Bildhauer Florian Huber: Willkommen in der Waldhütte

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Abb.: »Better Late Than Never« (2026)

Einsame Hütten im Wald sind gefährliche Orte. Es erwartet einen dort nichts Gutes, stattdessen nur der Unabomber, die Hexe von Blair oder ein Tonbandgerät, das alte Beschwörungsformeln abspielt und Dämonen erweckt.

So ist das jedenfalls in der populären Imagination: Die einsame Waldhütte ist fast ausschließlich negativ besetzt. Die einzige Geschichte mit einer einsamen Waldhütte und einem Happy End, die mir einfällt, ist die der Bremer Stadtmusikanten. Oder übersehe ich was? (Walden gilt nicht, das war Camping im Garten von Emerson.)

Um so erstaunlicher, dass die Waldhütte gerade ein Comeback als positiv konnotierter Ort feiert: Wer eine Hütte hat und genug Dosenravioli, kann dem Zusammenbruch der Zivilisation gelassen entgegensehen.

Und damit zu Forian Huber, den ich diese Woche an der Muthesius Kunsthochschule Kiel besuchte. Er ist ein Bildhauer, der stark konzeptionell arbeitet.

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Popjournalismus: Von kurz vor »Tempo« bis »Neon«

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Abb.: Meinecke, Thomalla, Nickel (v.l.n.r.)

Pop hat graue Haare. Das ist okay, denn Pop nähert sich langsam dem Rentenalter. Pop kann immer noch toll erzählen, zwar nicht mehr von jetzt, dafür aber von damals.

Im Literaturhaus Hamburg stellte Erika Thomalla gestern Abend ihr Buch Gegenwart machen vor, eine Oral History des Popjournalismus in Deutschland.

Zu Gast waren zwei Schriftsteller und Popjournalisten a.D., Thomas Meinecke und Eckhart Nickel. Meinecke schrieb für das Fanzine Mode & Verzweiflung (1978 – 1986) und kurz für Tempo (1986 – 1996), Nickel für Tempo und Der Freund (2004 – 2006).

Gleich zu Beginn des Abends sagte Eckhart Nickel sinngemäß: »Wir waren keine Journalisten, sondern wurden zu Journalistendarstellern.«

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Es ist nicht immer leicht, aber

Zu den bemerkenswerten Ereignissen unserer Zeit zählt auch dies: Der Deutsche Kulturrat, Dachverband der kulturellen Organisationen in Deutschland, fordert den Kulturstaatsminister der Bundesregierung auf, »sich entschieden für die Kunst- und Meinungsfreiheit einzusetzen«.

Das ist, als würde man einen Bundeskanzler auffordern, eine Regierung zu führen. Oder einen Busfahrer, einen Bus zu fahren. Es ist nicht immer leicht, but it’s the job.

Hier geht es zur Pressemitteilung des Deutschen Kulturrats. Hier etwas Kontext in der Süddeutschen Zeitung.

»Fav Pieces«: Vergesst Mode!

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Vergesst Mode! Lasst uns lieber über Kleidung reden. Nicht über das, was wir gerne tragen würden (doch, ach!, es fehlt an Geld, Mut, Körper oder klimatischen Rahmenbedingungen). Sondern über das, was wir tatsächlich tragen.

Das ist, grob umrissen, der Vorschlag von Fav Pieces, einem Buch von Frauke von Jaruntowski und Gerhard Andraschko Sorgo, das Ende 2025 bei Thaddaeus Ropac erschienen ist.

53 Menschen aus 26 Städten (Wien, Hamburg, Ouagadougou, … ) erzählen hier in jeweils ein oder zwei Fotos und einem kurzen Text von ihrem liebsten Kleidungsstück.

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»Monster’s Paradise«: Fast zu wahr, um schön zu sein

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»Monster’s Paradise«, Foto: Tanja Dorendorf / Hamburgische Staatsoper

Monster’s Paradise, die neue Uraufführung in der Hamburgische Staatsoper, beginnt mit Cheerleaderinnen, die schreiend weglaufen, während hinter ihnen ein Schwanz über die Bühne fegt. Es ist der Schwanz einer Echsenmonsters, grün und schuppig. Vielleicht habe ich zu viel über Jeffrey Epstein gelesen, aber ich dachte bei dieser Szene nicht an einen B-Movie, ich dachte an unsere Welt.

Die ist kaputt, ein Paradies für Monster, das ist der Ausgangspunkt der Oper von Olga Neuwirth (Musik und Text) und Elfriede Jelinek (Text). Es ist zugleich eine halbwegs plausible Gegenwartsdiagnose.

