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  • 3.600 Worte

    Meine Texte haben oft nicht mehr als 60 Worte. Begriffe stehen isoliert oder könnten Imperative sein. Jemand sagte, ich hätte einen Sack voll Punkte und streue sie über den Text.

    Eine bestimmte Atmosphäre wird dem Leser geliefert. Tiefe, die berührt. Wie bei einer ZIP-Datei muss die komprimierte Schreibart entpackt werden.

    In den Kritiken das Wort „Poesie“. Ein Erzähler bleibt manchmal verborgen.

    60 Worte. Enthalten ein ganzes Leben. Dauerte 60 Jahre, diese Form zu bilden.

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  • E-Moll der Morgen

    Stadt im Blauton. Ruhender Verkehr hat neue Haut. Passanten, Radfahrer wirken wie Irrläufer. Müllabfuhr vorbei.

    Vom Durst geweckt. Aufgesprungene Lippen. Raumtemperatur um 1,5 Grad erhöht. Tee zieht. Suche nach dicken Socken. Schreibtisch. Arbeit wartet. Ewiges Licht links.

    Gefühle, Gedanken bei ihr. Phantomschmerz. Sie kann nie zurückkommen.

    Sonne scheint und entschwindet. Nimmt den Frost nicht.

  • Gen Norden

    Abendessen. Angebranntes klebt im Raum. Fenster weit auf.

    Dunkelheit. Autoreifen auf nassem Asphalt. Wie Meerrauschen.

    Ohne Licht in der Küche. Zurücklehnen. Öffne den inneren Kompass, norde die Lebenskarte ein.

    Oben das Gebiet vor Geburt und nach dem Tod. Im Osten wuchs ich auf. Der Süden die besten Jahre. Reife im Westen. Stehe nun Nord Nord West.

    Seufzen.

  • Lesung

    Vor knapp anderthalb Wochen. Insgesamt elf Autorinnen und Autoren. Einige lasen das erste Mal. Für mich war eine neun Jahre währende Abstinenz von der Bühne vorbei.

    Ich spürte die Vorfreude, die Sicherheit, es würde gelingen, und liebte es wieder, mit dem Publikum ein bisschen zu spielen. Mit dem Vortrag zu zögern, bis ich die Aufmerksamkeit aller hatte. Mal laut, aggressiv, mal schmeichelnd ins Mikrofon sprechen. Bewusste Körperhaltungen einnehmen.

    Vortragende waren Teilnehmer der Schreibwerkstätten der VHS Münster. Das große Foyer war gut gefüllt, der Eintritt war frei und in der Pause gab es etwas zu trinken.

    Ein wenig Euphorie erfasste mich, nachdem ich meinen Part gelesen hatte. Und wich dem Angebot aus, dass Gäste mit den Autoren ins Gespräch kommen konnten. Ich brauchte Distanz. Ich hatte nichts übrig für Besserwisser, Wichtigtuer und gescheiterte Schriftstellerexistenzen. Das kannte ich von früher zu genüge.

    Möglich wurde die Veranstaltung nur unter dem großen Einsatz unseres Kursleiters, der auch den Abend moderierte. Die nächste Lesung ist für Herbst d. J. angedacht.

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  • Beschaffungsdruck

    Wann man für die Festtage einkaufen geht, hängt davon ab, wie die verkaufsoffenen Tage liegen. Dieses Jahr hat man unmittelbar vor Weihnachten Samstag, Montag, Dienstag und zur Hälfte am Heiligen Abend Zutritt zu den Lebensmittelmärkten. Wir haben Dienstag.

    Aus der Beschallung tropfen Weihnachtslieder. Unterbrochen nur vom Eigenlob der Mitarbeiter. Von der Geschäftsführung der Ladenkette in Auftrag gegeben, vom diensthabenden Werbesäusler aufgesagt:

    „Wir haben alle Bemühungen gebündelt und ein erfolgreiches Jahr liegt blah blah und wir wollen im nächsten blah blah blah …“

    Genau das wurde gesagt, ich schwör‘!

