Es gibt solche Bücher, die stehen über die Jahre in einer Bibliothek, genauer geschrieben in meiner, ungelesen, unberührt. Man weiß irgendwie von ihnen, daß sie da harren, sie sind vorhanden, sie könnten gelesen werden, aber sie werden am Ende doch nicht gelesen. Sie stehen, sie stauben, sie warten, sie sind sicherlich bedeutsam, weil das Feuilleton diese Werke beim Erscheinen euphorisch lobte. Und hier mache ich jetzt einen kleinen Umweg, bevor ich auf jenes Buch weiter eingehe und ich schreibe an dieser Stelle vielmehr, weshalb ich von meiner Meinung ablasse, daß Flixbusfahren schlecht und von übel sei. Es ist nicht grundsätzlich schlecht, wenn auch in vielen Hinsichten dann doch. Freilich reist es sich nicht sonderlich bequem in solchen Überlandbussen. Die Sitze sind eng, die Gänge schmal, mit Pech ißt einer Tilsiterstullen. Aber wenn man mit den richtigen Leuten reist, dann macht es doch Spaß. Es war dies eine Rückreise aus Südtirol, ein Meisterklassen-Seminar über Umberto Ecos „Der Name der Rose“, hoch in der Berglandschaft über Leifers bei Bozen, interdisziplinär: Literaturwissenschaft (postmoderner Roman), Theologie (Apokalypse, Hohelied Salomon, Armutsstreit), Kunstgeschichte und vor allem natürlich Philosophie, mithin im Blick auf Ecos Roman, der im Jahre 1327 im November in einem mittelalterlichen Kloster irgendwo in Norditalien spielt: Antike samt Aristotelesʼ Poetik samt Mittelalter mit dem Universalienstreit: „Est ubi gloria nunc Babylonia?“ [Wo ist nun Babylons Ruhm?] „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus. [Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.] (Bernhard von Cluny, De contemptu mundi)
Sieben wunderbare wie arbeitsreiche Tage auf einem architektonisch modernen und vor allem ästhetisch ansprechenden Berghof mit Lektüren, Vorträgen, Debatten wie auch den herrlichen wein- wie bierseligen Abenden mit Blick auf Bozen by night und bei köstlichem Essen, das uns zubereitet wurde, dazu abends mit Lesungen, Filmen und einem kleinen Theaterspiel.
Die Rückreise ging – gezwungenermaßen freilich – mit dem Bus, da die Trenitalia für den Abreisetag streikte. Deus vult! So standen wir am Samstag frühmorgens nach Abstieg vom Berg und Linienbusfahrt von Leifers aus samt gehörigem Fußmarsch mit Gepäck dann in Bozen in einem unwirtlichen Gewerbegebiet zu zwölft wie die Jünger Jesu in wunderbarem Südtiroler Sonnenschein und warteten auf den Flix-Bus, plaudernd und voll von Euphorie noch und zugleich melancholischem Abschied: So wird es niemals mehr sein: nach jenen so schönen Tagen hoch über dem Etschtal unter blauem Italien- und Ideenhimmel jeden Tag, in der Ferne und besonders nachts ansprechend: die Lichter des Tals. Der Flix-Bus kam, wir stiegen ein. Wir fuhren, machten nach gerade einmal zwanzig Minuten die erste lange Pause an einer dieser Tankstellen, wo noch der schlechteste italienische Kaffee besser schmeckt als alles, was man in Deutschland serviert bekommt.
Ich war relativ weit hinten im Bus plaziert, vorletzte Reihe, hinter mir die Fünferbank, auf der zwei unserer Studenten saßen, eine junge Frau und ein junger Mann, neben mir ein gemütlich-freundlicher Mitdozent, und hinten links in der Ecke auf der Rückbank eine uns unbekannte Italienerin, der wir mit unserem Gequassel vermutlich gehörig auf die Nerven gegangen sind: Deutsche, die sich wie Italiener benehmen. Denn wenn die Bamberger Philosophencrew versammelt ist, dann ist es so als ob Italien Länderspiel hat. In Brixen dann, am Autobahnhaltepunkt, stieg eine junge Italienerin zu, die sich in die Hinterbank auf ihren Platz in der Mitte setze.
Für Südtirol – um dieser Geschichte eine weitere Volte zu geben – muß man wissen, daß es sich um eine dreisprachige autonome Region in Italien handelt. Einen Exkurs in die Geschichte von Südtirol und was dies im Blick auf das Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs für diese einst zu Habsburg gehörende Region bedeutete, spare ich aus. Kurz nur: Flucht, Vertreibung der Österreicher 1918, da Italien sich wetterwendisch, bauernschlau und geschickt auf die Seite der Entente schlug und damit zu den Siegern des Krieges gehörte, und so hatte diese Niederlage ethnische Umsiedlungen, genauer gesagt Vertreibungen zur Folge – in der Geschichte nichts Neues, nur nebenbei – und in den 1960ern gab es harte Kämpfe in Südtirol bis hin zu Gewalt, damit die deutschsprachige Minderheit anerkannt würde. Was dann auch geschah. Nur soviel: die katholischen Gottesdienste in Südtirol dauern sehr lange, weil sie dreisprachig abgehalten werden. Dieses Recht hat sich die deutschsprachige Minderheit tapfer erkämpft und das ist gut so.
Schnell kamen die beiden Studenten neben ihr, da die junge Italienerin zur deutschsprachigen Minderheit gehörte, ins Gespräch. So auch ich dann irgendwann, zumal es um Kunst, Film, Philosophie und Ästhetik ging und auch etwas ums Skifahren – teils waren am Brenner die Pisten noch weiß und so fabulierte und schwärmte ich von meinen einstigen Ski-Abfahrtskünsten in Österreich in Kaprun. Wir gelangten vom Hölzchen aufs Stöckchen, es ging auch um Literatur und Intensitäten in Kunst. Und da kam diese Romanempfehlung plötzlich von ihr: ob ich John Williams mit seinem Roman „Stoner“ kenne? Nein, das tat ich nicht. Es stünde der Roman aber bei mir in der Regalreihe. Begeistert erzählte sie. In München trennten sich unsere Weg und auch die Wege der Reisegruppe, der Bamberger Gefährten. Denn für mich ging es von München weiter nach Berlin, für die anderen nach Bamberg und für die junge Frau ins Schwäbische. Als ich dann am Ende einer zwölfstündigen Reise zurück in Berlin eintraf, nahm ich nach einer kleinen Stärkung mit Pasta und Wein das Buch aus dem Regal und begann die ersten Seiten zu lesen. Erschöpft von der Reise zwar, aber es zog mich diese Prosa sofort in einen Bann. Diese ersten Sätze, welche über die Güte einer Dichtung entscheiden:
„WILLIAM STONER BEGANN 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ihm zu Ehren ein mittelalterliches Manuskript, das man dort vermutlich noch heute in der Abteilung für seltene Bücher findet. Es enthält die Widmung: ›Der Bibliothek der Universität Missouri überreicht zur Erinnerung an William Stoner, Fachbereich Englisch. Von seinen Kollegen.‹
Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.“
Was für ein Anfang! Am Sonntag und Montag las ich nach diesem Auftakt wie in einem Rausch weiter. Eine Romanfigur, die den Leser in ihrer behäbigen wie passiven und doch zugleich so weisen Art am Ende doch das richtige zu tun, nicht mehr losläßt.
Dieser Stoner ist eine der seltsamsten und zugleich sympathischsten Menschen seiner Zeit. Einer dieser heldischen Antihelden, die man niemals mehr vergißt, nachdem der Leser mit ihm zusammen durch dessen bewegtes, armes und doch reichhaltiges Leben geschritten ist, das sich, bis auf eine Hochzeitsreise nach St. Louis und eine Liebesreise in winterliche Einsamkeit vor der Stadt mit einer wunderbaren Geliebten, lediglich an der Universität von Missouri in der Stadt Columbia abspielte.
Ein Campus-Roman, so könnte man denken, aber das ist falsch. Es ist ein Roman von existentieller Wucht, der jeden Leser, der nicht tumb ist, rührt. Denn es geht darin um die Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu ergreifen (oder eben auch nicht zu ergreifen) und es trotz widrigster Umstände zu gestalten. Selbst noch durch Fatalismus und Passivität und Duldsamkeit hindurch: sehenden Auges in ein Unglück zu schlittern: das einer Ehe, darin keine Liebe herrscht. Da wird uns einer dieser seltsamen Lebenswege erzählt. Eine Art von Bartleby, ein Josef K., einer, dem Geschehnisse widerfahren, die er hinnimmt, immer wieder und der sein Dasein in einer stoischen Gelassenheit dennoch trägt. Die existentiale Wucht eines Lebens, das auch den Leser erfaßt. Dabei aber bleibt dieser Stoner, nomen est omen, doch beharrlich und in einigen wenigen Fällen sogar auch stur, wenn er sich gegen alle Widerstände der Fakultät und zu seinem eigenen Nachteil vehement weigert, beim Rigorosum einen unfähigen Doktoranden bestehen zu lassen, weil eine solche Person niemals als Hochschullehrer auf Studenten losgelassen werden dürfe. Nicht aus Prinzip, sondern um des Ethos willen opponiert Stoner, mithin eine grundsätzlich sittliche Haltung, was den akademischen Betrieb betrifft und die man sich auch für die Gegenwart vielfach wünschen würde.
Der Rezensent möchte seitenlang aus diesem Roman zitieren, um den Drive und den Sog dieser Dichtung erfahrbar zu machen, doch es ist nun einmal die Aufgabe einer Rezension, daß solches in der Sprache des Rezensenten geleistet werden muß. Ich will dies im zweiten Teil dieses Berichts tun, wenngleich ich es nicht versprechen mag. Um aber der werten Leserin und dem geneigten Leser die Zeit bis dahin ein wenig zu versüßen, gebe ich einige Bilder aus dem schönen Südtirol. (Bei Riesling o’clock in the evening extrapoliert. Time of your life. Golden Years.)
Nachtrag zu den Photographien: Das erste Photo ist in Berlin-Südkreuz aufgenommen, die nächsten acht auf der Fahrt von Berlin nach Bamberg, von Bamberg nach München und dann von München nach Bozen. Die Kirchenbilder sind aus Bozen, nämlich derdortige Dom die Dominikanerkirche sowie die Johannes- und die Katharinenkapelle, die Bilder mit dem Blick in die Berge sind oberhalb von Leifers vom Buchnerhof her aufgenommen.
