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Frauengesundheit: Gegen den Gender Health Gap andenken

Frauen wurden in Medizin und Forschung jahrzehntelang benachteiligt und primär als kleine Männer behandelt. Die Folgen davon spüren sie noch heute. Wie Smartwatch-Funktionen im Alltag helfen – und welche Werte du kennen solltest. Ein Überblick.

Dein Herz schlägt schneller. Fünf bis zehn Schläge pro Minute schneller als das eines Mannes mit ähnlicher Statur. Es muss schneller schlagen, denn es ist im Schnitt rund 25 Prozent kleiner.
Dein Schlafbedürfnis ist größer. Studien sprechen von etwa 11 bis 20 Minuten, die Frauen pro Nacht mehr brauchen, um auf das gleiche Erholungsniveau zu kommen.

Und dein Zyklus ist ein zweiter Kalender, der über deinem Alltag liegt. Er bestimmt, wann du belastbarer bist und wann du mehr Ruhe brauchst. Er beeinflusst Schlaf, Stress, Energielevel, sogar dein Verletzungsrisiko.

All das ist wissenschaftlich gut belegt. Und all das war in der medizinischen Forschung jahrzehntelang unterrepräsentiert.

Medikamentenstudien wurden zumeist an Männern durchgeführt. Trainingsempfehlungen orientierten sich am männlichen Stoffwechsel. Selbst die Symptomatik eines Herzinfarkts, der Notfall schlechthin, ist in unseren Köpfen männlich kodiert. Schmerz im linken Arm, Druck auf der Brust. Bei Frauen verläuft er häufig anders. Diffuser, unspezifischer. Deshalb werden Herzinfarkte bei Frauen viel häufiger zu spät erkannt.

Frauen sind keine kleinen Männer.

Es lohnt sich, diesen Satz der amerikanischen Sportwissenschaftlerin Dr. Stacy Sims einmal laut vorzusprechen. Denn er benennt die Wissenslücke, mit der bis heute geforscht, behandelt und beraten wird.

Was hinter dem Gender Health Gap steckt

Der Gender Health Gap beschreibt den Unterschied zwischen dem, was die Medizin über Männer weiß, und dem, was sie über Frauen weiß. Der Begriff ist relativ neu, das Problem dahinter ist alt. Die Lücke entsteht nicht aus böser Absicht der Forschenden, sondern aus Bequemlichkeit: Hormonelle Schwankungen machen weibliche Probandinnen zu einer komplexen Studiengröße. Wer Daten haben will, die sich sauber auswerten lassen, nimmt also lieber Männer. Das war über Jahrzehnte Konsens.

Die Folge ist eine Art toter Winkel. Diagnosen, Behandlungsansätze und medizinische Standards orientieren sich nach wie vor an für Männer typischen Verläufen. Symptome bei Frauen werden später erkannt, falsch eingeordnet, manchmal gar nicht ernst genommen. Erschöpfung wird zu bloßer Stressreaktion umetikettiert. Leistungsschwankungen werden als mangelnde Fitness ausgelegt. Schlafprobleme werden selten mit Hormonen in Verbindung gebracht.

Besonders deutlich wird die Lücke bei der Herzgesundheit. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in der EU die häufigste Todesursache bei Frauen – sie führen zu mehr Todesfällen als alle Krebsarten zusammen. Trotzdem werden sie bei Frauen oft später diagnostiziert. Weil die Symptome nicht den Lehrbuchbildern entsprechen, die seit Jahrzehnten an männlichen Körpern entwickelt wurden.

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Fotocredit: SabinaRadtke

„Veränderungen werden bei Frauen oft nicht falsch wahrgenommen, sondern falsch eingeordnet. Wer nur einzelne Werte betrachtet, übersieht Zusammenhänge und damit oft frühe Warnsignale.“

Dr. Catharina Hamm
Kardiologin und Expertin für Frauengesundheit

Es geht also nicht darum, dass Frauen ihren Körper nicht spüren können. Es geht darum, dass die Sprache fehlt, mit der das Gespürte richtig benannt wird. Und genau da setzt der Gegenangriff an: bei den Daten. Bei dem Wissen. Bei der eigenen Lesefähigkeit gegenüber dem eigenen Körper.

Drei Werte, die bei Frauen anders ticken

Wer die Lücke verkleinern will, fängt im Kleinen an. Bei den Werten, die du jeden Tag an deinem Handgelenk siehst. Drei davon lohnen einen genaueren Blick.

Schlaf: 11 bis 20 Minuten, die alles verändern

Frauen brauchen im Schnitt etwas mehr Schlaf als Männer. Studien beziffern den Unterschied auf 11 bis 20 Minuten pro Nacht. Das klingt nach wenig. Auf eine Arbeitswoche gerechnet sind es eineinhalb bis zweieinhalb Stunden.

