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Käthe Knobloch. Bitte mit o.

Vom Erbarmen, manchmal ein Mausmeer zu umarmen

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Es gibt Orte, deren Namen bereits beim ersten Wahrnehmen vertraut sind. Orte, die man innigst zu kennen meint und die dennoch Abenteuer verheißen. Diese meine Orte sind oft mit Wasser verbunden. Die Bache, so klang mit langgezogenem a die erste Verlockung. Der Fluß meiner Kindheit. Von dem radelte ich alsbald zum Assuan. Welch eine Verheißung und Ferne in diesem Namen schwappte! Er war nur ein Fischteich, kaum einen Kilometer entfernt! Für ein glückliches Sommersprossenkind doch die ganze Welt. Weiter radelte ich zum Amerika. Zeitchen später brachte mich mein Moped schneller hin. Mit der Motorisierung folgten andere Badestellen: Kaolin, Rubelbad, der bis heute innig geliebte Steinbruch mit der Ja!Wand oder der Inselsee. Alle innere Heimat einer prägenden Zeit.

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Diesen Refugien blieb ich treu, fand stille Seen und tiefe Brüche in allen weiteren Heimaten. Und Flüsse. Der Weisse Schöps, dieser sanfte Bach spiegelte forthin unzählige Tränen und salzte sie aus. Und Augen und Herz flossen weiter bis hin zu Main und Rhein und zwischendrin wogten alle erlebten Wellen. Die an der Elbe gebändigten, die am Kocher unterdrückten und jene, die an der Jagst sich derbe erbrachen. Am Neckar gab es triumphales Wellengeritt und dann wieder die stille Einkehr an irgendeinem Seerosentümpel mitten im Land. Nächtliche Glühwurmtänze an der Bega und wohlgemuthes Beenebaumeln an der Salze. Der Morgendunst auf der dämmernden Weser.

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Und natürlich die wogenden Gezeiten manchen Meeres, noch im Rückblick danke ich mit steigendem Augenwasser der Gunst dieser Urgewalt. Meine Unvernunft scheint unentschuldbar und ist doch mit allen Wassern gewaschen worden. Rein bin ich noch lange nicht. Aber im Reinen mit meinen Verheißungen. Mit dem Alter wird die Welt kleiner, so heißt es. Aber das glaube ich nicht. Wir probieren fremde Wasser, testen unsere ureigenen Deltas aus und landen schlußendlich doch am eigenen Gestade. Ein Mausmeer vielleicht. Schon so oft vorbeigefahren, nicht zur Kenntnis genommen. Dann ein altes Buch, eine Recherche. Und ein Umriss eines begradigten Rheinarmes. Warum nicht? Wir fahren hin und entdecken einen Ort, der uns wahrlich vertraut scheint.

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Was that a witch?

 

Samstagnachmittag, das Tagewerk ist glücklich geschafft, die Wintersonne blinzelt mir Rheinwassersehnsucht in die wintermüden Pupillen. Zu Fuß erscheint mir der Strom heute zu weit entfernt und das Velo… brrrhhh, nein, auch das bleibt stehen. Das alte Automobil muß ohnehin mal wieder frostfrei bewegt werden! Also gewande ich mich in meine warmen Unterröcke und Wintergewänder und transporte in Richtung Historische Schiffsmühle am Altvater Rhein. Wie gut, dass ich das Autochen nahm, denke ich juchzend beim Anblick der angeschwemmten natürlichen Bückware auf den trocken liegenden Ufersteinen! Sammelholz en masse! Eigentlich wollte ich nur am Wasser laufen, aber nun heißt die Devise: Klettern!

Sogleich springe ich über Stock und Steine, steinbocke mich kwasi die befestigte Schräge rauf und runter und freue mich urst über die ungewohnten Fußgänge. Ein Kinderlied klingt dazu im Ohr. Zum Glück taugen die Winterstiefelchen auch pseudoalpinen Bedingungen, ich habe festen Halt darin. Wieder und wieder balanciere ich meine holzige Beute zum Automobil, die schönen Äste sind wassergeschmeidig geschliffen, einige fast zu schade für den feurigen Verbrauch. Die werden vielleicht florale Botschaftsträger. Oder Holzbienenhäuser. Weder Axt noch Säge habe ich dabei, seufzend lasse ich zu große Stücke links und rechts liegen.

