Archiv für den Monat Mai 2015

Goethes Liebe in Rom und von Archenholz


Über die Gefahren eines Verhältnisses in Rom zur Zeit Goethes‘ Aufenthalts:
Viele fremde Künstler sind in diese Netze gefallen und ganz unerwartet zu einer Frau gekommen. Solche Vorfälle ereignen sich täglich. Die Eltern erlauben ihren Töchtern den ganzen Tag über in den Fenstern zu liegen, und anstatt daß Liebeshändel in allen anderen Ländern sorgfältig vor der Muter verborgen werden, so sind diese hingegen hier die Vertrauten ihrer Töchter und stehen ihnen mit ihrem … Rate bei.
Erlag ein Fremder aber den Reizen eines solchen Mädchens, so blieb dem Betrogenen nur die Wahl: die Ehe oder die Galeeren.
Johann Wilhelm von Archenholz, „Rom und Neapel“, zietiert in Rberto Zapperi, „Das Inkognito“

Übrigens: Archenholz, nie gehört, jetzt gerade bei Wikipedia nachgelesen, klingt nach einem spannenden Leben.
Kleiner copy & paste Auszug:
Nach dem Hubertusburger Frieden wurde er „seiner Blessuren wegen“ ehrenhaft aus der Armee entlassen, obwohl König Friedrich II. von Archenholz‘ Spielleidenschaft wusste. Die nächsten Jahre reiste Archenholz durch halb Europa. Allein in Großbritannien, dessen Verfassung er bewunderte, hielt er sich sechs Jahre auf. Daneben besuchte er Italien, Frankreich und die skandinavischen Länder. Sein Biograf Friedrich Ruof schreibt, er habe seinen Lebensunterhalt durch erste literarische Arbeiten und „nicht ganz einwandfreie, kaufmännische Betätigung“ bestritten.

Mit Sicherheit kein Langweiler.

Morde in Rom


In „Römische Spuren“ berichtet Roberto Zapperi über die Häufigkeit der Morde in der Ewigen Stadt und der allgemeinen Gleichgültigkeit der Bevölkerung ihnen gegenüber. Er zitiert Montesquieu (aus dessen „Reise nach Italien“):
In Rom gibt es nichts Bequemeres als die Kirchen, um zu Gott zu beten und Leute zu morden, Man hat keinerlei Schwierigkeiten damit wie in anderen Ländern, und wenn euch das Gesicht von jemanden nicht gefällt braucht ihr ihm nur zwei oder drei Messerstiche von einem Diener geben zu lassen, der daraufhin in eine Kirche flieht.

Selbstjustiz war verbreitet, auch aus der Erfahrung der Wirkungslosigkeit der öffentlichen Gewalten. Das Kirchenasyl wurde mißbraucht, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. Es scheint heftig hergegangen zu sein in der damaligen Zeit, Zapperi nennt einige Beispiele.
Lohnenswert, sich das näher anzuschauen.

Der Brief der unbekannten Frau


Ich möchte wissen, warum Ihr gestern abend so fortgegangen seid, ohne mir etwas zu sagen, Ich fürchte, Ihr seid zornig mit mir, aber ich hoffe nicht. Ich bin ganz für Sie. Liebt mich, wenn ihr könnt, so, wie ich Sie liebe. Ich hoffe, eine gute Antwort von Ihnen zu haben, die, ich hoffe, nicht so ist, wie ich gedacht habe. Adio, adio.
Nach Zapperi, „Das Inkognito“.

Zapperi vermutet, dass dies ein Brief von Goethes römischer Geliebten ist und das sich die sechste Elegie auf diesen Brief bezieht. Wie romantisch!

Spielen


Weiter mit der Italienischen Reise.

Goethe im Tagebuch für Charlotte von Stein:
Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist es mir so wohl daß ich ohngestraft meinem kindlichen Wesen folgen kann.

Bemerkung von Zapperi:
Goethe wollte in Italien wieder Kind sein und vor allem wieder spielen. Denn das Hauptmerkmal der Kindheit ist das Spiel, und es kann zu recht gesagt werden, daß Goethe in Rom sein Leben als ein Spiel zu leben versuchte.

Ach, ist das anrührend zu lesen. Der Geheime Rat geht mit 38 mehr oder weniger inkognito nach Rom, auch, um wieder kindlich zu sein. Erinnert mich ein wenig an einen Artikel heute im Reiseteil in der Süddeutschen („Rauszeit“ – leider nicht online), in dem Weltreisende über ihre Ziele und Motive erzählen. Wieder Spielen können! Manchmal ist es so einfach – und so menschlich.