Archiv der Kategorie: Italienische Reise

Goethes Liebe in Rom und von Archenholz


Über die Gefahren eines Verhältnisses in Rom zur Zeit Goethes‘ Aufenthalts:
Viele fremde Künstler sind in diese Netze gefallen und ganz unerwartet zu einer Frau gekommen. Solche Vorfälle ereignen sich täglich. Die Eltern erlauben ihren Töchtern den ganzen Tag über in den Fenstern zu liegen, und anstatt daß Liebeshändel in allen anderen Ländern sorgfältig vor der Muter verborgen werden, so sind diese hingegen hier die Vertrauten ihrer Töchter und stehen ihnen mit ihrem … Rate bei.
Erlag ein Fremder aber den Reizen eines solchen Mädchens, so blieb dem Betrogenen nur die Wahl: die Ehe oder die Galeeren.
Johann Wilhelm von Archenholz, „Rom und Neapel“, zietiert in Rberto Zapperi, „Das Inkognito“

Übrigens: Archenholz, nie gehört, jetzt gerade bei Wikipedia nachgelesen, klingt nach einem spannenden Leben.
Kleiner copy & paste Auszug:
Nach dem Hubertusburger Frieden wurde er „seiner Blessuren wegen“ ehrenhaft aus der Armee entlassen, obwohl König Friedrich II. von Archenholz‘ Spielleidenschaft wusste. Die nächsten Jahre reiste Archenholz durch halb Europa. Allein in Großbritannien, dessen Verfassung er bewunderte, hielt er sich sechs Jahre auf. Daneben besuchte er Italien, Frankreich und die skandinavischen Länder. Sein Biograf Friedrich Ruof schreibt, er habe seinen Lebensunterhalt durch erste literarische Arbeiten und „nicht ganz einwandfreie, kaufmännische Betätigung“ bestritten.

Mit Sicherheit kein Langweiler.

Morde in Rom


In „Römische Spuren“ berichtet Roberto Zapperi über die Häufigkeit der Morde in der Ewigen Stadt und der allgemeinen Gleichgültigkeit der Bevölkerung ihnen gegenüber. Er zitiert Montesquieu (aus dessen „Reise nach Italien“):
In Rom gibt es nichts Bequemeres als die Kirchen, um zu Gott zu beten und Leute zu morden, Man hat keinerlei Schwierigkeiten damit wie in anderen Ländern, und wenn euch das Gesicht von jemanden nicht gefällt braucht ihr ihm nur zwei oder drei Messerstiche von einem Diener geben zu lassen, der daraufhin in eine Kirche flieht.

Selbstjustiz war verbreitet, auch aus der Erfahrung der Wirkungslosigkeit der öffentlichen Gewalten. Das Kirchenasyl wurde mißbraucht, um sich der Strafverfolgung zu entziehen. Es scheint heftig hergegangen zu sein in der damaligen Zeit, Zapperi nennt einige Beispiele.
Lohnenswert, sich das näher anzuschauen.

Der Brief der unbekannten Frau


Ich möchte wissen, warum Ihr gestern abend so fortgegangen seid, ohne mir etwas zu sagen, Ich fürchte, Ihr seid zornig mit mir, aber ich hoffe nicht. Ich bin ganz für Sie. Liebt mich, wenn ihr könnt, so, wie ich Sie liebe. Ich hoffe, eine gute Antwort von Ihnen zu haben, die, ich hoffe, nicht so ist, wie ich gedacht habe. Adio, adio.
Nach Zapperi, „Das Inkognito“.

Zapperi vermutet, dass dies ein Brief von Goethes römischer Geliebten ist und das sich die sechste Elegie auf diesen Brief bezieht. Wie romantisch!

Spielen


Weiter mit der Italienischen Reise.

Goethe im Tagebuch für Charlotte von Stein:
Herder hat wohl recht zu sagen: daß ich ein groses Kind bin und bleibe, und ietzt ist es mir so wohl daß ich ohngestraft meinem kindlichen Wesen folgen kann.

Bemerkung von Zapperi:
Goethe wollte in Italien wieder Kind sein und vor allem wieder spielen. Denn das Hauptmerkmal der Kindheit ist das Spiel, und es kann zu recht gesagt werden, daß Goethe in Rom sein Leben als ein Spiel zu leben versuchte.

Ach, ist das anrührend zu lesen. Der Geheime Rat geht mit 38 mehr oder weniger inkognito nach Rom, auch, um wieder kindlich zu sein. Erinnert mich ein wenig an einen Artikel heute im Reiseteil in der Süddeutschen („Rauszeit“ – leider nicht online), in dem Weltreisende über ihre Ziele und Motive erzählen. Wieder Spielen können! Manchmal ist es so einfach – und so menschlich.

