26 Jahre Altenheim, davon die letzten sieben Jahre Nachtdienst. Sieben Jahre lang war ich der Kapitän ohne Boot, der einzige Wachposten auf Fluren, die niemals schlafen. Während die Welt draußen dachte, die Nacht sei zur Erholung da, habe ich gelernt: Schlaf wird völlig überbewertet – zumindest solange der Kaffee noch wirkt.
Heute schreiben wir den 31.12.2025. Während draußen die Welt mit Sekt und Feuerwerk das neue Jahr begrüßt, ziehe ich hier meine allerletzte Runde in der Nachtschicht.
Ich habe in den letzten Jahren in Abgründe geblickt, die kein Lehrbuch beschreiben kann. Ich habe gelernt, dass Gevatter Tod ein mieses Timing hat und meistens genau dann anklopft, wenn die erste Tasse Kaffee gerade dampfend auf dem Tisch steht. Ich habe Bewohner erlebt, die im Mondschein zu Höchstform aufliefen, und Kollegen, deren Geduldsfaden nachts dünner war als ein Einmal-Waschlappen.
Mein Immunsystem besteht mittlerweile zu 80 % aus Sterillium und zu 20 % aus reinem, hochprozentigem Zynismus. Aber jedes Mal, wenn ich dachte: „Das war’s, skurriler wird’s nicht mehr“, kam ein Bewohner um die Ecke und hat bewiesen, dass der menschliche Wahnsinn noch ein paar Asse im Ärmel hat. Und wisst ihr was? Genau das habe ich geliebt. Je chaotischer die Nacht, desto lebendiger die Schicht.
Und nun? Ich ziehe weiter. Ich tausche das schummrige Stationslicht gegen eine neue Herausforderung und eine jüngere Zielgruppe. Ein Tapetenwechsel für die psychische Hygiene, bevor die letzten meiner Synapsen endgültig den Dienst quittieren und sich zu den Demenz-Gespenstern auf den Flur gesellen.
Ein letztes Wort zum Abschied:
Es war eine wilde, dreckige und wunderschöne Zeit. Sie hat mich geprägt – wahrscheinlich tiefer, als ich mir in hellen Momenten eingestehen will.
An die Handvoll Kollegen, die mit mir im nächtlichen Irrsinn die Stellung gehalten haben: Danke. Ohne euch wäre ich schon vor Jahren wahnsinnig geworden. An den Rest: Werdet ehrlich, redet miteinander statt übereinander und macht euren Job.
An die Bewohner: Danke für die skurrilen Geschichten, die nächtlichen Verfolgungsjagden und die Momente, die mich gleichzeitig fassungslos und glücklich gemacht haben.
Und danke an euch Leser hier und auf WordPress. Der „Altenheimblogger“ war kein bloßes Projekt, es war ein großes Ventil, ein Sprachrohr und ein echtes Stück Leben.
Das Jahr geht zu Ende, und mein Kapitel hier auch. Das Licht ist aus.
Der Kapitän verlässt das Schiff.
Ich zisch ab!

