In seinem vierten Roman »Durch das Raue zu den Sternen« erzählt der 1982 geborene Autor Christopher Kloeble von einem eigensinnigen Mädchen, dem Mikrokosmos Knabenchor, Beethoven und nicht zuletzt von seiner eigenen Vergangenheit.

Kloeble selbst war von 1988 bis 1994 Mitglied im berühmten Tölzer Knabenchor und erhob später den Vorwurf der seelischen Misshandlung gegen dessen Gründer und langjährigen Leiter. Dieser wird ebenso wie der Chor selbst und andere zentrale Figuren im Roman nicht namentlich erwähnt, aber die Parallelen sind mehr als offensichtlich. Wer genau liest, wird in einer Szene sicher auch den jungen Christopher Kloeble entdecken.
Aber das nur am Rande, denn die Hauptfigur des Romans ist – ungewöhnlich für ein Buch, in dem ein Knabenchor eine zentrale Rolle spielt – ein Mädchen. Die 13 Jahre alte Arkadia Fink, genannt »Moll«, verfügt nicht nur über ein großes Gesangstalent, sondern auch über ein entsprechendes Selbstbewusstsein:
Ich werde eines Tages zu den überragenden Persönlichkeiten der Musikgeschichte zählen.
Mit ihrer altklugen, oft wenig sensiblen Art kommt sie in ihrem kleinen Dorf im Oberland nicht unbedingt gut an. Nicht in der Schule bei Lehrern und Klassenkameraden, aber auch nicht immer bei ihrem Vater, einem eher praktisch als musikalisch veranlagtem Schreiner, der »Liebe mit den Händen ausdrückt«.
Eine Verbündete hat sie in der ehemaligen Musiklehrerin Bernhardina, die in einem Altenheim lebt, und vor allem in ihrer Mutter, einer exzentrischen, mäßig erfolgreichen »Tondichterin«, die überzeugt ist, dass Beethoven eine Frau war.
Dummerweise ist die Mutter vor beinahe einem Jahr »kurz weggegangen«, weshalb »Moll« einen Plan fasst, um sie zurückzuholen. Sie möchte unbedingt in den berühmten Knabenchor aufgenommen werden und eine Rolle als Edelknabe im »Tannhäuser« übernehmen – den Besuch bei dieser grandiosen Aufführung kann sich die Mutter schließlich unter keinen Umständen entgehen lassen…
Ein Hauch von magischem Realismus
Mit seinen schrulligen Figuren, dem melancholischen Humor, seinem leichten Hang zum magischen Realismus und seiner in den frühen 1990ern angesiedelten Handlung erinnert »Durch das Raue zu den Sternen« ein wenig an Mariana Lekys »Was man von hier aus sehen kann«. Das ist die eine Stärke des sprachlich gelungenen Romans.
Die andere ist die aus persönlichen Erfahrungen gespeiste, großartige Beschreibung des Mikrokosmos Knabenchor. Eine eigene Welt, in der auf der einen Seite Zusammenhalt, die Schönheit der Musik und gemeinsame Erlebnisse eine zentrale Rolle spielen, die auf der anderen Seite aber auch aus pubertären Streichen, Demütigungen und einer Atmosphäre von Angst und Drill besteht. Der Romantitel bzw. die lateinische Entsprechung »per aspera ad astra« darf durchaus wörtlich genommen werden. Das mit Arkadia Fink ein Mädchen in diese ihr eigentlich verschlossene Welt eindringt, verleiht der Handlung eine zusätzliche Dimension.
Etwas schwächer ausgefallen ist die Beantwortung der Frage nach dem Verbleib der Mutter. Obwohl es gegen Ende eine durchaus überraschende und dramatische Wendung gibt, ist schon lange vorher klar, dass sie nicht nur einmal »kurz weggegangen« ist.
Tröstlich und hoffnungsvoll ist der Schluss dieses lesenswerten, musikalischen Romans aber allemal.
- Christopher Kloeble: Durch das Raue zu den Sternen; Klett-Cotta, 240 Seiten, 24 Euro.








