Archiv der Kategorie: Zitate

Was Goethe über Big Data wusste


Das ist der schöne Titel eines Films von Angelika Kellhammer im BR Fernsehen, gesendet am 13. März 2018, von mir erst jetzt entdeckt. Und zwar durch einen Link auf dem wunderbaren „Goethe etc.“-Blog.

Aus dem Film-Ankündigungstext:
Goethe schickte Faust auf eine rastlose Jagd nach der Zukunft. Auch im heutigen Fortschrittsglauben steckt faustische Hybris: Künstliche Intelligenz, Leben aus dem Labor, Finanzhandel, Big Data. Faust ist unser Zeitgenosse!

Bis nächstes Jahr im März in der Mediathek verfügbar.
44 lohnende Minuten.

 

Goethe allein im Wald


Clausthal_Wald

Noch ein Nachtrag zu meinem kleinen Weg von Clausthal nach Altenau.
Abgeschrieben aus „Goethes Harzreisen“ von Rolf Denecke (gibt’s leider nur noch antiquarisch):

Nach zwei gelösten, fröhlichen Tagen in Clausthal, an denen der Dichter ganz der Gegenwart gelebt hatte, kehrte nämlich jene innere Unruhe zurück, die ihn in den Harz hatte reisen lassen. Jetzt drängte es ihn, in diesem Gebirge das geheime Ziel zu erreichen, das er bisher noch niemandem, auch der geliebten Frau nicht, genannt hatte: der Brocken. Er machte sich also am Abend des 9. Dezember auf nach Altenau, ritt acht Kilometer allein durch den tief verschneiten Wald, und alles mögliche ging ihm in der großen Einsamkeit der im Mondlicht ruhenden Winterlandschaft durch den Kopf: er erinnerte sich an seine Kindheit; er dachte an den Herzog, seinen besten Freund; wieder sann er über die Wechselbeziehung von Natur und Abenteuer nach – der erste Brief an Charlotte aus Rübeland ließ das Thema anklingen; seine schwere Krankheit in Leipzig fiel ihm ein und die fürsorgliche Mutter, die ihn im Elternhaus gesund gepflegt hatte, wozu ihr ein der Frohnatur ihres Herzens gemäßer Bibelspruch die Kraft gab.

Der Harz als Krisenbewältigungsort. Die Brockenbesteigung als Schicksalsprüfung.

Auf dem Foto: der Wald zwischen Clausthal und Altenau, im Hintergrund schimmert ein Teich durch.

Zweimal Thomas Mann


Thomas Mann
Thomas Mann 1932. Foto: Bundesarchiv

Meine Arbeitszeit ist vormittags, morgens. Ich liebe das Wort Goethe’s: „Tag vor dem Tag, göttlich werde du verehrt! Denn aller Fleiß, der männlich-schätzenswerte, ist morgendlich.“ Dennoch geschah es nicht ohne Bedauern, daß ich der Nachtarbeit, die ich als junger Mensch wohl übte, notgedrungen absagte.

Aus: Meine Arbeitsweise, 1925

Ein fruchtbarer Acker, eine große Macht und eine große Gelegenheit ist die Zeit, und wer es in ihr zu etwas bringen will, muß sie aufs treulichste zu erfüllen suchen. Goethe notierte sich: „Nichts ist höher zu schätzen … als der Wert des Tages.“

Aus: Brief an Geneviève Bianquis, 1951

 

Image

Im Winter auf den Brocken


Ein kleiner Text von mir, der vor zwei Wochen in der Wochenend-Beilage der Braunschweiger Zeitung erschienen ist.

Gipfel2
Gipfelfoto muss sein. Wer es 
bis ganz nach oben geschafft hat, will das auch zeigen. Dabei ist die Spitze des Brockens kein klassischer Gipfel, sondern ein Hochplateau mit ein paar Felsbrocken drauf.

„Des gefürchteten Gipfels schneebehangner Scheitel“

Do it like Goethe: Im Winter auf den Brocken wandern.

Oben ist es kalt. Immer. Egal, ob die Sonne scheint oder im Nebel die Sichtweite höchstens 20 Meter beträgt. Und wenn dann noch der eisige Wind dazu kommt, gibt es nur einen Reflex: Bloß weg hier.

