Es wurde eine interessante Dunkelfeldstudie zur Gewaltbetroffenheit in Deutschland durchgeführt.
Die Mitteilung dazu:
Ein Großteil von Gewalterfahrungen in Deutschland wird nicht angezeigt. Die Anzeigequoten sind unabhängig von der Form der verübten Gewalt durchgehend niedrig; sie liegt bei den meisten Gewaltformen unter zehn Prozent. Innerhalb von (Ex-)Partnerschaften liegen die Anzeigequoten psychischer und körperlicher Gewalt sogar unter als fünf Prozent.
Da müsste man zuallererst die Gewaltdefinition anschauen, gerade wenn es psychische und körperliche Gewalt ist. Wenn da (wie so gerne) auch relative Banalitäten erfasst sind und mit schweren Taten in einen Topf geworfen werden („Hat der Partner sie mal 1. beleidigt, 2. angeschrien …oder… oder…. 21. mit einer Waffe schwer verletzt?“) dann ist es wenig verwunderlich wenn es nicht angezeigt wird. Man versöhnt sich eben wieder und kommt wie ein typischer Erwachsener darüber hinweg, zumal vielleicht beide lauter geworden sind.
Aber „die meisten Gewaltformen werden nicht angezeigt“ klingt halt mehr nach Handlungsbedarf. Ich bin noch nicht dazu gekommen mir die ganze Studie anzuschauen.
Das ist ein zentrales Ergebnis der Dunkelfeld-Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag (LeSuBiA)“, die das Bundeskriminalamt in Kooperation mit dem Bundesministerium des Innern und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführt hat.
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Frauen sind meist häufiger und stärker von partnerschaftlicher oder geschlechtsspezifischer Gewalt betroffen als Männer, insbesondere bei sexuellen Übergriffen, sexueller Belästigung und Stalking.
Bundesfamilienministerin Karin Prien: „Die Zahlen machen sichtbar, was lange im Verborgenen lag: Das Dunkelfeld bei partnerschaftlicher und sexualisierter Gewalt ist riesig. Gewalt ist kein Randphänomen, sie betrifft Millionen Menschen in unserem Land. Fast jede sechste Person erlebt körperliche Gewalt in der Partnerschaft – und 19 von 20 Taten werden nicht angezeigt. Dieses Schweigen ist kein individuelles Versagen, sondern Ausdruck von Angst und offenbar fehlenden Zugängen zu Hilfe. Genau deshalb bauen wir Hürden ab und schaffen mit dem Gewalthilfegesetz ein verlässliches, flächendeckendes Schutznetz. Wir müssen Gewalt verhindern, bevor sie entsteht. Schuld und Scham liegen immer bei den Tätern, niemals bei den Betroffenen.“
Das klingt etwas als wollte man weitere Maßnahmen mit dem Gesetz begründen.
Das Gewalthilfegesetz und die dortigen Änderungen in letzter Minute zu Gunsten von Frauen hatte ich hier bereits dargestellt.
Hier noch mal kurz ein Beispiel:
aa) Absatz 1 wird wie folgt gefasst:
„(1) Geschlechtsspezifische Gewalt im Sinne dieses Gesetzes ist Gewalt gegen Frauen und damit jede körperliche, sexuelle oder psychische Gewalthandlung durch eine oder mehrere Personen, die sich gegen eine Frau richtet, weil sie eine Frau ist, oder die Frauen unverhältnismäßig stark betrifft und zu Schäden oder Leiden führt oder führen kann.“
bb) Absatz 2 wird wie folgt gefasst:
„(2) Häusliche Gewalt im Sinne dieses Gesetzes ist jede körperliche, sexuelle und psychische Gewalthandlung gegen eine Frau durch eine oder mehrere Personen des familiären Umfelds, innerhalb bestehender oder beendeter Ehen, bestehender oder beendeter eingetragener Lebenspartnerschaften, bestehender oder beendeter Partnerschaften oder durch sonstige im Haushalt der gewaltbetroffenen Frau lebende Personen. Ein fester Wohnsitz der gewaltbetroffenen Frau oder
eine feste Haushaltszugehörigkeit ist nicht erforderlich.“
cc) Absatz 3 Satz 1 wird durch folgenden Satz ersetzt:
„Gewaltbetroffene Personen im Sinne dieses Gesetzes sind
Frauen, die geschlechtsspezifische Gewalt oder häusliche
Gewalt erlitten haben, erleiden oder hiervon bedroht sind sowie Kinder, die geschlechtsspezifische oder häusliche Gewalt gegenüber nahestehenden Dritten miterlebt haben oder
miterleben.“
Gerade da die Studie erhebliche Gewalt gegen Männer belegt wäre es ja eigentlich ein Grund das wieder zu ändern.