Der Erz-Schurke ist der »König-Präsident«, mit dem zweifellos Donald Trump gemeint ist. Vampi und Bampi, zwei alternde Vampirinnen, die optisch an Neuwirth und Jelinek erinnern, wollen ihn stoppen. Doch je öfter sie ihn angreifen – mit Sägen, Äxten, Vorschlaghämmern – desto mehr bläht sich sein Ego-Körper auf. Was tun? Vampi und Bampi rufen das Monster Gorgonzilla zur Hilfe.

Godzilla hat es in Filmen schon mit Mothra, Megalon und Destoroyah aufgenommen. Nun kämpft er gegen Trump: Der angeblich größte Immobilientycoon gegen den größten Abrissunternehmer. 💥

Mit 2:45 Stunden ist Monster’s Paradise zu lang. Die Musik berührte mich nicht, vom Finale abgesehen, es fehlt mir wohl an Vorwissen, um die akustischen Anspielungen zu erkennen. Aber das visuelle Spektakel ist fantastisch: Muppet Show, Teletubbies, Gameshows, B-Movies, alles wird verwurstet.

Zudem steckt mehr Gegenwart in dem Stück, als ich es einer Oper zugetraut hatte. Die Inszenierung von Tobias Kratzer sowie die Kostüme und Bühne von Rainer Sellmaier sind hyper-contemporary. Das Verhältnis zwischen Newsfeed und Bühne ist osmotisch.

Darin liegt auch ein Risiko: Wird man in 20 Jahren im König-Präsidenten noch Trump erkennen? Sicherlich. Wird man verstehen, warum sein Wappen ein Emoji ist: 💪? Vermutlich. Aber ob man, wenn ein Zombie mit WM-Pokal über die Bühne wankt, noch an Gianni Infantino denkt, scheint mir zweifelhaft. Von solchen Anspielungen wimmelt die Inszenierung.

Was macht Kunst zeitlos? Das (Zeit-) Spezifische? Das Allgemeingültige? Vermutlich: Die Mischung aus beidem.

Immobilienpreise in San Francisco

Hugo Cox berichtet in der Financial Times über das Auf und Ab der Immobilienpreise und Mieten in San Francisco, das den Launen der Tech-Branche folgt:

»During the pandemic, San Francisco’s technology employers, such as Google and Meta, adopted some of the most permissive remote-working policies of any sector, allowing staff to decamp en masse to surrounding counties and neighbouring states. In the year to July 2021, the city lost roughly 6 per cent of its population, the steepest fall of any major US city; a year later it had contracted further. As demand collapsed, rents and prices fell sharply. Median house sale prices dropped 13 per cent in 2023.«

Doch jetzt schießen die Preise wieder nach oben, und das liege am Hype um KI:

»Fanned by the hiring frenzy and spiralling pay packets of AI companies, median house sale prices rose 12 per cent between October and December [2025] to $1.8mn, and today the city has the US’s fastest-rising rents.«

Allein OpenAI habe im vergangenen Jahr Aktienpakete mit einem durchschnittlichen Wert von je 1,5 Millionen US-Dollar an seine rund 4000 Beschäftigten ausgehändigt (zusätzlich zu Gehältern und Boni).

Den Artikel von Cox gibt es hier online (Abo-Schranke).

In derselben Ausgabe der Financial Times wird auf Seite 1 übrigens von erneuten Ängsten vor einer KI-Blase berichtet, da zunehmend unvorstellbar erscheine, dass das Geld, das Tech-Konzerne jetzt ausgeben, jemals wieder eingespielt werden können. 

Das heißt: Wir können jetzt Wetten abschließen, ob und wann die Immobilienpreise in San Francisco wieder einbrechen.

Wer nicht jetzt ein Haus in der Bay Area kaufen muss, wartet wohl besser noch ein, zwei Jahre. (Außer vielleicht, es gilt ein Portfolio aus Aktienpakten zu diversifizieren … )

Fuck Dystopia!

Kim Stanley Robinson ist ein amerikanischer Autor von Sci-Fi-Romanen wie The Ministry for the Future, das auch bei Barack Obama auf dem Nachttisch lag.

Im Podcast Future Histories von Jan Groos spricht er über den verführerischen, aber falschen Reiz dystopischer Erzählungen:

»There’s a false consciousness in the dystopian imaginary that says ‘It’d be interesting and I myself would survive. And it would be more interesting than modern urban and suburban life, which is intensely boring by design’. […] It’s simply not true. In the breakdown of society, things would be even more boring. And also, you would die.«

Ich musste an Mark O’Connells Buch Notes from an Apocalypse denken, das unter anderem eine provokante Analyse der Ideologie der Prepper enthält:

»The idea of collapse speaks, on some primal level, to a reactionary sensibility – a sensibility in which the world is always necessarily in an advanced state of degeneration. […] Preppers are not preparing for their fears: They are preparing for their fantasies. The collapse of civilization means a return to modes of masculinity our culture no longer has much use for.«

Nun haben die letzten Tage gezeigt, dass ein gewisses Maß an Vorbereitung auf den Zusammenbruch bspw. großstädtischer Stromnetze durchaus sinnvoll ist.

