu stehe, dem er dankbar und glücklich sich hinzugeben verstand.
Aus: Trunz, Ein Tag aus Goethes Leben, Beck Verlag

 

Nicht nur Arbeit, tätig sein, produktiv sein – auch die andere, entspannte Seite. Lebenskunst eben.

 

 

Geld und Geschenke


Über das Ergreifen von Gelegenheiten und das Annehmen von Geschenken:

das der Mensch das Gute das ihm wiederfährt, wie einen glücklichen Raub dahinnehmen und sich weder um Rechts noch Lincks (…) bekümmern soll.

G. über die Finanzierung seiner Italienischen Reise.

 

Um so dankbarer mußte er die Großzügigkeit seines Herzogs empfinden, als dieser ihm nicht nur einen unbefristeten Urlaub gewährte – was zunächst die Fortzahlung des Gehalts bedeutete – , sondern auch einen Reisezuschuß aus der herzoglichen Kammer bewilligte, der sich auf insgesamt fast 1700 Taler belief. … Da er die Reisekosten insgesamt sorgfältig notierte, wissen wir, daß er neben seinem Gehalt und dem Kammerzuschuß noch annähernd 3000 Taler verbrauchte, … , so daß die Reise insgesamt etwas über 7000 Taler gekostet hat.

Goethe hat das Glückhafte seiner ersten Italienreise tief empfunden und erkannt, daß alleine beherztes Ergreifen einem so fürstlichen Geschenk angemessen war.

Hartmut Schmidt, Die Kunst des Reisens, in: Goethe in Italien, Katalog zu einer Ausstellung des Goethe-Museums Düsseldorf.

 

Der Mann wusste zu Reisen – und darüber hinaus konnte er organisieren und finanzieren.
7000 Taler für knapp zwei Jahre Italien: eine üppige Summe nicht nur für die damalige Zeit.