Bei einem Aufstieg steht plötzlich ein junges Paar im Wege. Rückseitig mir zugewandt rauchen beide selig und weltvergessen. Ich pardonisiere freundlich und sie stieben auseinander, dem Burschen fällt die Sportzigarette aus den Händen und rollt mir zu Füßen. Aufschauend bitte ich um Durchgang und biete an, das Zaubertütchen aufzunehmen. Gerne, stammelt er und schaut recht fassungslos meinem fünfundvierziggradigem Aufstieg zu. Mit einem herzlichen Bitteschön überreiche ich ihm sein geistnebliches Eigentum und gehe viel Spaß wünschend weiter. Meine holzige Last hatte ich die ganze Zeit geschultert.

Des Mädchens Fassungslosigkeit kullerte wohl aus ihren Augen über die Lippen hinaus, ein Wispern nur folgte mir: „Was that a witch?“

 

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Frieden, den ich meine

Es ist Winter geworden im Zweistromland. Die Flusspegel sind zum Seufzen niedrig, seit Wochen fiel kein segensreicher Regen. Nun ein wenig Schnee und Eiseskälte. Mein inneres Winterkind jubiliert und triumphiert kurzzeitig über das Hadern an den derzeitigen Weltenlenkern. Weltenhenker könnte man sie auch benennen. Mein Winterkind gibt mir einen Schneeflockenkuss auf die Nasenspitze und lockt mich hinaus. Ich bastele begeistert eisfreie Vogeltränken aus einem uralten Zwiebeltopf oder einem bemerkenswert hässlichen Adventskranzfabrikat. Freue mich murmeligkringelig, daß die Vögelchen sie akzeptieren. Futter liegt ohnehin mehrfach aus.

Die eisige Kälte kriecht durch die molligen Schuhe und macht mir Wangenröte. Ich denke an das Rotwangenwintereismädchen, das ich einst war und prompt ruft der große Bruder an, um mir von seinem Winter zu erzählen. Wärme durchflutet mich, im Zuhause haben wir uns es wonniglich gemacht. Ein ruhiges und erholsames Weihnachten und ein friedvoller Jahreswechsel begleitete uns. Möge der eigene innere Frieden anhalten, das wünsche ich auch allen Silbenballerinen und Wortgesellen.

Was man schaffen kann

Es ist ein Anblick, der Freude, Begeisterung und Stolz zu diesem einen besonderen Gefühl zusammenfügt: Ehrliche harte Arbeit in Verbundenheit mit phantasievoller Kompetenz. Das habe ich getan. Dieses kleine Stückchen Land habe ich so erschaffen. Und es jemandem geschenkt, der dieses Wissen nicht besaß. Der aber gerne Ratschläge annahm und sich vor allem nicht zu schade war, Kopf und Knie zu beugen vor den kleinen Wundern der Welt. Wir arbeiten gemeinsam weiter und erst ein höchst willkommener Regenguss treibt uns unter ein schützendes Hausdach. Kannste Dir das Angießen sparen. So lautet mein Abschiedsgruß für diesen Abend an die angehende Gärtnerin und glücklich fahre ich nach Hause.

Zugehaust wurden meine Heimaten immer erst, nachdem sie mich in die Freiheit entließen. Frei zu sein, bedeutet ein Bleiben in den eigenen Sinnen. Konnte ich das spüren, war ich für ein Zeitchen zuhause. Schlief gut in der Hängematte unterm roten Ahorn, hortete den wenigen Besitz in gestapelten Pappkartons. Oder fuhr in diversen Automobilen durch das wunderschöne Land, um morgens die Nebel steigen zu sehen. So schlief ich an diversen Seen, an der Isar, am Neckar, an der Elbe soundso. An der Nagold, an der Jagst, am Kocher und immer wieder am Kindheitsstrom der Erinnerung. Weißer Schöps. Der immer kleiner wurde im Laufe der Zeit. Verfloss. Verblasste. Mein Schlaf war seit jeher traumatös.