„Der Sozi ist nicht grundsätzlich dumm, er hat nur sehr viel Pech beim Nachdenken.“ (Alfred Tetzlaff)
Ein alter Witz fürwahr, aber er enthält eben doch einige Wahrheit. (Gerade auch im Blick auf die aktuelle Lage, wo etwa in Berlin diese einst ehrbare Partei sich immer mehr ins Islamische bewegt.) Die SPD in Baden Württemberg rückt mit hohen 5,5 Prozent immerhin doch noch in den Landtag ein. Ist da für Häme Anlaß? Ja. Was fällt, das soll man stoßen, so sagte es Nietzsches Zarathustra. Das kann auch als ethischer Imperativ gedeutet werden: frei nach Rilke Satz aus dem Archaischen Torso: Da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt deine Parteiarbeit ändern! Mein Mitleid hält sich bei dieser SPD in Grenzen.
Man kann es aber auch freundlicher sagen: Wer derart und seit Jahren gegen seine eigenen Wähler Politik macht bzw. sich nicht strategisch klug umstellt, wird abgewählt und verliert Stimmen. Nicht nur „ein wenig“, sondern massiv.
Wie es anders geht und wie man den Rechtsaußenparteien Stimmen abtrotzen kann, gerade in Fragen der Migrationspolitik, die für viele Wähler zentral ist, das zeigten uns die dänischen Sozialdemokraten mit Mette Frederiksen. Da würde ich dann auch wieder Sozialdemokraten wählen. Und nein, Dänemark ist keineswegs zu einer faschistischen Diktatur mutiert, weil nun Massenmigration aus dem islamischen Großraum deutlich weniger attraktiv wurde.
Aber bei der SPD war leider immer schon eine gewisse intrinsische Dummheit oder wenn man es weniger scharf schreiben will eine intrinsische Borniertheit am Werk. Ich erinnere an einen Witz von Wolfang Neuss aus dem Jahr 1964: In Düsseldorf wollte die Stadt eine Straße in Heinestraße umbenennen. Die dortige SPD fragte, ob es nicht schädlich sei, eine so junge Sportlerin derart früh schon zu ehren [gemeint ist die damals sehr populäre Läuferin Jutta Heine].
Oder aber wir finden dort das klebrig-widerliche Milieu des wetterwendischen Wendehalstum. Bildlicher Ausdruck solcher sozialdemokratischen Erbärmlichkeit ist Frank „Mit Verlaub Herr Bundespräsident Sie sind ein A….“ Walter Steinmeier. Vermutlich fällt der SPD als Lösung für ihre Krise nun ein, daß man Sakia Esken und Norbert Walter-Borjans wieder zurückholen müsse, was immerhin den Vorteil mit sich brächte, daß mit letzteren niemand auch nur irgend etwas verbindet.
(Daß ich mir heute Pragmatiker sie Sigmar Gabriel schon fast zurückwünscht, ist auch kein gutes Zeichen eigentlich.)
Die Wahl in Baden-Württemberg zeigt uns vor allem, daß die AfD auch im Westen gut angekommen ist. Sie ist eben keine reine Ostpartei. Wie schon bei der Bundestagswahl. Und nun in Baden-Württemberg mit 18,8 Prozent. Die Partei mit dem meisten Zulauf.
Die gute alte SPD der 1960er und 1970er Jahre mit unserem Willy, die gibt es im Grund seit 45 Jahren nicht mehr. Und die tapferen Sozialdemokraten des Jahres 1932/1933: das ist nun bald hundert Jahre her und mit dem Ruhm der ein Jahrhundert zurückliegenden Vergangenheit läßt sich für die Gegenwart kaum Politik gestalten.
Der erste Schlag, nach dem es in der SPD sicht- und vor allem laut hörbar kriselte, war der parteiinterne Protest gegen den Natodoppelbeschluß seit 1979. Und ein weiteres tat Gerhard Schröder und das Jahr 2015 mit Grenzöffnung und Massenmigration von Muslimen nach Deutschland. Und da kommt dann Hildegard Knef auch ins Spiel: Von nun an gings bergab.
Das Problem bei der SPD besteht vor allem darin, daß so derart viele Fehler zusammenkommen und daß so derart verschiedene Wählermilieus bedient werden wollen. Das Vakuum füllen andere Parteien aus. Die AfD ist inzwischen zur Partei der „kleinen Leute“ geworden. (Nicht nur, aber eben auch: das Milieu, was früher im Westen die SPD und im Osten die PDS bediente.)
Für eine einst ehrbare Partei ist das alles unendlich traurig. Aber so geht nun einmal Politik. Der Gaul Geschichte trabt darüber hinweg.
(Entnommen der BILD, heute morgen acht Uhr)
Ein schönes Lied zum Schluß noch vom alten Degenhardt, dem DDR-Kommunisten mit den trotzdem guten Texten, nur sind diese linken Zeiten dann auch wieder vorbei. Ein feines Musikstück aus dem linken Museum der 1970er Jahre der alten BRD.
Beim größten aller antideutschen Kritischen Theoretiker, dem Wodka-Comandante Bersarin, fängt der Internationale Frauentag im Grandhotel Abseits natürlich schon kurz nach Mitternacht mit dem „Dunkeläugigen Kosakenmädchen“ an. Aber kommen Sie bitte pünktlich und bleiben Sie nicht zu lange! (Frei nach Gottfried Benn)
Drei linke bzw. linksextreme Buchhandlungen in Berlin, Bremen und Göttingen wurden vom „Beauftragen der Bundesregierung für Kultur und Medien“ wegen verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse vom Deutschen Buchhandlungspreis ausgeschlossen.
Nun ist die Empörung groß. Aber was soll ich sagen: Die Geister, die man rief …! Mancher Linke wollte den Verfassungsschutz und hofierte ihn in den Kontexten, wo es politisch gut in den Kram paßte, um diese Instanz als Absicherung fürs Argument zu benutzen. Trari, trara, nun ist er da. Diesmal anders als gedacht.
Wäre der Protest in den Medien und in der Stellungnahme verschiedener Verlage auch derart ausgefallen, wenn etwa das Buchhaus Loschwitz aus Dresden von Susanne Dagen ausgeschlossen worden wäre? Meine Hand würde ich nicht darauf verwetten, hier mit „Ja“ zu antworten. (Soviel dann auch zu jenen, die lautstarkt immer wieder deklamieren, daß die ÖRR-Medien und der Kulturbetrieb doch gar nicht rot-grün bzw. links seien und daß das bloß eine Übertreibung der Rechten wäre. Wer bei dem einen Ausschluß klatscht und sich klammheimlich oder auch öffentlich freut, muß dann halt damit rechnen, daß das Spiel auch umgekehrt gespielt werden kann. Drum überlege einer immer gut und mit Bedacht, was er so wünscht und will.)
In meinen Augen sind Ausschlüsse nur selten gut. Aber sehr wohl sollte man die Frage nach der Verteilung von Fördergeldern samt den damit verbundenen Geldpreisen mal anders stellen. Mein Vorschlag: Jeder, der eine inhabergeführte Buchhandlung hat, darin auf eine halbwegs ansprechende Weise Bücher präsentiert und verkauft werden, kann sich bewerben. Und es entscheidet dann am Ende das Losverfahren. Ähnliches gilt auch für andere Sparten wie etwa Literaturpreise. Erst wird gelost und dann wird ein Laudator gesucht (oder noch besser: ausgelost), der ein paar weihevolle und kluge Sätze sagen mag. Das spart auch die mühselige Lesearbeit für Jurys. Das dadurch gesparte Geld kann man wiederum in die Förderung von Literatur und vor allem der inhabergeführten Buchhandlungen stecken. Solches Verfahren hätte auch den Vorteil, daß dort endlich einmal Autoren auftauchen, die vom Literaturbetrieb weitgehend übergangen bzw. ganz bewußt ausgeschlossen werden. So wie etwa ein Schriftsteller und Dichter wie Alban Nikolai Herbst, dessen Bücher das Feuilleton schlichtweg ignoriert. Sein großartiges und ästhetisch hochgelungenes Buch „Traumschiff“ ist 2015 zum Deutschen Buchpreis nicht einmal in die 20er-Auswahl gelangt. Und das halte ich keineswegs nur für einen unglücklichen Zufall. Und so wie Herbst geht es sicherlich auch vielen anderen Dichtern, die niemals in den Genuß der Futtertöpfe kommen.
„In diesem Gebäude in der heiligen Stadt Qom kam heute der Expertenrat zusammen, eine Versammlung von achtundachtzig hochhonorigen Mullahs, um einen neuen Obersten Führer zu wählen. Ergebnis: Die Wahl wurde ausgesetzt und der Expertenrat aufgelöst, nachdem Israel von seinem Vetorecht Gebrauch gemacht hat.“ (Bester Facebook-Kommentar heute)
Ansonsten: Dieser Militärschlag gegen den Iran hätte schon vor Jahren und Jahrzehnten stattfinden müssen. John Bolton, Sicherheitsberater unter Georg W. Bush und in der ersten Amtszeit von Trump, warnte schon von Anbeginn an, daß der Iran für den Westen ein Sicherheitsrisiko ist und daß der Iran natürlich und trotz gegenteiliger Beteuerungen und unter der Verschleierung der UN am Bau von Atomwaffen arbeitete. Dieses Problem wird nun für absehbare Zeit gelöst sein. Dank der geballten Militärmacht der USA und von Israel. Europa steht wieder einmal bedeppert daneben und nimmt übel.
Und für die Freunde des Völkerrechts: Ich habe bisher keinen einzigen Völkerrechtler vernommen, der mir wirklich überzeugend mit Argumenten begründen konnte, wie man rechtmäßig mit einem Regime verfahren soll, das über Jahrzehnte seine eigene Bevölkerung abschlachtet und militärisch qua Atomwaffen immer größere Dominanz und damit politischen Einfluß über die Region hinaus gewinnt. Bei einem Land zumal, das seit der islamischen Revolution von 1979 durch Klerikalfaschisten in Dauerschleife Israel mit seiner Auslöschung droht. Wo waren bei diesen iranischen Drohungen eigentlich all die nun auf den Plan tretenden Völkerrechtler und die sie flankierenden Journalisten? Ich will es gerne verraten: Sie hüllten sich in Schweigen oder in verklausulierende Phrasen! Von Kai Ambos habe ich in diesen Dingen öffentlich nicht viel vernommen und auch die staatssubventionierten Künstler und die staatsbediensteten Gelehrten, die ansonsten, wenn es gegen Israel und für Hamas-supportende Studenten geht, schnell beim Stift sind, haben beflissen geschwiegen, wenn die Auslöschung Israels einmal wieder vom Iran propagiert wurde. Da waren keine öffentlich geäußerten Bedenken, geschweige denn Solidarität mit einem seit Jahrzehnten bedrohten Staat.
