In „Moosland“ findet Katrin Zipse eine poetische Form, um von Unerträglichem zu erzählen
„Es kommen Nächte, da hält sie es nicht mehr im Haus. Sie zieht die Strickjacke über und schleicht aus der Tür, hinaus ins schattenlose Licht. Der getrampelte Pfad vom Hof weg führt an den mahlenden Pferden vorbei zum Grassodenhaus und endet, wo die aufgehängten Fische im Wind klappern. Aber sie geht weiter über das feuchte Gras, über Frauenmantel, Schafgarbe und Polster aus Thymian, am Fuß des Hochplateaus entlang, und erst dort, wo der Fels in mächtigen Quadern ausläuft und schwarz-weiße Vögel mit orangefarbenen Schnäbeln kreisen, steigt sie auf und läuft bis an die Klippen. (…)
Hier ist der Himmel immer zu weit. Es hilft nichts, wenn sie die Augen schließt. Es ist ein Himmel, dem man nicht entrinnen kann, unter dem das Leben erbarmungslos weitergeht.“
Wer an Island denkt, denkt an die weite Landschaft dieser Insel, waldlos, wasserreich, von Meer umgeben und spärlich besiedelt von Menschen, die sich die fruchtbaren Regionen mit Schafen und Islandpferden teilen.
In Katrin Zipses neuem Roman „Moosland“ ist Island mehr als ein Handlungsort. Seine Landschaften und sein Licht prägen das Geschehen. Seine Sprache wird zum Mittel der Annäherung. Katrin Zipse, die als Stipendiatin der Künstlerresidenz Skagaströnd die Insel kennenlernte, erzählt vom Schicksal einer jungen Deutschen, die im Jahr 1949 auf Anwerbung des Isländischen Bauernverbands die Insel erreichte, um für ein Jahr Hilfskraft einer Bauernfamilie zu werden.
Bereits auf den ersten Seiten deutet sich die hohe Verletztheit der jungen Elsa an. Während ihre Begleiterin Gerda, deren Plan sie mangels Lebenskraft folgt, die Insel als Chance für ein neues Leben begreift, verharrt Elsa in Schweigen, das sie nicht abzulegen vermag. Ein Zustand, den sie vorerst hinter der ihr unbekannten Sprache versteckt. Kaum verbergen kann sie jedoch ihre Unruhe, die sie nachts befällt, wenn sie von Albträumen geplagt aufwacht. „Ein Nachtgespenst, ein Alb, aus der Tiefe gekrochen, ein grinsendes Es-war-einmal.“ Die Bäuerin ahnt Elsas Not und begegnet ihr mit Fürsorge, allerdings in einer Zurückhaltung, die durch die fehlende gemeinsame Sprache wie durch ihre Mentalität gleichermaßen bedingt scheint. Sie ist die einzige Frau in Elsas Gastfamilie, zu der neben dem Bauern und dem Knecht die zwei Söhne Skúli und Olafur zählen. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Skúli sich neugierig Elsa annähert und versucht, auf Englisch mit ihr zu sprechen, reagiert der zurückhaltende Olafur mit Scham auf die Fremde. Dass die Familie mehr erhofft von Elsa, als nur Helferin für ein Jahr zu sein, erahnt man bald. Katrin Zipse deutet dies in subtilen Zeichen an, die ihre Figur Elsa mit Beobachtungsgabe erfasst. Die Interpretation überlässt die Autorin den Lesern. Erst im Verlauf erfährt man vom Frauenmangel, der in diesen Jahren auf der Insel herrschte. Viele Isländerinnen hatten, oft im Gefolge der amerikanischen Soldaten, die seit 1941 ein Viertel der Bevölkerung bildeten, das Land verlassen.
Zipse gestaltet ihren Roman in zwei Handlungsebenen. Die Erste schildert Elsas Jahr auf Island, die Zweite begibt sich in die deutsche Kriegsvergangenheit. Zusätzlich sind Briefe eingestreut, die von den gesellschaftlichen Gegebenheiten der Insel berichten. Wir erfahren von Elsas Eingewöhnung. Mangels Sprache gibt es kaum Kommunikation, doch Elsa lernt schnell, was zu tun ist. Hafergrütze zum Frühstück, Trockenfisch, Hühner, wenige Milchkühe und Fässer voller Skyr und Kartoffeln, Gemüse ist wegen der kurzen Vegetationsperiode rar. Anschaulich schildert Zipse das Geschehen auf dem Hof, die notwendigen Tätigkeiten im Ablauf der Jahreszeiten. Durch die Gesten und Blicke ihrer Figuren zeigt sie deren Gefühle und Erwartungen.