Goethe und die Angst und die Vorsicht


Wieder Zapperi, wieder die Italienische Reise.
Wieder Erstaunen über Goethes Ängstlichkeit (oder Vorsicht, oder schlicht Geschick?). Der europaweit bekannte Autor des gefeierten und vielübersetzten Werthers distanziert sich in Rom eifrig von seinem Werk. Laut Zapperi fürchtet er
von irgendwelchen eifrigen literarisch bewanderten Hütern der katholischen Moral bei der Indexkongregation denunziert zu werden. Es war allein schon sehr unangenehm, auf den Index gesetzt zu werden, aber noch unangenehmer war die Aussicht auf einen Prozeß vor der Kongregation, den eine solche Denunzierung ins Rollen gebracht hätte.

Der Grund wäre gewesen: Für die Kirche war der Selbstmord eine schwere Sünde, und der Werther galt in sehr katholischen Kreisen deswegen als unmoralisch und leicht anrüchig. Und die Kirche war damals noch (aus heutige Sicht fast unvorstellbar) mächtig. Auch ein bekannter und bestens protegierter Mann wie Goethe konnte diese Macht nicht ignorieren. Goethe war kein Spieler, er war vorsichtig, geschickt, er arrangierte sich zu seinem Vorteil. Und versuchte, den Werther aus dem römischen Spiel herauszuhalten.

Zapperi zitiert aus den Römischen Elegien:

Wäre der Werther mein Bruder gewesen, ich hätt ihn erschlagen,
Kaum verfogte mich so rächend sein trauriger Geist.

Zapperi: Das Inkognito – Goethe und das Verstellen


Wiederlesen des großartigen Buches „Das Inkognito“ von Roberto Zapperi über Goethes Leben in Rom.
Erstaunlich, wie sehr er sich während dieser Reise immer wieder verstellen musste: die heimliche Abreise nachts aus Karlsbad, das Reisen mit (für alle Weimaraner) zunächst unbekanntem Ziel, das Johann-Philipp-Möller-Inkognito, die genau kalkulierten Briefe und Tagebücher.

Goethe hatte laut Zapperi Angst, dass seine Reise nicht genehmigt und gebilligt würde vom Hof. Er wollte (laut Zapperi) weg von den Zwängen und den Regeln und Sitten in Weimar, gleichzeitig wollte er aber wieder zurückkehren können. Er wollte seinen Sponsor und sein Umfeld nicht verlieren und gleichzeitig seine künstlerische Freiheit und Kreativität zurückgewinnen.

Das gelang, weil der Herzog ungewöhnlich großzügig und spendabel war – er bekam sein Gehalt weitergezahlt und die Erlaubnis, so lange in Italien zu bleiben, wie er wolle (die Zeiten waren damals wirklich anders – heute wäre eine derartige Urlaubsgestaltung fast undenkbar).

Allerdings ist durchgehend mit etwas Beklemmung spürbar, dass selbst ein Mann wie Goethe, der als Dichter und Schriftsteller anerkannt, erfolgreich und berühmt war, sich derart in Abhängigkeit bewegen musste. Heute wäre er ein unabhängiger, reicher, ganz und gar selbstbestimmter Großschriftsteller, der sich nach niemand zu richten hätte. Ob das allerdings seiner Produktivität helfen würde, ist eine andere und natürlich sehr hypothetische Frage.

 

Geld und Geschenke


Über das Ergreifen von Gelegenheiten und das Annehmen von Geschenken:

das der Mensch das Gute das ihm wiederfährt, wie einen glücklichen Raub dahinnehmen und sich weder um Rechts noch Lincks (…) bekümmern soll.

G. über die Finanzierung seiner Italienischen Reise.

 

Um so dankbarer mußte er die Großzügigkeit seines Herzogs empfinden, als dieser ihm nicht nur einen unbefristeten Urlaub gewährte – was zunächst die Fortzahlung des Gehalts bedeutete – , sondern auch einen Reisezuschuß aus der herzoglichen Kammer bewilligte, der sich auf insgesamt fast 1700 Taler belief. … Da er die Reisekosten insgesamt sorgfältig notierte, wissen wir, daß er neben seinem Gehalt und dem Kammerzuschuß noch annähernd 3000 Taler verbrauchte, … , so daß die Reise insgesamt etwas über 7000 Taler gekostet hat.

Goethe hat das Glückhafte seiner ersten Italienreise tief empfunden und erkannt, daß alleine beherztes Ergreifen einem so fürstlichen Geschenk angemessen war.

Hartmut Schmidt, Die Kunst des Reisens, in: Goethe in Italien, Katalog zu einer Ausstellung des Goethe-Museums Düsseldorf.

 

Der Mann wusste zu Reisen – und darüber hinaus konnte er organisieren und finanzieren.
7000 Taler für knapp zwei Jahre Italien: eine üppige Summe nicht nur für die damalige Zeit.

Nach Italien!


Am 3. September, einem Sonntag, war Goethe morgens um drei Uhr in aller Heimlicheit aus Karlsbad abgereist; am 4. erreichte er Regensburg, am 8. Innsbruck und den Brenner, am 14. Verona, am 19. Vicenza, am 26. Padua und am 28. Venedig. Eine Reisekutsche legte damals pro Stunde etwa 15 km zurück, und das nur auf so guten Chausseen, wie sie damals in Deutschland nur Bayern aufzuweisen hatte.

Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn