…was ich nicht habe
Als chronischer Schmerzpatient ist man es ja gewohnt Schmerzen zu haben. Nur wenn dann mal was anderes weh tut, als sonst fragt man sich ja: „Was ist denn das schon wieder?“ Das rechte Bein. Nach den Venen hat man geschaut (eventuell im Winter die 2 Stammvenen im Oberschenkel ziehen lassen) und beim Orthopäden war ich (Ihre Hüften sind in Ordnung, das kommt vom kaputten Rücken, das auch manches mal schmerzende Knie wurde gleich dem Rücken angehängt). Letzten Dienstag waren die Schmerzen dann von der Leiste zum Knie heftig. Zusätzliche Schmerzmittel für die Katz. Den ganzen Mittwoch Vormittag versucht beim Schmerzarzt anzurufen. Piep-piep-peip, Piep-piep-peip, Piep-piep-peip… Kurz nach Elf, endlich klingelt es durch. Jedoch geht der AB ran. „Von Acht bis Elf sind wir zu erreichen!“ Am nächsten Morgen trotz der Schmerzen auf den Großmarkt. Danach, dann aber zum Hausarzt. „Der Rücken!“ und versucht den Schmerzarzt zu erreichen und kommt aufs erste Mal durch. Notfalltermin nachmittags. Nach kurzem Warten komme ich dran. „Nein, nicht der Rücken! Man darf nicht alles auf den Rücken schieben, es kann auch mal etwas anderes sein.“ Es könnte eventuell ein Leistenbruch sein, meint er und schickt mich zum Chirurgen weiter. Da es bei dem eh keinen Parkplatz gibt, humple ich dahin. Die Warteschlange endet im Treppenhaus des Ärztehauses. Nach ca. 30 Minuten komme ich an der Rezeption dran und schildere mein Anliegen. „Der Arzt muss gleich weg, ich frag mal nach.“ Sie verschwindet in einem Sprechzimmer und kommt etwas später mit der Nachricht, dass wenn ich jetzt gerade auch Schmerzen habe, solle ich ins Krankenhaus hoch. Chirurgische Notfallambulanz. Zurück zum beim Steuerberater geparkten Auto und durch dichten Verkehr (Stau auf der am Städtle vorbeilaufenden Autobahn) ins Krankenhaus. Sehr, sehr großes Glück, dass dort fast niemand ist. Und noch viel größeres Glück, dass dort ein Arzt Dienst hat, der sich sehr bemüht. Ca. 30 Minuten Ultraschall und dann seine ernüchternde Aussage: „Ich kann ihnen nur sagen was sie nicht haben.“ Kein Leistenbruch. Ein etwas vergrößerter Lymphknoten in der Leiste, der aber bestimmt nicht diese Schmerzen bereiten kann. Man merkt dem Doc an, dass er damit auch nicht zufrieden ist. Falls es schlimmer wird solle ich wiederkommen.
Manches mal ist es schlimmer. Ich kann aber nicht weg. Also, ich denke ich kann nicht weg. Wegen dem Geschäft. Was früher zu sechst geschafft wurde, soll nun zu dritt gehen. Dass das nicht geht ist sowas von logisch, aber…
Sportlicher Sonntag
Frag ich mich doch am Sonntag Abend: Wieso tut mir denn mein rechtes Knie weh? Nach ein bisschen überlegen ist mir klar warum. Acht mal zur Waschküche runter und natürlich auch wieder rauf. Zwei Stockwerke sind das. Dazwischen eine superschöne Gassirunde mit Coco. Rund neun Kilometer am Flüsschen Würm entlang.

Da darf das Knie ein bisschen weh tun.
Aufregen, aber was bringt’s
Schon sehr lange habe ich nichts mehr von mir hören lassen. Es hat sich auch nichts grundsätzliches geändert. Kurz gesagt: Ich jammere weiter rum, hab aber immer noch nicht den Mut etwas entscheidendes zu ändern. Irgendwie hänge ich zu sehr an dem, in das ich die letzten 30 Jahre mein ganzes Herzblut gesteckt habe. In meine Familie – was eher ganz normal ist – und in das Geschäft, welches zu der Familie dazugehört weil es drumherum, tagesbestimmend und letztendlich einzige Geldquelle ist.
Der Senior, der mich noch nie leiden konnte, ist mittlerweile dement. „Halt deine große Gosch!“ das einzige was ich von ihm höre, wenn er mich sieht und wie vor Wochen meine ganzen Beeren abgepflückt hat. Naja, was soll ich da machen. Unterstützung bekomme ich von seinem Sohn keine. Der meint ja auch, dass ich ihm (dem Alten) nur Böses wünsche. Aus der Wohnung des Alten kommt ein furchtbarer Gestank. Geputzt wurde da schon lange nicht mehr. Die Schwägerin meint, dass es nicht so schlimm wäre wie ich es behaupte. Auch da, was soll’s? Aufregen bringt nichts, doch auch wenn ich mich dagegen wehre, tue ich es trotzdem.
Schon lange sind wir im Geschäft personell unterbesetzt. Dann hat auch noch die Vollzeitkraft gekündigt und so ist alles noch viel dramatischer.
Mein Rücken schmerzt. Die Psyche auch.
Valentinstag
Mal wieder ist es soweit. Der erste „Blumenfeiertag“ des Jahres steht an. Valentinstag, 14. Februar. Wie viele Jahre sage ich mir schon: das ist mein letzter. Und nun bin ich wieder mitten drin. Vor zwei Wochen schon die ersten Order wegen der FairTrade-Rosen. Herzchen-Accessoires, Vasen usw. gekauft. Plakate aufgehängt, Anzeige geschaltet, Homepage, Facebook und MyBusiness aktualisiert. Mittwoch Nachmittag ist normal zu. Am Valentinstag geht das natürlich nicht.
Ich hasse diese „Blumenfeiertage“. Jeder meint wir würden uns an diesen Tagen eine goldene Nase verdienen. Goldene Nasen oder was auch immer gab es in der Branche noch nie. Der normalen Aufschlagsatz ist bei den horrenden Einkaufspreisen nicht durchsetzbar. Die Ware muss genau überprüft werden um nicht Lagerware, welche ewig in Kühlhäusern hin gehoben wurde, zu erwischen und überhaupt: Was und wie Viel kauft man ein für einen Valentinstag an Aschermittwoch.
Warum machst du das dann? Werde ich immer wieder gefragt. Wieso folgst du nicht den Empfehlungen die du schon ewig bekommst?
Ich weiß es nicht!
2018…
… hat zwar schon 17 Tage auf dem Buckel, aber erst heute komme ich dazu mich zu melden. Es gibt mich noch. Mit all dem was mich ausmacht. Positiv wie negativ. Ich bin so wie ich bin, auch wenn ich oft mit mir hadere. Aber aus der eigenen Haut zu entfliehen will mir einfach nicht gelingen. Vielleicht bricht es mir das Genick.
Sie müssen lernen zu entspannen, sagt der Orthopäde und auch der Schmerzarzt. Wie soll das gelingen mit all den Ängsten? Und auch die Schmerzen sind da. Sowie auch die vielen Nebenwirkungen der Tabletten. Hilfe soll ich suchen bei einem Psychologen. Einfacher gesagt als getan. All zu großes Engagement hat man als niedergeschlagener Mensch ja auch nicht.
Und so geht es 2018 weiter so wie schon seit Jahren.
Ventil
Ich bin fest davon überzeugt dass ein großer Teil meiner Schmerzen die Reaktion meines Körpers auf die Seelenschmerzen sind. Mein Schmerzarzt sieht das auch so. Natürlich ist der Rücken kaputt und schmerzt. Aber die ganzen Verspannungen kommen nur teilweise von der verschobenen Statik der Wirbelsäule. Die für mich so aussichtslose Lage sorgt dafür, dass sich alles verspannt. Und es kommt immer noch Neues dazu. Beim letzten Besuch des Schmerzarztes erzählte ich ihm von teilweise wirren und chaotischen Träumen, welche mich dann den ganzen Tag beschäftigen. Heute Nacht war es auch wieder so ein komischer Traum. Ich darin als der absolute Loser. Schulnote – 9! Diese – 9 fliegt mir jetzt den ganzen Tag im Kopf rum. Wenn ich dann aufwache, gelingt mir es oft nicht gleich fest zu stellen ob ich nun noch träume oder tatsächlich wach bin. Ich rede dann mit mir, das hilft ein bisschen. Das Ganze macht mich total kirre.“Das machen die Opiate. Wir müssen versuchen diese zu reduzieren.“ sagt der Scherzdoc. Das versuche ich. Nachts nur 10 anstatt 20 mg. Aber es funktioniert nicht. Ich wache an den Entzugserscheinungen auf und kann nicht wieder einschlafen. Oder ich muss eben an zwei Tagen in der Woche mit auf den Großmarkt. Entzug ist krass. Es geht einem beschissen! Es fühlt sich an wie ein tonnenschwerer Eisklotz auf der Brust. Ich habe größte Mühe mich zu konzentrieren, darf mir ja aber keine Fehler erlauben. Wenn ich etwas vergesse oder falsch einkaufe, hat das Folgen. Nicht nur für mich, auch für unsere Mitarbeiterinnen und nicht zuletzt für die Kunden. Und weder die Einen noch die Anderen können das verstehen. Man sieht mir meine Krankheit(n) ja nicht an. Gut, ich gehe manches mal etwas „unrund“, aber sonst…: ich habe weder einen Gips am kaputten Rücken, noch einen Verband um den verballerten Kopf. Und um die schmerzenden Gelenke hab ich auch nichts.
So schlimm wie heute Morgen war es seither noch nie. Immer noch die „- 9“. Dann der interne Anruf, dass ich eine Kranzschleife falsch gedruckt habe. Konnte es reparieren. Jetzt gerade, 5 Stunden danach: „Reiß dich halt mal zusammen!“
Es ist so anstrengend. Und ich bin so müde.
Auf dieser Welt?
Nicht nur heute muss ich mich fragen ob ich hier richtig bin. Auf einer Welt die mir immer mehr Angst macht. Ich glaube, dass ich ein relativ netter Mensch bin. Bemüht zu allen freundlich zu sein. Erzogen auch dazu. Und ich glaube auch ein empatischer Mensch zu sein. Das was ich aber fühle, ist immer mehr Kälte. Freundschaften vertragen nicht, wenn man immer freundlich und verständlich war und jetzt auf einmal von Depressionen erzählt. So geschehen beim letzten Treffen; mit Freundinnen? Es wurde nicht mal das Thema gewechselt, sondern über einen jungen Mann mit schweren Depressionen geredet.
Ich habe mich in dem Moment wie nicht sichtbar gefühlt. Da sitzt eine „Freudin“ und spricht über ein immer noch Tabuthema und man reagiert in deren Anwesenheit so.
Ich erwarte wohl zu viel. Oder ist das einfach nur viel ehrlicher als ich es bin? Sind die sind halt nicht nett, weil es so sein soll? Reagieren sie so, weil sie meinen Schei.. gar nicht wissen möchten? Es hat ja jeder sein Päckchen zu tragen und wenn man sich ein bisschen zusammenreißt geht das schon. Oder wie letzthin eine andere „Freundin“ sagte: „Depressionen? Das hast du jetzt auch noch!“
Mit dem Schei.. ist man letztendlich eben doch alleine.
Die Mutter der Braut
Lange – viel zu lange – gab es nichts mehr zu lesen von mir. So richtig was Neues, wenn es um mich geht, gibt es nicht. Noch immer eiere ich zwischen dem alltäglichen Wahnsinn, meinen Schmerzen und depressiven Phasen umher. Chancen, die sich mir auftaten, aus Angst meinen liebsten Menschen um mich herum weh zu tun, nicht nutzend. Ratschlägen der Menschen, die sich medizinisch um mich kümmern, nicht folgend, weil es so ein langer Rattenachwanz ist der an dem hängt was ich tue. Hauptsächlich aber um das Fest, welches ansteht nicht zu „versauen“.
Die zweitgeborene Tochter heiratet demnächst. Seit Monaten das Thema. Planen, Vorbereiten, darauf hin fiebern. Sie hat ihre Vorstellungen wie es werden soll und das ist ja auch gut so. Da natürlich die blumige Deko aus eigenem Hause kommen wird, wird das noch anstrengend bis dahin. Es muss ja alles kurz vor knapp passieren. Durchgeplant ist es.
Leider blieb mir in den vergangenen Wochen nie Zeit um einmal durchzuschnaufen. Das ganze Jahr schon laufe ich auf Hochtouren. Mein Aufgabenfeld „Büro“ so oft vernachlässigt. Klemmt es im Blumengeschäft bin ich da, klemmt es in der Gärtnerei bin ich dort. Die freie Teilzeitstelle im Laden kann mangels Bewerberinnen nicht besetzt werden und den Senior kann man beim besten Willen nicht mehr in den Gewächshäusern mitschaffen lassen, obwohl er immer noch meint ohne ihn geht es nicht. Überhaupt nicht einfach mit einem, der schon immer nicht eben einfach war.
Trotz allem hoffe ich auf ein schönes Fest in 1 1/2 Wochen. Für meine geliebte Tochter und ein klein wenig auch für mich.
Doppelmoral
Erzählt mir doch letztens eine Gassifreundin, dass sie von drei „Nachbarn“ in unserer Straße wegen ihrem Hund angesprochen wurde. Die Frau des führenden Mitarbeiters eines in der Nähe ansässigen Sportwagenbauers rief ihr ohne zu sehen was Hundi gerade macht zu „Das ist kein Hundeklo“. Sie schnüffelte auf der Straße an einem plattgefahrenen Kaugummi. Drei Tage nachdem ich davon gehört hatte traf ich Familie Sportwageningenieur beim Spaziergang. Mama, Papa, Kind im Buggy. „Schau mal, was für ein schöner Hund.“ den schwanzwedelnden Coco betrachtend. „Sie guckt so gerne Hunde an“. Coco, denn ich wie immer bei Fussgängerbegegnungen kurz an der Leine führe möchte schnüffeln. „Oh Nein! Nicht so Nahe ranlassen.“ Ein guter Meter ist noch zwischen Hund und Buggy. Ich häng mich in die Leine, bleib stehen bis sie weit genug weg sind um dann ganz langsam zu folgen. Das Mädel verrengt sich schier den Hals beim nach hinten schauen. Etliche hundert Meter weiter stehen zwei Kleinwagen auf dem Feldweg die da nicht hingehören. Mal wieder junge Leute, die sich dort treffen um… was auch immer. Um die Autos rum Abfall. Dieses Mal war man wohl bei Burger King. Die Sportwagenfamilie läuft daran vorbei wie wenn sie es nicht sehen würde. Genau so wie vor Wochen deren Nachbarn von Gegenüber. Ich kann das nicht ignorieren. So wie damals schon, bitte ich die jungen Leute doch ihren Müll mitzunehmen. Wieder musste ich mir anhören, dass sie es doch gar nicht waren und mich das ja gar nichts anginge. Erst als ich beim weitergehen das Smartphone aus der Tasche nehme um mir das Autokennzeichen zu notieren, scheinen sie mich ernst zu nehmen und verlassen kurz darauf mit deutlich zu hoher Geschwindigkeit für einen landwirtschaftlichen Wirtschaftsweg den Ort des Geschehens.
