„Die Deutschen haben nur einen Mann, das ist Schiller, und zwei der zwanzig Bände Goethes. Das Leben des letzteren wird man lesen wegen der maßlosen Lächerlichkeit eines Mannes, der sich für wichtig genug hält, uns in vier Oktavbänden zu erzählen, wie er sein Haar mit zwanzig Jahren trug und daß er eine Großtante namens Annichen hatte. Aber das beweist, daß man in Deutschland kein Gefühl für Lächerlichkeit hat, und wenn jemand nun einmal kein Gefühl dafür hat, aber durchaus geistreich sein will , dann kann er leicht dem verfallen, was er nicht kennt; und wenn er dann den Geist der anderen beurteilen und von dem teutonischen Richterstuhl herab entscheiden will, daß Molière nur trübselige Satiren geschrieben habe, so ist er recht nahe daran, Europa auf seine Kosten zum Lachen zu bringen.“

Der auf Molière berogene Seitenhieb galt August Wilhelm Schlegel, und Dichtung und Wahrheit hatte Stendhal gar nicht gelesen, sondern nur eine Kritik des Werks, die 1816 in der Edinburgh Review erschienen war.
Aus: Eckart Klessmann: Goethe und seine lieben Deutschen, Eichborn, Andere Bibliothek
Abbildung: Stendhal im Jahr 1840, Porträt von Olof Johan Södermark