Für ein Land wie den Iran, das anderen, friedlichen Ländern mit Auslöschung droht und das dabei ist, Atombomben zu entwickeln, kann das Völkerrecht keineswegs der Garant dafür sein, weiterzubestehen und weiterzudrohen, bis in der Hand des Irans dann einsatzfähige Atomwaffen sich befinden, um irgendwann Israel anzugreifen.
Treppenwitz der Geschichte: Ausgerechnet der Schlächter Putin und die den Schlächter hofierende Zarenknechtin entdecken mit einem Mal genau dieses Völkerrecht für sich, jammern und sondern ihre Krokodilstränen ab.
Und eine politische Elendsgestalt wie Frank „mit Verlaub, Herr Bundespräsident, Sie sind ein A…“ Steinmeier, gerne auch mit Putin Arm in Arm, schüttelte seinerzeit Ali Chameneis blutige Hand: mit Wonne und viel Freude im Gesicht; und zum 40. Jahrestag der islamischen Machtübernahme sendete der präsidiale Hundsfott dem Foltermeister 2019 eine Glückwunschadresse. Einer wie Frank Walter Steinmeier ist an Verkommenheit kaum zu überbieten und darin ist er, weil er eben, anders als Zarenknecht, ein Regierungsamt inne hat, an Heuchlei und Doppelzüngigkeit schwer zu überbieten: Diese Kombination aus mediokrer Existenz, devotem Verhalten und laut predigender Pseudomoral an Festtagen ist schwer erträglich. Und was den Majestätsbeleidigungspragraphen 188 StGB betrifft: wer einem Folterregime zur Revolution gratuliert, ist mit Hundsfott noch ganz gut bedient. („‚Hundsfott‘, ein veraltetes, derbes deutsches Schimpfwort für einen feigen, unzuverlässigen oder ehrlosen Menschen.“ Bei Steinmeier kommen alle drei Merkmale zusammen.)
Vergessen wollen wir allerdings auch nicht dieses andienende, devote Verhalten von Claudia Roth (Grüne) und der Bundestagsabgeordneten Dagmar Wöhrl (CSU) aus dem Jahr 2015 an ein Frauen unterdrückendes Regime. Statt offensiv die eigene Haltung zu zeigen, wird die Verschleierung hofiert. Die Feigheit der Europäer in nuce. Photographien, die im Gedächtnis bleiben und symptomatisch vor allem für die Grünen und ihre Anbiederei an den politischen Islam in Deutschland.
„The hardest years, the darkest yrs, the roarin‘ yrs, the fallen yrs These should not be forgotten yrs“ (Midnight Oil)
„Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit!“ (Bert Brecht, Im Dickicht der Städte)
Sic aetatis ver humanae juventutis primo mane reflorescit paululum. Mane tamen hoc excludit vitae vesper, dum concludit vitale crepusculum. Cujus decor dum perorat ejus decus mox deflorat aetas in qua defluit. (Alain de Lille, Omnis mundi creatura)
Punk wird 50 und feiert, feiert nicht, feiert Antiparty vielleicht. Verschwende deine Zeit, verschwende deine Jugend! Wir taten es – wobei ich mich als Randgänger sah, denn mein Interesse lag nicht bei Live-Konzerten und wüstem Pogo. Und wie das so ist, wenn einer in die Jahre kommt, die dann nicht mehr die wilden, sondern die sentimentalen sind, entstehen die Rückblicke. „Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung, dibidibidibdi …“, so sang es das fröhliche Duo Cindy und Bert 1973, während wir noch Kinder waren und abends bettfertig zur ZDF-Hitparade vorm Fernseher hockten. Kitsch, Camp oder auch Punk, wenn man die Kontexte und die Singsituation ändert. (siehe nur „Der wahre Heino“.) Ein in formvollendeter Banalität so dahingesungener Satz, in einer fröhlichen Melodie. Über eine intrikate Angelegenheit. Proust schrieb über die Erinnerung einen Roman von sieben Bänden.
Nein, keine Geschichte des Punk hier, ob das nun in New York mit Television, den Ramones, The Stooges, The New York Dolls oder gar früher in Detroit mit MC5 oder aber in London mit The Damned, den Sex Pistols, The Clash und vor allem mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren began: the Great Rock ’n‘ Roll Swindle. Was früher einmal war, wie es bei den Toten Hosen in ihrem „Wort zum Sonntag“ hieß. Öfters jetzt hier im Blog, dieses Früher, das Einstmals in vergangener Zeit …
„Wenn“; so schrieb, der Meister Hegel in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, „die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ So ist es! Und das ist auch sinnvoll.
Wer im Moment lebt und in dieser Zeit der Jugend, die eben genau dieses Leben ist, erinnert nicht, sondern lebt, liebt, feiert, trinkt, tanzt, diskutiert und schläft manchmal auch. Oder steht im Karo-Viertel in Hamburg herum – so wie diese jungen Leute oben in dem von KI erzeugten Photo. Wir waren jung und lebensunerfahren und wußten es nicht, wie einer dieser Standardsätze lautet. Genau darin liegt der Zauber der Jugend. Truman Capotes legendäres Zitat aus „Die Grasharfe“ auch von den wunderbaren Jahren. Aber um das Memento mori sogleich einzuwerfen, folgt die Übersetzung des obigen Gedichts von Alain de Lille/Alanus ab Insulis (geboren um 1120 in Lille, gestorben um 1202 in Cîteaux, Frankreich):
Auch des Menschen Lebensfrühling und der Jugend erster Morgen blüht für eine kurze Zeit Doch im Lebensabend endet dieser Morgen bald, und bald naht sich jedes Lebens Dämmerung, Noch ehʼ aller Glanz entfaltet ist die Schönheit schon vorüber und die Zeit fließt drüber hin.“
Die Zeit fließt über alles und am Ende auch über unser Leben so dahin. Man kann es aber auch mit einer Zeile aus „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horvath sagen (nach einem Gedicht und Lied von Anton von Klesheim und einer Melodie von Josef Kreipl, 1846).
Und blühn einmal die Rosen Ist der Winter vorbei Nur der Mensch hat alleinig Einen einzigen Mai Und die Vöglein, die ziehen Und fliegen wieder her Nur der Mensch bald er fortgeht Nachher kommt er nicht mehr.
Punk war, zumindest in Deutschland, eine Jugendbewegung, wo wohl zum ersten Mal in der Geschichte eine ganze Generation ohne größere Entbehrungen aufwuchs, nicht in Reichtum zwar, aber doch mit einem gewissen bescheidenem Wohlstand, sozialer Absicherung und – trotz mancher Krisen – des Versprechens von Aufstieg. Die Welt in Europa und in den USA war in Ost und West eingeteilt. Eine Generation trat in der BRD auf die Bühne, die den Krieg nicht mehr kannte und die nicht mehr in der Nachkriegszeit geboren wurde. Die Eltern dieser Kinder aus den unteren Schichten, jene Arbeiter, die es immer weniger gab, samt den einfachen Angestellten, wollten, anders als die 68er es annahmen, sich keineswegs befreien lassen, sie probten und inszenierten nicht den Aufstand der Plebejer, sondern den sozialen Aufstieg. Reihenhaus, Einbauküche, Möbel Kraft, Ford-Taunus oder VW-Käfer waren erwünschte und erarbeitete Annehmlichkeiten und eine goldene Kette, an die man möglicherweise zwar gefesselt war, auf die jene Arbeiter und Angestellten jedoch nicht gerne verzichteten. Aus der fesselnden Kette wurde Schmuck. Vom Eisen zum Gold und zum Golde drängt es bekanntlich den Menschen. Es entstand in der BRD das, was der Soziologe Helmut Schelsky die nivellierte Mittelstandsgesellschaft nannte. Dazu gesellte sich in den ausgehenden 1970er Jahren eine Rebellion gegen diese Normalität: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, so sangen es Fehlfarben im Jahre 1980. In der deutschen Rock-Musik fand dafür bereits neun Jahre zuvor die Band Ton Steine Scherben einen musikalischen und textlichen Ausdruck. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“
Hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Lage, die je nach Perspektive unterschiedlich ausfallen konnten, sowie der geschichtsphilosophischen Sonnenuhr samt ihrem Telos im Blick auf eine „Assoziation freier Individuen“, wie es die 68er im Blick auf Marx und Freud propagierten, konstatierte Heinz Bude in seinem Buch „Adorno für Ruinenkinder“ für die 1970er Jahre eine politische Ernüchterung. Es war der „Sinnhorizont von teleologischer Geschichtsphilosophie und befreiter Gesellschaft auf einmal ziemlich inhaltsleer geworden […], und das ist parallel gelaufen mit dem Auftreten des Punk, der ist bei uns voll zum Zuge gekommen, sodass wir um 1975 herum den Marxismus aufgegeben haben. Das war für uns einfach eine Dezision, eine Entscheidung, Hegel, Marx, Freud, dafür interessieren wir uns nicht mehr, uns interessiert die Gegenwart.“
Das mag verkürzt dargestellt sein, beschreibt aber einen Wechsel in der Tendenz. Bude und die Zeitgenossen jener Anfangsjahre des Punk, darin der Aufbruch und das Neue nicht mehr in teleologischen Geschichtskonzepten und Befreiungsideen im marxschen Vokabular bestand (jenen Kindern von „Marx und Coca-Cola, so Jean Luc Godard), feierten die reine Gegenwart, das Zelebrieren des Moments, aus dem womöglich sogar der Kairos entsteht. Nur eben kein geschichtsphilosophischer mehr, der vom Fortschrittsoptimismus getragen wird. Wobei das dann auch wieder nicht für die Polit-Punks und die damit assoziierten diversen Gruppen galt samt der in diesem Kontext sich herausbildenden Bewegung der Autonomen.