Die Gründe liegen tiefer als die Zahl. Die Gehirne von Frauen sind im Alltag oft komplexer beansprucht. Stichwort ist hier die Mental Load, der unsichtbare Stress der parallelen Zuständigkeiten. Hormonelle Schwankungen beeinträchtigen zusätzlich die Schlafeffizienz. Und der Schlafbedarf selbst verändert sich im Laufe des Lebens: in der Zyklusphase vor der Periode, während der Schwangerschaft, in den Wechseljahren. Schlaf ist bei Frauen keine Konstante, sondern eine bewegliche Größe.

Was deine Smartwatch dabei leistet: Die Schlafanalyse zeigt nicht nur, wie lange du geschlafen hast, sondern wie sich Tief-, Leicht- und REM-Schlaf verteilen. Wie ruhig deine Herzfrequenz nachts war und wann du wach lagst, ohne es zu merken. Daraus lässt sich ablesen, ob deine sieben Stunden wirklich sieben Stunden Erholung waren, oder, ob du eigentlich näher an den fünf liegst.

Body Battery: Wenn Hormone die Energie steuern

Die Body Battery zeigt, wie voll dein Energietank gerade ist. Sie verarbeitet Schlaf, Stress, Aktivität und Erholung zu einer einzigen Zahl zwischen 5 und 100. Bei vielen Frauen sinkt diese Zahl in der zweiten Zyklushälfte spürbar, obwohl sich subjektiv nichts Dramatisches verändert hat.

Das hat einen guten Grund. Nach dem Eisprung steigt die Körpertemperatur leicht an, die Herzfrequenzvariabilität sinkt. Beides interpretieren Smartwatches häufig als erhöhten Stress – denselben Mustern, die auch bei Krankheit oder Übertraining auftreten. Die Body Battery entlädt sich schneller. Aber das ist kein Defekt im Algorithmus und auch kein Zeichen, dass du weniger belastbar wärst. Es ist eine korrekt gelesene biologische Realität.

Wer das weiß, liest den Wert anders. Eine Body Battery von 35 in der Lutealphase ist nicht das Gleiche wie eine 35 in der Follikelphase. Im ersten Fall sagt dein Körper: Plan heute etwas weniger ein. Im zweiten Fall sagt er: Gestern war zu viel, hol dir die Energie zurück.

Herzfrequenz: Klein, schnell und sensibler

Das weibliche Herz ist etwa 25 Prozent kleiner als das eines Mannes vergleichbarer Statur. Damit dein kleineres Herz den Körper ausreichend mit Sauerstoff versorgt, muss es häufiger pumpen.

Was das in der Praxis bedeutet: Dein Ruhepuls, dein Trainingspuls und deine Herzfrequenzvariabilität bewegen sich auf einer eigenen Skala. Ein Ruhepuls von 68 ist bei dir nicht dasselbe wie bei einem Mann mit der gleichen Zahl. Und eine sinkende Herzfrequenzvariabilität in Kombination mit unruhigerem Schlaf kann bei dir früher ein Warnsignal sein, als die Lehrbücher vermuten lassen.

Dr. Catharina Hamm sagt dazu: „Entwickeln sich Werte über mehrere Tage hinweg – etwa eine sinkende Herzfrequenzvariabilität in Kombination mit schlechterem Schlaf oder erhöhtem Stress – kann das ein früher Hinweis auf eine erhöhte Belastung sein.“

Genau hier wird die Smartwatch vom Spielzeug zum frühen Hinweisgeber.

Dein Zyklus, dein Taktgeber

Der Körper funktioniert nicht in einer geraden Linie. Er funktioniert in Wellen. Tageswellen, Wochenwellen, Jahreswellen. Und bei Frauen kommt zwischen der ersten Regelblutung und der Menopause eine zusätzliche Welle dazu: der Menstruationszyklus.

Wer ihn versteht, versteht plötzlich, warum der Dienstag nach dem Eisprung mit den 110 Kilo Kniebeuge so gut lief und warum am Donnerstag in der Lutealphase die 95 Kilo schon schwer wurden. Es ist keine Tagesform im engeren Sinne, es ist Biologie, die sich Frauen zunutze machen können, wie Dr. Catharina Hamm erklärt: „Der Zyklus ist ein zentraler Taktgeber im weiblichen Körper. Wer ihn versteht, kann Energie, Belastung und Erholung gezielter steuern.“

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Smartwatch Funktionen speziell für Frauen

Garmin begleitet diese Wellenbewegung mit einer Reihe von Funktionen, die nicht zufällig nebeneinander stehen, sondern aufeinander aufbauen.

Wichtig ist nicht die einzelne Funktion. Wichtig ist, was sie zusammen leisten: Sie geben einer Erfahrung Sprache, die lange keine hatte.