    Ich nehme an, dass so einige aus meiner Familie und Freunde, Bekannte, genau jetzt die Weihnachtseinkäufe in den Supermärkten stemmen müssen. Viel Spaß dabei!

    Das heißt, nicht mehr alles kriegen, ausverkaufte Regale und Schlange stehen von den Kassen bis in die hinterste Getränkeabteilung. Rückt man nach gefühlt zwei Stunden weiter vor, bekommt man mit, wie sich zwei mit wenig Resilienz bitter bekämpfen, ob sie an 24. oder 23. Stelle anstanden. Und wehe, man hat sich an der falschen Kasse angestellt! Bei einer wird auch für DHL und Hermes Pakete angenommen. In letzter Minute. Mit viel Arbeitsaufwand für die Kassierer. Mit dem gleichen Aufwand holt man dort auch Pakete ab … An einer der anderen Kasse ist es nicht besser. Dort hat die langsamste Angestellte des Geschäfts Dienst. Eine, die in Rente gehört, doch das gesetzliche Rentenalter wurde ja hochgeschraubt. Sie macht eigentlich einen guten Job, doch sie quasselt zu viel. Keiner will das hören … Wenn sie mit jemanden Mitleid hat, dann gibt sie aus eigener Tasche fehlende Cents in die Kasse. Macht sie auch nicht beliebter.

    Die restlichen Angestellten stapeln und stopfen das in die Regale, was noch im Lager ist. Man reißt es ihnen rasch aus der Hand. Als ginge es bei der Dose mit Weinsauerkraut um „Naked Survival – Ausgezogen in die Wildnis“. Bier, Wein und weitere Spirituosen haben jetzt absolute Priorität. Weil man mit klarem Kopf die Familie nicht erträgt, vermutlich. Aber beweisen kann ich es nicht. Man sieht nur, wie Bierkästen der Lieblingsmarke in einer Art Hommage an eine Wette aus der beliebten Fernsehshow „Wetten dass…“ im Einkaufswagen hochgestapelt und aus dem Laden gerollt werden.

    Irgendwann ist das Lager leergefegt. Zeit für die Auszubildenden zu kehren. Fachmännisch und fachfraulich überwacht vom Rest des Personals. Und der Filialleiter räumt noch auf dem Parkplatz auf, ein Alibi, um zwei oder drei Stresszigaretten zu rauchen. Derweil erhöht jedes „Püüt“ des Kassen-Scanners den Umsatz. Ein Geräusch, das alle auf Dauer rammdösig macht. Nur nicht das Kassenpersonal.

    Niemand hat daran gedacht, früher aufzustehen. Morgens einzukaufen. Es hätte zwar auch dann Engpässe gegeben, aber man hätte mehr Auswahl gehabt. Zur fortgeschrittener Stunde nun versuchen Kunden in blanker Panik alles mitzunehmen, was nur geht. Deko, Pappkameraden, Überwachungskameras.

    „Man muss doch irgendwas kaufen können!“

    Kollektiver Kaufrausch und Kreditkarten. Der Wahnsinn geht morgen noch bis 13 Uhr.

    „Dann kriegen wir den Rest noch! Ist doch easy!“

    Allerdings könnte bei manchen der gute Vorsatz für das neue Jahr lauten: „Nie wieder so brutal das Konto überziehen, sonst gehört bald das Haus der Bank. Zum zweiten Mal.“

  • Ar. Beits. Takt

    Nachttischlampe. An.

    Ordentlich zudecken.

    Blick zum Kruzifix.

    Zur Seite.

    Nachttischlampe. Aus.

    In der Nacht. Schnarchen.

    Sechs Null Null.

    Wecker.

    Wider.

    Spenstig.

    Letzter Traum.

    Erster. Zweiter.

    Kaffee.

    Motor. Starten.

    Eine Baustelle.

    Unterwegs.

    Von der Lehre bis jetzt. Im Betrieb.

    Metallrahmenbau. Krankenhausbetten.

    Kommandit.