Im Winter auf den Brocken weiterlesen

Torquato Tasso: Ein bisschen Weltschmerz und Melancholie


Prinzessin: Wohl ist sie schön die Welt! in ihrer Weite
Bewegt sich so viel Gutes hin und her.
Ach daß es immer nur um e i n e n Schritt
Von uns sich zu entfernen scheint,
Und unsre bange Sehnsucht durch das Leben
Auch Schritt vor Schritt bis nach dem Grabe lockt!
So selten ist es, daß die Menschen finden,
Was ihnen doch bestimmt gewesen schien,
So selten, daß sie das erhalten, was
Auch einmal die beglückte Hand ergriff!
Es reißt sich los, was erst sich uns ergab,
Wir lassen los, was wir begierig faßten.
Es gibt ein Glück, allein wir kennen’s nicht:
Wir kennen’s wohl, und wissen’s nicht zu schätzen.

Torquato Tasso, Dritter Aufzug, 2. Auftritt

Schöne, melancholische Zeilen, genau richtig für einen warmen Sommerabend mit einem gut gekühlten Weißwein in Reichweite nebst angenehmer Begleitung. Ach.

Zitate. Torquato Tasso


Wiedergelesen. Torquato Tasso. Geschrieben ab 1780, fertig gestellt 1790, uraufgeführt 1807 (erst!). Es dauert eine Weile, bis ich mich wieder in das Versmaß und die (für heutiges Empfinden) langatmigen Dialoge reinfinde.
Kleine angeberische Anmerkung: Ich habe gerade Karl Ove Knausgard „Leben“ gelesen, da ist sprachlich natürlich ganz was anderes geboten, obwohl es in beiden Werken (auch) um den Dichter/Schriftsteller und seine Arbeit geht.

Also Torquato:
Erster Aufzug, 2. Auftritt

Leonore: (…) Es bildet ein Talent sich in der Stille,
Sich ein Charakter in dem Strom der Welt.
(…)

Alfons: Die Menschen fürchtet nur wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet wird sie bald verkennen.
Das ist sein Fall, und so wird nach und nach
Ein frei Gemüt verworren und gefesselt.
So ist er oft um meine Gunst besorgt
Weit mehr als es ihm ziemte; gegen viele
Hegt er ein Mißtrauen, die, ich weiß es sicher,
Nicht seine Feinde sind. Begegnet ja
Daß sich ein Brief verirrt, daß ein Bedienter
Aus seinem Dienst in einen andern geht,
Daß ein Papier aus seinen Händen kommt,
Gleich sieht er Absicht, sieht Verräterei
und Tücke die sein Schicksal untergräbt.

Das liest sich so schön klassisch weg, und swingt im Versmaß (welches genau ist es nochmal?), und ein paar All-time-high-Zitate sind auch noch drin.

Nice.

Goethe über moderne Zeiten und die Mittelmäßigkeit


„Junge Leute werden viel zu früh aufgeregt und dann im Zeitstrudel fortgerissen; Reichtum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Fazilitäten der Kommunikation sind es worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren. Und das ist ja auch das Resultat der Allgemeinheit, daß eine mittlere Kultur gemein werde.“

Goethe 1825 an Zelter (Rechtschreibung und Interpunktion wie im Original)
Aus: Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn, Andere Bibliothek

Stendhal über Schiller, Goethe, Schlegel


Stendhal„Die Deutschen haben nur einen Mann, das ist Schiller, und zwei der zwanzig Bände Goethes. Das Leben des letzteren wird man lesen wegen der maßlosen Lächerlichkeit eines Mannes, der sich für wichtig genug hält, uns in vier Oktavbänden zu erzählen, wie er sein Haar mit zwanzig Jahren trug und daß er eine Großtante namens Annichen hatte. Aber das beweist, daß man in Deutschland kein Gefühl für Lächerlichkeit hat, und wenn jemand nun einmal kein Gefühl dafür hat, aber durchaus geistreich sein will , dann kann er leicht dem verfallen, was er nicht kennt; und wenn er dann den Geist der anderen beurteilen und von dem teutonischen Richterstuhl herab entscheiden will, daß Molière nur trübselige Satiren geschrieben habe, so ist er recht nahe daran, Europa auf seine Kosten zum Lachen zu bringen.“
Buchcover Klessmann

Der auf Molière berogene Seitenhieb galt August Wilhelm Schlegel, und Dichtung und Wahrheit hatte Stendhal gar nicht gelesen, sondern nur eine Kritik des Werks, die 1816 in der Edinburgh Review erschienen war.

Aus: Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn, Andere Bibliothek
Abbildung: Stendhal im Jahr 1840, Porträt von Olof Johan Södermark