Dennoch läßt sich mit dem Punk vom Aufkommen eines neuen Polit-Hedonismus sprechen. Einer als krisenhaft und gar dem Untergang geweihten Welt ließ sich nur beikommen, indem Teile der Jugend nicht mehr auf die Zukunft setzten: Deutscher Herbst, Nato-Nachrüstung, Angst vor der Atomkraft, ein Fortschritt, der sein schmutziges Gesicht zeigte, indem er eine ramponierte und teils auch zerstörte Natur hinterließ, die Hoffnungen der Hippie-Bewegung und die Aufbruchstimmung der 1960er Jahren waren verbraucht. Es entstanden neue Alternativbewegungen. (Siehe etwa Markus Brauckmann, „Die Erste Generation. Wie der Kampf für die Umwelt begann“, DVA 2025)
Was kam, war die bleierne Zeit – obgleich auch das nur eine selektive Perspektive ist. Die meisten nahmen diese 1970er Jahre als geradezu goldene Jahre wahr: man hatte sich eingerichtet, im wahsten Sinne des Wortes, es gab sozialen Wohnungsbau, es gab in Deutschland in vielen Bundesländern eine Bildungsoffensive und zum ersten Mal konnten auch die Kinder der unteren Mittelschicht ein Gymnasium besuchen und dann in den 1980er Jahren die Universitäten – was freilich die kalten Massenuniversitäten zur Folge hatte und nicht unbedingt nur zur Steigerung der Bildung beitrug -, Fernreisen waren mit einem Mal möglich, in Hamburg entstanden etwa dank der SPD Kindertagesstätten, die human und freundlich waren, auch von den Erzieherinnen her, so etwa die im Sturmvogelweg in Billstedt. Es ging voran. (Von unserere Gegenwart her ist diese Katastrophenstimmung sowieso schwer nachvollziehbar: denn seit 2022 und mit Putins blutigem Überfall auf die Ukraine steht zum ersten Mal in der Geschichte der letzten 75 Jahre für Deutschland ein realer Krieg im Raume, da in Rußland ein brutaler und blutiger Diktator nach Ost- und Mitteleuropa ausgreift und auch das Bündnis mit den USA unter Trump und Vance fragil geworden ist.)
In den 1970ern jedoch wurde von der jungen Generation, die gerne auch in politischen Apokalypsen dachte, eine tiefe Krisenstimmung ausgemacht. (Und zugleich entstand das, was Philipp Felsch in seinem Buch den „langen Sommer der Theorie“ nannte.) Bei Bude heißt es weiter:
„Der Punk brachte den Riss auf den Punkt. ‚No Future!‘ war weder als geschichtsphilosophische Trauer noch als gesellschaftspolitische Anklage gemeint. Es ging um die Behauptung einer Gegenwart, in der sich die Frage des Daseins stellt. The Clash, The Ramones oder die Sex Pistols klangen gemessen an den Beatles oder den Rolling Stones wie wüste Barbaren, die einfache Akkorde wiederholten, die sich nie auflösten. Im SO36 in der Oranienstraße tanzte man dazu mit kurzem und heftigem Körperkontakt Pogo und trank, bis die Nacht am tiefsten und der Tag am nächsten war. Wenn im Morgengrauen in der Adalbertstraße der Blick auf die Mauer am Ende der Sackgasse fiel, erschien die Dialektik, nach der immer und überall der Widerspruch die Dinge nach vorne bringt, mit einem Mal als eine Neurose des Geistes.“
Auch hier überwiegt sicherlich die anekdotische Evidenz. Andere erzählen anderes, nach einer durchzechten Nacht im SO36 ging mancher die Staatsmacht angreifen oder in der Politgruppe debattieren – trotz oder gerade wegen Punk. Und man muß zudem die verschiedenen Biotope unterscheiden. Berlin lieferte einen anderen Film als etwa Hamburg, Düsseldorf oder Bremen. Punk ist immer auch ein Lokalphänomen: und was in der Provinz für einen Jugendlichen Erhebliches kostet und wo es aufs Maul auch gab, das mochte in Hamburg oder in Berlin anders ausfallen.
Zudem muß man im Blick auf Budes Ausführungen beim Punk zwei Alterskohorten unterscheiden: Jene, die 1975/1976 in ihren Jugendjahren dabei waren und sei es auch die verlängerte Jugend mancher 68er und die also diese Entstehungszeit aktiv miterlebten – eben jene Generation der Ruinenkinder, die Bude in seinem Buch beschreibt. (Schon aus diesem Grunde ist die von einigen getroffene Boomer-Einteilung von 1946-1964 viel zu grobschlächtig gezogen.) Und jene späten Boomer 1963, 1964, die eigentlich als Alterskohorte anders heißen müßte, bzw. die ersten der Generation X, die 1976 noch Kinder oder Heranwachsende waren und die erst um 1980 und später als Nachzügler auf den Plan traten: eine Phase nebenbei, wo in Deutschland eine Vielzahl an Bands entstanden, die erhebliche Bekanntheit erlangen sollten, seien es die Einstürzenden Neubauten, die Toten Hosen, Slime oder Die Ärzte. Jene wilden Jahre, darin sich Punk und New Wave durchdrangen: Neonbabies ist hinsichtlich dieser Ästhetik und Mode ein treffender Bandname gewesen und die 1980er Jahre hatten in diesem Kontext und in der Durchmischung verschiedener Musikstile nochmal ein ganz anderes Innovationspotential, gerade was deutschsprachige Musik betraf.
So war das damals. Und wenn eine Gestalt des Lebens also alt geworden ist, kommt zugleich die Zeit der Bücher. In einer Neuauflage erschien letztes Jahr im Ventil Verlag Alexander Hackes Biographie jener Jahre: „Krach. Verzerrte Erinnerungen“. Hacke gehört zu den Einstürzenden Neubauten und war in Berlin wesentlich in jenen Epoche dabei. Der Titel ist also im Sinne der Rückkopplungen gut gewählt. Ob der Text sein Versprechen einlöst, muß ich sehen.
Ähnliches Rückblicken auch auf die Hamburger Schule, wo 2024 ein Jubiläumsbuch zum Dreißigsten erschien: „Der Text ist meine Party. Eine Geschichte der Hamburger Schule“. Sogar eine, freilich heftig debattierte Dokumentation beim NDR gab es zu sehen. (Eine Kritik dazu findest sich hier auf AISTHESIS.)
Im Blick auf Musik- und Lifestyle-Magazine der 1980er Jahre kam, ebenfalls 2025, im Verlag Schöffling & Co von der Medienwissenschaftlerin und Literaturkritikerin Erika Thomalla ein Buch mit dem Titel „Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus“ heraus – interessant für alle, die jene Jahre erlebten und mit Tempo, Szene Hamburg, Tango, Prinz, Oxmox, Sounds und Spex aufwuchsen, welche die journalistischen Begleitakkorde dieser Phase lieferten. Die Anekdoten der Akteure zu hören, war schon in Jürgen Teipels Buch „Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New-Wave“ im Jahr 2001 ein nostalgisches Vergnügen und natürlich auch immer ein Stück weit Voyeurismus.
Und es wird nun, passend zum Punk-Jubiläum 1976 im Ventil Verlag im März das Buch „Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape“ erscheinen, herausgegeben von Jonas Engelmann. Dieses Buch werde ich mir sicherlich kaufen, zumal diese frühen 1980er Jahre meine Jugendzeit waren und mich erheblich prägten: musikalisch, aber auch intellektuell, um sich neue Bezirke und Denkräume zu erschließen. Als ich das erste Mal die Einstürzenden Neubauten hörte, war die Welt eine andere. Ähnliches bei den Ramones. Die auf der Ventil-Facebookseite verlinkten Descendents mit ihrem Song „Suburban Home“ und ihre kurzen, schnellen, rauen Stücke habe ich damals ebenfalls gerne gehört und es war eine meiner Lieblingsbands.
Aber auch solche lustigen Formen von Punk wie die Toy Dolls fanden mein Gefallen. Irritierend freilich, als der junge Mann 1984 beim Skifahren mit einer eher poppermäßig orientierten und gekleideten Frau sich unterhielt und sie erzählte, wie geil sie die Toy Dolls fände. Da stieg Verwunderung auf. Und wir sangen zusammen „Nellie the Elephant“, was ihre sie begleitende Freundin seltsam fand. Aber es gab ja eben auch Punkbands wie Palais Schaumburg, die wie Popper aussahen, zumindest anders als jene klassischen Rotzkotz-Punks, weshalb es auf Konzerten von Palais Schaumburg zuweilen von den Hardcore-Crass-Punks Randale gab. Aber dieses Schicksal ereilte auch die Neubauten, da die Rotzkotz-Punks eine kraß andere Musik erwarteten als das schrille Kreischen einer Elektrosäge auf Eisen und hämmernde Schläge auf Stahlblech, ausgeübt mit einem riesigen Vorschlaghammer. „Es ist Krieg in den Städten und das ist gut so“, tönte, röhrte und zischte es von den Blixa Bargeld. Aber solche Dystopien waren für diese Punks jenseits ihres Horizonts. Im Grunde waren dies Jugendliche, die ansonsten auf Dorffesten zu schmissigem Akkordeon- und Blasmusiksound auch getanzt hätten.
Was mir an einem bestimmten Punk dieser Jahre – gepaart mit meinen Lektüren – immer einleuchtete, waren die Schnittmengen hin zur Kunst wie auch zum Kitsch (Gus Backus‘ „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ war bei uns ein großer Erfolg) und damit also auch hin zu den politischen Häresien in alle möglichen Richtungen. Heidegger lesen. Und zugleich Adorno. Benn und Brecht. Hegel und Kierkegaard. Proust und Bataille. Sartre und Gide. Raymond Queneau und Georges Bernanos. Vor allem die Entdeckung der Romane und Erzählungen von Boris Vian war ein wahrer Segen, was die wilde Phantasie und diese Mischung aus Surrealismus und Hedonismus betraf. Leben wollen.
Im Sinne eines rebellierenden, mal konservativen, mal progressiven Bewußtseins waren auch die Autoren der Neuen Frankfurter Schule und die damals Anfang der 1980er Jahre noch geniale „Titanic“ Teil dieser Sammlung, da zur Revolte unabdingbar der Humor als Waffe mit dazugehörte. (Jean Paul entdeckte ich freilich erst viel später.) Es ging nicht nur gegen rechts, sondern auch gegen linkes Spießertum, linken Dogmatismus und lächerliche Sektierer. Das halte ich bis heute so. Diese Art von Konfrontation, um Eingeschliffenes zu verlassen, ist auch der Aspekt, der mich dann an einem Autor wie Karl Kraus faszinierte: sich keine Freunde machen, Streit anfangen, beharrlich seinen Weg gehen. Oder wie das Motto der „Fackel“ lautete: „kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“
Genau diese Haltung ist Punk – oder kann Punk sein, denn Punk ist sicherlich vieles. Für mich hatte es vor allem mit Kultur, mit Avantgarde und mit einem bestimmten Lebensstil zu tun, der sich nicht festlegt. Auch politisch nicht. Anderes zu machen. Das Moment des Schocks, wie das auch Walter Benjamin im Blick auf Baudelaire und das Paris des 19. Jahrhunderts formulierte. Der Punk des jungen Mannes war ein ästhetisch-philosophisches Phänomen vor allem, das sich auch in der Musik ausdrückte.