    Gesellschaft.

    Werkshalle. Fensterlos.

    Mittagspause. Kantine.

    Blaumänner.

    Sitzen einerseits.

    Weiße Kragen.

    Anderseits.

    Drei dreißig noch.

    Flex. Kreischt.

    Bohrer. Klirrt.

    Schweißer. Blitzen.

    Kameradschaft.

    Wie.

    Beim Bund.

    Der Meister brüllt.

    Wie.

    Der Spieß.

    Sechzehn Null Null.

    Umkleide.

    Arbeitsschuhe.

    Stahlkappen.

    Gegen.

    Leicht, sportiv.

    Motor. Starten.

    Ärgerlich.

    Die Baustelle.

    Zum Abend.

    Tisch.

    Käse. Salami. Sport Bild.

    Fernsehen.

    Es läuft.

    Nichts.

    Nachttischlampe. Kruzifix. Nachttischlampe. Schnarchen.

  • Tonspur

    Bald kommt das kalte Wetter. Der gewaschene Wintermantel hängt zum Trocknen auf.

    War früh wach. Hab viel zu tun. Saustall aufräumen, spülen und Duschen.

    Hab auf das Tageslicht gewartet. Die Zeit spult ab. Summt wie ein Super-8-Film. Das waren Stummfilme. Ich möchte aber hinausschreien und leben alle Emotionen.

    Bin spät dran. Ziehe das Besteck durchs Handtuch. Im Takt klirrt es in die Schublade. Da klingelt es schon an der Tür.

    Mit Schwung mache ich auf. Luft rauscht mir entgegen. Ihr Parfüm nimmt zuerst von mir Besitz.

    Zu zweit am Küchentisch. Sie dreht das Haar in ihren Fingern. Tee, Wasser, Wein? Eine Kaffeemaschine habe ich immer noch nicht. Ist ihr völlig egal. Nehme sie bei der Hand, wie häufiger nun, und führe sie ins Schlafzimmer.

    Nur wir. Warm, innig und weit weg. Weit und noch weiter. Ein unermesslicher Moment tiefen Vertrauens. Wahnsinnig schön.

    Lautlos, eng und sanft liegen wir beieinander, als könne man sich so vor der Zeit verstecken. Doch draußen wird es bereits wieder dunkel.

    Müssen an der Tür leise sein. Wegen der Nachbarn. Sie schenkt mir Umarmung und unermüdlich Küsse. Jeder Film fordert ein Ende. Sie reißt sich los, steigt die Treppen hinab. Schließe schnell die Tür, eile zum Fenster. Sie ist bereits im Wagen. Licht an, aus der Parklücke raus, die Straße hinab.

    Komm kaum runter. Die neue Episode, die wir gerade drehten, gehört zu einer frühen Staffel. Ihr Parfüm im Raum ist der Abspann.

  • Immerzu

    Nacht fällt über Häuser, Straßen, Plätze. Wie schwarzes, schweres Tuch. Wischt den Regen auf. Vom Wind aufgebläht. Hundehalter eine letzte Runde. Licht für Licht erlischt in den Fenstern. Herbstmüdigkeit.

    Eine flackernde Lichtquelle bleibt. Bringt die Welt ins Private. Rechts vom Sessel Zigaretten Feuerzeug Aschenbecher. Links Papier, Füller. Brief, der nicht zu Ende geschrieben.

    Abgelenkte Gedanken. Gedanken. Zu viele für einen Kopf. Herz pumpt Aufruhr und Angst. Es heißt, Fall bleibt solange schwerelos bis du aufprallst.

    Seit Jahren ohne Lachen. Unmöglich, Isolation zu brechen. Sie zerfetzt dich.

    Eine Sendung endet. Such die Fernbedienung. Blick mich um. Blaulicht wandert über die Tapete. Hab die Wahl. TV aus und ins Bett rollen. Oder eine weitere anzünden.

    Morgen brauch ich nichts tun. Werde nirgendwo erwartet. Schäle Möhren. Snacks für die Nacht.

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