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt: „Es geht darum, die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt zu stellen. Die Opfer brauchen Schutz und müssen sich frei bewegen können. Darum ist es gut, dass jetzt das spanische Modell der Fußfessel auch in Deutschland kommt. Der Einsatz von K.o.-Tropfen wird künftig so geahndet wie der Einsatz einer Waffe. Wir setzen früh an und klären junge Menschen auf an welcher Stelle Gewalt in der Partnerschaft beginnt. Es geht um mehr Schutz für die Opfer und härtere Strafen für die Täter.“
BKA-Präsident Holger Münch: „Mit LeSuBiA liegen erstmals umfassende geschlechterübergreifende Dunkelfelddaten zu Gewalterfahrungen in Deutschland vor. Mit dieser belastbaren Datenbasis trägt die Studie zu einer gezielten Weiterentwicklung von Schutz- und Hilfsangeboten bei. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass mehr Betroffene den Mut finden, Gewalt anzuzeigen, um Unterstützung zu erhalten.“
Ein weiterer zentraler Befund der Dunkelfeldstudie: Frauen und Männer sind sowohl von psychischer als auch körperlicher Gewalt in (Ex-)Partnerschaften innerhalb der letzten fünf Jahre ähnlich häufig betroffen. Frauen erleiden jedoch im Vergleich zu Männern in Gewaltsituationen mehr Verletzungen, schätzen die Lebensgefahr als größer ein und empfinden stärkere Angst.
Das erste im Fettdruckist ja eine interessante Feststellung, die so lange vollkommen undenkbar war. Zu den Unterschieden:
Psychische Gewalt:
Frauen: 29,0% (Lebenszeit: 48,7%)
Männer: 23,7% (Lebenszeit: 40,0%)
Bei 5-Jahresprävalenz verschwinden die großen Geschlechterunterschiede
Körperliche Gewalt:
Frauen: 5,2% (Lebenszeit: 18,0%)
Männer: 6,1% (Lebenszeit: 14,0%)
Unterschied ist statistisch nicht signifikant
Die Studie stellt ausdrücklich fest: „Ein zentraler Befund der Studie ist, dass unter Bezugnahme auf die 5-Jahresprävalenz Frauen und Männer sowohl von psychischer als auch von körperlicher Gewalt in (Ex-)Paarbeziehungen ähnlich häufig betroffen sind.“
2. Massive Unterschiede bei Verletzungen
Körperliche Folgen/Verletzungen:
Frauen: 54,5% trugen Verletzungen davon
Männer: 32,5% trugen Verletzungen davon
Unterschied: 22 Prozentpunkte (Frauen 67% häufiger verletzt)
Leider gibt es keine detaillierte Aufschlüsselung darüber, welche konkreten Verletzungsarten jeweils bei Frauen bzw Männern wie häufig vorkamen.
Sie listet zwar die abgefragten Verletzungskategorien auf (von leichteren Verletzungen wie blaue Flecken bis zu schweren wie Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit oder Hirnverletzungen), aber es werden keine geschlechtsspezifischen Häufigkeiten für die einzelnen Verletzungs dargelegt
3. Drastische Unterschiede bei Lebensgefahr
Gefühl der Lebensgefahr:
Frauen: 21,4% fühlten sich in Lebensgefahr
Männer: 4,7% fühlten sich in Lebensgefahr
Unterschied: 16,7 Prozentpunkte (Frauen 4,6-mal häufiger)
4. Deutliche Unterschiede bei Angstempfinden
Angst-Skala (1-7):
Frauen: 4,7 (mittlere bis hohe Angst)
Männer: 2,4 (niedrige Angst)
Unterschied: 2,3 Punkte (Frauen fast doppelt so hohe Angst)
Schweregrad-Einschätzung (1-7):
Frauen: 5,5 (eher schlimm)
Männer: 3,7 (mittelmäßig schlimm)
Unterschied: 1,8 Punkte
Die Bewertung nach Lebensgefahr und Angstempfinden ist natürlich sehr subjektiv. Wäre interessant, wenn ausgewertet wäre wie realistisch das war.