Aber wie bei jeder Avantgarde gibt es ein Ende, Effekte nutzen sich ab und Avantgarde wird museal: daß man sich im Alter die alten Geschichten erzählt – so wie das in dem witzig-wunderbaren Song „Hamburg 75“ von „Gottfried & Lonzo“ gesungen wurde und wie es „Element of Crime“ auf großartige Weise wieder ins Bewußtsein brachten.
Aufgrund solcher Rebellionen – „Rebellion der Träumer“ nannte eine Bloggerin einstmals vor über einem Jahrzehnt ihren literarisch-essayistischen Blog – entsteht Neues. Wichtig war am Ende eben doch, daß die Phantasie nicht an die Macht kam, sondern genau in ihrem Reich wirkte: versponnen, auch politisch zuweilen, vor allem aber fabulierend und nicht dogmatisch und belehrend, sondern jene Pfade abzuschreiten, die wir sonst nicht gehen wollen.
Die Phantasien gerade des politischen Punks waren leider oft abgedroschen. Auch wenn sie vielleicht nicht die Naivität vieler „68er“ mehr teilten. Was es bedeutet, wenn Phantasie an die Macht kam, konnte jeder, der sehen wollte, spätestens an Maos Experimenten in China sich betrachten. Praktisch umgesetzt schwante manchem, daß nichts Gutes herauskommt, wenn die Gegenstandsbereiche verwechselt werden. Die linken Plena, die ich einstmals besuchte, haben mich schnell von jeglichem politischen Idealismus geheilt. Der Mensch ist aus krummen Holz gemacht und vor allem aus viel viel leerem Gequatsche. Das scheint mir vom Heute her denn doch eine anthropologische Konstante und der junge Beobachter von damals ahnte es. Insofern doch lieber ästhetische Avantgarde, wildes Denken, ästhetische Bricollage und eine literarische Logik des Assoziierens und Erzählens, traumgängerisch.
Solche Literatur der Avantgarde, solch literarisch Avanciertes, wie etwa bei Jean Paul oder André Breton, läßt sich zudem nicht wirklich eingemeinden. (Louis Aragons „Le paysan de Paris“ ist bis heute eines der unterschätzten Romane.) Bei Musik, Kleidung, Habitus ist es immer möglich, daß die Werbung die Szene aufspürt und in ihr Reich zieht, denn solche Subkultur ist zugänglich und konsumierbar. Und es textete der Kaufhof in den 1980er Jahren: „Prunk mit Punk bei Kaufhof“. Das Rotzkotzpunk-Outfit gab es nun auch im Kaufhaus oder zum Fasching. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“.
Aber wie es freilich im Lauf der Geschichte, der Geschichten mit dem Neuen und mit der Avantgarde so passiert und wie Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg feststellte: „Das Wachsende, gut oder nicht gut, tritt an die Stelle des Fallenden, um über kurz oder lang selber ein Fallendes zu sein. Das ist ewiges Gesetz.“ Im Blick aufs Neue ließe sich Schillers Wallenstein bemühen, so in Attinghausens Rede: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit/ Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Freilich fehlt bei Schiller einerseits das aktivistische Element, daß das Alte zugleich auch gestürzt wird von jenen Subjekten, die es zum Neuen drängt. Und es fehlt vor allem die weise Fontane-Einsicht, daß auch dieses Neue bald ein Altes ist. (Die Ruine freilich war, besonders in Berlin, immer auch der Ort von Punk.)
Man könnte in solchen Überlegungen ebenfalls und was das Avancierte und Neue betrifft, das ankunftshaft geschichtsteleologisch erhofft wird, Walter Benjamins destruktiven Charakter in Anschlag bringen, den er im gleichnamigen Text proklamiert,: „Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.“ Beim Punk kamen freilich oftmals Haß und Wut und Aggressivität mit hinzu, wie auch Polemik, Härte und Ironie: Zurück zum Beton gleichsam, wie ein schöner Song der Band S.Y.P.H. ging.
Dabei sehe ich freilich, gerade im Blick aufs Schreiben, den Haß durchaus als produktive Energie. Wie P.I.L. es Mitte der 1980er sangen: „Anger is an energy.“ Wut und Haß sind eine Quelle, die kreativ machen kann: das Hingerotzte im Punk, die Frechheiten und Provokationen. In der Literatur sowieso bekannt, man denke nur 1966 an Peter Handkes provanten Auftritt der Gruppe 47 in Princeton in den USA, wo er in einer scharfen Rede der deutschsprachigen Literatur und den dort versammelten Großkopfeten Beschreibungsimpotenz vorwarf. (Handkes Einwand kann man hier auf Youtube nachsehen, ab Minute 0.59) Punk ist zugleich eine Haltung, lange bevor es Punk gab.
Mein Faible für Kleist ebenfalls: das brutal Eruptive. Sei es im Blick auf die Liebe in Kleists „Penthesilea“, darin der von Penthesilea geliebte Achilles auf bestialische Weise zu Tode kommt: erst mit Pfeil und Bogen erlegt und sodann reißt Penthesilea den Achilles in einem Blutrausch in Stücke, zerfleischt und zerfetzt ihn zusammen mit ihren Hunden. Eine ähnliche eruptiv ausbrechende Gewalt findet sich in „Das Erdbeben in Chilli“, hier in einem philosophisch-politischen Kontext. Viva la muerte!
Für die Literatur untersuchte solchen seit Jahrhunderten existierenden Punk der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer in seiner Studie „Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“, dort ebenjenen Kleist als Referenz nennend. (Meine Rezension dazu siehe hier: „Poesie des Hasses“) Aber auch der Publizist und Cioran-Experte Jürgen Große nennt in seinem Buch „Die kalte Wut“ manchen Grund, weshalb Wut und Ressentiment sich lohnen können. (Meine Rezension findet sich auf ebenfalls bei AISTHESIS.) Auch Wut ist ein Gericht, das kalt gegessen werden will, wenn sie ästhetisch produktiv sein soll. Punk hatte oft etwas von jener wilden Wut, was selbst noch durch die berauschende Melodie in jenem wunderbaren Tote-Hosen-Song über die „Jungs von der Opelgang“ zum Ausdruck kam. Gepaart mit Lust. Punk war immer auch Hedonismus.
In all den Rückblicken, Erinnerungen und Erzählungen wird Punk meist als links interpretiert. Das stimmt einerseits zwar und die meisten in dieser Jugendbewegung und noch ins Alter hin fühlen sich politisch solcher Linken zugehörig: ein Linkssein nebenbei, was heute aufgrund des Marschs durch die Institutionen und durch die Besetzung zentraler Stellen in den Medien und im Kulturbetrieb, vermittels der kulturellen Hegemonie gewissermaßen, den neuen Mainstream bedeutet. Dennoch ist diese Annahme des Linksseins zugleich ein Irrtum, wenn man einen eher philosophisch-ästhetischen und weniger einen aktivistischen Blick auf Punk wirft und ihn sich auch als strukturelles Phänomen betrachtet.
Punk hat etwas damit zu tun, Konventionen infragezustellen. Das war damals ein linkes Projekt, weil die Regeln und Normen der 1970er und 1980er Jahre konservative waren – bis tief in die SPD hinein. Punk war widerständisch. Doch auch und gerade innerhalb dieser Subkulturen war das regressive Element immer zu beobachten, insbesondere beim politischen Punk. Insofern war gelungener Punk Kritik am Punk. Und auch aus diesem Grunde geht mir die in diesem Kontext sich zutragende Kultursubvention gehörig auf den Senkel. Unappetitlich fand ich im Deutschen Schauspielhaus Ende der 1990er Jahre bereits das Heranwanzen der Goldenen Zitronen an den Kulturbetrieb und an die Futtertröge.
Was Avantgarde, Kunst und Kulturförderung betrifft, so halte ich es nach wie vor mit Hans Magnus Enzensbergers Sätzen in seinem Essay „Aporien der Avantgarde“ aus dem Jahr 1962. Avantgarde, die sich von einem Staat subventionieren läßt, ist keine:
„Das Gesetz der zunehmenden Reflexion ist unerbittlich. Wer sich ihm zu entziehen versucht, endet im Ausverkauf der Bewußtseins-Industrie. Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug. Die Bewegung als doktrinär verstandenes Kollektiv, vor fünfzig oder dreißig Jahren erfunden, um den Widerstand einer kompakten Gesellschaft gegen die moderne Kunst zu sprengen, hat die historischen Bedingungen, die sie hervorgerufen haben, nicht überlebt. Konspiration im Namen der Künste ist nur möglich, wo sie unterdrückt werden. Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“
Dadaisten, die an Kulturförderprogrammen teilnehmen und Revolte rufen, sind lächerlich.
Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren. Einer der wenigen Punks, die genau das verstanden haben und solches zelebrieren, ist John Lydon (ehemals Jonny Rotton von den Sex Pistols und Initiator von P.I.L.) und es ist Morressey vom Wave her. Nur eben: für solche Rebellion gibt es im Grunde keinen Ort. Die politische Rechte und die „Abende von Schnellroda“ und ähnliches sind keine wirkliche Option. Vielleicht teils noch der Alt-68er Frank Böckelmann mit „Tumult. Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung“. (Aber das ist ein anderes Thema, das separat abgehandelt werden muß.)
Womöglich bleibt als eine der wenigen Optionen Ernst Jüngers Waldgänger übrig – als Position eines radikalen und anarchisch-konservativen Individualismus. „Jetzt und Hier“, so ist der Text zum Anfang hin überschrieben, und dieses Hic et nunc gilt überzeitlich:
„Der Waldgang – es ist keine Idylle, die sich hinter dem Titel verbirgt. Der Leser muß sich vielmehr auf einen bedenklichen Ausflug gefaßt machen, der nicht nur über vorgebahnte Pfade, sondern auch über die Grenzen der Betrachtung hinausführen wird.
Es handelt sich um eine Kernfrage unserer Zeit, das heißt, um eine Frage, die auf alle Fälle Gefährdung mit sich bringt.“
„Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.
Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist.“ (Ernst Jünger, Der Waldgang)
Von Juergen Teller ist Anfang des letzten Jahres der Bildband „Auschwitz Birkenau“ im Steidl Verlag erschienen. Der Einband in neutralem Grau gehalten, mit schwarzer Schrift darauf, im Innenteil pro Seite zwei Photographien, Bild auf Bild, vier Bilder auf den Doppelseiten meist, seriell komponiert und also bei über 400 Seiten eine Flut an Photographien, wenige Textseite nur. Teller, der bisher vor allem für szenige und schräge Mode- wie Menschenphotographen bekannt ist und der auch das ZEIT-Magazin lange photogrpahisch begleitete, wurde von Christoph Heubner, dem Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, dazu eingeladen, Auschwitz-Birkenau, mithin das Vernichtungslager, zu dokumentieren.
Minuziös wird dieser Ort, der zugleich ein Nicht-Ort und ein Un-Ort ist und bei dem es zu fragen bleibt, auf welche Weise er abbildbar ist, in allen möglichen Facetten photographiert. Baracken, Bäume, Gelände, zerstörte Gebäude, die Todesmauer, die Räume der dort arbeitenden Menschen, die Räume der dort vernichteten Menschen, Gleise, Duschen, Häftlingszeichnungen, Schülergruppen, die übers Gelände geführt werden, Souvenierstände mit einer unermeßlichen Auswahl an Postkarten – ich frage mich, aus was für Gründen jemand eine Postkarte mit Auschwitz-Motiven verschickt -, Stacheldrahtzäune, zerstörte Krematorien, Wachtürme, Schautafeln für Besucher, Kiefern und vor allem immer wieder die Birken, Gleise, die ins Leere führen, Schreckensorte, die nun von der Natur überwachsen sind, niedergelegte Rosen, Steine, Details vom Mauerwerk, die obligatorische „Arbeit macht frei“-Schrift am Tor zum Stammlager I, Namenslisten, Gänge, die Ausstellungsräume mit den Dokumentationsphotographien und -Videos, Wände aus rotem Backstein, mit Mörtel verfugt, Holzplanken, kalte Räume aus Stein: eine Fülle, eine Flut an Bildern und Eindrücken und Emotionen wohl auch.
Man kann diesen Buch mit Fug und Recht als eine umfassende photographische Dokumentation zu diesem Vernichtungs- wie auch Konzentrationslager bezeichnen. Photographien von Auschwitz, Photographien eines Erinnerungsortes, einer Gedenkstätte, eines Todeslagers, in dem Million Juden umgebracht wurden, dazu Zigeuner bzw. Sinti und Roma, Polen, sowjetische Kriegsgefangene, Geistliche, Zeugen Jehovas, politische Gefangene, Schwule. Darf man diesen Ort zeigen – so wie er in der Gegenwart sich den Besuchern präsentiert? Ist es Lustkitzel oder notwendige Erinnerung? Die alte Frage.
„Achthundert Fotos! Warum schafften es am Ende so unendlich viele von Juergens hübschen Auschwitz-Bildern in sein neues Auschwitz-Buch, das jetzt vor mir auf meinem Schreibtisch liegt? Unsicherheit, Größenwahn, Holocaust-Pornografie? Ich habe es inzwischen mindestens zehnmal, zwanzigmal durchgeschaut und dabei immer wieder gedacht: Was soll das? Wem hilft dieses fette, geschmackvoll gestaltete Coffee-Table-Book über das Signature-KZ der Nazis, zu verstehen, was damals die Opfer und die Täter gefühlt hatten? Warum soll ich mir auf vielen Seiten die wunderschönen, feuerrot leuchtenden Hagebutten-Büsche von Birkenau ansehen? Welche Bedeutung haben die Fotos der nebeneinander aufgereihten Häftlingstoiletten, außer dass man bei ihrem Anblick an Duchamps Pissoir denken muss? Was ist so interessant an einem modernen Passagierbus, auf dessen Anzeige „Auschwitz-Birkenau“ steht? Und warum muss ich bei Juergens Bildern der Gaskammerwände, gezeichnet von den Handabdrücken der Ermordeten, an die zarten Mauerfotos von Atget denken und nicht daran, wie die Juden dort langsam erstickten?
Und dann ist da noch das abfotografierte Opferverzeichnis, die Seiten, auf denen man die Namen der Getöteten liest, die „Teller“ hießen! Mendel Teller, Miriam Teller, Leah Teller. Was will uns der nichtjüdische Fotograf Juergen Teller damit sagen? Dass es damals auch ihn erwischt hätte? Dass der Holocaust den Deutschen allein gehört?“
Das ist eine harte und in Teilen berechtigte Polemik – gerade auch was die doch kokette Teller-Anspielung betrifft. Andererseits sehe ich dieses Buch doch ein wenig differenzierter und würde es nicht in dieser Drastik kritisieren.
Zunächst einmal aber steckt hinter Billers Einwand ein richtiger Gedanke: Wie kann man mit Auschwitz, mit der industriellen Ermordung der Juden angemessen umgehen? Gerade hinsichtlich der Vergegenwärtigung eines unermeßlichen Grauens, industriell gefertigte Tote und Aschenreste, in Photographien, dargeboten zudem in einer fast schon inflationären Form mit 800 Bildern, als sähen und blickten tausend Augen aus diesen Ort Auschwitz heraus, um immer neue Details ans Licht und in die Belichtung zu bringen, und wir sehen es mit tausend Augen. Aber auch um es irgendwie handhabbar zu machen – zumindest bildlich. Das, was von seiner ganzen Konstruktion her, als Endlösung der Judenfrage in Europa, nicht handhabbar zu machen ist
Mir ist dieser serielle Aspekt beim Photographieren und dann auch beim Präsentieren nicht fremd, da ich ähnlich arbeite. Der Polenmarkt oder eine Demonstration „erschließt“ sich nur durch eine Vielzahl an Photographien – die freilich und trivialerweise immer auch die eigene Interpretation des Geschehens bedeuten. Aber gehört ein Ort wie Auschwitz ebenfalls in diese Kategorie? Ein Alltagsort ist es sicherlich nicht.
Es berührt diese Frage des Bildes im Blick auf die Shoah eine alte Debatte. So etwa Jean-Luc Godards Kritik an Claude Landsmans eindringlicher Dokumentation „Shoah“, darin lediglich die Menschen sprechen, aber wo ansonsten keinerlei Bilder von Auschwitz zu sehen sind. Während Godard an die Kraft und die Möglichkeit von Bildern glaubte – auch denen der Toten und der Lager -, sieht Landsmann darin ein erhebliches Problem: ein nicht zu bändigendes Ereignis wird handhabbar und in Bildern konsumierbar gemacht. Kommt den Bildern von Auschwitz eine katharktische oder didaktische Funktion zu?
Die Frage nach der Abbildbarkeit („Bilder trotz alledem“), die Anfang der 2000er Jahre anläßlich einer Photo-Ausstellung in Paris der Kunsthistoriker und Bildtheoretiker Georges Didi-Huberman in seinem gleichnamigen Buch stellt, bleibt bis heute virulent. Gerade auch im Blick auf Claude Lanzmans Einwände gegen Didi-Hubermans Dialektik der Abbildbarkeit, die sich dem strikten Bilderverbot verweigert und die zugleich dennoch die Schwierigkeiten und Probleme solcher Darstellung in Anschlag bringt. Wobei es sich im Kontext dieser Photographien um eine völlig andere Art von Photographie handelt als bei Teller. Didi-Huberman schrieb sein Buch über Photographien, die im wahrsten Sinne des Wortes Dokumente eines bisher in Bildern undokumentierten Ereignisses sind: Photographien, die aus Auschwitz stammen und Häftlinge der Sonderkommandos zeigen, wie sie Leichen verbrennen. Es handelt sich um 1944 heimlich aufgenommene und aus dem Lager geschmuggelte Filme. In diesem Kontext ging es um ein historisches Dokument, wo zum ersten Mal überhaupt tatsächlich eine Photographie dieses Mordens gemacht und auch der Öffentlichkeit gezeigt wurde. Dennoch sind die Fragen und die Debatten ähnlich.
Wir denken in solchem Bezug auch an Susan Sontags Überlegungen zur Wirkung von Photographien, vor allem in ihrem Buch „Das Leiden anderer betrachten“, darin sie, anders als in ihrer scharfen Kritik an jenen Schock- und Kriegsphotographien in „Über Fotografie“, die politische und auch moralische Relevanz solcher Photographien in Anschlag brachte.
Und es bleibt die Frage: Was unterscheidet eine Bildserie über die Schlachtfelder von Verdun und wie es dort und in der Umgebung heute in unserer Gegenwart aussieht, von solchen Auschwitzbildern? Warum befällt uns bei diesen Photographien solches Unbehagen und teils auch solche scharfe Ablehnung wie sie Biller schildert?
Vielleicht aber ist der Einwand doch ein anderer, und er hängt mit dem zusammen, was wir die reale Gegenwart nennen. Photographien sind immer nur Abbild von etwas – und zudem meist geronnene Zeit. Sie vermitteln Eindrücke. Und sie bestimmen durch die Sichtweise des Photographen und dessen Interpretationsrahmen den Blick auf eine Sache. Meine Ostsee bei Zoppot ist eine andere Ostsee als die von X oder Y oder die meiner Großmutter, die kaum Gelegenheiten hatte, in den 1930er und 1940er Jahren Photographien zu machen. (Und wenn sie diese Gelegenheiten hatte, so sind diese Bilder bei der Flucht vor den Sowjets verschollen.)
Solche Perspektivität der Deutung ist bei einer Landschaft oder einem Flohmarkt kein großes Problem, über das man debattieren müßte: der eine Photograph will die verkauften Objekte festhalten, der andere den Menschentrubel, und wenn er kein völliger Stümper ist, kommen dabei in der Regel brauchbare Photographien heraus. Bilder über einen Flohmarkt, eine Landschaft oder eine serielle Dokumentation über eine Stadt sind etwas anderes als die Dokumentation eines Todeslagers. Insofern ist es bei solchen Szenarien sinnvoll, die Objektbereiche zu unterscheiden: Während man bei einem Bildband wie dem über die Autobahn 100 in Berlin (siehe hier) über die ästhetische Gelungenheit der Bilder debattieren kann, ist das bei Auschwitz-Birkenau ein wenig anders. Man kann sicherlich das bewußt Kunstlose von Tellers Bildern kritisieren, aber das eigentliche Kriterium ist dennoch nicht die besonders kunstvolle oder eben kunstlose oder serielle Abbildung. Und auch die Menschenleere in beiden Photobüchern hat ein völlig anderes Gewicht.