Was du ab heute anders machen kannst

Wissen allein verändert nichts. Es geht darum, was du aus diesen Erkenntnissen ableitest. Vier Hebel, die helfen.

  1. Lies deine Werte im Zusammenhang. Eine einzelne Zahl ist eine Momentaufnahme. Ein Trend über sieben Tage ist eine Aussage. Schlaf, Herzfrequenzvariabilität, Stress und Energielevel ergeben zusammen ein Bild, das einzelne Werte nie liefern.
  2. Erlaube dir Varianz. Du musst nicht jeden Tag dieselbe Leistung bringen. Dein Körper ist kein gleichförmiges System. Trainingspläne, die das ignorieren, sind nicht streng, sie sind falsch konstruiert.
  3. Sprich deine Daten im Arztgespräch an. Wer in der Praxis sagt, „mir geht es schlecht“, bekommt häufig eine andere Antwort als jemand, der sagt, „meine Herzfrequenzvariabilität ist seit zwölf Wochen um 18 Prozent gefallen, gleichzeitig schlafe ich 40 Minuten kürzer“. Daten sind ein Hebel gegen das Übersehen-Werden.
  4. Kenne deine Risikofaktoren. Dr. Catharina Hamm nennt sie ausdrücklich: Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker. Dazu die frauenspezifischen Themen wie Zyklus, Schwangerschaft, Wechseljahre. Wer diese Werte regelmäßig prüft, hat einen Vorsprung. Nicht gegen andere. Gegen die eigene Vergangenheit.

Dr. Catharina Hamm fasst zusammen: „Frauen sollten sich bewusst machen, dass ihr Körper kein statisches System ist, sondern sich im Laufe des Zyklus und verschiedener Lebensphasen verändert. Entscheidend ist daher, nicht einzelne Werte isoliert zu betrachten, sondern Zusammenhänge zu verstehen.“

Wer so liest, schließt die Wissenslücke nicht über Nacht. Aber man schließt sie für sich selbst. Tag für Tag, Datenpunkt für Datenpunkt.

Rethink — The Female Health Forum

Mit der Eventreihe Rethink schaffen wir Räume, in denen Frauengesundheit nicht als Randthema verhandelt wird, sondern als zentrale Frage. In jedem Forum treffen sich Athletinnen, Expertinnen und die Community zu Talks, aktiven Sessions und Austausch. Es geht um Schlaf, mentale Gesundheit, Zyklus, Ernährung. Um die Themen, die im Alltag oft zu kurz kommen.

Die nächsten Termine:

DatumStadtThema
30.05.26WienMentale Gesundheit & Schlaf
18.07.26ZürichMentale Gesundheit & Schlaf
12.09.26StuttgartZyklusbewusstsein & Ernährung
10.10.26BerlinZyklusbewusstsein & Ernährung

Mit dabei sind unter anderem Athletinnen wie Judith Mayer, Debyora Brunold, Nadine Heck und Léa Krüger sowie die Kardiologin Dr. Catharina Hamm.

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©FelixHoefer
Quellen
  1. St. Pierre, S. R.; Peirlinck, M.; Kuhl, E. (2022): Sex Matters: A Comprehensive Comparison of Female and Male Hearts. Frontiers in Physiology, 13, Art. 831179.
  2. Vogel, B. et al. (2021): The Lancet Women and Cardiovascular Disease Commission: Reducing the Global Burden by 2030. The Lancet, 397(10292), 2385–2438.
  3. European Observatory on Health Systems and Policies / Eurohealth (2022): Women and Cardiovascular Disease.
  4. WHO Regional Office for Europe (2024): Cardiovascular Diseases Kill 10 000 People in the WHO European Region Every Day. Pressemitteilung, 15. Mai 2024.
  5. OECD (2025): The State of Cardiovascular Health in the European Union.
  6. Gencer, B. et al. / European Heart Journal (2021): Cardiovascular Disease in Women: Traditional and Sex-Specific Risk Factors.
  7. Burgard, S. A.; Ailshire, J. A. (2013): Gender and Time for Sleep among U.S. Adults. American Sociological Review, 78(1), 51–69.
  8. National Sleep Foundation (2024): Do Women Need More Sleep Than Men?
  9. Cleveland Clinic / Drerup, M. (2024): Why Women Need More Sleep Than Men.
  10. Cleveland Clinic (2025): Women’s Heart Rate: What’s Normal & What Impacts It.
  11. Sims, S.; Yeager, S. (2016): ROAR: How to Match Your Food and Fitness to Your Female Physiology.
    Bundesministerium für Bildung und Forschung / BMBF (2024): Förderrichtlinie „Interaktive Technologien für eine geschlechtsspezifische Gesundheit“.