Zu den Zahlen ist aber noch das Folgende zu sagen, weil ich sicher bin, dass demnächst unter Berufung auf die Studie irgendwo auftaucht, dass 21,7% alle Frauen sich schon mal in Lebensgefahr aufgrund von Gewalt gegen sie sahen:
Bei den Analysen zur körperlichen Gewalt werden nur die tatsächlich Betroffenen analysiert:
- Frauen mit körperlicher Gewalterfahrung: n=342 (von ca. 7.900)
- Männer mit körperlicher Gewalterfahrung: n=382 (von ca. 7.600)
Von allen befragten Frauen erlebten etwa 4,3% körperliche Gewalt in den letzten 5 Jahren (342/7.900), von allen befragten Männern etwa 5,0% (382/7.600) – was gut mit den berichteten Prävalenzen von 5,2% bzw. 6,1% übereinstimmt.
Von diesen 4,3% der Frauen fühlten sich dann wieder 21,4% in Lebensgefahr
Neben dem Geschlecht spielt auch das Alter bei Gewalterfahrungen eine Rolle. Junge Menschen sind nahezu von allen Gewaltformen deutlich häufiger betroffen als ältere Menschen. Jüngeren Personen widerfährt Gewalt besonders häufig durch sexuelle Belästigung, in Form von digitaler Gewalt und verabreichten K.O.-Tropfen.
Ich bin eigentlich sicher, dass ich hier mal einen Artikel hatte, dass die meisten angeblichen K.O. Tropfen-Fälle nicht nachweisbar sind und man insofern einen gewissen Zweifel an Selbstauskünften dazu haben kann. Finde ich aber nicht.
Ein relevanter Teil der Bevölkerung berichtet davon, in der Kindheit und Jugend schon einmal Gewalt durch Eltern oder Erziehungsberechtigte erlebt zu haben. Mehr als jede zweite junge Person ist von körperlicher Gewalt und mehr als jede dritte Person von psychischen Gewalterfahrungen betroffen. Fast jede vierte Person hat Gewalt zwischen den Erziehungsberechtigten miterlebt. Dabei wurden Personen, die Gewalt zwischen Erziehungsberechtigten erlebt haben, auch häufiger selbst Opfer von Gewalt durch Erziehungsberechtigte.
Eigentlich eine spannende Studie.
Weitere, im Vergleich zur restlichen Bevölkerung besonders stark mit Gewalt konfrontierte Gruppen, sind Personen mit Migrationshintergrund – auch hier vor allem Frauen – sowie Angehörige der LSBTIQ*-Community.
Das lässt ja viele Möglichkeiten offen:
- Sind Personen mit Migrationshintergrund – gerade Frauen – mehr Gewalt ausgesetzt wegen Rassismus oder von Partnern gerade evtl solchen mit ebenfalls Migrationshintergrund
- Eine ähnliche Frage kann man auch bei der LSBTIQ*-Community stellen.
Leider ist die Kategorie LSBTIQ* nicht näher aufgeschlüsselt. Da das Q für „Queer“ steht kann da ja auch fast jeder drin sein.
Entsprechend überraschend groß war der Anteil an der Studie: 16,7%
Das wäre dann eigentlich nicht repräsentativ wenn man nicht eine sehr weite Definition von Queer hat.
Ausgewählte Erkenntnisse aus LeSuBiA zu einzelnen Gewaltformen im Überblick:
- Psychische Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft erlebten knapp die Hälfte der Frauen (48,7 %) und 40,0 Prozent der Männer mindestens einmal in ihrem Leben. Emotionale Gewalt macht dabei mit 37,8 % den größten Teil der in LeSuBiA erfassten psychischen Gewaltformen aus. Obwohl Frauen über ihr gesamtes Leben stärker betroffen sind, zeigt die Betrachtung der letzten fünf Jahre, dass auch Männer vergleichsweise häufig von psychischer Gewalt (Männer: 23,3 %; Frauen: 23,8 %) und insbesondere von kontrollierender Gewalt (Männer: 8,7 %; Frauen: 7, 1%) betroffen sind.