Stellt sich diese Frage nach dem Ästhetischen bzw. dem Aussetzen desselben bei Kriegsphotographien auch derart? Das berühmte Capa-Bild von der Landung in der Normandie im Juni 1944 wirkt derart herausragend gerade wegen genau dieser Art der Darstellung, die freilich nicht nur der Komposition des Photographen geschuldet war, sondern vor allem dem Zufall: daß nämlich ein Laborgehilfe den sofort nach London gelieferten Film falsch entwickelte, so daß das Korn runzelte und eben genau die Unschärfe und Grobkörnigkeit entstand, die erst den genialen, dynamischen Effekt dieser Photographie erzeugte.
Nun mag es zwar, wie Susan Sontag in „Über Fotografie“ und Roland Barthes in dem Text „Schockphotos“ aus den „Mythen des Alltags“ bemerkten, moralisch und auch ästhetisch fragwürdig sein, solche Kriegsbilder im Rahmen von Kunst und in einer Galerie oder einem schicken Kunstbildband zu zeigen und das gilt erst recht für die Bilder gemarterter Körper in einem Lager oder aber für solche Räume, darin Menschen, zumeist Juden, entsetzlichste Gewalt angetan wurde und wo sie der systematischen und industriellen Vernichtung anheimfielen. Aber läßt sich daraus auch ein Bilderverbot oder gar eine rigide Bildermoral ableiten? Die Sache ist schwierig zu entscheiden. Und so geht es mir auch bei jenem Buch von Juergen Teller. Die sich hieran anschließende Frage ist sicherlich auch die, auf welche Weise jemand mit diesem Buch umgeht: als Coffetable-Book zum lockeren Blättern. Oder als eine visuelle Studie und als Dokument, als Buch, dessen Bilder ich mit Intensität betrachte.
Steht über einem solchen Werk zudem noch der Name „Auschwitz-Birkenau“, so setzt dieser Name eine völlig andere Markierung und er bedeutet einen völlig anderen Horizont und einen Rahmen an Referenzen als „Flohmarkt in Schöneberg“ oder „Potsdam und Umgebung“. Die Gefahr auch, daß ein solcher Name im ubiquitären Gebrauch vernutzt wird. Und zugleich kann solcher Name, der mit dem Entsetzlichen und mit der Hölle verbunden ist, etwas Obszönes in sich tragen: grell, marktschreierisch – was die Photographien von Teller freilich nicht sind. Sie zeigen. In einer Art Dauerschleife. Und damit sind die in gewisser Weise auch eine Form des Andenkens und Erinnerns und auch des Vergegenwärtigens einer Vergangenheit, die gerade heute und im Blick auf gegenwärtigen Antisemitismus von links, rechts und aus dem migrantisch-muslimischen Milieu ganz und gar nicht vergangen ist. Dennoch bleibt immer auch dieser Aspekt des Konsumierbaren.
Und damit sind wir, gerade heute am 27. Januar, zugleich bei dem Thema der Gedenktage: Wenn solches Erinnern an furchtbarste Gewalt, die sich in dem unmöglichen Namen Auschwitz verdichtet, zu einem Ritual gerinnt oder gar als eine Art Ablaßhandel gebraucht wird, so liegt darin etwas Problematisches und dieses Gedenken wird derart dann zu einer „Angelegenheit“, die man in einer Routine abwickelt, einer Kranzabwurfstelle, einem Blumengelage und unweigerlich spielt einer Klezmer-Musik. Zugleich brauchen Gesellschaften aber solche symbolischen Rituale, um sich ihrer selbst zu vergewissern – auch und gerade in den entsetzlichsten Seiten der eigenen Geschichte und um also ein Bewußtsein für genau diese deutsche Geschichte wachzuhalten. Bereits aus diesem rein pragmatischen Grund der Bewußtwerdung, gerade auch für jene, denen diese Zeit vollkommen fern ist, bleibt der Spott und die Kritik, die an solchen Tagen von rechts wie auch von links kommt, unangemessen. (Auch hier muß man sicherlich aufpassen, nicht zu sehr nach einem Prediger zu klingen.)
Tellers Bildband, gerade in dieser erschlagenden Vielzahl von Photographien, hinterläßt mich einerseits ratlos. Eine Überflutung nachgerade. Irgendwie sinnvoll vielleicht für alle, die nie in Auschwitz waren, aber aufgrund der Masse zugleich auch pointless oder in Deutsch geschrieben zwecklos. Aber vielleicht liegt darin eben gerade auch der mimetisch-ästhetische Aspekt solcher Präsentation. Eine erdrückende, erstickende, bewegende Masse an Photographien aus Auschwitz, das hier zugleich auch als eine Art Freilichtmuseum fungiert. Und genau das ist zugleich die krude Realität. Die Photographien zeigen, was ist. Eindeutige Antworten zu geben, ist bei solchen Sujet nicht ganz einfach.
Andererseits bezeugen diese meist menschenlosen Szenen von einem Ort, darin Menschen industriell und mit vollständiger Gleichgültigkeit ums Leben gebracht wurden, in dieser Vielzahl doch etwas: das Vergehen der Zeit, die Reste, die bleiben und wie sich ein Ort des Schreckens zu einem Erinnerungsort transformiert. Teller liefert ein notwendiges, wichtiges und zugleich in vielfacher Hinsicht beklemmendes wie auch kritisierbares Buch.
Das linke Connewitz stand heute, wie ich lesen konnte, stabil gegen die nicht mehr ganz so neue Querfront aus linkem, rechtem und muslimisch-arabischem Antisemitismus – Stichwort Migrantifa. Und das ist gut so!
Da spielen im wilden Mauerberlin-West der frühen 1980er Jahre die „Neonbabies“, eine Wave-Punk-Band, darin Inga mit ihrer älteren Schwester Annette singt und musiziert. Aus dem Rheinland Ende der 1970er nach Berlin gestoßen, dorthin, ins Chaotische, kreativ Gärende verschlagen, wo es schon damals manchen illustre aber auch verlorene Gestalt aus Westdeutschland – und das meint für den Berliner alles, was zur BRD gehört – hinzog. Wo Kunst und Punk sich koppelten. Dichter, Texter, Sänger, Musiker. Die neuen Wilden, Expressivität und Avantgarde. Berlin in Randlage, Kreuzberg von drei Seiten von einer Mauer umgeben.
Die „Neonbabies“ machten Songs, die an der Neuen Deutschen Welle orientiert waren, einprägsamer als der doch raue Berlin-Punk, wie etwa der von PVC, eine der ersten Berliner Punk-Bands. Diese auch am Erfolg ausgerichtete Musik nun wieder brachte ihnen die Verachtung etwa der Einstürzenden Neubauten, wie man Jürgen Teipels Oral History dieser wilden Punk-Wave-Jahre in dem wunderbaren mit vielen Details, mit Tratsch und Klatsch versehenen Buch „Verschwende Deine Jugend“ entnehmen kann. Das war ein ungerechter Vorwurf, aber sicherlich wirkte diese Musik von den Neonbabies „mundgerechter“ als das, was diverse Berliner Avantgarde-Bands musikalisch trieben. Zugleich jedoch sollte man bei dieser Band sehen, daß Frauen in den frühen 1980er Jahren auch in einer eher links sich gerierenden Musikszene keinen leichten Stand hatten. Sie waren meist nur als Groupies vorgesehen oder als Beiwerk, um erlesenen Männerdiskursen über Musik, das Leben und die Kunst still zu lauschen. Kaum aber als eigenständige Musikerinnen. Die „Neonbabies“, der Name bereits weist auf die Wave-Ästhetik, brachten neben einer ersten Version von „Blaue Augen“, jenem späteren Hit von „Ideal“, auch eine großartige Coveversionr von „Jumpin Jack Flash“: treibend, ein Rausch von Berlin, einer dieser kriminellen Ausgehabende in einer neuen Gestalt von Rock, nämlich auf Wave gebürstet. Und diesen neuen Sound zeigten die Neonbabies auch in „Spaß muß sein“. Ein bis heute feiner Song, aus einer lange vergangenen Zeit. Emanzipation war nicht mehr bloß das Klagen, was einem alles vorenthalten wird, sondern es ging ums Machen: Gründe eine Band, sing, spiel Gitarre oder Baß oder trommele!
Was mich an Inga Humpe interessiert, ist weniger ihr gesamter musikalischer Weg, den habe ich bei ihren Bands „Humpe & Humpe“ und bei DÖF nicht wirklich verfolgt und diese Codo-Sauseschritt-Liebemitbring-Phase hat mich so ganz und gar nicht interessiert, sondern vielmehr der Umstand, daß sie und ihre älteres Schwester Annette Anfang der 1980er Jahre in Berlin begriffen, was ging und daß sie sich in diese Wellen warfen und daß beide eine Musik zu genau jener Zeit schufen. Sie ließen sich nicht abbringen – das ist eine ziemliche Leistung.
Lange aber war es nach den 1980ern um Inga Humpe ruhig, nach jenen Wave-Jahren, die dann schnell auch wieder in der Versenkung verschwanden und allenfalls bei sentimentalen Revivals und Klassentreffen zuweilen ausgegraben werden. („Ideal“ und Joachim Witt allerdings und teils auch die frühen Songs von „Trio“, das bleibt in meine Sicht, bis heute bestehen und hat Bedeutung. Das prägte, erzeugte einen Rausch des Augenblicks, besaß Ausdrucksqualität und das heißt also jene Intensität, wo Musik und Lebensgefühl junger Menschen auf eine bestimmte und einmalige Weise zusammenschießen. Davon gibt es nicht viele Phasen im eh kurzen und irgendwie dann doch langen Menschenleben und wenn man 70 geworden ist.)
Dialektik der Zeit, daß Annette Humpe mit „Ideal“ die frühen 1980er prägte und Inga Humpe dann mit „2raumwohnung“ die 2000er Jahre – samt diesem Zeitenwechsel, in den diese Musik fiel und der bis heute uns bewegt, vor allem politisch. (Daß beide Schwestern auch als Produzentinnen wirkten, sei nur am Rande erwähnt.) In den 1990er Jahren fiel mir Inga Humpe nicht weiter auf, was freilich wenig besagen muß, denn meine 1990er Jahren waren sowieso weniger von Musik als von Texten aus Philosophie und Literatur geprägt. Dazu Kino und Theater. Es war die Bernhard-Zeit, es war die Derrida-Zeit, es war die Luhmann-Zeit, es war die Zeit der literarischen Postmoderne. Es war die Celan-Zeit und die Zeit Hölderlins und Kleists. Tief in Texte verweht. Eine Art Zauberreich. Lesen. Nicht schreiben. Brinkmann-Zeit mit Mondlicht und mit Novalisʼ „Fichte-Studien“ und seinen Fragmenten. Und irgendwann waren diese wunderbaren Jahre, diese schöne Zeit des Studierens und Lesens zu ihrem Ende gelangt. Es begann die Zeit der Arbeitswelt: 1999 der Umzug nach Berlin.