Elsa bemüht sich zurechtzukommen. Es gelingt ihr Ängste zu überwinden, doch ihr Schweigen bleibt bestehen. Dessen traumatische Ursache ist Gegenstand der zweiten Erzählebene, die Zipse nicht in klaren Rückblicken anlegt, sondern in poetisch anmutenden Sequenzen, die wie durch Nebel verhangen wirken.
„Sie rennt zum Fenster und schaut hinaus. Die Frau lockt die Hühner aus dem Stall. Steifbeinig und dünn, die Hälse gereckt, stelzen sie über den Hof.
Gänsehaut.
Kriecht ihr die Arme hoch.
Sitzt ihr im Nacken.
Hennenhaut.
Der Boden rutscht. Sie schwankt und klammert sich an die Fensterbank, presst die Augen zu, zwingt sich vom Fenster weg und blinzelt in die Küche durch halb geschlossene Lider.“
Es sind Flashbacks, die Elsa mit dem Verdrängten konfrontieren, sie aus der Realität katapultieren in die Schrecken der Vergangenheit. Diese Erinnerungen setzen unwillkürlich ein, hervorgerufen durch ein Geräusch, einen Geruch, einen Anblick, eine Wahrnehmung, ein Wort. „Im Gelächter der Männer macht sie sich davon, hört ein anderes Gelächter, ein Pausenhof, die Jungen in der einen, die Mädchen in der anderen Ecke, später waren sie zusammengepfercht im kleinen Hof des Dorfgasthauses.“ Erinnerung hängt auch an einem Mantel, der trotz aller Fadenscheinigkeit Elsas wertvollster Besitz ist. Dieser Mantel, das Einzige, was ihr von Sola geblieben ist, bewahrt sogar noch den Geruch der Freundin. Jedenfalls so lange, bis er zusammen mit einer Mottenkugel in der Schublade verschwindet.
Da Elsa schweigt, ist sie vollkommen auf ihre Beobachtungen und ihr Gespür angewiesen. Und doch dringt die fremde Sprache allmählich in ihr Leben. Der Knecht Halldór bemüht sich mit Kräften und hat für sie stets ein neues isländisches Wort parat. »„Tungf“, wiederholt der Knecht ein drittes Mal, langsamer jetzt, und strahlt sie an. Wahrscheinlich will er, dass sie ihm nachspricht.« Doch es wird dauern bis das erste Mal die neue Sprache probiert. »„Takfürir“, sagt sie. Ganz unerwartet kommt das Wort aus ihrem Mund, sie weiß nicht, woher, und woher diese Stimme, die rau klingt und fremd und eine unbekannte Sprache spricht. Erstaunt lauscht sie ihrem Wort nach: Takfürir.«
Einfühlsam bettet Zipse den Prozess des Spracherwerbs und die Überwindung der Sprachlosigkeit in ihren Roman. Wörter, Listen, ganze Sätze zeigen, wie nah das Isländische an der deutschen Sprache ist und machen mit dieser Sprache vertraut. Schließlich stößt Elsa auf ein Buch isländischer Sagen mit handschriftlich notierten englischen Übersetzungen. Dieses wird ihr nicht nur sprachlich helfen, sondern auch bei der Bewältigung ihrer Trauer. Sie verbindet die Trauer um Sola mit den isländischen Sagen, die ihre Verschollenen auf den Bergen der Insel verorten. „Ihre kahlen Rücken sind belebt (…). Menschen hausen dort, die für immer verschwunden sind. In den Geschichten, die man sich über sie erzählt, leben sie fort. Das Mädchen, das mit ihrem Bruder zum Flechtensammeln in die Berge ging. Irgendwo im Norden der Insel ist es gewesen, vielleicht hier. Welche Geschichte wird man sich über Steinunn erzählen, welche über Skúli, wenn man eines Tages von ihm erzählt? Welche Geschichte kann man ertragen?“
In der isländischen Sprache entwickelt Zipse auch das Licht-Motiv des Romans, welches sie in den Naturschilderungen vertieft. So wählt sie Tungf / Mond, zur ersten Vokabel, die Sola / Sonne, gegenübersteht, was zugleich der Name von Elsas Freundin ist. Als Elsa beim Viehabtrieb ein Lamm rettet, tauft sie es Ljós / Licht. Vielleicht, weil das nächtliche Licht sie oft tröstet.
Die Natur, die Sprache, die Märchen. Alles webt Katrin Zipse in Elsas Geschichte ein, die nicht nur von den Herausforderungen der Integration und des Spracherwerbs erzählt, sondern vor allem von der Herausforderung mit einer großen Trauer zu leben.