Zuhause. Albträume habe ich noch immer bisweilen. Aber sie schrecken mich nicht. Vielleicht, weil ich im Zweistromland meine derzeitige Heimat fand. Eher, weil Du mich gefunden hast. Du schliefst mit mir in einem Blumenladen. Die Nacht an einem Havelknie ist mir zutiefst heimatlich eingebunden. Wir schliefen in der Neiße und in der Elbe. Natürlich nur in Behausungen mittendrin. Nun sind wir zwostromig behaust und haben gemeinsam alte Schrecken gebannt. Auch die vom Weißen Schöps. Vielleicht viel mehr, als wir ahnen. Das Haus, der Garten, die viele harte Arbeit. Gern gebe ich einen Teil dieses Schatzes weiter. 5 Gärten habe ich in diesem Jahr geplant und mit den Besitzern realisiert. Hier im Zweistromland. Ich schlage langsam Wurzeln. Und fühle mich wohl.

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Wer `ne Meise hat, hat nicht nur einen Vogel

Das Piepsen im Nistkasten war stetig lauter geworden, melodischer zugleich. Die einfachen HierHierHier-Rufe wandelten sich in eine Art Sprache, von den Meiseneltern vorgezwitschert. Und auch wir profitierten von den ständigen Wiederholungen. Unsere ohnehin verlangsamten Bewegungen im Garten erfuhren bisweilen fraulotsche Erstarrungen, wenn Herr Meiserich seine Brut schrill bepfiff. Für einen Moment schien tatsächlich die Zeit mit uns still zu stehen. Erst ein vergnügtes Isjagut-Trillern ließ uns ausathmen und unbesorgt weitergehen. Aus dem Nistkasten erklangen weitere Hungerarien. Nach und nach auch für Menschenohren als mehrstimmig zu erkennen.

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Auch das verschiedene Angehen der Fütterung verblüffte uns bei längerer Beobachtung. Frau Meiserine flog ohne Umwege an. Emsig, schnabelvoll mit Gewürm, Räupchen und Gelaus direkt in den Nistkasten. Die von uns vorsorglich angebotenen Mehlwürmer und Fliegenlarven ignorierte sie vollkommen. Herr Meiserich probierte überall sein und seines Nachwuchses Glück, fand aber unsere Trockenware auch unappetitlich. Sein Fütterungsanflug war ein einziges Täuschen und Tarnen. Ebenso Wachen und Warnen. Unsere Meisenassimilation vollzog sich rasch: Vorerst keine Ungezieferbekämpfung im Garten, selbst das Teebaumöl blieb im Schrank. Wenn man erstmal mehr als eine Meise hat…

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Vorgestern saßen wir zur Abendämmerung noch staunend in unserem Meisenkino. Etliche Minuten kleinen Glücks. Geschenke, die man sich nicht wünschen kann. Und gestern fiel der große Vorhang zum Meisenkinoknaller: Vormittags schon ein Fiepen außerhalb, die Meiserichs flogen wilde Bögen und derlei Töne mußten wir erst neu einordnen. Dabei erneut zur Salzsäule erstarren und nur im stillen Stehen: Sehen und Verstehen. Das war das Schönste von diesem Tag. Mögen wir es uns behalten. Staunen alleine reicht manchmal nicht.

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Heute vermissten wir schon in der Morgendämmerung das Gefiepe aus dem Nistkasten. Ungewohnte Stille lag über dem Garten. Scheinbar nur. Unsere Sehnsucht dämpfte alle anderen Maiengeräusche mit Melancholie. Bis die gesamte Meisenfamilie in unseren Garten einfiel und lautstark auf sich aufmerksam machte…

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