Und dann dieser Kairos um 2000 bzw. 2001, daß Inga Humpe zusammen mit Tommi Eckart in ihrer Band „2raumwohnung“ den Sound, den Ton, die Musik für einen bestimmten Zeitgeist und vor allem auch den Song-Text für das Lebensgefühl genau dieser unbeschwerten Jahre traf, dieser letzten Monate im Sommer vorm Herbst im September 2001, dieses Gartenlied, diese besondere Stimmung im Berlin der frühen 2000er Jahre als vieles noch möglich schien. Der Song zu einer neuen Pop- und Clubkultur. Das vielleicht, was man melancholische Unbeschwertheit nennen könnte. (Den szenigen Leuten sicherlich ein Graus, weil Ausverkauf, wie ihnen dünkte.)
Es platzte dieser Song in jene sich ihrem Ende neigende Phase, die letzten Zuckungen anarchischer Unordnung und Wildheit der 1990er der nun endlich ungeteilten Stadt, zu der die vielen Bars, Cafés und Clubs, vor allem aber in Sachen Kunst auch Frank Castorfs Volksbühne gehörte, aber auch die Kunst-Werke Berlin in der Auguststraße. Anything goes. Dazu ein Ostwort als Bandname. Eine Spanne von zehn Jahren, die im Übergang zu jenen Nullerjahren ihr Ende fand, ein Zeitenwechsel, für den dieser Song adäquater und vor allem spielerischer Ausdruck war, aber zugleich doch weiter sich bewegte und einen kreativen neuen Rhythmus ausbildete, der vielleicht noch weitere zehn Jahre in einer Art Schwundform und im Residuum anhalten sollte und dann endgültig verglühte. Als Ende der 1990er, Anfang der 00er Jahre auch die Medien und ebenso die Werbung die Stadt Berlin entdeckten. Das Ende liegt immer im Anfang. Die Volksbühne war etablierte Avantgarde. „Ist das Leben wie ein Spielfilm oder geht’s um igendwas?“ Noch war das alles Spiel. Aber zugleich auch ließ sich aus diesem Song auch eine Art existentielle Langeweile herauslesen:vielleicht auch eine Boomer-Hymne und derer aus der Gen X, die nun erwachsen wurden.
Wie die Zeit vergeht, als dieser wunderbare Song 2001 herauskam. Eines der Stücke aus der ersten LP von 2raumwohnung und das wurde schnell zum Sommerhit der Stadt. Eine Art traurigschönes Liebeslied, vom Sound schon auch melancholisch-verhangen. Auf eine bezaubernde Weise: „Denn das viele An-dich-Denken, das bekommt mir nicht.“ Das ist bald 25 Jahre her. (Wenn ich von meiner Geburt 25 Jahre zurückdenke, schreiben wir das Jahr 1939 – soviel zu den Dimensionen der Zeit.) Das war Sommer in Berlin, das war ein wunderbares und noch deutlich anderes, offenes Berlin.
Populär wurde dieser Garten-Song durch die Karo-Zigarettenwerbung – eine Ostmarke muß man für die jüngeren Leser hinzufügen. Als die Menschen noch rauchten, so auch ich. Wenn ich Geld hatte eine Luky Strike im Mundwinkel (natürlich ohne Filter!) und ein Rieslingglas in der anderen Hand und wenn ich weniger Geld hatte (oder der Wein schlecht war) eine Selbstgedrehte und Bier. Vor allem aber war diese Musik eine Sommerhymne, obgleich in einer der Zeilen auch Schnee vorkommt („es hat seit Tagen nicht geschneit“). Mit dem roten Toyota-Starlet durch eine noch autofreundliche Stadt cruisen, ich erinnere mich sogar noch, 1999 durchs Brandenburger Tor gefahren zu sein. Ausflüge mit dem Toyota ins unentdeckte Oberschweineöde, nach Weißensee, nach Friedrichshagen in diesen seltsamen Osten, in Lichtenberg gab es noch die Nazi-Kieze mit jungen Rechtsextremisten, spazieren zu Heiner Müllers Hochhaus, „Fickzellen mit Fernheizung“, in Friedrichsfelde dicht beim Tierpark. Auch und vor allem Musik prägt Erinnerungen, die sich zuweilen mit einer gewissen Sentimentalität mischen.
Und da waren 2001 beim Flanieren noch die letzten Reste des alten Prenzlauer Bergs, Nähe Kollwitzplatz, Wasserturm, mit der Bar „Anita Wronski“, die die Betreiber, da bin ich mir sehr sicher, nach der Bedienung im Café des Pädagogischen Instituts der Universität Hamburg benannten. Diese schon alte bzw. in unseren Augen alte Frau war ein Unikum, die Frikadellen in der kleinen Mensa waren selbstgemacht. Sie konnte schluffige Pädagogik-Studenten böse anranzen, sie pfiff jene, die ihr Tablett nicht wegbrachten scharf zurecht, sie war nie unfreundlich, aber wen sie nicht mochte, den ließ sie es spüren, und sie konnte zugleich, wenn man sie zu nehmen wußte, liebenswürdig sein. Was Anita Wronski haßte, war studentische Überheblichkeit. Wiede eine dieser Reminiszenzen an eine vergangene Zeit, die sich im Namen eines Cafés bewahrte. Dazu beim Spazieren Anfang der 2000er eine Oranienburger Straße und eine Auguststraße, die noch nicht glattgebügelt waren.
Den roten Toyota parken, aussteigen, flanieren. Weinbergpark. Spazieren an der Spree, trinken im Schleusenkrug. Berlin war zu dieser Zeit noch relativ günstig. Das alte Westberlin war ein wenig out. Die schönen Teile des Osten riß sich schon die neue Berlinjournaille und die Irgendwas-mit-Medien-Generation untern Nagel.
Durch die Kieze streifen und im Sommer 2001 im Ohr diese wunderbare Hymne. Melancholisch, schön, verspielt. Ein wenig verdreht. Irgendwas von Liebe. „Später gehn wir in den Zoo“. „Wie ein Fuchs in einem Zeichentrick“, Versatzstücke und Lebenssound auch, nach der Erwerbsarbeit. „Am nächsten Tag bin ich so müde …“ Es war eine Unbeschwertheit in dieser Musik, aber auch etwas Zweifelndes, und es klang aus diesem Sound im Jahre 2001 und 2002 schon heraus, daß es nicht immer derart weitergehen würde. Party und Leichtigkeit waren ein Spiel auf Zeit. Also lebte man den Moment. Ich weit ab vom Schuß, im ruhigen St. Eglitz, um dafür von dem einen oder der anderen belächelt zu werden in einem doch sehr langweiligen Kiez zu wohnen. Ich wußte sehr wohl damals schon, weshalb es gut war, in die wohlbehütete Altbauregion am Rand zu ziehen. Und ich ließ die Leute und lasse sie bis heute in genau diesem Glauben, daß es hier langweilig und öde ist.
Unvergessen bleiben jene Sommermonate zu dieser halb unbeschwerten, halb melancholischen und doch auch gut tanzbaren Musik, darin sich der Körper wiegt. Doch im September 2001 gab es noch einen weiteren Einschlag, der die Zeit wenden und drehen sollte. Politisch würden wir wohl nie wieder in solchen unbeschwerten Jahren wie den 1990ern und jenem Sommer 2000 und 2001 leben. Wenngleich sich manches Verhängnis im Rückblick bereits abzeichnete.
Sicherlich ist diese Art von Popmusik gut werbekompatibel. Weil in der Tonart weich. Aus Leichtigkeit freilich kann schnell auch Nachlässigkeit werden. Aber in diesem Musikstück paßte alles: die Stimmung, die Melancholie und auch eine gewisse Verunsicherung, von der man sich aber doch nicht verdrießen ließ. Daß ausgerechnet eine Zigarettenmarke sich eine Musik herauspickte, die genau das Lebensgefühl dieser Zeit, in Kombination mit Videobildern, auf den Ton brachte, dürfte von gutem Instinkt zeugen. Zigaretten verkauften damals vor allem Image und Haltung. Berlin war nun auch als Partystadt für breitere Schichten auserkoren. Der Easy-Jet-Tourismus began und leider auch die Mär von „arm, aber sexy“, die sich einige Jahre später als Verhängnis erweisen sollte. Und doch brachte dieser Song neben dem Werbeerfolg für eine Zigarettenmarke vor allem eine Lebenshaltung zum Ausdruck.
Einen ähnlichen Hit schaffte „2raumwohnung“ noch einmal mit „36 Grad“ dann zu den ausgehenden 2000ern und ein echter Hitzesommerhit. All dieses Feiern an der Spree und an den Ufern, gleichsam Tanz auf dem Vulkan und noch einmal durchstarten. Es war die Zeit der Berlin-Hymnen, federführend sicherlich „Seeed“.
Der Song „36 Grad“ traf von Musik und Text immer noch jenes Lebensgefühl in Berlin – und im Grunde auch schon im aufstrebenden Leipzig, das eigentlich das bessere, weil unerkannte Berlin damals war – der Clemens Meyer wußte schon sehr genau, warum er von dort nach Berlin nicht hinwollte. Als sich im Osten die Wessis breitmachten und die Westjournaille und Medienfuzzis samt Kunstleuten sich die besten Wohnungen unter den Nagel rissen, im Bötzow- und im Winskiez; und rund um den Kollwitzplatz war es lange tot, aber es gab eben immer noch all die Seitenstraßen im Prenzlauer Berg. Mit den nun immer mehr und schön sanierten Altbauten.
Es war dieses Lied von jenem Garten und das vom 36-Grad-Sommer zugleich auch ein Abgesang. Es waren jene Mittedreißiger und Anfangvierziger, die immer weiter feiern wollten: die Furcht erwachsen zu werden, ist kein so ganz neues Phänomen. Doch bei aller Nostalgie mancher: Das Berlin der 1990er Jahre war endgültig vorbei und verweht. Und mit der neuen Mediaspree dann in den 2010er Jahren verschwanden die letzten Refugien von Wildwuchs am Ufer, die ich 2013 bei einer Spreerundfahrt noch betrachten durfte: Das alles ist nicht mehr. Musik ist Bewußtsein einer Epoche oder aber einer bestimmten Lebensphase. Sie ist in Ton und Text geronnene Zeit – wie eben jenes „Wir trafen uns in einem Garten“. Jene wunderbaren Jahre einmal wieder.