Aber das ändert nichts an der Kritik dessen, was Robinson hier »dystopisches« Denken nennt und O’Connel »apokalyptisches« Denken: Die Fantasien einer archaischen Welt, von heroischen Männerbünden,  Bürgerkriegen und einer reinigenden Wirkung der Gewalt, sind per se reaktionär. Plus, sie sind boring.

Diese reaktionäre Untergangslust irgendwie emanzipatorisch umdeuten zu wollen, so wie es offenbar die »Vulkangruppe« tut, geht notwendig fehl.

Nichts wird besser dadurch, dass alles schlechter wird. Fuck dystopia!

Wie Deutsche auf die Zukunft schauen

Wenn Deutsche zu ihren Zukunftserwartungen befragt werden, zeigt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz: Sie schätzen ihre individuelle Zukunft deutlich positiver ein als die ihres Landes.

Das zeigte sich etwa in der jüngsten Umfrage der Körber-Stiftung (Befragung im Zeitraum vom 1. bis 10. Juli 2025 unter 1.108 Personen):

»52 Prozent der Befragten geben an, dass Optimismus ihre Zukunftserwartungen stärker prägt als Sorgen. Auch die eigene wirtschaftliche Lage wird von 59 Prozent als gut oder sehr gut eingeschätzt. Dieser überwiegend positive Blick auf das persönliche Leben überträgt sich jedoch nicht auf die Einschätzung des Landes insgesamt.«

Die Mehrheit bezeichnet ihr Vertrauen in die Demokratie demnach als »weniger groß« oder »gering« (exakter Wert: 53 Prozent), fast zwei Drittel glauben, Deutschland sei nicht gewappnet, die großen Transformationsaufgaben unserer Zeit zu meistern (62 Prozent) und drei Viertel bewerten die wirtschaftliche Lage als »weniger gut« oder »schlecht« (76 Prozent).

Diese Daten offenbaren ein politisches Risiko. Denn wenn eh schon alles scheiße ist (man sich selbst aber für halbwegs immun gegen die allgemeine Beschissenheit hält), kann man auch Rechtsextremist•innen wählen – und wird anschließend überrascht sein, wie viel schlechter alles noch werden kann, wenn sie erst an der Macht sind.

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Die 39C3-Konferenz: KI, Datenschutz und Netzaktivismus

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Abb. 1: Einmal im Jahr verwandelt sich das CCH (Congress Centrum Hamburg) ins CCC …

Heute endete 39C3, die Konferenz des Chaos Computer Club e.V. Die Tickets waren schneller weg als bei Taylor Swift, aber ich habe eins bekommen. Kreisch! 😱

Im kleinen Ausschnitt des Programms, den ich erlebte, waren dies die Höhepunkte (Videos gibt’s online, die Links habe ich hier jeweils ergänzt):

👉 Angesichts massiver Investitionen in »Künstliche Intelligenz« – es waren 252+ Billionen USD allein 2024 laut Stanford Institute for Human-Centered Artificial Intelligence – wächst der Druck, KI irgendwie zu Geld zu machen. Sie in Betriebssysteme einzubauen à la Microsoft sei aber eine schreckliche Idee, argumentierten Meredith Whittaker und Udbhav Tiwari (beide arbeiten bei der Signal Foundation, die den gleichnamigen Messenger verantwortet). Die Gründe: Datenschutz und IT-Sicherheit. Einen Videomitschnitt ihres Vortrags gibt es hier (in englischer Sprache).

👉 Das Ausländeramt darf Menschen die Handys wegnehmen, zeigte Chris Köver von netzpolitik.org. Anders als bei mutmaßlichen Straftäter•innen braucht es keinen Richterbeschluss, um private Daten zu durchsuchen (Fotos, Chats, … ). Zudem können Handys unbegrenzt lange einbehalten werden, wofür es keine technische Notwendigkeit gibt. Bitte hier entöang zum zum Videomitschnitt ihres Vortrags (in deutscher Sprache).

👉 Überraschung! Ausgerechnet die Willkür der Trump-Regierung eröffne die Chance, das Internet aus der Macht der Tech-Konzerne zu befreien, argumentierte der Internetaktivist, Blog-Pionier und Sci-Fi-Autor (among other things) Cory Doctorow in einem rasanten Vortrag voller Punchlines (in englischer Sprache).

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