- Von körperlicher Gewalt in einer (Ex-)Partnerschaft waren 16,1% in ihrem Leben und 5,7% innerhalb der letzten fünf Jahre betroffen. Bezogen auf die letzten fünf Jahre haben Frauen (5,2 %) und Männer (6,1 %) nahezu gleich häufig körperliche Gewalt erfahren.
- Sexuelle Belästigung hat bereits fast jede zweite Person (45,8 %) in ihrem Leben erfahren. Mehr als ein Viertel (26,5 %) der Befragten gab an, innerhalb der letzten fünf Jahre sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Über ein Drittel der Frauen (34,7 %) und etwa jeder siebte Mann (14,5 %) war in den letzten fünf Jahren von sexueller Belästigung ohne Körperkontakt betroffen, bei sexueller Belästigung mit Körperkontakt liegen die Werte bei 14,5 Prozent (Frauen) und 4,6 Prozent (Männer). Täter bzw. Täterinnen sind überwiegend fremde oder flüchtig bekannte Personen.
- Mehr als jede zehnte Person (11,2 %) wurde in ihrem Leben Opfer eines sexuellen Übergriffs, innerhalb der letzten fünf Jahre waren es 2,7 Prozent der Befragten. Auch hier sind Frauen (4,0 %) deutlich stärker betroffen als Männer (1,4 %). Bei Frauen war der Ex-Partner bzw. die Ex-Partnerin am häufigsten Täter bzw. Täterin (46,5 %), bei Männern eine flüchtig bekannte Person (33,3 %).
- Mehr als jede fünfte Person (21,2 %) war in ihrem Leben von Stalking betroffen, innerhalb der letzten fünf Jahre waren es 9,0 Prozent. Auch hier sind etwas höhere Prävalenzen bei Frauen zu beobachten: 10,6 Prozent der Frauen und 7,0 Prozent der Männer haben innerhalb der letzten fünf Jahre Stalking erfahren.
- Jede fünfte Frau (20,0 %) und jeder siebte Mann (13,9 %) erlebte in den letzten fünf Jahren digitale Gewalt. Die Opfer sind vergleichsweise jung – so waren über 60 Prozent der 16- bis 17-jährigen Frauen und rund 33 Prozent der 16- bis 17-jährigen Männer in den letzten fünf Jahren Opfer digitaler Gewalt.
Über die Studie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA)
LeSuBiA ist eine Dunkelfeldbefragung zu Gewalt in Deutschland. Die Studie beleuchtet erstmals umfassend, wie viele Menschen tatsächlich von Gewalt betroffen sind – unabhängig davon, ob diese Taten der Polizei bekannt oder angezeigt wurden. Rund 15.000 Personen im Alter von 16 bis 85 Jahren wurden im Zeitraum zwischen Juli 2023 und Januar 2025 zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und Verhaltensweisen in verschiedenen Lebensbereichen, insbesondere zu Partnerschaftsgewalt, sexualisierter Gewalt, Stalking und Gewalt im digitalen Raum befragt. Zusätzlich wurden Angaben zu Erfahrungen mit Polizei, Medizin, Justiz und Opferhilfeangeboten sowie sozialstrukturelle Merkmale und das Wohnumfeld erfasst.
Da sowohl Männer als auch Frauen befragt wurden, sind, anders als bei früheren Untersuchungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt, direkte und tiefgehende Vergleiche zwischen den Geschlechtern möglich. Die Studie schließt damit eine langjährige Datenlücke in Deutschland.
Die Ergebnisse von LeSuBiA sollen eine verlässliche empirische Grundlage für politische Entscheidungen, Präventionsmaßnahmen und Hilfsangebote liefern. Sie sollen helfen, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Gewaltbetroffenheit besser zu verstehen und aufzeigen, wo Diskrepanzen zwischen Hell- und Dunkelfeld bestehen. Damit trägt die Studie dazu bei, gezielte Maßnahmen zum Schutz von allen Menschen weiterzuentwickeln, für mehr Sensibilisierung im Alltag zu sorgen und die Ansätze von Prävention, Opferschutz und Intervention zu verbessern.
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